Gustav W. Heinemanns lamettafreie Weihnachtsansprache 1971: „Wir alle wissen es: auch an dieser Weihnacht als dem Fest des Friedens zwischen Gott und den Menschen wird Krieg geführt und Gewalt geübt. Flüchtlinge verlassen ihre Heimat; Kinder rufen nach einem Stück Brot. Menschenrechte werden missachtet. Es steht nicht in unserer Macht, die Kriege draußen in der Welt zu beenden. Um so mehr bleiben wir gerufen, uns in unse­rem Lebensbereich um den Abbau von Konflikten und die Be­wahrung des Friedens zu bemühen.“

Bürgermut

Von Gustav W. Heinemann

Liebe Mitbürger!

Wir alle wissen es: auch an dieser Weihnacht als dem Fest des Friedens zwischen Gott und den Menschen wird Krieg geführt und Gewalt geübt. Flüchtlinge verlassen ihre Heimat; Kinder rufen nach einem Stück Brot. Menschenrechte werden mißachtet. Auch diese Weihnacht können deutsche Familien noch nicht über­all gemeinsam feiern.

Das wirft tiefe Schatten auch auf uns, die wir in der Bundes­republik Deutschland in äußerem Frieden, in gesicherten Rechts­zuständen leben und keine allgemeine wirtschaftliche Not lei­den. Gerade darum gedenken wir heute ganz besonders derer, die wieder einmal von der Geißel des Hasses und zerstörerischer Gewalt betroffen werden.

Es steht nicht in unserer Macht, die Kriege draußen in der Welt zu beenden. Um so mehr bleiben wir gerufen, uns in unse­rem Lebensbereich um den Abbau von Konflikten und die Be­wahrung des Friedens zu bemühen.

In der heutigen so vielfältig gefährdeten Welt suchen die Völker nach Männern und Frauen, die Vertrauen verdienen. Über Jahr­zehnte sind wir Deutsche als Störer des Friedens betrachtet wor­den. Durch die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Kanz­ler der Bundesrepublik Deutschland, Willy Brandt, ist zum Aus­druck gekommen, daß für das Empfinden der Welt heute ein anderes Deutschland lebt – ein Deutschland mit freiheitlicher Ordnung, das eine große Anstrengung zur Entspannung und zur Sicherung des Friedens unternimmt.

Solches Vertrauen verpflichtet uns alle.

Einiges haben wir gelernt. Wir haben gelernt, daß der Staat kein höheres Wesen mit Anspruch auf unterwürfigen Gehorsam ist.

Er ist unser aller Helfer zu einem geordneten gemeinschaftlichen Leben freier Bürger.

Man hat uns oft vorgeworfen, daß es uns an selbstbewußtem Bürgermut fehle und uns dies für herrschsüchtige Regierungs­systeme anfällig mache. Das Fremdwort für Bürgermut kennen wir besser als das deutsche Wort, es heißt »Zivilcourage«. Wie steht es damit?

Wir besitzen einen großartigen Freiheitsbrief in der Gestalt unseres Grundgesetzes, das zum erstenmal in unserer Geschichte jedem von uns unantastbare, jeder staatlichen Gewalt vor­gehende Freiheitsrechte zuspricht. Achten wir diesen Freiheits­brief, und schöpfen wir seine Möglichkeiten aus?

Von Jahr zu Jahr wird die Zahl der Mitbürger kleiner, die noch das nationalsozialistische Regime der Unfreiheit erlebt haben. Umgekehrt wächst von Jahr zu Jahr die Zahl derer, für die das alles selbstverständlich ist, was unsere Ordnung auszeichnet. Manch einer, zumal aus der jüngeren Generation, ist schnell bei der Hand, bei seinen Vorschlägen zur Verbesserung unserer sicherlich verbesserungsbedürftigen gesellschaftlichen und sozialen Gegebenheiten einzelne Freiheitsrechte anderer, wie etwa deren Gewissensfreiheit, zu mißachten. Wo solches stückweise anfinge, wäre alsbald das Ganze in Gefahr.

Bei einem Aufenthalt in Sigriswil oberhalb des Thuner Sees in der Schweiz traf ich auf ein Gemeindehaus. Es verwahrt alte Urkunden, in denen festgehalten ist, daß die Vorfahren der Bürger von Sigriswil sich vor 600 Jahren von den Habsburger Landesherren freigekauft haben. Draußen am Hause steht zu lesen: »Der Sigriswiler alte Freiheitsbriefe ich bewach, die Frei­heit selber zu erhalten, das ist Eure Sach!« Dieser Spruch kann auch uns nachdenklich machen. Sind wir uns der Tragweite unse­rer Freiheitsurkunde bewußt?

Wir alle haben die Freiheit, nach unserem eigenen Gewissen zu leben.

Wir alle haben die Freiheit, unsere eigene Meinung zu äußern, einschließlich der Presse-, Versammlungs- und Vereinigungs­freiheit.

Wir alle haben die Freiheit, unseren Wohnort, unseren Beruf, unsere Ausbildung und unseren Arbeitsplatz selbst zu wählen.

Auch ich weiß, daß Recht und Wirklichkeit nicht immer überein­stimmen. Wo es an Übereinstimmung fehlt, geht es darum, sie Schritt um Schritt besser herbeizuführen.

Auf der anderen Seite ist es aber auch so, daß wir uns selber in unserem Freiheitsraum einengen, wo wir nicht mutig genug sind, wo wir nicht die Zivilcourage haben, ihn auch gegenüber unserer Umgebung wahrzunehmen.

Die Grundrechte können uns wohl davor schützen, daß wir – wie unter dem nationalsozialistischen Regime – wegen freier Meinungsäußerung mit dem Verlust unserer Freiheit oder gar mit dem Leben bezahlen. Sie können uns aber nicht gewährlei­sten, daß wir sie untereinander gelten lassen. Im Umgang mit unseren Mitbürgern müssen wir alle selber unsere Freiheit er­kämpfen. Was ich meine, ist dieses:

Es ist bequem, unangenehme Wahrheiten zu verschweigen. Es ist bequem, sich um eine Kindesmißhandlung in der Nachbar­schaft nicht zu kümmern. Es ist bequem, mit den Wölfen zu heu­len, wenn ein Wohngebiet sich gegen ein neues Heim für körper­lich oder für geistig behinderte Mitmenschen in seinem Bereich wehrt, wie es auch unlängst wieder vorgekommen ist. Bequem ist es ebenfalls, im Betrieb schweigend zuzusehen, wenn ein Gastarbeiter wie ein minderwertiger Mensch behandelt wird.

In solchen und unzähligen anderen Fällen kommt es jeden Tag darauf an, als einzelner nicht vor der Hürde stehenzubleiben, die da lautet: Was tun die anderen, was tut man nicht?

Solidarität ist eine gute Sache, wenn sie in Hilfsbereitschaft für diejenigen geübt wird, die selber nicht mithalten können.

Solidarität ist eine schlechte Sache, wo sie als ein gemeinsames Schweigen geübt wird, anstatt beim Namen zu nennen, was man für schlecht oder gefährlich hält. Nur wer bekennt, findet den, der mit ihm bekennt. Nur wer Bürgermut lebt, macht an­dere Bürger lebendig.

Sprechen wir also das, was wir denken oder meinen, auch dann aus, wenn es unserer Umgebung nicht gefällt! Wir wollen eine Gemeinschaft der Vielfalt sein. Wo aber alle dasselbe denken, denkt wahrscheinlich niemand sehr viel.

Wo einer sich den Bürgermut nehmen läßt, etwas Gebotenes trotz möglicher Schwierigkeiten zu tun, trägt er dazu bei, daß unsere Freiheiten in Gefahr geraten. Das tut auch, wer unnötig nach dem Staat ruft, der ja bei uns so eilig alles und jedes tun soll. Das tut auch, wer als Vorgesetzter, als Behördenvertreter oder als Politiker seine Macht einsetzt gegen diejenigen, die Mißstände oder Ungerechtigkeiten aufdecken. Wir gefährden unsere eigene Freiheit auch dann, wenn nicht ebenfalls jeder andere sagen kann, was ihn bewegt. Jeder von uns ist nur so lange ein freier Bürger, als wir alle es sind.

Kürzlich las ich den Bericht eines deutschen Soldaten, der 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war. Daraus möchte ich et­was wiedergeben. Es paßt zu Weihnachten, dem Fest der Be­freiung zu frohem Dienst in dieser Welt:

Eine lettische alte Frau ließ, so oft sie konnte, hungernden deut­schen Kriegsgefangenen ein Stück Brot zukommen. Eines Tages wurde sie vor den sowjetischen Direktor geladen. Er schrie sie an: »Hast du den Anschlag nicht gelesen, daß es verboten ist, den Kriegsgefangenen Lebensmittel zu geben?« Die Frau ant­wortete leise: »Ich habe nicht Lebensmittel gegeben, ich habe Brot gegeben.« – »Das ist doch ganz einerlei«, fauchte der Mäch­tige. »Hast du gewußt, daß es verboten ist, ja oder nein?« Die alte Frau besann sich einen Augenblick, dann sagte sie: »Ich habe gelesen, daß angeschrieben ist, es sei verboten. Aber man darf nicht verbieten, unglücklichen Menschen zu helfen.« Der Direktor sagte jetzt gefährlich leise: »Soll das heißen, daß du ihnen auch in Zukunft Brot geben wirst?« Die Frau sah ihm jetzt ins Gesicht und sagte: »Genosse Direktor! Als die Deut­schen die Herren waren, brachten sie russische Kriegsgefangene hierher zur Arbeit; die litten Not, und ich habe ihnen Brot ge­geben. Dann brachten sie gefangene Juden, die hatten auch Hun­ger, und ich habe ihnen Brot gegeben. Jetzt sind die Deutschen ins Unglück gekommen und leiden Hunger, und ich gebe ihnen Brot. Und wenn Sie, Genosse Direktor, das Unglück haben sollten, Gefangener zu werden und Hunger zu haben, werde ich auch Ihnen Brot geben.« Die alte Frau verließ den Direktor mit einem Gruß. Der Direktor unternahm nichts gegen sie.

Es gibt auch unter uns Menschen, die anderen nachgehen, zumal den Einsamen, den Trauernden und Hilflosen. Ich hoffe, daß wir uns alle durch das Beispiel der alten Frau ermutigen lassen. In solchem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachts­fest!

Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten über alle Hörfunk- und Fernsehsender vom 24. Dezember 1971.

Quelle: Gustav W. Heinemann, Allen Bürgern verpflichtet. Reden des Bundespräsidenten 1969-1974, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1975, S. 270-274.

Hier der Text als pdf.

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