Karl Barth über Jesu Seligpreisungen (Kirchliche Dogmatik IV/2): „Die Seligkeit jener anderen Täter und jener anderen Leidenden ist gewissermaßen kumuliert die dieser Menschen, der um Jesu willen Verfolgten, die ja beides sind: Leidende um ihres Tuns willen und ganz besonders Tätige gerade in ihrem Leiden. Es geht um das Lob der Situation derer, die das Martyrium erleiden, weil sie Märtyrer, d. h. aber Zeugen des Reiches, Jesu selbst, sein und als solche sich bewähren und erst recht betätigen dürfen.“

Über Jesu Seligpreisungen

Von Karl Barth

Wir schließen unsere Überlegungen zu diesem vierten Punkt mit einem Blick auf das eigentümliche Phänomen der evangelischen Makarismen: der in den evangelischen Berichten mit einer Ausnahme ausschließlich Jesus selbst in den Mund gelegten «Selig­preisungen». Es handelt sich um Worte, in denen von einer Gruppe von Menschen – nur zweimal, wovon das eine Mal in jenem Ausnahmefall, gehen sie einen bestimmt genannten Menschen an – in der zweiten oder in der dritten Person gesagt wird, daß sie um der äußeren und inneren Situation willen, in der sie sich befinden, und im Blick auf das, was diese Situation für sie bedeutet, wohl dran, daß sie – ob sie selbst und Andere es wußten und auch so beurteilten oder nicht – glücklich seien, daß ihre Existenz als eine in diesem Sinn bevorzugte zu rühmen sei. Die Sprechform findet sich nicht nur in den Evangelien, wird also im Neuen Testament nicht nur als eine Jesus selbst zuge­schriebene, sondern als Ausdruck von Urteilen der Verfasser auch in den Briefen und besonders in der Johannesapokalypse gebraucht. Sie findet sich aber auch nicht nur im Neuen Testament, sondern hat ihre Vorgänger – und hier wird man wohl bestimmt sagen müssen: ihre Vorbilder – nicht nur in der alttestamentlichen, sondern auch in der älteren und jüngeren griechischen Sprache. Auch eine Sammlung solcher Makarismen wie die in Matth. 5, 3f., Luk. 6, 20f. findet sich schon bei Jesus Sirach 25, 7-10.

Was in den Evangelien zunächst formal auf fällt, ist (außer dem Umstand, daß sie wie das übrige Neue Testament nur das Wort makários, nicht aber nach jenen Vorbildern ólbios oder eudaímōn verwenden) nur die bevorzugte Stellung an der Spitze der Berg- bzw. Feldrede, die jenen kleinen Sammlungen bei Matthäus und Lukas zugewiesen ist. Das bedeutet jedenfalls, daß sich gerade solche von Jesus selbst ausgesprochene Selig­preisung der Überlieferung als das grundlegende Wort seiner Verkündigung des Reiches Gottes eingeprägt hat. Die entscheidende, die sachliche Originalität der evangelischen Verwendung dieser Sprechform (im weiteren Sinn dann auch ihrer neutestamentlichen Verwendung überhaupt) besteht darin, daß sowohl die Situation der selig gesprochenen Menschen, als auch das, im Blick worauf sie selig gepriesen werden, so oder so durch das nahe herbeigekommene Reich Gottes geschaffen und bedingt ist. Die Seligpreisungen bezeichnen und beschreiben also die durch die Gegenwart Jesu begründete Situation dieser Menschen samt ihrer Bedeutung und Verheißung für diese. Es werden diese Menschen deshalb, weil Jesus für sie da ist und im Blick darauf, was das für sie mit sich bringt, selig gepriesen. Eben darum sind sie Jesus in den Mund gelegt Im Sinne des evangelischen Gebrauchs des Wortes kann kein Mensch sich selber selig preisen. Und mit Ausnahme der offenkundig rhetorischen Stelle Act. 26, 2 geschieht das im Neuen Testament auch sonst nicht. Auch Maria (Luk. 1, 48) preist sich jucht selig, sondern sagt, daß alle Geschlechter sie selig preisen werden. Es kann dem Menschen nur widerfahren, daß er selig gepriesen wird. Die evangelischen Seligpreisungen sind nicht analytische, sondern synthetische Sätze. Sie beziehen sich ja auch – anders als die Makarismen der griechischen Welt – nicht auf den Besitz und Genuß äußerer oder innerer weltlicher Güter, auch nicht auf menschliche Begabungen, auch nicht auf die Übung menschlicher Tugenden. Sie sind in menschlichem Wort die Verkündigung eines Gottesurteils, ihr Inhalt (weithin offenkundig, aber im Grunde überall) ein Paradox, das den geläufigen Schätzungen von Wohlsein und Glück in einem Winkel von 180 Gra­den gegenübersteht. Genau genommen kann es keinem Menschen auch nur in den Sinn kommen, sich selbst (oder auch Andere) in dem Sinn selig zu preisen, in welchem es hier geschieht. Die neutestamentlichen Seligpreisungen reden von der Seligkeit des Gottesreiches. Und so sagen sie denen, die sie angehen, etwas ihnen ganz Neues. So können sie ihnen nur von dem gesagt werden, der als der königliche Mensch dieses Neue bringt und selber ist: er das Haupt, der sotḗr, der rechte Hirte, der als das Werk der Offenbarung Gottes für sie ist, der ihnen, in ihrem eigenen Namen vollmächtig über sie selbst den Bescheid geben kann, den sie selbst sich nimmermehr geben könnten: Selig seid ihr! Er allein kann der Sprecher dieses menschlichen Wortes sein: er ist es.

Und nun ist also das das Bild von Jesus, das sich der Gemeinde und der Überlieferung eingeprägt hat: er hat die Menschen zuerst und vor allem in diesem synthetischen Satz, indem er ihnen diesen Bescheid über sie selbst gegeben hat, angeredet. Er hat sie um des nahe herbeigekommenen Reiches und um seiner Verheißung willen selig gepriesen. Das haben nach Matth. 5, 1, Luk. 6, 20 seine Jünger, nach der ausdrücklichen Angabe Matth. 7, 28 aber doch auch die óchloi von ihm zu hören bekommen! Wir können die in Frage kommenden Worte und Wortgruppen hier gerade nur, um die Konkretion der Sache deutlich zu machen, berühren, nicht im Einzelnen auslegen.

Zuerst jene Ausnahme – es handelt sich um das Wort der Elisabeth an Maria (Luk. 1, 45): «Selig ist, die geglaubt hat, denn – so muß die Übersetzung in Analogie zu Matth. 5, 3f., Luk. 6, 20f. lauten – es wird Vollendung folgen (hóti éstai teleíōsis) dem, was ihr vom Herrn gesagt worden ist.» Maria hatte dem Engel nach Luk. 1, 38 gerade nur geantwortet: «Siehe, Ich bin des Herrn Magd; mir geschehe nach deinem Wort!» Das war ihr Glaube, in welchem sie sich als die erwies, die sie doch nach dem Gruß des Engels Luk. 1, 28 schon war: die kecharitōménē, mit der der Herr war und als die sie sich freuen durfte und sollte. Es ist klar, daß sie wohl angesichts ihres Glaubens, aber nicht um ihres Glaubens, sondern um des ihr vom Herrn Gesagten und von ihr Geglaubten willen, und im Blick auf dessen schon im Gang befindliche Vollstreckung selig gepriesen wird. Im selben Sinn ist die scharfe Entgegenstellung Luk. 11, 27f. zu verstehen, nach der, während Jesus redete, eine Frau aus dem Volk ihre Stimme erhob: «Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, an denen du dich genährt hast!», ihr aber geantwortet wird: «Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und bewahren (zu hören und zu bewahren bekommen)!» Es geht bei den selig gepriesenen Menschen gewiß um ihr eigenes Sein, es geht aber zuerst entweder darum, daß ihr Sein durch das ihnen in Jesus nahe gekommene Reich Gottes ganz neu beleuchtet, oder aber darum, daß es durch dieses in einer ganz bestimmten Weise neu geordnet ist. Beides gleich erstaunlich! Jesus, das Reich Gottes, zeigt, erklärt, deutet ihnen ihr Sein, und er bestimmt es, er leitet und charakterisiert es. Und darin, in dieser Beleuchtung und in dieser Prägung sind sie – und das ist der Bescheid, den Jesus ihnen über sich selbst gibt – allem, was dagegen zu sprechen scheint zum Trotz, selig. Diese Seligkeit sollen sie sich gefallen lassen, sie dürfen sie realisieren. Das heißt aber: sie sollen und dürfen die große Freude haben, die dem ganzen Volk widerfahren ist. Es geht so oder so um die Beziehung des Reiches Gottes zu ihrem menschlichen Sein, nur daß diese in den verschiedenen Stellen, die hier in Frage kommen, in der Hauptsache mehr von der einen oder mehr von der anderen Seite her gesehen ist.

Es ist klar, daß es sich da, wo etwa (wie vorhin) vom Glauben und vom Hören und Bewahren des Wortes Gottes die Rede ist, vorzüglich um die dem Menschen widerfah­rende Bestimmung, Charakterisierung, Prägung seines Tuns handelt: Als kecharitōménē glaubt Maria. Wem das Wort Gottes gesagt wird, der darf und soll es hören und be­wahren. So ist der Glaubende, der Hörende und Bewahrende der selig gepriesene Mensch. Hieher gehört Matth. 13, 16: «Selig sind eure Augen, weil sie sehen und eure Ohren, weil sie hören», gehört aber auch Joh. 20, 29: «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!» Ähnlich steht es in den Seligpreisungen Matth. 5, 7-9: Selig sind die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedensstifter! und Luk. 14, 14, wo der selig gepriesen wird, der solchen Gutes tut, die es ihm nicht wieder vergelten können, und Act. 20, 35, wo ein sonst unbekanntes Jesus-Wort angeführt wird, laut dessen seliger das Geben als das Nehmen ist. Ebenfalls in Beziehung auf ein bestimmtes Tun heißt es Matth. 24, 46 (vgl. Apok. 16, 15): «Selig der Knecht, den der Herr bei seinem Kommen wachend findet!», und so wieder allgemeiner Joh. 13, 17: «Wenn ihr das wißt — selig seid ihr, indem ihr das tut!» und schließlich wird auch Matth. 11,6 hiehergehören: «Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt!» Immer angesichts dessen, daß ein Mensch so und so gesinnt ist und handelt, wird er in diesen Stellen selig gepriesen. Im gleichen Sinn kann dann im Jakobusbrief (1, 12 vgl. 5, 11) – ganz im Stil der Makarismen der Bergpredigt übrigens – der Mann selig gepriesen werden, der in der Versuchung stand­haft bleibt», und 1, 25 der, der nicht ein vergeßlicher Hörer des Gesetzes, sondern ein Täter des Wortes ist, und wieder im gleichen Sinn Apok. 1, 3 und 22, 7 die, die das Buch vorlesen, hören, seinen Inhalt bewahren und festhalten. Man wird sich aber doch auch hier – und in den evangelischen Makarismen erst recht – vor Augen halten müssen: es ist die Gesinnung und Handlungsweise, angesichts derer gewisse Menschen als makárioi angeredet werden, vom Reiche Gottes her angeregt, bewegt, bestimmt und geordnet. Es geht also auch auf dieser ganzen Linie nicht darum, daß diese Menschen gewissermaßen im leeren Raum irgendetwas an sich Vortreffliches (etwa Glauben, Barmherzigkeit, Herzensreinheit, Standhaftigkeit…) an und in sich haben oder aber tun und üben (etwa beharrliches Wachen, Friedenstiften, selbstloses Wohltun, das Buch der Offenbarung vorlesen, hören und zu Herzen nehmen . ..) und nun deshalb makárioi genannt würden, weil das Alles ein in sich gutes, löbliches Tun und Verhalten sein möchte, in welchem begriffen der Mensch an sich selbst wohl Freude haben dürfe! Nicht weil sie überhaupt sehen und hören, sondern weil sie sehen, was sie sehen und hören, was sie hören, werden die Augen und Ohren der Jünger Matth. 13, 16 selig genannt. Was alle diese Menschen mit ihren Augen und Ohren, mit ihren Herzen und Händen, mit ihrem Glauben und ihren Werken tun, das geschieht ja nicht beziehungslos, sondern in einem ganz bestimmten Zusammenhang: sie sind direkt oder indirekt von Jesus dazu aufgerufen und ermächtigt, verordnet und angeleitet. Daß sie das sind, das wird in ihrem Tun sichtbar. Und deshalb wird ihnen angesichts ihres Tuns Selig­keit zugesprochen, d. h. gesagt, daß sie wohl dran sind und allen Grund haben, fröhlich zu sein. Indem sie sich in ihren Gesinnungen und Taten als Kinder des Gottesreiches verraten, können, dürfen und sollen sie dabei guten, besten Mutes sein: nicht im Ge­danken an die besondere Tugendhaftigkeit und Verdienstlichkeit ihres Tuns, sondern in Gedanken an die Wurzel, aus der es als ihr Tun hervorgeht. Es ist von dieser seiner Wurzel her ein lohnendes Tun und darum ein solches, in welchem sie nicht bedrückt und mißmutig, sondern munter und fröhlich sein dürfen und sollen. Die Stelle, die zu diesem Verständnis der evangelischen Seligpreisung menschlichen Tuns geradezu zwingt und die wegen ihrer sachlichen Wichtigkeit auch für das Verständnis der anderen maß­gebend sein muß, ist Matth. 16, 17: Petrus hat (im Sinn der evangelischen Überlieferung wahrhaftig der Inbegriff höchster menschlicher Tat!) das «Messiasbekenntnis» aus­gesprochen; darauf antwortet Jesus mit dem Makarismus (es ist der andere von den beiden, die sich an einen bestimmten Menschen richten): «Selig bist du, Simon Barjona», – natürlich indem du das, aber nicht, weil du das gesagt hast, sondern «weil nicht Fleisch und Blut es dir offenbart hat, sondern mein Vater im Himmel», weil es dir von daher auf die Lippen gelegt ist. Also: der Bekenner ist nicht um seines Bekennens, sondern um deswillen selig, weil sein Bekennen diesen Ursprung hat. Es dürfte mit der Seligkeit der Glaubenden, der Barmherzigen, der Herzensreinen, der Friedensstifter, der Wachen­den usw. offenbar nicht anders stehen. Von daher die Kraft und die Gewißheit, in der sie den Menschen, die so sind und handeln, zugesprochen wird.

Eben dieser Sinn der Sache wird dann noch deutlicher in der anderen Reihe der Stellen, in welchen die Seligpreisung sich nicht wie in jener ersten auf das Tun, sondern schlicht auf das Dransein, ja Erleiden gewisser Menschen bezieht. Hier ist natürlich vor allem an die vier ersten Seligpreisungen in der Sammlung Matth. 5, 3f. zu denken. Selig die Armen im Geist, die Leidtragenden, die Erniedrigten (praeĩs), die nach Ge­rechtigkeit Hungernden und Dürstenden! – in der vereinfachenden und verschärfenden Version Luk. 6, 20f.: die Armen, die Hungernden schlechthin, die Weinenden! Es ist offenbar nicht so, daß die hier selig genannten Menschen ihr Dransein, angesichts dessen sie so genannt werden, gesucht und gewollt, sich selbst in diese Situation versetzt hätten: es ist nur eben ihr Dransein, es widerfahrt ihnen gerade nur, daß sie arm, traurig, er­niedrigt, aller Gerechtigkeit nur eben bar und bedürftig sind. Es ist klar, daß das, was da als das Dransein dieser Menschen beschrieben wird, an sich sich gar nicht den Charakter des Erfreulichen und Erwünschten hat. Keine Rede aber auch von einem sonstigen, etwa verborgenen immanenten Wert dessen, worauf diese Seligpreisungen blicken! Es hat das Neue Testament so wenig wie das Alte das Erfreuliche, das Posi­tive, das Leben als eine heimliche Qualität des Unerfreulichen, des Negativen, des Todes angesehen und gerühmt. Es hat Schwarz nicht Weiß genannt, und also das üble Dransein jener Menschen durchaus nicht als ihr wahres Wohlsein interpretiert. Die Seligpreisung bezieht sich nicht auf scheinbar, sondern auf wirklich elende Menschen. Sie sieht nun aber auch ihr Elend nicht abstrakt als solches, nicht im leeren Raume, sondern in einer bestimmten Beziehung. Sie meint nämlich gerade im Blick auf diese Elenden, daß auch sie – sie nun nicht in ihrem Tun, sondern sie in ihrem Erleiden – mit dem Reiche Gottes konfrontiert sind, daß von ihm, von Jesus her – wir müssen jetzt sagen: ein bestimmtes Licht auf ihre von ihnen weder herbeigeführte noch begehrte und gewollte Situation fällt, auf diese gerade in ihrem unerfreulichen, ihrem negativen, ihrem schon nach Tod schmeckenden Charakter. Sie befinden sich in ihrem Elend an der äußersten Grenze des mit dem Reich Gottes konfrontierten, durch den Menschen Jesus zu erneuernden Kosmos. In ihrem Elend kommt dessen Brüchigkeit zum Vorschein, wird er gewisser­maßen durchsichtig, transparent. In der Glorie der reichen, der lachenden, der hohen, der gerechten, der in diesem Kosmos «glücklichen» Menschen bleibt seine Todeswunde zugedeckt, wird er nicht transparent. In der Existenz der Elenden als solcher wird er es. Und indem er nicht umsonst selber als ein Elender, der Elendeste unter allen, und nicht umsonst so parteiisch auf Seiten der Elenden – kommt, handelt, offenbar wird, leuchtet gerade in deren Existenz, im Dransein jener Armen, Leidtragenden, Erniedrigten usw. das Neue Gottes in die ganzen Lebensbereiche des alten Menschen hinein. Die «Glück­lichen» können nichts dafür, daß der Kosmos in ihrer Existenz nicht transparent wird, das Neue des Reiches Gottes in ihnen nicht zum Leuchten kommt. Das «Wehe», das Luk. 6, 24f. über sie gerufen wird, ist keine Anklage, sondern wie jene Kontrastierung des reichen Mannes in der Hölle mit dem armen Lazarus in Abrahams Schoß nur eben die Feststellung, daß sie faktisch zu bedauern sind: darum, weil die Nähe des Reiches, die Gegenwart Jesu in ihrer Existenz nicht bemerkbar wird. Und so können gewiß auch die Elenden nichts dafür, daß ihr Dasein jene Transparenz hat, daß das Reich, daß Jesus gerade ihnen faktisch nahe ist. Es ist auch ihre Seligpreisung ein synthetischer, kein analytischer Satz, der von dem Objektiven redet, das ihre Situation von oben, nicht von unten kennzeichnet. Es wird also auch ihnen das ganz Neue gesagt, wenn sie im Blick auf ihr Elend selig gepriesen werden. Sie schaffen es nicht und auch ihr noch so großes Elend schafft es nicht, daß sie in jenem Licht Jesu existieren. Es ist nur eben so und so werden sie einfach um deswillen, was durch ihr Elend angezeigt ist, selig gepriesen: «Den Armen wird die frohe Botschaft gebracht!» (Matth. 11, 5).

Aber nun haben wir einer dritten Gruppe von Seligpreisungen noch nicht gedacht. Ihrer sind nicht eben viele, aber gerade sie werden am nachdrücklichsten und beredtesten ausgesprochen. Die, denen sie gelten, stehen zwischen den Tätern und den Leidenden, an die sich die beiden ersten richten, irgendwo in der Mitte – oder soll man sagen: irgendwo erhöht noch über ihnen? Und gerade bei ihnen ist es mit Händen zu greifen, daß eine andere Auslegung als die, der wir bei den beiden ersten folgten, gar nicht mög­lich ist. Selig heißen Matth. 5, 10f., Luk. 6, 22, aber auch 1. Petr. 3, 14 und 4, 14 die um der Gerechtigkeit, um des Namens Jesu, um Jesu selber willen verfolgt, geschmäht, verleumdet, gehaßt und ausgeschlossen werden. Die Menschen, auf die da geblickt wird, sind offenbar zugleich Tätige und Leidende und machen den geheimen Zusammenhang zwischen Jenen und Diesen sichtbar. Sie sind ja tätig, indem sie sich zur Gerechtigkeit des Himmelreichs, zu Jesus bekennen. Sie müssen aber leiden, weil sie gerade mit diesem Tun Verfolgung, Geringschätzung, Haß auf sich ziehen. So sind sie gewissermaßen qualifizierte Täter und qualifizierte Leidende. Es ist klar, daß gerade diese Situation nicht durch diese Menschen geschaffen, wohl aber schlech­terdings – und nun ganz direkt – in einer höchst besonderen Beziehung zwischen Jesus und ihnen begründet ist. Und es ist wieder klar, daß sie, sofern sie ihnen eben Leid bringt, keine begehrenswerte Situation ist. Leid ist nun einmal auch in diesem Zusam­menhang nicht Freude. Die Seligpreisung ist auch hier kein analytischer, sondern ein synthetischer Satz. Sie können Jesus nicht verleugnen, so kann es ihnen nicht erspart sein, und so können sie sich auch nicht weigern, an «Christi Leiden teilzunehmen» (1. Petr. 4, 13). Sie existieren direkt im Schatten seines Kreuzes. Eben das macht aber ihre Situation verheißungsvoll, ganz ausgesprochen zu einer Himmelreichssituation, angesichts derer gerade Jesus (sie ist ja seiner eigenen benachbart) sie nicht beklagen, vielmehr nur selig preisen kann – und nun tatsächlich noch viel stärker («Freuet euch und frohlocket!») als jene anderen selig preist. Die Seligkeit jener anderen Täter und jener anderen Leidenden ist gewissermaßen kumuliert die dieser Menschen, der um Jesu willen Verfolgten, die ja beides sind: Leidende um ihres Tuns willen und ganz besonders Tätige gerade in ihrem Leiden. Es geht nicht um das Lob, nicht um die Aufforderung zum Genuß des Martyriums. Es geht aber um das Lob der Situation derer, die das Martyrium erleiden, weil sie Märtyrer, d. h. aber Zeugen des Reiches, Jesu selbst, sein und als solche sich bewähren und erst recht betätigen dürfen. Sie sind selig in der besonderen Freiheit, die ihnen dazu offenbar gegeben ist. Und es ist diese besondere Freiheit, derer sich zu freuen sie durch die Seligpreisung aufgerufen werden.

Es bleibt uns nun nur noch übrig, festzustellen, daß diesen Allen – jenen tätigen wie jenen leidenden wie jenen tätigen und leidenden Menschen – wirklich frohe Botschaft gebracht wird: diesem ganzen Volk, von dem es heißt, daß das Reich Gottes mitten unter ihnen war, frohe Botschaft! Die neutestamentliche Seligpreisung ist kein leeres Paradox. Sie zeigt auf die Menschen, die sie angeht, nicht an ihnen vorbei. Und sie verweist diese Menschen nicht ins Dunkle, nicht in eine neutrale Sphäre, in der die Verheißung ebensowohl Unheil wie Heil, Tod wie Leben bedeuten, für sie also ebensowohl Anlaß zur Traurigkeit wie zur Freude sein könnte. Sie spricht ihnen durchweg und eindeutig Heil, Leben, Freude zu. Sie ist ja die von Jesus, dem sotḗr gesprochene Seligpreisung. Sie ist ja das Wort seines Erbarmens, das kein müßiges, kein unwirksames, sondern ein kräftiges Erbarmen ist. Sie bezieht sich ja eben auf ihn selbst, auf das in ihm nahe herbeigekommene Gottesreich. Er ist nicht umsonst in ihrer Mitte. Das Reich ist ihnen nicht umsonst so nahe. Daß dem so ist, das hat vielmehr Heilsbedeutung, Lebensbedeutung, Freudenbedeutung für ihre Existenz. Das wird als Verheißung – und in der Verheißung verborgen als schon gegenwärtige Erfüllung – die realste, die entscheidende Bestimmung ihrer Existenz. Gewiß, deren «eschatologische» d. h. erst an • ihr zu offenbarende, aber vor allem ihre christologische, ihre Reichsbestimmung, die ihnen als solche keineswegs jenseitig bleibt, sondern indem sie ihnen widerfahrt, dies­seitig, Bestimmung ihrer Seele nicht nur, sondern auch ihres Leibes, des einen ganzen Menschen wird. Es besagt die von Jesus gesprochene Seligpreisung, daß er der Herr aller dieser Menschen, daß also auch ihr Tun, so gewiß es von ihm bewegt und ange­ordnet, und auch ihr Leiden, so gewiß es in seinem Licht erlitten wird und erst recht ihr leidendes Tun und tätiges Leiden um seinetwillen nicht umsonst Ereignis sind. Und «nicht umsonst» heißt nicht nur: nicht ohne Sinn, heißt vielmehr ganz nüchtern: nicht ohne «Lohn», nicht ohne seine zu dem, was sie tun und leiden, in gar keinem Ver­hältnis stehende, aber konkret reale, seine himmlische Kompensation und Entspre­chung von Heil, Leben und Freude zu haben. Nicht weniger als das Reich Gottes als solches, nicht weniger als er selbst ist der Lohn, den er jenen Tätigen und jenen Leidenden zuspricht: einfach darum zuspricht, weil sie in ihrem Tun und Leiden direkt oder in­direkt, aber faktisch seine Zeugen sind. Wir können uns die Wortlaute dieses Zuspruchs gerade nur noch in Erinnerung rufen: Ihrer ist das Himmelreich! sie werden getröstet werden! (ihr werdet lachen! Luk. 6, 21), sie werden die Erde besitzen, sie werden gesättigt werden! wird Matth. 5, 3-6.10 den Elenden, den Leidenden zugerufen – und Matth. 5, 7-9 den Tätigen: «Sie werden Barmherzigkeit erlangen! sie werden Gott schauen! sie werden seine Söhne heißen!» und dann jenem in der Versuchung standhaften Mann Jak. 1, 12: Er «wird den Kranz des Lebens empfangen, welchen Gott denen verheißen hat, die ihn lieben.» Indem die Seligpreisung Jesu diesen Zuspruch vollzieht, ist sie nicht nur Versprechen und Ankündigung, sondern die gegenwärtige, wenn auch ver­borgene Mitteilung des vollen Heils, des ganzen Lebens, der vollkommenen Freude. Wie dürfte man es schwächer sagen, da es doch um das Heil, das Leben, die Freude des Gottesreiches geht: um das Heil, das Leben, die Freude, die in Jesus erschienen und beschlossen ist? Dieser Mann redet nicht nur, sondern schafft, was er sagt, macht wirklich, was er wahr nennt. Eben er sagt in und mit der Seligpreisung, daß er heute, jetzt, hier für die ist, die er so anredet: ihr sotḗr, ihr kräftiger Erbarmer, der ihnen, indem er ihnen sich selber schenkt, Alles schenkt, was sein ist. «Ich will euch Ruhe geben» (kagṑ anapaúso hýmãs) Matth. 11,28.) Das tut er. Und darin, daß er das tut, ist er, der königliche Mensch, aufs Höchste, in seinem Eigentlichsten das Eben­bild des unsichtbaren Gottes.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. IV: Die Lehre von der Versöhnung, Teil 2, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1955, S. 208-213.

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