Vorrede zu Prokop Diviš, Längst verlangte Theorie von der meteorologischen Electricité (1768)
Von Friedrich Christoph Oetinger
Man hat die durch Zeitungen längst berühmt gewordene Theorie von Procopius Divisch über die Elektrizität schon lange gerne im Druck veröffentlicht gesehen. Endlich hat sich nun die Gelegenheit dazu ergeben. In Wien hat dieser Doktor der Theologie seine Experimente vor Ihrer Majestät der Kaiserin selbst durchgeführt, sodass sie ihm persönlich die Gnade erwiesen hat, ihm ihr Bildnis anzuhängen. Zu diesem Zweck hat Herr Divisch die allerhöchste Erlaubnis erhalten, dieses kleine Buch durch den Druck der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Da ich nun schon seit Längerem mit diesem Herrn korrespondiere, hat er mich gebeten, dieses Werk zum Druck zu bringen. Der Verleger wollte es jedoch nur übernehmen, wenn es aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt würde. Sein Buch trägt den Titel: »Magia Naturalis«. Dieses ist nun größtenteils ins Deutsche übertragen worden. Meine Gehilfen waren der hochgelehrte und ehrwürdige Herr Pfarrer Fricker, der durch den langen Umgang mit Herrn Divisch selbst dessen Gedankenwelt am besten verstehen gelernt hat, sowie einige aufgeweckte Magister – besonders Herr Magister Rösler, der hochwürdige Sohn des Herrn Konsistorialrats, der auf diesem Gebiet außergewöhnlich gelehrt ist und sich bereits durch eine theologisch-physikalische Schrift über das ursprüngliche Licht einen Namen gemacht hat und alle Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizität zusammengetragen hat.
Ich übergebe also das Werk all denen, die Theologie mit Physik verbinden möchten. Herr Divisch hat als Doktor der Theologie hiervon ein Beispiel gegeben und manche Aussagen der Heiligen Schrift im Licht der Elektrizität betrachtet. Denn wo uns der Heilige Geist auf die Betrachtung seiner Werke hinweist, da gibt er uns Hinweise in wenigen Worten, überlässt es aber uns, die Erklärung nicht nur aus den Worten, sondern aus der Erschließung der Werke selbst zu gewinnen.
Es bleibt also noch ein großes Feld für die Theologen übrig, und man hofft, dass sich der Zeit nähern wird, in der die Grundweisheit der Heiligen Schrift mehr Anerkennung findet und die Werke der Natur erst in ein größeres Licht gerückt werden. Der große Elektriker Doktor Divisch weicht darin von der Mode heutiger Gelehrter ab, die die heiligen Hinweise für überflüssig halten, um in Gottes Werken etwas bisher Unbekanntes zu entdecken. Es wäre aber zu wünschen, dass die göttliche Weisheit uns Fingerzeige gäbe und die Naturforscher diesen folgten. Es gibt viele Gestalten der Wahrheit.
Herr Procopius Divisch hat seine Forschungen ohne die üblichen Vorgänger durchgeführt; daher versteht er es auch, die Gefahren des elektrischen Stoffs sowohl bei außergewöhnlichen Behandlungen von Kranken als auch bei den Experimenten selbst glücklich zu vermeiden. Kein Wunder, wenn seine Erfindungen von manchen für weiß Gott was gehalten werden. Ich wünsche, dass er zu denen gehört, deren guter Rat – Sprüche 22,12 – die Augen des Herrn bewahrt; denn wenn man ohne Vorgänger etwas erfindet, ist der Neid unvermeidlich – aber dieser ist ein Begleiter der Tugend. Die Gerechtigkeit jedoch wird den Unschuldigen schützen.
Was ich noch weiter zu sagen habe, verspare ich auf die am Ende angehängte Abhandlung über die Chemie. Ein gewisser Graf von Dietrichstein besuchte Doktor Divisch und fragte: Seine Elektrizität, verbunden mit der Lehre von den Elementen, sei eine allgemeine Grundlage für die Chemie. Diese war die Physik der Patriarchen. Lasst die mechanischen Philosophen über die Worte des Mose lachen (5. Mose 33,13) – sie bleiben doch die Grundlage sowohl der Elektrizität als auch der höheren Chemie. Ist jemand unwissend, der sei unwissend.
Herrenberg, den 1. Mai 1768.
F. C. Oetinger,
Spec. Superintendent.
Hier die originalsprachliche Fassung:
Man hat die durch Zeitungen längst berühmte Procopii Divisch Theorie von der Elektricité schon längst gern durch den Druck bekannt gemacht gesehen. Endlich hat sich die Gelegenheit dazu also ergeben. In Wien hat dieser Theologiae Doctor seine Experimente vor Sr. Majestät der Kaiserin selbst gemacht, also dass Sie selbst geruhet haben, ihm Dero Bildnis anzuhängen. Zu dem Ende hat Herr Divisch die allergnädigste Erlaubnis erhalten, dieses Tractätlein dem Publico durch den Druck bekannt zu machen.
Da ich nun längst mit diesem Herrn korrespondiert, so hat er mich ersucht, dieses Werk zum Druck zu bringen. Der Verleger aber wollte es nicht übernehmen, wenn es nicht aus der lateinischen Sprache in die deutsche übersetzt würde. Sein Buch hat den Titel: Magia Naturalis. Dieses ist nun größtenteils ins Deutsche gebracht worden. Meine Gehilfen waren der hochgelehrte und hochehrwürdige Herr Pfarrer Fricker, welcher durch einen langen Umgang mit dem Herrn Divisch selbst seinen Sinn am besten hat einsehen lernen, und etliche aufgeweckte Magistri, besonders Herr Magister Rösler, Sr. Hochwürden Herrn Consistorialraths in diesem Stück vorzüglich gelehrter Herr Sohn, welcher sich durch ein theologisch-physicalisches Scriptum de luce primigenia schon berühmt gemacht und von der Elektricité alle Decouverten zusammengesammelt.
Ich übergebe also das Werk allen denen, welche die Theologie mit der Physik zu verbinden Belieben haben. Herr Divisch hat als Doctor Theologiae hiervon ein Specimen abgelegt und manche Worte heiliger Schrift aus der Elektricité beleuchtet. Denn wo uns der Heilige Geist auf die Beschauung seiner Werke weiset, da gibt er uns wohl Anzeigen in wenigen Worten, überlässt uns aber, die Erklärung nicht bloß aus den Worten, sondern aus dem Aufschluss der Werke zu machen.
Es ist demnach noch ein großes Feld für die Theologos übrig, und man hofft der Zeit zu nahen, da die Grundweisheit heiliger Schrift in mehrere Aufnahme und die Werke der Natur erst in größeres Licht kommen werden. Der große Electricus D. Divisch gehet darinnen ab von der Mode heutiger Gelehrten, welche die heiligen Anzeigen für überflüssig halten, in den Werken Gottes etwas bisher Unbekanntes zu entdecken. Es wäre aber zu wünschen, die göttliche Weisheit gäbe uns Fingerzeige, und die Forscher der Natur gingen solchen nach. Es gibt vielerlei Gestalten in der Wahrheit.
Herr Procopius Divisch hat seine Erforschungen ohne gewohnte Vorgänger gemacht, daher er auch die Gefahren des elektrischen Stoffes, sowohl in außerordentlichen Kuren der Kranken als auch in den Experimenten selbst, glücklich zu vermeiden weiß. Kein Wunder, wenn seine Erfindungen von etlichen für weiß nicht was gehalten werden. Ich wünsche, dass er unter denen sei, deren guter Rat Prov. 22,12 die Augen des Herrn bewahren; denn wenn man ohne Vorgänger etwas erfindet, so ist der Neid unvermeidlich, aber dieser ist ein Gefährt der Tugend. Gerechtigkeit aber wird den Unschuldigen beschützen.
Was ich noch weiter zu sagen habe, verspare ich auf die am Ende angehängte Abhandlung von der Chemie. Ein gewisser Graf von Dietrichstein besuchte D. Divisch und fragte: Seine Elektricité mit der Lehre von den Elementen verbunden, sei ein allgemeiner Grund zur Chemie. Diese war der Patriarchen ihre Physik. Lasst die mechanischen Philosophen lachen über Moses Worte (Deut. 33,13), sie bleiben doch der Grund sowohl der Elektricité als der höheren Chemie. Ist jemand unwissend, der sei unwissend.
Herrenberg, den 1. Mai 1768.
F. C. Oetinger,
Spec. Superintendent.
Quelle: Prokop Diviš, Längst verlangte Theorie von der meteorologischen Electricité, Frankfurt-Leipzig: 1968, ohne Paginierung.