Aufruf deutscher Kirchenmänner und Professoren:
An die evangelischen Christen im Ausland
4. September 1914
In dem unvergleichlichen weltgeschichtlichen Zeitabschnitt, in dem der Christenheit die Brücke zu der gesamten nichtchristlichen Menschheit geschlagen und ein maßgebender Einfluß auf sie anvertraut war, stehen die christlichen Völker Europas im Begriff, in brudermörderischem Kriege sich gegenseitig zu zerfleischen.
Ein planmäßiges Lügengewebe, das den internationalen Telegraphenverkehr beherrscht, sucht im Auslande unser Volk und seine Regierung mit der Schuld an dem Ausbruch dieses Krieges zu belasten und hat es gewagt, uns und unserem Kaiser das innere Recht zur Anrufung des Beistandes Gottes zu bestreiten. Daher ist es uns, die wir auch unter den Christen des Auslandes als Männer bekannt sind, die an der Ausbreitung des Evangeliums unter fremden Völkern und an der Knüpfung kultureller Bande und freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und anderen christlichen Nationen gearbeitet haben, ein Bedürfnis, vor aller Öffentlichkeit unser Zeugnis über diesen Krieg abzulegen.
Dreiundvierzig Jahre hat unser Volk Frieden gehalten. Wo irgend in anderen Ländern Kriegsgefahren aufstiegen, hat es sich bemüht, sie beseitigen oder mindern zu helfen. Sein Sinn ging auf friedliche Arbeit. Es hat zu dem besten Kulturbesitz der modernen Menschheit sein ehrliches Teil beigetragen. Es sann nicht darauf, anderen Licht und Luft zu nehmen. Es wollte niemand von seinem Platze verdrängen. In friedlichem Wettbewerb mit anderen Völkern entwickelte es die Gaben, die Gott ihm gegeben hat. Seine fleißige Arbeit brachte ihm reiche Frucht. Es gewann auch einen bescheidenen Anteil an der Kolonisationsaufgabe in der primitiven Welt und bemühte sich, seinen Beitrag zur Neugestaltung Ostasiens zu leisten. An der Friedfertigkeit seiner Gesinnung hat es keinen, der die Wahrheit sehen wollte, im Zweifel gelassen. Nur unter dem Zwange der Abwehr frevelhaften Angriffs hat es jetzt das Schwert gezogen.
Während unsere Regierung sich bemühte, die gerechte Sühne für einen ruchlosen Königsmord zu lokalisieren und den Ausbruch des Krieges zwischen zwei benachbarten Großmächten zu verhüten, bedrohte eine von ihnen, während sie die Vermittlung unseres Kaisers anrief, wortbrüchig unsere Grenze und zwang uns, unser Land gegen Verwüstung durch asiatische Barbarei zu schützen. Da traten zu unseren Gegnern auch die, die dem Blute, der Geschichte und dem Glauben nach unsere Brüder sind, und denen wir uns in der gemeinsamen Weltaufgabe wie kaum einem anderen Volk der Erde nahe verbunden fühlten. Einer Welt in Waffen gegenüber erkennen wir es klar, daß wir unsere Existenz, unsere Eigenart, unsere Kultur und unsere Ehre zu verteidigen haben. Keine Rücksicht hält unsere Feinde zurück, wo ihnen nach ihrer Meinung die Aussicht winkt, durch Teilnahme an unserer Vernichtung einen wirtschaftlichen Vorteil oder einen Machtzuwachs, ein Stück unseres Mutterlandes, unseres Kolonialbesitzes oder unseres Handels an sich zu reißen. Wir stehen diesem Toben der Völker im Vertrauen auf den heiligen, gerechten Gott furchtlos gegenüber. Gerade weil dieser Krieg unserem Volke freventlich aufgezwungen ist, trifft er uns als ein einiges Volk, in dem die Unterschiede der Stämme und Stände, der Parteien und der Konfessionen verschwunden sind. In heiliger Begeisterung, Kampf und Tod nicht scheuend, sind wir alle im Aufblick zu Gott einmütig und freudig bereit, auch unser Letztes für unser Land und unsere Freiheit einzusetzen.
Auch die begreifliche Aufregung eines Volkes, dessen Neutralität, von gegnerischer Seite bereits verletzt, unter dem Zwang unerbittlicher Not nicht gewahrt bleiben konnte, entschuldigt Unmenschlichkeiten nicht und mindert nicht die Schande, daß solches auf altchristlichem Boden hat geschehen können.
Namenlose Greuel sind gegen friedlich im Auslande wohnende Deutsche, gegen Frauen und Kinder, gegen Verwundete und Arzte begangen. Grausamkeiten und Schamlosigkeiten, wie sie mancher heidnische und mohammedanische Krieg nicht aufzuweisen hatte. Sind das die Früchte, an denen jetzt die nichtchristlichen Völker erkennen sollen, wessen Jünger die christlichen Nationen sind?
Ins Innere Mittelafrikas ist der Krieg skrupellos übertragen, obschon dortige militärische Unternehmungen für seine Entscheidung gänzlich belanglos sind, und obschon die Beteiligung von Eingeborenen, die erst seit wenigen Jahren pazifiziert sind, an einem Kriege von weiß gegen weiß die furchtbare Gefahr des Eingebornenaufstandes heraufbeschwört. Diese primitiven Völker lernten das Christentum als die Religion der Liebe und des Friedens kennen im Gegensatz zu Stammesfehde und Häuptlingsgrausamkeit. Jetzt werden sie mit Waffen gegeneinandergeführt von den Völkern, die ihnen dies Evangelium brachten. So werden blühende Missionsfelder zertreten.
In den Krieg, den der Zar als den Entscheidungskampf gegen Germanentum und Protestantismus öffentlich proklamiert hat, ist jetzt unter dem Vorwand eines Bündnisses auch das heidnische Japan gerufen. Die Missionsfelder, die die Weltmissionskonferenz in Edinburg als die wichtigsten der Gegenwart bezeichnete – Mittelafrika mit seinem Wettbewerb zwischen Christentum und Islam um die schwarze Rasse und das sein Leben neugestaltende Ostasien –, werden jetzt Schauplätze erbitterter Kämpfe von Völkern, die dort in besonderem Maße die Verantwortung für die Ausrichtung des Missionsbefehls trugen.
Unsere christlichen Freunde im Auslande wissen, wie freudig wir deutschen Christen die Glaubens- und Arbeitsgemeinschaft, die die Edinburger Weltmissionskonferenz der protestantischen Christenheit als heiliges Erbe hinterließ, begrüßt haben; sie wissen auch, wie wir nach besten Kräften daran mitgearbeitet haben, daß über den christlichen Nationen mit ihren konkurrierenden politischen und wirtschaftlichen Interessen eine in der Erkenntnis ihres gegenwärtigen Gottesauftrages einige und freudige Christenheit erstehe. Es war uns auch Gewissenssache, auf jede Weise politische Mißverständnisse und Verstimmungen aus dem Wege zu räumen und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Nationen herbeiführen zu helfen. Wir tragen jetzt den Spott der Leute, daß wir dem christlichen Glauben die Kraft zugetraut haben, die Bosheit derer zu überwinden, die den Krieg suchten, und begegnen dem Vorwurfe, daß unsere Friedensbestrebungen unserem Volke nur die wahre Gesinnung seiner Feinde verhüllt haben. Doch reut es uns nicht, den Frieden so gesucht zu haben. Unser Volk könnte nicht mit so reinem Gewissen in diesen Kampf ziehen, wenn nicht führende Männer seines kirchlichen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens sich so vielfältig darum bemüht hätten, diesen Brudermord unmöglich zu machen.
Nicht um unseres Volkes willen, dessen Schwert blank und scharf ist, – um der einzigartigen Weltaufgabe der christlichen Völker in der Entscheidungsstunde der Weltmission willen wenden wir uns an die evangelischen Christen im neutralen und feindlichen Auslande.
Wir hofften zu Gott, daß aus der Verantwortung der Stunde für die christlichen Völker ein Strom neuen Lebens entspringen werde. Schon spürten wir in unserer deutschen Kirche starke Wirkungen dieses Segens, und die Gemeinschaft mit den Christen der anderen Länder im Gehorsam gegen den universalen Auftrag Jesu war uns heilige Freude.
Wenn diese Gemeinschaft jetzt heillos zerbrochen ist, –
wenn die Völker, in denen Mission und Bruderliebe eine Macht zu werden begannen, in mörderischem Kriege durch Haß und Verbitterung verrohen, –
wenn in den germanischen Protestantismus ein schier unheilbarer Riß gebracht ist, –
wenn das christliche Europa ein edles Stück seiner Weltstellung einbüßt, –
wenn die heiligen Quellen, aus denen seine Völker Leben schöpfen und der nichtchristlichen Menschheit darreichen sollten, verunreinigt und verschüttet werden, –
so fällt die Schuld hieran, dies erklären wir hier vor unseren christlichen Brüdern des Auslandes mit ruhiger Gewißheit, nicht auf unser Volk. Wohl wissen wir, daß Gott durch dies blutige Gericht auch unser Volk zur Buße ruft, und wir freuen uns, daß es seine heilige Stimme hört und sich zu ihm kehrt. Darin aber wissen wir uns mit allen Christen unseres Volkes einig, daß wir die Verantwortung für das furchtbare Verbrechen dieses Krieges und alle seine Folgen für die Entwicklung des Reiches Gottes auf Erden von unserem Volk und seiner Regierung abweisen dürfen und müssen. Aus tiefster Überzeugung müssen wir sie denen zuschieben, die das Netz der Kriegsverschwörung gegen Deutschland seit lange im verborgenen arglistig gesponnen und jetzt über uns geworfen haben, um uns zu ersticken.
Wir wenden uns an das Gewissen unserer christlichen Brüder im Auslande und schieben ihnen die Frage zu, was Gott jetzt von ihnen erwartet, und was geschehen kann und muß, damit nicht durch Verblendung und Ruchlosigkeit in der großen Gottesstunde der Weltmission die Christenheit ihrer Kraft und Legitimation zum Botendienst an die nichtchristliche Menschheit beraubt werde.
Der heilige Gott führt seine Sache auch durch den Sturm der Kriegsgreuel und läßt sich von menschlicher Bosheit sein Ziel nicht verrücken. So treten wir vor ihn mit dem Gebet:
„Dein Name werde geheiligt!
Dein Reich komme!
Dein Wille geschehe!“
Miss.-Dir. Lic. K. Axenfeld (Berlin). Prof. Dr. med. Th. Axenfeld (Freiburg). Oberverwaltungsgerichtsrat D. M. Berner (Berlin). Oberkonsistorialpräsid. D. H. v. Bezzel (München). P. F. v. Bodelschwingh (Bethel bei Bielefeld). Prof. D. Ad. Deißmann (Berlin). Oberhofpred. D. E. Dryander (Berlin). Prof. Dr. R. Eucken (Jena). Prof. D. Ad. v. Harnack (Berlin). Prof. D. G. Haußleiter (Halle). Miss.-Dir. P. O. Hennig (Herrnhut). Prof. D. W. Herrmann (Marburg). Gen.-Sup. D. Th. Kaftan (Kiel). Gen.-Sup. D. Fr. Lahusen (Berling Past. Paul Le Seur (Berlin). Prof. D. Fr. Loofs (Halle). Prof. Dr. C. Meinhof (Hamburg). Prof. D. C. Mirbt (Göttingen). Ed. de Neufville (Frankfurt a. M.). Miss.-Dir. D. C. Paul (Leipzig). Bankdir. D. W. Frhr. v. Pechmann (München). Prof. D. J. Richter (Berlin). M. Schinckel (Hamburg). Dir. der Deutsch-Ev. Miss.-Hilfe A. W. Schreiber (Berlin). Dir. D. F. A. Spiecker (Berlin). Miss.-Dir. Joh. Spiecker (Barmen). Miss.-Insp. D. Joh. Warneck (Bethel bei Bielefeld). Prof. D. G. Wobbermin (Breslau). Prof. Dr. W. Wundt (Leipzig).
(Kirchliches Jahrbuch für die evangelischen Landeskirchen Deutschlands, 42 (1915), S. 209- 213; vgl. Die Eiche 3 (1915), S. 49-53)
Quelle: Gerhard Besier, Die protestantischen Kirchen Europas im Ersten Weltkrieg. Ein Quellen- und Arbeitsbuch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1984, S. 40-45.