Philipp Melanchthon über den Nutzen der Historien und die Ordnung der Geschichte in seiner Vorrede zu Carions Chronik (1532): „Gott gebe nur gnad, das als denn der Jüngste tage bald kome, dem unrat zu steuren. Denn die heilig Schrift tröstet und leret uns klerlich, das der Jüngste tag bald komnen sol nach zurstörung dieses Deudschen reichs.“

Vorrede zur Chronik Carions über den Nutzen der Historien und deren Ordnung (1532)[1]

Von Philipp Melanchthon

Wozu historien zu lesen nützlich ist

Wiewol die historien meniglich nützlich sind umb vieler Ursachen willen, die ich nachmals erzelen wil, so sind es doch in Sonderheit könige und fürsten Bücher aufs höhest nützlich und not allen regenten. Denn nicht allein die heidnischen, sondern auch der heiligen schrift histo­rien haben furnemlich zu thun mit den regimenten. Die schrift leret uns von Gottes willen und wort und von dem ewigen reich Christi; doch leret sie daneben auch vom weltlichen reich und stellet uns für viel schöner exempel, im regiment nützlich und dienstlich, die fürsten zu leren und zu vermanen zu rechten fürstlichen tugenden. Aber die heidnischen historien sagen von ankunft aller hohen königreichen, und aus welchen Ursachen verenderung darin furgefallen, und von aller geschicklicheit und tugenden, die dazu gehört, land und leut zu regiren. Darümb sollen die historien billich fürsten bücher sein und genennet werden.

Nach dem nu zweierlei tugent eim ieden not sind, nemlich eusserliche, welt­liche tugent, darüber auch Gottes forcht und glauben, tragen uns die historien beiderlei exempel für. Und erstlich zu reden von weltlichen tugenden, sollen hierin furnemlich die fürsten die exempel und hendel mercken, dadurch sie erin­nert mögen werden, wie sie sich im regiment halten sollen, nemlich wie sich löb­liche könig und fürsten gehalten haben, so gemeinen nutz ge­foddert, recht erhal­ten, unrecht ernstlich gestraft, nicht unnötige krieg angefangen, sondern oft durch gedult friden erhalten, aber in der gegenwer sich getrost und ernstlich erzeiget haben, den fromen und fridsamen gnedig und freundlich gewesen, die lender an macht und an reli­gion und guten sitten gebessert. Dagegen sollen sie sehen, wie sich die tyrannen gehalten, wie es ihnen ergangen, aus wilchen Ursachen grosse und schedliche verenderung der regiment gefolget sind; als nemlich aus tyrannei, wie Pharao umbkomen ist und zu Rom die könig veriaget sind; item aus stoltz, neid und hass der fürsten unter sich, wie Pompeius allein aus neid gedacht C. Cesarem unterzudrücken; item aus leichtfertiger neuigkeit, wie zu Rom leges Grachorum ursach zu einem greulichen krieg gaben und das Mahometisch reich aus ketze­reien entstanden ist; item aus fahrlichen Bündnissen, wie Athen land und leut verloren hat über solchen bündnissen. Dis und dergleichen stück ist sehr nützlich den regenten zu mer­cken, damit sie sich lernen hüten und fursichtiger handeln, denn es feilet teglich der gleichen für. Welt bleibt welt, darümb bleiben auch gleiche hendel in der welt, ob schon die personen absterben. Derhalben sagt Thucidides, der ein erfarner krigsman gewesen ist und ein grossen langen krieg und seltzam hendel, die sich untern Grecken zugetragen, beschriben hat, das historia ein schätz sein sol, den man bei der hand haben sol, damit man sich in gleiche feile schicken könne, dieweil immer gleiche Sachen widder furfallen[2], und ist warlich historia ein rechter fürstlicher schätz, dadurch sich ein regent mancher­lei erinnern kan.

Uber das aber sind auch exempel in historien, die einem iglichen dienen, als von gehorsam gegen der öberkeit und straf der ungehorsamen, als wie Absalon, Catilina, Brutus, Cassius und dergleichen gestraft wurden; von treu in freund- schaft, als wie Jonathas dem David sein leben errettet; von straf des ehebruchs und dergleichen läster, wie David gestraft ward. In summa: Wie man in allen künsten exempel zu der regel fursteilet, also werden uns in historien exempel furgemahlet aller lahr von tugenden. Nu sihet man am exempel und an der that, wie schön tugent, wie schedlich und schendlich untugent ist, viel klerer denn in der regel. Der­halben solche furgestellete bilder sehr deutlich leren, ia leren nicht allein, sondern vermanen, bewegen und entzünden wol gezogne leute, das sie lust und lieb zu tugent und zu ehren ge­winnen. Ja ich halt, es sei kein mensch so wild, wenn ehr ein treffliche, löbliche that oder ein schreckliche straf liset, das solche ihm nicht zu hertzen gehe.

Ich habe in kürtz angezeiget, das man in historien exempel von weltlichen tugenden und Sa­chen mercken sol; nu sol ein Christ Gottes nicht vergessen, son­dern auch lernen, das historien nützlich sind zu Gottes forcht und zum glauben, denn diese zwo sind die furnemisten christli­chen tugent, welche mit Gott handeln. Wie wol nu die heidnischen historien nicht mel­den, das Gott etwas mit den leuten thue, so sol doch ein Christ wissen, das Gott alle regiment in der welt erhelt.

Darümb wirckt ehr auch dabei, straft unrecht und gewalt, gibt auch bei der weile grosse rügenden unter den beiden. Denn die regiment können nicht erhalten werden widder den teufel one sonderliche Gottes gaben und solche hohe tugenden. Also sol ein Christ gedencken und wissen, das solche löbliche thaten und strafen Gottes werck sind, und daran lernen Gott fürchten, als nemlich, das die tyrannen schrecklich gestraft sind laut des Spruchs[3]: Wer das schwerd nimpt, das ist, wer es selbst nimpt one bevehl, der sol mit dem schwerd umb­komen. Dagegen sihet man, das Gott fromme fürsten und regenten so gewaldiglich schützet, das auch die beiden es dafür angesehen, das die fürsten in Gottes schütz seien, denn Homerus spricht, Gott werfe seinen eigen schild für, sie zu schützen im streit[4], tichtet, wie ieder furst sein helfet hab, als Achilles Palladem etc.

Und sonderlich wird solchs klar ausgedrückt in historien der heiligen schrift, als von Abra­ham, David, Ezechia[5] etc. und anderen, das sie Gott behüttet habe, und sind allen fürsten fur­gemahlet, das sie wissen sollen, das Gott der gleicher* sich gegen allen fromen erzeigen wille. Denn dis ist die unterschid zwischen heid­nischen und der heiligen schrift historien, das die heilige schrift Zeugnis gibt, wilche Gottes werde sind; darüber auch nicht allein weltliche Sachen erzelet, sondern furnemlich Gottes reich beschreibet, wie Gott sein wort gebe, wie ehr gnad erzeige und selig mache, davon die heidnischen historien nicht wissen.

Und sollen derhalben furnemlich alle Christen der heiligen schrift historien zu unterricht und sterckung des glaubens lernen. Erstlich, wie Gott alle ding er­schaffen hat, woher die sund entsprungen sei, wie Gott dagegen sein reich ein­gesetzt hat, sein wort geben und Christum verheissen und gesand hat, die sund zu vergeben und selig zu machen. Item, wie Gott, als ehr sein wort gegeben für und für, das reich Christi erhalten hat. Item, wie das reich Christi, das ist: die heiligen von anfang gelitten haben, der teufel mit der grösten macht der welt widder Gottes wort gefochten hat. Item, wie Gott für und für seine Verheissungen wunderbarlich über aller menschen Weisheit und gedancken geleistet hat. Item, wie Gott uns fürhelt beide schreckliche straf und gnad exempel, als wie dem David und andern ihr sund vergeben warde, das wir dadurch auch tröst empfahen und lernen glauben, Gott wolle gnedig sein. Item, wie Gott, uns zu stercken, allerlei prophetien, auch von weltlichen reichen, gegeben, dadurch wir Zeugnis hetten, so solche eusserliche Weissagung erfüllet wurden, das gewislich dieses wort, das wir haben, von Gott körnen und kein ander glaub denn der unser recht sei. Item, das wir erinnert würden, wenn Christus hat komen sollen, und wenn sich das ende der welt nahen wird. Item, so wir befünden, das alles geschehen, wie es prophezeiet ist, das wir uns gewislich versehen, was die schrift meldet, das noch künftig sein sol, das werde auch geschehen. Und zu richtigem verstand der prophezeien mus man Ordnung der reich, zal der jar und allerlei wis­sen, so man in heidnischen historien findet. Darümb die Christen auch solche heidnische historien zu besserem unterricht in den prophezeien wissen und ge­brauchen müssen.

Aus diesem allen mag ein ider mercken, wie nützlich es sei, historien zu lesen, und sol aus betrachtung solchs grossen nützes billich dazu angereitzet und getriben werden.

Anleitung, wie historien ordenlich zu fassen und zu lesen sind.

Wer historien nützlich lesen wil, sol alle zeit von anfang der welt in ein richtige Ordnung fassen; darümb haben etlich die welt geteilet in sieben etates und rechen die selbigen man­cherlei, machen damit mehr ein Unordnung denn ein Ordnung. Ich wil für mich nemen den köstlichen Spruch des trefflichen propheten Elia, der hat die welt fein geteilet in drei alter und damit angezeiget die höch­sten verenderung in der welt, auch, wenn Christus hat körnen sollen, wie lang auch diese welt weren sol, und lautet also:

Der spruch des hauses Elia.

Sechs tausent jar ist die welt, und darnach wird sie zubrechen.

Zwei tausent oed.

Zwei tausent das gesetz.

Zwei tausent die zeit Christi.

Und so die zeit nicht gantz erfüllet wird, wird es feilen umb unser sunde willen, wilche gros sind.

Das ist, zwei tausent jar sol die welt stehen oed, das ist one ein gefasset regiment durch Gottes wort. Darnach sol die beschneidung und das gesetz körnen, und ein regiment und Gottes dienst durch Gottes wort von neu geordnet werden; das sol auch zwei tausent jar weren. Dar­nach sol Christus körnen, und die zeit des evangelii sol auch bei zwei tausent jaren haben; doch werden etliche jar daran abgehen, denn Gott wird eilen zum ende, wie Christus spricht Matthei 24 [V. 22]: Wo diese zeit nicht verkürtzet würde, würde niemands selig.

Diese Ordnung wollen wir halten und dieses buch in drei stück teilen. Das erst weret von Adam auf Abraham, denn diese sind die ersten zwei tausent jar, da­von wenig, aber grosse Sachen beschrieben, und man findet von dieser zeit nichts gründlichs, denn allein in der Bibel.

Die andern zwei tausent jar sollen gerechnet werden von Abraham bis auf die gepurt unsers Herrn Jhesu Christi, wie wol es nicht gantz zwei tausent jar machet, denn (wie gesagt) Gott eilet zum end. Und diese zeit ist der welt rechtes vermöglichs alter, darinnen die grossen reich und monarchien nach einander körnen, und die welt all ihr macht erzeiget hat. Drümb müssen wir diese zeit teilen in die vier monarchien, denn Gott hat die welt in ein regiment fassen wol­len, zucht zu erhalten und den bösen zu weren.

Darümb hat er monarchien angericht, das ist solche reich, da ein potestat den grösten und besten teil innen gehabt, fride und recht zu erhalten, der solchs ver­mögens gewesen, das dennoch andere könig, ob sie schon nicht unterthan gewe­sen, sich widder solchen potestat nicht haben setzen können; und sind nach ein­ander vier monarchien gewesen. Erstlich haben regirt die Assyrier, darnach die Persen, darnach die Greken, darnach die Römer. Und hat Gott die Deudschen für andere nation zu dieser ehre und hoheit der welt auffs letzt gezogen. Denn wie wol sie nicht das gantz Römisch reich inhaben, denn Gott hat verkündiget, er wol die monarchien zu letzt geringer machen, so bleibet doch die hoheit bei dem Römischen reich, und müssen alle könig ein aufsehen auf dieses reich haben. Derhalben ob schon unsere keiser nicht allezeit gleich mechtig sind, so gibt doch Gott immer zu Zeiten ein mechtigen keiser, das die hoheit erhalten werde zu gut der religion und einigkeit aller lender. Und solten die deudschen fürsten und sonderlich die chürfursten, solche ihr ehre billich hoch und teuer ach­ten, das ihnen Gott die hoheit in der welt bevohlen, religion, recht und fride zu erhalten. Denn es ist warlich viel an dieser monarchi, wie wol sie gering scheinet, gelegen, und sollen billich die fürsten Uneinigkeit und zwitracht zwischen ihnen selbst verhüten, damit sie nicht ursach geben, das dieses reich zerrissen und das rechte heubt der gantzen weltordnung zerstöret wer­de, dadurch hernach Unordnung folgen müste in gantzer Christenheit, als ich leider besorge, das geschehen werde; Gott gebe nur gnad, das als denn der Jüngste tage bald kome, dem unrat zu steuren. Denn die heilig Schrift tröstet und leret uns klerlich, das der Jüngste tag bald komnen sol nach zurstörung dieses Deudschen reichs.

Das sei auf dis mal gnug von monarchien geredt, das ein iglicher wisse der welt hendel und historien in die vier monarchien zu ziehen. Diese Ordnung hilft dem gedechtnis, und ist sonst nützlich zu sehen, wie und aus was Ursachen die reich sich verendetet haben, daraus zu lernen, wie man verhüten sol alles, das verenderung der reich bringen mage.

Die letzte zeit sind zwei tausent jar von Christus gebürt an zu ende der welt, wiewol dabei angezeiget, das nicht gantz zwei tausent jar sein sollen. Und war­lich dieser spruch begreift viel nützlicher lehre, und ist sonderlich wol zu mercken, das er von der zeit Christi, auch wenn der welt ende körnen sol, weissaget. Der­halben ich ihn gern hie forn angezogen habe, damit er meniglich bekam werde. Wie aber die Römisch monarchi nach Christus gebürt sich verendert und auf die Deudschen körnen, wie auch das Mahometisch reich entstanden und wie das baps- tumb in weltlichem gewalt gestigen, wil ich in diesem dritten teil anzeigen.

Uber das sol man fleissig in Historien acht haben, das Gott zweierlei reich, das weltlich und die kirch odder reich Christi, angerichtet hat. Und ist not zu mercken, wie die kirch bald im anfang der welt angefangen, und wie sie für und für er­halten ist. Darümb will ich zu sterkung des glaubens zu ieder zeit anzeigen neben den weltlichen reichen, wo das reich Christi gewe­sen und wie es darin gestanden ist. Daraus ein Christ viel hoher, nützlicher stück lernen und mercken mage.

Quelle: Heinz Scheible (Hrsg.), Die Anfänge der reformatorischen Geschichtsschreibung: Melanchthon, Sleidan, Flacius und die Magdeburger Zenturien, Gütersloh: GVH, 1966, S. 14-18.


[1] Chronica durch Magistrum Johan Carion vleissig zusamen gezogen: Einleitung.

[2] Thuk. 1,224.

[3] Mt 26,52.

[4] Ilias 5,437; 16,704.

[5] Ezechias = Hiskia, vgl. 2 Kön 18-20.

Hier der Text als pdf.

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