Karl Barth, Kirche in Erneuerung (1968): „Die Kirche ist ein in Freiheit lebendes Volk. Wenn von Freiheit die Rede ist, sollte nie vor allem das interessant sein dürfen, wovon man frei ist oder werden möchte. Die Kirche jedenfalls ist frei für – eben für ihren Dienst, für Gott und die Menschen. Es ist die Ehre des Gottes­volkes, in diesem Dienst zu stehen: Gott und so auch den Menschen dienen zu dürfen.“

Kirche in Erneuerung[1]

Von Karl Barth

Das Problem der Wiedervereinigung der Kirchen steht bei dieser unserer Zusammenkunft in seiner ganzen Größe, mit allen seinen Hoff­nungen und mit allen seinen Schwierigkeiten jedem von uns vor Augen. Ich bin froh, daß ich nicht beauftragt bin, über dieses Problem zu reden. Nach meiner Vermutung wird diese Wiedervereinigung wohl erst einige Tage vor der Wiederkunft Christi Ereignis werden. Doch das wissen wir alle nicht. Besser ist sicher: man tut etwas, das auf dem Weg zu jenem Ziel ein bißchen weiterhilft, als daß man zuviel von diesem Ziel redet.

In diesem Sinn wähle ich das Thema «Kirche in Erneuerung» und will es in drei Abschnitten erörtern. Zunächst sei gefragt: Was wir unter dem Begriff der «Kirche» hier gemeinsam verstehen können und sollen? Sodann: Was «Kirche in Erneuerung» bedeuten mag? Schließlich möchte ich einige Bemerkungen über «Die Strukturen der Kirche in Erneuerung» anbringen dürfen.

I. Kirche

Was können, wollen und sollen wir hier unter «Kirche» gemeinsam verstehen? Ich schlage vor: «Populus Dei peregrinans, qui est corpus mysticum Christi». Diese Definition komprimiert einige von den Ele­menten der Konstitution «Lumen gentium» (2., 1. und 7. Kapitel – man beachte aber die Umstellung von 1 und 2!).

1. Da es um «Kirche in Erneuerung» gehen soll, beginne ich mit der Feststellung: Die Kirche ist «populus Dei peregrinans», das wandernde Volk Gottes – wandernd auf der alten Erde unter dem alten Himmel, aber immerhin im Raume der Schöpfung Gottes. In diesem Raum ist sie unterwegs dem ihr von Gott gesetzten Ziel entgegen. Sie ist berufen, erwählt und geheiligt, ihm entgegenzugehen. Aber der Raum der Schöp­fung Gottes ist auch der Raum der Sünde und des Todes. So ist die Kirche noch nicht an jenem Ziel. Sie existiert, lebt, handelt und spricht in einer vorläufigen, anfechtbaren und angefochtenen Gestalt – in Schwachheit, in Versuchung, in mannigfachem Ungehorsam. Sie existiert auch unter dem Gericht Gottes.

2. Aber die Kirche ist der mystische Leib Christi. Keine Möglichkeit, das weite Feld, das sich mit diesem Begriff eröffnet, auch nur andeutend abzuschreiten! Ich begnüge mich mit der Umschreibung: Die Kirche ist das Gefüge des Zusammenseins vieler Menschen, dessen Existenzgrund in dem Geheimnis besteht, daß Jesus Christus über, mit und in ihm lebt, spricht und handelt. Sie existiert in der Gemeinschaft mit der Existenz Jesu Christi, in seiner Gegenwart: «Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende» (Mt 28,20). Sie bekommt, nimmt und hat Anteil an seiner, des Mensch gewordenen Sohnes Gottes, Sendung. Man kann «Kirche» auch nach dem Vulgatatext von Mk 3,34 definieren, und ich tue das besonders gerne: Sie ist die Gemeinschaft derer (dort von den Jüngern, den Aposteln gesagt), «qui in circuitu eius (Jesu Christi) sedebant». (Ich vermute, daß «circuitus» der eigentliche Ursprung des deut­schen Wortes «Kirche» ist.) Als dieser Leib Christi ist sie Gottes Volk. Denn: «Ihr seid Chri­sti, Christus aber ist Gottes», wie Paulus (1 Kor 3,23) zu einer seiner Gemeinden gesagt hat.

3. In diesem Sinn ist die Kirche (als Gottes Volk) ein unter allen Völkern der Welt ausgesondertes, partikulares Volk: begründet ganz und gar durch und auf seine freie Allmacht und Barmherzigkeit – angewiesen darauf, den Auftrag auszuüben, den er ihr gegeben hat – geleitet, ge­tröstet und erfreut durch ihn: durch keinen Anderen, durch nichts An­deres als durch Ihn selber. Wir denken an die Wolken- und Feuersäule, die nach dem Alten Testament dem wandernden Gottesvolk in der Wüste bei Tag und Nacht voranging. Der Kirche Auftrag ist fort und fort ihre Kraft. Er lautet: in Demut und Mut «zu verkündigen die großen Taten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht – euch, die ihr einst kein Volk wart, nun aber Gottes Volk seid» (1 Petr 2,9-10).

4. Somit existiert die Kirche nicht für sich selbst, sondern allein in ihrer unaufhebbaren Besonderheit und Eigenart als das Volk Gottes im Dienste aller Völker, der ganzen Menschheit. Nur so: ihr Auftrag ist wie ihre Kraft so auch ihre Grenze. Sie ist von ihrem Auftrag und dessen Inhalt her gesehen: katholische und evangelische – oder, was auf das­selbe herauskommt, evangelische und katholische Kirche.

II. Kirche in Erneuerung

Zunächst ist allgemein zu sagen: Die Kirche ist, was sie ist, indem sie sich in Erneuerung befindet, indem sie in ihr lebt. Sie existiert in ihrer eigenen Erneuerung, nicht in Erneuerung der Welt. Die Erneuerung der Welt besorgt und vollzieht ein Anderer. Weil aber die Kirche zu jenem Anderen in jener intimsten Beziehung steht, ist ihre eigene Er­neuerung nicht nur ihr Problem, sondern gehört sie geradezu zu ihrem Wesen. Es muß nachdrücklich gesagt werden: Wo die Kirche nicht in Erneuerung, nicht in – ich darf das Wort hier ruhig gebrauchen, das auch in Konzilstexten vorkommt – Reformation existierte, wo es ihr nicht wesentlich wäre, in Erneuerung zu leben und zu wirken, da wäre sie gar nicht Kirche, nicht das Volk Gottes. Sie ist das Volk Gottes «in continua conversione» und also «renovatione», als «ecclesia semper reformanda» in dauernder Umkehr zu ihrem Herrn und Ursprung.

1. Wer erneuert die Kirche? Hat sie sich selbst zu erneuern, etwa durch allerhand Neuerungen? Gegen solche, die dann ihre eigene Sache sein werden, ist grundsätzlich wahrlich nichts zu sagen. Es kann und darf, ja es muß in der Kirche in Erneuerung auch Neuerungen geben: als ihre eigene Antwort auf die Erneuerung, die ihr von anderer Seite widerfährt. Bitte hier keine Verwechslungen zwischen den Neuerungen, die unser Werk sind und der Erneuerung, die Gottes Sache ist! In einem alten evangelischen Kirchenlied (es stammt von dem Mystiker Gerhard Tersteegen) heißt es: «Ich kann nicht selbst der Sünde steuern; das ist dein Werk, du Quell des Lichts; du mußt von Grund auf mich erneuern, sonst hilft mein eignes Wirken nichts». Also: Gott erneuertGott, der nicht wie die Toren heutzutage in ihren Herzen, in ihren Zeitschriften und Büchern sagen, tot ist, der auch nicht ein Gott der Toten, sondern der lebendige Gott ist, bei dem als solchem die Quelle alles Lebens (Ps 36,10) zu finden ist und so eben auch die Quelle aller Erneuerung: «Siehe, Ich mache Alles neu» (Offb 21,5) – Alles, den Himmel und die Erde und dann in und mit diesem letzten Ereignis, dem Ziel des Ganzen: Ich erneuere die Kirche. Ich – das heißt konkret: Jesus Christus, der Auferstandene und Lebendige als der Herr und das Haupt der Kirche. «Ich lebe und ihr – das ist die Kirche, das Volk Gottes – werdet auch leben» (Joh 14,19). Kirchliches Leben heißt Existenz in der Erneuerung, die Er, Jesus Christus selbst, unter und an den Seinen vollzieht. Und bitte nicht vergessen: Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes. Ich denke, wir alle in allen Konfessionen und Kirchen haben es dringend nötig, auch diese dritte Person, oder wie ich lieber sage: Existenzweise des einen Gottes, den Heiligen Geist viel ernster zu nehmen, als es in der Regel geschieht. Er kann ganz kurz definiert werden als die sich nie erschöpfende Kraft des Werkes und Wortes Jesu Christi und so des Werkes und Wortes Gottes an und in seiner Kreatur. (Nebenbei: Ich freute mich, jüngst auch auf einen eben in dieser Richtung fragenden und nach­denkenden katholischen Theologen zu stoßen: Heribert Mühlen in Paderborn, der geradezu thematisch – nicht ohne merkwürdige Folge­rungen in der Richtung Mariologie übrigens – mit dem Verhältnis «Hei­liger Geist – Kirche» und vice versa beschäftigt scheint.)

2. Wozu aber erneuert Gott, der Vater, der Sohn, der Heilige Geist sein Volk, die Kirche? Man muß doch wohl sagen: Dazu, daß sie iden­tisch mit sich selbst, aber zu anderer Zeit anders als zuvor wieder Ereignis und Geschichte werde – daß sie wieder und besser werde, was sie ist: das Volk, in dessen Mitte Er lebt, zu dem Er spricht, an dem Er handelt, dem Er vorangeht, dem von Ihm bestimmten Ziel entgegen: Sein in der Wüste wanderndes Volk. Erneuerung heißt nicht: Revolution (das so wenig wie Restitution!), wohl aber eben: Re-formation.

3. Kirche in Erneuerung, das wandernde Volk Gottes ist das in dieser Wanderschaft je und je vorläufig erneuerte, also fort und fort wieder zu erneuernde Volk. Das Letzte wird sein: auf einer neuen Erde unter einem neuen Himmel die schlechthin neue Kirche. Dieses Eschaton wird erst recht ganz allein Gottes Werk sein. Er ist das Alpha und das Omega. Bitte also lieber nicht mit Teilhard de Chardin von einem «Punkt Omega» reden, der dann irgendwo zuhöchst und zuletzt aber doch inner­halb der Geschichte der Welt und der Kirche zu finden wäre. Dem echten, dem göttlichen Omega geht vielmehr alles erst entgegen. «Dein Reich komme!» (Mt 6,13). Und noch einmal Offb 21, wo es übrigens V. 22 von dem neuen Jerusalem heißt: «Einen Tempel sah ich nicht in ihr; denn der Herr, der allmächtige Gott ist ihr Tempel und das Lamm». Und in einem evangelischen Kirchenlied «Alles vergehet» – es heißt nicht: geht unter, sondern vergehet, das heißt: es geht vorüber – auch die höchste denkbare und da und dort zu verwirklichende Erneuerung der Kirche durch Gott. Sie geht vorüber, sie ist vorläufig: ein Hinweis auf die eigentliche, die letzte, die große Erneuerung. «Gott aber stehet ohn alles Wanken, seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund».

4. Alle Neuerungen vollends, die zu vollziehen unsere Sache ist (wir Anderen könnten die römisch-katholische Kirche wohl darum beneiden, daß in ihr heute soviel Neuerung im Gange ist), sind im Raum des Vor­läufigen gut oder schlecht, sofern sie der heute und morgen gebotenen Erneuerung im Blick auf jene endgültige dienlich oder hinderlich sind. Diesem Kriterium unterstehen sie in großer Unerbittlichkeit. Videant consules! Aber nicht nur sie, sondern: Videat totus populus Dei!

III. Strukturen der Kirche in Erneuerung

Über die Strukturen der in ihrer Erneuerung lebenden, handelnden, sprechenden Kirche in der Welt kann ich weder Alles noch auch Ein­zelnes in der gebührenden Ausführlichkeit und Vertiefung sagen, son­dern nur einige Bruchstücke, einiges viel näherer Überlegung bedürftiges Material vorlegen.

1. Zunächst ganz grundsätzlich: Die Kirche in Erneuerung ist das Volk Gottes, welches im Dienst steht, «in ministerio». Was die Kirche auch tun und was dann geschehen mag, ist richtig und wohlgetan, wenn und sofern es Dienst, Ministerium, Diakonie ist. Die unter dem Zeichen «Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen» (Joh 3,30) stehende Gestalt Johannes des Täufers, der ja doch schon in der Gegenwart Jesu Christi lebt und ihn verkündigt, der nicht nur «Er kommt!» sagt, sondern: «Siehe, das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde hinwegträgt» – die Gestalt ist exemplarisch für das Grundelement der Struktur des wan­dernden Gottesvolkes. Dienst Gottes: ja, aber nicht im leeren Raum, sondern Gottesdienst unter und an den Menschen, Gottesdienst als Menschendienst. So hat Jesus Christus existiert, so lebt er weiter und wird er weiterleben: als der Knecht Gottes und darum als solcher auch als der Knecht der Menschen. Alle besonderen Gaben und Funktionen, Ordnungen und Aufträge, welche es im Einzelnen in der Kirche geben mag, geben darf, je und je geben muß, sind Elemente eben des Ministeriums der Kirche. Und alle Glieder der Kirche, ohne Ausnahme, können bei aller Verschiedenheit ihrer Gaben, Aufgaben und besonderen Existenz in der Kirche nur Knechte sein. Herr, der im strengen Sinn «potestas» ausübt, ist in der Kirche nur Einer. (Hier in Klammer eine Frage an die auch von mir hochgeschätzte Konstitution «Lumen gentium»: Läßt sich die darin durchgeführte Unterscheidung zwischen «Hierarchie» und «Laien» im Grunde und auf die Länge durchführen? Läßt sich insbeson­dere die Reihenfolge, in der die kirchlichen Wirklichkeiten in jenem Text auftauchen – zunächst ist von der Hierarchie und erst hernach von den Laien die Rede – festhalten? Kann jene Unterscheidung und diese Über- und Unterordnung ernstlich Geltung beanspruchen? Ich frage nur, aber ich frage und füge zur Beruhigung gleich hinzu, daß ich genau die gleiche Frage auch an unseren Kirchenvater Johannes Calvin zu richten habe. Er redet im 4. Buch seiner «Institutio», das von der Kirche handelt, eben­falls wie selbstverständlich zunächst von den Doktoren, Predigern, Pres­bytern und Diakonen und also, katholisch gesagt: vom Klerus. Und bei ihm kommen die Laien nicht einmal vor, während «Lumen gentium» ihnen wenigstens ein ganzes, wenn auch nachfolgendes und untergeord­netes Kapital widmet. Und natürlich wäre dieselbe Frage auch an viele unter uns nicht römisch-katholischen, sondern nur sonst katholischen Brüdern zu richten. Es gibt nämlich bei uns mindestens deutlich wahr­nehmbare Gelüste nach Hierarchie, denen gegenüber auch wir wach sein müssen!)

2. Die Kirche in Erneuerung ist Gottes Volk im «aggiornamento». Der berühmte Begriff bedeutet wörtlich und generell übersetzt: in der Anpassung seines Lebens an ein anderes Leben. Das Leben dieses An­deren, an welches sich die Kirche anzupassen hat, kann zunächst doch wohl nur das Leben des dreieinigen Gottes in seinem Handeln in der Welt und in der Kirche sein. Und insofern ist die Kirche – das Bild ist etwas kühn, muß jedoch gebracht werden – ein Haus, das nach oben völlig offen ist, das also kein Dach hat. Sie muß nämlich für ihren Herrn ganz und gar offen sein. Aber sie hat ihrem Herrn unter den Menschen und insofern wirklich auch den Menschen zu dienen. Sie ist also ein Haus mit vielen großen und kleinen Fenstern nach allen Seiten. Das muß so sein; die Fenster sind der Kirche ebenso notwendig wie das Fehlen des Daches. Die Norm dieses Dienstes und somit des «aggiornamento» ist nach der Konstitution «Verbum Dei» das in der Schrift offenbarte – auch wir Anderen können das ruhig weiter so sagen – in der Kirche weiter­gegebene und weiter zu gebende, tradierte und zu tradierende Wort Gottes, dessen ursprüngliche Gestalt die Heilige Schrift ist. Aber das Wort Gottes, welches den eigentlichen Inhalt des Tuns der Kirche aus­macht, dieser Same, den die Kirche auszuwerfen hat, ist Eines. Der Acker hingegen, heißt es im Evangelium (Mt 13,38) – und das ist ein Anderes – ist die Welt. Sie kann nicht ihrerseits Same sein wollen! (Hier hätte ich eine kleine [nicht ganz kleine] Frage anzumelden, diesmal an das Dekret «Gaudium et spes» über das Verhältnis von Kirche und Welt, ferner an das Dekret «De Dignitate humanae personae», das von der Religionsfreiheit handelt, und an eine Reihe anderer vatikanischer Texte und Textbestandteile. Es geht um eine Frage, die wir Anderen, nunmehr im engeren Sinn evangelisch zu Nennenden, zunächst an den ganzen so­genannten Neuprotestantismus aller, auch der modernsten Spielarten zu richten haben, aber nun immerhin auch an den nachkonziliaren römischen Katholizismus – die schlichte Frage nämlich: ob hinsichtlich der Fenster zur Welt hin von unseren «Protestanten», aber auch am letzten Konzil nicht gelegentlich des Guten zuviel getan worden sein möchte? Wenn man zuviele Fenster macht und aufmacht, hört nämlich das Haus auf, ein Haus zu sein. Das Salz gehört in den Teig. Der Teig ist aber nicht selbst Salz, und das Salz darf seinerseits nicht Teig werden und sein wollen. Der Begriff der Kirche könnte sich sonst so erweitern, daß er in einem dunklen Gewölk von unbewußtem Christentum verschwindet. Ich denke da an einen großen neuprotestantischen Theologen, Ri­chard Rothe in Heidelberg, aber auch an einen großen römisch-katholischen Theo­logen unserer Zeit!)

3. Die Kirche ist ein in Freiheit lebendes Volk. Wenn von Freiheit die Rede ist, sollte nie vor allem das interessant sein dürfen, wovon man frei ist oder werden möchte. Die Kirche jedenfalls ist frei füreben für ihren Dienst, für Gott und die Menschen. Es ist die Ehre des Gottes­volkes, in diesem Dienst zu stehen: Gott und so auch den Menschen dienen zu dürfen. Die Rechtfertigung seiner Existenz besteht in Aus­übung dieses Dienstes. Das Oppositum seiner Freiheit sind die sämt­lichen babylonischen Gefangenschaften, in welchen eine sich selbst ge­nügende und dienende Welt existiert und die sie auch der Kirche auf­erlegen möchte. Es sind die Gefangenschaften der Macht, des Mammons, der brutalen Gewalt und – viel feiner zwar, aber um so wirksamer – die Gefangenschaften der Zeitgeister und der Moden. Kirche in Erneuerung ist das Volk Gottes in Rückkehr aus allen babylonischen Gefangen­schaften. Für die Ausübung ihrer Freiheit gibt es eine Faustregel; sie steht 1 Kor 6,12 zu lesen: «Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist heil­sam» – nämlich dienstlich heilsam. Das gilt nicht nur für die einzelnen christlichen Individuen, sondern auch für die Freiheit der Kirche als solcher: «Richtet euch nicht nach dieser Welt» – das wäre die babylo­nische Gefangenschaft in irgendeiner ihrer vielen Gestalten, etwa des Triumphalismus, des Juridismus, des Klerikalismus, gegen die ein Kardi­nal am Konzil so tapfer gesprochen hat – es gibt sie auch außerhalb der römisch-katholischen Kirche – «sondern verändert euch in Verwandlung eures Sinnes, damit ihr zu prüfen vermöget, was der Wille Gottes ist». Und als den Willen Gottes bezeichnet Paulus an derselben Stelle (Röm 12, 2) ganz einfach: das «agathon» (das Gute), das «euareston» (das Pas­sende, das Wohlgefällige) und das «teleion» (das zum Ziel Führende). Geprüft sein will also immer wieder alles, was der Kirche zu denken, zu sagen und zu tun sich nahelegt: geprüft mit der Frage, ob und inwie­fern es der Wille Gottes sein möchte.

4. Die Kirche in der Erneuerung ist ein in Freudigkeit lebendes Volk, man könnte auch sagen: ein in «parrhesia», in heiterer Zuversicht, ja in Humor lebendes Volk. (Wohl der römisch-katholischen Kirche, daß in ihr sogar über das Konzil so heiter gelacht wird, wie etwa der begabte Zeichner F. Marcus es – offenbar ohne Belästigung seines Verlegers durch irgendeine Zensur – sich leistet!) Sicher: es stehen tausend ungelöste und vielleicht bis ins Eschaton hinein nicht zu lösende Fragen vor der Kirche. Doch die erste und letzte Antwort auf ihre Fragen, die sie besser kennt und kennen soll als alle ihre Kritiker, steht nicht vor ihr; sie hat sie hinter sich und dann eben in der Gestalt ihres Herrn und Hauptes wieder vor sich. Das Oppositum zu der ihr erlaubten Freudigkeit wäre alle Ängst­lichkeit, beispielsweise in der heute wieder ultramodern gewordenen Frage des Verhältnisses von Glauben und Wissen, die nur in der Freudig­keit des Volkes Gottes recht zu behandeln, sonst ein trostloses, lang­weiliges, unfruchtbares Problem ist und bleibt. (Eine Zwischenfrage: Wie kommt es, daß so viele Kirchenmänner, insbesondere Theologen aller Konfessionen und Kirchen mit so grämlichen Gesichtern herum­laufen : als ob sie im Grunde nur Kummer, als ob ihnen die Hühner das Brot weggefressen hätten? Warum können sie höchstens über andere – und darum immer ein bißchen gallig – lachen, statt, wie es sich gehört, damit anzufangen, allen Ernstes über sich selbst zu lachen oder doch zu lächeln?) Die Kirche, sofern und indem sie Kirche in Erneuerung ist, bedarf ebensowenig einer Ekklesiodizee, wie Gott einer Theodizee bedarf. Darum darf sie kein vom Kummer beherrschtes Volk sein. Es geht nicht um irgendeine Sorglosigkeit oder Indifferenz, um irgendeinen feinen oder groben Optimismus, sondern um die Quelle aller guten und ernsthaften Gedanken, Worte und Werke. Diese Quelle ist die der Kirche nicht nur erlaubte, sondern gebotene Freudigkeit: «Kommt vor sein Angesicht mit Jauchzen!» (Ps 100,2). «Wohl dem Volke, das den Jubelruf kennt, das im Lichte des Angesichtes Gottes wandelt» (Ps 89,16). Dieser Jubelruf muß der Grundton aller kirchlichen Existenz sein. (Wahrlich, es geht nicht um das unerlöste Freudengeschrei des letzten Satzes der 9. Sym­phonie von Beethoven, sondern um die rüstige Seligkeit etwa – ein Bei­spiel unter hunderten – der Symphonie in A-Dur des – ich kann es auch hier nicht lassen, den Namen zu nennen – damals 17jährigen Mozart. KV 201, wer es wissen will! Randbemerkung: Ich habe keine Chance, Papst zu werden, aber wenn ich Papst wäre, würde ich diesen Mann, der ja auch ein guter Katholik war, zwar nicht heilig, aber doch eben – selig sprechen.)

5. Die Kirche in Erneuerung ist das Volk, das – ich will es vorsichtig sagen – in Gehorsamswilligkeit leben darf, weil sein Wille dadurch be­stimmt ist und immer wieder bestimmt wird, daß es hören darf: «Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!» (Mt 11,28-30). Gehor­samswilligkeit des Gottesvolkes ist seine Willigkeit, das zu tun, was es wesensmäßig tun darf, soll und kann: dem Widerstand und der Gleich­gültigkeit in der Welt, seinem eigenen großen Ungehorsam und dem dar­aus entstehenden kirchlichen Elend zum Trotz. Es darf eben das glau­ben, worauf Johannes der Täufer hinweist: «Sehet das Lamm Gottes!» Ist das billige Gnade? Nein, das ist teure Gnade, nicht nur im Blick dar­auf, was es den Sohn Gottes im Gehorsam gegen seinen Vater gekostet hat und noch kostet, das geschlachtete Lamm auf dem Thron zu sein, sondern auch im Blick auf uns selbst, weil nur in der seltsamen Gemein­schaft mit ihm, weil nur in der gestrengen Nachfolge, weil nur im «circuitus» (Mk 3,24) diese Gnade zu finden ist. Und diese nicht billige, son­dern teure Gnade ist der Grund der notwendigen Gehorsamswilligkeit des Volkes Gottes.

6. Kirche in Erneuerung ist ein bittendes und so ein betendes Volk. Freilich will und muß Gott auch einfach gelobt sein. Sicher haben wir unendlich Anlaß, ihm einfach zu danken. Was in diese Richtung weist als Liturgie, als Eucharistie der Kirche, darf und soll geschehen. Aber jegliches Loben und Danken und auch alles Gehorchenwollen der Kirche kulminiert in der Bitte: daß doch das Volk Gottes Kirche in Erneuerung sei und recht sei – und daß es erkenne und in allen Dimensionen wachse in der Erkenntnis, daß «alle gute Gabe und alles vollkommene Geschenk von oben herab kommt von Gott, dem Vater der Lichter, in welchem kein Wechsel ist des Lichtes und der Finsternis» (Jak 1,17). Welches Gute und Rechte wäre nicht von ihm zu geben, zu empfangen und also mit leeren Händen zu erbitten? Ist nicht das ganze Gebet des Herrn, das ganze Pater noster eine einzige Bitte ? Auf sie als solche läuft wie im persönlichen christlichen Leben, so auch im Leben der Kirche schlechthin alles hinaus. Das Volk Gottes bittet darum, es möchte sein, was es ist: Kirche in Erneuerung.

Ich wiederhole: was ich da über einige Strukturen der Kirche in Erneuerung ausführte, ist nur Stückwerk und Andeutung. Um keine Vollkommenheit vorzutäuschen, habe ich absichtlich nicht etwa sieben, sondern (eine weniger bedeutsame Zahl) nur sechs «Strukturen» genannt. Ergänzungen und Vertiefungen in allen, auch in allen konfessionellen Richtungen sind nicht nur möglich, sondern notwendig und geboten. Möchte ich nichts geradezu Unkatholisches, Unevangelisches und also Unchristliches vorgebracht haben! Aber lassen Sie mich, was ich vor­bringen wollte, in einem leicht veränderten Gebetswort, wieder aus einem alten evangelischen Lied (von Christian Friedrich Richter), zusammen­fassen: «Das ist wohl die größte Plage, wenn am Tage man das Licht nicht sehen kann. Jesu, gib gesunde Augen, die was taugen, rühre meine Augen an!» Das uns am hellen Tag leuchtende Licht ist das Licht des Angesichtes Gottes und dann doch auch, obzwar auf der unteren Stufe, das sehr bescheidene Licht des Spiegelbildes und Abglanzes des Ange­sichtes Gottes: im Gesicht der «Kirche in Erneuerung».

Ansprache, gehalten am Aschermittwoch, 28. Februar 1968, in der evangelischen Heimstätte «Leuenberg» bei Holstein, Basel-Land, anläßlich einer Begegnung der Mitglieder des Vorstandes des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, der römisch-katholischen Bischofskonferenz der Schweiz, des Synodalrates der christkatholischen Kirche der Schweiz, der evangelisch/römisch-katholischen und der christkatholisch/römisch-katholischen Gesprächskommissionen der Schweiz.

Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 15 (1968), S. 161-170.


[1] Diese meine am 28. Februar auf dem Leuenberg gehaltene Rede konnte, da ich erst am 24. Februar aus dem Bürgerspital entlassen wurde, nur in Stichworten aufs Papier geworfen werden. Sie entbehren daher des Tiefgangs und der Genauigkeit, die einem richtigen Referat eigentümlich sein müßten. Die Leser mögen entschuldigen. – Karl Barth

Hier der Text als pdf.

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