Gerhard von Rad über die Tagebücher Jochen Kleppers (1957): „Christlich gelebt, gelitten, gestorben wird auch heute noch allent­halben. Aber diesem zum Buch gewordenen Zeugnis eines Christenlebens, das bis zum letzten Atemzug alle Kraft, alle Beglückung und alle Unruhe aus Gottes Wort gesogen hat, haben wir heute kaum etwas zur Seite zu stellen.“

Die Tagebücher Jochen Kleppers

Von Gerhard von Rad

Wer davon weiß, wie auch bedeutende Bücher, um in die Breite wirken zu können, zu ihrer Zeit erscheinen müssen, der wird zu­geben, daß das Herauskommen der Tagebücher von Jochen Klepper zu guter Stunde geschah[1]. Noch sind die Ereignisse, die Kleppers Le­ben bestimmt und schließlich zerstört haben, in aller Erinnerung; und doch haben wir zu ihnen und damit auch zu dem, was Klepper dazu schrieb, schon einen gewissen Abstand, der es uns ermöglicht, über das Aufsteigen und das Niedersinken dieses einsamen Sternes an dem nächtlichen Himmel jener Jahre nachzudenken.

Das Buch besteht aus längeren oder kürzeren Tagebuchaufzeich­nungen, die von dem Jahre 1932 bis zum Tag seines Todes (10. XII. 1942) reichen. Fast jede Aufzeichnung wird durch ein Bibelwort ein­geleitet, das teils von Klepper selbst ausgewählt wurde, teils den Losungen entnommen ist. Vorausgeschickt ist dem Buch ein sehr schönes Geleitwort von R. Schneider, das den Gehalt und die Lei­stung dieser Tagebücher zu umreißen versucht, das aber auch Gren­zen, die empfunden werden, und Fragen, die blieben, andeutet. An­gesichts der durchaus reinen Atmosphäre, aus der heraus Schneider diese Gedächtnisworte schrieb, ist das auch gar nicht anders zu er­warten.

1. Wenn man von dem „Kahn der fröhlichen Leute“ absieht, so hat Kleppers Dichtung sofort, und zwar in weiten Kreisen, Aufsehen er­regt. Ein Grund dafür mag gewiß auch in dem Gegenstand seines großen Romans gelegen haben, in dem sich das Interesse derer be­gegnen konnte, die sich in politischer und religiöser Hinsicht unüber­brückbar voneinander geschieden wußten. Die eigentliche Ursache lag aber zweifellos viel tiefer. In jenen Jahren, in denen sich der christ­liche Glaube in Deutschland wieder seiner selbst neu bewußt gewor­den war, war zugleich die Frage nach dem Verhältnis des Christ­lichen zum Schönen aufgebrochen. Die Frage, ob es so etwas wie eine christliche Kunst überhaupt gebe, und wie sie dann zu bestim­men sei, hat damals viele umgetrieben. (Dieses Problem — das mag angemerkt werden — ist kein altes; es konnte ja erst in einer Zeit aufbrechen, für die „die Kunst“ unter den Bereichen des Lebens et­was wie ein unableitbares Höchstes, etwas wie ein Sanctum geworden war, in dem allein sich das Schöpferische oder gar „Offenbarung“ ereignete. So verabsolutiert als ein säkulares Mysterium hatte aber selbst Goethe die Kunst noch nicht verstanden.) Klepper hatte in seinem Roman „Der Vater“, einem Werk von geradezu epischen Aus­maßen, diese Frage beantwortet. Er hatte die Figur des Soldaten­königs aus dem Zentrum des christlichen Glaubens heraus gestaltet und hatte damit ein Kunstwerk geschaffen, dessen hoher dichteri­scher Rang wohl nirgends ernstlich bestritten wurde.

Viele, die nach diesen Tagebüchern greifen, werden also einen Blick in die Werkstatt des Dichters des „Vaters“ zu tun begehren. Wer nun aber glaubt, über den künstlerischen Vorgang als solchen Näheres zu erfahren, womöglich meint, der künstlerisch-schöpferi­schen Zeugung nachträglich beiwohnen zu können, der wird ebenso enttäuscht wie der Leser der Briefe Goethes oder Mozarts, selbst da, wo sie von ihren Arbeiten sprechen. Was der Leser in dieser Hin­sicht zu sehen bekommt, ist ein sehr fleißiger Mann, dem eines Tages bei einer Mahlzeit der Gedanke kam, ein Werk über Friedrich Wil­helmi. zu schreiben und es unter den Gedanken des Vaters zu stellen. Er sieht einen Mann, der mit dem riesenhaften Stoff, mit den schon rein quantitativ kaum zu bewältigenden Stoffmassen ringt, der Quel­len exzerpiert und immer wieder die Schlösser dieses Königs be­sucht, sich ihre Einrichtungen eingehend besieht — aber er bleibt notorisch außerhalb jenes innersten Bezirkes, in dem sich der künst­lerisch-schöpferische Vorgang ereignet. Immerhin, er sieht einen Mann, der nicht Herr ist über das von ihm zu Gestaltende (nur ganz am Anfang mochte er das geglaubt haben), sondern einen Mann, über den das von ihm Beschworene von Mal zu Mal hinauswächst und das ihm, dem Kleineren und Weicheren, sein strenges Gesetz aufer­legt. Und er sieht — das gehört nun freilich zum Schönsten — einen Mann, der dieses über ihn Hinauswachsende annimmt, der sich sei­ner Strenge unterwirft, der vor der Größe der Aufgabe in keinen Kompromiß ausweicht und sich billigere literarische Lösungen ver­bietet. Aber auch das sieht der Leser doch nur wie von außen, ohne daß er einen rechten Einblick in den eigentlichen Arbeitsvorgang selbst gewinnt. Wie viele Versuchungen müssen das Werden dieses Werkes umlagert haben, Tag für Tag und Nacht für Nacht! Aber was erfährt der Leser davon?

Anders verhält es sich beim Grundsätzlichen, d.h. bei dem, was Klepper als das Wesentliche seiner christlichen Dichtung angesehen hat. Seine Erwägungen kreisen gewissermaßen um den Satz „Uns ist … Dichtung Bibelauslegung“ (708). Ein andermal nennt er es „Bibelexegese durch gelebtes Leben“ (748). Klepper meint damit, daß es unmöglich sei, den Menschen künstlerisch darzustellen, „ohne ihn gesehen zu haben unter dem göttlichen Licht, das erst offenbar macht, was im Menschen ist“ (846). Die Bibel aber ist so überreich, daß man sie sein Leben lang exegesierend nicht wird ausdichten können. In einem Aufsatz im „Buch der Christenheit“ (1939), über­schrieben „Das göttliche Wort und der menschliche Lobgesang“, hat sich Klepper noch etwas einläßlicher über dieses Fundament seines Dichtens geäußert. Diese Abhandlung ist insofern wichtig, als Klep­per sie mehrfach betont als sein literarisches Testament bezeichnet hat (658). „Dem Dichter christlicher Herkunft kann sich Dichtung nur herleiten von dem Worte des Lebens, wie es aufgezeichnet ist in der Heiligen Schrift“ (128). „Wer Bücher schreibt, vermag nicht sich dem Buch der Bücher zu entziehen. Er ist gebunden an die Hl. Schrift; er beuge sich oder lehne sich auf“ (129). So ist die Bibel für Klep­per das Urbuch, von dem alle Bücher auf irgendeine Weise ihr Maß und ihren Gehalt empfangen, „denn unübersehbar und un­aufhaltsam strömt es in der Schrift von überallher auf uns ein“ (139). „Die freie Schöpferkraft beugt sich vor der Unüberbietbarkeit bibli­schen Gehaltes und biblischen Ausdrucks. Die höchste, letzte, tiefste Aussage wird der Bibel selbst entnommen und bleibt ihr Vorbehal­ten“ (142). Die Vollendung dieser Kunst sieht Klepper in den Gleich­nissen Jesu; „in den Gleichnissen Jesu ist die völlige Einswerdung, die letzte Erfüllung von Verkündigung des Gotteswortes und deu­tender und darstellender Dichtung vollzogen“ (159). Von da aus kommt Klepper schließlich zu fast mystischen Aussagen über Gott, Mensch und Buch, zu einer Art Heilsgeschichte des Buches, ange­fangen bei den von Gott beschrifteten Tafeln des Bundes bis hin zu Offenbarung 5.

Das sind bedeutsame Perspektiven, und daß dies im Jahr 1939 ausgesprochen wurde, war eine große Sache. Ohne Frage hat Klepper damit der christlichen Dichtung, sonderlich der evangelischen, einen Bereich gewiesen, den damals kaum einer mehr gesehen hat. Was wußte man, von R. A. Schröder abgesehen, — sonderlich im evange­lischen Christentum — viel anderes in dichterischer Form auszu­sagen, als intime christliche Gefühle! Aber Klepper hat diesen neuen Horizont nicht nur programmatisch aufgerissen; er hat in seinem „Vater“ ein Beispiel für solche „Bibelexegese durch gelebtes Leben“ vorgelegt, dessen geistige Weiträumigkeit gerade seine anspruchs­vollen Leser entzücken mußte. Gleichwohl bleiben hier schwere Fra­gen offen. Der Satz, daß jeder, der Bücher schreibt, in einem sehr ver­borgenen Sinn an die Bibel gebunden ist, wird seine Gültigkeit be­halten. Wie aber verhält es sich bei dem Dichter, der sich dieser Ge­bundenheit bewußt ist? Sagt Klepper, daß er die Bibel dichtend zu exegesieren habe, so kommt hier alles auf das Wort Exegese an. Es kann weit und kann eng verstanden werden. Verstehen wir Klepper recht, so lag ihm das letztere näher; hat er sich doch für eine Dich­tung eingesetzt, die ganze Sätze der Bibel „als geschlossene Zeile“ ins Lied übernimmt und ihre Aussagen nur noch formal in eine Liedform umsetzt, „die der dichterischen Zutat nicht bedarf“ (143). Für diese Dichtung, die sich so eng an die Bibel anlehnt, daß man sie nicht einmal mehr als „Exegese“ bezeichnen kann, finden sich in seinem „Kyrie“ genug Beispiele. Bevor wir unseren Fragen freien Lauf lassen, ob nämlich hier noch von einem schöpferischen Dichter­tum geredet werden könne, vor allem aber, ob diese leicht gereim­ten Bibelworte nicht gerade durch ihre gefällige Reimform um ihre Größe gebracht werden, sollten wir noch einmal der Zeit gedenken, in der sich ein völlig unverpflichtetes Künstlertum breit gemacht hatte. Von diesem freien Literatentum, seiner Geschäftigkeit und seinen Moden wußte sich Klepper abgrundtief geschieden. Aufschlußreich ist eine Notiz über G. Benns Trauerrede auf Klabund und Kleppers Entrüstung über den Satz „Der Dichter trinkt sein eigenes Blut — nur daraus schafft er — der Dichter ist sein eigener Gott — die Dichter sind Tränen der Nation — dem Traume nach, im­mer dem Traume nach“ (651). Man versteht angesichts solcher Auf­fassun­gen, die damals, wie gesagt, nahezu das ganze Feld beherrsch­ten, daß die christlichen Dichter, die ein Neues beginnen wollten, sich eine äußerste Strenge auferlegen mußten, ja daß ihnen wohl auch eine gewisse Enge vorgeschrieben war, will sagen: ein sehr enger Anschluß an die Fundamente des Christlichen. Die Autorität der Bibel begann für Klepper beim Formalen, beim Wort: „Es fegt alles davon, was sich an Pseudowortschöpfungen und modischen Wortverbindungen und -erfindungen, an Wortgeklingel und aufgebauschtem Beiwerk berauscht. Und diesem harten Urteil wird ja lei­der einmal fast eine ganze Epoche unserer Literatur unterworfen werden“ (Buch d. Christenh. 141 f.). Nein, die Kunst an sich war ihm kein Sanctum: „Die Kunst ist auch so voller Mühen und voller Ängste, daß man ihretwegen Trost braucht. Die Kunst ist auch et­was, was man jeden Tag hinwerfen möchte vor lauter Schuld und Not“ (169). Das waren damals und sind wohl auch heute noch re­volutionäre Worte. Aber auch wer diese neue Standortbestimmung der christlichen Dichtung in ihrer Originalität würdigt, der wird in den Tagebüchern dieser zehn für Klepper entscheidenden Jahre viel­leicht doch etwas vermissen, nämlich jenes immer neue Bemühen um den rechten Gegenstand einer hohen Dichtung, um den — um gleich das höchste Beispiel zu nennen — etwa Schiller sein Leben lang in immer großartigeren Ansätzen bis zur Erschöpfung gerungen hat. Für Klepper scheint dieser Gegenstand in dem Satz von der Exegese der Bibel überraschend eindeutig gegeben gewesen zu sein. Aber hätte er diese seine Konzeption über mehr als noch einen zwei­ten großen Roman hinaus durchhalten können? Hat er den Gegen­satz zwischen sich und den „Literaturleuten“ nicht doch zu einfach gesehen, ebenso wie die Unterscheidung von biblischer Aussage einer­seits und „dichterischer Beschreibung“ andererseits (Buch d. Christenh. 130)? Wäre er bei der Ausarbeitung seines zweiten großen Werkes auf neue Möglichkeiten seines Künstlertums gestoßen — oder auf dessen Grenze?

2. In den tagebuchartigen Aufzeichnungen begleiten wir Klepper von der Zeit kurz vor dem Erscheinen seiner liebenswürdigen Dich­tungen auf die Oder („Der Kahn der fröhlichen Leute“, 1933) bis zu seinem Tode. Wir erleben mit ihm die großen militärischen und politischen Ereignisse dieser Jahre, vor allem aber — Klepper war mit einer Jüdin verheiratet, die ihm zwei Töchter in die Ehe ge­bracht hatte — die von Jahr zu Jahr sich steigernden Leiden der Juden. Indessen ist mit solchen Sätzen von dem Inhalt seiner Tage­bücher so gut wie nichts gesagt. Klepper war Christ von einer ganz seltenen Ausschließlichkeit und Inständigkeit; er war ein christliches Phänomen, insofern er einen sehr weiten Kreis der Möglichkeiten einer christlichen Existenz durchmessen hat, von der höchsten Feier der Feste bis hin zu den Anfechtungen und Verzweiflungen, wie sie nur ein Christ erleben kann. Er lebte vom Bibelwort (wie leicht sagt sich das hin!); er hungerte nach dem Wort Gottes. „Ich habe eine große Sehnsucht, mein Leben ganz im Glauben versinken zu lassen; das ist das Seltene, das Gott meinem Leben gab. Ich kenne das Hungern nach dem Wort Gottes“ (55). Wie die Bibelworte auf ihn zukommen, das sind Ereignisse für ihn, sei es, daß sie ihn be­glückend bestätigen, sei es, daß sie ihn beunruhigen. In den Gottes­diensten war er wirklich beheimatet; auch unzureichende Predigten konnten ihn daran nicht irre machen. Und nun gar die großen Feste! Mit Feierlichkeit geht er auf sie zu, und von Mal zu Mal ist es be­wegend, mit welcher ungebrochenen Gläubigkeit er ihren Glanz in sein Haus, ja ganz unmittelbar in seine Zimmer hereinnimmt. „Die Laterne draußen wirft den Schatten der kleinen Fenstergitter auf die Wand, die alten Möbel in der Diele; das Silber am Tannenzweig über dem Spiegel zittert in ihrem Licht; die Schatten all der schönen alten Gegenstände zeichnen sich ab, kein Geräusch dringt von außen; es ist die vollendete Sanftheit und Stille; dem Herzen bleibt ein weites Gefühl, wenn man die Tür zum Weihnachtszimmer öffnet und auch im Dunklen noch der Glanz des Weihnachtsbaumes leuchtet, ohne daß seine Kerzen angezündet wären“ (324). Klepper hat sich wirtschaftlich in günstigen Verhältnissen befunden, aber seine Dankbarkeit Gott gegenüber hing nicht an dem äußeren Komfort des Lebens, so sehr er ihn zu schätzen wußte. Je dunkler es um ihn wurde, um so heller leuchteten ihm die christlichen Feste, und mit Trauer schied er von ihnen. „Eins meiner elementarsten Gefühle ist die Dankbarkeit, so sehr ich unter Übel und Schuld leide“ (47).

Daß Klepper bei solcher Grundeinstellung in diesen schweren Jahren keinen Weg zur „Bekennenden Kirche“ fand, wird jeden Leser beschäftigen müssen. Klepper hat sich sogar nach gewissen Be­gegnungen oder nach dem Empfang gewisser Nachrichten diese seine ablehnende Haltung geradezu mit einer gewissen Genugtuung im­mer wieder bestätigt. Zu dieser Ablehnung, die auch heute noch schmerzlich berühren muß, hat mancherlei beigetragen. Daß Klepper über die Bekennende Kirche gar nicht recht Bescheid gewußt hat, wird immer wieder deutlich. Einmal hält er ihr den Satz entgegen: „Wir müssen lernen, daß Gott auch ohne uns wirken kann… für uns heißt es schweigen, tragen, warten; und nicht hoffen auf das Irdische“ (1000). Um die Zeit der Tschechenkrise bemängelte Klepper mehrfach, daß die evangelische Kirche keine Bittgottesdienste veran­staltet (645, 656, 658). Von den Bemühungen der Bekennenden Kir­che hat er offenbar keine Kenntnis gehabt. Wie überschaubar war doch das, was sich damals im Kreis der Christen in Berlin begab! Aber mag manches Mißverstandene zu dieser Einstellung Kleppers beigetragen haben, eines wird man nicht übersehen dürfen: Klepper hat die Bekennende Kirche vornehmlich politisch verstanden, sicher viel politischer als sie sich selber verstanden hat; und darin lag eine innere Notwendigkeit; deshalb nämlich, weil er selber politisch stark engagiert war. Klepper war in seinem Herzen Monarchist und war — zweifellos stark gefördert durch seine Studien zum „Vater“ — er­füllt von einem altpreußischen Staatsdenken, das unmittelbar auf religiös-christlichen Fundamenten ruhte. In seiner Bereitschaft, Hit­lers politische Bestrebungen als solche gelten zu lassen, ist er ziem­lich weit gegangen. Es war in ihm geradezu ein Eifern für die Ord­nungen der Obrigkeit und des Staates. Weit hat er es von sich ge­wiesen, bei der 7. Bitte des Unservaters an diese Obrigkeit zu den­ken (876). So hat er den Satz von Röm. 13 einer Obrigkeit gegenüber, die ihn und sein ganzes Leben zerstört hat, bis zum bitteren Ende durchgehalten.

Und dieser Christ, der einem Staatsgedanken altpreußischen Zu­schnitts huldigte, war durch seine Ehe in das furchtbare Schicksal des Judentums hineingerissen. Erst damit ist diejenige Fügung be­zeichnet, die sein Denken und Glauben unter fast unerträgliche Spannungen gestellt hat, und der Abgrund von Anfechtungen, in den er hinuntergerissen wurde. Er hatte früh das Wort gelesen, daß wir „durch viel Leiden in das Reich Gottes eingehen müssen“, und er hat bei hoher Sensibilität diese Leiden schwerer empfunden als mancher, der seelisch robuster war; aber er hat diese Leiden, nach­dem er sich von Gott in das jüdische Schicksal einbezogen wußte (105), gehorsam angenommen und hat sich in aller Qual doch die Dankbar­keit erhalten für alles, was ihm noch geblieben ist. Wir erleben die sich verschärfenden Phasen der Maßnahmen Hitlers gegen die Ju­den, die Vermögensabgaben, den Ausschluß aus den kulturellen Veranstaltungen, den „Judenstern“, den Ausschluß von der Stra­ßenbahn, die Abgabe der Uhren und Aktentaschen, was alles Klepper an seinen heranwachsenden Töchtern erfahren und mitleiden mußte. Der älteren Tochter gelang die Ausreise nach England, alle Ver­suche, die jüngere in letzter Stunde entrinnen zu lassen, sind fehl- geschlagen. Und in all diesen Mühen, die einen Mann von der Sensi­bilität und auch dem Stolz Kleppers zutiefst verwunden mußten, hat er noch etwas ganz anderes auf seinem schon ermüdenden Her­zen getragen: den Übertritt der Frau zum christlichen Glauben. Nicht drängend, vielmehr abwartend und betend, aber doch jeden Kirchgang und jedes religiöse Urteil der Frau mit Anteilnahme no­tierend, hat er diese Entscheidung reifen lassen. Als die Taufe voll­zogen und die christliche Trauung mit der geliebten Frau nachge­holt war — unvergeßlich die Heimkehr in das zum Abbruch be­stimmte Haus! (699 f) —, da spürt man das Auf atmen des treuen Mannes, dessen größter Wunsch in Erfüllung gegangen war.

Dies war aber die letzte große Erfüllung, die sich in Kleppers Le­ben ereignet hat. Von da ab nämlich — vollends nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs — wird das immer offenbarer, was das Kostbarste des ganzen Buches ist, der gehorsame Weg eines Christen auf das Ende zu. Im August 1940 ruft er aus: „Noch einmal los von dem Gefühl, daß der Höhepunkt meines Lebens überschritten ist, noch einmal heraus aus der Haltung des Abschieds, Abbaus, Verzichtes und Verlustes, Zusammenbruches“ (912). Und im Oktober 1941: „… ich habe nur das Gefühl, einem Abgrund entgegenzuleben, angesichts dessen ich mich klammere an die Bibelworte über unser dreier Le­ben“ (960). „Schwer, schwer tut das himmlische Vaterhaus sich auf“ (914). Etwas vom Bittersten war sein langsames dichterisches Ver­stummen: „Nun alle große Arbeit nicht mehr entstehen kann, werde ich wohl auch kein Gedicht, kein Kirchenlied mehr schreiben können; es geht von innen und von außen nicht mehr, obwohl die Liebe zu Gott sich nicht wandelt“ (998). „Lieder vermag ich nicht mehr zu schreiben, es sei denn das Klagelied des großen Sabbats“ (1000). Und was konnte ihm, dem späten Bekenner des preußischen Gedankens, Verletzenderes widerfahren als die Ausstoßung aus dem Soldaten­stand als „heeresunwürdig“! Damals, als Klepper nach seiner Ent­lassung erkennen mußte, daß sich viele seiner früheren Bekannten inzwischen von seiner Frau abgewandt hatten, zog eine Kälte herauf, der er sich nicht mehr erwehren konnte. „Der ganze Tag und lange, lange Nachtstunden sind ein einziges geheimes Stöhnen…, Gott möge die Last von einem nehmen, sie wenigstens tragbar machen“ (1043). „Unser Leben ist wirklich nur noch ein Leben von Abendmahl zu Abendmahl“ (974). Später spricht er einmal vom Überwinden, fügt aber gleich hinzu: „Mein Leiden ist noch nicht von solcher Art… ich muß noch weiter“ (1092) und etwas später: „Gott hat uns dem Arm der Welt übergeben, — ach möchte er es nicht in allen Stücken tun, denn dann wäre das Ende da, das Ende ganz im Dunkeln und ohne jede Erfüllung“ (1096). Über dem Beginn des letzten Lebensjahres steht: „Das Herz erzittert vor dem neuen Jahr, als habe man eine Weite des Grauens betreten, sei in sie hineingewiesen“ (1013). Und kurz vor dem Ende, als er die Deportation der Stieftochter glaubte mit Sicherheit erwarten zu müssen, spricht er von dem „Abgrund, der sich vor uns nun mit endgiltiger Klarheit auftut“ (1129). Wenige Tage später ist er mit Frau und Tochter in den Tod gegangen. Die letzte Eintragung lautet: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen An­blick endet unser Leben.“

Der Gedanke an einen freiwilligen Tod hat ihn oft beschäftigt, und alles das, was vom Glauben aus dagegen gesagt werden muß, hat er sich mit unerbittlicher Schärfe selbst gesagt. Es handelt sich um „einen Schritt, an dem sich vor Gott nichts entlasten läßt an Schuld“ (984). „Der furchtbare Bruch unseres Lebens liegt darin, daß wir durch einen schuldbeladenen Tod zu Gott wollen, indes der Herr verheißen hat, zu uns zu kommen“ (993). Aber er hat diese Schuld nicht für unvergebbar gehalten. Und kamen ihm andere Schriftworte nicht entgegen? „Heißt er uns denn nicht zu ihm zu kommen, wie Petrus über das Meer schritt?“ (1014). Und sonderlich hat ihn das Wort des Königs David beschäftigt, der trotz aller Angst doch lieber in des Herm Hand statt in die Hände der Menschen fallen wollte (2. Sam. 24,14. S. 1060). So war dieser sein Tod alles andere als ein innerer Bankrott, viel eher eine letzte Zusammenfassung seines Glaubens, mit der er sich Gott in die Arme geworfen hat.

Christlich gelebt, gelitten, gestorben wird auch heute noch allent­halben. Aber diesem zum Buch gewordenen Zeugnis eines Chri­stenlebens, das bis zum letzten Atemzug alle Kraft, alle Beglückung und alle Unruhe aus Gottes Wort gesogen hat, haben wir heute kaum etwas zur Seite zu stellen. Die edle literarische Gestalt, die Klepper diesen alltäglichen Aufzeichnungen bis hin zu ihren feier­lichen Sätzen angesichts des Todes gegeben hat, erheben es über allen Zweifel, daß er ihnen selbst schon die Gültigkeit eines literari­schen Vermächtnisses zuerkannt hat. Und das, was Klepper in sei­nen hellen und dunklen Zeiten in sein Tagebuch eingetragen hat, das war ja wahrhaftig auch „Bibelexegese durch gelebtes Leben“. Diese Aufzeichnungen von dem Weg eines Christen, der Schritt um Schritt auf das Letzte, auf das Ende zugeht, durch immer schwerere Anfechtungen hindurch, aber von Mal zu Mal näher dem Vater ent­gegen, das gehört zu dem Schönsten und Tröstlichsten, was uns Klepper hinterlassen hat.

Quelle: Evangelische Theologie 17 (1957), S. 241-248.


[1] „Unter dem Schatten deiner Flügel“ (Aus den Tagebüchern der Jahre 1933-42 von Jochen Klepper), Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart (1956, 1172 S., DM 19.80).

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s