Christian Gerber, Vom Kirchenschlaf (Unerkannte Sünden der Welt, 1690): „Hingegen ist es gewisslich eine sehr schwere Sünde, wenn junge oder sonst frische und gesunde Leute, die Gottes Wort besonders nötig haben und oft im Christentum sehr schlecht unterrichtet sind, dennoch aus schändlicher Faulheit und Gewohnheit während des Gottesdienstes schlafen und schnarchen – vom Anfang bis zum Ende. Dann gehen sie aus der Kirche, ohne irgendeine Besserung ihres Christentums, und geben sich damit zufrieden, dass sie ’nur‘ in der Kirche gewesen sind. Dabei haben sie weder mit andächtigem Gesang ihre Herzen zu Gott erhoben, noch das gepredigte Wort mit Andacht gehört, sondern die Zeit mit süßem Schlaf zugebracht. Das ist wahrlich eine sehr große Sünde: aus dem Hause Gottes, in dem man beten und lernen soll, ein Schlafhaus zu machen.“

Vom Kirchenschlaf (Unerkannte Sünden der Welt, 1690)

Von Christian Gerber

§ 1

Es ist vor aller Welt offenbar, dass auch unter uns evangelischen Christen der allerheiligste Sonntag des Herrn mit vielfältigen Sünden entheiligt wird – sei es durch Arbeit, die wohl bis auf einen anderen Tag hätte verschoben werden können, sei es durch Saufen, Spielen, unnötige Reisen und dergleichen. Was aber noch schwerer wiegt: Wir müssen bekennen, dass selbst beim Gottesdienst und in der Kirchenversammlung große, ja wohl die größten Sünden begangen werden – wenn nämlich fleischlich gesinnte Herzen unheilige, unkeusche, unzüchtige, feindselige, rachsüchtige und tausend andere böse Gedanken im Hause Gottes haben; wenn sie nicht aus einer heiligen Ursache, sondern aus anderen unheiligen, sündhaften Gründen, ohne Vorbereitung in die Kirche kommen, ohne Aufmerksamkeit und Andacht ein paar Stunden lang darin verharren und ohne Prüfung und Besserung wieder hinausgehen.

Unter all den Sünden, die in der Kirche begangen werden, ist auch der mutwillige Kirchenschlaf keine geringe. Ich spreche dabei nicht von denen, die – wie der Jüngling Eutychus in Apostelgeschichte 20, Vers 9 – bisweilen selten und mehr aus leiblicher Schwäche als aus Nachlässigkeit und Gewohnheit vom Schlaf überfallen werden.

Zum Beispiel: Ein frommer Christ könnte auf einer Reise einige Tage ermüdet haben. Er kommt nach Hause und möchte, weil der heilige Sonntag gerade bevorsteht, die öffentliche Versammlung nicht versäumen. Er geht also in die Kirche, ist aber noch nicht ausgeruht – und wird unversehens vom Schlaf übermannt. Oder einer frommen Seele widerfährt es, dass sie eine sehr unruhige und schlaflose Nacht hatte, und obwohl sie dennoch das Haus des Herrn nicht unbesucht lassen will, überkommt sie während des Gottesdienstes der Schlaf. Solches begegnet besonders auch alten Leuten häufig, dass sie unversehens in Schlaf geraten, sehr zu ihrem eigenen Missfallen. Denn weil ihre körperlichen Kräfte nachgelassen haben und das schwache Alter sich bei ihnen bemerkbar macht, ist das kein Wunder.

Von diesen Menschen ist hier nicht die Rede – Gott wird ihnen ihren Kirchenschlaf aus Gnaden zugutekommen lassen. Ich vertraue auch auf gottselige Seelen, dass, wenn sie manchmal gegen ihren Willen in Schlaf geraten, sie diesen in dem Augenblick herzlich bereuen, sich über die Trägheit ihres Herzens betrüben und es dem lieben Gott in wahrer Demut abbitten.

§ 2

Hingegen ist es gewisslich eine sehr schwere Sünde, wenn junge oder sonst frische und gesunde Leute, die Gottes Wort besonders nötig haben und oft im Christentum sehr schlecht unterrichtet sind, dennoch aus schändlicher Faulheit und Gewohnheit während des Gottesdienstes schlafen und schnarchen – vom Anfang bis zum Ende.

Dann gehen sie aus der Kirche, ohne irgendeine Besserung ihres Christentums, und geben sich damit zufrieden, dass sie „nur“ in der Kirche gewesen sind. Dabei haben sie weder mit andächtigem Gesang ihre Herzen zu Gott erhoben, noch das gepredigte Wort mit Andacht gehört, sondern die Zeit mit süßem Schlaf zugebracht.

Das ist wahrlich eine sehr große Sünde: aus dem Hause Gottes, in dem man beten und lernen soll, ein Schlafhaus zu machen. Man will den Anschein erwecken, als wolle man Gott mit Gebet und Andacht dienen – und dient stattdessen seinem sündhaften Fleisch mit Schlaf. Gottes Wort achtet man nicht einmal so sehr wie das Geschwätz eines Landstreichers oder liederlichen Komödianten.

Diesen hört man – besonders auf dem Dorf in offenen Bierschenken – willig stundenlang bis Mitternacht zu, ohne zu schlafen, und gibt sogar noch Geld dafür. Aber Gottes Wort achtet man der Ehre und einer aufmerksamen Betrachtung nicht wert; es ist „etwas Altes, Altes“ – man schläft lieber währenddessen.

§ 3

Dergleichen faule Christen mögen nun in dieser Sache Entschuldigungen vorbringen, wie sie wollen: man tue es nicht eben mit Fleiß, oder man habe zu Mittag gegessen – so könne einen leicht der Schlaf überfallen; es sei warmes Wetter – das trage auch viel dazu bei usw.

Allein: Sollte ich mich denn nicht eine Stunde lang zwingen und des Schlafes enthalten können? Sollte ich nicht um des göttlichen Wortes willen lieber nur eine geringe und maßvolle Speise genießen, damit ich mich des Schlafes desto leichter erwehren könnte?

Es kommt doch nichts anderes dabei heraus als ein Ekel, eine Verachtung und eine Geringschätzung des göttlichen Wortes – man verhüllt es, wie man will. Es ist kein Eifer, keine Liebe, keine Andacht, kein Verlangen, kein Fleiß vorhanden bei solchen Titel-Christen; darum stellen sie sich so schläfrig an.

Ach, wenn doch solche Leute bedenken wollten, was der gottselige Herr Arndt sagt (Postilla, Teil 1, Seite 165): nämlich, dass der Schlaf unter den Predigten gewisslich nicht allemal nur natürlich sei, sondern auch vom Teufel selbst durch höllischen Beistand oft bewirkt werde.

Ja freilich hat der böse Geist, der ein Feind des Wortes und der geistlichen Saat ist, sein Spiel beim mutwilligen, faulen Kirchenschlaf. Er sucht mit Fleiß, den Menschen in Schlaf zu bringen, damit dieser nicht etwa eine gute Lehre, eine Ermahnung oder Trost und Stärkung zu Herzen fasse. Ja, er sucht sogar unser geistliches Wachstum zu verhindern. Vornehmlich aber kann er die geistliche Freude nicht leiden – darum verhindert er, dass durch anmutiges Singen das Herz zur Freude in Gott ermuntert werde.

Und diesen verdammlichen Zweck erreicht er bei allen, die aus schändlicher Gewohnheit in der Kirche zu schlafen pflegen.

§ 4

Diese Sünde wiegt umso schwerer, weil sie von so wenigen überhaupt erkannt wird. Man meint, das habe nichts zu bedeuten. Man verschläft wohl eine ganze oder halbe Predigt und macht sich kein Gewissen daraus.

Ich bitte dich aber, mein Christ:
Bedenke doch –
(1) Du seist so hochgestellt, wie du willst – du bist deinem Gott dennoch Ehrerbietung, Demut, Gehorsam, Lob, Liebe usw. schuldig. Warum erweist du ihm diese Stücke nicht in der Versammlung?
(2) Wenn noch ein Fünkchen Gottesfurcht in dir ist, wird dir dein Gewissen sagen, dass es nicht recht ist, in der Kirche durch Schlaf und Faulheit die Ruhe deines Leibes zu suchen.
(3) Haben nicht die alten und jetzigen Heiden bei ihrem falschen Götzendienst stets großen Eifer und Andacht gezeigt?

Es ist ja jedermann bekannt, wie eifrig, ehrerbietig und andächtig sich die Türken bei ihrem Gottesdienst zeigen. Ähnliches weiß man von den Brasilianern, Indianern, Brahmanen, Chinesen in Kampanien – die doch den Teufel in einem Bilde anbeten! Ebenso vom König und den Untertanen auf der Insel Ceylon und vielen anderen mehr: dass sie großen Eifer bei ihrem Götzen- und Teufelsdienst zeigen.

(a) Ach, Gott erbarme sich dieser armen, blinden Leute!
Ja, siehe nur die Juden an: wie munter und eifrig, ja wie streng sie ihren Sabbat halten. Gewiss werden sie am Jüngsten Tage auftreten und unsere faulen Kirchenschläfer mitverdammen helfen!

(4) Erschwerst du durch deinen Kirchenschlaf andere Leute, die durch dein schlechtes Vorbild dahin verführt werden, dass auch sie Gottes Wort gering achten und es keiner Ehrerbietung und keines eifrigen Fleißes oder aufmerksamen Zuhörens wert halten?

Du bist doch verpflichtet,
(5) mit gutem Beispiel andere Menschen zu eifriger Andacht und Ehrerbietung gegenüber dem göttlichen Wort zu ermuntern.
(6) So wirst du an deiner Seele ein Mörder – du gönnst ihr kein Wachstum. Wenn der himmlische Weingärtner, Jesus, durch seinen Diener an deiner Seele arbeiten will – hacken, schneiden, binden, befeuchten – so verschläfst du das alles.

Wie viele schöne Lehren, Ermahnungen und Tröstungen könntest du hören, merken und behalten für künftige Notwendigkeit – aber du bist in deinen Gedanken reich und satt. Du meinst, du wüsstest alles so gut, wie es dir der Prediger sagen mag – vielleicht gar besser.

Und du merkst nicht, dass du elend und jämmerlich, arm, blind und bloß bist (vgl. Offenbarung 3,17).

Ach, Gott erbarme sich deiner armen Seele! Es gibt nichts Gefährlicheres, als wenn ein Mensch krank ist und dabei so verwirrt im Sinn, dass er es nicht glaubt und sich keineswegs helfen lassen will. Und so ist es mit dir beschaffen.

§ 5

Ich bitte aber nochmals: Willst du Gott dienen, so lass es dir ein Ernst sein. Dein Herr Jesus, der bei seinem Leiden weder Tag noch Nacht Ruhe hatte, sondern sich martern und quälen lassen musste – wie es die Passionsgeschichte lehrt –: Ach, derselbe treue Heiland wird ja um dich so viel verdient haben, dass du des Sonntags in der Kirche eine so kurze Zeit in Andacht und ohne Schlaf ihm zu Ehren verharrst.

Willst du das nicht glauben und tun, so hast du keinen Teil an ihm. Ach, es gehört viel Wachen, viel Beten, viel Fasten, viel Seufzen, viel Fleiß und viel Eifer dazu, wenn man Gott recht dienen und selig werden will.

Es geschieht oft, dass wir schlaflose Nächte haben und uns beklagen, wir hätten in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan und wenig ruhen können – besonders in Krankheiten ist es sehr gewöhnlich, dass der Patient in vielen Nächten nicht schlafen kann, sondern durch stetes Wachen und Schlaflosigkeit völlig entkräftet und ermattet wird.

Ach, lasst uns in solchen Fällen bedenken, es geschehe vielleicht nicht ganz ohne göttlichen Grund: Ich halte es ganz dafür, dass Gott uns hierdurch wiederum züchtigen will, weil wir womöglich in der Kirche geschlafen und ohne Ehrerbietung und Andacht in großer Lauheit oder Faulheit sein Wort angehört haben.

Darum bitte ich: Jeder, der des Nachts nicht schlafen kann, wolle bei sich selbst bedenken, ob er nicht vielleicht manchmal in der Kirche sanfter geschlafen habe als im eigenen Bette.

Und ist uns eine einzige schlaflose Nacht so beschwerlich – wie viel beschwerlicher wird es denn den mutwilligen Kirchenschläfern einst in der Hölle sein, wenn sie weder Tag noch Nacht Ruhe haben, zudem aber keine weichen Betten, sondern ein hartes Lager daselbst antreffen werden?

§ 6

Darum achte ja niemand den Kirchenschlaf für eine schlechte und geringe Sünde! Dass das Christentum so sehr gefallen ist – und (ach, dass es Gott erbarme!) noch immer weiter fällt –, daran ist gewiss auch der Kirchenschlaf mit schuld.

Woher soll eine göttliche Erkenntnis des Christentums, woher sollen Glaube und ein heiliges Leben kommen, wenn man Gottes Wort so verächtlich behandelt? Dann entzieht Gott seinen Segen, und der Mensch wird immer gleichgültiger, lauer, leichtsinniger und boshafter.

Ich bin gewiss, dass mancher bloß aus Gewohnheit in die Kirche geht, aber nicht glaubt, dass es eine große Sünde sei, wenn er dort schläft. Viele haben wohl Zeit ihres Lebens diese Sünde dem lieben Gott nicht einmal abgebeten – und eben dadurch laden sie unerkannte Schuld auf ihre arme Seele.

Ach, so hüte sich ein jeder Christ vor mutwilligem Kirchenschlaf! Und wenn er diese Sünde begangen hat, so bitte er Gott darum mit Reue und Buße um Vergebung.

Es sorge auch ein jeder Christ dafür, dass er seinen Nächsten auf jede Weise zur Andacht ermuntere. Denn gewiss kann niemand mit gutem Gewissen stillschweigend dulden, dass sein fauler Nachbar in der Kirche die Zeit mit Schlafen verbringt. Vielmehr ist er, um der Ehre Gottes willen, verpflichtet, seinen Nachbarn mit Bescheidenheit zu ermuntern und zu ermahnen, dass er sich im heiligen Hause Gottes den Schlaf nicht gefallen lasse.

Die ganze heilige Dreifaltigkeit – Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist – ist ja zugegen. Und ebenso die heiligen Engel Gottes.

Wie sollten Christen sich in solch heiliger Versammlung und Gemeinschaft nicht ehrerbietig verhalten?

Quelle: Christian Gerber, Unerkannte Sünden der Welt, Band 1, Dresden: Christoph Hekel, 5. Auflage, 1708, 2. Kapitel, S. 11-21.

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