Von Friedrich Christoph Oetinger
Jakobus sagt, das Leben sei ein Atmis – ein zarter Hauch, ein Lüftchen –, das Vergil aurai simplicis ignis nannte (Jakobus 4,14; vgl. auch Apostelgeschichte 2,19). Den Begriff des Lebens muss man zuerst aus den Werken Gottes gewinnen, danach aus der Heiligen Schrift.
Was die Werke Gottes betrifft, hilft uns sehr das Büchlein, das ich von Procopius Divisch herausgegeben habe. In der Theorie von der meteorologischen Elektricität beweist Herr Divisch, dass die Elektrizität mit einem doppelten, in allen Dingen verborgenen kalten und heißen Feuer einen wirklichen Anfang des Lebens darstellt. Die dadurch entstehende Anziehungskraft (Attraktion) und das dabei sichtbar werdende Licht seien etwas aus dem Unsichtbaren Hervorgebrachtes – durch den Zusammenstoß des heißen, wirkenden Feuers und des kalten, leidenden Feuers.
Durch viele Erfahrungen, die Herr Divisch in drei Klassen einzuordnen pflegt, hat er festgestellt, dass es bei der Elektrizität zwei Arten von Ausflüssen gibt: Die erste Art ist elektrisch samenartig. Diese Ausflüsse suchen sich mit einem balsamischen Geruch mit der Luft zu verbinden und bilden das reinste Tinkturwesen (oder Element). Die zweite Art sind vermischte oder erzeugte Ausflüsse, die sich aus den elektrisierbaren Körpern ergeben. In ihnen herrscht das kalte Feuer.
Alle körperlichen Wesen haben Geisteskräfte in sich, die erregt werden können, sodass sie aus ihnen ausfließen und sich mitteilen. Im elektrischen Körper befinden sich warme und feurige Teile, im elektrisierbaren Körper dagegen kalte und feuchte (oder leidende) Teile. Sobald jene mit diesen in der elektrisierbaren Stange durch den in sie fahrenden Strom der elektrischen Ausflüsse vereinigt werden, entsteht ein Lebensanfang. Diesen nennt Aristoteles die erste Entelechie – den Anfang der lebendigen Dinge, ein Feuer, das mit seiner Elastizität in die Ferne wirkt, am Körper in gewisser Entfernung aus- und eingeht, ohne körperliche Berührung äußere Bewegungen verursacht und auch geschwächt werden kann.
Zum Leben gehören verschiedene Kräfte, die Gott in einer gewissen Gegensätzlichkeit und Wechselwirkung auf ein bestimmtes Ziel hin zusammengebunden hat. Diese ursprünglichen Kräfte befinden sich in zwei Arten von Körpern: Die einen haben die Leidensfähigkeit und den Hunger, das Feuer an sich zu ziehen. Ohne anhaltendes Reiben sind sie wie tot, finster, hart, kalt. Die anderen haben die feurig webende Kraft der schnellen elektrischen Ausdehnung. Wenn nun die erste Art durch Reiben erregt und mit der zweiten vermischt wird, wird die Flüchtigkeit gebunden, sodass im Verborgenen das aktive und das passive Feuer in einem inneren Streit einander die Waage halten.
Daher entsteht bei leicht sich annähernden Körpern eine abwechselnde Bewegung (motus alternus) – ein Wechsel von anziehender und wegtreibender Kraft. Dies nennt man Systole und Diastole. Das ist der Anfang des Lebens. Dabei erhebt sich auch etwas vom Flüchtigen in eine gewisse Weite, jedoch so, dass sich nahe am Zentrum (der Quelle des Lebens) das Aktive durch das Passive mit einer Entzündung durchschlägt – ja im Innersten mit größerer Stärke zur Durchblitzung vereinigt. Aktives und passives Feuer treiben einander so schnell an, dass im Subjekt selbst die aktiven Elemente zu passiven und diese wieder zu aktiven werden, bis bei stärkerer Annäherung der Körper (oder ersten Behälter der zweierlei Feuer) eine totale Entladung durch Blitz und Schlag entsteht.
Diese Entstehung des durch den Streit gelaufenen Feuers und Lichts heißt eine Geburt aus der Angst oder finsteren Wolke (nach Ezechiel). Durch einen solchen Durchbruch wird ein ausfließendes Samenbild zu einem wachsenden Wesen erhoben, das seine Wurzel im Zentrum hat und sich in einer gewissen Peripherie ausbreitet. Hier kann man begreifen, dass aus der Finsternis Licht hervorkommt (2. Korinther 4,6) – ja, dass die angesammelten, gegeneinander wirkenden Kräfte sich mit Hilfe der Elastizität plötzlich gegeneinander auflösen, aufheben und ausgleichen.
Aus all dem ergibt sich: Das natürliche Leben des Menschen besteht – sowohl nach seiner empfindend-sensitiven als auch nach seiner wachstümlichen Art – allein in der Bewegung des elektrischen Feuers. Dieses Feuer nährt mit seinem außergewöhnlichen Naturbalsam den Lebenssaft. So besitzt der Mensch neben dem hohen Verstandeslicht (das sich durch Vorahnung, Ahnung und logische Schlüsse erweist) auch eine psychische, irdische, sinnliche oder tierische Seele.
Das psychische, geringere Leben pflanzt sich durch eine unmerkbar fortschreitende Elektrisierung immer weiter fort. Es findet sich vornehmlich in den Augen, Kehlen, der Zunge und in den Pulsadern zur Erwärmung des Blutes. Der Blutkreislauf geschieht nicht ohne ein Reiben. Dieses doppelte Leben hat Salomo als ein viehisches und ein höheres Leben unterschieden (Prediger 3,18.20). Das viehische ist klar; das andere beschreibt er so: „Wer erkennt, dass des Menschen Geist aufwärts steigt und die Ewigkeit in sich hat?“ (Vers 11). Der Geist des Viehs steigt abwärts. Die Welt ist im Menschen mikrokosmisch enthalten, wie im 12. Kapitel (des Predigers) klar ist.
Hippokrates erkennt zusammen mit Salomo drei Flüssigkeiten (fluida): ein solares, lunares und astrales (Prediger 12,2). Aus dem letzten Schreiben des Herrn Mesmer (Doktor der Medizin) und aus Pater Hells Experimenten zum animalischen Magnetismus wird dies ebenfalls ziemlich klar. Die Arzneigelehrtheit erhält eine neue Grundlage, welche die Lehren von Helmont und Böhme bestätigt.
Wenn nun die Seele (nach Sprüche 20,27) durch viele, einander untergeordnete Lichtpunkte, Zentren oder Bewegungsquellen im Leib ihr Regiment führt, dann wird das aus jedem Zentrum laufende Feuer in ständiger Erregung erhalten. Dadurch hat das animalische (seelische) Leben im Wachstum des Leibes zwar ohne Bewusstsein seinen richtigen Gang, doch stehen daneben zu den willentlichen Bewegungen (den Hauptgedanken und dem vorherrschenden Willen) augenblicklich alle Sinne und Glieder zu Diensten.
Das kann unmöglich ohne zwei Hauptregenten im Leib verstanden werden – also ohne eine intellektuelle und ohne eine sinnliche Seele. Es gibt also ein doppeltes Leben im Menschen: das empfindende und das verständige. Jenes ist elektrisch; dieses ist weit über die Elektrizität erhaben. Die Grenzen kann man jedoch nicht bestimmen. Das verständige Leben ist in den Wiedergeborenen mit dem Geist Jesu vereinbar. So viel kann man aus elektrischen Proben und aus den Worten Gottes über die Seele schließen.
Nun schreiten wir zur theologischen Betrachtung: Aus dem Zusammenhang der Stellen der Heiligen Schrift ergibt sich, dass die gesamte Theologie aus dem Leben Gottes herzuleiten ist – und dass ohne dies in den theologischen Lehrbüchern kein wahres Licht aufbricht. In meiner Theologie und in meiner Sylloge ist das ausreichend bewiesen. Das ergibt ein System, in dem alles in jedem und jedes in allem ist. Die alten und neuen Sadduzäer – die idealistischen Theologen – sehen das nicht ein; aber die Zeit entfaltet dennoch die Sache selbst.
Jesus beweist gegen solche Leute, dass es eine Auferstehung gibt, weil alle, deren Gott ihr Gott ist, ihm leben, und dass alle Verheißungen vom natürlichen und höheren Leben an ihnen erfüllt werden müssen – zwar nicht sofort, sondern in der Offenbarung des Lebens Christi in der ersten und zweiten Auferstehung. Leben sie Gott, so werden sie Erben des natürlichen und geistlichen Lebens auf der Erde; also müssen sie alles, was zum Leben gehört, sowohl in der Seele als auch im Leib empfangen.
Der erste Mensch war aus Staub, aber ihm war gleichwohl die natürlich verborgene Seele schon im Staub eigen. Die erste Bildung des Menschen aus dem Staub der Erde war schon voll elektrischen Feuers. Gott machte kein totes Menschenbild, sondern unter der Bildung hat die Maschine bereits die psychische Seele verdeckt empfangen. Daher sagt Paulus: Das Psychische (Seelische) ist das Erste, das Geistliche das Zweite.
Der bloß tierische Mensch ist kein vollständiges Wesen; er muss erst ergänzt werden durch den Geist aus dem Wort von Anfang an und aus dem Fleisch und Blut Jesu – welches ein weit feineres Wesen ist, als alle heutigen Monaden-Dichter sich vorstellen.
Gott nennt sich den Gott Abrahams, und Jehova war Abraham nicht offenbar (2. Mose 6,3). Gleichwohl war der Name Jesus oder Jehova schon verborgen in ihm – im Hinblick auf den Gott nicht nur Abrahams, sondern Jesu Christi. Darum kann er die neu ergänzte Erde mit Natur und Geist Jesu erblich besitzen. Der Heilige Geist war zu jener Zeit auch nicht offenbar, weil Jesus nicht verklärt war; er war aber doch schon im ersten Evangelium dem verheißenen Schlangentreter (dem Samen der Frau) eingepflanzt – als ein glühendes Feuer.
Die Sadduzäer verstanden weder Schrift noch Kraft Gottes ohne dies. Gott fragt bei Ezechiel: „Werden diese Gebeine wieder zum Leben kommen?“ (Kapitel 37,3). Ja, freilich! Denn in den Gebeinen lag schon das Feuer; es musste nur durch ein höheres Prinzip erweckt werden. Gott zeigt, wie es geschehen soll. Das ist allen Weltweisen das größte Rätsel: Alle Stäubchen werden wieder aus den vier Winden, in die sie aufgestiegen sind, herbeigezogen – durch die eröffnete Lebenskraft Jesu, durch den Tau der Lichter (Jesaja 26,19).
Weiter kann man zu dieser Zeit nicht gehen. Die folgenden Zeiten werden mehr Aufschlüsse über diese Metaphysik geben. Dann werden alle zerstreuten Stellen der Heiligen Schrift offen sein.
Quelle; Friedrich Christoph Oetinger, Biblisches und Emblematisches Wörterbuch, Heilbronn: Johann Adam Zobel, 1776, S. 395-402.