Schalom Ben Chorin, Kritik des Esther-Buches. Eine theologische Streitschrift (1938): „Aber zurück zum Amtsantritt Mardochais. Was tut er? Verzeiht er grossmütig seinen Feinden und amnestiert begangene Gewalttaten? Nichts dergleichen. Mardochai macht Revolution mit Erlaubnis der Obrigkeit. Das ist die peinlichste Art von Terror, die man sich denken kann: Terror ohne Risiko. Ein Pogrom, der von der Regierung ge­deckt wird, ist um nichts besser, wenn er von Juden begangen wird. Das haben uns die Antisemiten des öfteren schon vorgeworfen. Und wir haben nichts anderes tun können als lendenlahm einzuwenden, dass die Sache verjährt sei. Sie ist leider nicht verjährt. Sie wäre verjährt, tausendmal schon, begingen wir nicht jedes Jahr wieder Purim und identifizierten uns damit mit den jüdischen Pogrom-Helden von damals.“

Kritik des Esther-Buches. Eine theologische Streitschrift (1938)

Von Schalom Ben Chorin

I

Ich schlage vor, das Purim-Fest vom jüdischen Kalender abzusetzen und das Buch Esther aus dem Kanon der Heiligen Schriften auszuschliessen. Fest und Buch sind eines Volkes unwürdig, das gewillt ist, seine nationale und sittliche Regeneration unter ungeheuren Opfern her­beizuführen; stellen sie doch eine Verherrlichung der Assimilation, des Muckertums, der hemmungslosen Erfolgsanbeterei dar. Tatsächlich ist die Kanonizität des Estherbuches seit je umstritten. Der Kirchen­vater Eusebius (der den Bericht des Bischofs Melito von Sardes anführt, Hist. Eccl. IV, 26), welcher sich um 170 durch die Rabbiner über die Bücher der jüdischen Bibel belehren liess, nennt das Estherbuch überhaupt nicht.

Ueber die teilweise vernichtende Beurteilung, die das Estherbuch in Talmud und Midrasch fand, lese man in dem vorzüglichen Buch von Dr. Siegmund Jampel, „Das Buch Esther“ (Frankfurt a. M. 1907, S. 11 ff.) nach. Hier sei nur erwähnt, dass der Tanaite R. Josua und die Amoräer Samuel und Rab Jehuda dem Estherbuch jede Qualifi­kation zur Aufnahme in den Kanon absprechen.

II

Ich widerrufe alles, was ich in Vers und Prosa über das Estherbuch, sein Fest und seine Gestalten geschrieben habe und gestehe frei­mütig, einem traditionellen Irrtum erlegen zu sein. Mögen es viele als Ketzerei verdammen; ich glaube, es gibt nur eine Sünde gegen die Heilige Schrift: den Indifferentismus. Man muss die Schrift wieder so ernst nehmen, dass man bebt vor Begeisterung und Ablehnung; dass man entschlossen ist, aller Sentiments ungeachtet, sich dem Wort neu zu konfrontieren.

Das Buch Esther ist mir zum Aergernis geworden. Es ist nicht dik­tiert vom Geiste der Heiligkeit, sondern es ist das Hohelied der Op­portunität. Sein einziges Positivum liegt im Aesthetischen; es ist eine der genialsten Novellen der Weltliteratur, der nur Cervantes und Kleist in ihren besten Erzählungen nahekommen.

III

Das Esther-Buch besteht aus fünf Handlungsgängen, die ein küh­ner Novellist zu einer Fabel zusammenführt: 1. Vasthi-Episode, 2. Esther-Roman, 3. Haman-Novelle, 4. Mardochais patriotische Ver­dienste, seine Gefährdung und Erhöhung, 5. Furcht und Rache der Juden.

Die Vasthi-Episode interessiert nur als Motivierung des Esther-Romans und weil sie tiefe Einblicke gewährt in den zügellosen, des­potisch-dummen, wankelmütigen und gewalttätigen Charakter des Königs Achaschverosch.

Nun aber der Esther-Roman selbst! Drei Momente — auf die schon Gunkel in seiner 1916 erschienenen Untersuchung über das Estherbuch hingewiesen hat — in dieser Hauptfabel lassen uns die Heldin sittlich minderwertig und keinesfalls vorbildlich erscheinen.

Zunächst muss der traditionsgebundene Leser an der Mischehe Anstoss nehmen, die unser Buch durchaus triumphal verzeichnet. Das religionsgesetzliche Verbot der Mischehe, das in Deuteronomium VII, 3 verankert ist und in Exodus XXXIV, 16 begründet wird, war zur Zeit des Estherbuches durchaus in Kraft. Die scharfe Ablehnung jeder Mischehe, die aus Esra X spricht, musste zumindest zur Zeit der Ab­fassung oder der Aufnahme des Buches in den Kanon bekannt gewesen sein.

Auf die persönliche Minderwertigkeit der ‚Heldin‘, welche die beiden anderen Anstössigkeiten des Estherbuches bedingen, komme ich noch später zu sprechen.

Und nun zur Haman-Novelle: sie ist mit wenigen Worten abzutun, denn was sie betrifft, gehen wir mit der Tradition konform. Haman, ein ehrgeiziger politischer Abenteurer und Geschäftemacher, ein Dutzendantisemit ohne irgend welche besondere Originalität, kommt zu Macht und Reichtum, und schliesslich misslingt seine schlau angelegte politische Terroraktion; ja sie kostet ihn und — für unser modernes Empfinden unverständlicherweise — auch seinen zehn Söhnen das Leben. Wir freuen uns, dass dieser Bösewicht zu Fall kommt. Wie gesagt: zur Haman-Novelle stehen wir nicht in Opposition.

Mardochai aber, der ‚glanzvolle‘ Gegenspieler Hamans, erscheint uns durchaus nicht als der Fromme, zu dem ihn die Tradition stempelt. Ein recht rühriger, praktischer Herr, gewiss; aber von Treue und Geradheit, von der bedingungslosen Hingabe an Gott und das Gesetz ist wenig bei ihm zu merken. Deshalb scheint uns sein Verhalten gegen Haman mehr renitent als fromm.

Eine Tat kann nie an sich sittlich gut oder schlecht sein; ihre Triebfedern sind ihr ethischer Gradmesser. Wir wissen freilich nichts näheres über die Motive, die Mardochai zu dem ‚heldenhaft-unbotmässigen‘ Betragen gegen Haman bewegen, denn die Bibel entschlägt sich hier, wie fast immer, psychologisierender Untersuchungen, sie erhellt die Tat aus der Gesamtpersönlichkeit des Täters.

Mardochai ist nicht der Mann, bei dem wir heroische oder mär­tyrerhafte Züge zu vermuten geneigt sind. Sein Adoptivkind Esther gibt er widerspruchslos in die Hand des Eunuchen Hegai, der es sorg­fältig für den König vorbereitet; seiner einem königlichen Wüstling preisgegebenen Esther weiss er keinen anderen väterlichen Rat mitzu­geben, als zu schweigen und nicht merken zu lassen, dass sie Jüdin sei: diesem Manne glauben wir ganz einfach nicht sein plötzliches Glaubensheldentum. Eine zur Phobie gesteigerte Abneigung gegen Haman scheint uns ein einleuchtenderes Motiv als das landläufige der Glaubenstreue.

Das Verhalten Mardochais gegenüber Haman machte bereits den frühesten Bibelauslegern Schwierigkeit, da es schlechterdings religiös unbegründbar ist. Ein Vergleich mit der Weigerung von Sadrach, Mesach und Abed-Nego, sich vor dem Götzenbilde niederzuwerfen (Daniel. III, 16-18), ist hinfällig, da Mardochai keineswegs zur Götzenanbetung, sondern lediglich zur landesüblichen Grussform angehalten wurde. Der Midrasch versucht das Verhalten Mardochais dadurch ver­ständlich zu machen, dass er berichtet, Haman habe Embleme des Götzendienstes an sich getragen, und sich selbst für einen Gott gehalten. Diese Deutungen stehen aber ganz vereinzelt da; auch den Targumim sind sie unbekannt. Ueber die Ablehnung, die Mardochais Verhalten in Kreisen der Tanaiten und der Amoräer erfuhr, lese man bei Jampel (S. 32 ff.) nach. Selbst der orthodoxe Exeget Malbim (1809-1879) muss in seinem Kommentar zum Estherbuch zugeben, dass Mardochais Betragen rätselhaft sei.

Ein Mann von religiöser Gesinnung hätte Esther nicht kampflos preisgegeben. Man sage nicht, er handelte unter Zwang. Hanna, die Mutter der 7 Söhne des Makkabäerbuches (2 Makk. VII, 1-42), steht auch einem Despoten gegenüber, aber sie opfert lieber die Kinder als das Gebot des Glaubens. Nicht einmal den Rat, die Speisegesetze ein­zuhalten, erteilt Mardochai seiner angenommenen Tochter. Dass man auch bei Hofe auf die Speisegesetze achten kann und muss, lehrt Daniel I, 8. Alles, was er ihr auf den Weg mitgebt, ist der unrühmliche Rat, Mimikry zu treiben.

Durch sein unmotiviertes Heldentum Haman gegenüber hat Mardochai den Grimm des Günstlings auf sich und das jüdische Volk ge­zogen. Die Septuaginta lässt — in dem Bestreben Mardochais pro­vokantes Benehmen zu beschönigen — ihn beten: „Wenn ich wüsste, dass es zu Israels Nutzen wäre, ich würde sogar Hamans Füsse küssen.“ Aber dieser späte apologetische Zusatz wird durch die Stelle Esther V, 9 völlig entwertet, denn nach dieser Stelle fährt Mardochai ja sogar dann noch fort, die Grussverweigerung zu üben, als ihm bereits die vernichtenden Wirkungen seines Verhaltens bekannt sind. Jetzt wäre es geboten, dass er für seine Taten einsteht. Aber er versagt; er versagt in dem Augenblick, da die historische Minute seiner Bewäh­rung gekommen ist. Wieder müssen wir ihn einer Gestalt des Makkabäerbuches konfrontieren: was hätte Mattathias in dieser Situation ge­tan? Er hätte sich selbst an die Spitze seines bedrohten Volkes gestellt. Was aber tut Mardochai? Er interveniert bei Esther. Das ist alles.

Aber auch Esther erweist sich als schwacher Charakter. Sie ist keineswegs gewillt, wegen ihrer armen Brüder ihr Leben aufs Spiel zu setzen (IV, 11). Sie ist nicht bereit zu helfen, wie die ‚Mutter in Israel‘, Deborah (Judic. V, 7). Erst als ihr Mardochai auseinander­setzt, sie selbst sei in ihrem Palaste, keineswegs sicher, entschliesst sie sich, aktiv zu werden. Mardochais verdeckten Hinweises auf die Hilfe Gottes (IV, 14) hätte es nicht mehr bedurft. Esthers Beweggrund, sich — und damit natürlich auch ihr Volk — zu retten, ist, dass sie sich persönlich in Gefahr befindet. Da sie sich noch allen erdenklichen Beistand ausbittet, um den Gang zum König anzutreten, erscheint sie noch weniger mutig und entschlossen.

Ist Esther nun wenigstens in diesem Augenblick die Heldin, die Heilige der Tradition? Keineswegs. Sie ist eine schöne, lebenslustige, kluge Frau, die den Weg des geringsten Widerstandes wählt. Was ist einfacher und erfolgversprechender: sich am 13. Adar den Horden Hamans zu widersetzen oder ungebeten vor dem königlichen Gemahl, dessen Liebe sie sicher ist, zu erscheinen? Aber Esther ist vorsichtig. Sie klagt nicht frei den Uebeltäter an. Sie ist nicht erfüllt von der gerechten Sache, sie wagt möglichst wenig. Sie verschiebt die Ent­scheidung. Erst nachdem sie sich — durch zwei Gastmähler — den König gefügig gemacht hat, erhebt sie Klage gegen Haman. Und Achaschverosch ist nun entrüstet über die Schurkerei, die er selbst gedeckt hat und gibt den Komplizen Haman sofort preis.

Und nun kommt der unangenehmste Teil dieses Buches, eines Buches, von dem der babylonische Talmud im Traktat Moëd sagt, dass jeder Jude verpflichtet sei, es zu Purim abends und morgens zu lesen.

Der König in seinem starren Traditionalismus kann seinen Pogrombefehl nicht rückgängig machen (VIII, 8) und überlässt es — unverantwortlich wie stets —Esther und Mardochai, dem Unheil, das er ange­zettelt hat, zu steuern. Und Mardochai erweist sich als Hamans wür­diger Nachfolger. Er ist der Haman mit umgekehrtem Vorzeichen.

Bevor wir aber diese seine erste Amtshandlung betrachten, müssen wir noch auf die Stelle VI, 7-11 kritisch eingehen. Mardochai erscheint danach nicht nur feige, assimilatorisch und querköpfig, sondern auch dumm. Das Edikt, das den Pogrom erlaubt, ja anordnet, hängt bereits in den Strassen der Residenzstadt Susa (IV, 3), da beschliesst Achaschverosch, Mardochai in pompöser Weise zu ehren (VI, 7-11). Was tut Mardochai? Jeden Stolzes bar, nimmt er die Ehrung aus den Händen seiner Todfeinde an. Er ist eben nicht nur eitel, er ist auch dumm. Er lässt sich öffentlich ehren, obwohl er weiss, dass dies wenige Mo­nate vor dem angeordneten Pogrom die antijüdische Stimmung steigern muss. Politisch unklüger kann man garnicht handeln. Aber auch die Feigheit Mardochais wird an dieser Stelle sichtbar (VI, 11). Wir führten bereits an, dass Mardochai sich ausser Stande zeigte, für seine Taten einzustehen. Nun, es war verzeihlich; er war ein Namenloser, ein Privatmann ohne Macht. Jetzt aber, der geehrteste Mann der Mo­narchie, tritt er nicht vor den König hin und ruft: „Ich danke für Ehren­kleid und Ross, ich will mein nacktes Leben und das Leben meines Volkes geschützt wissen. Siehe, so patriotisch handelt ein Mann aus dem Judenvolke, das du, o König, vernichten willst!“

Nichts davon. Selbstgefällig sitzt Mardochai auf dem königlichen Pferd und geniesst seinen privaten Triumph.

Aber zurück zum Amtsantritt Mardochais. Was tut er? Verzeiht er grossmütig seinen Feinden und amnestiert begangene Gewalttaten? Nichts dergleichen. Mardochai macht Revolution mit Erlaubnis der Obrigkeit. Das ist die peinlichste Art von Terror, die man sich denken kann: Terror ohne Risiko. Ein Pogrom, der von der Regierung ge­deckt wird, ist um nichts besser, wenn er von Juden begangen wird. Das haben uns die Antisemiten des öfteren schon vorgeworfen. Und wir haben nichts anderes tun können als lendenlahm einzuwenden, dass die Sache verjährt sei. (Ich verweise auf den Aufsatz ‚Splitterrichter‘ von Leo Baeck in dem Sammelbuche „Der Jud’ ist schuld“, Wien 1931). Sie ist leider nicht verjährt. Sie wäre verjährt, tausendmal schon, begingen wir nicht jedes Jahr wieder Purim und identifizierten uns damit mit den jüdischen Pogrom-Helden von damals.

Und Esther, die ‚Myrthe‘? Hier zeigt sie sich von einer recht peinlichen Seite. Ein Pogromtag ist ihr zu wenig. Sie will noch einen zweiten und bekommt ihn zugebilligt. Die zehn Söhne Hamans, deren Mittäterschaft keineswegs erwiesen ist, sind zwar getötet. Aber das ge­nügt nicht; noch die Leichen müssen gehenkt werden. Das ist Esther: zuerst skrupellos erfolgsüchtig, dann feige, zuletzt grausam. Hier muss billigerweise allerdings darauf hingewiesen werden, dass ihre Grausam­keit, die uns masslos erscheint, den Rechtsbegriffen ihrer Umgebung entsprach. (Als gute Einführung in die Welt des Estherbuches sei hier Hoschander, The Book of Esther in the light of History, Philadelphia, 1923, genannt.)

Die Juden der Hauptstadt und der Monarchie, wie bereits be­merkt, rächen sich überaus blutig an ihren Feinden und vermerken mit Wohlgefallen die Ziffern der Erschlagenen. Der Chronist ist ge­schmacklos genug, auf das Wort der Offenbarung anzuspielen, (Exod. XV, 14-16), indem er schreibt: „Und niemand konnte ihnen wider­stehen, denn die Furcht vor ihnen war über alle Völker gekommen.” (VIII, 17 u. IX, 2).

Und da man nun den Spiess ein einziges Mal in der Weltge­schichte umgekehrt hat und die aktive Partei des Pogroms war, ist Jubel und Festschmaus und Freude. Man tut sich viel darauf zugute, dass man ‘nur’ gemordet hat und nicht auch geraubt. Das vermerkt der Chronist, der im Auftrage Mardochais und Esthers schrieb, (IX, 32) zweimal! (IX, 10 u. 15). Dieser unehrenvolle Sieg wird zum Fest der geprügelten Sklaven, die einmal zurückschlagen durften. Mardochai und Esther sind sogar auf Unsterblichkeit bedacht. Nicht einmal soll dieser zweifelhafte Sieg gefeiert werden, sondern immer und ewig. (IX, 27-30). Dieses Fest Purim ist das Fest jener Seele, welche die Galuth uns einhauchte. Wir wollen frei werden von diesem Geist, frei von diesem Fest, das eines selbstbewussten, aufrechten Volkes unwür­dig ist. Unser nationales Fest ist Chanukkah, das Fest des Sieges der eigenen Kraft, die ihre Wurzel im Vertrauen auf Gott hat.

IV

Es wäre möglich, nach Anhörung alles dessen, was ich hier dar­gelegt habe, zu antworten: Wir danken ja nicht Mardochai und Esther für ihre Taten, sondern dem Herrn, der seine Gnade an seinem Volke (das dieser Gnade nie würdig war, wie die Gnade ihrem Wesen nach etwas Unverdientes ist) bewährte. Wir feiern nicht die ‚Helden‘ des Estherbuches, sondern ausschliesslich Gott, dessen gnadenhafter Fü­gung diese wie jede andere Errettung aus drohender Gefahr zu danken ist.

Eine derartige Argumentation stünde auch im Gegensatz zur Tra­dition, die tatsächlich die ‚Helden‘ des Estherbuches feiert, und in Mardochai und Esther edle vorbildliche Gestalten erblickt. Aber der oben skizzierte Standpunkt wäre auch zu billig: in jedem Geschehen manifestiert sich der Wille des Herrn, wiewohl — ewig unlösbares Rät­sel, Jahrhunderte alter Theologenstreit — der Mensch ein Geschöpf freien Willens ist. Kein Tag vergeht, ohne dass die Gnade Gottes aus­gegossen würde über Sünder und Gerechte, aber dennoch können wir nicht jeden Tag des Jahres als Festtag begehen, wohl aber täglich, stünd­lich und minütlich erschauernd der Gnade Gottes gedenken.

Noch eines ist festzuhalten: es ist ein grosser Unterschied, ob einer aufsteht und gegen ein Fest spricht, dessen Stiftung in der Offen­barung verankert ist, oder ob einer — um der Wahrheit willen — Kritik übt an Menschenwerk. Was von Menschen eingesetzt ist, unter­liegt menschlicher Kritik und kann von Menschen wieder gelöscht werden — auch nach Jahrtausenden. Was aber geoffenbart ist, das ist ewig, und uns ist es nicht gegeben, etwas hinzuzutun oder hinwegzunehmen (Deut. IV,2). Im Falle des Purimfestes aber handelt es sich um die Stiftung von Menschen (IX, 20-32), deren Vorbildlichkeit durch diese Abhandlung in Frage gestellt werden sollte.

Quelle: Schalom Ben Chorin, Kritik des Esther-Buches. Eine theologische Streitschrift, Jerusalem: “Heatid” Salingré & Co., 1938, S. 5-11.

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