Albrecht Goes über das Lied „Es kommt ein Schiff geladen“: „»Das Schiff geht still im Triebe« —. »Schiff«, »still«, »im Triebe«: die I-Laute sind lauter Innigkeit, lauter nach innen weisende Botschaft. Wohl, der Wind Gottes ist da, der mächtige Liebeshauch, der die Segel treibt, das Brausen des Geistes, Richte und Rückhalt in vielverwirrter Welt.“

Es kommt ein Schiff –

Von Albrecht Goes

»Ein alter Gesang, so unter des Herrn Tauleri Schriften funden, etwas verständlicher gemacht — im Ton: Es wollt ein Jäger jagen wohl in des Himmels Thron«: unter dieser Überschrift findet sich in Daniel Sundermanns Sammlung »Hoher geistlicher Gesänge«, um 1640 erschienen, dieses Lied:

Es kommt ein Schiff, geladen
Bis an sein höchsten Bord,
Trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
Des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
Es trägt ein teure Last;
Das Segel ist die Liebe,
Der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft auf Erden,
Da ist das Schiff am Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden,
Der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
Im Stall ein Kindelein,
Gibt sich für uns verloren;
Gelobet muß es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
Umfangen, küssen will,
Muß vorher mit ihm leiden
Groß Pein und Marter viel,

Danach mit ihm auch sterben
Und geistlich auferstehn,
Ewigs Leben zu erben,
Wie an ihm ist geschehn.

Die Spur zurück zu Johannes Tauler, dem Mystiker in Straß­burg, dem Schüler des Meister Eckhart, ist nicht mehr zu finden; die älteste uns bekannt gewordene Fassung dieses Schifffahrtsliedes auf Christi Advent stammt aus einer Hand­schrift des Jungfrauenklosters zu Inzighofen, um 1470 geschrieben; auch eine niederländische Marienweise hat sich erhalten: aber es ist gut möglich, daß ein rein weltliches Schiffmannslied noch älteren Datums vorhanden war und von Tauler, dem alle Weltdinge ein Gleichnis für das Ewige wurden, ins Geistliche übertragen worden ist. Allen uns zugänglichen Fassungen gemeinsam ist das große Bündnis von Majestät und Innigkeit, das hier geschlossen wurde; wir gehen ihm nach.

»Es kommt ein Schiff, geladen / Bis an sein höchsten Bord.« Da ist die Sorge der Welt, da ihre Frage: »Was kommt?« Da die Ungeduld der Welt: »Es sollte etwas kommen«; da ihre Angst: »Es kommt selten etwas Besseres nach.« Und nun: mitten in diese Sorge, diese Ungeduld, diese Angst hinein tritt die Gewalt der adventlichen Antwort, groß und tröstlich gegeben: »Es kommt ein Schiff, geladen.« Wir sehen. Wir hören. Hören die Melodie, feierlich, im schwe­ren dorischen Ton. In strengem Takt tauchen die Ruder ein; ruhig und geduldig wird die »teure Last« durch die Wellen getragen; in der dritten Zeile ist es jedesmal wie Frohlocken, wie Fahrt auf die Höhe, dann nehmen sich die Ruder wieder zurück, und die neue Strophe beginnt. Und wir sehen: den Strom, den Rhein vielleicht, die Städte am Ufer: der Ursulaschrein kommt uns in den Sinn, der Köln sichtbar macht und das Schiff, das dort an Land geht, so wie Memling in Brügge es gemalt hat. Gewißheit ist hier, Sicherheit. Es ist das Heilige, das in die Welt kommt, das Wunder Gottes im Advent Jesu Christi: nicht zu erfinden, nicht zu erträumen. Aber da es nun kommt, ist es denn auch nicht abzuleugnen und nicht aufzuhalten. Es kommt. Woher kommt das Schiff? Es ist nicht gesagt. Genug: es kommt. Und mitgegeben ist sogleich die Vorstellung von Größe und Reichtum, und die schwere Fracht ist hochansehnlich und tiefverborgen zu­gleich: »Trägt Gottes Sohn voll Gnaden / Des Vaters ewigs Wort.«

Hier ist beides: die Herrlichkeit und die Knechtsgestalt. Das »Sieh‘ dein König kommt« und das »nur Wort«. Verhüllte Herrlichkeit — Herrlichkeit, die geglaubt sein will und die sich nur dem Glauben erschließt. Was ist hinter dem Fenster­vorhang an diesem Morgen zu sehen? Verhangener Himmel, ein Spätnovembertag, ein Dezemberlicht? Der Blick des Ver­trauens allein sieht, daß es der Weihnacht entgegengeht, dem großen Liebestag Gottes.

»Das Schiff geht still im Triebe« —. »Schiff«, »still«, »im Triebe«: die I-Laute sind lauter Innigkeit, lauter nach innen weisende Botschaft. Wohl, der Wind Gottes ist da, der mächtige Liebeshauch, der die Segel treibt, das Brausen des Geistes, Richte und Rückhalt in vielverwirrter Welt. »Das Segel ist die Liebe, / der Heilig Geist der Mast«, aber die an den Ufern Lärmenden, was werden sie gewahr? Advent, Weihnachten: gewiß, hier ist nicht das »Fest der Innerlichkeit«; mit Recht wehrt man sich gegen diese Ver­kürzung der Wahrheit … aber es gibt, allem mutwilligen Kahlschlag entgegen, das Recht des heiligen Spiels, des schönen Scheins, das Augenschließen der Sammlung, und die immerwährende Kindheit der Seele. Aber dann folgt sogleich die Strophe der hell-offenen A-Laute: »Der Anker haft auf Erden / Da ist das Schiff am Land«: das ist die Offenbarung der Geschichte, das Ereignis von Bethlehem, das Jahr 1. Die Bezeugung der heiligen Nähe Gottes zu seiner Welt . . . nicht nur als jener immerwährende Strom aus dem Kreis der Schöpfung, aus den Gezeiten des Tages und des Jahres, sondern über aller anderen Vergegenwär­tigung diese eine: »Das Wort tut Fleisch uns werden / Der Sohn ist uns gesandt.« Was stürmische Adventsbitte aus Israel war: »Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab«, das ist nun erfüllt. Ruhe und Festigkeit gewinnen den Raum: wo man die Anker wirft, da ist sicherer Grund. »Das Wort tut Fleisch uns werden / Der Sohn ist uns ge­sandt«: da ist nicht die Verkündigung eines Lehrsatzes, sondern der Jubel der Beschenkten. Der Eintritt Jesu in die Welt, das Ereignis jenes Jahres, »da Cyrenius Landpfleger in Syrien war« und »ein Gebot ausging von dem Kaiser Augustus«: es ist wahr und wirklich auch ohne uns. Aber nun will es wahr und wirklich sein für uns.

»Zu Bethlehem geboren / Im Stall ein Kindelein / Gibt sich für uns verloren —«: unser Lied ist das Lied derer, die am Ufer stehen, die den Gewalten, die auf Erden große Macht haben, anheimgegeben sind: der Angst, der Verlassenheit, dem Leid, der Schuld, dem Bruchstück aus halbem Wollen und kaum noch halbem Vollbringen… wir sind es, denen diese Botschaft entgegengeht, und die beiden Zeilen »Das Wort tut Fleisch uns werden« und »— gibt sich für uns ver­loren« sagen das gleiche Wort der Weihnachtsfreude: daß Christus gering bei den Geringen ist, verlassen bei den

Verlassenen, ohne Sicherheit bei den Ungesicherten. In der marianischen Liedfassung aus dem Andernacher Gesang­buch heißt es: »Jesus ist unser Bruder / Das liebe Kinde- lein«, und nachher noch einmal, Maria zugewandt: »Jesus ist unser Bruder / Gibt dir groß Würdigkeit« … dazwischen aber steht dort eine Strophe, die lautet: »Mögt ich das Kind­lein küssen / An sein lieblichen Mund / Und wer ich krank, vor gwisse / Ich würd darvon gesundt.« Daniel Sunder­mann hat diese Strophe, das ist gewiß, gekannt, und wie vollkommen schön sie ist, hat er wohl gewußt, wie kühn und wie wahr sie ist; aber er wagt es, noch weiter zu grei­fen, und in einer Strophe Krippe und Kreuz beisammen zu sehen; er tut, wie Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altarbild getan hat, da er es einerlei Tuch sein ließ: die Windel für das Kind in der Krippe und das Lendentuch für den Mann am Kreuz: »Und wer dies Kind mit Freuden / Umfangen, küssen will / Muß vorher mit ihm leiden / Groß Pein und Marter viel.« Er ist da, der süße Christus, den die Weihnachtslieder- und -Schalmeien meinen, aber er ist un­getrennt von dem bittren Christus, dem Herm der Passion, und es gibt eine Reihenfolge des Ergreifens und Begreifens, und sie ist unumkehrbar. Im Gang des geistlichen Jahres kommt Weihnachten vor dem Karfreitag; aber dieses »Vor­her mit ihm leiden« bleibt in Kraft. »Vorher«, das ist ein hartes, unpoetisches Wort, und hart und unpoetisch ist ja auch die Botschaft selbst: wer Chri­sti Ruf folgt, der folgt einem Zeichen, dem widersprochen wird bis an der Welt Ende; wer Christi Sache wählt, wählt die Fremdlingschaft für diese Erde.

»Groß Pein und Marter viel«: wir sollen uns vor den gro­ßen Worten hüten, aber wir denken — unter den mancherlei Zeiten der besonderen Bewährung steht uns diese Zeit so sehr noch nahe — an den Advent des Jahres 1944 und den­ken an zwei Zeugen, die — auf mancherlei Weise von einander getrennt und auf eine Weise einander ganz nahe — Advent feierten »im Angesicht des Todes«, an Dietrich Bon­hoeffer und an den Pater Alfred Delp, und denken an jedes kleine Stück Gehorsam und Opfer- und Zeugenmut, das der Welt dieses Adventszeugnis nicht schuldig bleiben will.

Nicht schuldig bleiben will — warum nicht? Weil sie, die Welt davon lebt — auch heute davon lebt, auch wenn sie’s so deutlich selbst nicht weiß und wissen will: »Danach mit ihm auch sterben / Und geistlich auf erstehn / Ewigs Leben zu erben / Wie an ihm ist geschehn.«

Was wird kommen? So lautet die alte, bange Weltfrage, gestern und heute. Wir versuchen nicht, uns am Wirrwarr der Weltantworten zu beteiligen; wir fürchten vielmehr sol­che Versuche, wie man Versuchungen fürchtet. Aber die Antwort unsres Liedes, die wollten wir gerne, immer von neuem, buchstabieren und lernen und üben und begreifen; und wenn wir sie annehmen könnten mit allem, was in uns ist, dann hätten wir wenig mehr zu fürchten und nichts mehr zu fragen.

Quelle: Albrecht Goes, Worte zum Fest, Hamburg: Furche Verlag 1959, S. 37-42

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s