Karl Barths Betrachtung über Daniel 9,18 zum Bettag 1942: „Wir haben ein neues, selbstsüchtig auf seine eigene Erhaltung bedachtes und gerade darum der Drohung der fremden Macht gegenüber unsicheres Schweizertum, eine neue, dem jeweils stärksten Wind von außen sich anpassende Neutralität, eine neue, die offene Sprache im eigenen Haus nicht mehr schützende, sondern unterdrückende Unabhängigkeit, ein neues, der verfolgten Freiheit nur noch wenig tröstliches und hilfreiches Asylrecht erfunden und als gültig erklärt.“

Betrachtung zum Eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag 1942

Von Karl Barth

Nicht im Vertrauen auf unsere Verdienste bringen wir unser Flehen vor dich, sondern im Vertrauen auf deine große Barmherzigkeit (Dan. 9,18).

Laßt uns so, laßt uns genau mit diesen Worten und in der ganzen tiefen und bewegenden Wahrheit dieser Worte vor unseren Gott treten, wenn wir recht und zu unserem Heil Bettag feiern wollen: «Nicht im Vertrauen auf unsere Verdienste bringen wir unser Flehen vor dich, sondern im Vertrauen auf deine große Barmherzigkeit.» So hat der Prophet Daniel mit seinem Volk und für sein Volk gebetet. Wie sollten wir von uns aus, aus unserem eigenen Herzen und Denken heraus recht beten können? Wie wäre uns das zuzumuten? Was würde dabei herauskommen? Wir würden uns dann im besten Fall einen gewissen Aufschwung geben und im besten Fall einige schöne Gedanken erreichen: etwa über die Allmacht, die die ganze Welt und auch unsere Berge begründet, etwa über das Schicksal, das über allen Völkern und so auch über uns waltet, etwa über den guten Geist, von dem unsere Ahnen bewegt waren und von dem wir gelegentlich wohl wollten, daß er auch der unsrige wäre. Was dann? Solcher Aufschwung und solche Gedanken würden ja gewiß auch unterbleiben können. Sie sind Luxus, durch den nichts geschafft, nichts anders und besser wird. Wir können uns heute keinen Luxus erlauben. Rechtes Beten aber ist kein Luxus. Rechtes Beten schafft etwas. Rechtes Beten macht uns selbst und damit alles — wirklich alles — anders und besser. Eben das rechte Beten fängt aber an mit der großen befreienden Erkenntnis: «Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, aber der Geist selbst tritt für uns ein» [Röm. 8,26]. Seht, wie er jetzt wirklich für uns eintritt, wie er jetzt unserer Schwachheit zu Hilfe kommt, wie er uns jetzt alle Nebenwege abschneidet und alle Irrwege verbietet: ganz schlicht damit, daß er uns das Wort des Propheten auf die Lippen legt, damit wir es nachbeten und mitbeten und gerade so sicher selber recht beten! Das ist ja der Geist — der Heilige Geist nämlich —, der auch unsere Bettagsfeier allein heilig machen kann, der sie aber ganz sicher heilig macht, wenn wir ihm nur lauschen und folgen wollen: der Geist von Gottes Propheten und Aposteln, deren Haupt und Herr der Sohn Gottes selber, deren Sprache Gottes selber ist und also die Sprache, die sicher zu Gott dringt, die Gott sicher hört und erhört auch aus unserem schwachen und törichten Munde. «Nicht im Vertrauen auf unsere Verdienste bringen wir unser Flehen vor dich, sondern im Vertrauen auf deine große Barmherzigkeit.» Das, das ist des einen wahren, lebendigen Gottes Sprache. Alle, zu denen er von jeher geredet hat, haben diese Sprache gehört und haben ihm wieder in dieser Sprache geantwortet. Und wenn er auch sie gehört und erhört hat, dann darum, weil sie, vom Heiligen Geiste gelehrt, mit den Worten der Propheten und Apostel und unseres Herrn Jesus Christus selber in dieser Sprache zu ihm geredet haben. Ist sie uns fremd? Ja, ganz fremd, denn aus unserem Herzen und Kopf heraus würden wir bestimmt immer wieder eine andere Sprache reden. Ist sie uns schwer? Ja, sehr schwer, denn auch wir Schweizer und gerade wir geben uns nicht gerne dazu her, die demütige Sprache Gottes zu reden. Aber nun wird sie uns ja bekannt und leicht gemacht. Nun wird uns ja das rechte Beten ganz einfach geschenkt, indem es uns aufgeschrieben und vorgeschrieben ist: wirklich uns, für unsere Zeit, für diesen unseren Bettag 1942, so daß wir gar nichts Besonderes damit zu machen, sondern es nur anzunehmen — so daß wir gar nichts zu erfinden und hinzu zu tun, sondern eben nur einzustimmen brauchen. Es ist wirklich der Geist und so Gott selbst, der für uns eintritt, der alles gut macht, was wir mit eigenmächtigem Beten gewiß nicht gut machen würden. Wir brauchen bloß dankbar zu sein. Und darin besteht die Dankbarkeit gegen Gott, daß wir nehmen, was er uns mit seinem Wort ins Herz und auf die Lippen legt. Was für ein großer und freundlicher Gott, der außer dieser Dankbarkeit gar nichts von uns zu fordern hat!

Wohin sollen und wollen wir uns wenden, wohin blicken und wohin gehen, wenn wir in dieser gefährlichen Zeit unseres Lebens als Volk in diesem unserem lieben Lande, im Räume unseres von unseren Vätern und von uns selbst gebauten und geordneten Staatswesens gedenken? Wollen wir noch und noch einmal Umschau halten und Einkehr üben, die Welt und unsere Lage in ihr und uns selbst zu prüfen und zu verstehen und vielleicht neue Entschlüsse daraus zu gewinnen versuchen? Wer wollte bestreiten, daß das auch gut und nötig ist und von jedem Schweizer jeden Tag mit neuem Ernst und Eifer getan werden müßte? Wehe uns, wenn wir ein Volk von Gedankenlosen wären oder würden! Wehe uns, wenn solche Umschau und Einkehr nicht zu unserem dringendsten Alltagswerk gehörte! Aber das Werk des Bettags gehört gerade nicht zu diesem Alltagswerk. Es ist Sonntagswerk. Es besteht — und das ist’s, was uns der Geist vor allem zu sagen hat — darin, daß wir uns zu Gott wenden und unser ganzes Gedenken an Volk und Land und Staat vor ihn bringen: nicht vor das Urteil unseres Verstandes, Herzens und Gewissens, sondern vor sein Urteil. Ob unser Urteil etwas taugt, ob wir durch unseren Verstand, unser Herz und unser Gewissen richtig beraten sind, das hängt davon ab, daß wir uns seinem Urteil unterwerfen. Ob unser Alltag gut und fruchtbar ist, das hängt davon ab, daß er einen Sonntag neben sich hat, an dem dieses Sonntagswerk geschieht. Ob wir recht arbeiten in der rechten notwendigen Umschau und Einkehr mitten in dieser gefährlichen Zeit, das hängt daran, daß wir recht zu feiern — und zwar eben Sonntag zu feiern wissen. Und das heißt Sonntag feiern — gerade der Bettag ist ja nur eine besondere Sonntagsfeier —, daß wir unsere Sache und nun also die Sache unseres Volkes, Landes und Staates vor Gott bringen. Denn der Sonntag ist der Tag der Auferstehung unseres Herrn. Und in der Auferstehung unseres Herrn ist mit der Sache aller Menschen auch unsere Sache ein für allemal vor Gott gebracht worden. Sonntag feiern heißt, dessen gedenken und daran teilnehmen, daß dies vollbracht ist. Dort, in der Auferstehung unseres Herrn ist das heilige, das gerechte und barmherzige Urteil über alles, was in der Welt geschehen ist, geschieht und noch geschehen wird, und also auch über das Tun und Lassen von uns Schweizern von 1942 gesprochen worden. Dort ist also die Instanz, der unser Urteil, wenn es gesund sein soll, unterworfen werden muß. Ob wir Christen seien, das ist’s, wonach wir jedesmal, wenn es wieder Sonntag, und wonach wir, wenn es nun Bettag wird, gefragt sind. Verstehen wir uns wohl: nicht ob wir moralische, ideal gesinnte, religiöse Menschen, nicht ob wir entschlossene und einsatzbereite Schweizer seien. Danach fragt uns der Alltag, und darauf müssen wir am Alltag Antwort geben. Der Sonntag, der Bettag aber fragt uns, ob wir Christen und darum und als solche die Menschen, die Schweizer sind, die unser Volk und Land und Staat gerade heute nötig hat. Was immer uns als schweizerische Not und Aufgabe und Hoffnung bewegen soll, es wartet — weit hinaus über alle Mühe und Arbeit, weit hinaus über alle Umschau und Einkehr, die wir ihm zuwenden mögen — auf unser Sonntagswerk. Es wartet darauf, daß wir es, dem Heiligen Geist gehorsam, vor Gott bringen. Es wartet darauf, daß auch unser klügstes, gemessenstes, reifstes Urteil noch einmal gemessen werde an dem Urteil, das Gott über alle menschlichen und so auch über unsere schweizerischen Dinge in Jesus Christus gesprochen hat. Dieser Erwartung können wir nur als Christen entsprechen. Darum ist die Einladung des Bettags keine andere als die Einladung des Weihnachtstags, des Karfreitags, des Ostertags, des Pfingsttags, des Himmelsfahrtstags: Wir alle ohne Ausnahme dürfen Christen sein, das Werk von rechten Christen tun. Nach einer «christlichen Schweiz» ist nicht gefragt und erst recht nicht nach einem besonderen schweizerischen Christentum.

Das Sonntagswerk, das geschehen muß, würde wahrscheinlich gerade dann nicht geschehen und das uns gebotene Alltagswerk auch nicht, wenn wir solchen Vorstellungen nachjagen würden. Aber nach den Christen in der Schweiz, nach den christlichen Schweizern ist gefragt, d.h. aber nach den Schweizern, welche wissen und daran sich halten wollen, daß das Urteil des einen wahren lebendigen Gottes, der in Jesus Christus der Herr ist, nicht nur das höchste, sondern das gültige, das auch in Sachen unseres Volkes, Landes und Staates entscheidende und also allen Ernstes zu hörende und zu respektierende Urteil ist. Beten heißt, diesem Urteil nachsinnen und nachgehen, um dann — nicht vorher, sondern dann und also nachher — zu einem eigenen Urteil zu kommen. Ein Christ, ein christlicher Schweizer sein heißt diese Reihenfolge innehalten und also dem Sonntagswerk des Gebetes Raum, die ihm gebührende erste Stelle geben. Wir sind, so wahr wir alle durch unsere Taufe unter das Zeichen des Kreuzes gestellt sind, eingeladen, in diesem nüchternen, klaren Sinn Christen zu sein und unseren Verstand, unser Herz und unser Gewissen als solche zu brauchen und reden zu lassen, die das mit Ernst sein wollen.

Es wird aber das, was wir als christliche Schweizer vor Gott zu bringen haben, notwendig unser Flehen sein. Nicht unsere Überzeugungen, Grundsätze, Standpunkte als etwas in sich Festes und Abgeschlossenes, zu dem nun Gott nur noch sein Ja und Amen zu sprechen [hätte], zu dessen Durchführung er uns dann ohne weiteres behilflich sein müßte. Der Geist sagt: unser Flehen. Wir können und müssen am Alltag unserer Sache leidlich sicher sein, leidlich genau wissen, was wir sollen und wollen. Warum wissen wir es nicht besser? Vielleicht gerade darum, weil wir zu wenig ernstlich Sonntag feiern. Wir würden am Alltag ganz anders stehen, wenn wir besser wüßten, daß wir am Sonntag knien dürfen, und wenn wir das auch wirklich tun würden. Denn zu Gott kann man nur auf den Knien kommen. Was wir vor Gott bringen können, kann nur unser Flehen sein: uns selbst mit allem, was uns bewegt als ein einziges Flehen, alles Feste in eine große Bewegung, alles Abgeschlossene in eine große Offenheit, aller Besitz in ein großes Bedürfnis, alles Wissen in ein großes Fragen verwandelt. Wer zu Gott fleht, der möchte und will von sich selbst — auch von dem Besten, was er ist und hat — weg und zu Gott fliehen. Er ist ein Armer, der weiß, daß ihn nur Gott reich machen kann. Er hat leere Hände, und er will sie nur von Gott gefüllt haben. Das ist ein christlicher Schweizer ein bewegter, ein offener, ein fragender, ein zu Gott fliehender, ein vor Gott armer, zu Gott leere Hände ausstreckender und so ein zu Gott flehender Schweizer. Es mag uns hart ankommen, anzunehmen, daß unser Sonntagswerk und Bettagswerk eben darin besteht, daß wir als solche Schweizer zu Gott kommen. Wir sind Leute, die auch mit dem lieben Gott lieber auf gleichem Fuß, von Partei zu Partei, verkehren würden. Aber es ist schon so und gilt auch für uns: was der Mensch vor Gott zu bringen hat, das kann nur sein Flehen sein. Was er sonst bringen wollte, das würde er sofort anderswohin bringen als zu Gott, und es würde sein Tun dann mit Beten nichts zu tun haben, das notwendige und heilsame Sonntagswerk gar nicht sein. Und es ist schon so: was sich am Werktag bewährt als der zuverlässige Grund, auf dem man leben kann, was gerade in unserer Zeit die Kraft nachhaltigen Widerstandes hat, das kann nur dasselbe sein, was am Sonntag vor Gott in den Schmelztiegel geworfen und zu einem einzigen Flehen wird. Den Demütigen und nur ihnen, den aufrichtig und gründlich und gänzlich zu ihm Flehenden, gibt Gott Gnade [vgl. 1. Petr. 5,5] — wohlverstanden die Gnade zu dem rechten, zähen, sicheren Mut, den wir Schweizer heute haben und an den Tag legen müssen, wenn nicht aller Selbstruhm, mit dem wir uns in besseren Tagen so freigebig bedacht haben, eitles Geschwätz gewesen sein soll. Das Geheimnis solchen Mutes ist die Demut, ist das Flehen zu Gott, in welchem der Mensch sich gar nichts einbildet und vorbehält, in welchem er alles, was er ist und weiß und hat, dahinten läßt und es Gott erlaubt, mit ihm anzufangen — wirklich neu anzufangen! —, was er will, als ob da noch gar nichts wäre. Aber täuschen wir uns nicht: die Erschütterung, in der wir das heutige Weltgeschehen begleiten, die Sorge und Unruhe, mit der wir in unsere eigene Gegenwart und Zukunft blicken, unsere Sehnsucht nach Rat und Hilfe in der Bedrängnis unserer Tage, unsere halb schmerzliche, halb zornige Hoffnung auf eine bessere Ordnung der menschlichen Dinge und auch unser unzufriedener Schrei nach einer besseren Menschheit sind dieses Flehen zu Gott noch nicht. Es kann das alles in uns sein, ohne daß es darum Sonntag würde, ohne daß wir darum vor Gott auf die Knie fallen und vor ihm still, offen und nachgiebig würden, seinem heiligen Urteil uns wirklich unterwerfen würden. Wür­de dieses Sonntagswerk geschehen, dann wären wir ja durch Gottes Gnade mutig. Solange wir das nicht sind, steht auch das Flehen zu Gott, steht auch die wirkliche Demut — wie bedrückt wir immer sein mögen — noch vor uns als die große Möglichkeit, die wir erst kennen lernen und ergreifen müssen. Der Druck von außen, die Härte der Ereignisse und Verhältnisse wird uns nicht dazu erziehen, flehend zu beten und also [so], wie man zu Gott allein beten kann. Jesus Christus, der Herr, allein kann und will das tun, kann und will uns zu Gott in das Verhältnis setzen, in welchem das große Sonntagswerk geschieht, daß wir von jedem hohen Roß herunter steigen, vor ihm ganz demütig und darin ihm recht und wohlgefällig und eben da­durch dann auch so mutig — ich möchte nun wirklich sagen: so hochmütig werden, wie es in unserer Zeit um unseres Volkes und Landes und Staates willen von uns allen gefordert ist. Eben weil auf diesen Mut und Hochmut heute alles ankommt, sind christliche und darum wahrhaft demütige, wahrhaft flehende Schweizer das, was heute nötig ist. Warum sollten wir diese Schweizer nicht sein? Jesus Christus ist auch für uns gestorben und auferstanden, und sein Heiliger Geist redet durch das Wort seiner Zeugen auch zu unseren Herzen.

Und nun die große Hauptsache: Wir dürfen, wenn wir unser Flehen vor Gott bringen, wenn wir also am Bettag als Schweizer recht beten wollen, Vertrauen haben. Von uns aus müßte es wohl aufrichtiger Weise heißen: wir müssen dabei ein unsicheres Gewissen und also Mißtrauen und Angst haben. Im Wort des Propheten aber und also durch den Heiligen Geist hören wir: Nein, Vertrauen! «Im Vertrauen bringen wir unser Flehen vor dich.» Vertrauen darf man da haben, wo man etwas kennt, auf das man sich stützen und verlassen kann, von dem man Treue und treuen Beistand erwartet. Und so etwas gibt es, wenn wir ernstlich vor Gott treten und zu ihm beten wollen, weil wir wissen, daß wir das nötig haben, daß wir Schweizer die große Probe, die diese unerheblich zugenommen hat. Was aber ist bei alledem aus unserer Seele geworden? Ist es nicht so, daß, was wir bisher für das beste Erbe unserer Väter und für die eigentliche Ehre unseres Volkes, Landes und Staates gehalten haben, durch die Art, wie wir uns in diesen Jahren zu helfen versucht haben, ein Loch bekommen hat, das, wenn überhaupt, dann für längste Zeit nicht mehr zu flicken sein wird? Wir haben uns die offizielle Unwahrheit ausgedacht und uns zu eigen gemacht, daß der heute die Welt bewegende Kampf um Recht oder Unrecht, Ordnung oder Anarchie uns auch innerlich nichts angehe. Wir haben ein neues, selbstsüchtig auf seine eigene Erhaltung bedachtes und gerade darum der Drohung der fremden Macht gegenüber unsicheres Schweizertum, eine neue, dem jeweils stärksten Wind von außen sich anpassende Neutralität, eine neue, die offene Sprache im eigenen Haus nicht mehr schützende, sondern unterdrückende Unabhängigkeit, ein neues, der verfolgten Freiheit nur noch wenig tröstliches und hilfreiches Asylrecht erfunden und als gültig erklärt. Wir haben «verdunkelt», auf alle Fälle auch getan haben. Wo bleiben dem gegenüber — wenn es solche sind — unsere Verdienste? Und wie könnten wir vor Gott treten und in seinem Urteil bestehen und zu ihm beten, daß er unser Gott und Herr auch fernerhin sein und bleiben möge, wenn wir das im Vertrauen auf unsere Verdienste tun wollten? In welcher Selbsttäuschung oder in welcher Verzweiflung müßten wir Bettag feiern, wenn Gott mit uns rechnen und wenn er uns entsprechend einer Rechnung über Verdienst und Schuld begegnen würde? Wird der Bettag vielleicht darum von vielen Schweizern gar nicht gefeiert, weil sie in dem Irrtum sind, daß wir im Vertrauen auf unsere Verdienste zu Gott beten müßten, und weil sie im Grunde wohl wissen, daß wir das nur in Selbsttäuschung oder in Verzweiflung tun könnten?

Das echte Vertrauen aber, in welchem wir recht beten können und dürfen, ist von Ewigkeit her für alle Menschen und so auch für uns, für jede und so auch für unsere Zeit das Vertrauen auf « deine große Barmherzigkeit». Denn seht, darüber ist entschieden und das ist offenbar geworden in Gottes eigenem großen Sonntagswerk, als er Jesus Christus auferweckte von den Toten: Seine Gerechtigkeit, sein gerechtes Urteil über uns Menschen fern und nah ist seine große Barmherzigkeit, d.h. die Liebe, in der er sich unsere Menschlichkeit — auch unsere schweizerische Menschlichkeit — in ihrer ganzen Art und Unart, ohne nach unserem Verdienst zu fragen, zu Herzen gehen läßt — so zu Herzen, daß er sich selbst in seinem eigenen Sohn zum Bürgen unserer Schuld, zum Schutzherrn unserer Schwachheit, zum Verteidiger unserer Verkehrtheit macht. Darum können und dürfen wir unser Vertrauen nicht auf unsere Verdienste setzen — auch wenn es mit diesen viel besser stehen würde: weil er uns von Ewigkeit her als solche kennt, mit denen in Wahrheit nicht zu rechnen ist, mit denen er aber auch nicht rechnen will, weil er von Ewigkeit her einen ganz anderen Bund, den Bund freier Barmherzigkeit mit ihnen geschlossen hat. Wir würden unter allen Umständen, auch wenn es hinsichtlich unserer Verdienste ganz anders stünde, an ihm und also an unserem Herrn und an unserem alleinigen Helfer vorbeilaufen, wenn wir unser Vertrauen auf irgend etwas anderes als auf seine große Barmherzigkeit setzen, anders als in diesem Vertrauen zu ihm beten wollten. Unser Sonntagswerk, unser Bettagswerk bestehe darin, daß wir uns an seinen Willen halten und uns also in diesem echten Vertrauen an ihn wenden! Wie könnten wir es schon anders halten, wenn wir uns wirklich an ihn und wirklich flehend an ihn wenden? Dann wird uns das Verläßliche sichtbar, auf das wir uns stützen können, dann Gottes treuer Beistand; dann betreten wir festen, nicht wankenden Grund; dann tritt die Erhörung unseres Betens schon ein, indem wir beten. Denn das ist das Verläßliche, der feste Grund, die Treue Gottes und sein treuer Beistand: was er von Ewigkeit her will und beschlossen und in Jesus Christus für uns vollbracht und uns offenbart hat. Hier ist Halt und Garantie. Hier ist das, wovon man leben und womit man sterben, womit man gute und böse Tage bestehen kann. Hier ist wirklich auch das, was wir als Schweizer heute nötig haben und noch nötiger haben werden, wenn die Stunde der großen Probe so oder so auch für uns schlagen wird. Denn an dem ist es zu allerletzt, daß uns Gottes große Barmherzigkeit und das echte Vertrauen darauf und das Gebet in diesem Vertrauen und also der Verzicht auf das Vertrauen auf unsere Verdienste gleichgültig und untätig machen würde den schweren Fragen, Sorgen, Nöten und Aufgaben gegenüber, die heute in unserem Volk, Land und Staat jedem einzelnen Schweizer auferlegt sind und die noch in ganz anderer Gestalt an uns alle herantreten könnten. Um sie zu sehen — so scharf und genau zu sehen, wie sie gesehen sein wollen —, um Recht und Unrecht, wahren und faulen Frieden, gute und böse Klugheit zu unterscheiden, dazu müssen uns gerade dadurch die Augen geöffnet werden, daß wir in Gottes freier Gnade den ersten Grund aller Dinge und die letzte Entscheidung über ihren Sinn erkennen lernen. Und um das Entsprechende zu tun — mit gutem Gewissen, frei von vernebelnden Vorurteilen, ohne Rücksicht auf die Opfer an eigener Sicherheit und Bequemlichkeit, die dabei zu bringen sind, ohne Furcht vor der Verantwortung, die dabei oben und unten zu übernehmen ist —, dazu müßten wir wieder gerade dadurch auf die Füße gestellt sein, daß wir durch die Zusage und Gewißheit der Vergebung unserer Sünden an den rechten Ort gestellt, von aller Lebensangst und Heuchelei frei gemacht werden. Wir würden blind sein und wir müßten blind bleiben für das hohe Gesetz, unter dem wir, und für die finstere Gefahr, in der wir stehen, wir würden aber auch gelähmt sein und bleiben durch unser Ungenügen, durch das Wissen um unsere Ohnmacht, wäre es nicht an dem, daß durch Gottes große Barmherzigkeit, durch ihren Beweis in Jesu Christi Tod und Auferstehung, durch ihre Offenbarung in seinem Wort, durch das Vertrauen auf sie, in welchem wir zu Gott beten dürfen, die Blinden und Lahmen geheilt und zu nüchternen, aber auch tapferen Zeugen seines Willens mit der Menschheit unserer Zeit gemacht werden. Laßt uns beten um die Heilung der Blinden und Lahmen, die wir alle sind! Wir können nicht besser für das Vaterland beten, als indem wir darum beten: um unser Gesundwerden und Gesundbleiben, um offene Augen und feste Hände und Füße im Vertrauen auf Gottes große Barmherzigkeit.

Als Einzeldruck mit acht Seiten zum Eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag am Sonntag, 20. September 1942 im Verlag der Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft in St. Gallen veröffentlicht.

Quelle: Karl Barth, Predigten 1935-1952, hrsg. von Hartmut Spieker und Hinrich Stoevesandt, (GA I.26), Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 1996, S. 428-443.

Hier der Text als pdf.

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  1. Karl Barths Betrachtung über Daniel 9,18 zum Bettag 1942: „Wir haben ein neues, selbstsüchtig auf seine eigene Erhaltung bedachtes und gerade darum der Drohung der fremden Macht gegenüber unsicheres Schweizertum, eine neue, dem jeweils stärksten Wind von außen sich anpassende Neutralität, eine neue, die offene Sprache im eigenen Haus nicht mehr schützende, sondern unterdrückende Unabhängigkeit, ein neues, der verfolgten Freiheit nur noch wenig tröstliches und hilfreiches Asylrecht erfunden und als gültig erklärt.“

    Präambel

    Im Namen Gottes des Allmächtigen!

    Das Schweizervolk und die Kantone,

    in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,

    im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,

    im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Ein­heit zu leben,

    im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegen­über den künftigen Generationen,

    gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Vol­kes sich misst am Wohl der Schwachen.

    *

    Die unteilbare Menschenwürde gilt den Bösen und den Guten.

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