Martin Luther, Tröstung an die Christen zu Halle über Herrn Georgen, ihres Predigers, Tod (1527): „Es will sich nicht leiden, dass unser Haupt, Christus, am Kreuz stirbt, und die Dornenkrone trägt, und wir sollten mit Lust und Freuden ohne alles Leiden selig werden. Soll es also ja gelitten sein, so lasst es das sein, was uns Gott zufügt, und nicht, was wir selbst erwählen; denn er weiß am besten, welches uns dient und nütze ist; unser Wählen taugt nicht, und ist kein Nutzen.“

Nachdem der Prediger Georg Winkler aus Halle am 23. April 1527 auf dem Heimweg von einem Verhör noch in der Nähe von Aschaffenburg, der Residenz des Mainzer Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, heimtückisch ermordet wurde, schrieb Luther folgenden Trostbrief:

Tröstung an die Christen zu Halle über Herrn Georgen, ihres Predigers, Tod (1527)

Von Martin Luther

Gnade und Friede in Christo Jesu, unserm Herrn und Heiland. Amen.

Ich habe mir längst vorgenommen, meine Lieben Herrn und Freunde, eurer Liebe zu schreiben eine Vermahnung und Trost wider den Unfall, so euch der Satan zugefügt hat durch den Mord, welchen er begangen hat an dem guten und frommen Mann, Magister Georgen (Wink­ler), und euch also eures treuen Predigers und Gottes Wort beraubet. Es hat mich aber allezeit verhindert, sonderlich meine Schwachheit; und wiewohl ich noch nicht recht heraus bin, kann ich doch nicht länger verziehen. Und wenn wir uns gleich in diesem Fall nicht trösten wollten, so wäre es doch unbillig, solchen schändlichen, verräterischen Mord zu verschweigen, und also lassen hingehen, und solch Blut in die Erde verscharren, damit das heilige Wort Gottes bezeuget und bekannt ist. Darum will ich es in Schrift bringen, und ihm helfen rufen und schreien gen Himmel, auf dass, so viel an uns ist, solcher Mord nimmermehr verschwiegen werde, bis so lange, dass Gott, der barmherzige Vater und gerechte Richter, solch Geschrei erhöre, wie er des heiligen Abels Blut erhöret, und schaffe Recht und Rache über den Mörder und Verführer, den alten Feind, der solches hat angerichtet, und gebe, dass Magister Georgen Blut müsse ein göttlicher Same sein, den er durch Satans und seiner Glieder Hände in die Erde gesät hat, und hundertfältige Frucht bringe: also, dass anstatt eines ermordeten Georgen hundert andere rechte Prediger aufkommen, die dem Satan tausendmal mehr Schadens und Leidens tun, denn der einige Mann getan hat; und weil er nicht einen hat wollen leiden noch hören, dass er müsse viel leiden, hören und sehen; gleichwie dem Papst auch geschehen ist durch Johann Hussens Blut, welchen er nicht mochte in einem Winkel lassen mucken, und muss ihn nun lassen in aller Welt schreien, bis dass ihm Rom selbst und schier die ganze Welt zu enge worden ist, und ist dennoch kein Aufhören da. Amen. […]

So ist nun das erste Stück unseres Trostes, dass wir doch wissen, wer der Mörder sei, der uns unsern lieben Bruder, Herrn Georgen, ermordet hat; wiewohl wir nicht gewiss wissen können, wer die Junker sind, die es befohlen haben, oder wer die Fäuste und Waffen gewesen sind, die es vollbracht haben. Denn ich höre den Bischof zu Mainz höchlich rühmen als unschuldig, welches ich auch von Herzen wünsche, und lasse es so sein. Und weil ich wohl mehr Bischöfe weiß, die wohl anders täten, wenn sie vor ihren Kapitelstyrannen dürften, oder könnten, so bin ich wahrlich auch geneigt, wenn ich ja eins glauben müsste, dass ich eher glauben wollte, die Kapitelstyrannen zu Mainz hätten solchen Mord über Herrn Georgen zugerichtet. Denn sie haben wohl vorlängst größeren Mord vorgenommen, da sie mit ihrem mörderischen Ratschlag, durch das fromme Blut, Kaiser Karl, die deutschen Fürsten wollten aufeinander hetzen, und Deutschland in Mord und Blut ersäufen, auf dass sie sich in Frieden und Lust möchten sicher erhalten. […]

Das sind sie, die geistlichen, heiligen Leute, die mit Messe und Gebet die Christenheit erhalten, und daneben dem alten Mörder, ihrem Gott, dem Teufel, mit Verraten und Morden die ganze Welt im Sinn und Begier haben zu opfern. […]

Zum andern tröstet uns das in diesem Mord, dass der fromme Herr Georgen erwürget ist im Gehorsam seiner Obrigkeit. Denn da er gefordert ward, hinaus von Halle zu ziehen zu seinem Herrn, hat er sein Leben gering geachtet, wiewohl ihm viel böse Anzeigung unter Augen kam, auf dass er im Gehorsam erfunden würde; ist damit seinem rechten Herrn, Jesu Christo nachgefolgt, dass man auch mag von ihm sagen: Er ist gehorsam worden bis in den Tod. […] Ja, nicht allein ist er gehorsam gewesen, sondern hat auch seinen Herrn geliebt, und alle Treu mit Leib und Leben an ihm bewiesen. Denn ich höre Wunder sagen, wie fest und treulich er bei dem Bischof gehalten habe in dem Aufruhr, wie er hat mit allen Kräften dem Aufruhr gewehrt, dass er auch seinem Herrn, dem Bischof, fast lieb und wert sei gewesen. Nun wird ihm das alles also gelohnt. […]

Zum dritten ist er nicht allein im Dienst und Gehorsam weltlicher Obrigkeit ermordet, sondern auch um des Evangeliums willen, allermeist aber um des Artikels willen, dass er beide Gestalten des Sakraments hat gelehrt und reichen wollen. […]

Wollet diese Sache dem anheimstellen und lassen, der da recht richtet (1.Petr. 2,23), und euch ja hüten, dass ihr niemand darum feind seid, Hass traget, oder übel nachredet, oder fluchet, oder Rache wünschet. […] Es will und kann doch nicht anders sein, denn wie geschrieben stehet: ‚Durch viel Trübsal müssen wir in das Reich Gottes gehen.‘ Es will sich nicht leiden, dass unser Haupt, Christus, am Kreuze stirbt, und die Dornenkrone trägt, und wir sollten mit Lust und Freuden ohne alles Leiden selig werden. Soll es also ja gelitten sein, so lasst es das sein, was uns Gott zufügt, und nicht, was wir selbst erwählen; denn er weiß am besten, welches uns dient und nütze ist; unser Wählen taugt nicht, und ist kein nütze. Christus, unser Herr und Heiland, sei bei euch mit allen Gnaden! Amen.

Stark gekürzt, vgl. WA 23, 402-431.

Quelle: Theodor Fliedner, Buch der Märtyrer, Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859.

Hier der Text als pdf.

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