Dietrich Ritschl über Humanität: „Ein wichtiger Test für die Konkretisie­rung der Humanität in der Medizin ist der Umgang mit Behinderun­gen, mit dem nicht therapierbaren Lei­den, mit dem Alter, mit Trauer und Tod. Es gibt heute gute Gründe für die Hoffnung, daß die Ziele der Humanität in Medizin und Gesundheitsgesetz­gebungen, zumindest in großen Li­nien, auch international, d.h. über die Grenzen der Kulturen und Religionen hinweg, Anerkennung finden werden.“

Humanität

Von Dietrich Ritschl

Humanität als eine Grundlage der Medizin

Medizin ruht nach Karl Jaspers auf den beiden Säulen der naturwissen­schaftlichen Erkenntnis und dem Ethos der Humanität; Arzt und Patient müßten beide, je auf ihre Weise, diese Dimensionen der Natur und des Gei­stes, der Wissenschaft und der Huma­nität, ernst nehmen und zu einem Ausgleich bringen. Der Arzt sei „we­der Techniker noch Heiland, sondern Existenz für Existenz, vergängliches Menschenwesen mit dem anderen, im anderen und sich selbst die Würde und die Freiheit zum Sein bringend und als Maßstab anerkennend“. Diese Stimme steht für viele Autoren, die zu den gro­ßen Fragen des Arzt-Patienten-Ver­hältnisses, von Technik und Medizin, von Heilung und Heilauftrag, Hilfe und Helfen, Verantwortung und Ver­trauen geschrieben haben. In generel­ler Hinsicht ist die These, die Humani­tät sei eine der Säulen medizinischer Tätigkeit, ja verantwortlicher zwi­schenmenschlicher Beziehungen über­haupt, gewiß unbestreitbar, aber ist sie inhaltlich hinreichend konkret, um Handlungskriterien und Entschei­dungshilfen abgeben zu können? Der Begriff der Humanität ist in der Tat sehr breit.

Entwicklung des Humanitätsverständnisses

Die Wurzeln des Humanitätsverständ­nisses liegen einerseits im griechischen Denken. Aber hier waren es ursprünglich die Götter, die den schicksalhaft verstrickten Sterblichen gegenüber großmütige Zeichen von Menschen­freundlichkeit erwiesen. Ihr Handeln wurde typenhaft zum Vorbild für tu­gendhafte Menschen, führte auch zur Selbstbescheidung und Hilfsbereit­schaft gegenüber den Mitmenschen und damit zu einem bestimmten Ideal von sittlicher, auch literarischer Bil­dung. Die griechischen Stoiker entfal­teten später den Gedanken der kosmi­schen Vernunft zu einem transnationa­len Ideal von menschlicher Autonomie und Vollkommenheit.

Anders die späteren römischen Wur­zeln: hier bestimmte nicht die Vorstel­lung einer schicksalübergreifenden göttlichen Ordnung und nicht das ethische Ideal der Vollkommenheit den Gedanken der humanitas, sondern die pragmatische Rücksicht auf den Mitmenschen und die politische Ver­antwortung. Aber auch hier spielen die Tugenden eine markante Rolle, die durch Bildung in Literatur, Wissen­schaft, Rhetorik und Musik herange­bildet und verfeinert wurden. Das humanistische Prinzip „Der Mensch ist dem Menschen heilig“ (homo sacra res homini) ist wohl die schönste pro­grammatische Kurzfassung des Re­spekts vor dem Mitmenschen. Die großen römischen Stoiker Cicero und Seneca artikulieren die Philosophie und Ethik des ausgereiften römischen Humanismus, der – wie behauptet wurde – dem Römischen Reich die Werkzeuge der Überlegenheit und Toleranz bot, um die verschiedensten Völker und Religionen innerhalb des Reiches relativ eigenständig gewähren zu lassen.

Das christliche Humanitätsideal fußt freilich auf dem griechisch-römischen Humanismus, entwickelte sich aber erst langsam, weil zunächst eine theo­logische Kritik an der Autonomie des Menschen in der antiken Sicht ange­bracht schien. Der Mensch sollte theonom, nicht autonom, d.h. als Wesen, das von Gott her und nicht aus sich selbst die Lebensgesetze erhält, ver­standen werden. Der „horizontale“ Humanismus bot sich darum vorerst nicht als anthropologisches oder ethisches Konzept an, wenn er auch von Gebildeten in der Kirche immer wieder sozusagen selbstverständlich hochgehalten wurde und u.a. das Mönchtum der Ostkirche beeinflußte. Das Wort humanitas diente einerseits als Sammelkennzeichnung für die sün­dige Menschheit, für die Begrenzung des Menschlichen gegenüber Gott, an­dererseits als Fachterminus für die menschliche Natur Christi, die als mit der göttlichen Natur verbunden, je­doch nicht vermischt verstanden wurde. Erst die frühe italienische Re­naissance entdeckte aufs neue die Aus­sagekraft des römischen Humanitäts­ideals und reagierte damit auf die großen Fragen, die durch die mittelal­terliche Scholastik aufgeworfen wa­ren. Das war keine Kampfansage an die Theologie, vielmehr sah man die Ideale der klassischen Humanität als deckungsgleich mit christlichen Inhal­ten an. Das blieb auch so, als die Fülle des Reichtums klassischer Texte, nun unter Einschluß der griechischen Phi­losophie und des Hebräischen, durch die „Humanisten“ nördlich der Alpen wahrgenommen und studiert wurde. Im 15. Jahrhundert schon wurden die pädagogischen Ziele der klassischen Humanität rehabilitiert und als Bil­dungsideale mit christlicher Lehre ver­knüpft. Erst als Humanisten die Er­haltung außerbiblischer hebräischer Texte forderten und als die offizielle Geschichtsschreibung hier und dort kritisiert und korrigiert wurde, kam es immer mehr zu Konflikten mit der Kir­che. Eine inhaltliche Auseinanderset­zung mit der Theologie fand aber erst in der Reformation, nämlich zwischen Erasmus und Luther, statt. Nun ging es wiederum um die Frage der Autono­mie des Menschen.

Trotzdem hat sich ein christlicher Hu­manismus herausgebildet. Der Huma­nismus der römischen Stoiker wirkte nicht nur auf Calvin ein, sondern auch auf römisch-katholische Theologen und auf protestantische Bildungs­ideale. So kann man gewiß von einer durchgehenden Präsenz des Humanis­mus seit der florentinischen Renais­sance sprechen, wenn auch in unglei­cher geographischer Streuung und in wechselnder Beziehung zur Kirche und dem Menschenbild der Theologie. Der von Gott gewollte Mensch soll Träger wahrer Humanität sein; Men­schen sollen sie sich gegenseitig zu­sprechen, im Mitmenschen das Bild Gottes erkennen.

Interessant ist, daß es schon lange einen auf Texte bezogenen Humanis­mus gab, ohne daß die medizinische Forschung durch diese neue Offenheit gegenüber allem Menschlichen in Gang gesetzt worden wäre. Den Ärz­ten aller Jahrhunderte wird man den ethischen Ernst und eine wahre Huma­nität nicht absprechen können, aber zu einer Förderung des wissenschaftli­chen Umgangs mit dem menschlichen Körper ist es – trotz des nicht unbe­kannten arabischen Vorbilds – erst im 16. Jahrhundert (Paracelsus) und weit danach gekommen. Die besondere Fassung der „ganzheitlichen“ Lehre, der Mensch sei als Ebenbild Gottes er­schaffen und so zu verstehen, hemmte offenbar die wissenschaftlich unum­gängliche Konzentration auf Einzel­heiten, Einzelteile des Körpers und damit auf den Umgang mit dem toten Körper.

In der Aufklärung allerdings verselb­ständigte sich der Begriff von Humani­tät mehr und mehr, er konnte schließ­lich ohne die „Hypothese Gott“ ge­dacht und gepriesen werden. Damit entstand die für die neuere Zeit cha­rakteristische Frage nach der Verein­barkeit von klassischen Idealen der Humanität mit dem christlichen Glau­ben.

Die Katastrophen und Unmenschlich­keiten unseres Jahrhunderts haben in­nerhalb und außerhalb der Kirchen die Frage brennend werden lassen, ob diese Gegenüberstellung überhaupt sinnvoll sei und ob es nicht eine trans­kulturelle Humanität gäbe, an der sich dann politische und freilich auch medizinethische Minimalrichtlinien fest­machen ließen. Die UN-Charta der Menschenrechte von 1948 und die ihr folgenden Menschenrechtspakte und -konventionen sind ein historisch gänzlich neuer Schritt auf die Aner­kennung universaler Humanität hin, der auch für die Medizin von unerhör­ter Bedeutung ist. Die Stellung der Weltreligionen sowie des Marxismus zur Humanität ist nun zum Thema ge­worden; und während bis in die anti­ken Wurzeln des abendländisch-christlichen Humanitätsbegriffs politi­sches Streben und soziale Diskriminie­rung die Feinde wahrer Humanität waren, so gesellen sich heute die Ge­fahren der Auswüchse des technisch „Machbaren“ hinzu. Hier sind heute auch Medizin und Gesundheitswesen auf dem ethischen Prüfstand.

Humanität und Medizin

Ob moderne Medizin auf dem Weg zur Inhumanität sei, wird heute oft disku­tiert. Die generelle Beschuldigung ist sicher unhaltbar, aber die Anonymisie­rung im Gesundheitswesen, die fast ausschließlich auf Somatisches und Technisches konzentrierte Ausbildung der Ärzte und Ärztinnen (d. h. die Ein­schränkung der Psychosomatik auf enge Felder der inneren Medizin), das Überhandnehmen der Pharmakopsychiatrie sowie die überaus hohe Spezialisierung vieler Fachleute und die oft maßlose technische Ausstat­tung kleinerer Krankenhäuser aus Pre­sti­gegründen im euro-amerikanischen Raum, aber auch in der sogenannten Dritten Welt, die Schwierigkeiten der Gesellschaft mit den Behinderten, dies alles sind Tendenzen, die der oben zi­tierten Einsicht, die Medizin ruhe auf den Säulen der Naturwissenschaft so­wie der Humanität, zuwiderlaufen. Es hat keinen Sinn, diese Gefahren aus standespolitischen oder Prestigegründen zu bagatellisieren. Sie können nur durch Änderungen in der ärztlichen Ausbildung, durch engere Zusammen­arbeit mit Pflegeberufen und anderen Nachbarberufen, durch eine allge­meine Aufwertung der Allgemein- und Familienmedizin, durch Balintgruppen und andere patientenbezogene Maßnahmen gebannt werden. Die Klage über moderne Medizintechno­logie (z. B. Intensivstation) ist zumeist sinnlos; sinnvoll ist die Forderung nach mehr Geist und Humanität im Zusammenspiel mit der Technologie. Das „Ethos der Humanität“ ist gewiß das Milieu, in dem allein Medizin und Heilauftrag verantwortlich geschehen können. Aber damit ist noch nicht ge­sagt, daß Humanität hinreichend kon­krete Richtlinien für ethisches Han­deln im Gesundheitswesen, in der medizinischen Ethik überhaupt, bieten kann. Ethische Entscheidungen bedür­fen nicht nur eines Milieus oder einer Grundhaltung, sondern durchreflek­tierter ethischer Konzepte. Bei der Komplexität heutiger Probleme ist dies dringlich geworden, z. B. im Hin­blick auf genetische Beratung. Freilich ist die „Grundhaltung“ der Humanität für solche ethischen Konzepte wirk­lich unverzichtbar: die Würde und Freiheit der Patienten (im Gesund­heitswesen: ganzer Städte, Landstri­che und Völker) achtend, ihre Identität erlaubend, die Entfaltung und Weiter­führung ihrer Lebensgeschichte re­spektierend – das sind die echten Grundlagen der Humanität für eine jede Medizin. Eher zweitrangig ist die Fra­ge, ob Humanität als Richtlinie in den sogenannten ärztlichen Gelöbnis­sen einen zentralen Platz einnehmen solle, deren faktische und juristische Bedeutung ohnehin nicht erheblich ist. Ein wichtiger Test für die Konkretisie­rung der Humanität in der Medizin ist jedoch der Umgang mit Behinderun­gen, mit dem nicht therapierbaren Lei­den, mit dem Alter, mit Trauer und Tod. Es gibt heute gute Gründe für die Hoffnung, daß die Ziele der Humanität in Medizin und Gesundheitsgesetz­gebungen, zumindest in großen Li­nien, auch international, d.h. über die Grenzen der Kulturen und Religionen hinweg, Anerkennung finden werden.

Literatur: Cicero. De officiis / Vom pflichtgemäßen Han­deln, hrsg. von H. Gundermann (Stuttgart 1976); D. v. Engelhardt, Arzt und Patient zwischen Wis­senschaft und Humanität, in: Schlesw.-Holst. Ärzteblatt 8 (1986) 458-464 (über K. Jaspers); E. Fromm, Das Menschliche in uns (Konstanz 1968); J. G. Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784; ders., Briefe zur Beförderung der Humanität. 1793; W. Huber / H. E. Tödt, Menschenrechte. Perspektiven einer menschlichen Welt (München 31988); G. Krüger, Abendländische Humanität (Stutt­gart 1953); T. G. Masaryk, The Ideals of Humanity (London 1937); R. Niebuhr, The Nature and Destiny of Man, 2 Bde. (New York/London 1941, 1943); T. Rendtorff / A. Rich (Hrsg.), Humane Gesellschaft (Zürich 1970); G. Rohrmoser, Humanität heute – Ende oder Vollendung (Stutt­gart 1976); H. Schipperges, Die Medizin in der Welt von morgen (Düsseldorf/Wien 1976); ders., Der Garten der Gesundheit. Medizin im Mittelalter (München/Zürich 1985); P. Tillich, Huma­nität und Religion. Auf der Grenze (Stuttgart 1962); V v. Weizsäcker, Pathosophie (Göttingen 1956).

Quelle: Albin Eser/Markus von Lutterotti/Paul Sporken (Hrsg.), Lexikon Medizin Ethik Recht, Freiburg-Basel-Wien, 1989, Sp. 531-538.

Hier der Text als pdf.

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