Hans Joachim Iwand, Predigtmeditation zu 2. Korinther 1,18–22 (1953): „Gerade die bedeutendsten Prediger und Theologen, die uns das Ja Gottes in Jesus Christus in anfechtungsvoller Zeit bezeugt haben, sind heute der Kirche durch solch einen Schatten verdunkelt. Könnte nicht der letzte Sonntag vor Weihnachten eine Gelegenheit sein, vor der offenen Tür dem Ja Gottes in Jesus Christus sich neu an die Hand zu fassen, ‚uns mit euch‘! zu sagen, und so die Gemeinde von dem Argwohn zu befreien, als wollten wir Herr sein über ihren Glauben, um vielmehr von neuem Mitarbeiter zu werden an ihrer Freude.“

Predigtmeditation zu 2. Korinther 1,18–22 (1953)

Von Hans Joachim Iwand

Ja und Nein zugleich war keine gute Theologie (Shakespeare, König Lear, Vierter Aufzug).

I.

Im Mittelpunkt unseres Textes steht Gottes einfaches und eindeutiges Ja. Ein Ja, das kein „Dahinter“ hat (vgl. Jak. 1,17; 1. Joh. 1,5), kein hinter oder in ihm verborgenes Nein, keine in sich selbst schwingende Dialektik „zweier Worte“, keinen „spirituellen Karfreitag“ (Hegel), als ob durch Menschwerdung und Tod Gott nun auch die „Negation“ in sich aufgenommen hätte, als ob nun Gott selbst hineingenommen wäre in das Wider einander von Leben und Tod, von Sein und Nichtsein, von Ja und Nein, in dem sich unser sündhaftes, unerlöstes, an diese unendliche, ziellose Bewegung ausgeliefertes Leben bewegt. Und es war in Korinth so weit gekommen, dass Hand in Hand mit allerlei menschlichen, allzumenschlichen Wirrnissen, die zum Verfall der geistlichen Autorität des Apostels führten, das eben gebannte Chaos von draußen her wieder mächtig in die Gemeinde einbrach und gnostisches Halbdunkel sich dort breitmachte, dieses Spiel mit dem Hin und Her höchster Prinzipien: Licht und Finsternis, Geist und Fleisch, These und Antithese – beide eins in Gott, Tod und Leben, beides in Gott. Nur der Geist, nur der Pneumatiker vermag die Identität zu fassen, in der diese Gegensätze aufgehoben sind. Was aber wird dann aus Gott? Gott wird zum Reflex dessen, was bei uns und mit uns geschieht, ein großer, alles umfangender Hohlspiegel, in dem sich das Auf und Ab des Lebens, in seinen Höhen und Tiefen, in seinem Stirb und Werde, in seiner Wahrheit und in seinem Wahn fängt und reflektiert. Gott wird zum geistigen Gegenüber, in dem die Welt sich begreift, in dem sie sich selbst – von einer höheren, einer pneumatischen Perspektive her – einsichtig wird. Das ist Korinth. Und eben dieses „Korinth“ hört nicht auf, mitten unter uns dazusein, als immer neue Versuchung, Gottes Ja abzuwandeln, aus seiner vermeintlichen Starrheit und begrifflichen Unerfassbarkeit zu „erlösen“, seine Endgültigkeit in einen geschichtlichen Prozess aufzulösen, kurzum: den lebendigen Gott, den Vater Jesu Christi, den Gott, der „ein für allemal“ mit uns geredet hat, zu verwandeln in eine Größe der „Geschichte“, der Entwicklung, des Werdens! Das ist Korinth, dieses immer wieder die Predigt vom Gekreuzigten transzendierende, über sie hinausstrebende, sich an dieser Form des Ja stoßende Korinth. Das mythische, religiös lebendige, Gott und die Götter, Gott und Nicht-Gott in eins sehende, miteinander versöhnende Korinth. Und darum stößt es sich an dem eindeutigen, undialektischen Ja Gottes (mit dem die Philosophen nichts „anfangen“ können), stößt sich auch an dem Ja seiner Boten. Es möchte diese Boten frei sehen, anpassungsfähig; es beginnt, da sie sich seinem Stil nicht anpassen wollen, sie moralisch unter die Lupe zu nehmen, wirft ihnen ihren Wankelmut vor, sucht sie als hinterhältig und als Autokraten zu verdächtigen, die, wenn es ihnen passt, dann doch das Ja und Nein in eigener (fleischlicher!) Verfügungsgewalt haben, wie Herr sein möchten über den Glauben anderer, aber wo es sich um ihre eigenen Pläne und Entscheidungen handelt, auf einmal „auch anders können“ (hier geht es um verschobene Reise- und Besuchspläne, die von der Gegenpartei in Korinth benutzt wurden, um die Glaubwürdigkeit des Apostels auf der ganzen Linie seiner Verkündigung anzuzweifeln).

II.

Denn das ist gerade das Auffallende und Besondere unseres Textes, dass es dem Apostel hier um beides geht, um Gottes Ja und um sein Ja, sein eigenes menschliches, von jenem Ja Gottes nicht zu trennendes Ja. Er muss beides in einem verteidigen! Er darf sich nicht distanzieren (1. Kor. 9,16) und seine Rede, sein Planen und Tun einfach dem Tadel und der Kritik der Gemeinde preisgeben (vgl. 1,12ff). Er muss, so unangenehm dies auch für ihn sein mag und so schwer ihm das in dieser von so viel Intrigen und Parteien zerrissenen Gemeinde gelingt, zumal er sein eigener Anwalt ist und nichts anderes für sich hat als eben immer wieder die Sache seiner eigenen Botschaft, die Lauterkeit seines eigenen Ja verteidigen. Er muss von sich dasselbe aussagen, was von Gott gilt: auch mein Ja hat nicht ein Nein im Hintergrund, wie könnten wir sonst Boten und Zeugen jenes göttlichen Ja in Jesus Christus sein? Er darf auch sein eigenes, von der Gemeinde umstrittenes und bestrittenes Ja nicht der Relativierung preisgeben, darf hier nicht die Flucht in die falsche Demut vollziehen, er muss sich behaupten, denn es ist das Ja Gottes, welches auch seiner Rede Eindeutigkeit und Klarheit gibt, ihre „Wahrhaftigkeit“, so dass Nein Nein und Ja Ja bei ihm ist (vgl. Mt. 5,37). „Er (Paulus) weiß, worum es in dieser Sache geht, wo er als Apostel Jesu Christi herkommt. Auch er hat hier Felsen unter den Füßen. Auch ihm ist die Treue Gottes selbst, die πίστις θεοῦ, die durch keine Untreue der Menschen aufgehoben werden kann (Röm. 3,3), der Urgrund und Prototyp der πίστις, in der er selbst lebt und die er verkündigt, und die Erkenntnis πιστός ὁ θεός (Luther: ‚Aber ein treuer Gott‘, 2. Kor. 1,18) die Gewähr, die Bürgschaft dafür, dass sein Wort an die Gemeinden und an die Welt kein unzuverlässiges ‚Ja und Nein‘ ist“ (K. Barth, KD IV,1, S. 593).

III.

Was haben wir also in diesem Text vor uns? Wir haben den Versuch und das Bemühen des Apostels vor uns, angesichts und in Erinnerung an Gottes Ja in Jesus Christus, an dieses von ihm und Timotheus und Silvanus in Korinth gepredigte Ja der erfüllten Verheißung, die Gültigkeit und Glaubwürdigkeit seines eigenen Ja der Gemeinde gegenüber wiederherzustellen. Ganz gewiss nicht aus Herrschsucht, sondern um „Mitarbeiter ihrer Freude“ (1,24), ihrer Weihnachtsfreude zu sein! Also dazu, dass sie in der Menschwerdung Gottes nichts anderes vernimmt als jenes Ja, auf welches man nur mit dem (von Gott selbst gewirkten) Amen antworten kann. „In allen Zeiten ist das ‚Amen‘ die Anerkennung eines Wortes, das feststeht, und dessen Festigkeit für mich und dann überhaupt in dieser Anerkennung verpflichtend wird … Apk. 22,20 weist darauf hin, dass es Antwort der Gemeinde auf ein göttliches Ja ist … das Amen der Gemeinde macht das Ja Gottes gültig für sie selbst“ (H. Schlier, Art. Amen in ThWB). Das Gegenstück zu diesem „Amen“, welches die Gemeinde „durch ihn“, d.h. durch Jesus selbst (vgl. Gebet im Namen Jesu Joh. 14,13f.; 15,6 u.ö.) spricht, womit sie Gottes Ja beantwortet und stehen lässt, es für sich und über sich gültig sein lässt, ist das diabolische Fragezeichen, welches die überhebliche ratio hinter Gottes Wort setzte: „Sollte Gott gesagt haben?“ „Est autem haec omnis tentationis origo et caput, cum de verbo et Deo ratio per se judicare conatur sine verbo“ [Ursprung und Wesen aller Anfechtung hebt damit an, wenn die Vernunft versucht, über Gott und sein Wort zu arbeiten ohne das Wort) (WA 42, 116, 18 zu Gen. 3,1). In dem Ja Gottes und dem Amen der Gemeinde liegt die Wahrheit und Gültigkeit seiner Offenbarung für uns beschlossen, und darum kann Paulus das Ja nicht preisgeben, weil sonst die Gemeinde nicht in der Lage wäre, das Amen zu sagen. Weil sich sonst jenes Fragezeichen, jenes schillernde Ja und Nein, jene satanische Dialektik (es gibt auch eine gute, eine diesem Ja untergeordnete, eine sich in Frage und Antwort innerhalb dieses Ja und Amen bewegende Dialektik) in die Verkündigung einschleichen und der Gemeinde die Tür zum Heil eben nicht offenhalten würde. Das Ja Gottes muss also von der Art sein, dass uns keine Freiheit gelassen wird, zwischen Ja und Nein zu wählen, dass jene böse, das Ja Gottes nicht gelten lassende Freiheit, die dem Menschen das Paradies gekostet hat, aufgehoben wird, und dafür ihm eine gänzlich andere, die neue Freiheit geschenkt wird, die Freiheit der Kinder Gottes, dieses Ja Gottes in ihrem Leben uneingeschränkt gelten zu lassen. Das ist die Freiheit des Glaubens. Was bedeutet das für unsere Verkündigung? Kann und wird es nicht zumeist an ihr liegen, also an der Unentschlossenheit des Predigers, an seiner „Untreue“, an dem Fehlen von Gottes überlegenem Ja in seiner eigenen Rede, wenn die Gemeinde nicht Amen sagen kann! Wenn das von Gottes Geist gewirkte „Ja, so ist es“ eben nicht in unserem Innersten laut werden will und werden kann! Weil auf der anderen Seite kein Ja erklungen und bezeugt wurde, das wir schlechthin gelten lassen, anerkennen, als Wirklichkeit stehen lassen können. Im Gegenteil, in der falschen Verkündigung wird uns dieser letzte Schritt zugemutet, uns, den Hörern. Wir sollen uns entscheiden in eigener Freiheit, hier, wo es um das Letzte geht, sollen wir wählen! Die Predigt begnügt sich, uns den objektiven Tatbestand aufgezeigt zu haben, vielleicht auch die Vorteile und Nachteile der Wahl. Aber die Entscheidung zwischen Ja und Nein soll in uns und durch uns fallen. Als ob sie nicht längst von Gott her für alle Welt gefallen wäre. Der Prediger hat die Flucht vollzogen, ausgerechnet in dem Moment, da er nicht fliehen darf (vgl. Joh. 10,12). Im letzten Moment! Die Freiheit, die die Gemeinde dem Ja Gottes gegenüber hat, ist ihre neue, wunderbare, geistgewirkte Freiheit. Ihr bleibt – Gott sei Lob und Dank – keine andere Wahl, als das Ja Gottes im Amen zu ergreifen (es gibt ja kein Nein daneben), ihr bleibt nur die justitia passiva. Sie kann dieses Ja nur an sich gelten lassen, voll und ganz, alles umschließend und alles verwandelnd, sie kann nur alle Türen öffnen, damit es überall erklingt, in allen dunklen und geheimen Zellen, in denen wir mit unserer Verlorenheit und unserem Jammer uns eingekerkert und verschlossen haben, damit es alle wissen und ergreifen: Alle Verheißungen Gottes sind in Jesus das Ja geworden! Wir dürfen heraustreten aus uns selbst, um dieses Ja Gottes zu sehen – wie die Hirten es sahen in der heiligen Nacht.

Das also wäre das Zweite, dem Gnostiker[1] so bitter Anstößige, dass ihm Gott keine Wahl lässt (ich denke an die nicht abgeschlossene Diskussion über die Wahlfreiheit nach Karl Barths Vortrag in Bielefeld), dass hier die Entscheidung, die Wahl, die Frage, ob Ja oder Nein, uns von Ewigkeit her abgenommen ist, dass sie in Jesus Christus, in seinem Zu-uns-Kommen und seinem Von-uns-Gehen vollzogen und offenbar geworden, gegenüber tausend und abertausend Neins von Gott her vollzogen und in Kraft gesetzt ist. Wie wollen wir denn den Schritt hinüber tun aus dem Advent in das helle Licht der Weihnacht? Um uns für oder gegen Gott zu entscheiden? Oder nicht vielmehr, um neu und immer wieder zu vernehmen, dass Gott sich ohne unser Zutun für uns entschieden hat. So allein bekommt das Amen der Gemeinde seinen echten Gehalt und wird zum Bekenntnis: „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh‘ ich dich kannt, erkoren.“

IV.

„Denn alle Verheißungen Gottes, in ihm sind sie das Ja.“ Verdeutlichend lesen einige Texte: „Ja und Amen.“ Damit gibt der Apostel uns einen Fingerzeig, wie dieses Ja Gottes zu verstehen ist. Es ist schon richtig, dass wir Christus Jesus „als die schlechthinnige Bejahung aller göttlichen Verheißungen“ in der Verkündigung „zu erfahren bekommen“ (Hofmann), dass Christus das „personifizierte Ja“ Gottes ist (Lietzmann), dass das göttliche Ja „zugleich in Christus erschienen und durch Christus gewirkt ist“ (Wendland). Aber eins ist dabei nicht deutlich gesagt, ob die Verheißungen, indem sie erfüllt sind, aufhören, Verheißungen zu sein[2]? Ob sie nicht gerade dadurch erst – in Christus und somit in das Ja Gottes zusammen­gefasst – rechtskräftig geworden sind! Man wird also nicht sagen dürfen: in ihm sind die Verheißungen Gottes erfüllt, als ob wir nun den geschichtlichen Beweis ihrer Richtigkeit in den Händen hätten, das ergäbe einen dogmatischen Pragmatismus, sondern wir müssen das andere hinzunehmen: dieser Christus Jesus wird nur dann recht gepredigt und geglaubt, wenn wir in ihm die Verheißung Gottes ergreifen, wenn wir also in ihm die Treue Gottes, das Sich-selber-treu-sein Gottes mitten in unserer Untreue erfassen. Von Jesus Christus her gesehen hört der Satz: Gott ist Gott, auf, eine Tautologie zu sein. Angesichts und in direkter Beziehung auf die Sünde und den Tod, die Welt und den Menschen, die Macht der Finsternis und die Herrschaftsformen dieser Welt hat Gott in Jesus Christus seine Verheißungen bestätigt. Es kann niemand an Jesus glauben, der Gottes Verheißungen nun nicht als gewisser ansieht, als fester und tausendmal sicherer gewährleistet denn alles, was wir Wirklichkeit nennen. Das Ja Gottes in Jesus Christus rechtfertigt jeden, der an seine Verheißungen glaubt, alle, die je an sie geglaubt haben – Abrahams Same – und die noch an sie glauben werden. Es ist also nicht so, als ob die Verheißungen Gottes erst durch Jesus Christus Realität bekämen, als ob sie „vorher“ in der Luft gehangen, leer gewesen wären und nicht anders denn irdisch-messianisch verstanden werden konnten, sondern jetzt, von diesem Ja Gottes in Jesus Christus her, bekommen die Verheißungen (inklusive des Gesetzes, denn dies muss von der promissio her interpretiert werden) ihre Gültigkeit für uns, „als wenn im Alten Testament die Schrift verheißet den zukünftigen Christum und deutet ewigen Segen, Seligkeit, ewiges Heil, Gerechtigkeit und ewiges Leben durch ihn an, oder im Neuen Testament, wenn Christus, nachdem er kommen ist auf Erden, im Evangelio verheißet Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit, ewiges Leben“ (Apol. Art. IV 5). Denn – das betont die Apol. Conf. unermüdlich – „reconciliatio seu Justificatio est res promissa propter Christum“ (IV 182). Wo bliebe sonst das sola fide? Menschliche Prophezeiung hört auf, in Kraft zu sein, sobald sie in Erfüllung geht, Gottes Weissagungen erfüllen sich so, dass sie damit erst recht in Kraft gesetzt werden, bekommen erst jetzt ihre allgemeine Geltung. Was heißt Weihnachten: Gott setzt seine Gnadenverheißungen für alle Welt in Kraft durch die Geburt Jesu. Und an ihn glauben heißt darum erst recht: aus Gottes Verheißungen leben! (nicht aus ihren „Erfüllungen“).

V.

So schließt sich dann das Letzte, die Gemeinschaft des Apostels mit der Gemeinde, folgerichtig an: Es muss wohl jetzt von dem Geiste Gottes gesprochen werden, das entspricht dem trinitarischen Aufbau unseres Textes. Die hier vorkommenden Begriffe βεβαιοῦν, χρίζειν, σφραγίζειν weisen wahrscheinlich auf die Taufe hin. Richtig Lietzmann: „Sämtliche Ausdrücke bezeichnen: wir sind Christen geworden.“ Immerhin bleibt es doch bemerkenswert, dass von der Taufe eben so, eben in solchen „pneumatisch“-rechtlichen Begriffen: „Gründen, salben, versiegeln, Angeld des Geistes“ (als Zeichen des Besitzrechtes) gesprochen wird. Diese Begriffe werden nicht etwa (als etwas Abstraktes) durch den Akt der Taufe (als das Konkrete) interpretiert, wie manche der Kommentare es nahelegen, sondern umgekehrt: die Taufe ist durch diese gefüllten und wichtigen Begriffe als rechtliche und faktische Eingliederung in den Verheißungsbund verstanden[3]. Es ist ein gemeinsames Sein, das Sein der Gemeinde („uns mit euch“!), das Paulus am Ende herausstellt. Der schweren Gefahr, es könnte über Missverständnissen und umgeworfenen Plänen das Verstehen und Vertrauen zwischen Prediger und Gemeinde verlorengehen, wird dadurch begegnet, dass Paulus sie in der obersten Spitze, vom Ja Gottes in Christus Jesus her, wie es in seiner Botschaft mächtig ist, auflöst. Wenn dieser Punkt feststeht, dann wird sich alles andere von daher klären, und es wird schließlich so weit kommen, dass sie ihn „völlig verstehen“ (1,13f).

Es wird manche Gemeinde und manchen Prediger geben, der solche Missverständnisse kennt und unter ihnen leidet. Ja, gerade die bedeutendsten Prediger und Theologen, die uns das Ja Gottes in Jesus Christus in anfechtungsvoller Zeit bezeugt haben, sind heute der Kirche durch solch einen Schatten verdunkelt. Könnte nicht der letzte Sonntag vor Weihnachten eine Gelegenheit sein, vor der offenen Tür dem Ja Gottes in Jesus Christus sich neu an die Hand zu fassen, „uns mit euch“! zu sagen, und so die Gemeinde von dem Argwohn zu befreien, als wollten wir Herr sein über ihren Glauben, um vielmehr von neuem Mitarbeiter zu werden an ihrer Freude.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigt-Meditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 371-376.


[1] In Berdjajew, Das neue Mittelalter, lese ich: „Charakteristisch für das neue Mittelalter ist die Verbreitung theosophischer Lehren, die Neigung zu okkulten Wissenschaften und die Auferstehung der Magie. Selbst die Wissenschaft kehrt zu ihren magischen Urquellen zurück, und bald wird sich auch die magische Natur der Technik endgültig offenbaren, von neuem berühren sich Religion und Wissenschaft, und es entsteht das Bedürfnis nach einer religiösen Gnosis … vieles hängt von unserer Freiheit und von den schöpferischen Bemühungen des Menschen ab. Deshalb sind zwei Wege möglich“ (S. 60/61). Wirklich? So müssen wir fragen. Ist das der letzte Ausweg? Es gibt doch wohl nur noch einen möglichen Weg, alle anderen Wege sind unmöglich. Nur noch eine Freiheit, die Entscheidung unseres Lebens Gott anheimzustellen, alle anderen Freiheiten sind verlorene Freiheiten.

[2] R. Bultmann in: Glauben und Verstehen II führt zur Lösung der Frage von Weissagung und Erfüllung den Begriff des Scheiterns ein. „Das Scheitern erweist die Unmöglichkeit (nämlich von Menschen aus die Verheißung zu erlangen), und deshalb ist das Scheitern die Verheißung. Für den Menschen kann nichts Verheißung sein als das Scheitern seines Weges, als die Erkenntnis der Unmöglichkeit, in seiner innerweltlichen Geschichte Gottes direkt habhaft zu werden.“ Ist hier nicht das Ja und Nein im Begriff des Scheiterns wieder in die Theologie eingeführt? Wenn die alttestamentlichen Verheißungen geradezu als Paradigma „dieses Scheiterns“ verstanden werden, dann dürfte mehr vom Schema des Gesetzes her die „alttestamentliche Geschichte“ interpretiert sein als von Christus her.

[3] Vgl. dazu K. Barth, Die Taufe als Sakrament? S. 186ff. Und (dort zitiert) P. Althaus: „Alles was im NT von der Taufe aus gesagt ist, kann auch ohne Beziehung auf sie von dem gesagt werden, der dem Evangelium glaubt“ (ThLZ 1949, S. 707).

Hier der Text als pdf.

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