Kornelis Heiko Miskotte, Menschlichkeit. Besinnung zu 3. Mose 19,34 (Humaniteit, 1935): „Hast du wirklich gehört: ‚Ich bin der HERR, dein Gott‘, dann hast du auch das wahre Gebot der Humanität gehört. Und dann siehst du ringsum die Augen der Fremden sehnsüchtig auf dich gerichtet. Du selbst bist und bleibst ein ‚Fremdling auf Erden‘, darum erkennst du überall deine Brüder im selben Los. Über die Nation, über die Kirche, über unseren lieben Kreis, über unseren persönlichen Lebensstil erhebt sich hoch: das Gebot des erbarmenden Gottes, den Fremden zu lieben.“

Menschlichkeit. Besinnung zu 3. Mose 19,34 (Humaniteit, 1935)

Von Kornelis Heiko Miskotte

Der Fremde, der bei euch wohnt, soll euch wie ein Einheimischer gelten; du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid auch Fremde gewesen im Land Ägypten. Ich bin der HERR, euer Gott.“ (3. Mose 19,34)

Den Stand eines Volkes kann man auf verschiedene Weise zu messen versuchen: an der Stellung der Frau, an der Wertschätzung der Arbeit, an der Behandlung des Fremden. Das letzte Kriterium ist gewiss nicht das am wenigsten aufschlussreiche. Auch deshalb nicht, weil man es in etwa gleicher Weise sowohl auf den Einzelnen als auch auf das Volk anwenden kann. Die Frau ist – zumindest vom Urtrieb des Lebens her – unverzichtbar, der Sklave, Knecht, Arbeiter und Angestellte bilden das Fundament und den Wohlstand der Gesellschaft. Doch der Fremde bringt zumeist wenig ein. Einerseits erscheint er bald als Querulant und Schmarotzer, reizt damit den Instinkt des „Wir unter uns“. Andererseits ist er wehrlos, von seinem eigenen Volk getrennt, abgeschnitten vom Schutz seines eigenen Staatswesens. Diese Wehrlosigkeit ruft leicht einen Anflug von Machtgier beim etablierten Bürger hervor.

Deshalb hören wir so selten den besonderen Ruf, den der Fremde an unsere Liebe richtet, in reiner Weise. Die Verfolgung der Juden im Mittelalter und in den letzten Jahren wieder in Deutschland, die Unterdrückung von Minderheiten fremder Nationalität in verschiedenen Staaten – all das wird noch zu selten als Bestätigung der Wahrheit gesehen, dass wir von Natur aus geneigt sind, Gott und den Nächsten zu hassen. Das heißt: dass wir Menschen zur Menschlichkeit von uns aus nicht fähig sind. Humanität ist wahrlich keine angeborene sittliche Kraft. Sie ist nur zu verstehen als göttliches Gebot, das uns auf unseren instinktiven Wegen entgegentritt. Doch auch das Gebot bleibt machtlos, wenn es uns nicht als das Gebot jenes Gottes begegnet, der uns auf unbegreifliche Weise gnädig gewesen ist.

Fremd, wehrlos, ausgeliefert dem Gruppenegoismus der ägyptischen Nation – so war Israel selbst gewesen, und das noch nicht einmal sehr lange her. So ist es, wenn wir nur weit genug zurückgehen, mehr oder weniger mit jedem Volk gewesen. Und dieses Fremdsein ist nur ein Bild, ein Schatten des eigentlichen Fremdseins des gefallenen Menschen inmitten der Unbehaustheit, Herzlosigkeit und Gewalttätigkeit der Schöpfung. Diese sind nicht ursprünglich aus Gott. Das wird uns offenbart in der Erlösung, im großen Auszug aus dem Haus der Knechtschaft, der uns in Jesus verheißen, besiegelt und geschenkt ist.

Hast du wirklich gehört: „Ich bin der HERR, dein Gott“, dann hast du auch das wahre Gebot der Humanität gehört. Und dann siehst du ringsum die Augen der Fremden sehnsüchtig auf dich gerichtet. Du selbst bist und bleibst ein „Fremdling auf Erden“, darum erkennst du überall deine Brüder im selben Los. Über die Nation, über die Kirche, über unseren lieben Kreis, über unseren persönlichen Lebensstil erhebt sich hoch: das Gebot des erbarmenden Gottes, den Fremden zu lieben.

Keine berechtigten Vorwürfe oder Verdächtigungen unsererseits, keine unsympathischen Gesten seinerseits können uns von der göttlichen Geltung dieses Gesetzes entbinden. Denn wir wollen bedenken, dass die Humanität hier ein Widerschein der göttlichen Gnade über Sündern ist. Und wir wollen uns erinnern, dass wir selbst Fremde waren – und längst nicht immer sympathisch –, auch querköpfig, widerspenstig, gierig, misstrauisch aus Lebensangst.

Uns ist Barmherzigkeit widerfahren! Das hat nicht nur Bedeutung für unser sogenanntes religiöses Leben – es hat auch (im biblisch-prophetischen Sinn) politische Folgen. Es will mit uneingeschränkter Autorität unsere gesamte Lebenshaltung bestimmen:
„Du sollst … Ich bin der HERR, dein Gott.“

(Zu lesen: 3. Mose 19,1–4.9–15.32–34)

Beitrag zum Andachtsbuch Opdat zij allen één zijn (Damit sie alle eins seien), herausgegeben von J.C. Helders. Zutphen: Ruys 1935, S. 26-28.

Hier der Text als pdf.

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