Johannes Rehm, Mit Anstand wirtschaften (Katholikentag 2026, Würzburg): „‚Mit Anstand wirtschaften‘ setzt für mich als Christenmenschen voraus, dass ich Gott den Schöpfer als den Herrn meines Lebens verehre und seine Hausordnung respektiere in Dankbarkeit für die Gaben, die er mir für mein Wirtschaften zur Verfügung stellt. Die Mitmenschen, mit denen ich zusammenarbeite und für die ich wirtschafte, respektiere ich als Geschöpfe Gottes. Das drückt sich ganz konkret in einem versöhnlichen Umgang auch mit anstrengenden Zeitgenossen aus, insbesondere dann, wenn es schwierig wird.“

Mit Anstand wirtschaften

Von Johannes Rehm

Wirtschaften gehört zum menschlichen Leben dazu. Solange wir leben, solange wirtschaften wir. Die sogenannte Wirtschaft ist nicht ein abgegrenzter Sektor unserer Gesellschaft, sondern sie ist fester Bestandteil unser aller Leben. Die Wirtschaft, das sind nicht nur die Arbeitnehmer, die Unternehmer und die Handwerker. Nein, die Wirtschaft das sind wir alle. Indem wir einkaufen, sparen, besitzen, mieten, investieren oder es gerade unterlassen, sind wir bereits Teil von Wirtschaft. Wirtschaftsbürger und Wirtschaftsbürgerinnen, das ist es, was wir alle sind und deshalb geht es alle an, wie es um unsere Wirtschaft steht.

Diese Veranstaltung ist nun die gute Gelegenheit, dass wir ins Reden und Nachdenken darüber kommen, wie wir wirtschaften. Denn wir können als Menschen nicht nicht wirtschaften. Aber als grundsätzlich vernunftbegabte Wesen dürfen wir uns schon ermutigt fühlen, darüber nachzudenken, wie wir nun wirtschaften wollen. Bei diesem Nachdenken ist unsere Haltung angesprochen, unsere Ziele sind ebenso gemeint so wie unsere einschlägigen konkreten Aktivitäten. Es geht also um unser Ethos. Dieser Begriff gefällt mir besser als die missverständliche Rede von der Moral.

Zu dieser sich in jedem Leben stellenden herausfordernden Frage nach einem Ethos für wirtschaftende Menschen kenne ich ein Buch, das ganz tiefe Weisheiten guten und gelingenden Lebens und Wirtschaftens enthält, die sich über Generationen bewährt haben. Ich sage aber auch gleich vorweg: es beinhaltet auch strenge Regeln nicht zuletzt über menschliches wirtschaftliches Handeln. Ich rede von der Bibel, welche die gemeinsame Grundlage bildet für den Glauben evangelischer, katholischer und orthodoxer Christinnen und Christen. In unserem Kulturkreis ist die Bibel ein Buch, das von ungewöhnlich vielen Menschen besessen und von ungewöhnlich wenigen Menschen gelesen sowie beherzigt wird. Zugegeben, es ist ein dickes Buch, das sich nicht sofort und von selbst erschließt. Und doch ist sie ein Buch für alle Lebenslagen. In der Bibel ist natürlich auch durchgängig von wirtschaftenden Menschen die Rede. Sehr viele Bibelworte wären da zu nennen, die unserem wirtschaftlichen Handeln Orientierung und Korrektur zu geben vermögen. Ich beschränke mich hier auf ein einziges Bibelwort, in dem wie in einem Brennglas alles gebündelt ist, was die Bibel zur Wirtschaft sagt. Es steht im Gesangbuch des Volkes Israel dem Psalter, den auch Jesus und seine Jüngerschaft gebetet haben. Psalm 127 Vers 1: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“

Der Herr, das ist der Gott der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, der Schöpfer Himmels und der Erde, den Jesus Christus dann „Abba“ lieber Vater nennt. Der heilige und ewige Gott baut, er ist tätig und wirtschaftet selbst. Wie und wann tut er das? Die wunderschöne Kirche, in der wir gerade beisammen sind, ist selbst die Antwort: „Bürgerspitalkirche zum heiligen Geist.“ Gottes Geist weht wo und wann er will. Er ist uns in seinem Geist nahe an den Sonn- und Feiertagen sowie an den alltäglichen Werktagen unseres Lebens. Im Glauben lässt er sich von uns erfahren als der schöpfende, versöhnende und erlösende Gott. Wer sich von seinem Geist ergreifen lässt, der wird demütig und dankbar für Gottes Schöpfung einschließlich seiner Gaben. Denn diese sind uns leihweise anvertraut zum verantwortlichen Gebrauch. Was wir haben und was wir schaffen, das setzt die Gaben des Schöpfers voraus und ist nur vordergründig unser Verdienst.

Wenn ich diese Sichtweise der Bibel einnehme, dann verändert sich alles in meinem Leben und nicht zuletzt ändert sich mein Wirtschaften. Denn ich wirtschafte in dieser Welt nicht in meinem Wohnzimmer, in meinen vier Wänden, sondern ich arbeite mit in Gottes eigenem Haus. Diese biblische Redeweise vom Haus Gottes veranschaulicht das Gemeinwesen, in dem wir leben und tätig sind. Die Umweltbewegung hat zu Recht immer wieder auf die Hausordnung Gottes verwiesen. In keinem Haus, in dem verschiedene Menschen zusammenarbeiten, wird das ohne eine verbindliche Ordnung gelingen. Wirtschaft ist Kooperation. Und Zusammenarbeit braucht gewisse Regeln.

In den zehn Geboten wird bevor von der menschlichen Arbeit die Rede ist, gleich vorneweg auf den Ruhetag verwiesen. Den Israeliten und ihren Nachfahren wird eingeschärft, dass sie unbedingt an den Sabbattag denken sollen, um diesen zu heiligen: Sechs Tage arbeiten und dann einen Tag der gesegneten Arbeitsruhe – so geht es. Die Christenheit hat den Ruhetag um einen Tag verschoben und nach Ostern zum Tag der Auferstehungsfreude transformiert ohne diesen heilsamen Wechsel von Arbeit und Ruhe damit aufzugeben. Dankbar dürfen wir sein, dass wir in einem Land leben, welches durch seine Rechtsordnung den Sonntag schützt. Schön und lebensdienlich ist es, wenn er bitte weiterhin arbeitsfrei bleibt. Noch schöner wird er, wenn wir den Sonntag durch die Teilnahme an einem Gottesdienst heiligen. Denn dort bekommen wir noch etwas anderes zu hören als in den vielen Worten des Arbeitsalltags. Nämlich das Evangelium von dem uns in Jesus Christus verschwenderisch gnädig zugewandten Gott.

Die Hausordnung Gottes, wie sie sich etwa in den zehn Geboten ausdrückt, beinhaltet eine weitere strenge Grenzziehung: Finger weg vom Haus und dem gesamten Besitz des anderen. Auf gar keinen Fall sollst du Geschöpf begehren, was dir nicht gehört oder zusteht. Diese Grundregel wirtschaftlichen Handelns kann man so direkt wie sie ausgesprochen wird in die Compliance Richtlinien moderner Unternehmen aufnehmen und sie sich selbst hinter die Ohren schreiben. In vielen Unternehmensgrundsätzen findet sich heute die Aussage, dass man mit Werten wirtschaften will. Ein großes Versprechen. Ich denke, dass wir schon ganz gut sind, wenn es uns im Arbeitsalltag, der natürlich auch von Konkurrenz und Wettbewerb geprägt ist, wenn es uns da zumindest gelingt mit Anstand zu wirtschaften.

Anstand ist ein altmodisches Wort. Als Kind wurde ich dankenswerterweise dazu angehalten, mich anständig zu benehmen. Damit war zuallererst gemeint, dass ich Menschen, denen ich begegne, höflich begrüße und ihnen so meinen Respekt bekunde. Respekt ist Anstand.

„Mit Anstand wirtschaften“, setzt für mich als Christenmenschen voraus, dass ich Gott den Schöpfer als den Herrn meines Lebens verehre und seine Hausordnung respektiere in Dankbarkeit für die Gaben, die er mir für mein Wirtschaften zur Verfügung stellt. Die Mitmenschen, mit denen ich zusammenarbeite und für die ich wirtschafte, respektiere ich als Geschöpfe Gottes. Das drückt sich ganz konkret in einem versöhnlichen Umgang auch mit anstrengenden Zeitgenossen aus, insbesondere dann, wenn es schwierig wird.

Doch das Wirtschaften nach Gottes Hausordnung hat eine große Verheißung: Gott kann seinen Segen geben zu unserem Tun, dass unserer Anstrengung und unseren Bemühungen Gelingen beschieden ist und unsere Mühe und Plage dem Wohle unserer Mitmenschen dient, welche unsere Nächsten sind.

Wir alle wissen und haben es schon schmerzlich erlebt, dass wir den Segen Gottes nicht in der Hand haben, sondern dass er uns versagt und vorenthalten bleibt, obwohl wir ihn verdient zu haben meinen. Gott ist der Herr der Welt sowie Anfang und Ziel allen Lebens. Wir sind auf ihn verwiesen und angewiesen, aber wir dürfen mit unseren Bitten zu ihm kommen und ihm mit seinen Verheißungen in den Ohren liegen.

Wir leben derzeit in politisch und wirtschaftlich angespannten Zeiten. Voraussichtlich werden wir lernen müssen auf manchen Luxus, Komfort und gewohnte Sicherheiten zu verzichten. Immer wieder wird gefordert, dass in unserem Land mehr gearbeitet werden muss. Ich bin da skeptisch, denn arbeitende Menschen brauchen auch Zeit für die alten und die jungen Familienmitglieder sowie für ihre Beziehungen, wenn das Leben gelingen soll.

In der bayerischen Verfassung heißt es mit gutem biblischem Grund: „Jedermann hat das Recht, sich durch Arbeit eine auskömmliche Existenz zu schaffen.“ (Art. 166, 2) Dies ist eine zentrale Dimension guter, lebensdienlicher Arbeit. Insofern bedarf es aus meiner Sicht insbesondere einer Qualitätsoffensive für gute Arbeit im Sinne einer erfüllenden und existenzsichernden Tätigkeit.

Die Beachtung der Hausordnung Gottes hilft uns, Wirtschaften und Ruhen in eine heilsame Balance zu bringen. Die Sozialstaatsklausel des Grundgesetzes verdient immer wieder in Erinnerung gerufen zu werden: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ (Art. 20,1) Viele Väter und Mütter des Grundgesetzes waren bewusste Christinnen und Christen gewesen. Sie wussten von daher, dass uns unser Schöpfer die Armen ganz besonders ans Herz legt.

„Mit Anstand wirtschaften“ – wie geht das? Wie macht man das? Der bloße moralische Appell nach dem Motto: jetzt reißen wir uns alle einfach mal zusammen, reicht nicht. So einfach wird es nicht sein, denn die Eigengesetzlichkeit der Welt und die Egoismen von Menschen drängen in andere Richtungen. Vielmehr bedarf es eines lebenslangen geistlichen Lernens im Sinne einer Spiritualität beziehungsweise einer Frömmigkeit der Arbeit.

Mir hilft es, jeden Tag mit den beiden Bibelworten der bekannten Herrnhuter Losungen zu beginnen. Und gerade im Arbeitsprozess noch einmal daran zu denken, was die aktuelle Losung oder der zugehörige Lehrtext für mein Tätigsein gerade bedeuten. Dazu gehört, am Ende eines Tages dem Schöpfer die Menschen im Gebet anzuvertrauen, die mir begegnet sind und mit denen ich zusammenarbeitete. Vor allem vertraue ich auf den Segen des Herrn bei all meinem Tun und Lassen.

„Hab Mut, steh auf“ – das ist das sehr zeitgemäße Motto dieses Katholikentags. Es findet sich im Markus Evangelium. (Mk 10, 49) Diese Worte gelten zuerst dem blinden, bettelnden Bartimäus, der gerade bei seiner Arbeit dem Betteln ist, und nun den vorüberkommenden Jesus um Hilfe bittet. Zweimal hatte er gerufen: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir.“ Auf die im überlieferten Evangelium unmittelbar folgenden Worte seiner Freunde an Bartimäus kommt es nun entscheidend an: „Er (Jesus) ruft dich.“ Seit dieser heilsamen Begegnung, liebe Schwestern und Brüder, ist klar, dass sich mit der Sendung Jesu die Zeiten geändert haben und dass kein Arbeitsplatz in Gottes Augen ein hoffnungsloser Ort und kein Mensch ein hoffnungsloser Fall ist. Wenn es uns gelänge, dass diese spezifische begründete Hoffnung zu unserer ganz persönlichen Hoffnung wird, dann werden wir es immer besser lernen die Hausordnung Gottes einzuhalten und mit Anstand zu wirtschaften. Dafür erbitte ich Gottes reichen Segen für uns alle.

Dreieiniger Gott,
wir danken dir
für die Güter deiner Schöpfung,
mit denen du uns gesegnet hast.
Wir bitten dich, bewahre uns vor übermütigem
und verantwortungslosem Handeln,
das unserem Nächsten schadet.
Beschenke uns mit deinem Geist,
dass wir verantwortliche Entscheidungen treffen können.
Amen.

Impuls bei der Veranstaltung „Mit Anstand wirtschaften“ am 16. Mai 2026 beim Katholikentag in Würzburg in der Bürgerspitalkirche zum Heiligen Geist.

Hier der Text als pdf.

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