Johann Georg Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen (1758): „Wenn wir Gott bei Sonnenschein in der Wolkensäule übersehen, so erscheint uns seine Gegenwart des Nachts in der Feuersäule sichtbarer und nachdrücklicher. Ich hin zu dem größten Vertrauen auf seine Gnade im Hinblick auf mein ganzes Leben berechtigt.“

Biblische Betrachtungen eines Christen

Von Johann Georg Hamann

London, den 19.3.1758 (Palmsonntag)

Ich habe heute mit Gott den Anfang gemacht, zum zweitenmal die heilige Schrift zu lesen. Da mich meine Umstände in die größte Einöde hineinzwingen, in der ich wie ein Sperling auf der Spitze des Daches sitze und wache, so finde ich gegen die Bitterkeit manch trauriger Betrachtungen über meine vergangenen Torheiten, über den Mißbrauch der Wohltaten und Umstände, mit denen mich die Vorsehung so gnädig auszeichnen wollte, ein Gegengift in der Gesellschaft meiner Bücher, in der Beschäftigung und Übung, die sie meinen Gedanken geben. Die Aussicht, in eine dürre Wüste versetzt zu werden, in der ich mich von Wasser und Ähren verlassen sehe, ist mir jetzt näher als jemals. Die Wissenschaften und jene Freunde meiner Vernunft scheinen gleich Hiobs Freunden mehr meine Geduld auf die Probe zu stellen, statt mich zu trösten, und mehr die Wunden meiner Erfahrung bluten zu lassen, als ihren Schmerz zu lindern. Die Natur hat in alle Körper ein Salz gelegt, daß die Chemiker auszuziehen verstehen, und, wie es scheint, die Vorsehung in alle Widerwärtigkeiten einen moralischen Urstoff, den wir aufzulösen und abzusondern haben und den wir mit Nutzen als Heilmittel gegen die Krankheiten unserer Natur und gegen unsere Gemütsübel verwenden können. Wenn wir Gott bei Sonnenschein in der Wolkensäule übersehen, so erscheint uns seine Gegenwart des Nachts in der Feuersäule sichtbarer und nachdrücklicher. Ich hin zu dem größten Vertrauen auf seine Gnade im Hinblick auf mein ganzes Leben berechtigt. Ich erkenne selbst in meinen gegenwärtigen Verhältnissen einen liebreichen Vater, der mit ernsthaften Blicken warnt, der mich wie den verlorenen Sohn in mich gehen ließ und der meine bußfertige Rückkehr zu ihm nicht nur mit dem Erlaß meiner verdienten Strafe, sondern auch mit einer huldreichen Vergebung und unerwarteten Aufnahme beantworten wird. Es hat weder an meinem bösen Willen gelegen, noch mir an Gelegenheit gefehlt, in ein weit tieferes Elend, in weit schwerere Schulden zu fallen, als es die sind, worinnen ich mich befinde. Gott! wir sind solch armselige Geschöpfe, daß selbst ein geringerer Grad unserer Bosheit ein Grund unserer Dankbarkeit gegen dich werden muß! Gott! wir sind solch unwürdige Geschöpfe, daß nichts als unser Unglaube deinen Arm verkürzen und deiner Freigebigkeit zu segnen Grenzen setzen und gegen ihren Willen einschränken kann!

Wenn mich Anfechtung auf das Wort aufmerksam gemacht hat, so kann ich angesichts der Schrift des geistreichen Hervey bezeugen, was er den Nachtgedanken des ehrwürdigen Schwans dieser Insel schuldig gewesen ist. Die Lesung dieses frommen Schriftgelehrten hat die Göttlichkeit der Bibel so oft dem Gefühl meiner Seele mit eben derselben Lebhaftigkeit aufgedrungen, mit der das neugepflanzte Jerusalem das Gesetz des Mose von den Lippen Esras hörte. Er hat mir zu dem Vorsatz Anlaß gegeben, meine Betrachtungen bei dieser wiederholten Lesung der heiligen Schrift aufzuschreiben und die Eindrücke zu sammeln, welche diese oder jene Stelle in mir erwecken und hervorrufen wird. Die Unparteilichkeit der Kritik und die ehrfurchtsvolle Einfalt eines christlichen Herzens mögen mich hierin gleichfalls begleiten.

Der große Urheber dieser heiligen Bücher hat die Absicht, jeden aufrichtigen Leser derselben durch den Glauben an seinen Erlöser weise zur Seligkeit zu machen. Die heiligen Männer, unter deren Namen sie erhalten worden sind, wurden getrieben durch den heiligen Geist. Die göttliche Eingebung wurde ihnen bei der Verfertigung ihrer Schriften mitgeteilt, damit sie uns zur Lehre, zur Strafe, zur Züchtigung und zum Unterricht in der Gerechtigkeit nützlich sein sollten (2. Tim. 3, 15 f.; 2. Petr. 1, 21). Diese Wirkung kann Gott keinem entziehen, der um sie betet, weil der heilige Geist allen denjenigen verheißen ist, die den himmlischen Vater darum bitten. Die Notwendigkeit, uns als Leser in die Empfindungen des Schriftstellers, den wir vor uns haben, zu versetzen, uns seiner Verfassung so weit wie möglich zu nähern, einer Verfassung, die wir uns durch glückliche Einbildungskraft zu geben vermögen, wobei uns der Dichter oder Geschichtsschreiber möglichst viel zu helfen sucht, das ist eine Regel, die unter ihrer Bestimmung ebenso nötig wie bei anderen Büchern ist.

Ich will einige allgemeine Anmerkungen über die göttliche Offenbarung machen, die mir einfallen. Gott hat sich den Menschen in der Natur und in seinem Wort geoffenbart. Man hat die Ähnlichkeit und die Beziehung dieser beiden Offenbarungen zueinander noch nicht weit genug erörtert und weder deutlich genug erklärt noch auf ihre Harmonie Gewicht gelegt, worin sich einer gesunden Philosophie ein weites Feld eröffnen könnte. Beide Offenbarungen müssen in unzähligen Fällen auf gleiche Art gegen die schwersten Angriffe geschützt werden, beide Offenbarungen erklären, unterstützen einander und können sich nicht widersprechen, so sehr es auch die Auslegungen tun mögen, die unsere Vernunft hierzu erzeugt. Es bedeutet größten Widerspruch und Mißbrauch der Vernunft, wenn sie selbst offenbaren will. Ein Philosoph, der das göttliche Wort aus dem Blickfeld räumt, um der Vernunft zu gefallen, befindet sich in der Lage der Juden, die das Neue Testament um so hartnäckiger verwerfen, je fester sie am Alten Testament zu hängen scheinen. An ihnen wurde die Prophezeiung erfüllt, daß dasjenige Ärgernis und Torheit in ihren Augen wurde, was zur Bestätigung und zur Erfüllung ihrer früheren Einsichten dienen sollte. Die Naturkunde und die Geschichte sind die beiden Teile, auf denen die wahre Religion beruht. Der Unglaube und der Aberglaube gründen sich auf eine seichte Physik 〈Naturwissenschaft〉 und eine seichte Historie. Die Natur ist ebensowenig einem blinden Ungefähr wie ewigen Gesetzen unterworfen, und ebensowenig lassen sich alle 〈geschichtlichen〉 Begebenheiten aus 〈determinierten〉 Charakteren und Staatsgründungen erschließen (und herleiten). Ein Newton wird als Naturwissenschaftler von der weisen Allmacht und als Geschichtsschreiber von der weisen Regierung Gottes gleich stark angerührt werden.

Gott offenbart sich – der Schöpfer der Welt ein Schriftsteller – was für ein Schicksal werden seine Bücher erfahren müssen, was für strengen Urteilen, was für scharfsinnigen Kunstrichtern werden seine Bücher unterworfen sein! Wie viele armselige Religionsspötter haben ihr täglich Brot aus seiner Hand genossen; wie viele »starke Geister« 〈Freigeister〉 haben wie Herostratus in der Verwegenheit sich selbst Unsterblichkeit verschaffen wollen und dann in der Todesangst um eine bessere gefleht.

Gott ist gewohnt, seine Weisheit von den Kindern der Menschen getadelt zu sehen. Der Stab des Mose war nicht in Gefahr, obwohl ihn die Zauberstäbe der weisen Ägypter umzingelten und auszischten. Diese Tausendkünstler waren schließlich gezwungen, den Finger Gottes in dem verächtlichsten Ungeziefer zu erkennen und vor dem Propheten des wahren Gottes zu weichen. Der Gedanke, daß das höchste Wesen selbst die Menschen einer besonderen Offenbarung gewürdigt hat, scheint den Witzlingen so fremd und außerordentlich zu sein, daß sie mit Pharao fragen, was dieser Gott haben will und worin sein Gebot besteht. Mit diesem Gedanken sollte man aber notwendigerweise eine Betrachtung derjenigen Wesen verbinden, denen zugut diese Offenbarung geschah. Gott hat sich Menschen offenbaren wollen; er hat sich durch Menschen offenbart. Diese Offenbarung sollte den Menschen nützen, sie fesseln, unter ihnen ausgebreitet, fortgepflanzt und erhalten werden – die Mittel hierzu mußte Gott auf die Natur des Menschen und auf das, was seiner Weisheit am gemessensten war, gründen. Ein Philosoph, der Gott in der Wahl aller dieser Umstände und Wege, mittels derer Gott seine Offenbarung mitteilen wollte, tadeln oder verbessern will, würde immer vernünftiger handeln, wenn er seinem Urteil hierin nicht zu viel zutraut. Er könnte sonst wie jener gekrönte Sternkundige in die Gefahr kommen, das Ptolemäische System oder seine Erklärung des Sternenlaufes als den wahren Himmelsbau anzusehen.

Hat Gott die Absicht gehabt, sich den Menschen und dem ganzen menschlichen Geschlecht zu offenbaren, so fällt die Torheit derjenigen um so mehr in die Augen, die einen eingeschränkten Geschmack und ihr eigenes Urteil zum Probierstein des göttlichen Wortes machen wollen. Es ist nicht die Rede von einer Offenbarung, die ein Voltaire, ein Bolingbroke, ein Shaftesbury annehmbar finden würden, die ihren Vorurteilen, ihrem Witz, ihren moralischen, politischen und magischen Grillen am meisten Genüge tut, sondern von einer Entdeckung solcher Wahrheiten, an deren Gewißheit, Glaubwürdigkeit und Richtigkeit dem ganzen menschlichen Geschlecht gelegen ist. Leute, die sich soviel Einsicht zutrauen, daß sie einen göttlichen Unterricht entbehren können, würden in jeder anderen Offenbarung Fehler gefunden haben und haben keine nötig. Sie sind die Gesunden, die des Arztes nicht bedürfen.

Gott hat es unbestritten seiner Weisheit am angemessensten gefunden, diese nähere Offenbarung seiner selbst erst an einen einzigen Menschen, hierauf an sein Geschlecht und endlich an ein besonderes Volk zu binden, ehe er erlauben wollte, sie allgemeiner zu verbreiten. Die Gründe dieser Wahl lassen sich ebensowenig von uns erforschen, wie die Frage, warum es ihm gefiel, in sechs Tagen zu schaffen, was sein Wille ebensogut in einem einzigen Zeitpunkt hätte wirklich machen können.

Ferner: Gott hat sich, so weit es möglich war, anbequemt und sich zu den Neigungen und Begriffen, ja selbst den Vorurteilen und Schwachheiten der Menschen herabgelassen. Dies besondere Merkmal seiner Menschenliebe, von dem die ganze heilige Schrift erfüllt ist, dient jenen schwachen Köpfen zum Spott, die menschliche Weisheit, Befriedigung ihrer Neugierde und des Vorwitzes, Übereinstimmung mit dem Geschmack der Zeit, in der sie leben, oder der Sekte, zu der sie sich bekennen, als Voraussetzung des göttlichen Wortes betrachten. Kein Wunder, wenn sie sich in ihrer Vorstellung enttäuscht sehen und wenn der Geist der Schrift 〈von ihnen〉 mit entsprechender Gleichgültigkeit verworfen wird, ja, wenn dieser Geist ebenso stumm und unnütz erscheint wie der Heiland dem Herodes. Trotz der großen Neugierde und Erwartung des Herodes, den Heiland zu sehen, schickte er ihn bald mit mehr als kalter Gesinnung zu Pilatus zurück.

Die Begierde, Dinge zu wissen, die uns zu hoch sind, die über unserem Gesichtskreis stehen, die für uns aus der gleichen Schwäche, die uns die Zukunft so dunkel macht, unerforschlich sind, hat die Menschen in viele ähnlich lächerliche Methoden und Irrtümer geführt. Solche Leute verdienen mit ebensoviel Recht, Weltweise und Philosophen zu heißen, wie man Zigeuner, Astrologen usw. Wahrsager genannt hat.

Laßt uns natürliche Begebenheiten mit natürlichen und Wunder mit Wundern vergleichen, wenn wir über sie urteilen wollen.

Daß Moses die Natur nach aristotelischen, cartesianischen oder newtonianischen Begriffen hätte erklären sollen, würde eine ebenso lächerliche Forderung sein wie die, daß Gott sich in der allgemeinen philosophischen Sprache hätte offenbaren sollen, die der Stein der Weisen in so manchen gelehrten Köpfen war.

Daß Moses für den Pöbel allein geschrieben habe, ist entweder ohne allen Sinn oder eine lächerliche Art zu urteilen. Geht die Sonne im Sommer für den Bauern allein so früh auf, weil der faule Bürger oder der wollüstige Höfling ihren Schein so manche Stunde länger entbehren können oder denselben unnötig finden?

Paulus wurde entzückt, er fand keine Worte, um seine Begriffe, die er vom dritten Himmel mitbrachte, erzählen und deutlich machen zu können. So wie unsere Ohren, ohne vom Schall der Luft angerührt zu werden, nicht hören können, so ist es mit unseren Vorstellungen. Sie hängen von körperlichen Bildern ab. Man sieht, wie schwer es ist, die Figuren und Eigenheiten einer Sprache in die andere zu übertragen. Je mehr die Denkweise der Völker verschieden ist, zu um so mehr Abweichungen und Ersatzworten oder Aequationen ist man gezwungen. Wie soll daher eine Erzählung beschaffen sein, in der uns Dinge verständlich und vernehmbar gemacht werden sollen, die so weit jenseits des ganzen Umfanges unserer Begriffe liegen.

Mit was für Demut, mit was für stummer Aufmerksamkeit und tiefer Ehrfurcht müssen wir dasjenige annehmen, was uns der Schöpfer der Welt von den Geheimnissen der großen Woche, in der er an unserer Erde arbeitete, kund machen will. So kurz die Erzählung von der Hervorbringung eines Wesens ist, das seinen Beifall fand, da es da war, das er würdig fand, es so lange zu erhalten, und das er als ein bloßes Gerüst eines höheren Gebäudes auf die feierlichste Art zu erschaffen sich vorbehalten hat, so wichtig muß sie in unseren Augen sein. So sehr er sich herabgelassen hat, um uns das wenige, was uns davon zu verstehen möglich, nötig und nützlich ist, zu übermitteln, so weit steht er gleichwohl jenseits unserer Geisteskräfte.

Quelle: Klassiker des Protestantismus, Bd. 7: Das Zeitalter der Aufklärung, hrsg. v. Wolfgang Philipp, Bremen: Schünemann (Sammlung Dieterich), 1963, S. 202-209.

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