Von Thomas von Aquin
Anschließend ist über den Krieg zu handeln. Im Zusammenhang damit werden vier Fragen gestellt. Erstens: Ob überhaupt irgendein Krieg erlaubt ist. Zweitens: Ob es Geistlichen erlaubt ist, Krieg zu führen. Drittens: Ob es den Kämpfenden erlaubt ist, Hinterhalte zu nutzen. Viertens: Ob es erlaubt ist, an Feiertagen Krieg zu führen.
Artikel 1
Einwand 1: Es scheint, dass Kriegführen immer eine Sünde sei. Denn eine Strafe wird nur für eine Sünde verhängt. Aber den Kriegführenden wird vom Herrn eine Strafe angedroht, nach Mt 26,52: „Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ Also ist jeder Krieg unerlaubt.
Einwand 2: Ferner: Was immer dem göttlichen Gebot zuwiderläuft, ist Sünde. Aber Kriegführen widerspricht dem göttlichen Gebot, heißt es doch Mt 5,39: „Ich aber sage euch, dem Bösen nicht zu widerstehen“, und Röm 12,19: „Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn.“ Also ist Kriegführen immer Sünde.
Einwand 3: Ferner: Nichts widerspricht der Tugendhandlung außer der Sünde. Aber der Krieg widerspricht dem Frieden. Also ist der Krieg immer Sünde.
Einwand 4: Ferner: Jede Übung zu einer erlaubten Sache ist erlaubt, wie bei den wissenschaftlichen Übungen ersichtlich. Aber die Kriegsübungen, die in Turnieren stattfinden, werden von der Kirche verboten, weil die in solchen Übungskämpfen Sterbenden des kirchlichen Begräbnisses beraubt werden. Also scheint der Krieg schlechthin Sünde zu sein.
Sed contra: Augustinus sagt jedoch in seiner Predigt über den Hauptmann von Kapernaum: „Wenn die christliche Zucht den Krieg überhaupt verurteilen würde, dann hätte sie denen, die im Evangelium um das Heil fragten, eher den Rat gegeben, die Waffen wegzuwerfen und sich ganz vom Kriegsdienst zurückzuziehen. Zu ihnen wurde aber gesagt: ‚Führt niemandem etwas zuleide, begnügt euch mit eurem Sold.‘ (Lk 3,19) Er befahl ihnen, dass ihnen der eigene Sold genüge, verbot ihnen aber nicht den Kriegsdienst.“
Antwort: Ich antworte, dass für einen gerechten Krieg drei Dinge erforderlich sind.
Erstens die Autorität des Fürsten, auf dessen Befehl hin der Krieg geführt werden muss. Denn es steht einer Privatperson nicht zu, einen Krieg zu beginnen, da sie ihr Recht im Gericht eines Höheren verfolgen kann. Ebenso, weil es nicht Sache einer Privatperson ist, eine Menge zusammenzurufen, was im Krieg notwendig ist. Da aber die Sorge für das Gemeinwohl den Fürsten anvertraut ist, obliegt es ihnen, das Gemeinwesen der Stadt, des Königreichs oder der ihnen unterstellten Provinz zu schützen. Und wie sie es mit dem materiellen Schwert gegen innere Störenfriede erlaubterweise verteidigen, indem sie die Übeltäter bestrafen, nach dem Wort des Apostels (Röm 13,4): „Nicht ohne Grund trägt er das Schwert; denn er ist ein Diener Gottes, ein Rächer, der Zorn bringt über den, der Böses tut“, so obliegt es ihnen auch mit dem Kriegsschwert, das Gemeinwesen vor äußeren Feinden zu schützen. Daher wird zu den Fürsten im Psalm gesagt (Ps 82,4): „Befreit den Armen und den Dürftigen, errettet sie aus der Hand des Sünders.“ Daher sagt Augustinus (Contra Faustum): „Die natürliche Ordnung, die dem Frieden der Sterblichen angepasst ist, fordert, dass die Autorität und Entscheidung, einen Krieg zu führen, bei den Fürsten liegt.“
Zweitens wird eine gerechte Ursache gefordert, dass nämlich diejenigen, die angegriffen werden, es wegen eines Verschuldens verdienen, angegriffen zu werden. Daher sagt Augustinus (Quaest. in Hept.): „Die gerechten Kriege pflegt man die zu nennen, die Unrecht rächen, wenn ein Volk oder eine Stadt bestraft werden muss, die es entweder versäumt hat, das von den Ihren Frevelhaft Getane zu rächen, oder das durch Unrecht Weggenommene zurückzuerstatten.“
Drittens wird gefordert, dass die Absicht der Kämpfenden richtig sei, dass sie nämlich entweder das Gute fördern oder das Böse meiden wollen. Daher sagt Augustinus (De verbis Domini): „Bei den wahren Verehrern Gottes sind auch jene Kriege friedlich, die nicht aus Begierde oder Grausamkeit, sondern aus Friedensstreben geführt werden, um die Bösen zu zähmen und die Guten zu fördern.“ Es kann aber vorkommen, dass selbst wenn die rechtmäßige Autorität des Kriegsankündigers und eine gerechte Ursache vorliegen, der Krieg dennoch wegen schlechter Absicht unerlaubt wird. Denn Augustinus sagt (Contra Faustum): „Die Begierde zu schaden, die Grausamkeit zu rächen, der unversöhnliche und unversöhnbare Sinn, die Wildheit des Aufbegehrens, die Herrschsucht und Ähnliches – das sind die Dinge, die im Krieg mit Recht getadelt werden.“
Zu den Einwänden:
Zu 1: Wie Augustinus sagt (Contra Manichaeum), „greift derjenige zum Schwert, der ohne eine ihn anweisende oder erlaubende höhere oder rechtmäßige Gewalt zum Blutvergießen bewaffnet wird.“ Wer aber aufgrund der Autorität eines Fürsten oder Richters – wenn er eine Privatperson ist – oder aus Eifer für die Gerechtigkeit – wie aus der Autorität Gottes – wenn er eine öffentliche Person ist, das Schwert gebraucht, der greift nicht selbst zum Schwert, sondern gebraucht es als ihm von einem anderen Anvertrautes. Daher gebührt ihm keine Strafe. Aber auch diejenigen, die mit Sünde das Schwert gebrauchen, werden nicht immer mit dem Schwert getötet. Sie aber gehen immer durch ihr eigenes Schwert zugrunde, weil sie für die Sünde des Schwertes ewig bestraft werden, wenn sie nicht Buße tun.
Zu 2: Derartige Gebote, wie Augustinus sagt (De Serm. Dom. in monte), sind immer in der Bereitschaft des Geistes zu bewahren, dass nämlich der Mensch immer bereit sei, nicht zu widerstehen oder sich nicht zu verteidigen, wenn es nötig wäre. Manchmal aber ist es um des Gemeinwohls willen und auch um derer willen, mit denen gekämpft wird, anders zu handeln. Daher sagt Augustinus (Epist. ad Marcellinum): „Vieles muss auch gegen den Willen derer getan werden, die mit einer gewissen Gutmütigkeit zu bestrafen sind. Denn wem die Freiheit der Ungerechtigkeit genommen wird, der wird nützlich besiegt, weil nichts unglücklicher ist als das Glück der Sündiger, durch das die Straflosigkeit genährt wird, die Strafe verdient, und der böse Wille wie ein innerer Feind gestärkt wird.“
Zu 3: Auch diejenigen, die gerechte Kriege führen, zielen auf den Frieden ab. Und so widersprechen sie nicht dem Frieden, sondern nur dem schlechten Frieden, den der Herr nicht auf die Erde zu bringen kam, wie es Mt 10,34 heißt. Daher sagt Augustinus (Ad Bonifacium): „Der Friede wird nicht gesucht, um Krieg zu führen, sondern der Krieg wird geführt, um Frieden zu erlangen. Sei also im Kämpfen friedlich, damit du die, die du bekämpfst, durch den Sieg zur Nützlichkeit des Friedens führst.“
Zu 4: Die Übungen der Menschen zu Kriegshandlungen sind nicht allgemein verboten, sondern nur die ungeordneten und gefährlichen Übungen, aus denen Tötungen und Plünderungen hervorgehen. Bei den Alten aber gab es Übungen für Kriege ohne derartige Gefahren; sie wurden daher Waffenübungen oder Kriege ohne Blut genannt, wie bei Hieronymus in einem Brief ersichtlich ist.
Quelle: Thomas von Aquin, Summa theologica II-II, q. 40, a. 1.