Von Hans-Georg Gadamer
Das alte Wort »Verstehen« erfährt seine Prägung zum Begriff – nach einer Vorphase, in der die Mystik Verstehen im Sinne von Verstand gebraucht und die Aufklärung Verstand im Sinne von Verstehen – im Zusammenhang der Wissenschaftstheorie des 19. Jh.s. Rankes pantheistisch gefärbte Privattheologie der Geschichte und Droysens Formel »forschend verstehen« verleihen dem Wort einen fast religiösen Klang, sofern wir durch die historische Forschung eine gewisse Einsicht in die göttliche Vorsehung gewinnen. Dilthey, der in der Besinnung auf die logischen Grundlagen der Geisteswissenschaften dem Begriff des Verstehens seine endgültige Bestimmung gibt, ist nüchterner. Er unterscheidet durch den Begriff des Verstehens diejenige Psychologie, die allein den Geisteswissenschaften ihre erkenntnistheoretische Grundlage bieten könne, von der mechanistisch-naturwissenschaftliche »erklärenden« Psychologie. Doch wurde ihm immer klarer, daß die Theorie des Verstehens sich nicht auf die Psychologie beschränkt, d. h. auf die seelischen Erlebnisse, sondern auf alle Sinngebilde und Sinnzusammenhänge objektiver Art in gleicherweise geht (»objektiver Geist«). Die Lehre vom Verstehen wird von ihm als Hermeneutik sowohl geschichtlich erforscht als auch systematisch entwickelt.
Verstehen ist bezogen auf Ausdruck. Ausdruck aber ist zweideutig, ursprünglich ein grammatischer (rem verbis exprimere) und seit dem 18. Jh. auch ein psychologischer Begriff (Ausdruck des Innern). Entsprechend geht das Verstehen in erster Linie auf den sprachlichen Ausdruck sowie auf das durch Zeichen und Winke Gezeigte. In diesem Sinne meint es den Sinn bzw. die Bedeutung und findet seine Perfektion in der hermeneutischen Kunst. Im zweiten Sinne weist der Ausdruck nicht auf eine »Sache«, sondern zurück auf das Innere. Das Zeichen ist Anzeichen, das Wort ist nicht nur Bedeutung, sondern wird in seiner Kundgabefunktion (E. Husserl) gedeutet, d. i. als seelischer Ausdruck verstanden, so gut wie Mienenspiel und Gebärden. Der erste Sinn von Verstehen ist das Ziel der Hermeneutik und dort genauer zu behandeln. Hier ist vor allem von dem zweiten Sinn zu sprechen, der eine erkenntnistheoretische, denkpsychologische, moralphilosophische und sozialtheoretische Problemdimension hat.
Das erkenntnistheoretische Problem des Verstehens ist wie die Fragestellung der Erkenntnistheorie überhaupt durch die Auszeichnung des Selbstbewußtseins, der cartesianischen res cogitans bestimmt. Wie kann die ihrer selbst inneseiende Subjektivität das außer ihr Seiende erkennen? Kant hat in seiner Kritik der reinen Vernunft die Möglichkeit der mathematischen Naturwissenschaft legitimiert. Wie aber soll man einen anderen verstehen, der Subjektivität, Innerlichkeit ist? Die Lehre vom Analogieschluß (z. B. Spencer und noch Dilthey) sowie die psychologische Lehre von der Einfühlung (Th. Lipps) sind phänomenologisch unbefriedigende Konstruktionen. Husserls phänomenologische Reduktion aller Seinsgeltung auf das transzendentale Ego, also auf ein radikales »Selbstverständnis«, sah in dem Problem der Intersubjektivität ihre schwierigste Bewährung (Cartesianische Meditationen, V). Er suchte die Lösung in der Richtung, daß das Verstehen des fremden Ich mit der Gemeinsamkeit der Welt verknüpft ist, die für uns alle gilt. Darin aber setzt sich durch, daß Verstehen nicht primär die Aufgabe eines psychologischen Deutens einschließt: Einander verstehen heißt primär, in dem oder jenem oder in allem übereinstimmen. Dem entspricht auch der theoretische Sinn von Verstehen. Ein Sinnzusammenhang als solcher wird »verstanden«, z. B. ein mathematischer Beweis, eine musikalische Komposition, eine Äußerung in fremder Sprache, eine belehrende Unterweisung, wenn die immanente Kohärenz als solche (die »Bündigkeit«, H. Freyer) einleuchtet, unabhängig vom eigenen Urteil oder eigener Stellungnahme. Hier geht Psychologie über in geisteswissenschaftliche Hermeneutik.
Der Fall der Zurechtweisung meint Verstehen als ein moralisches Phänomen, das im moralischen Sinne Selbstverständnis einschließt. An den moralischen Sinn von Verstehen schließt nun der religiöse Sinn an. Wo die Menschen einander mißverstehen oder nicht mehr verstehen, bes. aber, wo sie sich selber nicht oder nicht mehr verstehen, finden sie am Ende das Verständnis ihrer selbst in Gott. Derart gehört das Phänomen des Verstehens in das Konversionserlebnis (Augustins Confessiones, pietistische Erweckung, Hamanns Begriff des Selbstverständnisses). Solches moralisches oder religiöses Selbstverständnis ist die Grundlage, von der her das Verstehen anderer ein zentrales moralisches Phänomen ist (griech.: synesis). Deshalb ist Verstehen auch mit Nachsicht verwandt und begünstigt das Verzeihen (Aristoteles, Eth. Nic. VI, 11). Hier entspringt die Forderung der Toleranz, des geistigen oder sittlichen Geltenlassens des anderen. – Der Begriff des Verstehens hat aber nicht nur moralisch restriktive Funktion. Es kann auch positiv sein. Menschen, die sich gut miteinander verstehen, sind Freunde. Die Rolle der Freundschaft in der philosophischen Ethik und Politik schließt das Einander-Verstehen ein (homonoia, homologia). Scheler hat mit Recht betont, daß Sympathie eine ursprüngliche Bezeugung hat und nicht aus der Analogie zum Verhältnis zu sich selber gedeutet werden darf. In den Spuren Nietzsches hat er bes. die Idole der Selbsterkenntnis aufgedeckt.
Doch gibt es nicht nur Grenzen des Selbstverständnisses, sondern auch solche des Verständnisses anderer, die einzusehen dem Mißverstehen vorbeugen kann. Das spielt sowohl in der Psychologie (Typenpsychologie) wie in der Ethnologie und in der historischen Wissenschaft eine Rolle. Ferner hat die moderne Tiefenpsychologie eine ganz neue Dimension des seelischen Verstehens geöffnet, sofern der Vordergrundsinn des bewußt Gemeinten eine Maskierung unbewußter Triebwünsche sein kann. Eine absolute Grenze findet das Verstehen sowohl fremder Personen wie etwa geschichtlicher Ereignisse dann, wenn die Bedingung der Kohärenz des Sinnes nicht gegeben scheint. So ist der Geisteskranke im normalen Sinn des Wortes nicht mehr zu verstehen und auf der objektiven Seite der gar zu sinnlose Zufall. Die moralische Dimension, die selbst solche Grenzphänomene noch umfaßt, etwa im Verhältnis von Arzt und Gemütskrankem, zeigt an, daß das Verstehen kein einseitiger Vorgang der Erfassung von etwas Vorfindlichem ist, sondern immer eine Lebensbeziehung zur Voraussetzung hat. An eine völlige Voraussetzungslosigkeit des Verstehens ist weder in der Wissenschaft noch in der moralischen Lebenserfahrung aus diesem Grunde zu denken (J. Wach).
Eine noch ungelöste Aufgabe wäre eine Geschichte des Verstehens, die nicht eine Geschichte der Hermeneutik wäre. Sie hätte etwa zu fragen: Wie wird der andere aus der gemeinsamen Lebensbeziehung soweit herausgehoben, daß er als eine andere Individualität erfahren wird, die es zu verstehen gilt? Wann wird einer Aussage gegenüber die fremde Meinung als solche zum Gegenstand der Bemühung (statt der Frage ihrer Richtigkeit)? Wann wird fremdes Volkstum in seiner Sonderart »verstanden« und nicht mehr als »barbarisch« ausgegrenzt? Wann wird die naive Angleichung aller Überlieferung an das eigene Weltverständnis soweit brüchig, daß das geschichtlich Andere zur Aufgabe des Verstehens wird (Entstehung des historischen Sinnes)? Am Ende dieser Geschichte müßte wohl die Frage stehen, wie weit die Bereitschaft des Verstehens getrieben werden darf, ohne die normativen Maßstäbe der Moral zu zersetzen (Nihilismus-Problem), und wieweit das christliche Existenzverständnis, das christliche Liebesgebot und seine Grundlage, das eigene Sündenbewußtsein, die Gefahr bannen, die im Alles-Verstehen liegt.
Bibliography. E. HUSSERL, Logische Untersuchungen, (1900/01) 19223 – DERS., Cartesianische Meditationen (Husserliana I), 1950 – M. SCHELER, Wesen u. Formen der Sympathie, (1913) 19485 – DERS., Vom Umsturz der Werte I. II, 1919 (= GesW III, 1955) – W. DILTHEY, Ges. Schr. V-VIII, (1921-31) 1957-602 – H. FREYER, Theorie d. objektiven Geistes, (1923) 19343 – J. WACH, Das Verstehen, 3 Bde, 1926-33 – J. G. DROYSEN, Historik, (1937) 19583 – G. BORNKAMM, Homologia (Hermes 71, 1938, 377 bis 393) – O. F. BOLLNOW, Das Verstehen, 1949 – K. O. APEL, Das »Verstehen«. Eine Probemgeschichte als Begriffsgeschichte (Archiv f. Begriffsgesch. 1, 1955, 142-199) – H.-G. GADAMER, Wahrheit u. Methode. Grundzüge einer philos. Hermeneutik, 1960 – DERS., Zur Problematik des Selbstverständnisses (Einsichten, Gerh. Krüger z. 60. Geb., 1962, 71-85).
RGG3, Bd. 6 (1962), Sp. 1381-1383.