Joseph Bernharts Lebensbild über Christoph von Schmid, dem Dichter von „Ihr Kinderlein, kommet“ und ehemaligem Kaplan von Feneberg: „Die kurze Zeit in Seeg hat Christoph Schmid die glücklichste seines Lebens genannt; nie auch sei er seelenvergnügter gewesen. Das geistige Klima des Pfarrhauses, die Eintracht unter den Kollegen und die Harmonie mit der Bevölkerung lobt noch der Greis als Erquickung seiner Jugend.“

Über den Dichter von „Ihr Kinderlein, kommet“ hat Joseph Bernhart in einer eigenwilligen Sprache 1956 folgendes Lebensbild geschrieben:

Christoph von Schmid, ein Lebensbild

Von Joseph Bernhart, Türkheim

Ein Mann wie Christoph Schmid scheint dem Zeichner seines Lebensbildes die geringste Mühe aufzugeben. Als Schriftsteller hat er für die einfachsten der Menschen einfach geschrieben, und die eigene Erzählung seines Lebensganges rinnt wie ein freundlicher Wiesenbach dahin, den die Sonne auf den Grund erhellt und nur gelegentliche Wolken­schatten überziehen, als bestätigten sie wie zum Scherze dem Licht des Himmels seine erste und letzte gute Meinung mit der Welt. Diese «Erinnerungen aus meinem Leben» konnte der Greis in der Hauptsache noch vollenden, ehe ihn, den Augsburger Dom­herrn, die Cholera des Jahres 1854 dahinnahm. Albert Werfer, der geistliche Neffe, übernahm es, «das von dem Verfasser der Ostereier selbst begonnene Lebensbild in seiner Weise und in seinem Geiste zu vollenden». Der Autor, obwohl eine Natur von anderem Holze, tat es würdig und verlässig, so daß sich das ganze Werk, in reiner, heller Sprache geschrieben, bis auf den Tag als erquickendes Zeugnis eines aus der schwä­bischen Heimat erstaunlich in die Weite wirkenden Lebens darstellt. Aber dem Biographen reichen die «Erinnerungen» mitsamt den 1868 veröffentlichten Briefen und Tagebuchblättern nicht hin, um an dieser scheinbar einfachen Persönlichkeit das innere Formgesetz aufzufinden. Ein solches Bemühen kommt dem Ziele näher durch die Ein­sicht in die noch ungedruckten Briefschaften im Nachlaß. Auch ihn zu verwerten, ist dem Verfasser des hier gebotenen kleinen Versuchs durch die Güte der Urgroßnichte Christoph von Schmids möglich gewesen.

Als Erstgeborener eines glücklichen Paares kam Christoph am 15. August 1768 in der alten Reichsstadt Dinkelsbühl zur Welt. Im selben Hause, dem Eigentum eines wohl­habenden protestantischen Wollfabrikanten, sollten den Eltern, die hier in Miete wohn­ten, noch sechs Söhne und zwei Töchter geboren werden. Der Vater, domkapitelischer und deutschordischer Beamter, war ein ehrenfester Mann, streng in seiner Pflichterfüllung, ein kerniger, biblisch beschlagener Frommer voll Zutrauen ins Dasein, Liebhaber der Künste, zumal der Meister, die er sich und der Familie zur Erquickung am Klavier ertönen ließ. Mit heiterer Liebe weckte er in seinen Kindern die schlummernden Gaben, in Christoph auch das Talent zum Zeichnen, das durch den Unterricht bei einem hei­mischen Maler eigens gefördert wird. Die Mutter, mit allen Kräften und Gefühlen dem Häuslichen zugewandt, hatte, wie der einzige von ihr erhaltene Brief beweist, mehr [10] Mühe, die erlernten Buchstaben aufs Papier zu bringen, als mit ihrer zierlichen Gestalt — man wußte in der ganzen Stadt, daß der durchreisende Kaiser Joseph II. ihr in der Jugend die Wange gestreichelt hatte: «Du bist ein schönes Kind» — der Last einer immer wachsenden Familie zu genügen.

Der Älteste sog mit allen Organen am Leben und Treiben der heimatlichen Kleinwelt, und der Vater zumal sorgte für die religiöse Ahnung der Bezüge, die vom Kleinen zum Großen und vom sinnlich Nahen zum Schöpfertum der unsichtbaren Allmacht gehen. Auch von den Verwandten in der Stadt erfahren die Kinder gute Einflüsse, und die liebreiche Tante mutterseits, die mittätig in der Familie lebt, wirkt als unerschöpfliche Erzählerin erweckend auf Christophs Phantasie. Aber ein verträumter Knabe zu wer­den, davor bewahrt ihn ein wacher Intellekt, der sich an die Breite der Dinge anlegt, indem er fragend und spürend auch in die einzelnen Erscheinungen sich einläßt. Wenn der Greis von der Frühe seines Lebens erzählt, entstehen besonnte Entwicklungsjahre, in denen die Anschauung der Natur und der reichen geschichtlichen Zeugnisse der Heimat dem Verstande so günstig waren wie dem Reifen des Gemüts, in dem auch das klausnerische Ideal der ungestörten Sammlung auf Beten, Lesen und Schreiben erstaun­lich früh sich meldet. Das fernere Inbild des Mannes wird ja oft an die Wunschwelt Friedrich Matthissons und verwandter Geister erinnern, aber mehr noch an den Wahl­spruch des Thomas von Kempis: Nulla tuta quies nisi cella, codice, Christo. Einstweilen aber genoß er den ersten Unterricht in der gehobenen «Nachschule», daneben bei den Karmeliten, später bei einem Weltgeistlichen, die Einführung ins Lateinische. Wenn aber der Vater, statt aufs Memorieren zu dringen, beim Lesen eines erbaulichen Textes das Sprachliche gleichsam nebenher erledigt, kommt der Schüler am raschesten voran. Sein sprachfreudiger Geist macht ein- für allemal die Erfahrung: nachdem die allge­meinen Regeln der Grammatik wohl eingeprägt sind, muß man immer nur lesen und lesen. Zur Bildungsquelle werden dem Knaben auch die Besuche und Vakanzen in Pfarrhäusern der Umgebung: Waldhorn und Harfe fesseln seine musikalische Neigung, die Erklärungen eines naturwissenschaftlich beschlagenen Geistlichen an der Elektrisier­maschine, an der Erd- und Himmelskugel, die Betrachtung der Sternbilder in heiteren Nächten fördern seine kosmische Andacht, und die Spiele auf dem Schachbrett sind der Anfang einer künftigen Meisterschaft. Den Vierzehnjährigen weiß der Vater auch schon in die Schule des Lebens zu nehmen: er läßt ihn auf seiner Kanzlei amtliche Papiere ausfertigen, auch Bittschriften an das hohe Domkapitel in Augsburg verfassen. Diese Übung der Hand und des Geistes berührt von selbst auch das Herz des Schreibers; ein hilfreiches Mitgefühl für alle Bedrängten seiner Umwelt wird ihn nie mehr verlassen.

Mit Fünfzehn, im Herbst 1783, wurde der treffliche Sohn vom trefflichen Vater zum Studium nach Dillingen entlassen. Sie sollten sich nicht wiedersehen. Es war «eine feine, gelehrte Stadt», in der nun Christoph, in das übliche blaue Mäntelchen gekleidet, [11] das Gymnasium besuchte. Er wohnte gegen geringes Kostgeld bei einem Buchbinder Speck, der ehemals Bürger in Dinkelsbühl gewesen war. Dank seiner Vorbildung wurde der Schüler von dem prüfenden Lehrer, Professor Joseph Hörmann, sogleich in die «Poesie», die fünfte Klasse, aufgenommen. Den zweijährigen Aufenthalt in seinem Quartier wußte er als eine Art stiller Nebenschule zu nutzen. Vom vorigen Besitzer des Geschäftes war eine Masse von Büchern zurückgeblieben, von der auch nach einer fröh­lichen, höchst erfolgreichen Lotterie auf dem Jahrmarkt genug noch übrig war, was den Eleven der Poesie belehren und entzücken konnte. Auch die Ware, die zum Ein­binden aufgestapelt ist, versorgt ihn, den durstig oft noch bis tief in die Nacht Lesenden, mit anakreontischen und elegischen Autoren der Zeit. Als der junge Bücherwurm auch an Werthers Leiden gerät, fühlt er ein sittliches Unbehagen, nimmt sich den unseligen Ausgang des an seine Leidenschaft Verlorenen zur Warnung und weiß nun immerhin, daß er starken Wein getrunken hat, mit dem verglichen ihm Bücher, die schwach und süßlich von verwandten Stoffen handelten, wie Met vorkamen. Als er sich in der Kam­mer neben seinem Zimmer eine große alte Anthologie römischer Klassiker aufgestöbert hat, kann er Ciceros Briefe nicht genug bewundern. Er liest sie immer wieder, erhält auch am Ende des Studienjahres den Preis aus dem lateinischen Briefe, und dem eis­grauen, vom Alter gebeugten Jesuiten, der ihn auf dem Gang des Collegiums anhält – den Brief habe doch nicht er geschrieben, woher er ihn denn habe —, genügt die Erklä­rung des Preisträgers, die seine alte Überzeugung bekräftigte, man müsse den Jüng­lingen die Liebe zur römischen Literatur zuerst an Briefen Ciceros erwecken.

Zwei Monate nach Studienbeginn, um Dreikönig 1784, wurde Christoph durch Traum­gesichte geängstigt, die sich alsbald in der Nachricht bestätigten, daß sein Vater am 9. Januar 1784 gestorben sei. Erst mit dem sommerlichen Ende des Studienjahres kehrte er nach Dinkelsbühl zurück und fand hier die beraubte Familie in einer anderen Woh­nung. Aus dem geschriebenen Vermächtnis las er die Erwartung des Sterbenden, er, der Älteste, werde einmal imstande sein, die Mutter zu unterstützen und den Geschwistern (sechs Brüder und zwei Schwestern) ein Vater zu werden. Aber nach einem weiteren Dillinger Schuljahr 1784/85 eröffnete ihm die betrübte Mutter, sie könne sein Studium nicht mehr bestreiten; er möge doch in der Kanzlei des Deutschen Hauses als Schreiber sein Brot verdienen. Bestürzt verständigte er in einem Briefe seinen Dillinger Studien­freund Heinrich von Brentano von der drohenden Wendung.

Die verborgene Fürsicht hatte dem jungen Leben aber schon die Wege zu der ersehnten geis­tigen Existenz vorbereitet. Der im Frühjahr 1784 nach Dillingen berufene Professor Johann Michael Sailer, erst wenig über Dreißig, eröffnete im Herbst seine Vorlesungen, und nicht nur der Jugend schien mit diesem strahlenden Manne der Frühling aufge­gangen. Da ihm auch die Hebung des Gymnasiums am Herzen lag, setzte sich der neue Schulplan seines Freundes Feneberg erfolgreich durch. Für den angehenden [12] «Philosophen» Christoph Schmid aber sind die Namen dieser beiden Lehrer Schicksals­sterne. Er gewann die Zuneigung Sailers durch eine lateinische Rede zum Katharinenfest 1784 und erfuhr zugleich die Teilnahme des um die Lebensverhältnisse der Studenten väterlich Besorgten, der als Gruß für die bedrängte Mutter daheim ein paar Vierundzwanziger aus der Tasche langte. Nicht weniger war der junge Professor für Philosophie und Physik an der Universität, Joseph Weber, dem hoffnungsvollen Studenten, den sein Zeugnis beim Abgang vom Gymnasium als ingenium capacissimum bezeichnete, ge­wogen. Er war es, der Schmid an den Dillinger Geheimrat und Archivar Weber für die Hauslehrerstelle empfahl, auf welche der schon ausersehene junge Brentano edelmütig zu Gunsten seines Freundes Christoph verzichtet hatte. Brentanos eilige Antwort nach Dinkelsbühl brachte Schmid die frohe Gewißheit, daß er an der Universität sein Stu­dium fortsetzen könne. Unverweilt übergibt er einem Botenfuhrwerk seinen Koffer und erwandert sich an einem Rauhreiftage des Novembers sein Ziel.

Die Nachrichten über die folgenden zwei Jahre 1785/87 zeigen den Lehrenden und Lernenden im frohen Wechselgewinn aus seinen Tätigkeiten. Als Hofmeister dreier Kinder von sechs bis acht Jahren selbst wie ein Sohn in der Familie gehalten, entwickelt er seine pädagogische Naturgabe mit reichem Erfolg. Immer weiß er die Aktivität der Kleinen lebendig zu erhalten und vom augenblicklich Gegebenen auf weitere Zusam­menhänge hinauszuführen. Erzählen und nacherzählen übte er als das sicherste Mittel zur Weckung der intelligenten und sittlich-affektiven Teilnahme an dem, was ist und was geschehen ist. Indem er die Naturreiche als Schöpfung um des Menschen willen, den Menschen als das zu höchst auf Gott selbst hin vermeinte Schöpfungswerk darstellt, gewinnt er, obzwar nicht als erster und einziger in der Aufklärungspädagogik, jene einheitliche Aufordnung der Erfahrungswelt, die dem Kinde die unverlierbare Ahnung einer allen Dingen voranwaltenden Macht und Weisheit zuführt.

Von seinen Mühen — der Unterricht geht ja neben dem eigenen Studium einher — erntet der junge Erzieher Freuden, die sein ganzes Lebensgefühl beschwingen. Auch zu Hause in Dinkelsbühl findet er in den großen Ferien das Sorgengewölk vergangen. Außer anderen Veränderungen ist die Mutter durch den Landkommandanten des Deutschordens in den Bezug einer Pension gelangt; sie braucht sich nicht mehr als Strickerin ihre Pfennige verdienen und ist auch schon durch erwerbende Kinder vom alten Druck befreit. Christoph, von der Weberschen Familie mit feiner Kleidung ver­sehen, gilt im Städtchen als respektable Person, wird häufig eingeladen, aber die Gesell­schaften sind nicht nach seinem Geschmack. Das Herz hat seinen Zug nach der geistigen Luft an der Donau.

Volle sechs Jahre, von 1785 bis 1791, studierte Schmid an der Dillinger Bischöflichen Universität, wovon die beiden ersten der Philosophie, vier der Theologie gewidmet 12 waren. Man muß sich für diese entscheidenden Bildungsjahre mit der großen Revo-[13]lution, mit allen Folgen Rousseaus in der Pädagogik, mit der idealistischen deutschen Philosophie und ihren aufkommenden Gegenspielern auch die geistesgeschichtliche Situation der katholischen Kirche in Deutschland vor Augen halten, da ihr die Scho­lastik nichts mehr galt, die Aufklärung immer weniger helfen konnte, muß sich das Gewoge von Prall und Widerprall so im geistigen wie im staatlichen Leben vor Augen halten, um das Ringen der Zeitmächte in den Bildungsanstalten der vormaligen Hauptresidenz der Augsburger Bischöfe zu verstehen. Die Neuformung der Universität nach Aufhebung des Jesuitenordens fiel in das Jahr 1786 und gewährte vor allem drei bedeu­tenden Lehrern, Sailer, Zimmer und Weber, die Bühne für eine starke Wirksamkeit. Sie spiegelt sich in der Selbstdarstellung Christoph von Schmids weniger verwickelt und spannungsreich, als sie tatsächlich gewesen ist. Anders als in dieser Rückschau, des Greises erschließt sich seine stürmische Frühzeit in den Briefen. Aber noch die Bewegt­heit, mit der er im 84. Jahr das Bildnis des ein halbes Säkulum früher verstorbenen Lehrers entwirft, bezeugt den schicksalhaften Tiefgang des von ihm Empfangenen. Größere Ehrfurcht, Liebe und Dankbarkeit habe er gegen keinen anderen, ihm persön­lich bekannten Menschen auf Erden empfunden. So spät noch hält er, indem er «die traurige Geschichte von Sailers Entlassung» erzählt, den Schild über den Verehrten, mit dem Fürstbischof Clemens Wenzeslaus überzeugt: «Ach, diesem Manne ist großes Unrecht geschehen.» Es sei überhaupt in der Kirchengeschichte eine traurige Erschei­nung, daß gerade die geistreichsten, würdigsten Geistlichen von ihren Mitbrüdern ver­folgt wurden. Daß es mit Sailer nach der großartigen Tätigkeit durch sein Dillinger Jahrzehnt dahin gekommen war, ist auch nach dem Urteil Christoph von Schmids hauptsächlich das Werk der ihm feindlich gesinnten Augsburger Professoren (Exjesuiten) gewesen. Ihnen galt er als aufklärerischer Verderber der Jugend, wie umgekehrt den Aufklärern als vernunftfeindlicher Mystiker und Dunkelmann. War er kein genu­iner Philosoph, so ein ursprünglicher Frommer von einer allzeit am Christentum der Kirche sich nährenden, von ihr auch behüteten Glut. Mit dieser unerwerbbaren Gabe verband sich ihm ein erworbenes Wissen um die Philosopheme von Leibniz bis Kant, das er von seiner Ingolstädter Zeit her dem abseits der kirchlichen Scholastik spekulie­renden Exjesuiten Benedikt Stattler, einem selbständig bohrenden Kopfe, verdankte. Ihn hatte Sailer noch vor seiner Dillinger Berufung in Kampfschriften voll genialer Ironie gegen die Aufklärer verteidigt, auf dem neuen Lehrstuhl, in der nahen Berüh­rung mit den Kollegen Weber und Zimmer, neigt er sich wie diese der Kantischen Ethik zu, während Stattler, damals in der Seelsorge wirkend, 1788 seinen Anti-Kant hinaus­gibt. In der breiten Fühlung mit den Zeitmächten gewinnt indes der Einfluß der Stillen im Lande, des Oettinger Kreises um den Juristen Ruoesch, des Matthias Claudius und Lavater die Vorhand über den geliebtesten Lehrer Schmids. Aber dessen zärtlich so genanntes «Stophele» wird Schwärmereien, wie sie jenen Kreisen nicht fremd geblieben [14] sind, nicht verfallen; vor Mystik der Entgrenzung bewahrt ihn ein stoisch-leibnizisches Vertrauen in das Walten der göttlichen Vernunft in der Welt. Darin konnten ihn die Vorlesungen seiner beiden anderen Lehrer in der Philosophie und Theologie nur bestärken. Sie waren gleichaltrig, im Anfang der Dreißig, und blieben einander, im Gegensatz zur Dillinger Partei der Alten, auch in ihren philosophischen Wandlungen bis zur Hingabe an Schellings Ideen verbunden. Mehr noch als dem Dogmatik und Kirchenrecht lesenden Patriz Zimmer, der vorerst noch Leibniz, Wolff, Cicero und Seneca verbunden ist, verdankt der Studiosus und Alumnus dem universellen Rektor Joseph Weber, dem er zu seinem Hingang 1831 — als Domdekan in Augsburg — ein präzises literarisches Denkmal widmen wird. Schon mit 25 Jahren war der erfinderische Physiker zum Ehrenmitglied der kurfürstlichen Akademie der Wissenschaften ernannt worden.

Von diesem Geist und Herz bewegenden Lehrer und Seelsorger, dem er bis zu dessen Tode verbunden blieb, empfing der junge Schmid reiches naturkundliches Wissen, auch naturphilosophische Anschauungen, die noch in der Aufklärung wurzelten und durch die auffällige, sogar von Sailer angeregte Lektüre des Bacon von Verulam gewiß nicht vertieft wurden. Aber alle die milden und die wilden Geister der Zeit, die Empfindsamen und die Stürmer und Drän­ger der Genieperiode, wirkten auf diese Jugend eines geistlichen Alumnats. Man tauschte hier Freundschaftszettel mit Lebens­regeln, Weisheitssprüchen und Beteuerungen der Verbundenheit — die von Schmid verwahrten sind uns erhalten —, aus denen von ferne die Brandung einer wiederent­deckten Macht des Gefühls zu vernehmen ist; man liest dort zwar nicht Hamann, aber Rousseaus Émile, und wie fremd auch der Gott des reinen sentiment intérieur dem «Verfasser der Ostereier» bleiben wird: der wahrhaftig nicht ungesellige Menschen­freund liebt doch über alles die Retraite seiner inneren Eremitage, wo er den Weltstoff gelassen in Phantasien seiner Andacht zur Schöpfung des Schöpfers, der auch der milde, weise Lenker der menschlichen Dinge ist, verwandeln kann. Er hat sich nicht vergeblich in die Tugendpre­digt der Aufklärung, in Leibnizens Optimismus, in die kantische Ethik der Pflicht, aber auch in Rousseaus Naturseligkeit hineingefühlt; aber auf die Dauer formt ihn der Geist der «Familie Sailer»: Gott in Christo und Christo in der Kirche zu begegnen.

Äußerungen des intimeren Lebens in Jugendbriefen erweisen Züge, die im gereiften Manne nicht alle mehr erkennbar sind, ausgenommen sein Siegel von Natur: die Grazie der Seele. In den Ferien zu schlendern, zu wandern, in einem Buch aus der Tasche zu lesen, auch nur zu nippen, immer wieder am Pittoresken der Landschaft zu verweilen, erfüllt ihn mit einer Glücksruhe, in der er betet, diese Schönheit möchte ihm doch nie durch eine wilde Leidenschaft verdunkelt werden. Aber im Schwärmen seiner kosmischen Andacht sehnt er sich auch wieder nach dem teilnehmenden Herzen, durch [15] das ihm das Süße doppelt erquickend wäre. «Aulinger! die Hand! Laß uns zusammen­halten, als wären wir aus einem Stück Erz gegossen. Es gibt der Schurken, der kalten Kerls, der — der — der — so viele.» Unter den 24 Alumnen des Konvikts knüpfen sich zwischen einzelnen, wie selbstverständlich, engere Bande als mit anderen. Daß auch Christoph Schmid und Jakob Salat (Sallath), der zwei Jahre ältere Württemberger, zu inniger Freundschaft sich verbinden, ist im Hinblick auf die spätere Entwicklung des Verhältnisses nicht leicht zu begreifen; denn Salat, der nachmals als Professor an der Landshuter Universität auch für Sailer schwer erträglich wird, ist Aufklärer bis ins Mark und spielt in den kommenden Jahrzehnten, zumal als Gegner Schellings und seiner Anhänger, die medisante Rolle eines Chronisten zahlloser Personalien der gelehrten Welt.

Der geistige Austausch der Zimmergenossen ist angeregt durch Vorträge der Lehrer, die Begegnungen mit in- und ausländischen Gästen der unter Sailer aufblühenden Universität, vor allem natürlich durch die ausgedehnte Lektüre bis tief in die Nächte. Salat — in zeitgenössischen Memoiren eines Protestanten ist er «der schöne Jüngling von edler Gestalt und geistreicher Physiognomie» — mußte sich von seiner moralischen Ängstlichkeit in Dingen der Literatur erst im Klerikalseminar befreien, um so wie andere herzhaft nach dem zu greifen, was dort durch die Hände ging. Hat er vordem Yoricks Empfindsame Reise zurückgewiesen, so muß er sich jetzt mit Christophs Ent­zücken über den ganzen Lawrence Sterne befreunden. Denn er in seinem Lesehunger greift sorglos nach allem, was sich ihm bietet. Briefe des Zwanzigjährigen (1788) nennen außer Sterne auch des Claudius Abhandlung über den Briefstil, Jacobi und Klopstock, von dem er eine schwierige Ode geistvoll auslegt, und über Herders Ver­suchen «Vom Erkennen und Empfinden» wird es ihm, als packte ihn ein Riese und schleuderte ihn in eine neue Welt — «worin ich mich denn wirklich auch befinde, und zwar ganz wohl». Ob er sich darin Herders Sorge um die Kinderwelt zu Herzen genommen, ob er dem großen Erzieher dann auch noch in seinen pädagogischen Schriften begegnet ist? Was Salat unter Sailers Führung an protestantischer Literatur aufnahm, ist uns im einzelnen bekannt, der Schluß auf Schmid versteht sich von selbst, und der Billigung dieser Geistesfreiheit sind noch in den «Erinnerungen» des Greises (II 160 ff) denkwürdige Seiten gewidmet. Er verwirft die grundsätzliche Abschließung der Jugend gegen nichtkatholische Literatur durch manche Vorstände katholischer Lehranstalten. «Die Unwissenheit — ein Nichts! — sollte ein fester Damm gegen alle Wissenschaft sein, nur mit Ausnahme ihres eigenen beschränkten Wissens»; er sagt dies, nachdem er sehr wohl zwischen Leibnizens Theodizee und dem Candide Voltaires, dem «witzigen, aber schmutzigen Roman» unterschieden hat.

In Briefen und Fragmenten des Alumnus reden Berichte und Reflexionen zuweilen eine aufschlußreiche Sprache. Die Schilderung einer fürstlichen Treibjagd bei Oettingen, [16] einer Fußreise durch Mittelschwaben ins Allgäu, kritische Mitteilungen über frisch gelesene Autoren verraten deutlich schon den Beruf zur Schriftstellerei. Dem Eros zum Weibe, der ihn lockt, mißtraut er. Zarten Schwärmereien, die sich, zumal in schöner Landschaft, ihm «so glücklich» aufdrängen, gibt er wenig Raum. «Zu was ein Gedanke, der mir nur nimmt, nicht giebt? Ich will ganz frey sein. Dulde keine, auch nicht die feinste Kette der Liebe, und wärens aus Rosen geflochten, überzeugt, daß sie gewiß zu Eisenfesseln werden. O, ich weiß es, so ein Blick von ein paar Vergißmeinnichtaugen geht durch die Seele, und man bemerkt immer darauf eine Lücke darin, die ich nicht ausfüllen kann, und das macht traurig. Ich lese dann Asmus Fragmente, das nach der Stoa schmeckt, sein Paße Tems, erinnere mich des Spruchs: <Alles, was nicht ewig — ist nicht, hat nur den Schein vom Sein>.» Mit dieser Briefstelle (Oktober 1788) eines jungen Menschen, der stoisch keine Leidenschaft, geschweige Tragik, riskiert, ist die Sache nicht zum letztenmal gestreift.

Nach der Priesterweihe, 17. August 1791, feierte Christoph Schmid die Primiz in seiner Vaterstadt. Die Mutter, die er in die Arme schloß, hatte zwei Söhne durch Ertrinken verloren; jetzt schienen ihr alle Prüfungen voriger Zeit durch die an Christoph erlebte Freude aufgewogen. Am Festtag, dem 28. August, predigte Sailer in seiner markigen, alle bewegenden Art. Wie damals alle Neugeweihten der Diözese, mußte Schmid im Priesterseminar zu Pfaffenhausen seine liturgische und pastorale Ausbildung beschließen. Schon in der sechsten Woche wurde er vom Regens für reif befunden und bezog in nächster Nähe, in Nassenbeuren, seine erste Stelle als Kaplan. Von den angenehmen Umständen dieses Aufenthaltes entwerfen die «Erinnerungen» ein reizvolles Bild; auch Bekannte aus der Nachbarschaft, so der Reichsfreiherr von Hertling, Stadtpfleger von Mindelheim und erster Beamter der damals schon bayerischen Grafschaft, rücken hier ins freundliche Andenken. Am Söhnchen, Baron Clemens, hatte der viel erzählende Kaplan den empfänglichsten Zuhörer. «Da ich von jeher die Kinder, diese kleinen, unschuldigen Wesen liebte und schon in meinen Studienjahren mit ihnen umzugehen gelernt hatte, so gewann der gute Knabe eine besondere Zuneigung zu mir.»

Aber wenn dieser selbe Kaplan sich niedersetzt, um seinem Freunde Salat zu schreiben, zieht er Register, daß die Unterschrift «Dein Stophel» aufs höchste verwundern muß.

Etwa das große Dokument vom 25. Juli 1794 verblüfft als die Selbstschau eines geniehaften Stürmers, der seinem stoischen Ideal gründlich aufgekündigt hat. Das Ganze sprüht von Geist und Übermut, verliert sich dazwischen in Melancholien des Pessimisten, peitscht mit Sarkasmen eine Hochgräfliche Exzellenz, die ihn Stunden über Stunden auf die zugesagte Audienz hinwarten ließ, lobt seinen Yorick-Sterne, seinen geliebten Lessing, den er nicht müde werde abzuschreiben. Wie hat er recht! «Den [17] ersten Beweis, daß wir Menschen sind , geben wir — durch Laster, die wir in uns gelegt fanden, und mächtiger in uns gelegt fanden als die Tugenden … Wer ist von diesem elenden Loose ausgenommen? Auch nicht der Weiseste … <Da hat Dein Menschen­haß die Hand wieder im Spiele>, wirst Du sagen. Wollte der Himmel, es wäre bloß der. Denn es wäre ja besser, ich allein wäre ein Schurke, als alle die übrigen und ich doch noch dazu! Ich hoff, der Menschenhaß sitzt nur in meinem Kopfe, und mein Herz ist rein davon. Indeß greift er mir dennoch manchmal so tief ins Herz, daß ich darüber zu Grunde gehen möchte … Wo ist der edle Mann, den sie nicht haßten und verfolgten bis in den Tod! Denk nur an Christus und an Sokrates. Ist’s in unseren Zeiten anders? — Doch ich werde bitter und möchte zu tief in den Text kommen.. . Kants Buch über Religion habe ich gelesen … Auch über die Prologomenen hab ich mich. gewagt … zum Guguck, da läuten sie mir schon wieder in den Rosenkranz, der diesmal (und auch sonst manchmal) ein wahrer Dornenkranz für mich ist … Mein Herz fährt fort, mir noch manchen bösen Streich zu spielen. Du erwartest hier sicher ein allerliebstes Schäfermährchen. Ey nicht doch!» Es folgt als elegisches Zwischenstück im Stil des Sentimental journey die Erzählung des Kaplans, wie er in einem Nachbardorf unterm Freudenschall des Volkes, das den Einzug seines neuen Pfarrers feiert, sich in die Grabsteine und Inschriften auf verwichene Edle versenkt und in seiner Phantasie das laute Gepräng auch schon als künftigen Staub und Moder sieht. Über dem Strom der Gefühle standen ihm die Tränen in den Augen, und so gehe es ihm öfters. Aber ohnlängst, als er in Seeg — schon war Feneberg, vormals Professor der Poesie und Rhetorik am Dillinger Gymnasium, dort der Pfarrherr — die Ulrichspredigt hielt, habe er das Allgäu, Land und Leute, herzlich liebgewonnen. Auch habe sich der republika­nische Geist unter ihnen mächtig zu regen angefangen. Und hiemit gibt sich der Schreiber das Stichwort zum großen Thema der Revolution. Der junge Aufklärer macht sich satirisch Luft in Vorschlägen, wie das Vaterland am sichersten zu ruinieren sei. Konstitutionen? Hielte man, so meint er, nur die beste ein, das Evangelium, wäre es gleichgültig, welche politische wir hätten. Aber die Eine wird nicht gehalten, nicht von den Kleinen, nicht von den Großen — also ist Revolution nicht nur möglich, sondern notwendig. Zwölf Punkte hat sein fiktiver Teufelsplan. Die Monarchen sollen ver­schwinden, Männer von Verdienst und Fähigkeit sind außer Wirkung zu setzen, die Bildung der Jugend ist Schafsköpfen anzuvertrauen, es braucht einen hochmütigen Adel, der jeden Mann von Kenntnissen als Demokraten von sich stößt, braucht über­mütige Beamte, der junge Klerus ist von der neueren Literatur abzusperren, er braucht eine immer dummere Erziehung — das hilft der Religion auf … Könnte der Teufel einen listigeren Plan aussinnen?

Der Christoph Schmid dieses Tones wird nicht wiederkehren; der revolutionäre Konter­revolutionär wird sich immer weniger, auch in Briefen, das Herz freireden, um so mehr [18] dem Biographen seine innere Geschichte vorenthalten. Einer der Gründe ist in dem Schicksal seines geliebtesten Lehrers zu sehen, in dem Schlag, der die ganze «Familie» traf. Sailer kam 1794 auf der Heimreise von seinen Herbstferien fröhlich und neugestärkt durch Nassenbeuren. Pfarrer und Kaplan wünschten ihm Glück, daß «die hauptsächlich gegen ihn angeordnete Commission ganz zu seiner Ehre ausgefallen sey». Noch abends traf Sailer in Dillingen ein. Als er am folgenden Morgen im Doktor-Ornate sich zur Eröffnung des Studienjahres ins feierliche Hochamt begeben wollte, überreichte ihm der aus den Professoren neuernannte Vorstand des Kollegiums auf der Stiege das Dekret seiner Entlassung. Die Nachricht eilte schon in den nächsten Tagen durch ganz Deutschland; auch Weber war seines Lehramtes entsetzt, Zimmer vorerst auf die Physik beschränkt.

In den Verhören um den beschuldigten Sailer (1793) hatte kräftig auch Feneberg für ihn gezeugt und übernahm nach seiner Abdankung in Dillingen im Sommer des gleichen Jahres die ausgedehnte Pfarrei Seeg bei Füssen. Schon im Oktober erlitt Feneberg auf dem Heimritt von einer Filiale den Sturz, der ihn ein Bein kosten sollte. Der milde, grundlautere Priester, schon in seinem Dillinger Freundeskreis Na­thanael genannt, nun, für die oberschwäbischen Getreuen Sailers, der «Stelzenmichel», öffnete sich, samt seinem Kaplan Franz Xaver Bayr, einer Richtung der Frömmigkeit, die seinen Vetter Martin Boos in einem plötzlichen Durchbruch ergriffen hatte. Dieser weit jüngere Priester, auch er ein Schüler der nun abgesetzten Dillinger Drei, hatte sich von früh auf in übermäßige Kasteiungen verirrt, dann aber, dem jungen Luther ähnlich, Ruhe und Beseligung im Alleinvertrauen auf Gottes Barmherzigkeit gefunden und als Kaplan von Unterthingau seine neue Erkenntnis mit suggestiver Macht auf der Kanzel und bei ungeheurem Zulauf auch im Beichtstuhl dem Volke verkündigt. Nach langwierigen Untersuchungen und peinlichen Verhören vor einem Augsburger Konsistorium wurde er schließlich mit Verwarnungen in Frieden entlassen. Für eine Zeitlang seiner Stelle verlustig geworden, brachte er, in der Seelsorge helfend, zwei Jahre im Seeger Pfarrhaus hin, um dann eine Patronatskaplanei in Wiggensbach anzutreten.

Nun war auch Feneberg für die «Erweckten» gewonnen, sein Haus wird Mittelpunkt. und Asyl der Anhänger des Boos, und der neue Kaplan, der im Frühjahr 1795 bei ihm eintritt, heißt Christoph Schmid.

Der Wechsel mochte für dessen innere Reifung wohl bedeutsamer werden, als die spätere Selbstdarstellung erkennen läßt. Handschriftliche Reste aus der Nassenbeurer Zeit verraten den Hang zu schöngeistiger Reflexion, zugleich auch den sittlichen Ernst, der vor ihren Gefahren auf der Wache steht. Er hat — ich folge einem Briefe vom Ende Dezember 1791 — die Phantasie als den Zauberstab entdeckt, durch den er sich gegen die vermeinte Welt der «Scheinseligkeiten» die beständige seiner Träume eintauscht. [19] Das überhebe ihn der metaphysischen «Abgründe von Idealism und Realism, wo selbst Hume zum Glauben seine Zuflucht nimmt.» Er schaffe sich in seiner Einbildung die Rose ohne Dorn. «Eure Gebäude von Glückseligkeit zerfallen und lassen schauer­liche Ruinen zurück (die blühendste Rosenwange — wen ekelt sie nicht an, wenn er ihres grauenvollen Endes gedenkt), meines zerfällt, ohne einmal Trümmer, auch nur einen Rest von Reu und Nachweh zurückzulassen … Reines, heiliges Himmelskind … dir huldige ich! Sey meine Freundinn! … Und dann habe ichs mir zum Gesetz gemacht, gleich einem Cherub mit flammendem Schwerte zu wachen am Eingange in die paradiesischen Gärten meiner Phantasie, daß nichts eingehe, was mich roth macht, weils doch über kurz oder lang mich in Mitte meines Paradieses unglücklich machen würde, und kleidete es sich auch in die Gestalt eines Engels!» Das damals vielberegte Thema Priesterzölibat bringt den Kaplan gelegentlich um anderer willen zu andeuten­dem Sprechen. Dem Adressaten des angeführten Briefes wünscht er (August 1794) «Eine Hütte an Wald und Silberquell und (Videatur vita Höltii) — — —!! Und ich weiß, ich schieße nicht am Ziele vorbey». Darin eine Anspielung auf Höltys «Die künftige Geliebte» zu sehen, erlaubt ein Brief an einen Mitbruder, wo unter geistlichen Rat­schlägen für eine gesunde Lebensführung auch dieser steht: «Noch ein trefliches Mittel (das aber nicht für jeden ist und daher zuvor geprüft werden muß) ist der Gedanke an eine künftige eheliche Glückseligkeit. Die Schlange raubt und vergiftet dies Paradies, das hie und da noch einigen unschuldigen Seelen auf Erden gelassen ist, ohne weiteres. O wer könnte sich so vergehen an einem armen, engelreinen Mädchen, das sich voll argloser Unschuld einem in die Arme wir t, und dafür Jammer und Elend findet!» (2. April 1794). In den verstreuten Reflexionen zum Gegenstand vermißt man die reli­giöse Opferidee, nicht so die Verrechnung, was alles der Mann riskiert, wenn er liebt. Das letzte Wort hat immer der Ethiker der ungefesselten Freiheit, für die sich’s lohnt, im «angestrengten, unbehaglichen Zustand» des Kampfes auszudauern. Doch anders gebe es auf Erden keine Glückseligkeit. «Weiß der Himmel! Ich beneide oft den Vogel in der Luft, den Fisch im Wasser. Die sind, was sie seyn sollen, seyn können. Da ist kein Streben nach dem, was immer vor einem flieht; sie haben keine Idee des Bessern.» Die stoische Beherrschung des Affektlebens, die sich in der individualen Eudämonie bezahlt macht, kennzeichnet den jungen Priester und verträgt sich aufs beste mit dem metaphysischen Optimismus, den er mit der ganzen Aufklärung gemein hat.

Indessen wird ein Lebensbild auch die Aufzeichnung einer episodischen Liebesfühlung zu vermerken haben. Das Erlebnis liegt anderthalb Jahre hinter der Niederschrift zurück, die als Beilage zu einem Freundesbrief aus der Nassenbeurer Zeit (Mai 1794) erhalten ist. Christoph Schmid, äußerst empfindlich für geselliges Niveau, befand sich bei einem geistlichen Schmause in der Nachbarschaft. Die Tafel war um und um «mit schwarzen Herren», zwischenein auch mit einigen Damen besetzt. Er langweilte sich bei [20] dem vielen Gelächter über Nichts. Ein paarmal traf ihn der «überkönigliche Blick» eines Fräuleins. Nun sei ihm gewesen wie dem schwarzgalligsten Eisenfresser Achilles, der, von rückwärts am Haare gezupft — es war Pallas Minerva — erschrocken zusammenfuhr, vom Blitze der göttlichen Augen getroffen. Während die Gesellschaft, vom Weine immer lauter geworden, über Menschen der ganzen Gegend lästerte, auch Zoten riß, zu denen die Mädchen kicherten, starrte der Kaplan verlegen auf seinen Teller. Nur ein ver­stohlener Blick nach Minerva versicherte ihn, daß sie nicht wie die anderen tue. «Sie lächelte nicht einmal. Das freute mich, und ich fing an, aufmerksam auf sie zu werden. Schön war ihr Mund, wenn er sprach, und jedes Wort, das sie sprach, war Geist und Leben.» Unter Tisch traf sich’s, daß Schmid seinen Geburtsort nannte. Nach dem Mahle, als die Gesellschaft sich in Gruppen löste, trat das Fräulein zu Schmid ans Fenster. «Sie sind von Dinkelsbühl?» sagte sie sehr freundlich. Ob er dort eine ihr gar liebe Frau namens Schmid kenne? «Ein Sohn von ihr studierte in Dillingen. Er soll —»‚ und sie sagte nicht Weniges zu seinem Lobe. — «Hören Sie auf, gnädiges Fräulein, so übel von ihm zu reden. Er möcht es hören — ich bin der Christoph Schmid.» — «Sie!?» Ein ganzer Himmel verklärte in diesem Augenblick ihr schönes Gesicht. — «Oh, so sind Sie der Bruder vom Tresele», setzte sie bei und nahm mich unwillkürlich bei der Hand. Das Gespräch enthüllte die freundschaftliche Beziehung der jungen Dame zu Christophs Schwester Therese. «Wie das» — fährt der Bericht fort — «auf dem Papier alles so verdammt trocken und geistlos herauskommt. Aber wenn ich Dir, lieber — — —, den sanften Ton, mit dem sie dies alles sagte — die Innigkeit, Herzlichkeit, Unbefangenheit, Lebendigkeit, Güte, Einfalt … O verflucht, daß man mit Worten so wenig ausdrücken kann — kurz, die Rose kann man mit der Kohle nicht mahlen.»

Damals endete das Gespräch mit dem Versprechen Schmids, «diese Prinzeß» auf ihrem Schloß zu besuchen. Er erfüllte es nicht — «aus zarter Sorgfalt für mein armes Herz» —, auch nicht nach einem Vorhalt bei der Wiederbegegnung zwei Monate später. Offen aber gesteht der Kaplan die nachhaltige Wirkung seiner «Schwärmereyen». «Ich war die Zeit über gewiß ein besserer Mensch. Es war mir, als hätt ich alle Sinnlichkeit abgelegt. Meine Phantasie war nie so engelrein. Kein Wölkchen einer unheiligen Begierde stieg darin auf. Auch war ich nicht bald so vergnügt, so thätig. Ich war immer vor der Sonne auf und arbeitete den ganzen Tag in einem fort. Ich las die Psalmen hebräisch und das ganze Alte Testament griechisch durch. — Und, Himmel, was war ich vorhin? Mein Herz war ein Abgrund von Kälte, Nacht und Eis und Dumpfheit — ganz zerrissen von Menschenhaß, Ekel am Leben, o tausenderley niedrigen, quälenden Empfindungen. War’s nicht vielleicht eine Fügung des Himmels, dass einige goldnen wärmenden Stralen der Sonne diesen Abgrund erleuchten, erwärmen und beleben sollten? Ich dank ihm wenigst dafür. — Wenn so ein Elisenbildchen uns über uns selbst erheben und dem Himmel näher bringen kann — ist’s dann nicht so [21] viel werth als ein Skapulier? — Indeß werd’ ich sie nicht wiedersehn, obs gleich nur bey mir stünde, sie alle 14 Tage zu besuchen. So gut das alles ist, so schlimm könnt es werden, wenn ich dem Ding zu viel nachhienge. Freyheit über alles! Allein: quis denique liber? Sapiens sibi imperiosus … Eins ist Noth! Laß uns nach dem Einen trachten. Weg mit allem, was uns im Weg steht, — und sollt es auch eine Elise seyn.»

Man wird die biographische Bedeutung dieser paar Selbstzeugnisse in der Tatsache zu erkennen haben, daß ein an der inneren und äußeren Wirklichkeit sich stoßender, zum Menschenhaß neigender Priester von Sechsundzwanzig seine Glückseligkeit in etwas zu finden hofft, was ihm den Selbstvollzug in der frei sich bindenden Freiheit erlaubt. Er faßt die Dinge mit scharfem Blick, er ist für den Jammer unter dem Monde empfindsam bis zum Weltschmerz, und deshalb strebt er seinem eremitischen Ruhe­verlangen als Poet eines höheren sittlichen Kosmos zu genügen.

Die kurze Zeit in Seeg hat Christoph Schmid die glücklichste seines Lebens genannt; nie auch sei er seelenvergnügter gewesen. Das geistige Klima des Pfarrhauses, die Eintracht unter den Kollegen und die Harmonie mit der Bevölkerung lobt noch der Greis als Erquickung seiner Jugend. Wovon er aber schweigt, ist die gewittrige Spannung über dem geistlichen Freundeskreis um den abgesetzten Sailer, der nun in München, dann in Ebersberg, viel auch reisend, durch fünf «Brachjahre» eine reiche literarische Ernte einbringt. Er und die Allgäuer setzen sich in den Augen der wach­samen kirchlichen Behörde wechselweise dem Verdacht eines abwegigen Mystizismus aus. Anfänglich ist Sailers Zustimmung zu diesen «Erweckten» noch ohne den Vor­behalt gegen diese eher pietistisch als mystisch zu nennende Frömmigkeit, der später an ihm deutlich wird, als er Grund sah zu der Meinung: Bleibet in der Kirche! Er wirkte auch für Martin Boos als Warner und Schirmer zugleich, als gegen diesen unruhigsten der Erweckten die Augsburger Inquisition mit Verhör und Haft im Kor­rektionshaus Göggingen vorgegangen war, und verschaffte ihm von seinem «Patmos» Ebersberg aus einen Zufluchtsort. Sailers Teilnahme an der Allgäuer Bewegung, die für ihn eine seelische Krise bedeutete, führte zu ihren dramatischen Höhepunkten erst nach dem Weggang Schmids von Seeg nach Thannhausen. Daß er aber schon als Fenebergs Kaplan den Zugriff der Inquisition zu fürchten hatte, bezeugt noch die bittere Abrechnung des Achtzigjährigen mit Jakob Salat. «Es blitzte und donnerte damals — da Verdächtigungen und Ketzerriechereien an der Tagesordnung waren – überall. Ich war in Thannhausen vor diesen Blitzen so wenig sicher als in Seeg. Wirklich kam auch der Dekan meines Landkapitels als bischöflicher Kommissar, um meine Bücher und Papiere zu untersuchen. Ich war lange Zeit wegen des Erfolges dieser Untersuchung ungewiß. Nun wurde von dem Domkapitel Augsburg mir das Frühmeß-Benefizium in Thannhausen verliehen …»

Von Sailer, der des öfteren persönlich unter den Erweckten erschien, ergingen zu ihrer [22] Stärkung und Warnung Zettel und Rundschreiben, die auch den Auftrag enthielten, in «diesem Wirrwarr der Zeiten, wo es das beste ist, amtslos zu sein», seine Briefe in Verwahr zu tun — quia circuit quaerens quem devoret. Manches der Flugworte, oft nur auf einen Fetzen geschrieben, ist bloßes Stoßgebet für die Freunde in der Bedrängnis. Schmid hat diese Reliquien verwahrt, anderes, was Erweckte ihm geschrieben hatten, vernichtete er, durch einen seiner verlässigen Träume vor den Inquisitoren gewarnt, im Feuer. Obschon aber Christoph Schmid als fester Anhänger Sailers, der den Nassenbeurer Kaplan einmal «Du Krone meiner Bemühungen» genannt hatte, sein Teil Ungemach erfuhr, so wankte er doch nie vom Lebenden und nicht vom Toten. Er fühlte sich allzeit in der warmen Hegung dieses Herzens; dennoch bewahrte er sich als der Eigene, der er war. Er widerstand den Lockungen seines Meisters und Freundes ins Lehramt und folgte seiner zunehmenden Leidenschaft zur pastoralen Erzählung für eben die Welt, die er als Zuflucht vor dem Andrang tragischer Befunde nötiger hatte als den Hörsaal eines philosophisch umgetriebenen Publikums. Er wird über Kinder und Kindliche mit dem Szepter der Einfalt und Rührung herrschen, und auch der humorige Spott seines Meisters wird ihn nicht daran irremachen. Der Übergang von seiner genialisch ungebärdigen Frühzeit in die spannungslos erscheinende Existenz des fabulierenden Moralisten ist aus den biographischen Zeugnissen allein nicht zu erklären. Nur als Vielleicht ist die Behauptung zu wagen, daß die nahe Fühlung mit den Erweckten die innere Welt des Seeger Kaplans geschlichtet und zur Ruhe gebracht habe. Zwar ist der Aufklärer in ihm nie ganz gestorben, aber der viel entschlossenere Aufklärer Freund Salat fand ihn im Hause der Feneberg, Bayr und Boos schon gefähr­lich der Mystik zugeneigt. «Wie oft sagte ich mir: wenn ich ihn nur retten, wenn ich ihm nur helfen könnte!» Und Salat rühmte es als sein Verdienst, ihn von Seeg nach Thannhausen gebracht zu haben. Wirklich war es Salat, der bei der Vakanz der Stelle eines Schulbenefiziaten und Schuldirektors in dem gräflich Stadionschen Dorf Thann­hausen dem entscheidenden Oberamtmann Oberst Christoph Schmid empfahl, und Fenebergs Rat, das Amt zu übernehmen, gab den Ausschlag.

Dort hat der Gerufene als der wahrhaft Berufene zwanzig Jahre gewirkt. Seine Geschicke sind in dieser Zeit nicht ohne Zusammenhang mit den aus der Französischen Revolution verursachten Ereignissen, politischen und kulturellen Wandlungen.

Der allverehrte, für Schule und Seelsorge verpflichtete Priester entfaltete aus dem Charisma des Erziehers ein Bildungswerk nach innen und außen, das zu einem rühmlichen Kapitel der Pädagogik und der Schulgeschichte geworden ist. Vielfach an seinen Zeitgenossen Pestalozzi erinnernd, hat er durch die fühlsam erkennende Liebe des Hirten, aber auch des methodisch planenden Lehrers die Kinderwelt erobert und über die führig ihm zugetane Jugend heilsam auf die Erwachsenen und Familien eingewirkt. Prinzipien, die heute zur festen Errungenschaft geworden sind, hat er [23] selbständig aus der Praxis der Schule gewonnen: das Prinzip anschauenden Inne­werdens der Gehalte des Sichtbaren, das Prinzip der Ganzheit im Weltverständnis, die für ihn mit dem göttlichen Zusammenhang der Dinge gegeben war, so sehr, daß sein Begriff von Volksschule genau dem Ideal entspricht, das im Namen Universität aus­gesprochen ist, der universitas, die das Viele in der zielenden Bewegung auf eines hin — ad unum versum — versteht, und auch schon das Prinzip des arbeitend-lernenden Sichhineinfindens in die einzelnen Sachgebiete. Dem natürlichsten Bedürfnis des Kin­des, das Geheimnis der umgebenden Welt am konkreten Exempel, am Vorgänglichen und Dynamischen anzuschauen, entsprach er durch die Umsetzung der statischen Er­scheinungswelt ins episch Bewegte, indem er in Geschichten eine erste Ahnung von Geschichte erzeugte. Dabei gewährte er den Kindern alle Freiheit des Fragens und selbst der Kritik an der Form des Erzählten. «Auf diese und andere Weise lernte ich von den Kindern, während ich sie lehrte.» Sein großes Vorbild aber verrät er in einer Tagebuch-Stelle: «Unter allen Geschichten sind die biblischen die vortrefflichsten.» An dieses Urteil knüpft er bedeutsame, klassisch gültige Betrachtungen über die Ästhetik des Erzählens, aber manches darin läßt den Wunsch übrig, daß der Autor selbst seine biblisch gewonnene Theorie auch mit dem herzhaften Realismus des heiligen Buches befolgt hätte. Daß es nicht geschehen ist, kann um so mehr verwundern, als er in Thannhausen der Hauptsache nach sein unabsehbar wirksames Schulbuch der Biblischen Geschichte gestaltet hat.

Dem Schulbenefiziaten und Distriktsinspektor war es in seinen zwanzig Thannhauser Jahren nicht vergönnt, in dörflicher Idyllik nur einwärts seinem Ideal der Jugendformung zu leben. Man muß sich der Vorgänge und Zustände auf der politischen Bühne dieser Zeit erinnern, die mit ihren Wogenschlägen die äußeren und inneren Verhältnisse auch der schwäbischen Landschaft bewegten. Im Gefolge der Revolutionskriege fiel die Last schwerer Kontributionen auf den Kurstaat Bayern. Als er im Separatfrieden mit Frankreich 1801 auf seine Gebiete jenseits des Rheins gegen die Zusage von Entschädigungen verzichtet hatte, kam 1803 ein großer Teil Schwabens unter die bayerische Landeshoheit. In München aber wird die Kulturpolitik des Landes von dem Aufklärer Graf Montgelas nach seinem Grundsatz geführt: die Kirche ist im Staate. Um auch einen geistigen Säkularisationsprozeß einzuleiten, bedient er sich der Publizistik und kann für seine Absicht mit gesinnungsverwandten Männern aus dem katholischen Klerus rechnen. Auch nach seinem Sturze 1817 unter Kronprinz Ludwig, der sein «undeutsches System» verabscheut, dauert in der Frage Staat und Kirche der Gegensatz zweier Lager, den zu überwinden der Sailerische Geist berufen schien.

Man liest in den «Erinnerungen», daß die Arbeitslast des Schuldirektors — der im eigenen kinderreichen Dorfe wie ein Schulgehilfe auch den Elementarunterricht zu geben hatte, der überdies als Kaplan der Pfarrei zu Gottesdiensten, Predigten und [24] Krankenbesuchen verpflichtet war — die Kräfte des Mannes, den zutiefst doch immer die pädagogische Schriftstellerei bewegte, fast überstieg. Er wohnte eine Reihe von Jahren im Pfarrhause, wo die freie Verpflegung den einzigen Entgelt für sein geistliches Wirken bildete. Was er im übrigen einnahm, verkürzt um die hohen Steuern, ging zum größten Teil als Unterstützung an studierende Brüder. Erst um 1809, als der Doppeldienst seine Gesundheit angegriffen hatte, sorgte man für seine Entlastung. Er konnte endlich in der Wohnung des Schulbenefiziaten eine eigene Haushaltung führen und seine Schwester Franziska, die bis dahin in «trüber Lage» gelebt hatte, zu sich nehmen; fast bis zum Ende seines Lebens dient sie und herrscht auch zum Besten ihres Bruders. Wenn Sailer in einem späteren Briefe die «Stopheline» als das «beredte Genie» bezeich­net, auch sonst, wie andere Freunde, mit humorigen kleinen Bosheiten nicht zurück­hält, und wenn in den Familienbriefen die Verwandtenliebe zu Franziska mit zartem Unmut über ihr exklusives Regiment gemischt ist, so bestätigt die eigene Handschrift der unverdrossenen Walterin ein Temperament von zäher Energie. Dem Bruder Chri­stoph jedenfalls half sie bis zu ihrem Ende, knapp vor dem seinigen, die Last des Lebens nach Kräften zu ertragen.

In Thannhausen entstanden im lebendigen Umgang mit der Jugend viele literarische Entwürfe, die erst nach viel späterer Umarbeitung gedruckt werden sollten, aber was dort vollendet und herausgegeben wurde, sind außer der Biblischen Geschichte und dem klassischen «Gottbüchlein», das für die kleinsten Leser in lauter einsilbigen Wörtern geschrieben war, die beiden später zu Weltruhm gelangten Erzählungen «Die Ostereier» und «Genovefa». Wir hören noch die Klage des Greises, daß er seine besten Lebensjahre — er spricht von Thannhausen — mit den Arbeiten eines Schuladstanten verbracht habe. Er kann es sich nicht aus dem Sinne schlagen, daß er bei gebotener Muße — ein Schriftsteller geworden wäre. Aber auch in gelockerten Zeiten hätte er die Grenzen seines Talentes nicht überschritten. Er hat die «Ostereier» auch in den Erzählungen seiner gelasseneren Jahre nicht mehr überboten, und jene Idylle in Di­stichen, mit der er den Englischen Garten in Thannhausen, seine und des Rates Oberst gemeinsame Gründung, besungen hat — von seinen anderen Gedichten nicht zu reden —, weist mit keinem Verse über die Schranken des Poeten hinaus, der seinem Herzen nur die Sprache der konventionellen Gefühligkeit erlaubt, als wäre er solcher-weise am besten gegen die tieferen Gluten seiner Natur geschützt.

Das Amtliche erlegte Christoph Schmid neue Pflichten auf, als er zum Distriktschulinspektor für alle Ortschaften des Landgerichtes Ursberg diesseits der Mindel, überdies der Herrschaft Edelstetten jenseits der Mindel ernannt worden war. Alle Schulen dieses Bereiches sollten neu organisiert, neue Schulhäuser oder doch Schulstuben erbaut, Sommer- und Sonntagsschulen eingeführt werden. Die Besoldung der Lehrer durch die Gemeinden, die Prüfung der Fassionen über die Einkünfte u. a. verursachten ihm viel [25] Plackereien, zumal mit den Bauern. So kam er viel in den «Walddörfern» des Staudengebiets herum. In Edelstetten machte Schmid die Bekanntschaft eines protestantischen Geistlichen, des Württembergers J. G. Pahl, der im Begriffe war, eine schwierige Auf­gabe durchzuführen. Die Standesherrschaft der Familie Esterhazy war in den Besitz des belgischen Fürsten von Ligne übergegangen, des berühmten Generals, des Korrespon­denten Rousseaus, Voltaires und des Preußenkönigs. Dieser vollendete Weltmann von glänzendem Esprit hatte Pahl als Kommissär mit den Veränderungen in seinem neuen Gebiet betraut, sonderlich mit der Aufhebung des Stiftes für Edeldamen und ihrer Pensionierung, wobei denn die beiden Aufklärer in der humansten Weise verfuhren. Pahls katholischer Nachbarpfarrer war vordem Jakob Salat gewesen, und beide hatten sich im Lichte der Aufklärung herzlich gut verstanden. Nun wob sich bald ein freund­schaftliches Band auch zwischen Pahl und Schmid, wovon die «Denkwürdigkeiten» des Protestanten (1840) das schönste Zeugnis geben. Er schreibt dort auch von einem Treffen in Bad Cannstatt (1833), von «köstlichen und unvergeßlichen Stunden». Seine Bemerkung aber, daß der Schulbenefiziat trotz aller Verdienste bei jeder Bewerbung um eine Pfarrstelle von der bayerischen Regierung abgewiesen worden sei — im Falle Günzburg mit der Begründung, für einen Stadtpfarrer habe er zu kleine Statur —, bedarf der näheren Erklärung aus handschriftlichen Quellen.

In einem Brief an Albert Werfer vom Sommer 1855 erzählt der Rottenburger Dom­dekan Ignaz von Jaumann, gleich seinem Freunde Wessenberg ein Mann der schärfsten staatskirchlichen Richtung, von seinem Besuche bei Schmid in dessen letzter Thannhauser Zeit (1816). «Viele Jahre lebte so unser Christoph im Kreise trauter Freunde auf seinem mageren Frühmeßbenefizium: man feyrte ihn vielfach hoch — ließ ihn aber stets dort sitzen; auch hatte er manche Widersacher, und besonders seine Biblische Geschichte ward herben Angriffen ausgesetzt. Ich hatte deßhalb einige Versuche ge­macht, den Kinderfreund nach Württemberg zu verlocken, seine Bescheidenheit und Genügsamkeit ließen sie zu keinem Erfolg kommen. Als aber der alte Pfarrer von Stadion starb, drang ich in den Freund, sich um diese Stelle zu bewerben. Auch da widerstrebte er noch, nahm Ausflüchte …», bis er nach langem Zögern sein trotz allem geliebtes Thannhausen verließ.

Aber die Sache will noch von anderer Seite gesehen sein. Jakob Salat, damals Professor der Philosophie in Landshut, veröffentlichte 1816 im Allgemeinen Anzeiger der Deut­schen einen Aufsatz «Auch ein Beitrag zur Geschichte Bayerns unter dem Minister von Montgelas», dazu im folgenden Jahrgang eine «Berichtigung und Ergänzung». — Salat erörtert die Verdienste des Freundes und die Gründe seiner Zurücksetzung durch das bayerische Kultusressort. Schmid nahm später Anlaß, dieser Darstellung scharf ent­gegenzutreten. Bringt man gewisse Behauptungen Salats, die der Freund nicht be­anstandet, in Anschlag, so scheint im ganzen das Folgende festzustehen. Zweimal hat [26] Christoph Schmid das Angebot von Lyzealprofessuren für Ästhetik und Pädagogik aus gesundheitlichen Rücksichten abgelehnt, bei der Bewerbung um eine theologische Professur in Landshut 1815, mit der die Regentie über das Klerikalseminar verbunden war, entschied der damals einzig zustehende Münchner Oberkirchenrat Holler gegen ihn, der «kein Bayer, kein Inländer» war. Als anderer Widersacher der Schmidschen Schulschriften, die übrigens dem königlichen Schulfonds, im Grunde also den staatlichen Finanzen, den Zufluß von vielen tausend Gulden verschafften, wirkte der vormalige Oberkirchenrat Wismayer, der seines vielumkämpften neuen Schulplanes wegen aus der Ministerialsektion der Schulen und Studien in die für kirchliche Angelegenheiten versetzt worden war. Dem Aufklärer Holler, dem die ganze Sailersche Richtung nicht paßte, war der große Erfolg der Biblischen Geschichte so sehr ein Stein des Anstoßes, daß auf seine Veranlassung die immer steigende Auflagenziffer nicht mehr eingedruckt und so dem Verleger sein betrügerisches Spiel mit dem Autor noch erleichtert wurde. Salat verhalf dem Freunde zu einem Teil des hinterzogenen Honorars, und auf seine Darstellung des Falles Schmid aufmerksam gemacht, wünschte sich die Gräfin Montgelas den Thannhauser Priester als Erzieher ihrer Kinder; aber der also Geehrte schlug den Antrag aus, weil das nach Hollers Aussage einzig vakante Münchner Benefizium zu weit von der Ministerwohnung entfernt lag. Bei den wiederholten Bewerbungen Schmids um eine Pfarrei vermochte auch die nachdrückliche Befürwortung durch den kgl. bayerischen Generalkommissar des Illerkreises, den gelehrten Aufklärer Joseph von Stichaner, den Widerstand der Kirchenräte nicht zu brechen.

Salats fernere Publizistik, ein Sammelsurium malitiöser Indiskretionen, spinnefeind gegen alles, was zu Sailer und seinem Kreise, dann zu Schelling und seiner Schule neigte, wurde für Christoph Schmid mehr als lästig. Zwei erhaltene Briefentwürfe des 74- und 80jährigen sind Zurechtweisungen des noch älteren Freundes, in denen Schmerz und Entrüstung sich mischen. Der erste zeiht ihn unrichtiger Darstellung der Sachverhalte — «nötige mich doch nicht, mit Dir zu brechen … Am übelsten komme ich dabei weg, da Du mich als Deinen Freund aufführst und mich einer Partei dahier, die Du die Jesuitische nennst, entgegen stellst. Gottlob ist dahier schon seit langer Zeit keine Rede mehr von Parteien, und wir leben, uns an das goldene In necessariis etc. haltend, ruhig und in Frieden …» Die zweite Antwort (1848 oder 1849), ein Dokument von 15 Seiten, beginnt mit der Klage über Ersticken in Korrespondenz — alle Federn seien stumpf geschrieben, jetzt aber habe er sich eine neue geschnitten — und sie schließt mit der Klage über die Erschöpfung des Kopfes vom langen Schreiben. Die hauptsächlichen Punkte dieses autobiographischen Zeugnisses sind folgende: Mannhaft wird das Andenken der geliebten Toten Feneberg und Sailer, die Salat begeifert hat, verteidigt. Salat selbst habe sich’s zuzuschreiben, daß er bei der Verlegung der Universität von Landshut nach München (1826) nicht mehr übernommen wurde; durch seine dauernden [27] Angriffe auf Männer des öffentlichen Lebens sei ihm Feind um Feind erstanden. Um durch Sailers Verwendung beim König seine Wiedereinstellung zu erreichen, hätte Salat an Sailerfreunde, auch an Schmid, eine Verunglimpfung Sailers gesandt, die er veröffentlichen wollte, wenn der Angegriffene ihm nicht wieder eine Professur ver­schaffe. Den Anhängern des nun schon mächtigen Regensburger Dompropstes mißfiele dieses erpresserische Vorgehen aufs höchste. Dennoch habe Schmid versucht, dem alten Freunde beizustehen. «Ich schrieb nun, bloß in meinem Namen und ohne Deine Dro­hungen mit einer Silbe zu erwähnen, an Sailer und bat ihn, so dringend ich konnte, sich auf das nachdrücklichste bei dem Könige für Dich zu verwenden. Sailer tat es persönlich und schrieb mir — König Ludwig habe seine Fürbitte … für immer abge­wiesen. Zugleich bat mich Sailer — ich habe seinen Brief noch zur Hand! — Dir von dieser Verhandlung nichts zu sagen, weil Du sonst die Sache sogleich durch den Druck bekannt machen würdest.» In der Frage der abgelehnten Dillinger Professur treffe Salat der schwerste Vorwurf, daß er in öffentlichen Blättern behauptet hat, Schmid verzichte auf die Stelle nicht wegen seiner angegriffenen Gesundheit, sondern weil ihm der neue Schulplan Wismayers nicht behage, der ja besonders von Norddeutschen verworfen werde und auch den berühmten Philologen J. H. Voß abgehalten habe, einen Ruf nach Bayern anzunehmen. Wismayer, so berichtigt Schmid, sei ihm vor jener Darstellung Salats geneigt gewesen, was Wismayer auch durch seine wiederholte Aufforderung, die Professorenstelle anzutreten, bewiesen habe. «Von nun an wurde er mir ganz abgeneigt, — und für mich war, wie es damals in Bayern stand, kein Aufkommen mehr.» Wenn aber Salat Schmid öffentlich das Verdienst vorrechne, ihm die Bekanntschaft bedeu­tender Männer vermittelt zu haben, so müsse er ihm doch wenigstens die Namen der Bischöfe nennen, die ihm ganz aus eigener Schätzung die Ehre ihres Besuches erwiesen hätten. Unter den Aufgeführten sind Ladislav Pyrken von Erlau, Vinzenz Milde von Wien, M. v. Diepenbrock von Breslau, H. v. Vicari von Freiburg, J. v. Geissel von Köln.

Der bescheidene Thannhauser Priester konnte sich die künftige Freundschaft dieser Sterne so wenig träumen lassen wie die Verbreitung seiner Bücher über den halben Erdkreis. Einstweilen berührte ihn der Hauch der Fremde nur in der Begegnung mit den Franzosen, die das Dorf durchzogen oder für längere Zeit dort in Quartier lagen. Seine Sprachkenntnis befähigte ihn zum Dolmetsch und Friedestifter zwischen Land­volk und Militär. Seine Schachspielkunst reizte einen der Offiziere, es mit dem kleinen deutschen Abbe aufzunehmen. Als sich der sieggewohnte Franzose nach langem Kampfe geschlagen sah, ohne daß Schmid das «Matt» auszusprechen wagte, sprang er in seinem Zorn vom Stuhle auf und griff nach seinem Degen, aber dank der Zwischenkunft der übrigen Offiziere, die der Niederlage ihres prahlerischen Kameraden schadenfroh zuge­sehen hatten, blieb es dabei, daß sich der Gedemütigte in Thannhausen fortan nicht mehr blicken ließ. Glimpflicher als die französische Beunruhigung des Mindeltals 1796 [28] ging für Thannhausen drei Jahre später die Begegnung mit den Russen ab, die Feld­marschall Suworow, aus der Schweiz zurückkommend, nach furchtbaren Schwierig­keiten und Verlusten über die Alpen geführt hatte. Die Ortschronik von Bronnenmaier (1955) vermerkt für den 5. November 1799: «Vormittags 10 Uhr lagerte sich die 14000 Mann zählende russische Armee zu beiden Seiten der Straße im Ried. Der 80jährige Feldherr, General Suworow, nahm sein Absteigequartier im Thannhauser Pfarrhof. Der greise General — ganz in Leinwand gekleidet — erbat sich beim Aus­steigen aus der Kutsche von Pfarrer Mayrhofer den Segen, den er auch erhielt. Nebst ihm lagen auch sein Sohn (Graf Arkadij) und die ganze Generalität hier im Quartier.» In der großen Not um die Ernährung der Truppen ließ Suworow durch seinen Popen einen Fasttag verkündigen. Vor seiner Zimmertür pflegte ein Kosak mit der Peitsche Wache zu stehen. Als Christoph Schmid einmal an ihm vorüberging und die Bittgebärden des Hungernden wohlverstand, holte er ihm ein großes Stück Brot aus der Küche. Dieser kleine Akt des Mitgefühls kam aus dem Herzen eines nimmermüden Gebers, der sein Lebtag das einfachste Leben führte, um jeglichen Überschuß in stille Wohltat an Bekannte und Unbekannte zu verwandeln. So war es auch der Armenfreund, um den bei dem allgemein bewegenden Abschied von Thannhausen die Tränen flossen.

Das gute Jahrzehnt 1816 bis 1827, in welchem Christoph Schmid die Patronatspfarrei Oberstadion (Kreis Ehingen) innehatte, bot dem Seelsorger bei besserem Auskommen auch hinreichend Muße, als Erzähler sein pädagogisches Werk an Jugend und Volk zu fördern. So erfüllte er seine tiefste Neigung und schuf zugleich sich selbst den stimmigen moralischen Kosmos, in dem es mit den leidigen Störungen des Daseins am Ende gut hinauszugehen pflegt. Die Leibnizische Theodizee, von der die Aufklärung heimlich oder offen immer gelebt hat, wurde in herzbewegenden Geschichten demonstriert, die das Urvertrauen in die Gerechtigkeit der Geschichte überhaupt lehren und bestätigen sollten. Das einfache Rezept aller ihr Spiel gewinnenden Epik, sei es die Odyssee oder der Amadis, daß ein Held in der Anfechtung von außen, von innen, von dort und hier zugleich, den Sieg der guten Sache und das Selbstgericht des Bösen vor Augen führt, hat auch den Erzähler der Ostereier, der Rosa v. Tannenburg, des Guten Fridolin und bösen Dietrich nicht getrogen. Er rührte zu Tränen, er sorgte für den Aufgang der Sonne, in der sie trocknen konnten, und er setzte beides mit der suggestiven Kraft einer reinen Sprache und der Ergriffenheit von den eigenen Phantasien ins Werk, die von je und wenigstens bis heran ans technische Zeitalter auf Kind und Kindesgleichen rechnen konnte. Darüber steht noch zu vermuten, daß die von Grund aus edle, spendende, dafür auch vom gemeinen Lauf der Dinge doppelt verletzliche Natur selber dieses Klimas seiner idealisch konstruierten Weltverfassung am ehesten bedurfte. So wäre Christoph Schmid nicht der erste Pädagoge, der sich am Kind, das er zieht und [29] bildet, heilsam selbst beschwichtigt. Jene stürmischen Zeugnisse der früheren Mannesjahre verlieren sich mit den Gestaltungen einer für die Jugend zurechtgeschlichteten Gegenwelt, aus der es auch den Erzähler so traulich-tröstlich anweht, wie es der rauhe Tag, der ihn aus sich herausruft, nie vermöchte. Ihn kann es nicht irren, wenn Sailer ihn wissen läßt, daß er unter seiner Leserschaft eine wahre Wassersflut anrichte … Noch dauert ja der geistliche Bund der familia um den Vater Sailer. Als Bischöflicher Koad­jutor von Regensburg sandte Sailer am 14. Januar 1823 — Feneberg lebte nicht mehr, Martin Boos wirkte nach manchen Irrfahrten im rheinpreußischen Sayn — an Freunde ein Rundschreiben, in dem er ausdrücklich auch «Pfarrer Thränenpresser Christoph Schmid samt Schwester und Bruder» anspricht. Alle in und außer Deutschland geht das schö­ne Wort an: «Gewiß ist am 28. October nicht nur Sailer zum Bischof konsecriert worden. Sondern auch die Freundschaft, die mich mit Euch und meinen übrigen Lieben verbindet, ist mit mir neugeweiht und geheiligt worden … ich sehe Euch alle seit diesen Tagen wie mit neuen Augen an und bete mit und für Euch mit neuer Zuversicht …» Wenn Sailer seinen liebsten Schüler immer noch gern auf einem Lehrstuhl sähe — mit wenig Hoffnung freilich, daß Schmid einem Ruf auch folgen würde, so macht er durch diesen Wunsch ersichtlich, daß er nicht die Jugendschriftstellerei für die eigentliche Sendung dieses Freundeslebens halte. Empfängt Sailer aus Stadion Exemplare der Geschichte «Von dem lieben Täublein und dem verlorenen Kindlein», so fehlt dem Echo an den «allmächtigen Thränenvergießer», wie gewöhnlich, doch das Lob. «In meinen Dank fließen hinein die Thränen gerührter Ältern und Kinder, unter die sich Deine Gaben durch mich verteilt haben» (14. Mai 1825). Unter den Stimmen des Ruhms und Nachruhms für den Erzähler Schmid, denen Adalbert Stifters, Wilhelm Kügelgens, Hermann Grimms und anderen, sind Sailer und Diepenbrock gewiß nicht die stärksten. Dennoch wirkte er auf Fernen, die ein Hebel, Gotthelf oder Alban Stolz nie erreicht haben.

Nicht vergeblich machte Sailer den König auf den hochverdienten Pädagogen aufmerk­sam. «Dieser in seiner Art einzige Mann und klassische Schriftsteller gehört Bayern an, und Bayern muß ihn reklamieren.» So berief ihn Ludwig 1826 als Domkapitular nach Augsburg. Durch Krankheit zurückgehalten, verließ er Stadion erst im Frühjahr des folgenden Jahres und wurde am 24. Mai 1827 in der Domkirche in sein neues Amt eingesetzt.

Der Abschied des Allbeliebten von Bischof, Klerus und Volk seines vorigen Wirkungs­kreises war nicht leicht gewesen. Noch lang wurde in den Häusern Stadions für den Menschenfreund und Wohltäter ein abendliches Vaterunser gebetet. Schwer lebte er sich ins neue städtische Wesen ein, zumal bevor ihm 1835 das endgültige Domizil an der Karmelitengasse mit Gärtchen und Brunnen die befriedigende Stimmung schenkte, die den Fabulierer davor bewahrte, sich ganz in Kanzleigeschäften zu verpuppen. Er [30] hatte im Ordinariat von Anfang das Referat über die Schulangelegenheiten zu ver­sehen, seit 1832 das Amt eines kgl. Kreisscholarchen für Schwaben und Neuburg. Der pädagogischen Fachschriftstellerei dient er durch Abfassung zweier Katechismen und eines Lesebuches, vom König wird er 1837 zum Ritter des Verdienstordens der baye­rischen Krone ernannt, aber die Erhebung zu einer Dignität im Domkapitel wäre nicht nach seinem Willen, und allem Anschein nach ist er ihr ausgewichen. «Wie hätte ich, da ich mit Geschäften schon überhäuft war, dann noch etwas für die Kinder schreiben können?» Das aber ist nun einmal seine Leidenschaft, und in ihr erkennt er seine Sen­dung: Kind und kindliche Gemüter unterm Ideal der Schönen Seele zu bergen. Er läßt sich auch keine Mühe verdrießen, seiner unabsehbaren Leserwelt in kristallener, von seinem klaren Intellekt immer wieder durchgeprüfter Prosa zu vergegenwärtigen, was er als heilsamen Weltbegriff in die Gemüter einzusenken strebt. Wenn sein wetter­fühliges Nervenleben es erlaubt, nutzt er in der Regel, besonders gern im Winter, den Morgen ab vier Uhr, für die Flüge seiner Phantasie. Was zum Amt hinzu die schwerste Last seiner Tage wird, sind störende Besuche und die unaufhörliche Korrespondenz. Zu seinen Erholungen gehören außer den Spaziergängen mit geistlichen Freunden und der Liebe zu den Blumen auch die Betrachtung des Nachthimmels auf der von einem Domherrn versehenen Sternwarte, das Sammeln kleiner Gemälde und das Schmökern und Kaufen bei dem blinden Antiquar Windprecht an der Maximilianstraße.

Ferienreisen und Kurgebrauch in böhmischen und südwestdeutschen Bädern waren ihm auch als Gelegenheit herzlicher Begegnungen mit alten Freunden und neuen, oft notablen Persönlichkeiten erfrischend: er konnte sich wundern, wie sehr der Name Christoph Schmid dem In- und Ausland vertraut war. Gerne schrieb er davon den näheren Verwandten, wie denn seine Briefschaften überhaupt seinen starken Familien­sinn bezeugen. Im Nachlaß erscheinen sonderlich zwei geistliche Neffen als Männer von einigem Gewicht, die neben der Gestalt des Oheims als eigene Charaktere sich abheben, aber vom Schmidschen Geblüt auch Züge verraten, von denen zu wissen vielleicht nicht vergeblich ist, wenn man sich bei Christoph um die schwierige Erkenntnis des persön­lichen Wesens bemüht, das eher, wie noch die tiefwissenden Augen auf dem Bild des Achtzigjährigen beweisen, vor der Welt sich einbehielt, als aus sich herausging.

Der einzige Sohn seiner Schwester Therese, der Frau des Ellwanger Oberamtsarztes Werfer, jener Albert, der das große Verdienst um die «Erinnerungen» hat, ist laut seinem intimen Tagebuch von 1847/50 nicht eben ein glücklicher Priester zu nennen. Von anderem Holze, nicht Schöngeist wie Albert, sondern apostolische Feuerseele bei straffem, philosophisch diszipliniertem Intellekt war sein wenig älterer Vetter August Schmid, Ältester von Christophs Bruder Martin in Oberstadion. Der parallele Studien­gang der jungen Vettern mit den Stationen München, Tübingen, Rottenburg führt 30 durch die geistes- und kirchengeschichtlichen Spannungen der Jahre 1830 bis 1840, die [31] namentlich in den Briefen Augusts an Albert aus der Münchner Zeit der Görres, Schellings, Schubert und Baader sich spiegeln. Die Nachrichten über die ferneren Lebens­läufe sind erschütternd aus ungleichen Gründen. August Schmid, der den ersten Armen Schulschwestern aus Deutschland — drei waren seine leiblichen Schwestern — nach Amerika gefolgt war, nahm sich dort nach einem Ausbruch von Geistesverwirrung 1849 selbst das Leben. Albert Werfer, der Frau bedürftig, mit allen Tugenden für ein edles, christliches Laienleben gerüstet, schleppte, ein einsam Verzweifelnder, sein unwider­rufliches Priestertum bis ins siebzigste Jahr. In seinen letzten Tagen war ein Freidenker sein Umgang, das Malen sein Zeitvertreib. Mit sich selbst zerfallen, mißvergnügt über alle «theologischen Salbadereien», erscheint er schon in seinen frühen Mannesjahren, aber dem berühmten Oheim, den er fest im Glauben der Kirche gründen sah, hat er sein blutendes Herz nie gezeigt. Wenn Christoph Schmid von diesem Neffen sagte, er sei ihm nicht nur dem Blute, auch dem Geiste nach verwandt, ist der Schluß erlaubt, daß dem Älteren Kraft und Gnade zugewogen war, eine ursprüngliche Erbschaft der Natur zu meistern, die dem Schwestersohn zum Verhängnis wurde. Man wird das Werk des Erzählers, des Erzählers aus Leidenschaft, auch als Heilswerk an sich selbst zu verstehen haben. Daß es, nach außen wirkend, auch ein paar Generationen beseligen konnte, dankt es seinem Ursprung aus dem fleckenlosen Adel eines Frommen, der Goethes Forderung an die Schreibenden erfüllt hat, ein «liebender Autor» zu sein. Mit diesem Verdienst gehört er einer zeitlosen Welt an, nachdem die lange Stunde seines Ruhmes ausgeschlagen hat, um nicht wiederzukehren.

Der zu seinem 80. Geburtstag weitum Gefeierte ging noch rüstig durch die Straßen Augsburgs, als Figur an seinen bewunderten Napoleon erinnernd, wenn ihm die Rechte auf der Brust im blauen Oberrock steckte, die Linke auf dem Rücken lag. Es waren kleine, schöne Hände, die alles sehr zart berührten.

In der Frühe eines sonnigen Sonntags, am 3. September 1854, nahm ihn die Cholera. Die Gassen der verängstigten Stadt waren verödet. Bei dem dürftigen Begräbnis gab es weder Blumen noch Kinder.

Ursprünglich erschienen in: Götz Freiherr von Pölnitz (Hrsg.), Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, Band 5, Max Hueber Verlag, München 1956, Seiten 307-343.

Quelle: Hans Pörnbacher (Hrsg.), Christoph von Schmid und seine Zeit, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 1968, 9-31.

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