Girolamo Savonarola, Auslegung des Psalms 51 – Miserere (1498) mit Martin Luthers Vorwort: „Gib mir zurück, was du mir um meiner Sünden willen entzogst, gib mir zurück, was ich aus meiner Schuld verlor, gib mir alles zurück um der Verdienste jenes willen, der immer zu deiner Rechten steht und für mich bittet, auf dass ich durch ihn inne werde, du seiest mir wieder gut.“

Auslegung des Psalms 51 – Miserere

Von Girolamo Savonarola

Savonarola genoß in seinem Kerker, nachdem die peinlichen Verhöre durch den hierzu eingesetzten Gerichtshof beendet waren, in der Zwischenzeit bis zur Ankunft der päpstlichen Kommissare (25. April — 20. Mai 1498) ver­hältnismäßige Ruhe. Mit den Füßen an den Block gespannt, die Hände in schwere Ketten gezwängt, auf den Boden hingestreckt, der ganze Leib von den eben bestandenen furchtbaren Folterqualen ein einziges Wehtum, ging er im Angesichte dessen, vor welchem die Engel nicht bestehen, mit sich selbst ins Gericht und fand manche Schuld. Er erschrak beim Gedanken an die Größe und Kühnheit der Entwürfe, mit welchen er sich noch vor kurzem getragen hatte, und verhehlte sich nicht, daß er den Versuchungen der Eitel­keit, der Ruhmsucht und des Stolzes inmitten der außerordentlichen Erfolge seiner Predigt nur zu oft unterlegen sei. Zerknirscht gedachte er all der See­len, welchen er vielleicht zum Ärgernisse gereicht hatte; er klagte sich an, in der harten Arbeit am florentinischen Gemeinwesen die unablässige Sorge um das eigene Seelenheil nicht immer genügend im Auge behalten zu haben. Furcht und Hoffnung, Vertrauen auf Gott und Verzweiflung rangen in ihm um den Sieg. Gewohnt, in allen Lebenslagen, in heiteren und ernsten, leich­ten wie schweren Stunden in der hl. Schrift Trost und Erbauung zu suchen, versenkte er sich in Betrachtungen über den Ps. 50 (51) Miserere, welche er mit zitternder, durch die Folter zerschundener Hand sofort zu Papier brachte; und als er am 8. Mai damit zu Ende war, begann er mit dem Ps. 30: In te, Domine, speravi. Kaum hatte er die drei ersten Verse dieses Psalms erledigt, als ihm der Henker nach dem Eintreffen der päpstlichen Kommissare Papier und Feder aus der Hand riß (20. Mai), um ihn vor den Richterstuhl Romolins zu schleppen, welcher ihn neuen Verhören unterwarf und sich mit seiner schonungslosen Folterung besondere Verdienste in den Augen der florentinischen Signorie wie namentlich des Papstes zu erwerben bestrebte.

Der getreue Ausdruck der Stimmung ihres Verfassers in einsamer Kerker­haft vor seiner Hinrichtung, gewähren uns die beiden Auslegungen, beson­ders die abgeschlossene des Miserere, ergreifende Einblicke in das Seelenleben des Frate während der schwersten Zeit seines Lebens. Seine gänzliche Ver­lassenheit, namentlich der Abfall aller seiner Mitbrüder von S. Marco und selbst seiner liebsten Freunde ging ihm offenbar sehr zu Herzen. Hart be­drückte es ihn, daß er sich bei den peinlichen Verhören, von unmenschlichen Qualen überwältigt, Aussagen und Geständnisse hatte erpressen lassen, die nunmehr sein Gewissen belasteten. Aber wenn selbst Petrus, der doch einst mit dem Herrn in seliger Vertraulichkeit von Angesicht zu Angesicht um­ging, auf den bloßen Zuruf einer elenden Magd hin ohne alle Folter seinen Erlöser verleugnete, so könne es niemanden Wunder nehmen, wenn ein ge­wöhnlicher, gebrechlicher, schwacher Mensch wie er, der Frate, der Folter nicht habe standhalten können. Eine Zeitlang glaubte er noch hoffen zu dür­fen, er werde die Freiheit wieder erlangen und auf die Kanzel zurückkehren, um den Gläubigen aller Berufsstände Gottes Wege zu verkünden. Aber bald erkannte er die Unabwendbarkeit seines Todes und stärkte sich selbst mit dem Sterbegebete, welches die Kirche durch ihre Priester am Lager der Schei­denden verrichten läßt1. Tief bewegte ihn auch jetzt noch der trostlose Zu­stand der entarteten Kirche; in Wendungen und Ausdrücken, welche wört­lich an seinen Jugendsang vom Verderben der Kirche anklangen, beweinte er den Mangel an Predigern, Ordensleuten und Märtyrern, wie sie einst der Stolz und Schmuck der alten Kirche gewesen waren, und schloß so den Kreis­lauf seines Lebens. Was schon den Studenten der Medizin aufs mächtigste beschäftigt, ja zur Flucht aus dem Elternhause und zum Eintritte ins Kloster gedrängt hatte, das erbarmenswürdige Elend der Kirche, das bildete in un­geminderter Stärke noch die letzte Sorge des todgeweihten Mannes, der dem Herrn sein Leben als Opfergabe für die Rettung der Braut Christi aus uner­träglicher Schmach anbot.

Da sich der Frate in seinen beiden letzten Psalmenauslegungen selbst als Sün­der bekannte, der schwer gefehlt, ja Himmel und Erde Ärgernis gegeben habe, so konnte es nicht ausbleiben, daß man später in solchen und ähnlichen Selbstbeschuldigungen einen reuevollen Widerruf seines früheren Beneh­mens namentlich gegenüber dem Papste und dem Kirchenbanne erblickte. Allein schon Lorenz Violi, der einst seine Predigten nachgeschrieben hatte, bemerkte, das sei nur ein allgemeines Sündenbekenntnis, wie es auch die Heiligen abgelegt haben, und wir sahen ja schon, von einem Widerrufe ist in diesen Psalmen so wenig die Rede, daß ihr Verfasser gerade die von ihm unter dem unwiderstehlichen Zwange der Folter gemachten Aussagen als Ausfluß seiner körperlichen Schwäche bitter beklagte. Ursprünglich lateinisch ge­schrieben, wurden die beiden Auslegungen sofort ins Italienische übersetzt und gingen von Hand zu Hand; noch waren kaum zwei Jahre seit dem Tode des großen Predigers verflossen, und schon zählte man acht lateinische und fünf italienische Ausgaben der Erklärung des Miserere. Der florentinische Notar Bartholomäus Redditi berichtet in seiner 1501 verfaßten Schrift „Kur­zer Abriß und Auszug der von P. Hieronymus von Ferrara gepredigten und geweissagten Wahrheit“, er besitze die Abschrift eines von einem deutschen Dominikaner am vorletzten September 1499 an einen florentinischen Freund geschriebenen Briefes, worin der Deutsche um die Werke des Frate bitte und für Übersendung der Betrachtungen über die Ps. Miserere und In te Domine mit dem Beifügen danke, sie seien von ihm in der Landessprache durch den Druck veröffentlicht und von den Anhängern des Dieners Gottes mit solchem Beifalle aufgenommen worden, daß viele von tödlicher Krankheit heimge­suchte Personen plötzlich von ihren Leiden befreit wurden, nachdem sie, durch diese Betrachtungen angeregt, einige Versprechen zum Dienste Gottes und zur Ehre des genannten Propheten gemacht hatten. Die hier erwähnte Ausgabe erschien 1499 bei Johann Froschauer in Augsburg und erfreute sich größter Beliebtheit und Verbreitung, so daß sie wiederholt neu aufgelegt wer­den mußte. Und nicht nur Katholiken, auch Protestanten fanden an diesen Betrachtungen größtes Gefallen. Zu der lateinischen Ausgabe, welche 1523 zu Wittenberg das Licht des Tages erblickte, schrieb kein Geringerer als Mar­tin Luther eine warme lateinische Vorrede; der lutherische Prediger Urban Regius veranstalte 1524 wiederum in Augsburg eine deutsche Übersetzung, ebenda ließ 1542 eine solche auch der Mansfelder Prediger Johann Spangenberg ausgehen. Noch im 19. Jahrh. gaben protestantische Theologen das Schriftchen neu heraus, so G. Rapp, Die erwecklichen Schriften des Märty­rers Hier. Sav., Stuttgart 1839, und G. Liebusch, Gir. Sav.’s letzte Betrach­tungen. Erlangen 1871.

Vorrede zu Savonarolas Auslegung des Psalms 51: Miserere[1]

Von Martin Luther

Jesus. Gnade und Frieden in Christus.

Lieber Leser, wir überreichen dir hiermit dieses heilige Werk des heiligen Mannes Hieronymus Savonarola, damit du an diesem Beispiel erkennst, welche Menschen der grausame Sitz und Abgrund des Verderbens gewöhnlich zugrunde richtet. Denn eine Schlange aus der Zahl derer, die sich mit dem Namen des Franziskus schmücken, soll — wie man sagt — diesen Mann getötet haben, aus keinem anderen Grund, als dass er wünschte, jemand möge kommen und Rom reinigen, das Grundübel allen Verderbens.

Zwar durfte der damalige Antichrist hoffen, die Erinnerung an diesen großen Mann würde ausgelöscht und sogar verflucht werden. Aber siehe: Er lebt fort, und sein Andenken bleibt gesegnet. Christus selbst spricht ihn heilig — durch uns — sollten die Päpste und Papisten auch darüber vor Wut zerbrechen.

Außerdem wirst du in diesem Werk erkennen, wie wenig aller Ruhm menschlicher Werke vor Gott gilt und wie notwendig allein der feste Glaube an Gottes Barmherzigkeit ist — ohne Vertrauen auf irgendwelche Werke — angesichts von Gericht und Tod. Hier siehst du auch, wie selbst der Glaube kämpfen muss und kaum durch Gottes Wort siegen kann; wie viel weniger also könnten Werke etwas gelten.

Auch wenn es manchmal scheint, als hafte noch der Schmutz menschlicher Theologie an ihm — sodass er offenbar viel Zeit damit vergeudet hat (denn wer hätte damals völlig frei von solchem Irrtum sein können?) —, zeigt er dir dennoch ein reines und schönes Beispiel dafür, wie man an Gottes Barmherzigkeit glauben, auf sie vertrauen und hoffen soll, zugleich aber allem Vertrauen auf sich selbst und die eigenen Kräfte misstrauen und daran verzweifeln muss.

Das ist ein Beispiel evangelischer Lehre und christlicher Frömmigkeit. Denn hier tritt er hervor, nicht im Vertrauen auf seine Gelübde, Ordensregeln, Mönchskutte, Messen oder die guten Werke seines Ordens, sondern bereit, das Evangelium des Friedens zu verkünden — bekleidet mit dem Panzer der Gerechtigkeit und bewaffnet mit dem Schild des Glaubens und dem Helm des Heils. Er erscheint nicht als Predigermönch, sondern als einfacher Christ.

Lebe wohl und folge seinem Beispiel.

Im Jahr 1523.

Auslegung

1. „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit!“ Ich Unglückseliger, von aller Hilfe Entblößter! Himmel und Erde habe ich beleidigt, wohin soll ich mich wenden? Zu wem meine Zuflucht nehmen? Bei wem finde ich Rettung? Wer wird sich meiner erbarmen? Zum Himmel wage ich meine Augen nicht auf­zuschlagen, denn ich habe mich wider ihn schwer versündigt. Auf Erden finde ich nicht Unterschlupf, denn ich war ihr ein Ärgernis. Was soll ich nun tun? Soll ich mich der Verzweiflung ergeben? Das sei ferne! Gott ist barmherzig, der Erlöser mir gnädig, Gott allein soll daher meine Zuflucht sein. Er wird sein Werk nicht ver­schmähen, er wird sein Gebilde nicht von sich weisen. Betrübt und traurig komme ich daher zu dir, allergütigster Gott, du meine ein­zige Hoffnung, du meine alleinige Zuflucht! Aber was soll ich zu dir sagen, da ich kaum die Augen zu dir zu erheben wage? Schmerzens­laute will ich an dich richten, dein Erbarmen anflehen und sprechen: „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit!“ O Gott, der du in unzugänglichem Lichte thronst! Du verborgener Gott, unsichtbar für leibliche Augen, unbegreiflich für geschöpflichen Verstand, unaussprechlich für Menschen- wie Engelszungen! Dich unfaßbaren Gott suche ich ! Dich rufe ich an, unnennbarer Gott, der du überall bist, was du bist. Ich weiß es, du bist das allerhöchste Wesen — wenn du ein Wesen überhaupt bist und nicht vielmehr aller Wesen Urgrund. Und darf man dich Urgrund nennen? Ich finde keinen Namen, welchen ich deiner unaussprechlichen Majestät beilegen könnte. Du, o Gott, bist alles das, was in dir ist, du bist deine Weis­heit, deine Güte, deine Macht, deine höchste Seligkeit. Du bist auch barmherzig — was bist du nun sonst als deine Barmherzigkeit? Und ich — was bin ich, als das reine Elend? Siehe also, vor dir steht das Elend, o Gott, der die Barmherzigkeit ist. Und du, Barmherzig­keit, was wirst du nun tun? Sicher vollbringst du dein Werk, denn du kannst deine Natur nicht verleugnen. Welches ist nun dein Werk? Das Elend beheben, Elende aufrichten1. Darum habe Er­barmen mit mir! „Erbarme dich meiner, o Gott!“ Nimm, o Gott, nimm, o Barmherzigkeit, nimm mein Elend hinweg, nimm meine Sünden hinweg, denn eben sie sind mein größtes Elend! Richte mich Elenden auf, erzeige an mir dein Werk, bewähre in mir deine Kraft! „Ein Abgrund ruft den anderen an“ (Ps. 41, 8), der Abgrund des Elends den Abgrund der Barmherzigkeit, der Abgrund der Sünden den Abgrund der Gnaden. Doch der Abgrund der Barmherzigkeit ist tiefer als der Abgrund des Elends. Und so verschlingt der Ab­grund den Abgrund, der Abgrund der Barmherzigkeit den Abgrund des Elends. „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barm­herzigkeit!“ Erbarme dich meiner, nicht nach der kleinen Barm­herzigkeit der Menschen, sondern nach deiner großen, unermeßlichen, unbegreiflichen Barmherzigkeit2, nach jener selben großen Barmherzigkeit, in welcher du die Welt liebtest bis zur Hingabe deines eingeborenen Sohnes. Und welche Barmherzigkeit kann noch größer sein? Welche Liebe noch heißer? Wer darf da verzagen? Wer das Vertrauen verlieren? Gott ward Mensch und für die Men­schen gekreuzigt. Darum erbarme dich meiner, o Gott, nach dieser deiner großen Barmherzigkeit, in welcher du deinen eigenen Sohn für uns dahingabst, durch ihn die Sünden der Welt hinwegnahmst, alle Menschen mit dem Kreuze erleuchtetest und alles, was im Himmel und auf Erden ist, erneuertest. Wasche mich, o Herr, in seinem Blute, erleuchte mich in seiner Demut, erneuere mich in seiner Auferstehung. Erbarme dich meiner, o Gott, nicht nach deiner kleinen Barmherzigkeit — denn klein ist sie, wenn du die Menschen nur von leiblichem Elende befreist, groß ist sie dagegen, wenn du die Sünden nachlässest und die Menschen mit deiner Gnade über die Erde erhöhst. Und so nach dieser deiner großen Barmherzigkeit habe Mitleid mit mir, o Herr, um mich zu dir zu bekehren, meine Sünden auszulöschen und mich zu rechtfertigen mit deiner Gnade.

2. „Und nach der Menge deiner Erbarmungen tilge meine Sünde!“ O Herr, deine Barmherzigkeit ist die Überschwenglichkeit deiner Güte, mit welcher du gnädig auf die Elenden blickst. Deine Erbarmungen sind die Werke und Veranstaltungen deiner Barmherzig­keit. Maria Magdalena, o gütiger Jesus, warf sich dir zu Füßen, wusch diese mit ihren Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren, und du verziehest ihr und entließest sie in Frieden; siehe, o Herr, ein Werk deiner Barmherzigkeit! Petrus verleugnete dich und schwor dich mit einem Eide ab, du blicktest ihn an, und er weinte bitterlich; du verziehest ihm und bestätigtest ihn als Apostelfürsten — siehe, o Herr, ein anderes Werk deiner Barmherzigkeit! Durch ein einziges Wort von dir erlangte der Schächer am Kreuze das Heil. Paulus, mitten in der Hitze seiner Verfolgung berufen, ward auf einmal voll des Hl. Geistes. O Herr, das sind die Werke deiner Barm­herzigkeit! Es gebräche mir an Zeit, wollte ich sie alle aufzählen; denn so viele Heilige, so viele Werke deiner Barmherzigkeit. Nie­mand kann sich in sich selbst rühmen. Mögen alle Heiligen der Erde wie des Himmels auftreten, vor deinen Augen wollen wir sie fragen, ob sie ihr Heil ihrer eigenen Tugend verdanken? Und in einem Chore geben sie gewiß alle mit einer Stimme zur Antwort: „Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre, um deiner Barmherzigkeit und Wahrheit willen“ (Ps. 113, 9). Denn „nicht mit der Schneide ihres Schwertes wurden sie Herren des Landes, und nicht ihre Tapferkeit rettete sie“ (Ps. 43, 4), sondern dein Arm war es, deine Rechte, das Licht deines Angesichts, da du an ihnen dein Ge­fallen hattest; nicht um ihrer Verdienste, nicht um ihrer Werke willen wurden sie gerettet, auf daß niemand sich rühme, sondern weil es dir so gefiel. Ebenso spricht der Prophet von dir, o Herr: „Er rettete mich, denn er liebte mich“ (Ps. 17, 20). Da du nun noch immer derselbe Gott bist, „bei welchem es keinen Wechsel und keinen Schatten einer Veränderung gibt“ (Jak. 1, 17); da auch wir deine Geschöpfe ebenso wie unsere Väter sind, welche Kinder der Begier­lichkeit und Sünder gleich uns waren; und da es einen ewigen Mitt­ler gibt zwischen Gott und dem Menschen, — warum gießest du die Werke deiner Barmherzigkeit nicht auch über uns aus, wie einst­mals über unsere Väter? Hast du uns denn vergessen? Sind denn nur wir Sünder? Starb denn Christus nicht auch für uns? Blieb für uns keine Barmherzigkeit mehr übrig? O Gott, unser Herr, ich bitte und beschwöre dich, tilge meine Sünde nach der Menge deiner Erbarmungen, denn sie sind zahlreich, ja zahllos. Tilge meine Sünde nach dieser Menge, um mich an dich zu ziehen, mich aufzuheben, mich zu rechtfertigen mit deiner Gnade, wie du ja unzählige Sünder an dich zogst, aufhobst und rechtfertigtest. Nach der Menge deiner Erbarmungen also tilge meine Sünde. Reinige mein Herz, und wenn dann alle Sünde behoben und aller Unrat entfernt ist, dann wird es rein wie eine Tafel, auf welche Gottes Finger das Gesetz seiner Liebe schreibt, mit welcher keine Sünde bestehen kann.

3. „Wasche mich nochmal von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde!“ Ich bekenne es, o Herr, schon einmal tilgtest du meine Sünde, tilgtest sie abermals, schon tausendmal wuschest du mich; aber wasche mich nochmal, denn ich bin nochmal gefallen. Oder verzeihst du dem Menschen seine Sünden etwa nur bis zu einer gewissen Zahl und dann nicht mehr? Und doch gabst du dem Petrus auf seine Frage: „Wie oft soll ich meinem Bruder, wenn er wider mich fehlt, verzeihen? siebenmal?“, zur Antwort: „Nicht siebenmal, sondern sieb­zigmal siebenmal“ (Matth. 18,21), wobei die bestimmte Zahl die unbestimmte vertrat. Soll also die menschliche Verzeihung die deinige übersteigen? Ist Gott nicht größer als der Mensch? Ist er nicht besser? Bist du nicht, o Gott, der große Herr „und jeder Sterbliche Eitelkeit“ (Ps. 38, 6)? Bist nicht du allein gütig, „jeder Mensch aber ein Lügner“ (Ps. 115, 2)? Hast du nicht durch den Mund des Propheten (Ez. 18, 21 f.) gesprochen: „An dem Tage, an welchem der Sünder zu mir seufzt, an dem will ich seiner Sünden nicht mehr gedenken“? Siehe, ich Sünder seufze, „den Pesthauch der Ver­wesung atmen meine Wunden um der Torheit meiner Sünde willen. Wie bin ich doch so elend und tief gebeugt, den ganzen Tag schleiche ich traurig einher. Zermalmt bin ich und gedemütigt, ich schreie auf vor Seelenqual. Vor dir, o Herr, liegt offen mein Verlangen, das Seuf­zen meines Herzens ist dir wohlbekannt. Mein Herz ist ganz verzagt, verlassen hat mich meine Kraft, geschwunden ist mir selbst das Licht der Augen“ (Ps. 37, 6ff.). Warum also, o Herr, tilgst du meine Sünde nicht? Und wenn du sie nach der Menge deiner Erbarmungen auch schon getilgt hast, so wasche mich nochmal von meiner Sünde, denn noch bin ich nicht völlig rein. Vollende dein Werk, tilge alle meine Schuld, hebe alle Straffälligkeit auf, vermehre das Licht, ent­zünde mein Herz mit deiner Liebe, verscheuche die Angst, denn „die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“ (1. Joh. 4, 18). Die Liebe zur Welt und die Liebe zum Fleische, die Ruhmsucht und Selbst­sucht möge gänzlich von mir weichen. Wasche mich noch mehr, tilge gänzlich meine Sünde, in welcher ich mich gegen meinen Nächsten verfehlt habe. Reinige mich von meiner Sünde, womit ich dich beleidigt habe; nicht nur die Schuld und die Straffälligkeit, sondern auch die böse Begierlichkeit tilge in mir! Wasche mich, ich bitte dich, mit dem Wasser deiner Gnaden, mit jenem Wasser, welches bewirkt, daß den, „der davon trinkt, nicht mehr dürstet in Ewigkeit, sondern ein Quell in ihm wird, welcher hinübersprudelt ins ewige Leben“ (Joh. 4, 14). Wasche mich mit dem Wasser meiner Tränen, wasche mich mit dem Wasser deiner Hl. Schrift, auf daß ich zu jenen gehöre, zu welchen du sprachest: „Ihr seid rein in Kraft meines Wortes“ (Joh. 15, 3).

4. „Denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immerdar wider mich.“ Obschon ich mich dir, o Herr, in Anbetracht deiner Barmherzigkeit und der Werke deiner Güte mit großem Vertrauen nahe, so komme ich doch nicht wie der Pharisäer, welcher sich im Gebete bei sich selbst für einen Heiligen hielt und von seinem Näch­sten gering dachte, sondern wie der Zöllner, der nicht einmal die Augen zum Himmel aufzuschlagen wagte (Luk. 18, 10f.). Denn ich erkenne meine Missetat, und wenn ich meine Sünden betrachte, so wage ich meine Augen nicht zu erheben, sondern spreche mit dem Zöllner in Demut: „O Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Denn meine Seele schwankt zwischen Hoffnung und Furcht hin und her; bald verzweifle ich aus Angst ob meiner Sünden, welche ich in mir er­kenne, dann wieder richte ich mich empor in Hoffnung auf deine Barmherzigkeit. Wie aber deine Barmherzigkeit mein Elend über­ragt, so will ich immer auf dich bauen, o Herr, und in Ewigkeit deine Erbarmungen besingen. Weiß ich doch, willst nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe“ (Ez. 33, 11), seine Missetat bekenne, seine Sünde lasse, zu dir flüchte und lebe. Ge­währe mir, o mein Gott, in dir zu leben! Denn ich erkenne meine Missetat, ich weiß, wie schwer sie ist, wie groß sie ist, wie verderb­lich sie ist. Ich verkenne sie nicht, ich verhehle sie nicht, sondern habe sie stets vor Augen, um sie mit meinen Tränen abzuwaschen und dem Herrn mein Unrecht zu bekennen. Meine Sünde, mein Hochmut gegen dich ist beständig wider mich, und sie ist deshalb wider mich, weil ich wider dich gesündigt habe, sie ist wahrhaftig wider mich, weil sie mich wider meine Seele vor deinem Richter­stuhle unaufhörlich verklagt …

5. „Dir allein hab ich gesündigt und Übles vor dir getan, auf daß dein Spruch sich als gerecht erweise und du im Gerichte bestehest.“ Gewiß, nur wider dich hab’ ich gesündigt, denn du gebotest mir, dich nur um deinetwillen zu lieben und die Geschöpfe dir zuliebe, während ich das Geschöpf mehr als dich und um seinetwillen liebte. Was aber ist die Sünde sonst als Liebe zum Geschöpfe um des Geschöpfes willen? Und heißt dies nicht, dir zuwiderhandeln? Gewiß, wer das Geschöpf als solches liebt, erhebt es zu seinem Gotte … O Gott, wie viele Sünden beging ich vor dir, welche ich um keinen Preis vor den Menschen verübt, sondern sorgfältig verborgen hätte I Ich fürch­tete die Menschen mehr als dich, weil ich blind und ein Liebhaber der Blindheit war, und so sah ich dich nicht und hatte nicht auf dich acht. Ich hatte nur fleischliche Augen, sah nur die fleischlichen Menschen und fürchtete sie. Und du sahst alle meine Sünden und zähltest sie, und deshalb kann ich sie nicht vor dir verbergen noch mich verstecken oder fliehen vor deinem Angesichte …

6. „Denn siehe, in Schuld bin ich empfangen, und in Sünden empfing mich meine Mutter.“ O Herr, blicke nicht auf die Schwere meiner Sünden, sieh nicht auf ihre Menge, sondern erkenne in mir dein Geschöpf! Gedenke, daß ich Staub bin, und daß alles Fleisch wie Heu ist. Siehe, in Schuld bin ich empfangen, in Sünden empfing mich meine Mutter. Meine leibliche Mutter empfing mich in Begier­lichkeit, und dadurch zog ich mir die Erbsünde zu, die ja nichts ist als der Verlust der ursprünglichen Gerechtigkeit und Vollkommen­heit des ganzen Menschen. Und weil der Mensch in solcher Sünde empfangen und geboren ist, so ist er ganz krumm und verkrüppelt. Das Fleisch hegt Begierden wider den Geist, die Vernunft ist schwach, der Wille krank, der Mensch gebrechlich und hinfällig, die Sinne trügen ihn, die Einbildungskraft narrt ihn, die Unwissenheit lenkt ihn vom rechten Pfade ab und unzählige Hindernisse stellen sich ein, welche ihn vom Guten abbringen und zum Bösen verleiten. Daher ist die Erbsünde die Wurzel aller Sünde, der Zündstoff aller Missetaten, und wenn sie auch in jedem Menschen ihrer Natur nach eine ist, so liegt sie doch jeder Sünde zugrunde1. Du siehst also, o Herr, was ich bin und woher ich stamme; in der Erbsünde bin ich empfangen, welche alles Böse und Sündhafte in sich birgt, in ihr empfing mich meine Mutter. Völlig in Sünden befangen und all­seits von ihren Schlingen umstrickt — wie soll ich entrinnen? … Um so mehr richte deine Güte auf mich, je gebrechlicher ich bin und je mehr mich Schlingen umgeben. Wer wird nicht mit einem Kranken Mitleid, mit einem Siechen Erbarmen haben? O so komm, du gütiger Samaritan! Hebe mich Verwundeten und Halbtoten auf, pflege meine Wunden, gieße Öl und Wein in sie ein, lege mich auf dein Lasttier, verbringe mich in die Herberge, empfiehl mich dem Wirte, gib ihm die zwei Denare und sprich zu ihm: „Was du mehr aufwendest, das will ich dir bei der Rückkehr vergüten“ (Luk. 10, 35).

7. „Denn siehe, du liebtest die Wahrheit; die unbekannten und ver­borgenen Ratschlüsse deiner Weisheit offenbartest du mir.“ So komm, du gütigster Samaritan! Denn siehe, du liebtest die Wahrheit, ich meine die Wahrheit der Verheißungen, welche du der Menschheit gabst. Du liebtest sie, weil du sie gabst und hieltest, denn Lieben heißt für dich wohltun. Unveränderlich in dir selbst, bist du nicht wie wir Menschen, die zwar jetzt lieben, dann aber nicht mehr. Dei­ne Liebe kennt kein Kommen und Gehen, sondern du bist ganz Liebe, die niemals abnimmt, denn „Gott ist die Liebe“ (1. Joh. 4, 16) …

8. „O Herr, besprenge mich mit Hysop, und ich werde rein; wasche mich, und ich werde weißer als Schnee.“ O Herr, da du die Wahrheit liebtest und mir die unbekannten und verborgenen Geheimnisse deiner Weisheit offenbartest, so hoffe und vertraue ich zuversicht­lich, du werdest mich nicht von deinem Antlitze verstoßen, sondern mich mit Hysop besprengen, und so werde ich rein sein. Der Hysop ist ein unscheinbares, warmes und würziges Gewächs; es sinnbildet deinen eingeborenen Sohn, welcher „sich selbst erniedrigte bis zum Tode, ‚ja bis zum Tode des Kreuzes‘ (Phil. 2, 8), uns mit dem Feuer seiner unermeßlichen Liebe liebte, mit seinem Blute unsere Sünden wusch und mit dem Wohlgeruche seiner Güte, Sanftmut und Ge­rechtigkeit die ganze Welt erfüllte. Mit Hysop besprengst du mich, wenn du die Kraft seines Blutes über mich ausgießest, wenn Christus durch den Glauben in mir wohnt, wenn ich mich in Liebe mit ihm vereinige und ihm in seiner Demut und in seinem Leiden nach­folge …

9. „Laß mich vernehmen Freude und Frohlocken, und jauchzen wer­den meine zerschlagenen Gebeine.“ Dann, o Herr will ich zu dir stehen, und „am Morgen“, d. h. zu Beginn deines Lich­tes, „wirst du meine Stimme erhören“ (Ps. 5, 4), und „ich werde inne werden, was der Herr, mein Gott, in mir spricht, denn er spricht von Frieden zu seinem Volke“ (Ps. 85, 9) und wird mir Frieden spenden. Ja, Herr, du gibst mir den Frieden, denn auf dich baue ich. Worte der Freude und des Frohlockens laß mich vernehmen, Worte, wie sie Maria ver­nahm. Und was vernahm sie, als sie zu deinen Füßen weinte? „Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin in Frieden!“ (Luk. 7, 50). Ebenso werde ich hören, was der Schächer hörte: „Heide noch wirst du bei mir im Paradiese sein“ (Luk. 23, 43) …

10. „Wende dein Antlitz ab von meinen Sünden und tilge alle meine Missetaten!“ O Herr, warum siehst du auf meine Sünden? Warum zählst und beachtest du sie so genau? Weißt du nicht, daß der Mensch wie die Blume des Feldes ist? Warum blickst du nicht lieber auf das Angesicht deines Gesalbten? O ich Unglücklicher, warum zürnst du mir? Gewiß, ich habe gesündigt, du aber in deiner Güte habe Mitleid mit mir 1 Wende dein Antlitz ab von meinen Sün­den ! …

11. „Ein reines Herz erschaffe in mir, o Herr, und erneuere den rechten Geist in meinem Herzen!“ Mein Herz hat mich verlassen und gedenkt meiner nicht mehr; es hat sein Heil ganz vergessen und irrt auf Abwegen umher. In weite Ferne ist es gewandert, es geht den Eitelkeiten nach und läßt den Blick bis an die Grenzen der Erde schweifen. Ich rief ihm, aber es gab keine Antwort, es zog von dannen und ging, ein Sklave der Sünden, zugrunde. Was soll ich nun sagen, o Herr? Erschaffe in mir ein reines Herz, ein de­mütiges Herz, ein sanftmütiges Herz, ein friedfertiges, ein gütiges Herz, ein frommes Herz, das niemandem Übles tut und Böses nicht mit Bösem, sondern mit Gutem vergilt, dich über alles liebt, nur an dich denkt, nur von dir spricht, dir seinen Dank bezeigt, an geistigen Lobgesängen und Liedern seine Freude und seinen Wandel im Him­mel hat. Ein solches Herz erschaffe in mir, o Gott, und bring es hervor aus dem Nichts, auf daß es, wenn es von Natur nicht sein kann, durch die Gnade werde, die deine Schöpfung allein in der Seele ist1; sie formt dann ein reines Herz, zieht alle Tugenden nach sich und verscheucht alle Laster. Erschaffe also, o Gott, in deiner Gnade ein reines Herz in mir und erneuere den rechten Geist in meinem Innern! Denn „dein Geist führt mich auf den rechten Weg“ (Ps. 142, 10), läutert mich von allen irdischen Begierden und erhebt mich zum Himmlischen. Denn Liebender und Geliebter sind eins; wer den Leib liebt, ist Leib, wer den Geist liebt, ist Geist. Verleihe mir einen Sinn, der nur dich, den allerhöchsten Geist, liebt und an­betet, denn „Gott ist Geist, und wer ihn anbetet, der muß ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten“ (Joh. 4, 24) …

12. „Verstoße mich nicht von Deinem Angesichte, und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir!“ O Herr, siehe, ich stehe vor deinem Angesichte, um Barmherzigkeit von dir zu erlangen. Ich stehe vor deiner Güte und Nachsicht und warte auf gnädige Antwort; ver­stoße mich nicht und laß mich nicht zuschanden werden! Wer kam jemals zu dir und verließ dich enttäuscht? Wer flehte jemals zu dir und kehrte mit leeren Händen zurück? In der Überschwenglichkeit deiner Güte übertriffst du weit alle Verdienste wie alle Gebete der Flehenden und gewährst uns viel mehr, als wir zu wünschen oder zu begreifen vermögen. Noch niemals ward es erhört, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von dir im Stiche gelassen oder von deinem Angesichte verstoßen worden wäre. Soll ich etwa der erste sein? Willst du mit mir den Anfang machen? … Tag und Nacht stehe ich weinend vor deinem Antlitze, verwirf mich nicht, o Herr! Wenn du mich auch vor der leiblichen Bedrängung durch den Dämon nicht bewahrst, so rette wenigstens meine Seele vor seiner geistigen Gewalt, laß mich nicht zuschanden werden, o gütiger Jesus! Siehe, du bist ja meine einzige Hoffnung, du meine einzige Rettung! Alle haben sie mich verlassen, meine Brüder und Söhne wollen nichts mehr von mir wissen, ein Greuel bin ich selbst denen, die meinem Herzen am nächsten standen. Niemanden habe ich mehr, der mir helfen könnte, als dich allein. Darum verstoße mich nicht von deinem Angesichte und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir! …

13. „Gib mir zurück die Wonne deines Heils und stärke mich mit fürstlichem Geiste!“ O Herr, um Großes flehe ich zu dir, denn „der große Gott bist du und der mächtige König über alle Götter“ (Ps. 94, 3). Schimpf fügt dir zu, wer Kleines von dir fordert. Gering ist alles Vergängliche, gering alles Körperliche, nur das Geistige ist groß und kostbar. Nimm dem Leibe die Seele, nimm ihm den Geist, was bleibt übrig als Unrat, als Staub und Schatten? … Schon kostete ich, wie süß der Herr ist und wie leicht und sanft sein Joch. Wohl gedenke ich des seligen Friedens und der süßen Ruhe, deren ich mich ehemals im Herrn, meinem Heilande, erfreute. Eben darum ist jetzt mein Schmerz um so bitterer, weil ich weiß, was ich ver­loren, welch wertvolle Güter ich verscherzt habe. Und deshalb rufe ich inständig: Gib mir zurück, was du mir um meiner Sünden willen entzogst, gib mir zurück, was ich aus meiner Schuld verlor, gib mir alles zurück um der Verdienste jenes willen, der immer zu deiner Rechten steht und für mich bittet, auf daß ich durch ihn inne werde, du seiest mir wieder gut. Er sei „das Siegel auf meinem Herzen“ (Hohel. 8, 6), auf daß ich sprechen könne mit dem Apostel (Gal. 2, 19): „Ich bin mit Christus an das Kreuz geheftet, ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“ Da aber meine Ge­brechlichkeit groß ist, so stärke mich mit deinem fürstlichen Geiste, auf daß keine Widerwärtigkeit mich von Christus zu scheiden, kein Schrecken mich von dir zu scheuchen, keine Qual mich zu ent­kräften vermöge, denn meine Kraft reicht zum siegreichen Kampfe mit der alten Schlange nicht aus. Petrus lehrt es mich so recht, wie groß unsere Schwäche ist. O Herr Jesus, er sah dich mit leiblichen Augen, verkehrte aufs traulichste mit dir, kostete auf dem Berge der Verklärung deine Herrlichkeit und vernahm die Stimme des Vaters. Großartige Werke gewahrte er und wirkte in deiner Kraft auch selbst viele Wunder. Er wandelte zu Fuß auf dem Wasser, hörte täglich deine gewaltigen und doch wieder so süßen Worte; er schien voll feurigen Eifers und erklärte sich bereit, mit dir in Kerker und Tod zu gehen. Als du ihm seine Verleugnung voraus­sagtest, glaubte er es im Vertrauen auf seine Kraft nicht und baute mehr auf sich selbst, den schwachen Menschen, als auf dich, seinen Gott. Kaum hatte dann aber die Magd zu ihm gesprochen: „Bist du nicht einer von ihnen“, als er in Angst geriet und es ableugnete, und als eine andere kam und zu ihm sagte: „Du bist wirklich einer von ihnen“, da leugnete er es abermals ab … Es war noch ein Glück, daß die Fragen ein Ende nahmen; hätten sie nicht aufgehört, so hätte auch die Verleugnung nicht aufgehört, tausend Fragen hätten tausend Verleugnungen, tausend falsche Schwüre und Lästerungen nach sich gezogen. Und doch waren diese Fragen nur Worte; wie, wenn die Juden zur Folter gegriffen hätten! Sicher hätte Petrus dann nichts unterlassen, ihren Händen durch Verleugnung, falsche Schwüre, Lästerungen und Flüche zu entrinnen. Du aber, gütiger Herr, blicktest ihn an, und sogleich erkannte er seine Sünde. Und doch getraute er sich auch jetzt noch nicht, deine Gottessohnschaft offen zu bekennen, und ohne Zweifel hätte er dich aufs neue ver­leugnet, wenn er die Geißeln hätte aus sich warten sehen; doch be­sann er sich eines besseren, ging hinaus und weinte bitterlich. Nach der Auferstehung erschienst du ihm, um ihn zu trösten; gleichwohl hielt er sich noch immer versteckt, aus Furcht vor den Juden. Er war dann Zeuge deiner glorreichen Himmelfahrt und wurde durch den Anblick und Jubel der Engel gekräftigt; aber auch jetzt wagte er noch nicht öffentlich hervorzutreten, denn seine Erfahrung hatte ihn von seiner Gebrechlichkeit und Schwäche überzeugt, und so er­wartete er den Hl. Geist. Erst als dieser erschienen war und sein Herz mit Gnade geschwellt hatte, ging er hinaus, begann zu sprechen und legte mit großer Kraft Zeugnis ab von deiner Auferstehung, ohne sich vor den Hohenpriestern und Herrschern zu fürchten, sondern rühmte sich der Trübsale und umarmte das Kreuz mit höchster Freude. Darum, o Herr, stärke mich mit deinem fürst­lichen Geiste, auf daß ich in der Freude deines Heiles stets verharre, sonst vermag ich in solchen Kämpfen nicht zu bestehen. „Das Fleisch begehrt wider den Geist“ (Gal. 5, 17), die Welt bedrängt mich von allen Seiten, der Teufel schläft nicht. Verleihe mir die Kraft deines Geistes, auf daß ich „mögen Tausende zu meiner Linken und Zehntausende zu meiner Rechten sinken“ (Ps. 90, 7), ein treuer und tapferer Zeuge deines Glaubens sei. Denn wenn Petrus, obschon mit so vielen Gaben und Gnaden ausgezeichnet, gleichwohl so kläg­lich fiel, wie soll es mir ergehen, o Herr, der dich nicht im Fleische geschaut, deine Herrlichkeit auf dem Berge nicht gesehen und deine Wunder nicht selbst erlebt, sondern nur kaum von weitem ver­nommen, auch deine Stimme niemals gehört und immer nur in Sünden gelebt hat? Bestärke mich also mit deinem fürstlichen Geiste und verleihe mir hierdurch die Kraft, in deinem Dienste zu ver­harren und mein Leben für dich hinzugeben.

14. „Den Sündern will ich deine Wege weisen und die Gottlosen wer­den sich zu dir bekehren.“ Wenn ich die Gottlosen in deinen Wegen unterweisen will, so schreibe das nicht meiner Vermessenheit zu, o Herr! Denn nicht in der Verfassung, in welcher ich mich jetzt befinde, ein Sünder, schmachbedeckt und in Ketten, will ich ja die Gottlosen belehren, sondern erst wenn du mir die Freude deines Heiles zurückgegeben, erst wenn du mich mit deinem fürstlichen Geiste gestärkt, erst wenn du mich wieder in Freiheit gesetzt hast, erst dann will ich den Gottlosen deine Wege künden … nicht die Wege eines Plato oder Aristoteles, nicht spitzfindige Schlußfolgerungen, nicht philosophische Lehrsätze, nicht die geschwollenen Phrasen der Schulredner, nicht weltliche Geschäfte, nicht die Wege der Eitelkeit, die zum Tode führen, sondern deine Wege und deine Gebote, die das Leben bringen. Und nicht nur einen Weg will ich lehren, sondern viele Wege, denn deine Gebote sind zahlreich, wenn sie schließlich auch in einem Wege enden, in der einen Liebe mit­einander verbunden, welche die Gläubigen so innig vereint, daß sie nur mehr „ein Herz und eine Seele im Herrn“ sind (Apg. 4, 32). Auch insofern kann man von verschiedenen Wegen sprechen, wie sie verschiedene Lebenswege bedeuten, denn einen anderen schlagen die Weltgeistlichen ein, einen anderen die Ordensleute, die Bettelmönche, die Ehegatten, die Witwen und Jungfrauen, die Fürsten, Lehrer, Kaufleute und mannigfaltigen Berufsklassen, welche doch alle dem einen himmlischen Vaterlande zupilgern. So will ich denn den Gottlosen deine Wege weisen je nach ihrem Stande und ihrer Fähigkeit, und sie werden sich bekehren, denn nicht mich, sondern Christus den Gekreuzigten will ich predigen, und nicht zu meinem Ruhme sollen sie umkehren, sondern zu dir sollen sie gelangen, ihre Wege verlassend und die deinen beschreitend.

15. „Rette mich aus der Blutschuld, Gott meines Heiles, und meine Zunge wird deine Gerechtigkeit preisen.“ In mancherlei Blutschuld bin ich verstrickt, o Herr, ich flehe zu dir aus der Tiefe. Erhöre meine Stimme und säume nicht, denn ich stehe am Rande des Todes. Diese Blutschulden sind meine Sünden, denn wie im Blute das Leben des Leibes, so ist in der Sünde das Leben des Sünders. Vergieße das Blut, und das Tier stirbt; nimm in der Beichte die Sünde hinweg, und der Sünder ist nicht mehr, er hat sich in einen Gerechten ver­wandelt. So bin ich nun nicht bloß mit Blut befleckt, sondern auch in Blutschuld getaucht, deren Strudel mich zu verschlingen drohen, um mich in die Hölle hinabzuziehen. Hilf mir, o Herr, daß ich nicht untergehe, rette mich, o Gott, aus dieser Blutschuld, du, der alles lenkt und bewegt, du allein kannst mich retten, in deinen Händen ruht mein Lebensgeist. Rette mich aus der Blutschuld, o Gott, du Urheber meines Heiles, mein einziger Retter! Rette mich, o Herr, wie du den Noe aus den Gewässern der Sintflut gerettet hast! Rette mich, wie du den Lot aus dem Brande Sodoms gerettet hast! Rette mich, wie du die Söhne Israels aus der Tiefe des Roten Meeres ge­rettet hast! Rette mich, wie du den Jonas aus dem Bauche des Fisches gerettet hast! Rette mich, wie du die drei Jünglinge aus dem brennenden Feuerofen gerettet hast! Rette mich, wie du den Petrus im Seesturme gerettet hast! Rette mich, wie du den Paulus aus dem Schiffbruche gerettet hast! Rette mich, wie du zahllose Sünder aus den Händen des Todes und aus der Tiefe der Hölle gerettet hast! Dann wird meine Zunge jubelnd deine Gerechtigkeit preisen …

16. „Herr, öffne meine Lippen und mein Mund wird dein Lob verkünden.“ Es ist etwas Großes um dein Lob, o Herr, denn es strömt aus einer Quelle, aus welcher der Sünder nicht trinkt; denn „nichts Schönes hat das Lob im Munde des Sünders an sich“ (Eccli. 15, 9). Rette mich aus den Werken des Fleisches, o Gott meines Heiles, und meine Zunge verkündet jubelnd deine Gerechtigkeit, und dann, o Herr, öffnest du meine Lippen und mein Mund verkündet dein Lob. Denn du besitzest den Schlüssel Davids, schließest, und, niemand öffnet, du öffnest und niemand verschließt“ (Is. 22, 22). Öffne also meine Lippen, wie du die Lippen der Kinder und Säug­linge öffnetest, aus deren Mund du dir vollkommenes Lob bereitetest (Ps. 8, 3). Das waren gewiß die Propheten, Apostel und anderen Heiligen, welche dich mit reinem Herzen und mit reinen Lippen priesen, nicht aber die Philosophen und Redner, welche sich brüsten: „Uns macht stark unsere Zunge, unsere Lippen sind unser, wer ist unser Herr?“ (Ps. 11, 5). Sie öffneten sich selbst ihre Lippen, nicht du öffnetest sie ihnen, und so bereitetest du dir auch kein Lob aus ihrem Munde. Deine Kinder priesen dich, o Herr, und schätzten sich selbst gering; die Philosophen aber dachten, wenn sie auch taten, als begehrten sie dich zu preisen, nur an ihren eigenen Ruhm. Deine Säuglinge verkündeten deine Herrlichkeit, wie sie ihnen durch gött­liche Gnade bekannt war; die Philosophen aber kannten dich nur aus natürlicher Einsicht und vermochten daher dein Lob nicht voll zu verkünden. Deine Heiligen priesen dich mit dem Herzen, mit den Lippen und guten Werken; die Philosophen nur mit den Lippen und ihrer aufgeblasenen Weisheit. Die Kinder verbreiteten dein Lob auf der ganzen Welt; die Philosophen predigten es nur mit wenigen Schülern. Deine Freunde bekehrten mit deinem Lobe zahllose Men­schen zur Tugend und wahren Glückseligkeit; die Philosophen kannten überhaupt weder wahre Tugend noch wahres Glück. Deine Lieblinge machten deine unaussprechliche Güte kund, welche du im Sohne deiner Liebe offenbartest; die Philosophen vermochten sie nicht zu begreifen. So hast du dir aus dem Munde der Kinder und Säuglinge volles Lob bereitet, denn stets gefiel es dir, die Demütigen zu erhöhen und die Stolzen zu demütigen. Da du nun Hochmütigen stets widerstehst, so verleihe mir wahre Demut, auf daß ich dir aus vollem Munde alles Lob bereite. Gib mir das Herz eines Kindes, denn „wenn ihr nicht werdet wie ein Kind, so könnet ihr nicht eingehen ins Himmelreich“ (Matth. 18, 3) …

17. „Hättest du es begehrt, so hätte ich dir ein Schlachtopfer dar­gebracht; aber du hast kein Gefallen an Brandopfern.“ Mein Mund, o Herr, wird dein Lob verkünden. Ich weiß, dies ist dir das Liebste, du sprachst ja durch den Propheten (Ps. 49, 23): „Lobopfer ehren mich, dies ist der Weg, auf welchem ich dem Menschen das Heil Gottes zeige.“ Für alle meine Sünden bringe ich dir daher ein Lobopfer dar, das Lob der Kinder und Säuglinge, denn ein anderes Opfer willst du nicht. Oder kann man dich etwa mit dem Blute von Ziegen und Käl­bern versöhnen? Willst du das Fleisch von Stieren, das Blut von Zicklein genießen? Oder begehrst du, Herr des Himmels und der Erde, Gold? Heischest du vielleicht das Opfer meines Leibes? Aber du willst nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe. Gleichwohl züchtige ich mein Fleisch, wenn auch mit Maß, auf daß es mit deiner Gnade der Vernunft dienstbar und unterworfen sei, und wenn ich hierin das rechte Maß überschreite, so wird mir dies als Sünde angerechnet, denn, sagt der Apostel (Röm. 12, 1): „Euer Gehorsam sei vernünftig!“ … An Opfern hast du keine Freude; du hast die Leiber um der Geister willen geschaffen und heischest keinen körperlichen, sondern geistige Dinge1; sprichst du doch an einer Stelle (Sprüchw. 23, 26): „Mein Sohn, gib mir dein Herz!“ Dies ist das Opfer, woran du Freude hast: ein vom Schmerze über die Sünden und von der Liebe zum Himmlischen entflammtes Herz, das dir für immer geweiht bleibt. Ein solches Brandopfer liebst du.

18. „Ein Opfer für Gott ist ein betrübter Geist; ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz wirst du, o Gott, nicht verschmähen.“ Gewiß, du liebst einen betrübten Geist, nicht ein betrübtes Fleisch; denn das Fleisch betrübt sich, wenn es nicht hat, was es will, oder hat, was es nicht will, während sich der Geist über die seinem Schöpfer zu­gefügte Beleidigung grämt und unglücklich darüber ist, seinen Schöpfer und Erlöser erzürnt, sein Blut mit Füßen getreten und einen so gütigen und lieben Vater mißachtet zu haben …

19. „O Herr, erweise Sion Gnade in deiner Huld, laß Jerusalems Mauern neu erstehen!“ Da es heißt: „Mit dem Heiligen wirst du heilig, mit dem Unschuldigen wirst du unschuldig, mit dem Erwähl­ten auch selbst erwählt, mit dem Verworfenen aber verworfen sein“ (Ps. 17, 16f.), so hege ich den heißen Wunsch, daß alle Menschen zum Heile und zur Erkenntnis der Wahr­heit gelangen, denn dies ist für sie eine Notwendigkeit und wäre für mich ein Segen, da ich durch ihre Gebete, Verdienste und guten Beispiele auch selbst zu einem neuen, besseren Leben angespornt würde. Trotz meiner Sündhaftigkeit bitte ich also: „Erweise Sion Gnade in deiner Huld und laß die Mauern Jerusalems neu erstehen!“ Sion ist deine Kirche … O Herr, wie klein ist sie heute! Nachgerade fällt die ganze Welt von ihr ab, denn es gibt viel mehr Ungläubige als Christen, und wo sind unter den Christen jene, welche, losgelöst von allem Irdischen, nur auf den Ruhm des Herrn bedacht sind? Sicher sind es nur wenige im Verhältnisse zu denen, welche „am Irdischen hängen, deren Gott der Bauch und deren Ruhm ihre eigene Schande ist“ (Phil. 3, 19). O Herr, laß der Kirche deine Huld angedeihen, auf daß sie zunehme an Zahl und Verdiensten! Erzeige uns deine Gnade, „strafe uns nicht nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unseren Missetaten“ (Ps. 102, 10), sondern erweise uns deine große Barmherzigkeit! O Herr, du bist ja doch unser Vater, unsere Wonne, unsere Hoffnung und unser einziges Heil! „Alles erwartet von dir Gutes, du spendest ihnen und sie heimsen ein, du öffnest deine Hand und Segen ist über­all. Wendest du aber dein Antlitz ab, so gerät alles in Verwirrung entziehst du ihnen deinen Odem, so zehren sie ab und zerfallen in Staub. Sende aus deinen Schöpfergeist und sie erstehen zu neuem Leben, und das Antlitz der Erde verjüngt sich“ (Ps. 103, 27ff.). Du siehst doch, Herr, welch traurig Ding es um die Verdammung so vieler Tausende von Menschen ist! Die Hölle füllt sich, die Kirche aber wird leerer von Tag zu Tag …

20. „Dann wirst du empfangen ein Opfer der Gerechtigkeit, Gaben und Brandopfer, dann wird man dir Kälber auf den Altar legen.“ Herr, wenn du in deiner Huld Sion Gnade erweisest, dann empfängst du das Opfer der Gerechtigkeit und verzehrst es im Feuer deiner Liebe, wie du ja auch das Opfer des Moses und Elias entgegennahmst. Dann nämlich nimmst du das Opfer der Gerechtigkeit entgegen, wenn du mit deiner Gnade die Seelen labst, welche sich um ein tugendhaftes Leben bemühen. O Herr, was nützt es, dir Opfer darzubringen, wenn du sie nicht annimmst? Wie viele Opfer bringen wir dir dar, welche dir nicht angenehm, sondern ein Greuel sind! Wir bringen dir eben kein Opfer der Gerechtigkeit dar, sondern nur ein Opfer unserer Zeremonien, und darum ist es dir nicht genehm. Wo ist heute der Ruhm der Apostel? Wo die Stärke der Märtyrer? Wo die Frucht der Prediger? Wo die heilige Einfalt der Mönche? Wo die Tugend der ersten Christen samt ihren Werken? Damals nahmst du ihr Opfer an, als du sie in den Schmuck deiner Gnade und Tugend hülltest. Und so wirst du auch jetzt wieder, wenn du Sion aufs neue deine Huld erzeigst, das Opfer der Gerechtigkeit empfangen, denn dann wird das Volk einen frommen Wandel beginnen, deine Gebote halten und Gerechtigkeit üben, und dann wird dein Segen auf ihm ruhen. Dann wirst du dich des Opfers deiner Priester und Geistlichen freuen, wenn sie das Irdische lassen und nur mehr nach dem Himmlischen trachten; dann wird das öl deines Segens auf sie niederträufeln. Dann wirst du dich des Brandopfers der Ordensleute freuen, wenn sie sich aus ihrer Erstarrung und Kälte erheben und sich vom Feuer der göttlichen Liebe allseits entzünden lassen. Dann werden die Bischöfe und Prediger Kälber auf deinen Altar legen, wenn sie, voll­kommen in jeder Tugend und des Hl. Geistes voll, unbedenklich ihr Leben hingeben für ihre Schafe. O guter Jesus, was ist denn dein Altar sonst, als dein Kreuz, aus welchem du hingeopfert wurdest? Und das Kalb mit seinem Übermute, was bedeutet es anderes als unseren Leib? Dann also werden sie Kälber auf deinen Altar legen, wenn sie ihren Leib zum Kreuze, d. h. zur Folter und zum Tode dar­bringen, um deines Namens willen. Dann wird deine Kirche wieder aufblühen, dann erweitern sich ihre Grenzen, dann hallt dein Lob von einem Ende der Erde zum anderen, dann ist die Welt voll Freude und Jubel, dann „jauchzen die Heiligen in ihrer Herrlichkeit und frohlocken in ihren Gezeiten“ (Ps. 149, 5) und warten aus uns im Lande der Lebendigen. O Herr, ich bitte dich flehentlich, laß mir die Zukunft schon zur Gegenwart werden! Erbarme dich meiner nach deiner großen Barmherzigkeit! Nimm mich an als Opfer der Gerech­tigkeit, als Gabe der Heiligkeit, als Brandopfer des Ordenslebens und als Lamm deines Kreuzes, wodurch ich aus diesem Tale des Elends in jene Herrlichkeit einzugehen gewürdigt werde, welche du denen bereitet hast, die dich lieben! Amen.

Quelle: Hieronymus Savonarola, Auswahl aus seinen Schriften und Predigten, übersetzt von Joseph Schnitzer, Jena: Eugen Diederichs, 1928, S. 285-305.


[1] Luthers lateinischer Wortlaut mit der Überschrift: „Meditatio pia et erudita Hieronymi Savonarolae a Papa exusti super psalmos Miserere mei et In te, Domine, speravi.“ Wittembergae 1523 abgedr. in der Kritischen Gesamtausgabe seiner Werke, Weimar 1891. B. XII, 248. Die Übersetzung ins Deutsche von M. Joh. Jak. Greiff bei Walch, Luthers Sämtl. Schriften XIV, 223 f.

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