Eberhard Jüngel, Predigt über Jesaja 49,13-15: „Ja, selbst vor dem wüsten Ödland des Todes schreckt sein Weg nicht zurück. Sage also niemand: der Mensch müsse einsam sterben, im Tode werde er ganz auf sich allein zurückgeworfen. Nein, Gott ist uns auch im letzten, im tödlichen Augenblick mütterlich nah. Und er wird im Augenblick des Todes nichts anderes sagen als mitten im Leben. Gott spricht zu den Sterbenden wie zu den Lebenden in der Sprache der ihre Kinder tröstenden Mutter. Die aber – jeder von uns hat das erfahren – öffnet die Arme und sagt: Komm!“

Predigt über Jesaja 49,13-15

Von Eberhard Jüngel

Nun komm, der Heiden Heiland! Wer in diesen Hymnus einstimmt, liebe Gemeinde, wer nicht nur mit den Lippen, sondern wer aus tiefstem Herzen in ihn einzustimmen Grund und Anlaß hat, der weiß oder ahnt zumindest, daß eine Welt alt geworden ist und daß sie sich von selber nicht zu erneuern vermag.

Ja, alt und verbraucht ist eine Welt, in der das lang ersehnte Ende der Diktatur, statt dankbaren Jubel auszulösen, aufs neue tödlichen nationalistischen Egoismus freisetzt, der nichts besseres weiß, als nach den Waffen zu greifen. Alt und verbraucht ist eine Welt, in der als erste Frucht der Gott sei Dank wiedergewonnenen Einheit Deutsch­lands der Haß auf Ausländer gedeiht. Alt und verbraucht und verdor­ben bis in den Kern ist eine Welt, in der Kinder, um zu überleben, betteln und stehlen müssen und von der durch sie belästigten »bes­seren Gesellschaft« wie streunende Hunde erschlagen oder erschossen werden: in Brasilien geschieht dies Tag für Tag! Und alle Proteste gegen diesen beispiellosen Kindermord verhallen wirkungslos. Das ist unsere Welt, liebe Gemeinde. Das ist sie jedenfalls auch.

Gewiß, es gibt auch die schönen Farben der Schöpfung. Es gibt herrliche Klänge. Doch dann zerreißt der Schrei eines gequälten Menschen die Harmonie. Und über die ursprünglichen Schöpfungs­farben schiebt sich wieder das elende Grau in Grau einer Welt, die alt ist und verbraucht und unfähig, sich selbst zu erneuern. Soll sie, sollen wir nicht hoffnungslos veralten, dann muß unsere Hoffnung sich in eine Feme richten, die die Grenzen unserer Welt weit übersteigt. Und so wird denn der, der da kommen soll, von weit her herbeigerufen, um zu der Welten Abendzeit das Werk zu tun, das uns befreit: Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt? – Nun komm, der Heiden Heiland!

Ganz anders, wenn wir das zueinander sagen: Nun komm … Von Mensch zu Mensch gesprochen setzen diese beiden Worte Nähe voraus: jene intime Nähe, die durch immer noch größere Nähe Über­boten zu werden begehrt. Nun komm – das sind Worte aus der Sprache der Liebenden, mit denen ein liebendes Ich jene unvergleichliche Nähe sucht, die nur das geliebte Du ihm zu geben vermag: Nähe, die den Liebenden inmitten ihres alten Lebens so etwas wie Selbsterneuerung verspricht.

Nun komm – nicht von Mensch zu Mensch gesprochen, sondern von uns zu Gott emporgerufen: das ist zwar auch ein Ruf nach Nähe, nach heilender, rettender, bergender Nähe. Doch es ist ein Ruf aus der Tiefe, mit dem eine erschöpfte Menschheit auf einer verbrauchten Erde in einer immer finsterer werdenden Welt nach »alles erneuernder Klarheit« verlangt. Aus unendlicher Feme wird die Nähe Gottes her- beigerufen, wenn die christliche Kirche singt: Nun komm, der Heiden Heiland!

Die Heiden, deren Retter hier herbeigerufen wird, das sind in biblischer Sprache die Völker. Veni redemptor gentium: Retter der Völker, komm! – heißt es denn auch in der lateinischen Fassung dieses uralten Gesanges, der auf den Mailänder Bischof Ambrosius zurück­geht. Die Erwartung eines solchen Retters entspringt einer Verheißung, die ursprünglich in Israel zu Hause ist. In diesem einen, dem erwähl­ten, dem jüdischen Volk hoffte man auf den, »der da kommen soll«, um Israel zu erlösen. Und nur als Retter dieses einen, des erwählten, des jüdischen Volkes ist er auch der Retter aller anderen Völker, ist er auch unser Heiland, so daß man mit dem Propheten (Haggai 2,7) sagen kann: »Da soll dann kommen aller Völker Trost.«

Es tut deshalb gut, liebe Gemeinde, wenn wir uns in der Advents­zeit daran erinnern, daß die Adventshoffnung auf den, der da kommen soll, eine ursprünglich jüdische Hoffnung ist, die zwar auch uns gilt, die uns aber ganz gewiß nicht ohne Israel gilt. Ich habe deshalb als Predigttext den Monatsspruch für den Monat Dezember und die ihm folgenden Verse gewählt – einen Text, der von der christlichen Kirche seit alters als Adventstext gelesen und verstanden wurde. Er steht im Jesajabuch, Kap. 49, V. 13-15:

Jubelt, Ihr Himmel, jauchze, o Erde!
Ihr Berge brecht in Jubel aus!
Denn der Herr tröstet sein Volk.

Und seiner Elenden erbarmt er sich.

Doch Zion spricht:
Der Herr hat mich verlassen,
mein Herr hat mich vergessen.

Vergißt denn eine Frau ihr Kindlein?
Kann sie ohne Erbarmen sein für das Kind ihres Leibes?

Und selbst wenn sie diese (ihre Kinder) vergißt:
Ich vergesse Dich nicht. Amen.

Welch ein Gegensatz, ja welch ein Widerspruch, liebe Gemeinde: eine jubelnde Himmelswelt über uns, eine dem kommenden Gott entgegen­jauchzende Erde – und von alledem spüren wir nicht einen Hauch. Da verkündet ein Prophet das noch nie Dagewesene, da sagt ein Mann Gottes das Kommen Gottes an. »Doch Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen.« Vom kommenden Gott kommt offensichtlich nichts bei uns an. Versagt die religiöse Erfahrung? Sind die religiösen Wahrnehmungsorgane verkümmert – nicht erst bei uns, sondern schon bei Gottes erwähltem Volk? Da fängt das Universum vor Freude zu tanzen an, und selbst die unbeweglichen Berge, diese Symbole der Härte und Festigkeit, bersten beinahe vor Begeisterung. Doch von denen, die es unmittelbar angeht, hört man nur einen kläglichen Seuf­zer. Gott selbst macht sich auf, um sein Volk höchstpersönlich zu trösten. Doch Zion spricht: … mein Herr hat mich vergessen.

Keine Frage, dieser prophetische Text lebt vom Gegensatz, ja vom Widerspruch. Aber – und darauf kommt es an – Gegensätze und Widersprüche sind nicht um ihrer selbst willen interessant. Sie mögen notwendig und unvermeidlich sein, doch sie sind es immer nur als Mittel zum Zweck. Gott bedient sich ihrer, aber er verherrlicht sie nicht. Die Würde einer letzten Instanz steht dem Gegensatz gerade nicht zu. Und der Widerspruch ist mitnichten ein letztes Wort. Das letzte Wort gilt vielmehr der Überwindung des Widerspruchs und der Versöhnung der Gegensätze. Das letzte Wort unseres Predigttextes jedenfalls klingt über die Maßen versöhnlich: Ich, spricht Gott, ich vergesse Dich nicht.

Versöhnung aber wird nicht oberhalb unserer gegensätzlichen und widersprüchlichen Welt erreicht. Wer Versöhnung will, muß sich auf die Schmerzen der unversöhnten Wirklichkeit einlassen. Und genau das tut unser Text. Die Prophetenrede tut es dem Gott gleich, dessen Kommen sie ansagt, und geht wie er auf, ja in die Welt der Gegen­sätze und Widersprüche ein. Die Prophetenrede arbeitet sich daran ab, um so von Grund auf zu verarbeiten und zu versöhnen, was zunächst schroff und unvermittelt gegeneinander steht: nämlich der Himmel und Erde bewegende Aufbruch des »Gottes allen Trostes« (2. Korinther 1,3) und die trostlose Gegenwart von Menschen, die sich verlassen vorkommen und vergessen.

Vergessen, verlassen, trostlos – die Ausdrücke sagen präzis, wie die ins babylonische Exil deportierten Eliten Israels ihre Lage im fremden Land empfunden haben. Die äußeren Umstände waren zwar einiger­maßen erträglich, erträglicher jedenfalls als heute die Lage der Kurden im Irak und in der Türkei, erträglicher leider auch als neuerdings die Lage vieler in Deutschland lebender Asylanten. Die jüdische Identität der Deportierten wurde in Babylon mehr oder weniger respektiert. Sogar jüdische Siedlungen durften entstehen. Man hätte sich also einrichten können in der Fremde. Man hätte heimisch werden können in der babylonischen Gefangenschaft. Man hätte … Doch Israel konnte es nicht. Eine innere Barriere hinderte die Exilanten daran, sich der neuen Situation anzupassen.

Keine neue Heimat, sondern der Verlust der alten lag ihnen vor Augen, im Sinn und am Herzen. Nicht die Zukunft in einer neuen Lebenswelt interessierte sie, sondern auf die Vergangenheit in der alten waren sie fixiert. Freilich nicht so, wie Heimatvertriebene sonst wohl auf den verlorenen Grund und Boden fixiert sind! Das depor­tierte Israel hatte mehr verloren als Grund und Boden, mehr als ein Stück Land, auf dem man einstmals zu Hause war. Israel hatte das Land der Verheißung, und es hatte sein Allerheiligstes, es hatte den Tempel verloren. Israel hatte seinen religiösen Boden unter den Füßen verloren, als es in die babylonische Gefangenschaft fortgeführt wurde. Das deportierte Israel existierte in einem elementaren Sinne bodenlos.

Kein Wunder, daß es sich in die Wüste zurückversetzt wähnte, in der einst die aus Ägypten geflohenen Väter umherirrten und zum größten Teil elend verendeten. Die Wüste war seitdem zum Symbol geworden für eine bodenlose Existenz. In der Wüste, da ist man dem Sand ausgeliefert: Sand und immer wieder nur Sand! Wüstensand, in dem man nicht Fuß fassen kann, sondern verlorenzugehen droht; Sand, in dem sogar die eigenen Spuren alsbald wieder unsichtbar werden, vom Winde verweht. Der bodenlosen Existenz folgt das spurenlose Verschwinden – von Gott und der Welt vergessen!

Man bedenke: das erwählte Volk wähnt sich von Gott und der Welt vergessen. Seiner Erwählung durch Gott verdankt Israel seine Identität. Und nun: Keine Spur von Erwählung! Schlimmer konnte Israel nicht in Frage gestellt werden. Und so schrumpft denn das Gottesverhältnis Israels zusammen auf einen einzigen kläglichen Seufzer über seinen vergeßlichen Gott.

Man muß nicht erwählt sein, liebe Gemeinde, und man muß nicht unter einem zerbrechenden Erwählungsbewußtsein leiden, um am eigenen Leib und in der eigenen Seele zu erfahren, was es heißt, verlassen zu werden und vergessen zu sein. Das deportierte Israel vergleicht sich ja selber mit einer von ihrem Mann verlassenen und vergessenen Frau. Doch verlassen und vergessen werden nicht nur Frauen von ihren Männern oder Männer von ihren Frauen. Auch Freundschaften können verwelken. Und wie oft vergessen erwachsen gewordene Kinder sogar die eigenen Eltern! Verlassen und vergessen werden Professoren von ihren Studenten. Und die machen vielleicht sogar noch ihre Witze über die »Gruftis«: »… kannst Du vergessen!« Da ist es wahrhaftig kein Trost, wenn die in Vergessenheit geratenden Lehrer ihrerseits resignierend feststellen zu müssen meinen, daß die einst ach so klugen Schüler nunmehr von allen guten Geistern verlas­sen sind und vom Weltgeist mit Sicherheit vergessen werden. Un­erfreuliche Geschichten allemal!

Doch so unerfreulich und schlimm dergleichen Erfahrungen menschlicher Verlassenheit und Vergessenheit auch sind: von Gott verlassen und vergessen zu werden – das ist eine Geschichte von ganz anderer Qualität, das ist die Wüste in uns. Von ihr gilt Friedrich Nietzsches erschreckender Satz: »Die Wüste wächst. Weh dem, der Wüsten birgt!« Von Gott verlassen und vergessen zu werden – das ist eine unendlich trostlose Geschichte.

Ist? So wäre es, liebe Gemeinde, so wäre es, wenn — ja wenn da nicht die jubelnden Himmel und die jauchzende Erde wären. Die begeisterte Schöpfung nämlich nimmt längst vor uns wahr, daß unserer Trostlosigkeit vom Himmel her ein Ende bereitet wird. Hätten wir Ohren zu hören, hätten wir Augen zu sehen, wir würden wie der Prophet entdecken, daß da etwas im Kommen ist, was den ungeheuren Jubel verdient.

Doch uns fehlen die prophetischen Visionen und Auditionen. Mit uns muß man diskutieren, so wie der Prophet mit dem trostlosen Israel diskutiert. Wir wollen Argumente hören, bevor wir wenigstens fragen: »Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?« Wohl dem, der dann auch zu bitten wagt: »O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal!« (EG 7,4)

Trost, Trösten – für unseren Propheten sind das die zentralen Worte seiner Botschaft. Der zweite Jesaja spricht immer wieder davon, daß es jetzt an der Zeit ist, das geschlagene Volk zu trösten. Und er spricht so davon, als ob es auf Erden nichts Wichtigeres gebe. Von den vielen Notwendigkeiten in dieser Welt ist dies, so scheint es, sogar die notwendigste: daß trostlose Menschen getröstet werden.

Wohlgemerkt: getröstet, nicht vertröstet! Billiger Trost, eine die menschliche Tat- und Widerstandskraft lähmende religiöse Vertröstung ist nicht gemeint. Die hat es allerdings gegeben, und es gibt sie – Gott sei es geklagt – noch immer: die unverantwortliche religiöse Vertrö­stung, die uns daran hindert, das jetzt Notwendige zu tun. Insofern haben die kritischen Stimmen recht, die der Religion vorwerfen, sie sei das »Selbstbewußtsein und … Selbstgefühl« von »Menschen«, die »sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder ver­loren« haben, ja sie sei »das Opium des Volks«. Sage niemand, das sei schon deshalb falsch, weil Karl Marx es gesagt hat! Marx befindet sich da in bester Gesellschaft. Lesen wir doch auch bei Immanuel Kant, daß es perverse religiöse Tröstungen gibt, die dem Menschen »gleichsam Opi­um fürs Gewissen … geben«.

Nein, liebe Gemeinde, dergleichen ist nicht gemeint, wenn in der Bibel vom Trösten die Rede ist. Solche Tröstungen mögen sich noch so geistlich geben, sie sind und bleiben fleischlich. Und »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Güte wie die Blume des Feldes. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt«, sagt unser Prophet, um dann fortzufah­ren: »das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit« (Jesaja 40,6-8).

Das Wort des Herrn aber tröstet konkret, nämlich so, wie eine Mutter tröstet, wird der dritte Jesaja (66,13) erläutern. Ich muß da immer an den kleinen Sohn meines Assistenten denken. Der kleine Kerl, Lukas heißt er, bedarf wie alle Kinder fast täglich des Trostes. Eben noch quietschvergnügt, kann schon im nächsten Augenblick irgendeine Kleinigkeit – doch was uns Großen als Kleinigkeit er­scheint, ist für die Kleinen ein riesengroßes Ereignis! – ihre Welt derart durcheinanderbringen, daß nichts, aber auch gar nichts mehr stimmt. Sie sind dann selber zutiefst verstimmt: nicht nur subjektiv, sondern objektiv verstimmt wie ein Musikinstrument, so daß nur noch falsche Töne aus ihnen hervorkommen. Sie finden sich in ihrer kleinen Welt nicht mehr zurecht »und wissen nicht, wo aus noch ein«. In einer solchen Situation kann man sich den Mund fusselig reden, es hilft alles nichts. Für das Kind stimmt nichts mehr – bis, ja bis es sich in den Armen der Mutter wiederfindet. Da findet es Trost. Denn da findet es zu sich selbst zurück. Und das einfach dadurch, daß es in den Armen der Mutter sinnlich spürbar und doch zugleich in einem sehr übersinnlichen Sinne geborgen ist. Und siehe, nun helfen auch Worte: Worte, die die zerstörte Welt wieder aufbauen und so die kleine Person selber erbauen. In den Armen der Mutter wird das Kind erneuert durch und durch. Und nun baut sich auch seine kleine Welt wieder auf. Auch sie wird von Grund auf erneuert. Wie soll ein klei­ner Mensch groß, wie soll ein Kind erwachsen werden ohne solchen Trost?

Und wir, wir sogenannten Großen, sind wir wirklich erwachsen geworden, wenn wir das Kind in uns, statt es lebenslang zu bejahen, ängstlich verleugnen oder gar mit allerlei schiefer Psychologie und Pädagogik ausrotten zu müssen meinen, um nur ja als mündig zu gelten? In Wahrheit bewirken wir damit genau das Gegenteil. Wird das Kind in uns getötet, dann wird das pathologische Regressionen in die Kindheit zur Folge haben. Und statt mit Erwachsenen haben wir es (dann) mit vergreisenden Kindern zu tun. In Wahrheit erwachsen, mündig und reif wird nur derjenige, der das Kind in sich leben läßt: das Kind, das sich unbändig freuen kann, das aber auch weinen darf und das mütterlich getröstet zu werden verlangt.

Auch unsere Welt, auch die private und öffentliche Welt der Er­wachsenen wird ja nur zu oft und in der Regel sogar von uns selbst derart durcheinandergebracht, daß plötzlich nichts mehr stimmt: weder um uns herum noch in uns selbst. Dann finden auch wir uns nicht mehr zurecht »und wissen nicht, wo aus noch ein«. Dann bedürfen auch wir des Trostes.

Oder wäre uns Erwachsenen, die wir doch meist selber verursachen, was uns dann quält und plagt, wäre uns Erwachsenen gegenüber statt Trost eher Zorn am Platze? Müßte, wenn wir die Welt durcheinander­bringen, nicht vielmehr »ein Gerichtsprediger wie mit Stahlruten dazwischenfahren«? Die Frömmigkeit aller Zeiten hat nach solchen Gerichtspredigern gerufen, die anklagen und verurteilen statt zu trösten.

Hat nicht auch Israel sein schweres Geschick als göttliches Straf­gericht verstanden, das es sich selber zugezogen hat? Der Herr hat mich verlassen, mein Herr hat mich vergessen — das ist ja nicht nur resignierende Klage; das ist religiöse Selbstanklage und moralische Selbstverurteilung in einem. Und das Schlimmste an dieser schlimmen Selbstbezichtigung: sie leuchtet ein. Sie ist für unsere religiöse und moralische Urteilskraft entsetzlich plausibel – jedenfalls dann, wenn wir unsere Untreue gegenüber unserem Schöpfer mit derselben Strenge beurteilen, mit der wir die menschliche Rücksichtslosigkeit gegen seine Schöpfung verurteilen. Wenn es um die Bewahrung der Schöp­fung geht, dann legen wir, jedenfalls neuerdings, strengste Maßstäbe an. Tun wir es auch, wenn es um die Ehre des Schöpfers geht? Was hat der Sünder denn anderes verdient, als aus Gottes Herz verstoßen und aus seinem Gedächtnis getilgt zu werden? Was haben wir denn anderes verdient? Wir haben nichts dagegenzusetzen.

Gott aber, liebe Gemeinde, Gott hat etwas dagegenzusetzen. Und das ist noch plausibler. Denn Gott setzt gegen die entsetzliche Plau­sibilität frommer moralischer Selbstverurteilung die schlechthin über­legene Plausibilität mütterlicher Liebe. Gegen die Liebe der Mutter zu ihrem Kind gibt es schlechterdings kein Argument. Und sie bedarf ihrerseits keines Argumentes. Sie muß sich nicht rechtfertigen oder verteidigen. Die mütterliche Liebe ist einfach da und setzt sich mit überzeugender Selbstverständlichkeit durch. Was immer das Kind auch angestellt, welch strengen Tadel es auch verdient haben mag, die Mutter wird es ermahnen, wohl auch schelten, sie wird vielleicht sogar – die Temperamente sind verschieden – mit einem Wutaus­bruch reagieren. Aber ihre Liebe wird sie ihrem Kind nicht entziehen. Mütterliche Ermahnung, mütterliche Schelte und – wer weiß? – vielleicht sogar der mütterliche Wutausbruch mögen pädagogisch notwendig sein. Die mütterliche Liebe ist mehr als notwendig. Sie ist von überlegener Selbstverständlichkeit, sie ist von souveräner Plausi­bilität.

Kann es ein glücklicheres Gleichnis geben für den Gott, der uns trösten will, wie einen seine Mutter tröstet? Das Gleichnis trifft. Mit überlegener Selbstverständlichkeit stellt der himmlische Vater mütter­liche Nähe her. Gottes mütterliche Annäherung – das ist sein Advent.

Deshalb also der Himmel und Erde in Bewegung setzende Auf­bruch des Ewigen in die Zeit. Deshalb der die ganze Schöpfung zum Jubel und Jauchzen hinreißende und selbst die steifen Berge in einen Freudentaumel versetzende Ruf: »In der Wüste bahnet den Weg des Herrn!« (Jesaja 40,3). Sage also niemand: in mein verwüstetes Land setzt ein Gott keinen Fuß, und in mein verödetes Innenleben schon gar nicht. Gottes mütterliche Annäherung kann durch nichts aufgehalten und durch niemanden abgehalten werden.

Ja, selbst vor dem wüsten Ödland des Todes schreckt sein Weg nicht zurück. Sage also niemand: der Mensch müsse einsam sterben, im Tode werde er ganz auf sich allein zurückgeworfen. Nein, Gott ist uns auch im letzten, im tödlichen Augenblick mütterlich nah. Und er wird im Augenblick des Todes nichts anderes sagen als mitten im Leben. Gott spricht zu den Sterbenden wie zu den Lebenden in der Sprache der ihre Kinder tröstenden Mutter. Die aber – jeder von uns hat das erfahren – öffnet die Arme und sagt: Komm!

Was können wir da besseres tun, liebe Gemeinde, als unsererseits mit einem Nun komm einzustimmen in den Jubel des Himmels und in das Jauchzen der Erde: Nun komm, der Heiden Heiland! Und selbst wenn wir das wie die Berge nur brummen oder gar mit gebrochener Stimme nur gerade noch seufzen können: O, komm, ach komm …, komm tröst uns hier – für Gott ist ein solcher Seufzer kein Mißklang im universalen Jubel. Ganz im Gegenteil: für Gott ist ein solches nach ihm seufzendes Nun komm inmitten des ganzen Schöpfungsjubels vermutlich sogar der schönste Ton. Amen.

Gehalten am 1. Dezember 1991 (1. Advent) in der St. Johanniskirche in Würzburg.

Hier die Predigt als pdf.

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