Eberhard Jüngels Predigt über Psalm 46 von 1998: „Genau dazu will uns der 46. Psalm ermutigen: dass wir glaubend über uns hinausfahren, dass wir glaubend hingerissen werden von Gott und zu Gott, dass wir glaubend außer uns geraten in die herrliche Ekstase der Freiheit. Und wenn wir singen, liebe Gemeinde, wenn wir singend unsere Herzen zu Gott erheben, dann ist das zumindest ein Anfang, ein kleiner Anfang einer großen Freiheit.“

Predigt über Psalm 46

Von Eberhard Jüngel, Tübingen

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,
eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge
und die Berge mitten ins Meer sänken,
wenngleich das Meer wütete und wallte
und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.
Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein,
da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.
Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen.
Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen,
das Erdreich muß vergehen, wenn er sich hören läßt.
Der Herr Zebaoth ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unser Schutz.
Kommt her und schauet die Werke des Herrn,
der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,
der den Kriegen steuert in aller Welt,
der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.
Seid stille und erkennet, daß ich Gott bin!
Ich will der Höchste sein unter den Völkern, der Höchste auf Erden.
Der Herr Zebaoth ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unser Schutz.
Amen.

Ein archaisches Lied von erhabener Schönheit ist dieser 46. Psalm. Seine Schönheit hat später Geborene zu Nachdichtungen angeregt. Und auch ihnen sind Lieder von beeindruckender Schönheit gelungen. Doch nicht die Schönheit des Psalmes geht uns jetzt etwas an, sondern die Wahrheit, die in seiner Schönheit aufleuchtet. Wer kann von Gott so reden? Was müssen das für Menschen gewesen sein, die dieses Lied einst angestimmt haben? Und warum? Aufgrund welcher Erfahrungen konnten sie, warum mußten sie gar ein solches Lied anstimmen? Und wer kann in es einstim­men, wer kann dieses Lied heute singen? Und nicht zuletzt: wie soll man es singen? C’est le ton, qui fait la musique: der Ton macht die Musik. Welcher Ton also ist diesem alten Lied angemessen?

Luthers großer Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ war die refor­matorische Neufassung dieses Psalms. Und in meiner Heimat hat man diesen Choral nur allzu kämpferisch, allzu dröhnend gesungen – eben als ein Trutzlied: zuerst und vor allem gegen Rom und dann auch gleich noch gegen den Rest der Welt, einem Marschlied gefährlich gleichend –, während Luther sein Lied doch zur Laute gesungen hatte, bedächtig also, innig und zart. Nein, Luthers Choral ist kein Marschbefehl. Und seine Vorlage, der 46. Psalm, ist es auch nicht.

Er gleicht viel eher einem Vertrauenslied für Flüchtlinge, die einen Ort suchten, an dem sie sich geborgen wissen, und die nach allerlei trügerischen, falsche Sicherheit verheißenden Aufenthalten nun endlich einen wirklich sicheren Ort gefunden haben. Nun sind sie geborgen. Und nun rühmen sie diesen rettenden Ort, auf den man sein Vertrauen setzen kann. Und machen ihn damit auch für die vielen anderen Menschen vertrauenswürdig, die noch auf der Flucht sind: auf der Flucht vor Ver­folgern, die Sklaven brauchen, weil sie meinen, ohne solche von ihnen geknechtete Menschen selber nicht freie Herren sein zu können; auf der Flucht vor Verfolgern, die notfalls auch über Leichen gehen; Verfolgern also, denen in die Hände zu fallen das Ende entweder der eigenen Freiheit oder das Ende des eigenen Lebens bedeutet – wobei dahingestellt bleiben mag, was schlimmer ist. Und nun hören diese Gehetzten und Gejagten – sei es erst aus weiter Feme, sei es schon aus nächster Nähe – ein Lied, ein Lied des Vertrauens in einen rettenden Ort:

„Seht da, die Stadt mit ihren hohen Mauern, an denen den Verfolgern Einhalt geboten wird! Und sehet hinauf, hinauf zu der Burg mit ihrem Burggraben und ihrer Zugbrücke und dem unüberwindbaren Tor. Dort seid ihr geborgen – so wie wir jetzt schon geborgen sind!“

Wer so redet, so singt, der hat mit dem rettenden Ort bereits seine Erfahrungen gemacht. Das Vertrauen in Stadt und Burg ist also alles andere als Vertrauensseligkeit. Es hat einen Sitz im Leben. Und das sind „die großen Nöte, die uns getroffen haben“. Wir würden heute wohl sagen, dieses Vertrauen sei alles andere als blauäugig – obwohl man so manchen schönen blau­en Augen damit sicherlich bitter unrecht tut. Doch blaue Augen hin, blaue Augen her – das Vertrauen, um das es dem Psalmisten geht, artikuliert sich angesichts höchster Gefahr.

Das will beachtet sein, wenn man nach der Grundmelodie des Psalms fragt. Sie ist der Erfahrung bedrohter Menschen entsprungen. Und sie soll bedrohte Menschen erreichen. Nicht, um sie selbstsicher zu machen! Beileibe nicht! Entsicherung ist angesagt. Das Ende aller Selbstsicherheit ist angesagt: jener Sicherheit, in der das menschliche Ich von sich selber fasziniert ist und sich eben deshalb ganz auf sich selber fixiert. Denn fasziniert werden heißt: gefesselt werden. Und wer von sich selber gefesselt wird, der kommt von sich selbst nicht mehr los. Er ist sein eigener Gefangener: selbstsicher, aber unfrei. Und unfähig, einer anderen Person zu vertrauen.

Ja, nicht einmal sich selber vermag das selbstsichere Ich zu vertrauen. Wer sein eigener Gefangener ist, ist ja zugleich immer auch sein eigener Wächter. Und der Wächter traut einem Häftling genausowenig wie der Häftling seinem Wächter. Zwischen beiden herrscht ein Grundmißtrauen. Und so mißtraut auch das sich selber fesselnde und zugleich immer auch von sich selber gefesselte, so mißtraut das von sich selber faszinierte Ich im Grunde sich selbst. Deshalb muß die Selbstsicherheit ein Ende haben, wenn wahres Vertrauen beginnen soll. Ein vertrauender Mensch hört auf, sich auf sich selbst zu fixieren. Ein vertrauender Mensch hört auf, von sich selbst fasziniert und gefesselt zu werden. Im Vertrauen verläßt sich ein Ich auf ein anderes Ich. Und dort, nicht bei sich selbst, wird es dann auch das nötige Selbstvertrauen finden, ohne das nun einmal keiner von uns existieren kann.

Sicherheit ohne Selbstsicherheit, Vertrauen ohne Selbstmißtrauen, Ge­borgenheit angesichts höchster Gefahr – es ist gar nicht so leicht, die Grundmelodie des alten Liedes zu erkennen. Der Psalmist greift zudem weit aus, um die elementaren Bedrohungen vor Augen zu führen, die uns verfolgen. Drei recht unterschiedliche Szenarios werden in wuchti­gen, lang dahinrollenden Versen entworfen.

Der Anfang der Welt wird erinnert, aber nur um ihr drohendes Ende zu erwägen: Meere wüten, Berge zerfallen und versinken im Meer. Chaos also. Das tohuwabohu wird beschworen, das der Schöpfer im Erzanfang gebändigt hat und das doch immer wieder in die Wohlordnung der Schöpfung einzubrechen versucht. Und das mit unserer Hilfe! Im Boden versteckte Landminen, die plötzlich hochgehen und mit ihnen ein ah­nungsloses Kind – das ist das von uns selbst inszenierte tohuwabohu, das von Anfang an kein anderes Ziel hat, als das geschöpfliche Leben von innen heraus zu zerstören.

Dann wechselt die Szene. Ein Sturmangriff wird besungen, der Völker­sturm auf die Gottesstadt, bisher vergeblich zwar, aber höchst bedrohlich. Wie die Wasser der Urflut branden die feindlichen Mächte heran. Wie chaotische Wasserfluten drohen sie die Mauern der hochgebauten Stadt zu unterspülen und ins Wanken zu bringen. Und wo die Mauer fällt, fällt auch die Stadt. Denn mit der Stadtmauer stand in der alten Welt das politische Gemeinwesen auf dem Spiel. Eine eroberte Stadt verlor ihre Selbständigkeit, die Bevölkerung wurde versklavt, die Freiheit der Polis, die politische Freiheit, wurde zerstört. Nicht mehr nur die Zerstörung geschöpflichen Lebens überhaupt, sondern die Zerstörung menschlichen Zusammenlebens ist die Gefahr, die in dieser Szene beschworen wird.

Und schließlich – ein besonders harter Schnitt – kommt der göttliche Zorn in den Blick und seine zerstörende Wirkung. Zerstört werden soll freilich nicht, wie bei den Chaosmächten, das Leben und das Zusam­menleben und die Freiheit des Lebens und Zusammenlebens. Die zerstö­rende Wirkung des göttlichen Zorns richtet sich vielmehr gegen die Mächte der Zerstörung selbst: er steuert den Kriegen, zerbricht die Bogen, zerschlägt die Spieße, er verbrennt die Kriegswagen mit Feuer. Das eigentliche Ziel dieses Zornes ist also das Reich der Freiheit und des Friedens, in dem kein Leben mehr bedroht oder gar zerstört wird. Gottes Zorn ist niemals Selbstzweck. Gott ist kein Tyrann, der willkürlich in Zorn ausbricht und dann an seinen eigenen Zornesausbrüchen auch noch Gefallen hat. Gottes Zornmacht vielmehr seiner Gnade den Weg frei. Gottes Zorn ist allemal ein befreiender Zorn. Von ihm ist im dritten Szenario unseres Psalms die Rede.

Schöpfungswidrige Chaosmächte, geschichtliche Rebellion der Völker gegen die Gottesstadt und der befreiende Zorneines gnädigen Gottes – die Szenarios wechseln in rascher Folge und werden doch zusammenge­halten von der Grundmelodie, die dieser Psalm genauso hat wie fast jedes gelungene Lied.

In einem gelungenen Lied durchzieht eine solche Melodie alle Stro­phen, alle Worte, ja alle Silben und läßt so die unterschiedlichsten Bilder, Motive und Szenen allererst zu einem Ganzen werden, zu einem in sich stimmigen Ganzen. Doch eine solche Grundmelodie will mehr noch als nur das Lied zusammenhalten. Ihr eigentliches Ziel hat die Melodie erst erreicht, wenn sie überspringt auf die, die das Lied singen oder doch mitsummen oder auch nur hören. Ihr eigentliches Ziel hat die Grund­melodie eines Liedes erst dann erreicht, wenn sie auch unser Leben durchzieht und unsere oft so zerstreute, möglicherweise sogar zerrissene Existenz wenigstens für einige Augenblicke zu einem Ganzen werden läßt, zu einem in sich stimmigen Ganzen. Etwa so:

„Leise zieht durch mein Gemüt
liebliches Geläute …“

Oder so:

„Füllest wieder Busch und Tal
still mit Nebelglanz,
lösest endlich auch einmal
meine Seele ganz …“

„Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute“? „… lösest endlich auch einmal meine Seele ganz“? Ach, das müßte schön sein …

Doch wir sind mißtrauisch geworden gegen jene allzu lyrischen Me­lodien, die in ihrer verheißungsvollen Schönheit penetrant zu werden drohen. Die anderen Lieder, die mit den harten Dissonanzen, haben eher eine Chance, ihre schrille Melodie in unser Leben zu transportieren. Ja,

„es gibt Melodien und Lieder,
die bestimmte Rhythmen betreun,
die schlagen dein Inneres nieder,
und du bist am Boden bis neun“.

Der 46. Psalm scheint zu dieser Art von Liedern zu gehören. Nur durch bedrohliche Dissonanzen hindurch wird seine Grundmelodie erkennbar. Und diese Dissonanzen schlagen nicht nur für ein paar Stunden unser Inneres nieder.

„… und du bist am Boden bis neun“? In unserem Psalm fängt der Boden selber zu wanken an! Der feste Grund, auf den wir bauen, droht wegzurutschen. Das Meer, sonst Gleichnis für das „ewigklar und spie­gelrein und eben“ dahinfließende ewige Leben, das Meer wütet und tobt. Die Berge, sonst stolze Metaphern für das, was bleibt, und für uner­schütterliche Beständigkeit, die Berge fallen in sich zusammen. Da ist kein Boden mehr unter den Füßen. Da ist kein fester Grund, auf dem man stehen, geschweige denn gehen kann: keine Stabilität und schon gar keine Fortschritte! Abgründe tun sich auf. Und

„es schwinden, es fallen
die leidenden Menschen
blindlings von einer
Stunde zur andern,
wie Wasser von Klippe
zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab“.

Haltlos, grundlos, bodenlos – so sind wir da, liebe Gemeinde. Und die Selbstsicheren sind es erst recht. Je mehr sie Halt bei sich selber suchen, desto haltloser werden sie. Je intensiver sie ihre Existenz in sich selber zu gründen suchen, desto bodenloser wird sie.

Und das gilt auch und erst recht für die Gemeinschaft, die sich ihrer selbst nur allzu sicher ist, die sich auf sich selber fixiert und so ihr eigener Gefangener wird. Mag es nun eine junge Clique sein, die ja alle Morgen neu von sich selber fasziniert, von sich selber gefesselt ist. Mag es die Gemeinschaft einer ganzen Kirche sein, die vor lauter Beschäfti­gung mit sich selbst nicht nur die gottlose Welt, sondern am Ende sogar den lieben Gott zu vergessen droht. Oder mag es ein politisches Ge­meinwesen sein, das auf Kosten anderer stark sein will und rücksichtslos seine und nur seine Interessen durchzusetzen versucht. Auch gemeinsam sind wir davon bedroht, den Halt zu verlieren, den Grund unserer Ge­meinschaft einzubüßen, den gemeinsamen Boden unter unseren Füßen zu verlieren: haltlos, grundlos, bodenlos. Und „dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein“. Wie das? Wie soll man diesen Gegensatz verstehen?

Vor den Mauern der Stadt lauert Zerstörung, und innerhalb der Mau­ern lebt man lustig drauf los? Ist die Lust der Verzweiflung gemeint? Aus den bösen Zeiten der Pest ist dergleichen bekannt: mit der Seuche brach oft auch eine letzte verzweifelte Lebenslust aus. Also ein letzter Tanz, ein Tanz auf dem Vulkan? Übermut angesichts des Todes?

Oder wird hier – etwas weniger hochfahrend – eine idyllische Stadt­landschaft besungen: die behütete Stadt als Gegenwelt gegen die Verwü­stungen des Krieges, der vor den Mauern tobt? Wird der Pflege urbaner Idylle das Wort geredet: als Trotzreaktion auf eine sich zugrunderich­tende Welt? „Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe“? Und die Brunnen und Brünnlein plätschern den Rhythmus dazu? Luthers recht freie Übersetzung, die uns das Leben einer mittelalterlichen Stadt mit ihren Brunnen und Brünnlein vor Augen malt, könnte solche Gedanken nahelegen.

Doch auch wenn man den Urtext selber sprechen läßt, bleibt es bei diesem schroffen Gegensatz zwischen dem, was sich draußen abspielt, und dem Innenleben der Stadt. Nicht Brunnen und Brünnlein, sondern erfrischende Wasserarme ergötzen im hebräischen Urtext die umzingelte Stadt: Wasserarme, die die Stadt vielfältig durchfließen und deren Be­wohner erfreuen. Man muß nicht gleich an eine Nacht in Venedig den­ken. Das von Neckar und Ammer mehrfach durchströmte Universitäts­dorf Tübingen, in dem ich zu Hause bin, tut es auch. Und das vom Rhein durchströmte Basel tut’s allemal.

Doch unser Lied besingt weder Venedig noch Tübingen noch Basel. Unser Lied besingt Jerusalem. Jerusalem, die hochgebaute Stadt, aber hat keinen Strom, hat keinen Fluß, dessen Ar­me es durchströmen kön­nen. Und der Bach, den es hat, der Bach Kidron fließt, wenn er über­haupt einmal fließt, außerhalb der Mauern, tief unten im Tal, da, wo es hinauf auf den Ölberg geht. Offensichtlich besingt der Psalmist ein ganz anderes Jerusalem: ein Jerusalem, das in Wahrheit Gottes Stadt genannt zu werden verdient.

Und so hat er denn auch gar nicht an einen normalen Fluß gedacht. Er denkt vielmehr an die wunderbaren Ströme, die schon das Paradies bewässert haben und die nach uralter mythischer Kunde den Sitz der Gottheit umspülen: uralte Wasser, die verjüngt nach oben steigen, um die Gottheit und mit ihr auch des Gottes Stadt zu erfreuen. Denn diese Wasser erquicken nicht nur den Durstigen. Mit ihnen strömt Fruchtbar­keit ein ins sonst dürre Land. Sie sind Quellen aufblühenden Lebens, die der Wüste Kulturland abgewinnen: Segensströme, von denen wir leben!

Doch was nutzt alle Fruchtbarkeit, wenn das aufblühende Leben schutzlos bleibt? Schon klei­ne Kinder brauchen mehr als nur einen Schutz­engel, wenn ihr zartes Leben nicht nur kurz aufblühen, sondern allen es bedrohenden Gefahren zum Trotz wachsen und gedeihen soll. Und wenn wir dann erwachsen werden, sind wir noch immer darauf angewiesen, von guten Mächten wunderbar geborgen zu werden.

Der Psalmist verbindet deshalb das Bild von der wasserreichen Stadt mit dem Bild von der uneinnehmbaren, Schutz gewährenden Burg. Keine Macht der Welt kann sie bezwingen. Niemand vermag gewaltsam in diese Burg einzudringen. Ihre Tore tun sich nur von innen auf.

Das aber tun sie: sie öffnen sich tatsächlich – nein, nicht für die Selbstsicheren, nicht für herrische Burgherren, die ohne Sklaven nicht leben zu können meinen. Ganz im Gegenteil: die Tore dieser Burg öffnen sich für die von ihnen Verfolgten und für alle, die einen Halt brauchen und festen Grund und Boden unter den Füßen.

Für die, die gewaltsam in sie eindringen wollen, wird diese Burg hingegen zur uneinnehmbaren Festung. Doch wer das „Zauberwort“ kennt, das die Tore dieser Burg öffnet, wer also eingelassen wird, dem wird die uneinnehmbare Festung zum Ort der Freiheit. Das, was uns versklavt, dort fällt es von uns ab. Und das sind ja nicht nur äußerliche Mächte und Gewalten. Versklavt werden können wir auch von in uns waltenden Zwängen. Was das jeweils ist, was uns knechtet, wer das jeweils ist, dem wir Sklavendienste leisten – das mag ein jeder mit sich selbst ausmachen. Er wird dann schon merken, daß den uns äußerlich knechtenden Mächten und Gewalten nur zu oft eine innere Bereitschaft zur Unterwerfung, ja eine innere Bereitschaft zum Sklavendienst korre­spondiert.

Doch das alles fällt ganz von selbst von dem ab, der den rettenden Ort erreicht hat. Denn in dieser Burg wird man nicht nur die uns ver­folgenden und versklavenden Mächte los. Dort wird man sogar sich selber los, dort wird man seiner selbst ledig. Und also wirklich frei. Frei von sich selbst, und dadurch frei, nun mit sich selber etwas anzufangen, etwas Sinnvolles anzufangen. Und frei, mit dem Nachbarn zur Rechten und der Nachbarin zur Linken etwas anzufangen. In dieser Burg wird man ein richtiger Anfänger. Und also ein wirklich freier Mensch. Denn Freiheit ist – nach einer auch in theologischer Hinsicht glücklichen De­finition Immanuel Kants – das Vermögen, einen Zustand von selbst anzu­fangen.

Muß man eigens noch aussprechen, daß Gott, Gott allein, eine solche feste und gerade deshalb Freiheit verheißende Burg ist? Das „Zauber­wort“ aber, das die Tore, nein das Herz Gottes dazu bewegt, sich von innen zu öffnen, dieses Schlüsselwort heißt Vertrauen, heißt Glauben. Wer Gott vertraut, der ist auch schon bei ihm. Denn im Glauben, im Vertrauen auf Gott fahren wir – so hat es Luther in seiner an Prägnanz und Schönheit schwer zu überbietenden Sprache gesagt im Glauben fahren wir über uns hinaus in Gott.

Genau dazu will uns der 46. Psalm ermutigen: daß wir glaubend über uns hinausfahren, daß wir glaubend hingerissen werden von Gott und zu Gott, daß wir glaubend außer uns geraten in die herrliche Ekstase der Freiheit. Und wenn wir singen, liebe Gemeinde, wenn wir singend unsere Herzen zu Gott erheben, dann ist das zumindest ein Anfang, ein kleiner Anfang einer großen Freiheit.

Und so wollen wir nun das alttestamentliche Vertrauenslied in Luthers Fassung singen: nicht gegen irgend jemanden, sondern als Ausdruck un­seres Vertrauens zu Gott. Und wir wollen es so tun, als würden wir diesen Choral zum ersten Mal singen, und so, als würden wir dabei nicht von einem Blasorchester, sondern von einer Laute begleitet werden: bedächtig also und innig und zart – eben wie richtige Anfänger. Amen.

Gehalten im Basler Münster am 10. Mai 1998.

Quelle: Vergegenwärtigung des Alten Testaments. Beiträge zur biblischen Hermeneutik. Festschrift für Rudolf Smend zum 70. Geburtstag, herausgegeben von Christoph Bultmann, Walter Dietrich und Christoph Levin, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2002, S. 465-472.

Hier die Predigt als pdf.

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