Gustav W. Heinemanns lamettafreie Weihnachtsansprache 1973 im Zeichen der Ölkrise: „Nichts von dem, was notwendig ist, kann und wird geschehen, wenn nicht wir alle, jeder einzelne von uns, zur Unterstützung von Maßnahmen bereit ist, die schmerzlich sein werden und Opfer fordern. Das erste ist, daß jeder sich der Wirklichkeit nachhaltig bewußt wird, und zwar in ihrem Ernst und in ihrer Tragweite. Wir müssen endlich aufhören zu sagen: Was geht mich das an?“

Aus aktuellem Anlass Gustav Heinemanns Weihnachtsansprache 1973 im Zeichen der damaligen Ölkrise:

Aufruf zu verantwortlichem Handeln

Von Gustav W. Heinemann

Liebe Mitbürger!

Die Sparkasse von West-Berlin hat beschlossen, dieses Jahr nicht wie üblich schöne Kalender an ihre Kunden zu schicken, sondern die dafür nötige Ausgabe von 80 000 DM für einen sogenannten Abenteuerspielplatz zur Verfügung zu stellen.

Eine Gruppe junger Menschen mietete in einem Arbeiterwohn­viertel Räume, in denen sie Kinder von Gastarbeitern sammelt und betreut. Miete und Einrichtung bestreiten sie aus dem Lohn, den sie mit ihrer Arbeit neben ihrer Ausbildung verdienen.

Ein Bildberichterstatter begleitete eine Gruppe, die zur Rettung von Kindern nach Vietnam ging. Er wurde von seinen Erleb­nissen so gepackt, daß er nach Rückkehr seinen Beruf aufgab und wieder nach Vietnam ging. Dort sammelt er elternlose Kinder und versucht, ihnen Geborgenheit und Ausbildung zu verschaffen. Sein Anfang hat Freunde in Europa bereit ge­macht, ihm zu helfen.

Ich nenne diese Beispiele, weil sie uns Menschen zeigen, die sich durch fremde Nöte haben aufwecken lassen – Nöte, von denen mancher sagen würde: Was geht das mich an?!

Davon möchte ich heute aus zwei Gründen sprechen.

Wenn wir in diesen Tagen die Weihnachtsgeschichte hören, so erinnert sie uns daran, daß Gott sich unsere Nöte etwas an­gehen ließ – daß er in seinem Sohn Jesus Christus für uns und mit uns ist. Dies soll uns dazu bewegen, daß auch wir uns frem­de Nöte etwas angehen lassen.

Der andere Grund ist dieser: Keiner von uns kann für sich allein leben. Jeder von uns ist abhängig davon, daß eine arbeits­teilige Volkswirtschaft um uns herum zur Verfügung stellt, was wir brauchen.

Unsere eigene Volkswirtschaft aber steht in erdenweiten Ver­knüpfungen und Abhängigkeiten, zumal im Güteraustausch. Auch scheinbar weit entfernte Nöte und Probleme beeinflussen schon jetzt oder morgen unser eigenes Leben. Darum ist es kurz­sichtig, so leicht zu sagen: Was geht mich der Nachbar hier oder was geht mich der Mitmensch draußen in der Welt an?

Das aber greift noch weiter. Wir alle haben, wenn wir nur auf­merksame Zeitungsleser oder Nachrichtenhörer waren, von den Gefahren vernommen, die die Zukunft bedrohen.

Wir hören schon lange von der fortschreitenden Erschöpfung lebenswichtiger Rohstoffe. Sowohl als Produzenten wie als Verbraucher aber lassen wir das über uns ergehen, als ginge es uns nichts an. Jetzt freilich erleben wir vorweg etwas davon durch die willkürlichen Maßnahmen seitens der Ölländer. Wird diese Ölkrise ein heilsamer Schock für uns sein?

Wir hören auch schon lange von explosiver Vermehrung der Weltbevölkerung. Arbeitsplätze und Ernährung halten nicht Schritt. Millionen von Menschen sterben jährlich an Hunger. Allein in der Bundesrepublik Deutschland aber wurden in diesem Jahr 1,2 Millionen Tonnen Weizen für Menschen ungenieß­bar gemacht.

Wir hören von Rassenkonflikten, von grausamen Diktaturen, von Folterungen und von Flüchtlingsströmen. Wir wissen von dem Nahost-Konflikt zwischen Arabern und Israelis, den ein Krieg nicht lösen kann.

Militärische Rüstungen verschlingen Unsummen in aller Welt und geben doch nirgendwo das Gefühl von Sicherheit. Mit Atombomben kann sich die Menschheit ausrotten. Die Ausschal­tung der Massenvernichtungsmittel gelingt nicht. Wir müssen vorerst damit zufrieden sein, daß das Gleichgewicht des Schreckens unter den Großmächten anhält.

Wir wissen zunehmend von der Vergiftung und Verschmutzung unserer Umwelt oder der Meere durch die Abfälle der industriel­len Produktion.

Alle diese Menschheitsgefahren kennzeichnen eine große Un­ordnung der Welt. Sie sind das Ergebnis von viel Gleichgültigkeit, aber auch von Einzelinteressen, die einem solidarischen Handeln im Wege stehen.

Wie kann es gelingen, uns alle aus diesem verhängnisvollen Leichtsinn aufzurütteln? Das haben weitschauende Männer und Frauen in diesen Jahren immer wieder gefragt. Einer von ihnen hat im vergangenen Sommer einen Ausspruch geprägt, der mir immer wieder durch den Sinn gegangen ist.

Mit dem Holländer Sicco Mansholt, dem früheren Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft, führte eine Zeitschrift ein Ge­spräch, das im August unter der Überschrift veröffentlicht wur­de: »Die Katastrophe als Bündnispartner«. Mansholt wünschte damals, es möchte schnell eine Energieknappheit kommen. Sie werde uns vielleicht aufrütteln und bewußt werden lassen, daß wir an den Grenzen des Wohlstandswachstums stehen und um­denken müssen.

Nun, der fatale Wunsch nach Energieknappheit ist schneller ein Stück unserer Wirklichkeit geworden, als Mansholt erwartet haben mag. Aber er zielte ja auf mehr. Er hatte eine tiefgreifen­de Änderung unserer Lebensweise wie auch der Weltwirtschaft und Politik im Sinn – eine Änderung entsprechend der Größe der Gefahren und der sich daraus ergebenden Aufgaben. Unsere Verschwendungswirtschaft, so meinte er, müsse rechtzeitig auf eine Bewahrungsgesellschaft umgestellt werden, um den Konflik­ten vorzubeugen, die durch den Gegensatz von arm und reich, durch den Kampf um Rohstoffe, durch Verseuchung der Natur und der Umwelt heraufziehen.

Eine solche Umstellung wird jetzt unausweichlich durch die Ölkrise von uns gefordert.

Ich will in diesem Augenblick nicht von dem sprechen, was Re­gierungen zu tun haben. Ich will nicht Programme erörtern, die zur Lösung der weltweiten Probleme entworfen werden. Eines nur will ich hervorheben: Nichts von dem, was notwendig ist, kann und wird geschehen, wenn nicht wir alle, jeder einzelne von uns, zur Unterstützung von Maßnahmen bereit ist, die schmerzlich sein werden und Opfer fordern.

Das erste ist, daß jeder sich der Wirklichkeit nachhaltig bewußt wird, und zwar in ihrem Ernst und in ihrer Tragweite. Wir müssen endlich aufhören zu sagen: Was geht mich das an?

Daraus folgt als nächstes eine Überprüfung unserer Vorstellun­gen vom Sinn und Wert unserer Lebensweise. Weil wir darin so sicher waren, haben wir vieles zu lange verdrängt.

Wir haben uns angewöhnt, daß es uns – aufs Ganze gesehen – ständig besserzugehen hat. Unsere Bedürfnisse sind immer viel­fältiger und größer geworden. Unsere Vorfahren produzierten, um vorhandenen Bedarf zu decken. Wir haben angefangen, Be­dürfnisse zu wecken, um zusätzliche Produktionen einzuleiten und unterzubringen. Mit einer Bewußtseinshaltung, die überall auf Vermehrung, auf Vergrößerung, auf Beschleunigung gerich­tet ist, haben wir den großen Wiederaufbau nach dem Kriege betrieben und unsere verführerische Wohlstandsgesellschaft ge­schaffen. Jetzt aber stoßen wir an Grenzen. Deshalb steht unsere Bewußtseinshaltung in allen Schichten unseres Volkes heute zur Überprüfung. Sie zielt auf jeden von uns selbst in unseren liebgewordenen Gewohnheiten und unseren Ansprüchen.

Die Völlerei im Energieverbrauch kann nicht weitergehen. Wir haben oft zum Fenster hinausgeheizt. Wir haben mit elektri­schem Licht geaast.

Was verschwenden wir nicht alles an Aufmachungen und Ver­packungen?

Jahrelang ist der Energieverbrauch sprunghaft gestiegen. Er ist zum Maßstab für den Fortschritt und den Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft erhoben worden. Wann immer der gegen­wärtige Ölboykott der arabischen Länder sich lösen wird – es wird auf jeden Fall eine arge Verteuerung des Öls nachbleiben und uns in vieler Hinsicht zu ebenfalls verteuernden Ersatz­lösungen zwingen.

Das alles heißt: Wir werden wieder an Sparsamkeiten denken müssen.

Wir müssen uns fragen, was brauchen wir wirklich und was macht das Leben wirklich lebenswert. Dazu gehören z. B. dauer­hafte, umweltschützende und möglichst wenig Energie verbrau­chende Geräte. Dazu gehört eine Ablösung einiger bisher privat befriedigter Bedürfnisse durch allgemeine Einrichtungen wie etwa manches eigenen Autos durch bessere allgemeine Verkehrsmittel. War es nicht ungeheuer anstrengend, in dem bisherigen Wettlauf um Prestige und Renommieraufwand Schritt zu halten? Viel­leicht läßt uns auch die Art unseres weihnachtlichen Schenkens darüber nachdenken.

Das alles meine ich nicht als Lobpreis eines möglichst einfachen Lebens, wohl aber als Hinweis auf ein vernünftigeres Leben in Arbeit und Verbrauch.

Natürlich sind auch Entscheidungen der Regierungen erforder­lich, und zwar sowohl im nationalen als auch im internationalen Bereich.

Kann unsere Regierung, um jetzt nur von dieser zu sprechen, gesamtverantwortlich handeln, wenn wir sie unausgesetzt mit Sonderinteressen aller Art behelligen, anstatt von ihr zu for­dern, daß sie alles für das Gemeinwohl Gebotene auch dann tut, wenn es Einzelinteressen zuwiderläuft? Die Regierung ihrerseits freilich muß in allen Maßnahmen ein Höchstmaß an Gerechtig­keit erkennbar machen.

Unsere Reformvorhaben werden schwieriger, manche aber auch dringender. Wir alle müssen dazu beitragen, daß sie nicht steckenbleiben.

Schließlich: Die immer engere Verflechtung aller Länder bewirkt, daß wir nicht nur unsere eigenen Interessen im Auge haben dür­fen, sondern zugleich den Völkern in der dritten Welt helfen müssen, den Weg in eine bessere Zukunft zu finden. Entwick­lungshilfe geht jeden von uns an, weil wir eigenen Wohlstand nicht auf der Armut anderer aufbauen können.

Je länger wir treiben lassen, wie wir diese unsere Erde nutzen, ohne an ihre Bewahrung zu denken, je länger wir ihre solidari­sche Ordnung versäumen, um so härter werden uns die Folgen treffen, und wenn nicht uns selbst, dann unsere Kinder und Kindeskinder. Wir haben lange genug geglaubt, daß wir viel Zeit vor uns haben. Jetzt merken wir, daß die Zeit drängt. Der Schock der Ölkrise muß uns munter werden lassen. Darum kann keiner sagen: Was geht mich das alles an?

Als der alte Bodelschwingh, der Gründer der Betheler Anstal­ten, im Sterben lag und von furchtbaren Leiden unter den Kongonegern hörte, trieb er seine Mitarbeiter zu schnellem Han­deln an mit den Worten: »Nur nicht zu langsam, nur nicht zu langsam, sie sterben darüber.«

Diese Worte Bodelschwinghs spreche ich in unsere Weihnacht hinein. Sie rufen uns zu, Abschied zu nehmen von den gleich­gültigen Fragen: Was geht es mich an? Sie rufen uns zu verant­wortlichem Handeln.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten über alle Hörfunk- und Fernsehsender vom 24. Dezember 1973.

Quelle: Gustav W. Heinemann, Allen Bürgern verpflichtet. Reden des Bundespräsidenten 1969-1974, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1975, S. 257-262.

Hier der Text als pdf.

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