Von Manès Sperber
In einer frühen Phase seines Werdens erfährt ein jeglicher, daß er ein Ich ist, und zugleich, daß alle anderen es gleichfalls sind. Es braucht jedoch einige Zeit, bis er einsieht, daß jeder, also auch er, nur sich selbst ein Ich, allen anderen aber ein anderer ist. Damit beginnt sehr häufig die erste kindliche Trotzphase, diese relativ kurze Periode des starrsinnigen Neinsagens. Es ist, als ob die entschiedene Behauptung des Ichbewußtseins, nur durch den Widerstand gegen die anderen verstärkt, zur Gewißheit werden könnte. Hier tritt zum ersten Mal, in einem kaum begriffenen Ansatz, die Allophobie zutage, das zugleich ängstliche und aggressive Mißtrauen gegenüber dem Fremden, das im Leben der Individuen wie der Völker eine ungewöhnliche Bedeutung erlangen kann. Eine der zahllosen Formen der Allophobie ist die Judenfeindschaft, die seit 150 Jahren durchaus unzutreffend als Antisemitismus bezeichnet wird.
Spätestens in meinem vierten Lebensjahr habe ich erfahren müssen, daß wir Juden von unseren christlichen Nachbarn angefeindet werden – nicht ununterbrochen, aber immer wieder, zum Beispiel alljährlich von Karfreitag bis zum zweiten Ostertag. Unser Haus lag unmittelbar neben der Kirche der Ruthenen. In den Augen der Gläubigen las man oft Mißtrauen, einen frommen Haß gegen die jüdischen Passanten, die – das hatte ihnen wohl eben der Pfarrer gepredigt – am Tode des Erlösers schuld waren. So glaubten auch die christlichen Kinder, daß wir Juden Gottesmörder waren, jedenfalls die Nachkommen jener, die Jesum Christum gekreuzigt hatten.
Jedoch im praktisch unvermeidlichen Verkehr mit uns schienen sie wie ihre Eltern oft zu vergessen, daß sie es mit Gottes Feinden zu tun hatten, auf denen ein so furchtbarer Fluch lag. So staunten sie nicht allzu sehr darüber, daß wir Menschen waren wie sie selbst und daß es unter uns Gute gab und Schlechte, Anständige und Unredliche, Freundliche und Hochmütige. Dennoch gerieten sie immer wieder unter den Einfluß von Geistlichen, die sie daran erinnerten, wie anders, ja wie unmenschlich die Juden waren, da sie sich so verhielten, als ob sie nicht unsühnbar schuldig wären. So wäre bei ihnen alles Lug und Trug, denn der göttliche Fluch bewirkte, daß sie gar nicht ehrlich sein konnten und daß ein guter Jud so undenkbar war wie trockenes Wasser oder ein heißer Frost: »Er weiß, daß wir ihn hassen und verabscheuen, doch tut er so, als ob er es nicht ahnte, um seinen teuflischen Haß gegen uns zu verbergen. So sind alle Juden ausnahmslos anders, als sie erscheinen, anders als alle anderen Menschen.«
Der Andersartige flößt Neugier, oft auch eine nicht sehr deutlich empfundene Scheu ein, die sich mit einem schnell erweckten Mißtrauen paart. Man weiß nicht, ob er nicht ganz plötzlich etwas Unerwartetes, Gefährliches tun wird – wie manche Tiere, die Schlangen zum Beispiel, oder solche, die sich im Gebüsch verstecken, um einen plötzlich anzufallen. Es ist eine allgemein verbreitete Ansicht, daß man gewöhnlich weiß, was man von seinesgleichen erwarten kann und wessen man sich von ihm zu versehen hat. Gegenüber einem Menschen, mit dem man sich identifizieren kann, ist man ja nie ganz wehrlos. Aber jeder Fremde ist potentiell ein Feind. Man muß vor ihm auf der Hut bleiben, doch gleichzeitig das Mißtrauen verhehlen und nie vergessen, daß er nicht »einer von uns« ist … Solche Erwägungen kennzeichnen das Verhältnis zu Juden, das in der Atmosphäre des judenfeindlichen Christentums seit Jahrtausenden oft erzeugt worden ist.
Die Allophobie ist – wie der Argwohn und der Haß – Selbstversorgerin, das heißt, sie fördert die Entstehung dessen, was sie argwöhnt, befürchtet oder haßt. Wie jene Prophezeiungen, die sich nur deshalb erfüllen, weil sie das bewirken, was sie ankündigen, drängt der Haß die von ihm Verfolgten zu Reaktionen, die ihn zu begründen scheinen. Man weiß, wie oft der unschuldig Verdächtigte den Argwohn dadurch nährt, daß er weit mehr zu beweisen oder zu widerlegen sucht, als überhaupt widerlegbar oder beweisbar ist. So erzeugt ein Verdacht zuweilen ein ihn bestätigendes Verhalten, weil er zugleich mit dem Sicherheitsgefühl das Selbstwertgefühl des Angegriffenen während eines Augenblicks oder länger erschüttert und ihn zu einer momentanen Selbstentfremdung zwingt.
Man hat das Wesen des Antisemitismus und die durch ihn erzeugte, eigenartige Schwierigkeit, Jude zu sein, nicht wahrhaft erfaßt, solange man nicht begriffen hat, daß sich die Neigung zur Allophobie schon in der frühen Kindheit einstellen und eine Alltags-Paranoia erzeugen kann, dank der man in jedem Fremden einen heuchlerischen Intriganten, einen Feind wittern kann. In der Tat kennt jeder Mensch die Angst, daher ist er imstande, Individuen oder Gruppen erbarmungslos zu befremden, sie heimlich oder offen zu befeinden und sie – sofern sie von ihm abhängen – zu einer neurotischen Selbstentfremdung zu bewegen.
Die Judenfeindschaft ist allerdings eine besondere Spielart dieser Allophobie; sie hat lange vor dem Sieg des Christentums begonnen und überlebt auch dort, wo der Glauben auf das individuelle oder gesellschaftliche Tun keinen bestimmenden Einfluß mehr ausübt. Und sie besteht auch in Ländern, wo Juden nie gelebt haben, beziehungsweise nicht mehr leben. Diese Allophobie findet eben überall ihre Opfer: in der unmittelbaren Nachbarschaft oder in der Ferne oder in einem Nirgendland: etwa in der andern Hautfarbe, im andern Glauben, in andersartigen Traditionen _ Doch ist es, wie gesagt, unbestreitbar, daß die Allophobie seit Jahrtausenden in der Judenheit ein heimlich gefürchtetes, meist gehaßtes Opfer gefunden hat.
Warum? Dafür gibt es beliebig viele Vorwände und Gründe, von denen drei bestimmend sind:
Der erste, religiöse Grund ist dem Anschein nach der überzeugendste, doch genügt er allein nicht, das Schicksal der Juden zu erklären. Der zweite Grund ist historisch und der dritte sozialpsychologisch.
I
Die von dem Mesopotamier Abraham begründete Nomadensippe der Hebräer hatte zum Unterschied von den seßhaften Völkern einen einzigen Gott; sie war somit henotheistisch wie viele andere Nomadenstämme. Die Urenkel Abrahams, Isaaks und Jakobs wagten jedoch nach langen Wanderungen und Fährnissen, den Gott ihres Stammes als den einzigen Schöpfer über alle und alles zu erhöhen und ihn als Herrn der Welt auszurufen und die heidnischen Götter als eine lügnerische Erfindung verblendeter Götzendiener anzuprangern. Den Mut zu solch kämpferischem Monotheismus, der die Zeitgenossen wie eine strafwürdige, widernatürliche Herausforderung reizen mußte, schöpften die Nachfahren Abrahams aus der Gewißheit, daß der Weltengott sich ihrer Ahnen durch ein Gelöbnis verpflichtet hatte, ja daß er mit ihnen ein ewiges Bündnis eingegangen war. Am Fuße des Berges Sinai vernahmen sie seine Lehre und nahmen das schwere Joch seiner Gesetze auf sich – sie allein, denn gemäß einer Sage hatte Gott anderen Völkern seine Lehre vergebens angeboten.
Auf dem Wege in das ihnen versprochene Land Kanaan begegneten die Israeliten überall den Götzendienern, die in verlockenden Festen Baal und Istar und so viele schützende Natur- und Lokalgötter anbeteten. Sie erlagen oft genug der Verführung, aber am Ende kehrten sie zu ihrem einzigen, streng fordernden und strafenden Gott zurück. In der sehr prekären geopolitischen Lage, in der sich dieses kleine Volk mitten zwischen zwei annexionistischen Imperien befand, bot sein Monotheismus der feindlichen Umwelt stets Vorwände, diesem kleinen Staat unerwünschte Bündnisse aufzuzwingen oder ihn zu züchtigen. Lehre und Gesetz bewirkten so die herausfordernde Vereinsamung der Judenheit, die in ihrem Credo die Nichtigkeit, das Nichtsein der heidnischen Götter und die Frevelhaftigkeit des Götzendienstes proklamierte. Die Nachahmung heidnischer Sitten wurde als blasphemisches Laster verfolgt und schwer bestraft. Die äußerst strengen Regeln der Lebensführung machten es den Juden recht oft unmöglich, das Mahl eines Heiden zu teilen, und erschwerten in vieler Hinsicht alle Gemeinsamkeit mit ihm.
So ist die Frage unabweisbar, ob es nicht diese religiös begründete, anbefohlene Absonderung ist, die den konfessionellen Judenhaß hervorgerufen hat. Nun, daß sie ihn gefördert hat, scheint gewiß, jedoch nicht, daß sie allein ihn hervorgerufen hat. Man bedenke, daß in der Antike strenge Absonderungen als Folge von Kriegen die Regel waren. Die Besiegten und ihre Nachkommen wurden häufig als Sklaven, als Lebewesen niedern Ranges behandelt; so waren in der gleichen Stadt, im gleichen Lande die trennenden Grenzen scharf gezogen. Die vielgerühmte Freiheit der hellenischen Polis war den Bürgern gesichert, aber nicht den Sklaven, deren Stand selbst Aristoteles als naturgegeben betrachtete.
Es ist wahr, der Paganismus war toleranter, als der christliche oder islamische Monotheismus es je gewesen ist. Unterwarfen sich zwar die Besiegten den Göttern der Sieger, so waren diese ihrerseits einem Synkretismus nicht abgeneigt: in der Anbetung der Lokalgötter fand man sich zusammen, denn deren Namensänderung stieß kaum auf Schwierigkeiten. Die Juden ihrerseits, die im antiken Israel lebten, waren gegenüber den Heiden tolerant, sie muteten ihnen nur selten zu, ihre Lebensweise der mosaischen anzugleichen, sich die zahllosen Beschränkungen aufzuerlegen, deren Sinn zumeist unerforschlich blieb.
Eine einschneidende Erfahrung belehrte überdies die Juden, daß sie, ein kleines, territorial besonders schlecht placiertes Volk, untergehen könnten, wenn sie ihrem Bündnisse mit Jahve nicht die Treue bewahrten. Nach der letzten Niederlage des Königreiches Israel verschwand seine Bevölkerung, das heißt seine zehn Stämme, in der assyrischen Diaspora beinahe spurlos – eben weil sie ihrem Gott untreu geworden waren, indes die Judäer im babylonischen Exil ihre besonders geartete religiöse und damit nationale Identität bewahrten; sie, sie allein leben in den Juden von heute fort. Im babylonischen Exil hätten sie sich leicht assimilieren, im Wirtsvolk aufgehen können – das wäre vernünftig gewesen -, aber sie haben es nicht getan, da sie die Niederlage, damals und später, stets nur als einen Zwischenfall gelten ließen. Sie wurden oft geschlagen, aber sie blieben unbesiegt. Wohin immer sie flüchten mußten, um ihr Leben zu retten, in Babylon, in Rom und in Alexandria – überall bewahrten sie den Glauben, unbesiegbar zu sein.
Gewiß, das ist kein Sonderfall. In schwer zugänglichen Bergtälern und auf abseitigen Inseln stößt man zuweilen auf einen Stamm, der, vom Geschehen der Welt kaum berührt, gleichsam geschichtslos und zeitlos sein Dasein fristet. Aber seit zweitausend Jahren leben die Juden in den Zentren der Zivilisation, wo Ideen, Sitten und Gebräuche entstehen, denen sich kaum jemand ganz verschließen kann. Und in der Tat waren die Juden dem Einfluß der Hellenisten, der Römer, der Araber ausgesetzt, sie nehmen seit ihrer Emanzipation am kulturellen und politischen Leben ihrer Umwelt tätigen Anteil. Hätten die Juden jedoch einen heidnischen oder später den christlichen oder mohammedanischen Glauben angenommen, so gäbe es sie nicht mehr – außer als legendäre Erinnerung an ein einzigartiges Volk, das der Welt die Bibel vermacht und einen Erlöser gebracht hat.
Sieger in großen Kriegen, die einer Geschichtsphase ein Ende setzen und eine neue Ära einleiten, sind nicht jene Nationen, die die ersten Schlachten gewinnen, sondern jene, die aus der letzten Schlacht siegreich hervorgehen. Gemäß der jüdischen Eschatologie, die verspricht, daß »nach dem Ende aller Tage« ein alle Geschöpfe miteinander versöhnender, ewiger Friede herrschen wird – gemäß dieser optimistischsten aller Geschichtsauffassungen bezeichneten alle Triumphe der Eroberer bestenfalls Episoden, deren Vergänglichkeit dem Volk der Diaspora so gewiß war wie das Kommen des Messias. Solange die Juden selbst in der tiefsten Erniedrigung diese Hoffnung als Daseinsgrund betrachten konnten, blieb ihre Widerstandskraft ungebrochen. Die anderen aber, die da glaubten, daß der Messias bereits gekommen war, daß Christus sie erlöst hatte – sie lebten in der Angst vor der Hölle. Ja, meine Ahnen fühlten es bis ins Mark ihrer Knochen, daß die Erlösung noch in der Zukunft lag und daß es galt, so zu leben, daß man ihrer wert und würdig werde. Unter den vielen Eigenarten, die die Juden ihrer Umwelt besonders fremd, in der Tat unbegreiflich erscheinen ließen, ragte diese Unerschütterlichkeit ihrer Zuversicht hervor, daß die Gegenwart nichts anderes als ein – allerdings sehr langer – Korridor zu einer Zukunft sein konnte, die ihnen und dank ihnen der ganzen Menschheit bevorstand.
Man weiß, daß auch der herzhafteste Widerstand nach zu langer Dauer zusammenbricht, wenn er nur durch Gegnerschaft und nicht durch eine große Hoffnung begründet ist. In der finstersten Etappe ihres zweitausendjährigen Exils glaubten die Juden, daß das Ende aller Tage nahte – sie lebten ihm entgegen. Nicht Moses, sondern der Prophet Jesajas wies ihnen den Weg. Daß sie ihn auch dann nicht verließen, als sie ihr Leben nur durch ein Bekenntnis zum Christentum retten konnten, machte sie den anderen nur noch unheimlicher, ihre Gegenwart unerträglicher: hassenswert. Ja, daß sie besiegt, über die ganze Welt zerstreut, »mit Skorpionen gezüchtigt« und namenlos gedemütigt, nicht zu den Siegern überliefen, daß sie dem Heilsversprechen nicht weniger widerstanden als den furchtbarsten Torturen – all das blieb unverständlich, also mußten sie teuflisch sein, dachten ihre Verfolger.
Im hellenistischen Ägypten und in anderen Mittelmeerländern hatte der Judenhaß viele Gründe, aber er war nur funktionell. Erst im Christianismus wurde er häufig zum totalen Haß, denn da ging es um die Frage einer beanspruchten, doch bestrittenen Identität. Traten die Juden nicht zum Christentum über, fuhren sie fort, die göttliche Identität Jesu zu bestreiten, so bewiesen sie damit nicht nur, daß sie einem Irrtum verfallen waren, sondern sie spiegelten diesen Irrtum entgegen besserem Wissen vor, weil sie, Todfeinde des Neuen Bundes, die Christen nicht als legitime Erben des alten Bundes anerkennen wollten.
II
Die unaufhaltsame Ausbreitung des Römischen Reiches, die der Rivalität der Ägypter und der Mesopotamier ein Ende setzte, sicherte den kleinen Staaten eine relative Autonomie unter der Verwaltung römischer Statthalter zu. Es gab zwar hie und da Unruhen, aber die Aussichtslosigkeit eines Sieges über die Legionen förderte die Pax Romana, die die Völker mit der gewöhnlich nicht zu harten Fremdherrschaft aussöhnte. Die Juden aber wehrten sich gegen diese in Aufständen, die sich schließlich zu einem wahnwitzigen Krieg gegen Rom ausweiteten. Man weiß, daß der vorletzte jüdische Krieg vier Jahre dauerte und im Jahre 70 nach Christi Geburt mit der Zerstörung Jerusalems und der Vernichtung des Tempels endete. Die Jerusalemiten hatten bis zuletzt die Kapitulation verweigert, die Folgen der Niederlage waren furchtbar. Doch erst 65 Jahre später, im Jahre 135, gelang den Römern die Austreibung der Juden und die Vernichtung des jüdischen Staates. Bis dahin hatten sich ununterbrochen aufständische Truppen gebildet, die letzte von ihnen kämpfte unter dem Anführer Bar Kochba. Als alle Hoffnung dahin war, brachten sich jene, die nicht vom Feind getötet wurden, in ihrer letzten Festung selber um.
Akiba, den man noch heute als den weisesten Rabbi aller Zeiten bezeichnet, sah im Hitzkopf Bar Kochba den König-Messias, dessen Kommen Jesajas angekündigt hatte. Akiba, an dessen so viel gerühmter Weisheit man auch aus anderen Gründen zweifeln darf, wurde von den Römern gefangengenommen und mit grausamer Langsamkeit zu Tode gefoltert. Er pries Gott bis zum letzten Atemzug: Darin ist er ein Vorbild geblieben, dem Juden im Laufe der letzten 1800 Jahre vielenorts nachsterben sollten, aber nicht nachleben konnten, denn fortab hatten sie kein eigenes Land mehr, für dessen Selbständigkeit sie sich gegen eine Weltmacht hätten erheben müssen. Und nicht als Staatsvolk, sondern als einzelne oder Familien oder Überlebende verwüsteter Gemeinden suchten sie Zuflucht in Babylonien und in Persien, wo sie von den Nachkommen jener Juden aufgenommen wurden, die auch nach dem Wiederaufbau Judäas im Lande der Verbannung geblieben waren. Die Ausgetriebenen fanden ein Asyl in den südlichen und westlichen Teilen des römischen Imperiums, wo sich ihre Glaubensgenossen bereits Jahrhunderte oder Jahrzehnte vorher niedergelassen und den Einheimischen in vielen Hinsichten angeglichen hatten. Sie übten da alle Berufe aus: sie waren Landwirte, Weinbauern, Handwerker, Händler, Matrosen und Berufssoldaten. In Rom spielten sie, ähnlich wie die Griechen, eine gewisse Rolle als Schreiber, Kopisten, Sekretäre, Dolmetscher und nicht zuletzt als Schauspieler. Indes bewahrten sie auch im römischen Schmelztiegel ihre Identität, den Willen und die Fähigkeit, ein Volk zu bleiben, treue Erben und Wahrer einer Vergangenheit und Träger einer universellen Zukunftshoffnung.
Nicht der Rabbi Akiba hatte sie gelehrt, ohne Land und ohne eine priesterliche Autorität zu leben, sondern der um eine Generation ältere Rabbi Jochanan-ben-Sakkai, der als Vizepräsident des Sanhedrins auch von den Römern anerkannt war. Jochanan hatte alles getan, um die Aufstände und deren drohende Verwandlung in einen Krieg zu verhindern. Im belagerten Jerusalem bemühte er sich vergebens, die militärischen und politischen Führer zu einem Kompromißfrieden zu bewegen. Als die Lage hoffnungslos und die furchtbarste Niederlage so unvermeidlich wurde wie der Tod, da führte der gewiß sehr vereinsamte Rabbi einen Plan aus, der den Verteidigern Jerusalems und nicht nur ihnen damals und noch lange Jahre nachher als Verrat oder zumindest als Fahnenflucht erscheinen mußte. Er ließ sich durch die wenigen Jünger, die ihm geblieben waren, in einem Sarge aus der Festung hinaustragen und sodann von römischen Soldaten zu ihrem Führer bringen, der natürlich wußte, mit wem er es da zu tun hatte. Der Rabbi erhielt von ihm freies Geleit bis zu der kleinen Stadt Javne, nachdem er sich verpflichtet hatte, sich dort nur um eine höhere Schule zu kümmern, die ausschließlich dem Studium der Lehre gewidmet sein sollte. Der Römer erkannte unschwer, welche Wirkung die Flucht dieses großen Mannes auf die Belagerten ausüben mußte, daher ließ er den Gelehrten ziehen.
Jochanan-ben-Sakkai aber tat dies, um die Juden zu lehren, ohne den Tempel, ohne die Priester und ohne Schlachtopfer, ja ohne ein eigenes Land und einen eigenen Staat zu leben. So trat er in die Fußstapfen des Rabbi Hillel, der schon vorher das Wohltun gelehrt hatte und die Notwendigkeit für jeden, sich selbst im andern zu erkennen. Einem Edomiten, der von ihm verlangte, er sollte die Quintessenz des Judaismus so kurz darlegen, daß er ihm auf einem Fuße stehend zuhören könnte, wiederholte Hillel den Satz aus der Thora: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Und er fügte hinzu, daß darin das ganze Gesetz enthalten sei.
Hillel überzeugte seine Jünger davon, daß auf Erden nichts so wichtig und sinngebend sei wie das »Lernen«, das unausgesetzte Studium der offenbarten Lehre wie der zahlreichen Schriften, die später als Bibel das ehrfürchtig und meistgelesene Buch der Welt werden sollte. Hillel sicherte all jenen das künftige Leben zu, die das diesseitige Leben dem Studium von Lehre und Gesetz widmen würden. Eben diese Botschaft sollte Jochanans Javne verbreiten und jeder der etwa 60 Generationen vermitteln, die seither die Bürde des Judeseins getragen und weitergegeben haben.
Wo auch immer die Exilierten sich befanden, sie waren in der Fremde nicht allein, selbst der Einsamste war es nicht, denn das tägliche Gebet verband ihn nicht nur mit Gott, sondern auch mit all jenen, die nah und fern zur gleichen Stunde das gleiche Gebet sprachen. Im Gegensatz zum Gottesdienst im Tempel bedurfte es fortab keiner Zeremonie, um »sich an Gott zu heften«, denn das Gebet war ein unmittelbares Gespräch mit ihm. Und wer jede freie Stunde des Tages oder der Nacht dem Lernen widmete, dem lauschte der Schöpfer der Welt. Javne statt Jerusalem, diese Wahl Jochanans bedeutete den Verzicht auf die verhüllten Spuren des heidnischen Gottesdienstes, auf den Tempel und auf seine Priester, diese hab- und machtgierig gewordenen professionellen Vermittler.
Fortab war Jerusalem überall dort, wo ein Mensch sich Gott zuwandte. Wo zehn oder mehr Juden zusammen waren, bildeten sie ein Minjan, eine Betgemeinschaft – am Morgen, am Nachmittag, am Abend – und jeder von ihnen konnte Vorbeter sein. So wurden die Juden in der Diaspora ein Volk von Betern und »Lernern«, deren Lebensweise, besonders während der langen Jahrhunderte grausamster Verfolgung, in jeder Einzelheit immer strenger im Sinne der religiösen Gebote und Verbote geregelt war. Dieses einzigartige Mönchtum eines ganzen, tausendfach versprengten Volkes erklärt dem Historiker so gut wie dem Psychologen dessen Überleben, aber seine Geschichte zwischen 135 und 1979, diese Chronik eines Martyriums ohnegleichen, macht es unbegreiflich.
Allerdings ist diese Geschichte auch die Chronik eines geistigen Widerstandes, den keine Gewalt je brechen konnte. Die Quelle dieser wahrhaft unheimlichen Widerstandskraft aber lag nicht nur in der Energie, die ein Glaube erzeugen kann, und nicht nur im Bewußtsein der eigenen Sendung, sondern in dem unverhüllbaren inneren Widerspruch der Umwelt: in dem Widerspruch zwischen der Botschaft, daß Jesus durch seinen Opfertod die Menschheit erlöst habe, und dem Tun der so erlösten Christen in der von ihnen regierten Welt. Diese Christen aber warteten ihrerseits ungeduldig darauf, daß dem göttlichen Fluch, der über den verstockten Juden lag, endlich deren vollkommene Vernichtung folge. Doch geschah nichts dergleichen im Römischen Reich. Im Gegenteil mehrte sich in Rom die Zahl jener sogenannten Gottesfürchtigen, die gerne zum Judentum übertreten wollten und davor nur deshalb zurückschreckten, weil ihnen eine Lebensführung gemäß den rituellen Verboten zu schwer schien.
Paulus bahnte den Heiden den Weg zum jüdischen Gott, als er ihnen freistellte, die einschränkenden Gebote nicht zu beachten. Damit begann die Ablösung der christlichen Bewegung vom Judentum, auf dessen Nachfolge sie jedoch auch weiterhin Anspruch erhob. Es gab übrigens auch Heiden, welche die Christen als eine Sekte ansahen und ihr die jüdische Orthodoxie vorzogen. Man begegnete ihnen unter den römischen Intellektuellen und – hieß es – unter den Offizieren der Legionen. Obwohl die Juden ihrerseits kaum versuchten, Proselyten zu machen, waren diese selbst nach der Christianisierung des Römischen Reiches nicht selten, also auch nachdem die Judenverfolgung mit Berufung auf die Religion der Liebe an vielen Orten eingesetzt hatte. Trotzdem war damals die Existenz der Juden noch erträglich, zeitweise sogar von der ihrer Nachbarn kaum verschieden. Man weiß, daß mit den Kreuzzügen die Epoche des namenlosen Martyriums begann, eine fast lückenlose Abfolge von Unterdrückung und Leiden, aber auch eines aussichtslosen und dennoch sinnvollen Widerstandes.
Wer sein Leiden physisch und psychisch bewältigen will, muß aktiv, erfinderisch und energisch sein; und um eine auf entmenschende Erniedrigung abzielende Unterdrückung zu überstehen, ohne in sich selbst entwürdigt zu werden, muß man täglich aufs neue das Recht auf Achtung vor sich selbst und vor den Eigenen erringen. Wer in einer Welt leben muß, die ihm feindliche oder bestenfalls ungeduldig duldende Fremde ist, der muß die Kraft für zwei neben- und gegeneinander laufende Existenzen aufbringen: Den Juden war der einzelne Glaubensgenosse natürlich eine Person mit den sie kennzeichnenden Eigenschaften, Fähigkeiten und Schwächen; den Christen aber war er nur ein Jude. Damit sie ihn als solchen erkennen und ihn nicht mit einer Person verwechseln sollten, zwang man ihm äußerliche Merkmale auf – den gelben Lappen, den Spitzhut, den zu langen Rock. Damit aber erzwang man noch mehr: nämlich, daß der so depersonalisierte Mensch sich entsprechend verhalte, demütig, von Furcht beherrscht, also feige, gewohnt, geschlagen zu werden, bemüht, nur ja nicht aufzufallen und niemandem zu mißfallen – somit dem gehässig entstellenden Bilde zu gleichen, das sich der Christ von dem fluchbeladenen Juden machen sollte. Um dieser Karikatur zu gleichen, wurde tatsächlich an zahllosen Orten und während vieler Jahrhunderte eine Art von aufgezwungener Mimikri das Gesetz jüdischen Verhaltens.
Das war der Triumph der Judenfeinde: ihr Opfer mußte mit jedem Worte, mit jeder Gebärde vor aller Welt beweisen, daß man recht hatte, den Juden zu verachten und zu verfolgen. Und natürlich erhärteten diese Beweise auch die Juden der Ghettos: auf engstem Raum zusammengedrängt, gewöhnlich in unmittelbarer Nähe stinkender Abwässer und abscheulicher Misthaufen, in Gäßchen, in die kein Sonnenstrahl drang, lebte, betete und arbeitete man unter dem erkauften Schutz kleiner oder größerer Machthaber. In der Judengasse »repersonalisierten« sich die Ausgestoßenen. Was da fast immer gelang, war eine höchst bedeutsame seelische Leistung, eine ungewöhnliche Überkompensation, jenes schöpferische Trotzdem, dank dem sich der Geächtete von der Demütigung befreit und über seine Erniedrigung erhebt. Dieses aber konnte nur dank der Bibel, dem Talmud und allen exegetischen und mystischen Schriften gelingen. Im Exil wurden die Worte Festungen und Bollwerke, welche die Verfolgten zwar nicht vor Raub und Totschlag schützten, aber ihnen den Sinn ihres Daseins und ihrer Leiden täglich bewiesen. Jerusalem blieb Erinnerung und Zukunftstraum zugleich. Jochanan-ben-Sakkai war mit ihnen, denn fast jede Judengemeinde verwandelte sich in ein Javne. Nie vorher waren die Juden ihren Gesetzen so völlig und bedingungslos treu geblieben, nie hatten sie der Lehre so viel Zeit und solch geradezu leidenschaftliche Aufmerksamkeit gewidmet wie in der Diaspora – angesichts einer Welt, in der die Gewißheit, kein Jude zu sein, noch dem verächtlichsten Christen Stolz einflößte und ein unerschütterliches Gefühl der Überlegenheit gegenüber der ganzen Judenheit. Mitten in ihrem mit Ketten abgesperrten Viertel, dessen Wächter ihnen nächtens den Zutritt zur Stadt verwehrten, innerhalb ihrer vier Wände waren die Bewohner des Ghettos keineswegs unglücklich, Juden zu sein. Je schwerer man ihnen das Leben machte, um so inniger glaubten sie an ihre Auserwähltheit und das nahe Kommen des Messias. Überdies waren draußen in der ungerechten Welt die Armen noch ärmer als sie; die Bauern und Städter waren bedrängt, versklavt, von den weltlichen Herren entrechtet, von den Geistlichen in Unwissenheit gehalten. Gewiß, auch bei den Juden gab es Reiche und Arme: in den elenden Behausungen wohnten neben völlig Mittellosen die Kaufleute, die dank ihrem Netz internationaler Verbindungen einen Großteil des Warenverkehrs zwischen den europäischen, orientalischen und afrikanischen Ländern besorgten. Ein von ihnen gezeichneter Kreditbrief wurde überall honoriert. Im Krieg wie im Frieden brauchten Könige und Fürsten ihre Hilfe, um die Armeen zu bewaffnen und zu ernähren. Man wandte sich an jüdische Ärzte und Berater, Unterhändler und Geldleiher. Schließlich brauchten die Mächtigen die Juden als Sündenböcke für ihre eigenen Verbrechen und vertrieben sie, nachdem sie sie dem Zorn des Volkes ausgeliefert hatten. Nach einiger Zeit riefen sie sie jedoch gewöhnlich zurück. So warf Frankreichs König Philippe Auguste all seine Juden in den Kerker und zwang sie, ihm ein Lösegeld zu zahlen. Dem Volk gewährte er das Recht, die Juden zu plündern und ihnen die Schulden nicht zurückzubezahlen, sofern es ein Viertel des geschuldeten Geldes dem König abführte.
Den Juden wurde schließlich das Recht auf jede Berufstätigkeit genommen, nur innerhalb des Ghettos durften sie ihr Handwerk ausüben; für die Christen wurden sie Altkleiderhändler, Pfandleiher und Wucherer. Als solche sind sie dann in die Literatur, in die Folklore, in die antisemitische Geschichtsschreibung eingegangen. Sie waren keineswegs die einzigen Pfandleiher, weit wichtiger als sie waren die Lombarden und die sogenannten Caorsins, die überall als wucherische Bankiers und Pfandleiher auftauchten; überdies gab es die von der Kirche geförderten Monts de Piete, die zwar offiziell auf den Zins verzichteten, ihn aber unter anderen Vorwänden einheimsten.
Philippe Auguste war nicht der einzige König, der die Juden austrieb, dann wieder zurückholte und sogar andere Herrscher mit Krieg bedrohte für den Fall, daß sie ihm »seine« Juden nicht zurückerstatteten. Diese grausame Posse hat sich auf christlicher Erde oft genug wiederholt.
Silber, Gold und Schmuck zu besitzen, war die einzige, wenn auch nicht immer wirksame Sicherung gegen Vertreibung und Totschlag. Damit erkauften die Juden das Recht, zu leben, sich niederzulassen, und den zeitweiligen Schutz vor dem Pöbel. Sie waren zur Gewinnsucht verurteilt durch die unersättliche Habsucht jener, die die Macht hatten, ihnen das Daseinsrecht zu verkaufen oder zu verweigern. Nun, so erstaunlich es insbesondere christlichen Lesern erscheinen mag: spätestens seit dem Hochmittelalter bis zum 19. Jahrhundert war die Judenheit von Feinden bedroht, die – mit seltenen Ausnahmen – von Raub- und Habgier und Besitzneid besessen waren. Dies verdeckten diese Erpresser mit hehren Vorwänden: Sie wollten so die Kreuzigung Christi rächen oder eine ad hoc ausgedachte Entweihung einer Hostie oder einen lügnerisch erfundenen Ritualmord bestrafen. Es war die Epoche der herrschaftlichen, kirchlichen Räuber.
Ohne solche hehren Vorwände eigneten sich die Ritter die Erde an und verwandelten die Bauern in landlose Knechte. Die alle paar Jahre wiederkehrenden Mißernten und Hungersnöte bereicherten die Reichen, vermehrten die Verbrechen der Diebe und Räuber, aber die Armen, die Alten und Kinder verkamen noch schneller als sonst. Die Kreuzfahrer machten halt, wo es was zu plündern gab; Byzanz, das weder jüdisch noch muselmanisch noch heidnisch, sondern christlich war, wurde von den eroberungssüchtigen Pilgern des Vierten Kreuzzuges so barbarisch verwüstet und ausgeraubt, daß noch spätere Generationen der Christenheit in Erinnerung an diese Missetaten erschauderten.
Die Juden waren auf dem laufenden über alles, was in der Welt geschah, nicht nur dank den Kaufleuten, die seit Jahrhunderten die Länder des Westens und des Nahen Ostens unermüdlich bereisten, sondern auch dank den Sendboten, die den jüdischen Gemeinden Spaniens, Frankreichs, Deutschlands und Polens sowie des Ostens briefliche Anfragen übermittelten, die religiöse, gesetzliche und rituelle Fragen betrafen. Mitten in den einander pausenlos folgenden Katastrophen wollte man in Köln und Worms, in Paris und in Troyes, in Cordoba und in Madrid wie in Rom und Venedig, in Kairo, in Damaskus und Bagdad – überall wollte man schnellstens die Stellungnahme der hervorragendsten Gelehrten der Zeit zu Problemen erfahren, die den Nichtjuden abstrakt und unerheblich erschienen wären. Über alle Grenzen hinweg trug die eigenartige Korrespondenz bedeutend zur Erhaltung des Einheitsbewußtseins der Diaspora-Juden bei.
Jene, die die Intelligenz der Juden, zumeist in böser Absicht, überschätzen, und jene, die deren Geistigkeit unterschätzen, verkennen, daß schon zu Beginn des zweiten Jahrtausends die europäische Judenheit als einziges Volk so gut wie überhaupt keine Analphabeten aufwies, daß sie trotz unerbittlichem Zwang zum materiellen Gewinn die Rechtfertigung ihres Daseins allein im geistigen Leben suchte.
Die ungewöhnliche Bedeutung, die jene Judenheit dem Geistigen zugestand, läßt sich nicht zuletzt daran ermessen, daß sie ihr Einheitsbewußtsein bewahren konnte, obschon zahllose Faktoren die Unterschiede zwischen den verschiedenen Teilen des versprengten Volkes fortgesetzt verstärkte.
Selbst geographisch so nahe Gruppen wie die der iberischen und die der nordfranzösischen Juden waren in vielen Hinsichten voneinander genau so verschieden wie die Spanier von den Franzosen. Jehuda Halevy, der kastilische Poet und Religionsphilosoph, Raschi aus Troyes, der enzyklopädische Gelehrte, Exeget und Kommentator, der Philosoph Maimonides aus Cordoba und Kairo, der zusammen mit arabischen Philosophen den Okzident Aristoteles neu entdeckte – diese drei beispielhaften Repräsentanten des Judentums zur Zeit der ersten Kreuzzüge hatten verschiedene Umgangssprachen: Spanisch, Französisch, Arabisch; sie lebten unter völlig verschiedenen Bedingungen, und ihr äußerer Lebensstil war dem ihrer Landsleute angepaßt. Das Schicksal wollte es, daß die Nachfahren des Spaniers sich nach Holland retten konnten, die des andern in Polen und die des dritten schließlich in der Türkei oder auf den griechischen Inseln Zuflucht fanden. Die Geschicke und Sitten der Asylländer unterschieden sie voneinander, jedoch blieben sie im Glauben und darüber hinaus durch eine besondere Hermeneutik vereint, durch das Bedürfnis und die Neigung, in allem eine ihren Glauben bestärkende Deutung zu suchen.
Die offenbarte und die später überlieferte Lehre durfte keinem Zweifel ausgesetzt werden, gewiß; aber jedes Wort barg in sich so viel mehr als den Inhalt eines Wortes – etwa so wie das Saatkorn in sich die kornreiche Ähre birgt. Wie das Erdreich, so nimmt der Forschende das Wort auf, ihm enthüllt es das Ungesagte, immer tiefer schürfende Einsichten, denn das Wissen genügt nicht, man bleibt bei ihm nicht stehen, man geht von ihm aus, um verstehen zu lernen.
Der Historiker Arnold Toynbee wußte, daß die Juden während einer sehr langen Zeit, Generation nach Generation, beinahe nur die eigenen religiösen Werke studiert und kommentiert hatten, und sah darin den Beweis für die hoffnungslose Sterilität, in der ihr Geist Jahrtausende verharrte. Toynbee wußte, aber er verstand nicht, daß es eine der bedeutendsten Leistungen der jüdischen Hermeneutik innerhalb der allerdings unabänderbar gesetzten Grenzen war, alles Biblische zu durchforschen. Die Deutung bezog das überkommene, aber auch das neue Wissen ein, allerdings ohne ihm eine rein weltliche Ausdrucksform zu verleihen.
War die Begegnung mit dem Griechentum im dritten vorchristlichen Jahrhundert unter besonders ungünstigen Bedingungen erfolgt, so wurde sie später intellektuell weitaus ergiebiger. Im Werk des jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien kündigte sich eine mögliche Verbindung oder gar eine Verschmelzung des Judaismus mit einem von Polytheismus befreiten Hellenismus an, die viel später in der christlichen Zivilisation fruchtbar werden sollte. Für Philo gab es über die trennenden Jahrhunderte hinweg einen möglichen Dialog zwischen Sokrates und den bibeltreuen Denkern. Dieser Dialog ist erst zwischen den späten Nachfahren zustande gekommen, doch hat er den trennenden Abstand zwischen ihnen nur geringfügig und nur zeitweilig verringert. Je unerträglicher das Leben in der Diaspora wurde, um so unabweisbarer drängten sich Fragen auf, die am Ende nur eine mystische Lehre beantworten konnte. Wenn Gott allmächtig ist, dann ist er auch für alles Übel verantwortlich, das uns, seinem auserwählten Volke, angetan wird. Ist er gerecht, warum läßt er es geschehen? Warum bestraft er uns und läßt den Frevler ungestraft nach Willkür walten? Man begreift, daß der Polytheismus mit solch beunruhigenden Fragen, die natürlich jeden Menschen zeitweise bewegen, mühelos fertig wird. Der olympische Operettenzwist, der als Folge eines Schönheitsbewerbs zwischen drei Göttinnen ausbricht, hat einen langen Krieg und den Untergang Trojas zur Folge, sodann furchtbare Verbrechen und deren Sühne – also auch die berühmten Tragödien des griechischen Theaters. Im Hintergrund walten die Parzen und die Ananke, der Zwang, dem jeder, ohne es zu wissen, gehorcht. Kurz, das allmächtige, das unabwendbare Schicksal erklärt alles.
Der Monotheismus aber proklamiert zugleich die göttliche Allmacht und die menschliche Verantwortung. Die Heiden suchten in den Gedärmen von erlegten Tieren Zeichen, die ihnen das Geheimnis ihres Schicksals enthüllen sollten. Aber das Fundament des jüdischen Glaubens ist nicht das Fatum, sondern die Gerechtigkeit, auch im Verhältnis zwischen Gott und seinen Geschöpfen; sie ist der Pfeiler, auf dem die Welt beruht und ohne den sie zusammenbrechen und zunichte werden müßte. Daher blieb das Exil nur erträglich, sofern man für jede Pein und für jede Plage eine Deutung fand, die Gott gleichsam entlastete. Zu solcher Versöhnung verhalf nur ein wendiger Verstand, ein flinker Scharfsinn und eine Kunst der Deutung, dank der ein unbestreitbarer Sachverhalt, ohne bezweifelt zu werden, zu einem mehrdeutigen Hinweis zusammenschrumpfte und schließlich nur noch als warnende Anspielung in Betracht gezogen wurde.
Der Talmud, ein monumentales Werk ohnegleichen, ist das meist überschätzte und unterschätzte, das meist verleumdete und das seit Jahrtausenden mit unübertrefflichem Eifer studierte, kondensierte Protokoll zahlloser Diskussionen über juridische Probleme, über biblische und nachbiblische Gebote und Verbote, über Sitten und Gebräuche und deren Begründung. Der Talmud ist überdies eine riesige Anthologie von Gleichnissen, Erzählungen und Anekdoten, von historischen und biographischen Hinweisen, von religiösen, philosophischen und moralischen Erörterungen über den Schöpfer der Welt und über seine Geschöpfe, über deren Geschlecht und Fortpflanzung, über Tugend und über Tod und Ewigkeit und schließlich über Tausende anderer Erfahrungen, Fragen und Lösungen – kurz, fast über alles, was erwähnenswert ist oder es einstmals oder niemals gewesen ist. Die Judenfeinde haben aus diesen ungezählten Millionen von Worten einige – mit Vorliebe schlecht übertragene – Sätze herausgeklaubt, wütende Äußerungen über Feinde, besonders über die grausamen Maßnahmen der römischen Besatzung gegen die jüdischen Insurgenten, gegen deren Freunde und Familien und gegen die friedliche Bevölkerung. Da in diesem Zusammenhang das Wort Goj oder in der Mehrzahl Gojim so tendenziös übersetzt wird, daß es als verfemende Bezeichnung für alle Nichtjuden erscheinen muß, sei hier festgestellt, daß dieses Wort in der Bibel wie auch in späteren Schriften »Volk« bedeutet, so auch wenn man das jüdische meint. (In meinem ostgalizischen Geburtsstädtchen bedeutete übrigens Goj Ruthene oder, allgemeiner, Bauer; alle anderen Nachbarn aber wurden als Juden, Polen oder Deutsche bezeichnet.)
Der Talmud ist in vielen Hinsichten, auch als erste Enzyklopädie des damaligen Wissens, einzigartig; ebenso einzigartig ist sein Schicksal, denn kein anderes Werk ist mit einem solch unermeßlichem Aufwand von Intelligenz, mit solch grenzenloser, verehrungsvoller Aufmerksamkeit gelehrt und gelesen worden. Aber noch wichtiger als was der Talmud lehrt, ist das, was man seit 1500 Jahren in ihn »hineingedacht« hat. So verwandelte sich dieses Studium in einen Prozeß fortgesetzter Bereicherung, die zur Kunst der Exegese und der Deutung wurde, die jene der christlichen Scholastik weit übertroffen hat.
Die Deutungskunst kam erst nach der Emanzipation zur vollen Geltung, als keinerlei Diskriminierung den Juden die Beschäftigung mit den weltlichen Wissenschaften erschwerte. Der ungewöhnliche Erfolg so vieler jüdischer Forscher erklärt sich somit nicht durch eine sogenannte höhere Intelligenzquote, sondern ist Frucht und Folge einer optimistisch-skeptischen Denktradition, die zugleich mit den Ursachen allen Seins und allen Tuns auch deren mehr oder minder unterschwelligen Sinn zu entdecken drängt.
Man weiß, daß die jüdischen Ärzte auch in der schlimmsten Zeit der Verfolgung hohes Ansehen genossen haben. Von ihnen führt ein langer Weg zu den hervorragendsten Forschern des 19. und 20. Jahrhunderts. Er führt unter anderem auch zur deutenden therapeutischen Psychologie, der man übrigens ebenso wie den Talmudisten vorwerfen könnte, daß sie zuweilen dazu neigt, schlechthin alles, was deutbar ist, für deutungswert und bedeutsam zu halten.
Ein besonderer Umstand erklärt zusätzlich den erstaunlichen großen Anteil der jüdischen Intelligenz an den Fortschritten moderner Wissenschaften. Selbst in den schlimmsten Phasen ihres Exils, als nur der Besitz von mobilem Vermögen die Juden vor der Vernichtung rettete – selbst damals betrachteten sie nicht den Reichtum, sondern die geistige Fähigkeit als höchstes Gut. Viel später, als die allerärmsten Juden Europas nach Amerika auswanderten, um selbst in drückenden Verhältnissen für ihre Familie ein Auskommen zu sichern, da hofften sie zwar, daß ihre Kinder eines Tages wohlhabend, daß sie Fabrikanten oder angesehene Kaufleute sein würden, aber ihr sehnlichster Wunsch war, daß wenigstens einer ihre Söhne ein »Geistesmensch«, ein Lehrer, Doktor oder gar ein Universitätsprofessor werde. Das blieb in ihren Augen der allerhöchste Aufstieg, damit allein errang man, das wußten sie, den so begehrenswerten »Jichus«, den Adel des Geistes. »Nicht in der Kriegsmacht, nicht in der Gewalt, nur im Geiste spricht Gott«, verkündete der Prophet. Daran glaubten alle meine Ahnen. Daran glaubt auch heute noch die achtzigste Generation ihrer Nachfahren. Und demgemäß hat unser Volk gehandelt – gewiß nicht alle Zeit, aber oft und zeitig genug, um die Siege der Unterdrücker und die furchbarsten ihrer eigenen Niederlagen zu überleben.
III
Kehren wir nun zum Ausgangspunkt dieser Betrachtungen zurück: zur individuellen Allophobie und zur Psychologie des Antisemitismus. Um vorerst mit einem Mißverständnis aufzuräumen: die Judenfeindschaft ist kein rassischer Fremdenhaß. Zweifellos kann die auffällige bio- oder typologische Verschiedenheit das Gefühl der Fremdheit, selbst der Unheimlichkeit gegenüber einem Einzelnen oder einer Menschengruppe verstärken. Das geschieht übrigens mit einer nicht immer negativen, sondern recht häufig mit einer von Neugier geförderten positiven Bewertung. Der Antisemitismus ist jedoch weder in früheren Zeiten noch in diesem Jahrhundert durch rassische Empfindungen hervorgerufen worden. Umgekehrt muß die sichtbare oder unsichtbare Verschiedenheit der Abstammung oft als sozusagen wissenschaftliches Argument zur Rechtfertigung des Antisemitismus dienen. Solange die Religion das Verhalten der Menschen in allen Lebenslagen beeinflußte, war für das Verhältnis zu Menschen anderer Herkunft die Andersgläubigkeit bestimmend. Jede Konfession präsentierte sich als die allein wahre und verwarf jede andere als heterodox, schismatisch, ketzerisch, als ein Werk des Teufels. Daher kam es da nicht auf die Hautfarbe an. Der Rassismus setzte ein, als eine privilegierte Schicht die rassische Diskriminierung brauchte, um ihre Macht über ein Volk auszuüben, das mit ihm den Glauben gemein hatte – so etwa in den christianisierten Kolonien.
Als spanische und portugiesische Juden zum Christentum übertraten, sei es aus Überzeugung oder um der Verfolgung und Austreibung zu entgehen, verdächtigte man sie und ihre Kinder und selbst Kindeskinder, heimlich dem jüdischen Glauben treu zu geblieben zu sein. Vom 15. Jahrhundert an entwickelte sich mit Hilfe der Inquisition und jener Stände, die sich durch die materiellen und gesellschaftlichen Erfolge der Konvertiten, der »Neuchristen«, wie man sie abschätzig nannte, benachteiligt fühlten, der erste Rassismus im christlichen Europa. Der Taufschein genügte nicht mehr und nicht die kirchentreue Lebensführung. Man mußte die limpizia de sangre, die sogenannte Reinheit des Blutes, nachweisen. In der Tat wurde dieser Beweis nur erbracht, wenn kein Dokument und keinerlei Zeugenschaft den Verdacht bestätigte, daß ein noch so ferner Vorfahre Jude gewesen sein konnte. Man fälschte solche Dokumente, man erkaufte und erzwang solche oder die gegenteilige Zeugenschaft.
Die Kirche fuhr zwar fort, den Juden das Heil zu versprechen, wenn sie nur die Taufe annahmen, aber die Neuchristen und die Marranen erfuhren, daß die Taufe keine Rettung für sie war. Es erhoben sich in der Christenheit nur selten Stimmen gegen diese Diskriminierung – so trat Ignazio von Loyola offen gegen sie auf, aber nach seinem Tode konnten Neuchristen keine Aufnahme in den Jesuitenorden finden.
Genau wie man die limpizia bei Angehörigen der kaukasischen Rasse nicht als Rassenmerkmal feststellen konnte, so verließen sich die Nazis keineswegs auf ihre Rassenkunde, sondern erließen Ausnahmegesetze und ergriffen Sondermaßnahmen, um Juden durch auffällige Diskriminationen abzusondern; zur Sicherheit fügten sie in den Personaldokumenten die Vornamen »Israel« beziehungsweise »Sarah« ein.
Jeder Rassismus zielt auf die maßlose Überwertung der eigenen Abstammung ab und auf die bis zum Wahn getriebene Entwertung jeder Gruppe, die man unterdrücken, versklaven, ausbeuten oder vernichten will. Die Entwertungstendenz ihrerseits ist eine der Auswirkungsformen des Strebens nach Geltung, Überlegenheit oder Macht. Wer sich unbedingt über andere erheben will, aber befürchtet, daß es ihm aus eigener Kraft nicht gelingen wird, tut alles, um den andern herabzusetzen, zu verkleinern und so größer erscheinen zu können. Solche Verrückung gelingt aber nur dem Verrückten vollkommen, indes der nicht geisteskranke Entwerter eine tiefe Abneigung gegen sein Opfer faßt, die zu einem verfälschenden Vergleichszwang und schließlich zum Haß führt. Diese unbeherrschte Entwertungstendenz charakterisiert gewisse seelische Krankheiten; sie tritt in Ehekonflikten häufig auf, sie zerstört die Bindung zwischen Geschwistern oder Freunden, übt ihre verblendende, verdummende Wirkung im Chauvinismus aus sowie in der egozentrischen, religiösen oder sozialen Allophobie; sie entwickelt sich manchmal zu einem Beziehungswahn, den Demagogen unter bestimmten geschichtlichen Voraussetzungen auf dem Wege zur Macht wirksamst ausnutzen. Im Beziehungswahn, der die Logik außer Kraft setzt, kann man aus jedem Vorfall eine Bestätigung für jedes Vorurteil gewinnen. Der Totalitäre lebt so in der Gewißheit, daß er allein stets in allem vollkommen recht hat und daß man gar nicht anders denken kann, sondern nur betrügerisch vorgeben, es zu tun.
»Die Juden sind geistlose Betrüger. So war zum Beispiel Heinrich Heine als Jude absolut unfähig, ein wahrer Dichter zu sein. Nur dank seiner täuschenden Geschicklichkeit gelang es ihm, so gute Gedichte zu schreiben, daß naive Arier glauben mußten, er wäre wirklich ein Dichter.« – »Ein Jude kann kein Mäzen sein, er stiftet Geld für Museen und Konzerte, um vorzutäuschen, daß er kunstsinnig ist. In Wirklichkeit aber tut er es, um seinen Geiz zu verhüllen und sich hervorzutun.«
In diesen und zahllosen ähnlichen Aussagen deliriert die unbeherrschbare Entwertungstendenz jener, die sich durch die Vorzüge des andern entwertet, ja gedemütigt fühlen. Sie sind geradezu sittlich darüber empört, daß dem andern, dem Fremden, gelingt, was ihm gar nicht gelingen dürfte.
Diese typische, wenn auch häufig verklausulierte Äußerung der Judenfeindschaft kann natürlich auch gegen eine andere Minderheit gerichtet sein: gegen Protestanten, Katholiken, gegen Armenier, gegen Parsen; besonders häufig gegen Chinesen in Südostasien, wo sie wirtschaftlich eine ähnliche Rolle spielen (oder spielten) wie die Juden seinerzeit in manchen Teilen Europas. Jedoch ist diese zerstörerische Negativität ein individualpsychologisches und ein sozialpsychologisches Phänomen, das am häufigsten im Privatleben, innerhalb und außerhalb der Familie auftritt und schließlich in der Beziehung zwischen sehr nahe verwandten Stämmen, ehe sie sich zu einer Nation zusammenschließen. Somit ist das Verhalten, das in unserer Zivilisation einen deutlich antisemitischen Charakter hat, keineswegs nur in der Beziehung zu Juden vorhanden. Und eben deshalb ist hier immer wieder von der Judenfeindschaft als einer Abart der Allophobie die Rede.
* * *
Die Tragödie der mißlingenden, weil von den anderen vereitelten Integration oder Assimilation hat sich nicht nur seinerzeit in Spanien ereignet, sondern in vielen Ländern wiederholt; so unter anderem in Deutschland während des 19. Jahrhunderts. Sie hat ihren Tiefpunkt in Hitlers Europa erreicht – den tiefsten Abgrund, aber nicht den fünften Akt. Denn nichts ist zu Ende, nicht der Wille zur Assimilation, nicht die Vitalität der Judenheit und nicht die Aggressivität des Antisemitismus. Dieser ist auf der politischen Rechten teilweise abgeschwächt, aber auf der extremen Linken – oder was sich als solche ausgibt – und besonders in den kommunistischen Staaten fortwährend erstarkt. Seinerzeit hieß es: »Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls.« Nun, er ist gewiß für alle totalitären Bewegungen und Regime charakteristisch, gleichviel ob sie sich auf eine Orthodoxie, eine Rasse, eine Klasse oder eine Nation berufen.
In jedem Falle handelt es sich um den totalen Haß, dem die totalitäre Wahrnehmungs- und Denkweise mehr Gründe liefert, als man braucht, um die erwählten Feinde zu verteufeln. Ob solche Hasser ihre Umwelt beeinflussen und mit deren Hilfe ihren Beziehungswahn zum Prinzip einer nationalen oder sozialen Politik erheben, hängt von der geschichtlichen Entwicklung ab und mit einer gegebenen, zumeist kritischen Situation zusammen, die eine Konjunktur der aggressiven Allophobie ermöglicht. In der Mitte dieses Jahrhunderts sind dank dieser von einer totalitären Staatsmacht in eine massenmörderische Praxis umgesetzten Konjunktur Zehntausende unserer Zeitgenossen zu Peinigern und Mördern geworden, die während mehrerer Jahre ihre Verbrechen ohne das geringste Risiko täglich wie ein Amt ausübten. Man hatte ihnen eine sogenannte Ideologie verschafft, die sie berechtigte, ihre Opfer als Untermenschen zu behandeln und sich so in jedem Augenblick ihrer eigenen Überlegenheit zu versichern. Europa sank tiefer als der tiefste Abgrund: es wurde Schauplatz eines an wehrlosen Menschen täglich verübten Genozids.
Ein Genozid gelingt jedoch fast nie so total, wie ihn Despoten seit undenklichen Zeiten geplant haben und planen. Daher lebt das jüdische Volk noch immer, seine Vitalität ist unvermindert und so fruchtbar wie je. Der Staat Israel stellt ein neues Faktum unüberbietbarer Bedeutung dar: Löst er zwar nicht die Judenfrage, setzt er zwar der Diaspora kein Ende, so ist er doch das Ergebnis eines neuen Beginnens – Israel ist Heimat und Asyl. Dank diesem kleinen, bedrohten Staat wird es nirgends mehr so leicht sein, Juden zu morden.
Ähnlich dem Aufstieg des Dritten Reiches, dessen Siege sich als Etappen auf dem Wege zum katastrophalen Zusammenbruch erweisen sollten, hat der Antisemitismus seit Jahrtausenden Siege zu verzeichnen, die unsere Dauer in Niederlagen verwandelt. Was haben die Feinde dem jüdischen Volk nicht alles angetan – welche Mittel, welche List, welches Gift, welche Waffen haben sie nicht verwandt, welche Verleumdungen nicht ausgestreut? Welche Gesetze haben sie nicht erlassen, welche Peinigung nicht erfunden? Aber wir sind noch immer da.
In diesen Zeilen findet man mehrere Begründungen für dieses Überleben. Hier sei noch ein Grund hinzugefügt: Obschon man den Juden wie allen Menschen Fehler, Unzulänglichkeiten, Unterlassungen und Missetaten vorwerfen kann, so wurden sie keinesfalls derenthalben verfolgt, sondern beinahe ausschließlich um ihrer Gaben und Vorzüge willen. Unsere Feinde, die gewiß ebenso Vorzüge und Gaben besitzen wie wir, haben uns aber um ihrer eigenen Fehler willen, wegen ihres eigenen Versagens verfolgt und wegen ihrer Unfähigkeit, sich damit abzufinden, daß die Juden nicht so werden wollen wie sie – gleichzeitig aber auch aus Furcht, daß jene es werden könnten, wenn sie es wollten. Doch am hassenswertesten sind wir ihnen wegen der Treue, die wir unseren Ahnen bewahrt haben, und unerträglich wegen unserer negativen Zeugenschaft gegen jede Verkündung einer erlösten Welt: gegen Johannes Chrysostomos und gegen Stalin …
* * *
Ich bin ein europäischer Jude, der jeden Augenblick dessen bewußt bleibt, ein Überlebender zu sein, und der nie die Jahre vergißt, in denen ein Jude zu sein ein todeswürdiges Verbrechen gewesen ist.
Selbst in jenen Jahren habe ich, Freund vieler Freunde, die Juden und Nichtjuden zwischen ihnen nie unterschieden; jeder war mir in seiner Weise gleich lieb. Und das ist so geblieben. Auch als Nichtjude wäre ich nie ein Antisemit gewesen, dann ich bin unfähig, Feindschaft gegen ein Volk oder eine Rasse zu empfinden. Und ich brauche nicht die Zeitgenossenschaft unserer Feinde, um ein Jude zu bleiben – ohne törichten Stolz und ohne Anmaßung, aber nicht ohne Bewunderung für die Vorfahren, deren Erbe – eine Botschaft, eine Bürde, eine Aufgabe – nach wie vor bewahrt zu werden verdient.
Paris, den 25. Juni 1979
Quelle: Manès Sperber, Churban oder Die unfaßbare Gewißheit. Essays, Wien-München-Zürich: Europa Verlag, 1979, S. 7-42.