Von Albrecht Goes
Solange wir leben, wird es für uns keinen Frühling mehr geben ohne eine Erinnerung an die Märztage des Jahres 1945; und gerade Karfreitag können wir nicht begehen, ohne daß nicht der letzte Kriegs-Karfreitag uns vor die Seele tritt: in einer Gebärde, einem Duft, einem Tonfall, einem Wort — vielleicht auch in einem ganzen Bündel der Mahnung und des Gedenkens.
Seidelbast wächst allerorten auf, und Anemonenbeete gibt es in jedem Märzwald, auch der verhaltene Vogelton kehrt wieder mit jeder Frühlingsfrühe; es ist eigenwillig, dergleichen stets auf den Passionsweg zu beziehen, und zweimal eigenwillig, mit jedem Schritt allsogleich im Theyatal bei Znaim zu sein, aber wer vermag etwas auszurichten gegen die Übermacht reiner Erfahrung?
»Sind Sie für morgen früh noch frei?« hatte am Fernsprecher die Stimme des fremden Offiziers gefragt. »Unsre Truppe kommt aus Budapest, sie hat ziemlich böse Wochen hinter sich, ich hätte es gerne, wenn Sie uns einen Karfreitagsgottesdienst hielten. Wir liegen hier draußen. Einen Raum? Nein. Ich denke, es ist schöner: Gottesdienst im Freien. Ich lasse ein Kreuz aufrichten, ja? Einen Tisch … Ob Sie das Abendmahl austeilen sollen? Natürlich. Die Zeit? Neun Uhr. Paßt Ihnen neun Uhr?«
Und dann war der Morgen gekommen, und es gab den Weg durch das Theyatal in das übernächste Dorf hinaus. So muß die Luft sein am Morgen des dreißigsten März, so viel abziehender Winter darin, feuchte Kühle, entschwindende Schneeklarheit, so viel Kommendes auch, herbe Süße, leise Bitternis. Und so lautlos muß wohl der Fuß in das Erdreich einsinken an diesem Tag. Und so allein geht ein Soldatenpfarrer seines Wegs.
Der Platz war leicht zu finden. Schon von weitem sah man das Bild, nicht oft mehr würde ich es sehen, denn es ging dem Ende zu: die Truppe angetreten wie einst zur Vereidigung — im offenen Rechteck. Groß und hell das Birkenkreuz. Vor mir ein breiter Tisch, weiß gedeckt. So decken sie zur Stunde drüben in meiner schwäbischen Dorfkirche den Altar, und ich bin’s nicht, der dort Dienst tun darf. Mein Platz ist hier bei den schwarzen Panzersoldaten, zweihundert mögen es sein oder zweihundertfünfzig. »Wissen Sie, was Sie da vor sich hatten, Herr Pfarrer?« fragte der Oberstleutnant, als wir nach dem Gottesdienst in sein Quartier gingen. »Das war eine Division … der evangelische Teil, will ich sagen, einer ganzen Division. Nicht mehr viel übrig, wie?«
Wir hatten gesungen, was sie in tausend Feldgottesdiensten an diesem Morgen sangen: in Norwegen, in Norditalien, auf ihren verlorenen Inseln, auf den Schiffen, und vielleicht auch im Kampfgebiet an der Oder und am Rhein, soweit da noch Singens Zeit war: Paul Gerhardts Passionslied — es stand wie ein Lebenszeichen, Kriege überstehend, jenen Dreißigjährigen einst, etliche danach und diesen: »Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir«. Und was wir da sangen, das wußten wir wohl. Dann war die Austeilung des Abendmahls gekommen. Gruppe um Gruppe war vor den Tisch getreten, ich reichte die Hostien und den Kelch, sprach die Worte der Spendung, und nur zwei, drei Mal, wenn das Jauchzen einer Amsel aus der Nähe uns zu übertönen suchte, stockte die Stimme. Wir lauschten. »Als die Sterbenden, und siehe, wir leben«, ging es mir durch den Sinn, während ich mit meinen Augen aufmerksam von einem Antlitz zum andern wanderte. Später kommt das Vergessen; gut, daß es kommt. Aber diesen Morgen vergessen wir nicht.
»Ich lasse Sie rasch zur Stadt zurückbringen«, hatte der freundliche Kommandeur gesagt, »vielleicht kann uns dabei unser Kurier doch noch etwas Post holen. Wir wissen schon gar nicht mehr, wie Post aussieht.« So waren wir denn ohne Verzug gefahren und bald nach elf Uhr in die Stadt gekommen. Ich ging sogleich in mein Lazarett und fand jedermann mit dem Ausladen eines frischen Verwundetentransportes beschäftigt. »Schön, daß Sie da sind«, hieß es an der Pforte, »gehen Sie bitte rasch auf Zimmer 26, man hat nach Ihnen gefragt.« Ja, ich kam wahrhaftig nicht zu früh. Ein Sterbender wollte eben noch einen Brief diktieren. Zwei, drei Sätze flüsterte er. »Die Adresse, Kamerad?« Er konnte sich nicht mehr besinnen, deutete aber mit letzter Anstrengung auf die Soldbuchtasche seiner Feldbluse. »Ist schon gut«, sagte ich. Nein, es war nicht gut. Eine Viertelstunde später, der Mann war schon tot, nahm ich das Soldbuch zur Hand: ein Dorf im tiefsten Hinterpommern war die Heimat des Toten. Das Dorf war längst von den Russen besetzt, und dieser Brief kommt nie mehr an.
Dann zu Tisch. Dort ist Karfreitag ein Tag wie alle Tage. Wir essen unser Gemüse, wir trinken eine Tasse Kaffee, rauchen eine Zigarette — es ist bescheiden; aber es ist maharadschahafter Reichtum, dies alles, wenn wir an Königsberg denken, an Dresden, ja schon an Wien, und Wien ist nahe.
Zum Friedhof. Fünf Totenscheine habe ich in der Tasche, aber neun Särge stehen draußen. Das ist der Tod von 1945, der namenlose, der wuchernde, der maßlose Tod.
Jetzt ist Pause bis zum Abendgottesdienst. Ich gehe in die Stadt zurück und denke: es ist die Stunde der Matthäuspassion. Nicht hier, o nein. Aber drüben, einst. Da saßen sie in der Stiftskirche, gedrängte Menge zwischen den Pfeilern, in den Nischen, im Chorgestühl, auf den Klappsesselchen überall, ihre Blätter hatten sie in der Hand und ihre Klavierauszüge. Chor und Orchester waren zur Stelle, jetzt kam der Dirigent, jetzt gebot sein Taktstock Stille, lautlos erhob sich der Chor, da fiel der e-moll-Akkord nieder, und man schloß die Augen.
Der Raum versank nicht, aber er weitete sich. Sonne brannte, farbige Gewänder brannten in dieser Sonne, Klage und Widerklage, fahle Bitternis und klopfende Angst, lärmender Haß und schweigender Haß: sie alle stiegen den Berg der Schmerzen hinauf und der Herr ging mit. Die Geigen strichen die Klage, die Flöten tönten die Klage, die Oboen, die Violen, die Bässe, immer wilder stand die Klage auf, immer unerbittlicher, schier heiseren Lautes zuletzt: Wort mußte sie werden und wurde Wort: »Kommt, ihr Töchter, helft uns klagen …« Wie ist das fern! Sie haben längst kein Lied mehr, die Herrscher dieser Stunde, die Todfeinde des Kreuzes, und was sie noch schreien, ist Wüstenwort und Hyänengeschrei: daß man in den Abgrund springen möge, ihnen, den falschen Totentänzern zulieb; du, ich, wir alle, die ganze Nation.
Der Standortgottesdienst ist vorbei, ich bin sehr müde, nun ich aus der Sakristei ins feuchte Abenddunkel hinaustrete. Wie gut, daß ein Zimmer auf mich wartet, ein eigener Raum. Wie gut, die Augen zumachen zu dürfen, jetzt sogleich, für eine Stunde zumindest. Danach könnte man noch unter Menschen gehen und so den ernsten Tag beschließen.
Ich war wirklich eingeschlafen, hatte im Traum Anemonen im heimatlichen Wald gepflückt, war in mein Pfarrhaus zurückgekehrt und wollte gerade die Blumen in einer Glasschale ordnen — da ging die Tür. Es war aber nicht die Tür im württembergischen Pfarrhaus, sondern die Tür hier im Hause, Bahnhofstraße 15, zu Znaim an der Theya. Christoph, der Freund, stand vor mir.
»Willkommen, Christophore, wie spät ist es denn?« »Viertel nach acht. Du hast geschlafen?«
»Ja, es war ein bißchen anstrengend heute. Aber komm, setz dich.« Christoph setzte sich. »Es ist jetzt soweit«, sagte er.
»Wann? Wohin?«
Christoph war Leutnant in einem Lehrregiment; Woche um Woche hatten wir miteinander gebangt und gehofft, geglaubt und gezweifelt: würden sie noch drankommen, er und seine jungen Fahnenjunker? Würde man sie vergessen? Man vergaß jetzt so vieles, man vergaß alles Wichtige; man vergaß, was man der Zukunft des Vaterlandes schuldig war … Könnte man da nicht auch ein Lehrregiment an der tschechischen Grenze vergessen?
»Am Ostermontag. Nach Wien.«
Nach Wien. Das hieß: Barrikaden, Straßenkämpfe, Feinde auf allen Dächern, Feinde in allen Kellerluken; das Schlimmste ungefähr, was man sich denken konnte. Wir wußten es beide. Aber wir sprachen es nicht aus.
Dafür redeten wir nun von Sibylle, das war Christophs Frau, und von Peter, dem Sohn, den sein Vater eben erst noch selber getauft hatte, von den Freunden hier im Kreis. Nichts war anders als sonst.
Alles war anders.
»Tule will am Ostermontag noch einmal kommen.«
»Schön. Dann seh ich sie vielleicht gerade noch. Schade, daß es mir zu Nicola nicht mehr hinüberreicht.«
»Aber Nicola hat Telephon. Dann könntest du ihr doch Ade sagen.« (Schlimm, daß alle Worte mit einem Mal so voll Doppelsinn und Schwere sind. Kann man das nicht vermeiden? Nein, man kann es nicht vermeiden.) »Wir wollen es doch gleich versuchen, vielleicht bekommen wir noch Verbindung.«
Ich nehme den Hörer ab. »Meinen Sie, Sie kommen noch durch?«
»Ich wills versuchen«, erwiderte die Stimme am Klappenschrank, eine freundliche Frauenstimme, »es ist ja ziemlich still heute.«
Christoph erzählt von seinem Karfreitag, ich von dem meinen, da schrillt der Apparat. Nicola.
»Ja?«
»Höre. Nicola, es ist wunderbar, daß wir dich noch erreicht haben. Christoph sitzt hier und möchte dir Lebewohl sagen. Und ich ja eigentlich auch.«
»Was ist mit dir?«
»Mit mir: vorderhand noch gar nichts. Aber Christoph muß gehen.«
»Wohin?« fragte die Stimme.
Christoph legte mir die Hand auf den Mund, nahm den Hörer und sagte in einer Art von klirrender Entrüstung: »Gnädige Frau, haben Sie schon einmal etwas vom militärischen Dienstgeheimnis gehört?«
Ich verstand nicht, was Nicola erwiderte. Nur dann Christophs Wort: »Schade, daß wir dich nicht noch hören können.«
Nicola, die Gutsfrau, sang. Sie hatte eine Stimme ohne Schwere. Sie konnte nichts von sich sagen. Aber sie konnte singen. Was sie sprach, klang mühsam und nicht selten widerspruchsvoll, scharf und verquält. Aber wenn sie sang, so war alles klar, alles gelöst, alles gut. Ein Lied vor allem war es, das sie zu singen verstand, ein Lied von Johann Sebastian Bach, halb Arie, halb Choral. Es stand im Magdalenenbüchlein, ein Lied aus dem siebzehnten Jahrhundert, beginnend mit den Worten: »Wie wohl ist mir, o Freund der Seelen—«. Wir hatten es manches Mal miteinander gesungen, ich hatte der Freundin auch die weiteren Verse des Liedes, die nicht im Notenbüchlein standen, zugänglich gemacht.
Christoph gab mir den Hörer zurück. »Ja«, sagte ich, »du müßtest uns noch einmal deinen Bach singen.«
Da antwortete Nicola, drüben, drei Wegstunden von hier: »Paßt auf, ich singe noch einmal einen Vers.«
Und jetzt sang sie. Ich sah sie, die Zarte, die Tizianrote, in geringer Entfernung von der Sprechmuschel hielt sie sich und sang. Ich hörte:
Lenkst du durch Wüsten meine Reise,
Ich folg und lehne mich auf dich —
Dann gab ich dem Freund den Hörer in die Hand, und er vernahm, wie es weiter ging:
Du gibst mir aus den Wolken Speise Und labest aus dem Felsen mich.
Dachte er wohl an diese Worte, der Freund, als er fünf Tage nach diesem Karfreitag irgendwo in den Vorstadtstraßen von Wien lag, ein Sterbender unter Sterbenden? Er dachte daran.
Und dann für mich wieder:
Ich traue deinen Wunder wegen —
Und als dann die große Reise begonnen hatte und dreimal im letzten Augenblick noch Rettung kam, da sang ich vor mich hin, wie Nicola gesungen hatte:
Sie enden sich in Lieb und Segen,
Genug, wenn ich dich bei mir hab —
Zuletzt noch einmal an Christophs Ohr (— und warum gerade dies für ihn?):
Ich weiß, wen du willst herrlich zieren,
Und über Sonn und Sterne führen,
Den führest du zuvor hinab.
Nicola hatte den Hörer aufgelegt. Wir saßen eine kleine Weile, ohne zu sprechen. Es schwieg sich leicht mit Christoph. Und es war ja auch, nachdem dies Lied zu uns gekommen war, nichts mehr zu sagen.
»Alsdann«, sagte Christoph schließlich, stand auf, nahm Mantel, Gürtel und Mütze, und ich tat wie er. Schweigend gingen wir miteinander durch die Straßen der Stadt, der Burgkaserne zu, wo das Lehrregiment lag. Der erste Frühlingsvollmond stand groß am Himmel. Übermorgen war Ostern. Aus den Vorstadtgärten kam der Hauch von neuem Leben, süß und bitter zugleich. Und uns, die abendlichen Karfreitagswanderer, rührte eine große Tröstung an. Drüben, in Nicolas Lied, war sie gewesen, und jetzt im späten Vogelton klang sie nach.
Quelle: Albrecht Goes, Erfüllte Augenblicke. Eine Auswahl, Frankfurt: S. Fischer, 1955, S. 36-42.