Wilhelm Vischer, Das Geheimnis Israels. Eine Erklärung der Kapitel 9-11 des Römerbriefs (1948): „Das einzige, was dir zu tun bleibt, ist glauben und bekennen. Bekennen heißt im Griechischen wörtlich „das gleiche sagen“, in diesem Fall also sagen, was Gottes Wort und Geist dir sagen: Jesus ist der HErr. In ihm ist der rettende Name Gottes kundgetan, das Tetragramm des Alten Testaments ist „vokalisiert“ als „Jesus“, und jeder, der das ausspricht, verfügt über die Wundermacht eines Baal schem tow.“

Das Geheimnis Israels. Eine Erklärung der Kapitel 9-11 des Römerbriefs[1]

Von Prof. D. WILHELM VISCHER, Montpellier

Einleitung

Das „Geheimnis Israels“ (11,25) ist in der ganzen heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments verborgen und offenbart. Am grund­sätzlichsten wird es vom „Apostel der Heiden“ (11,13) in seinem Brief an die Römer erörtert, und dies deshalb, weil er dort die Botschaft, die ihm aufgetragen ist, systematisch darlegt. Er tut es in einem entscheidenden Augenblick: er hat, wie er am Schluß des Briefes schreibt (15,19-23), sein Werk im Osten vollendet und wendet sich jetzt dem Westen zu. Der Satz: „Von Jerusalem an und im Umkreis bis Illyrien habe ich alles mit dem Evange­lium Christi erfüllt“, zeigt, daß auch für ihn und gerade für ihn, obschon er von Antiochien ausgesendet ist, doch Jerusalem der Mittelpunkt der christlichen Welt bleibt, zu dem sich alles an­dere nur wie der Umkreis verhält. Er gibt dafür gleich noch einen starken Beweis, indem er vor seiner Reise nach dem Westen noch einmal mit den Abgeordneten seiner Gemeinden nach Je­rusalem fahren will „im Dienst für die Heiligen“, genau gesagt: um dort die Gaben abzuliefern, die er für die armen Heiligen in Jerusalem gesammelt hat. An dieser Kollekte lag ihm sehr, weil sie der sichtbare Ausdruck der Verbundenheit und des Dankes ist, den die Gemeinden außerhalb des Heiligen Landes ihrer Mutter­gemeinde schulden. Erst wenn er diese wichtige Pflicht erfüllt hat, ist er frei, sich nach der Hauptstadt des Weltreichs und von dort nach Spanien zu begeben (15,25-29).

Dem entspricht genau, daß in der Botschaft, die er nach Rom vor­ausschickt, der Abschnitt über das Geheimnis Israels ein wesentlicher Teil ist. Wer ihn als eine Abschweifung oder einen Anhang auffaßt, wird alles falsch verstehen.

Der Aufriß des Briefes zeigt, an welcher Stelle seines Gedanken­gangs der Apostel die Judenfrage beantworten muß und welchen entscheidenden Beitrag die Kapitel 9-11 für die Bewährung seiner These leisten. Die These lautet (1,16.17): „Das Evange­lium ist Gottes Kraft, jeden zu retten, der glaubt, den Juden zuerst und auch den Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird in ihm offenbart aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht (Habakuk 2, 4): ,Der aus dem Glauben Gerechte wird leben4

Von 1,18 bis 3,20 entwickelt der Apostel diese These zunächst negativ: Keiner, weder der Grieche noch der Jude, kann sich durch eigene Anstrengung vor Gott rechtfertigen. Dann von 3,21 bis zum Schluß des 8. Kapitels positiv: Ohne Verdienste oder Schul­den anzurechnen, schenkt Gott gratis jedem, der an den Christus Jesus glaubt, das volle Heil so, daß niemand und nichts es ihm bestreiten kann. In den Kapiteln 12-15 zieht der Apostel aus diesem Tatbestand die Ermahnung der Glaubenden.

Und nun die Kapitel 9-11? Wir haben sie beiseite gelassen. Ist das nicht ein Beweis, daß nichts Wesentliches fehlt, wenn man sie überschlägt? Was tragen sie denn zur Entwicklung der These bei? Wenn wir genau zusehen, erkennen wir, daß sie das Ent­scheidende beitragen: sie berühren den Nerv der These, indem sie die Wahrheitsfrage stellen. Die Wahrheit der Botschaft, daß das Evangelium Gottes Möglichkeit ist, jeden Menschen zu retten, der glaubt, ist an der Wurzel angegriffen und zweifelhaft gemacht durch die Tatsache, daß gerade die Juden, auf die sich in erster Linie Gottes Heilswille richtet, offenkundig in ihrer großen Mehr­heit nicht gerettet sind durch das Evangelium. Darauf muß der Apostel antworten, wenn seine These und besonders das „pas“, „jeden, alle kann Gott retten“, gesichert sein soll. Wenn die Juden nicht gerettet sind, wie kann man dann daran festhalten, daß Gott jeden Menschen durch das Evangelium retten kann?

Zwar ließe sich antworten, daß der Apostel ja nicht geschrieben hat, das Evangelium rette jeden Menschen, sondern „jeden, der glaubt“, und daß die Juden eben deshalb nicht gerettet sind, weil sie nicht glauben. Das stimmt. Aber heißt das nicht zugeben, daß im Grunde das Heil von der freien Entscheidung des Men­schen abhängt? Hängt es aber von dem religiösen oder morali­schen Vermögen des Menschen ab, wo bleibt dann die freie und befreiende Macht Gottes? Die Weigerung der Juden wiegt umso schwerer, als sie das Israel darstellen, an das Gott alle seine Ver­sprechen gebunden hat (9,1-5). Muß man zugeben, daß der Widerspruch der Juden das Wort Gottes entkräftigen kann? Pau­lus antwortet: Nein, im Gegenteil! Denn die heiligen Schriften Israels (9,6-13) erklären, daß von Anfang an und überall „nicht alle“ berufen wurden, den Segen zu tragen, sondern nur die von der Gnade erwählten. Diese Gnadenwahl zeigt deutlich die überlegene Freiheit der Kraft Gottes (9,14-33). Sie voll­zieht in der Geschichte Israels eine Auslese, bis von den unzäh­ligen Kindern Abrahams nur noch ein verschwindend kleiner Rest der Gnade übrig bleibt. Die Israeliten stoßen sich an den Felsen der Gnade (10,1-21). Statt das Heil „gratis“ zu empfangen, wollen sie es durch ihre Leistung gewinnen und durch eigene Frömmigkeit verdienen. Paulus sagt, daß sie das aus Unverstand tun: sie hören und verstehen das Wort nicht, durch das Gott ihnen die Gerechtigkeit zuspricht und das Leben schenkt. So gehen die zuerst Geladenen nicht ein zu der Freude ihres Vaters. Wie der ältere Bruder des verlorenen Sohnes bleiben sie verärgert draußen in der Finsternis.

Doch werden sie nicht für immer draußen bleiben (Kap. 11). Paulus selbst, der bekehrte Israelit par excellence, ist das le­bendige Unterpfand der Treue Gottes: Gott kann und will seine Erstgeborenen zum Heil bekehren. Wohl schließen sie sich jetzt selbst vom Heil aus, indem sie die Gnade ablehnen. Sie erlangen das Heil nicht, weil sie es nicht als das unverdiente Geschenk der Gnade annehmen wollen. Damit zeigen sie der übrigen Welt in erschreckender Weise, wie ernst Gottes Gnade gemeint ist: alles liegt einzig an der Gnade; wer sie ablehnt, hat nichts von Gott, mag sein religiöses Erbe noch so reich sein. Nun hat aber die Ablehnung der Juden den Heiden die Türe der Gnade geöffnet. Wenn die Fülle der Heiden wird eingegangen, sein, dann werden es die Juden nicht mehr aushalten, draußen zu bleiben. Sie wer­den eifersüchtig werden und die Gnade annehmen. Dann wird „ganz“ Israel gerettet sein.

In dieser Weise widerlegt der Unglaube der Juden nicht die Wahr­heit der These, daß das Evangelium die Kraft Gottes ist, jeden zu retten, der glaubt. Er beweist vielmehr, daß die Gnade in Jesus Christus die einzige und mit Vollmacht rettende Kraft Got­tes ist. Die Ohnmacht der ungläubigen Juden beweist, daß der Glaube nicht Menschenwerk ist, sondern das Gnadengeschenk Gottes. Ebensowenig als irgendeiner das Heil erlangen kann, wenn er die Gnade ablehnt, ebensowenig und noch weniger kann irgend jemand den Sieg der Gnade in Frage stellen, weil die Gnade Gottes überlegen freier Wille ist, alle zu retten.

Nach diesem Überblick wenden wir uns der genauen Ausfüh­rung zu.

Das neunte Kapitel

Am Schluß des positiven Teils hat der Apostel in sieghafter Ge­wißheit geschrieben (8,38.39): „Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwart noch Zukunft, weder Himmel noch Hölle noch irgendeine andere geschaffene Macht vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes in Christus Jesus unserm Herrn“. Hätte er von da nicht ohne weiteres zu der Er­mahnung übergehen können? Offenbar konnte er es nicht. Wie ein vom Todespfeil getroffener Adler stürzt er aus der höchsten Erhebung in den Abgrund der tiefsten Trauer. Nein, er stürzt nicht, aber im Zenith des Aufschwungs wird sein Blick von einem Abgrund gefesselt, und er schreit auf (9,1.2): „Ich sage die ‚Wahrheit und lüge nicht, mein Gewissen ist mein Zeuge im Hei­ligen Geiste: ich habe ein großes Leid und ein unablässiges Weh in meinem Herzen“. Die Ursache des furchtbaren Schmerzes ist das Nichtglauben der Juden. Kann wirklich das Herz des Apostels dadurch zerrissen werden? Die Juden, die sehen, mit welchem Eifer er auszieht die Heiden zu retten, nehmen an, er habe sie aufgegeben, und die geretteten Heiden möchten denken, die große Freude in Christo lasse sich nicht stören durch das Elend der Juden, die sich selbst ausgeschlossen haben. Beide täuschen sich schwer. Mit stärkstem Nachdruck erklärt der Apostel, daß er die Wahrheit in Christo sage. Der gleiche Geist Gottes, der nach 8,16 seinem Geiste Zeugnis gibt, daß er Kind Gottes ist, der gleiche Geist der Adoption, der ihn läßt „Abba“ rufen, dieser selbe Heilige Geist gibt ihm jetzt Zeugnis, daß er wirklich zer­rissen ist von dem tiefen Schmerz. Das Weh und die Trauer sind in seinem „Herzen“, d. h. im Zentrum seines Wesens. Sie fließen aber aus dem Herzen Gottes, aus dem Herzen Christi in das Herz des Gesandten. Er teilt die Qual Christi. Er ist im Tiefsten be­wegt von jener Traurigkeit, die Jesus beim Anblick der heiligen Stadt so erschütterte, daß er weinte und sprach: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen“ (Luk. 19,41-44).

Lange vor ihm teilte als Erster Mose das Leid Christi, als das auserwählte Volk am Fuß des Sinai den Bund gebrochen hatte. Damals wandte sich der Mittler zu dem HErrn mit den Worten: „Ach, das Volk hat eine große Sünde getan. Nun vergib ihnen, wo nicht, so tilge mich auch aus dem Buch, das du geschrieben hast“ (2. Mose 32). Diese verzweifelte Bitte, die Mose am An­fang der heiligen Geschichte ausrief, hätte an ihrem Ende Paulus beinahe noch einmal an Gott gerichtet: „Ich wünschte nämlich, daß ich selbst durch den Bann von Christus ausgeschlossen würde zugunsten meiner Brüder“ (9,3).

Ist es das elementare Gefühl der völkischen Gemeinschaft, das den Apostel soweit getrieben hat? Manche Ausleger meinen tat­sächlich, es so erklären zu sollen, weil Paulus hinzufügt „meiner Verwandten nach dem Fleisch“. Paulus sagt jedoch sogleich, was der Blutsverwandtschaft in diesem Fall die einzigartige Kraft ver­leiht. Das Nichtglauben seiner Stammesgenossen ist deshalb eine unvergleichliche Katastrophe, weil sie „Israeliten sind, wel­chen die Adoption und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Versprechen zuge­hören, welchen die Väter zugehören, und aus denen der Christus nach dem Fleisch stammt, der da ist Gott über allen, hochge­lobt in Ewigkeit. Amen“ (9,4.5).

Die Juden sind Israeliten. Wenn die Juden einfach Juden wären, wie die Schweizer Schweizer sind oder die Neger Neger, dann wäre „die Judenfrage“ nicht ernst genug, um alle Völker während der ganzen Weltgeschichte zu beunruhigen, noch das Herz des Apostels der Heiden zu quälen, noch den Heiligen Geist zu be­trüben. Paulus, der in seiner These und bis zum Schluß des 8. Ka­pitels immer nur von den „Juden“ geschrieben hat, betont jetzt durch drei Kapitel hindurch, daß sie Israeliten sind. In diesem Namen liegt ihre göttliche Qualifizierung: der eine wahrhaftige Gott hat den siegreichen Kampf um die Anerkennung seiner allei­nigen Gottheit in entscheidender Weise an das leibliche und ge­schichtliche Dasein dieser Menschengruppe gebunden (1. Mose 32,29).

Der ewige, lebendige Gott hat ihnen die Sohnschaft verliehen. Er ist ihr Vater, und sie sind seine Kinder, nicht von Natur, son­dern allein und ganz aus Gnade. Die Verwandtschaft der Men­schen mit Gott ist keineswegs, wie man gern meint, eine allge­meine Wahrheit, sondern die besondere Gnade, die zuerst den Israeliten verliehen worden ist. Mose erhielt den Befehl, dem Pharao zu sagen: „So spricht der HErr: Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener, und ich gebiete dir, daß du meinen Sohn ziehen lassest, daß er mir diene. Wirst du dich aber weigern, so will ich deinen erstgeborenen Sohn erwürgen“ (2. Mose 4,22.23). Der Mord in der Osternacht war die öffentliche Bestätigung der Adoption Israels.

An den Israeliten haftet die Herrlichkeit Gottes, sie sind unter den Menschen die Repräsentanten seiner Majestät, sie spiegeln seinen Lichtglanz wieder. In ihnen ist die Würde Gottes mit der Menschenwürde verbunden. Ihre Ehre ist Gottes Ehre, an ihnen macht Gott offenbar, daß er wunderbarer Weise seine Ehre darin sieht, der Gott der Menschen zu sein, so daß Gott die Ehre des Menschen und der Mensch die Ehre Gottes ist (1. Kor. 11,7). Das ist wiederum nicht eine allgemeine Wahrheit. Denn die Menschen haben allgemein die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes ver­wandelt in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüssigen und der kriechenden Tiere (1,23). Und weil die Menschenwürde mit der Würde Gottes steht und fällt, so haben sie damit, daß sie Gott nicht als Gott ehrten, die Menschenwürde an ihren eigenen Leibern zuschanden gemacht (1,24ff.). Darum ermangeln sie alle ohne Unterschied der Herr­lichkeit Gottes (3,23). Gewiß auch die Juden. Aber bei ihnen wiegt es schwerer als bei allen andern. Denn sie sind und bleiben die auserwählten Zeugen seiner Ehre und der Menschenehre. Wer darum die Würde des Menschen im Juden angreift, der greift die Ehre Gottes und zugleich die Humanität an der Wurzel an: „Wer euch antastet, tastet meinen Augapfel an“, spricht der HErr Zebaoth (Sach. 2,8).

Sie sind die Treuhänder der Bündnisse, durch die der heilige Herr sich so mit der verschuldeten Menschheit verbündet hat, daß die Schuldner zu Beschenkten werden sollen.

Ihnen ist das Gesetz gegeben, die Tora, die praktische Anweisung zum rechten Leben, „die Verkörperung der Erkenntnis und der Wahrheit“ (2,20). Sie sind mit dem Gottesdienst betraut. Ihr königliches Amt in der Welt ist das Priestertum (2. Mose 19,6). Während die andern die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauscht haben und mit ihren Religionen dem Geschaffenen statt dem Schöpfer dienen (1,25), haben sie das Vorrecht, in Freiheit und Heiligkeit dem wahren und lebendigen Gott zu dienen. Ihnen hat Gott die ganze Reihe der Verheißungen gegeben, durch die er ver­spricht, die Menschheit aus allem Jammer in sein seliges Reich zu führen. Die Juden stammen von den Erzvätern ab, auf die Gott die ganze Fülle seines Segens für alle Familien der Erde gelegt hat (1. Mose 12,1-3).

Das alles hat Gott in das leibliche, geschichtliche Dasein der Juden gelegt, und dazu noch ein viel Größeres, nein, richtig ge­sagt, den Einen, der der eigentliche Gehalt aller genannten Gaben ist: aus ihnen stammt der Christus nach dem Fleisch. Der Chri­stus Jesus ist als Jude auf die Welt gekommen. Er ist „ein Die­ner der Beschneidung geworden zum Erweis der Wahrhaftigkeit Gottes, um (als der wahre Sohn Abrahams und als der wahre Sohn Davids) die den Vätern gegebenen Verheißungen zu verwirklichen“ (15,8). Dadurch, daß er, der ewige Sohn Gottes, Israelit wurde, ist die Adoption der Israeliten legitimiert. Dadurch, daß er, der der ewige Glanz der Herrlichkeit Gottes ist (Hebr. 1,3), Mensch geworden ist, ist die göttliche Würde des Menschen begründet. Er, der Gottessohn und Menschensohn, ist der Mittler aller Bünd­nisse Gottes mit den Menschen. Als die Zeit erfüllt war, sandte ihn der Vater, geboren von einem Weibe, geboren als Jude und unter das Gesetz getan, damit er das ganze Gesetz erfülle (Gal. 4,4). Er ist der Hohepriester und das Sühnopfer, ohne das der ganze Gottesdienst Israels eine leere Symbolik wäre (Röm. 3,25). Er ist der Versprochene aller Versprechen Gottes, der da kommen sollte.

Jetzt ist er gekommen, nach dem Fleisch von den Juden abstam­mend, er, der da ist Gott über allen, hochgelobt in Ewigkeit. Amen. Diese Christusdoxologie ist einzigartig in den Paulusbriefen. Manche übersetzen deshalb lieber „der über allen seiende Gott sei gelobt“, oder mit einer kleinen Veränderung des griechischen Textes, „welchen Gott zugehört“. Im ersten Fall hätte Paulus die Reihe der besonderen Gaben, die Israel zuteil geworden sind, mit einem Lobpreis des Gebers abgeschlossen. Das ist denkbar, während die veränderte Fassung „welchen Gott über allen zuge­hört, hochgelobt…“ ungeschickt und nach dem konkret Aufge­zählten zu allgemein ist. Die Grammatik wie die Logik sprechen aber am meisten dafür, daß der Apostel die Erklärung über die jüdische Herkunft des Christus durch das Bekenntnis seiner gött­lichen Majestät ergänzen wollte, ähnlich wie er das am Anfang des Briefes getan hat, als er von dem Sohne schrieb, „der aus der Nachkommenschaft Davids hervorgegangen ist nach dem Fleische, der eingesetzt ist zum Sohne Gottes voll Macht nach dem Geiste der Heiligkeit“ (1,3).

Würde diese Christusdoxologie den Monotheismus erschüttern, dann wäre sie allerdings nicht im Sinne des Apostels. Denn er bekennt, daß nur Ein Gott ist: „Aus ihm und durch ihn und zu ihm ist alles, ihm sei Preis in Ewigkeit, Amen“ (11,36). Dieser eine Gott ist nicht entthront oder ersetzt durch den Christus. Aber so wie „wir Einen Gott haben, aus welchem alles ist und wir zu ihm, also haben wir Einen Herrn, Jesus Christus, durch welchen alles ist und wir durch ihn“ (1. Kor. 8, 6). In Christus „wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol. 2,9). „Ihn, der sich im Gehorsam bis zum Tod am Kreuz erniedrigt hat, erhob Gott zu höchster Würde und verlieh ihm den Namen über alle Namen, auf daß im Namen Jesu sich beugen sollen aller Knie bei Himm­lischen, Irdischen und Unterirdischen, und daß alle Zungen be­kennen sollen: Jesus Christus ist der HErr, zur Ehre Gottes des Vaters“ (Phil. 2,9-11).

Das ist das entscheidende Bekenntnis des Christen: Wir kennen Gott nur in Jesus Christus, der unser Bruder geworden ist. Die ganze Offenbarung Gottes und alle die besonderen Gaben, die Israel empfangen hat, sind wirklich und greifbar allein in Jesus Christus, der, als er Mensch wurde, nicht irgendein Mensch, son­dern ein Israelit wurde, ein Jude nach dem Fleisch. Nachdem der Apostel die jüdische Abstammung des Christus betont hat, emp­findet er das Bedürfnis, mit den stärksten Worten zu bekennen, daß in eben diesem Christus Israels Gott seine einzige und ganze Gottheit offenbart hat, daß Christus Gott ist über alle, Juden und Griechen, über Himmlische, Irdische und Unterirdische.

Paulus wußte, daß dieser Lobpreis von den Juden als eine uner­trägliche Gotteslästerung empfunden wird. Der Hohepriester hatte sein Gewand zerrissen, als Jesus vor dem Hohenrat bekannte, daß er der Sohn des lebendigen Gottes sei. Und jedesmal, wenn der Apostel in einer Synagoge die Gottheit Jesu verkündete, schrieen die Juden: Lästerung! Paulus selbst hatte lange mit fanatischem Eifer dieses christliche Bekenntnis auszurotten versucht, bis der erhöhte Jesus persönlich ihn bekehrte.

Der einzige rein theologische Grundsatz des Judentums ist das Schma Jisrael! Der HErr unser Gott ist Ein HErr (5. Mose 6,4). Der Glaube, Jesus sei Gott, erscheint den Juden als ein Rückfall in den heidnischen Polytheismus. Mögen immerhin. Nichtjuden eine heidnische Religion haben — was aber der Jude unter keinen Umständen zugeben kann und was ihn im tiefsten verletzt, ist, daß derjenige, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnen soll, ein Jude ist, und daß ein Jude Heiden und Juden, ja sogar in erster Linie den Juden zumutet, diese schlimmste Gottesläste­rung zu glauben. Hans Kosmala hat mit Recht darauf hingewie­sen (Judaica, Jan. 1947), daß die Lehre vom Volk Israel das Fundament der jüdischen Religion ist. „Liberales und orthodoxes Judentum mögen, nach manchen ihrer Vertreter zu urteilen, jen­seits des Satzes vom Einen Gott theologisch in der Tat nichts mehr miteinander gemein haben, eines aber wird sie immer zu­sammenhalten: die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Im Juden­tum bedeutet das Wort ‚Existenz‘ nicht mehr die theologische Existenz des Einzelnen vor Gott, sondern die gesamte, auch und gerade die physische Existenz des Juden: alle Juden sind Söhne der Verheißung, weil sie Abrahams Same, Heiliger Same sind. Von hier aus und nicht aus irgendwelchen theologischen oder bibelexegetischen Überlegungen lehnt der Jude Christus ab“.

Das ist der besondere jüdische Existenzialismus. Der Apostel bestreitet ihn nicht. Er betont vielmehr die heilsgeschichtliche Bedeutung des „Fleisches“. Hier hat eine göttliche Qualifizierung stattgefunden, nicht von der Natur aus, sondern durch die Gnade in die Natur hinein. Sie ist damit begründet und vollendet, daß der Christus „nach dem Fleisch“ ein Israelit geworden ist. Die einzigartige Existenz Israels war ein Versprechen. Dieses Ver­sprechen ist durch die Inkarnation Christi, welcher über allen Gott ist, erfüllt. Indem er als der wahre Sohn Abrahams im Fleisch lebte und starb, hat er die dem Abraham gegebene Ver­heißung erfüllt: „In dir sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden. Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker“, näm­lich aller, ohne Unterschied des Fleisches, seien sie nun beschnit­ten oder unbeschnitten, allein durch den Glauben an Gott, der die Toten lebendig macht und die Nichtseienden ins Dasein ruft (Röm. 4). Juden, die das ablehnen, verleugnen damit ihre eigene Existenz und den einzigartigen Vorzug Israels. Sollte ihr Un­glaube Gottes Treue aufheben? Nimmermehr! (3,1-4). Wenn sie schon Jesus den Heiden ausgeliefert haben, damit er aus ihrer Volksgemeinschaft ausgemerzt würde, so bleibt es dennoch wahr, daß er ihr Bruder geworden ist und daß sie seine Blutsverwandten sind. Sie mögen den Apostel der Heiden als den größten Volks­verräter verfolgen; trotzdem bleiben sie seine Verwandten nach dem Fleisch, um die er unablässiges Weh leidet.

„Es muß sich zeigen, daß Gott wahrhaftig ist“ (3,4). Das ist für Paulus der Nerv der Judenfrage. Gott hat nun einmal sein ganzes Erlösungswerk an die Existenz der Juden gebunden. Darum kann sich der Apostel nicht damit abfinden, daß gerade sie sich durch ihren Unglauben sollten vom Heil ausschließen können.

Warum genügt es ihm aber schließlich nicht, daß Gottes Wahr­haftigkeit durch den Unglauben der Juden insofern keineswegs aufgehoben wird, als eben Gott selber die Annahme des Heils vom Glauben abhängig gemacht hat? — Muhammed hat sich begnügt, die Diskussion der Judenfrage abzuschneiden mit dem Satz: „Sie sollen glauben oder nicht glauben!“ (Koran, 17. Sure). Manche „Christen“ sagen offen, daß sie das auch für das einzig Vernünf­tige halten und in den schwierigen drei Kapiteln nichts als rabbinistische Rabulistik finden können. Paulus jedoch, der Diener des guten Hirten, der nicht ein einziges von den hundert Schafen seiner Herde verlieren will und den die verlorenen Schafe aus dem Hause Israel am meisten jammern (Matth. 9,36; 10,5-6; 15,24; 18,12-14), kann sich nicht so leicht mit dem Verlust der Juden ab­finden. Nicht nur deshalb kann er das nicht, weil sie seine Ver­wandten sind, sondern weil Gottes Wort sich mit ihnen verbunden hat. Wo bleibt die erlösende Kraft des Wortes Gottes, wenn sie sich vom Heil ausschließen können? Das hat den Gesandten Christi dermaßen gequält, daß er bereit gewesen wäre, seine eigene Seligkeit für die Juden dranzugeben, anathema, cherem, verdammt und aus der Gemeinschaft Christi ausgeschlossen zu sein, um ihnen den Zugang zum Heil zu öffnen.

Es steht aber keineswegs so, als ob das Wort Gottes hinfällig geworden wäre (9,6a). Es ist vielmehr unumstößlich zu Stand und Wesen gekommen, und zwar eben durch den Christus Jesus. Er ist das Wort Gottes. „Gottes Sohn Christus Jesus, der unter euch durch uns verkündigt ist, durch mich und Silvanus und Ti­motheus, war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist das Ja (Wirk­lichkeit) geworden. Denn für alle Versprechen Gottes ist in ihm das Ja; deshalb (erklingt) auch durch ihn das Amen Gott zum Preise durch uns“ (2. Kor. 1,19f.). Und zwar ist gerade der Tod des Christus Jesus das Ja für alle Versprechen Gottes. Der Hei­lige ist zum Verfluchten geworden, er hat seine Seligkeit geopfert zum Heil für seine Brüder. Er war der Einzige, der das wirksam tun konnte, und es genügt voll, so daß das Angebot des Apostels damit erledigt ist.

Macht aber nicht doch das Nein der Juden, die nicht an den für sie Gekreuzigten glauben, das Ja Gottes kraftlos? Schlägt ihr Widersprechen das Wort Gottes nieder? — Der Apostel antwor­tet: Die Tatsache, daß zunächst nicht alle Juden glauben, ent­spricht durchaus dem Worte Gottes. Denn nach der Heiligen Schrift beruht das Heil auf einer Auswahl, und das bedeutet ein „nicht alle“. Denn nicht alle aus Israel sind als solche Israel, auch sind nicht alle Kinder Abrahams Samen, sondern (wie Gott, 1. Mose 21,12, zu Abraham gesagt hat) In Isaak soll dir der Samen genannt werden; das heißt: nicht die Kinder des Fleisches sind Gottes Kinder, sondern die Kinder der Verheißung werden als Samen gerechnet. Denn ein Verheißungswort ist dieses (1. Mose 18,14): Um diese Zeit werde ich wiederkommen und Sara wird einen Sohn haben 9,6b-9).

Seitdem der Herr den Namen Jakobs in „Israel“ umwandelte, kennzeichnet dieser Name einen Menschen, der durch die Gnade qualifiziert ist. Israelitische Abstammung garantiert durchaus nicht diese besondere Qualität. Der gleiche Unterschied besteht zwi­schen den Kindern Abrahams im allgemeinen, und denen, die der „Samen“ Abrahams sind. Als „der Samen“ wird im Hebräischen der Erbträger bezeichnet. In jeder Familie kann man beobachten, daß nicht alle Kinder die charakteristischen Züge des Vaters oder des Großvaters tragen. In der Familie Abrahams ist das beson­dere Erbgut das Gnadenmai. Der Bericht der Genesis hebt her­vor, daß nicht alle Nachkommen Abrahams mit diesem Merkmal der Gnade gezeichnet sind. Ismael ist wohl von Abraham gezeugt, und nach natürlichem wie nach menschlichem Recht wäre er der Erbträger Abrahams. Aber Gott hat Isaak, der nicht nach dem Naturgesetz geboren ist, gegen das menschliche Recht zum Na­mens- und Erbträger Abrahams eingesetzt. Isaak ist durch die Gnade gekennzeichnet, Ismael ist es nicht (vgl. Gal. 4,21ff. und Matth. 3,9).

Nicht nur das. Im Fall der Zwillinge, Jakob und Esau, ist die Auslese durch die Gnade noch schlagender. Wenn man. den Un­terschied zwischen Isaak und Ismael noch durch die verschie­denen Mütter oder durch die verschiedenen Konstellationen bei ihrer Geburt erklären könnte, so ist das bei den Zwillingen aus­geschlossen. Sondern auch Rebekka, als sie von Einem, unserm Vater Isaak, schwanger war, denn als sie (die Zwillinge) noch gar nicht geboren waren und weder etwas Gutes noch etwas Böses getan hatten damit Gottes Vorherbestimmung aus freier Wahl festgestellt sei, bei der nicht Werke, sondern der Berufende ent­scheidet —, wurde ihr gesagt: „Der Größere wird dem Kleineren dienen“ (1. Mose 25,23), ganz wie (als Grund für diese Ent­scheidung Gottes) geschrieben steht (Mal. 1,2), „Jakob liebte ich, Esau haßte ich“ (9,10-13).

An der Wurzel des israelitischen Stammbaums ist der freie Wille Gottes am Werk. Wer den Ursprung der heiligen Geschichte er­forscht, der stößt auf die Freiheit Gottes, die eine Auslese voll­zieht. Gott erwählt den einen und verwirft den andern. Für diese Wahl spielt die Veranlagung des Menschen keine Rolle. Weder die physische, moralische, religiöse Qualität, noch ein in irgend­einem Gesetz begründetes Recht werden berücksichtigt. Gott ent­scheidet in der unbeschränkten Freiheit seines Willens. Sein Herz erwählt. Und Gottes Herz ist keinem Gesetz unterworfen. Wenn schon das Menschenherz sich jeder Berechnung entzieht, wieviel weniger kann denn erst Gottes Herz berechnet oder zur Rechen­schaft gezogen werden. Aber während der Mensch nach dem Wort des Predigers Salomo (9,1) nicht Herr ist über sein Herz und ihm nicht befehlen kann, es solle lieben oder hassen, weil eben sein Herz samt seinem Lieben und Hassen in der Hand Gottes ist, so ist Gottes Herz frei: Er liebt, wen er will, und liebt nicht, wen er nicht lieben will. Er erklärt: Jakob liebte ich, Esau haßte ich.

Darum bilden nicht alle Nachkommen Abrahams und Jakobs das wahre Israel. Israel ist das auserwählte Volk, und nur die Aus­erwählten bilden das auserwählte Volk. Keiner ist erwählt auf Grund seiner besseren Qualität oder seiner Leistungen. Gott wählt, wie es ihm gefällt.

Was sagen wir nun (dazu)? Ist da nicht Ungerechtigkeit auf Seiten Gottes? (9,14). Wenn er in dieser unbegründeten und unbegründbaren Weise erwählt, muß man dann nicht folgern, daß er grund­sätzlich ungerecht ist? Das wäre schlimm, das hieße: das Evan­gelium leugnen. Hat doch Paulus am Anfang des Briefes ge­schrieben, er schäme sich des Evangeliums nicht, denn in ihm sei die Gerechtigkeit Gottes offenbart. Hebt nicht die freie Gna­denwahl jeden Begriff von Gerechtigkeit auf? Nein, im Gegen­teil! Denn gerade so setzt Gott seine Gerechtigkeit in Kraft. Dieses Vorgehen Gottes beweist, daß seine Gerechtigkeit göttlich ist. Gerecht ist, wer dem andern gibt, was er ihm schuldet. Nun ist aber Gott niemandem etwas schuldig. Er stellt die rechte Be­ziehung zwischen sich und einem andern her durch seinen freien Entschluß, indem er sagt: dich will ich, du bist mein. Ein mensch­licher Richter spricht jedem das zu an Lohn oder Strafe, was er nach dem Gesetz verdient. Gott jedoch handhabt als Souverän das Gnadenrecht und schenkt dem oder jenem das, was keiner verdient hat. Seine Gerechtigkeit ist die Gerechtigkeit „außer­halb des Gesetzes“ (3,21). Er schöpft das Recht aus seinem Herzen.

Darum antwortet der Apostel auf die Frage, ob nicht etwa auf Seiten Gottes Ungerechtigkeit festgestellt werden müsse: Un­möglich! Einen solchen Schluß kann nur einer ziehen, der völlig profan denkt und nichts von Gottes Heiligkeit begriffen hat. Das begründet Paulus damit, daß er durch weitere Bibelzitate die Freiheit Gottes in noch schärferes Licht stellt: Denn zu Mose sagt er (2. Mose 33,19): Ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme, und Mitleid haben, mit wem ich Mitleid habe. Also kommt es denn weder auf den wollenden noch auf den rennenden (Menschen), sondern auf den sich erbarmenden Gott an. Denn die Schrift sagt dem Pharao (2. Mose 9,16): Gerade dazu habe ich dich (als Widerstand) auf gestellt, damit ich an dir meine Kraft erweise und damit auf der ganzen Erde mein Name verkündigt werde. Also erbarmt er sich denn, wessen er will, und verstockt, wen er will (9,15-18).

Die Erzvätergeschichten des ersten Buches Mose, die Paulus an­geführt hat (9,6-13), um zu beweisen, daß laut dem Worte Gottes „nicht alle“ Israeliten das wahre Israel sind, zeigen, daß die Gnadenwahl die Beziehung zwischen Gott und seinen Ver­bündeten herstellt. Die Texte aus dem 2. Buch Mose, die er jetzt anführt, zeigen, wie Gottes Gerechtigkeit darin besteht, daß er durch die Betätigung seiner Freiheit seinen Bund aufrecht erhält. „Gerechtigkeit“ ist in der Bibel das Verhalten, durch das ein Bundespartner seine Pflicht erfüllt. In diesem Sinne beweist Gott durch die Geschichte Israels seine Gerechtigkeit, indem er diese Geschichte so bestimmt, daß sichtbar wird, wie er die Pflicht erfüllt, die er mit dem Bundesschluß übernommen hat. Er hat versprochen, sich an Israel so zu offenbaren, daß aller Welt sicht­bar wird, wer er ist, daß er nämlich der Herr der freien Gnade ist. „Ich bin, der Ich bin“ (2. Mose 3,14). Das ist sein Name, und entsprechend seinem Namen lautet die Maxime seiner Gerech­tigkeit: „Ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme, und Mitleid haben, mit wem ich Mitleid habe“ (2. Mose 33,19).

Der Kampf zwischen Moses und dem Pharao wird nicht auf dem Felde der Moral ausgetragen. Wenn Gottes Gericht Israel zur Freiheit der Kinder Gottes erhebt und die Ägypter niederschlägt, so geschieht dies nicht nach der klassischen Maxime des Rechts „suum cuique“. Man hat nichts von der Sache verstanden, wenn man sie sich so zurechtlegt, der Pharao sei eben ein böser Mensch, und die Israeliten seien brav gewesen. Nein, Gott allein ist gut, und seine unergründliche Güte hat sich der Erbärmlichen er­barmt. Gottes Güte ist durch nichts bedingt, sie entspringt aus eigenster, tiefster Quelle; sie findet ihren Gegenstand nicht vor, sie erfindet ihn. Die Göttlichkeit seiner Liebe stellt er damit unter Beweis, daß er die Nichtliebenswürdigen liebt (5,8). Er betätigt seine Gerechtigkeit dadurch, daß er von seiner Souveränität Ge­brauch macht. Zum Erweis dessen, was er vermag, erweckt und verstockt er den Pharao. „Ich, ich werde das Herz des Pharao verhärten“, erklärt er zweimal (2. Mose 4,21; 7,3). Diese Er­klärung macht jede moralistische oder gesetzliche Deutung zu­schanden.

Nun wirst du mir sagen: was tadelt er dann noch? Denn wer widersteht seinem Willen. — O du Mensch, wer bist du denn, um Gott zu Widerreden?! (9,19.20a). Der Mensch, der gehört hat, daß Gott nach freiem Ermessen begnadigt oder verstockt, hakt sofort ein mit der Feststellung: dann hat er aber auch kein Recht mehr, irgendeinen zu tadeln. Der Apostel schlägt ihm dieses scheinbar logische Argument aus der Hand, indem er erklärt, daß logischer Weise vor der souveränen Gerechtigkeit Gottes dem Menschen kein Standpunkt mehr bleibt zur Rechthaberei. Der Mensch, der noch mit Gott disputieren will und gar meint, er könne aus Gottes eigenen Worten beweisen, daß Gott überhaupt kein Recht mehr habe, der hat offenbar noch nicht verstanden, daß er es mit Gott zu tun hat. Gottes Gerechtigkeit wäre nicht göttlich, wenn sie dem menschlichen Räsonieren ausgeliefert wäre.

Nimmt der Apostel die Flucht in einen bequemen Irrationalismus, indem er den Menschen in seine Schranken weist? — Nein, er treibt im Gegenteil die Logik bis dahin, wo es deutlich werden muß, daß „Gott wahrhaftig ist, jeder Mensch aber ein Lügner, wie denn geschrieben steht (Psalm 51,8): ‚damit du gerecht er­funden werdest in deinen Worten und obsiegest, wenn man mit dir rechtet‘“ (Röm. 3,4). Gottes Gerechtigkeit richtet die rechte Beziehung zwischen Gott und Mensch auf, und diese besteht eben darin, daß er für den Menschen wirklich Gott ist, und der Mensch vor ihm Mensch. Gott ist der Schöpfer, und der Mensch sein Geschöpf. Das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf beschreibt der Apostel durch das Bild des Töpfers, wie es von den Prophe­ten gezeichnet worden ist (Jes. 29,16; 45,9; Jer. 18,6). Sagt etwa das Gebilde zum Bildner: Was hast du mich so geschaffen? Oder hat der Töpfer nicht freie Verfügung über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß für einen wertvollen Inhalt her­zustellen, das andere für einen wertlosen? Wenn aber Gott, in der Absicht, seinen Zorn zu erweisen und seine Macht zu zeigen, die für das Verderben her gerichteten Gefäße des Zornes mit großer Langmut getragen hat, und damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit zeige an den Gefäßen des Erbarmens, die er zur Herrlichkeit vorbereitet hat —? Der Apostel führt den Satz nicht zu Ende, er verstummt angesichts der göttlichen Souveränität. Und mit ihm verstummt auch der rechthaberische Mensch, der mit Gott disputieren wollte.

Aber wohlgemerkt! Wenn wir den Apostel verstanden haben, so schweigen wir nicht, weil wir durch einen absoluten Determi­nismus niedergeschlagen wären. Wir legen vielmehr die Hand auf den Mund wie Hiob, nachdem Gott persönlich mit ihm ge­sprochen hat. Wir fangen an zu ahnen, was Gottes Gerechtig­keit ist, daß sie die Vollmacht ist, seinen Willen zu verwirklichen, daß sie also ¡nicht die Gerechtigkeit eines menschlichen Richters ist, der nach einem Strafgesetzbuch richten muß. Sie ist die schöpferische Gerechtigkeit. Gottes Urteil über den Menschen ist nicht durch die Qualität des Menschen bedingt. Sondern die Ver­anlagung eines Menschen ist durch den Willen Gottes bestimmt, und das Urteil, das Gott über den einen oder den andern aus­spricht, zeigt, zu was er ihn geschaffen hat. Die Macht Gottes ist nicht beschränkt durch die Möglichkeiten, die ihm die Men­schen bieten. Es ist vielmehr so, daß Gott die Menschen ver­schieden geschaffen hat, um an ihnen alle Möglichkeit», über die er verfügt, zu zeigen. Um die Möglichkeit und Mächtigkeit seines Zornes zu zeigen, hat er die Gefäße des Zornes in großer Lang­mut getragen, und um seine alles überstrahlende Herrlichkeit zu zeigen, hat ier die Gefäße des Erbarmens zuvor bereitet.

An den einen wie an den andern will er seine Vollmacht zeigen. Er ist frei und mächtig zu verderben wie zu retten, zu verdammen wie zu begnadigen. Unsere Vernunft will ständig im Namen seiner Gerechtigkeit ihm entweder das eine oder das andere Recht be­streiten. Das einemal sagt sie: Gott muß verdammen, er wäre ungerecht, wenn er den Übeltätern Gnade widerfahren ließe. Nein! antwortet der Apostel: Gott muß nicht verdammen, wenn er nicht will. Er ist der Souverän, und es ist das Recht des Souveräns, über alle Gesetze hinweg zu begnadigen, in eigener Verantwor­tung. Das anderemal sagt unsere Vernunft: Gott muß verzeihen, das ist seine göttliche Pflicht. Und wieder antwortet der Apostel: Nein! Gott muß nicht vergeben, wenn er nicht will. Er ist der lebendige Gott in seinem Zorn wie in seiner Milde. Der Zorn ist nicht weniger eine göttliche Möglichkeit als das Erbarmen. Sein Herz kann lieben und kann hassen. Wer die eine Möglichkeit bestreitet, entwertet die andere.

Das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Christus, dessen der Apostel sich nicht schämt, schwächt nicht eine Mög­lichkeit ab zugunsten der andern und offenbart gerade dadurch die Gerechtigkeit Gottes, daß es keines ihrer Rechte bestreitet. Beim Entwickeln seiner These, daß Gottes Gerechtigkeit durch das Evangelium offenbart sei, hat der Apostel den ersten Teil (1,18 bis 3,20) dem Nachweis gewidmet, daß Gottes Zorn sich über alle Unbotmäßigkeit der Menschen enthüllt habe, welche die Wahr­heit in den Fesseln der Ungerechtigkeit gefangen halten. Die Enthüllung des Zornes Gottes vom Himmel her ist ein wesent­liches Stück des Evangeliums. Denn der am Kreuz als der Ver­dammte sterbende Christus ist ebenso sehr die Enthüllung des Zornes Gottes wie seines Erbarmens. Das Urteil, das der Vater über seinen eingeborenen Sohn gesprochen und am Kreuz voll­streckt hat, ist der höchste Vollzug seiner Gerechtigkeit.

In diesem einen Gerichtsakt ist die göttliche Macht offenbart, jeden zu retten, der glaubt. Denn in ihm ist die Gerechtigkeit Gottes erfüllt als Verurteilung und als Begnadigung. Ein für allemal ist da an dem einen Hingerichteten und Begnadigten Got­tes Gericht über die gesamte Menschheit, Juden und Heiden, voll­streckt worden. Für die einen wie für die andern handelt es sich jetzt darum, zu glauben, daß „der Herr Jesus für unsere Sünden dahingegeben und zu unserer Rechtfertigung auferweckt worden, ist“ (4,25). Wer diesen Gerichts- und Gnadenakt glaubt und bekennt, der ist gerettet[2].

Hat aber Paulus nicht geschrieben, Gott habe einen Teil der Menschheit zur Verdammnis und den andern Teil zur Seligkeit vorherbestimmt? — Nein, das hat er nicht geschrieben, wie oft man es auch in seinen Sätzen gelesen hat. Er hat vielmehr so deut­lich wie möglich und wiederholt betont, daß Gott etwas „zeigen wolle“. Mit dem Willen, seinen Zorn zu zeigen und sein Können zu erkennen zu geben, hat er mit viel Geduld die für das Verder­ben geformten Gefäße ertragen (9,22). Er hat sie also nicht ver­derblich geformt, um sie unwiderruflich zu verderben. Er hat sie vielmehr mit großer Langmut getragen, und er trägt sie noch bis zu dem heutigen Tag, wo ihnen die Verkündigung des Evange­liums die Möglichkeit eröffnet, den Zorn und die Macht Gottes zu erkennen, Gottes Gerechtigkeit anzuerkennen und gerettet zu werden durch das gläubige Bekenntnis zu Jesus Christus, den an ihrer Stelle der ganze Zorn Gottes getroffen hat. In gleicherweise unterstreicht der Apostel, daß Gott die Gefäße des Erbarmens zuvor bereitet hat, um den Reichtum seinen Herrlichkeit bekannt zu geben. Auch das ist geschehen als Demonstration der Mög­lichkeit und Dringlichkeit des Heils durch den Glauben an Jesus Christus.

Die einen wie die andern Gefäße und beide zusammen, sollen zeigen, daß und was Gott kann: er hat das Recht und die Macht zu verdammen und zu begnadigen. In einem einzigen Fall hat er beides zugleich und in ganzer Fülle getan. Das ist der Fall des Christus Jesus. Er ist zugleich der Verworfene und der Er­wählte, der Verfluchte und der Gesegnete. Mehr als das: „Er ist für uns alle zum Fluch geworden“ (Gal. 3,13) und eben damit zum „Segen“ für alle, die an ihn glauben. „Ihn hat Gott in seinem Blut als Sühnopfer hingestellt dem Glauben zugut, und zwar zum Erweise seiner Gerechtigkeit (in der Vergangenheit), insofern er die während der Geduldsperiode Gottes begangenen Sünden un­bestraft gelassen hatte (und zugleich), zum Erweise seiner Gerech­tigkeit in der Gegenwart, damit (also erwiesen sei, daß) Gott selbst gerecht ist und den gerecht macht, der im Glauben an Jesus (lebt)“ (Röm. 3,25f.).

Am Kreuz halten sich nicht der Zorn und das Erbarmen die Waage. Noch weniger bricht dort der Dualismus auf zwischen einem gü­tigen und einem strengen Gott. Dort erweist Gott, daß er mit sich selbst nicht in Widerspruch gerät, sondern seine eigenste Gerechtigkeit übt, wenn er die Ungerechten gerechtspricht. Dort legt er das Übergewicht seiner Gnade in die Waagschale seiner Gerechtigkeit.

Das alles ist ausschließlich Gottes Werk, in keiner Weise durch den Zustand oder das Handeln des Menschen bedingt. Der Mensch trägt nichts dazu bei, er hat nur zu glauben, daß es wahr ist, und das Geschenk dankbar anzunehmen. Aber eben durch diese eine „Bedingung“ des Glaubens scheint alles problematisch zu werden. Glauben heißt, daß der Mensch aus freiem Entschluß Ja sagt zu der Botschaft von der freien Gnade Gottes. Wenn nun aber der Mensch sich weigert, das zu tun, wo bleibt dann die Freiheit Gottes?

Das Problem der Freiheit muß gelöst werden. Und das Problem der Freiheit ist das Problem des Bösen. Denn das Böse ist nichts anderes, als daß der Mensch Gott den Glauben verweigert und ihm mißtraut. Wenn wir meinen, der Apostel behandle das Pro­blem des Bösen und des freien Willens philosophisch, so werden wir ihn nie verstehen. Nichts liegt seinem Denken so fern und nichts widerspricht seiner Botschaft so total wie ein philosophi­scher Determinismus. Denn für den Determinismus gibt es weder Verantwortung noch Schuld, weder Strafe noch Gnade. Gerade dies sind aber für Paulus die entscheidenden Realitäten. Alles, was er schreibt, das schreibt er als Verkünder der frohen Bot­schaft von der freien Gnade Gottes. Darum kann auch nach dem ganzen Zusammenhang keine Rede davon sein, Paulus wolle den Nachweis führen, daß nach der freien Entscheidung Gottes ein Teil der Menschen zur Verdammnis vorbestimmt sei und der an­dere zur Seligkeit. Genau das Gegenteil will er begründen, näm­lich daß es der Freiheit Gottes möglich sei, alle, alle zu retten. Dieses „alle“ ist in Frage gestellt durch die Freiheit des Men­schen, den Glauben Gott zu verweigern, und insbesondere durch das Nein der Juden. Die Ansicht, daß infolgedessen die Freiheit Gottes durch die Freiheit des Menschen aufgehoben werde, wider­legt der Apostel mit dem gleichen Argument wie der Prophet, nämlich durch die Selbstverkündigung Gottes:

„Ich bin der HErr, und keiner sonst,
der ich das Licht bilde und schaffe die Finsternis,
der ich das Heil wirke und schaffe das Unheil.
Ich der HErr wirke dies alles.
Weh dem, der mit seinem Schöpfer rechtet,
eine Scherbe unter irdenen Scherben!
Spricht auch der Ton zum Töpfer:
Was wirkst du?“ (Jes. 45,6-9).

Eben das ist das wahre Mysterium der Freiheit, daß die Frei­heit des Menschen in der Freiheit Gottes begründet ist. Das ist die Lösung der Antinomie der Freiheit des Menschen und der Freiheit Gottes, die unsere unerlöste Vernunft niemals lösen kann. Der Mensch hätte nicht die Freiheit, Nein zu sagen, wenn Gott sie ihm nicht gegeben hätte. Und weit entfernt davon, die Freiheit Gottes aufzuheben, ist vielmehr die Freiheit des Menschen in der Freiheit Gottes aufgehoben. So versenkt der Apostel die Kluft, welche die Freiheit den Menschen zwischen Gott und dem Men- sehen aufgerissen hat, in dem Abgrund der göttlichen Freiheit. „O welch ein Abgrund des Reichtums, der Weisheit und der Er­kenntnis Gottes!“ (11,33). „Fürwahr, du bist lein verborgener Gott, du Gott Israels, du Retter!“ (Jes. 45,15).

Um zu zeigen, daß Heil und Unheil einzig durch seine Wahl be­dingt sind, hat Gott jeweils einem Erwählten einen Verworfenen gegenüber gestellt, und die heilige Geschichte gestaltete er zu­nächst so, daß das Volk der Erwählten nur aus Israeliten be­stand. Das konnte den Anschein erwecken, als gälte sein Heil nur einem Teil der Menschheit, während die übrigen eine massa perditionis seien. Um zu zeigen, daß das keineswegs seine Ab­sicht sei, hat dann Gott angefangen, bei der Auswahl Heiden und Juden zu mischen, und schließlich hat er ihre Rollen ganz ver­tauscht. Dementsprechend hat er auch uns berufen, nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden, wie er auch im Hosea (Hos. 2,25 u. 2,1) sagt: „Ich werde das Nichtmeinvolk mein Volk nennen und die Nichtgeliebte Geliebte. Und an dem Orte, wo ihnen gesagt war: ihr seid nicht mein Volk, da werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden“ (9,24-26).

Zum Schluß hat er die erwählten Israeliten bis auf einen ver­schwindend kleinen Rest vermindert: Jesajas ruft über Israel aus: „Wenn die Zahl der Söhne Israels wie der Sand des Meeres wäre — (nur) der Rest wird gerettet werden. Denn der Herr wird die Abrechnung auf der Erde durch ein abgekürztes Verfahren zum Abschluß bringen“ (9,27.28). Der zweite Teil des Jesaja-Wortes (Jes. 10,22b.23) lautet im hebräischen Text des Propheten: „Garausmachen verschärft, überflutendes Recht; denn Garaus und Verschärfung vollzieht der Allherr HErr der Heere inmitten der ganzen Erde“. Und in der Übersetzung der LXX, nach welcher der Apostel zitiert: „Denn Rechnung abschließend und verkür­zend in Gerechtigkeit (wird das Verfahren beim Abschluß der Ge­schichte Israels sein), weil Gott inmitten des Erdkreises ein ab­gekürztes Rechnungsverfahren anwenden wird“. Die Worte „ab­schließend und verkürzend“ sind eine eschatologische Formel für die gerichtliche Liquidation am Ende der Weltgeschichte (Jes. 28,22; Daniel 9,27 u. 11,36);

Der Apostel will also wohl sagen, daß nach der Prophetie des Jesajas Gott am Schluß die Geschichte Israels liquidieren werde und daß diese Liquidation den beinahe totalen Bankrott Israels ergeben werde. Und wie Jesajas vorausgesagt hat (Jes. 1,9): Wenn nicht der Herr Zebaoth uns einen Samen übrig gelassen hätte, wären wir wie Sodom geworden und Gomorrha gleichge­macht“ (9,29). Sodom und Gomorrha sind durch die ganze Bibel hindurch das Beispiel dafür, daß Gott, der im Bund mit Noah versprochen hat, er werde nicht ein zweites Mal um der Sünde der Menschen willen durch eine Sintflut alles Leben auf der Erde ertränken, immerhin die Möglichkeit hat, eine besonders sünd­hafte Menschengruppe total zu vernichten. Jesajas hat schon im achten Jahrhundert vor Christi Geburt feststellen müssen, daß dieses Gericht über Jerusalem und Juda gekommen wäre, wenn Gott nicht aus Treue und Gnade einen Rest von ihnen als Erb­träger übrig gelassen hätte.

Was sagen wir nun? (9,30a). Was ist das Ergebnis des Auswahl­verfahrens, das Gottes freie Gnade gemäß seinem Worte (wie der umfassende Schriftbeweis bewiesen hat) von Anbeginn der heiligen Geschichte bis zu der Stunde, da der Apostel den Rö­mern schreibt, durchgeführt hat? Das Ergebnis ist: Daß Heiden, die der Gerechtigkeit nicht nachjagten, die Gerechtigkeit ergriffen haben, (nämlich) die Gerechtigkeit aus Glauben; Israel aber, das einem Gerechtigkeitsgesetz nachjagte, hat das Gesetz nicht er­reicht. Warum? Weil es nicht aus Glauben (der Gerechtigkeit, die das Gesetz meint, nachjagte), sondern so, als ob aus Werken (frommer Anstrengung die Gerechtigkeit zustande gebracht wer­den müßte). Sie stießen an den Stein des Anstoßes, von dem ge­schrieben steht: „Siehe, ich lege einen Stein des Anstoßes und Fels des Ärgernisses, und wer an ihn glaubt (im Glauben auf ihn seinen Standpunkt nimmt), der wird nicht zuschanden werden“ (9,30b-33).

In diesem Zitat verbindet Paulus zwei verschiedene Worte des Propheten Jesajas. Das eine (Jes. 8,14) redet von einem Fels, über den die Juden stolpern und fallen. Das andere (Jes. 28,16) redet von einem Stein, der das unerschütterlich feste Fundament Zions ist. Mit Recht hat Paulus die beiden Worte verbunden, denn es handelt sich in der Tat nicht um zwei ver­schiedene Steine, einen stürzenden und einen aufrichtenden. Nein, in beiden Fällen ist es derselbe Stein. Moses hat schon in seinem prophetischen Gesang (5. Mose 32) auf den Felsen hingewiesen, der eben deshalb, weil er das Prinzip der Geschichte Israels ist, zugleich ihre Krisis ist. Jesajas sagt (28,16 in der griech. Übers, der LXX, nach der Pau­lus zitiert): „Wer auf ihn glaubt, wird nicht zuschanden“. Er sagt aber auch in bezug auf ihn (7,9): „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“.

Dieser Fels ist die Wirklichkeit, die Gegenwart des lebendigen Gottes, seine Wahrheit und Treue, seine Gerechtigkeit, seine Gnade, seine Freiheit. Er ist Gott in Jesus Christus. „Siehe, dieser ist gelegt zum Fall und zum Auferstehen vieler in Israel“ (Luk. 2,34). „Euch nun, die ihr glaubt, ist er köstlich; den Ungläubigen aber ist er der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses, denn sie stoßen sich an dem Wort und glauben nicht daran“ (1. Petrus 2,6-10 und Matth. 21,42-44). Dadurch, daß Gott das ganze Gebäude der heiligen Geschichte wieder abge­brochen hat (Jer. 45, 4), legt er ihr Fundament bloß und deckt dem geheimen Grund der einzigartigen Existenz Israel auf: die Gegenwart des lebendigen Gottes in seinem Sohne Jesus Chri­stus. Nun ist es klar, daß jeder Versuch, ihn als Prinzip für den Aufbau eines Systems religiös-sittlicher Vollkommenheiten zu be­nützen, zusammenbrechen muß, daß er hingegen die Kraft und Möglichkeit Gottes ist, jeden zu retten, der an ihn glaubt. An Ihm ist Israel gescheitert, an Ihm wird es auferstehen.

Das zehnte Kapitel

Ihr Brüder, der Wunsch meines Herzens und mein Gebet zu Gott für sie ist, daß sie gerettet werden (10,1). Dasselbe Herz, das der Unglaube Israels unaufhörlich schmerzt, ist von einer heißen Sehnsucht bewegt. Der Apostel versichert es seinen christlichen Brüdern; weder sie noch er können sich mit dem Verlust der Juden abfinden. Das Leid des Apostels wäre nicht das Leid Christi und Gottes, wenn er die Hoffnung für die Juden könnte fahren lassen. Die göttliche Seligkeit ist tief getrübt durch die Weigerung und das Elend der Erstgeborenen. Gottes Herz muß getröstet wer­den und ist erst getröstet, wenn sie zu seiner Freude eingehen. Der Apostel würde den Glauben Christi verleugnen, wenn er daran zweifeln würde, daß Gott die Juden retten will. Weil Christus sein Leben für sie gegeben hat, braucht der Apostel nicht seine Seligkeit für sie zu opfern. Umso notwendiger und begrün­deter ist es, daß er für sie betet. Durch unablässige Fürbitte ver­einigt er sich mit dem Willen Gottes, der auf die Rettung der Juden gerichtet ist.

Wir sehen, wie verkehrt es wäre, das neunte Kapitel im Sinne des Determinismus zu deuten. Der Determinismus schließt das Gebet aus, während für den Botschafter des Evangeliums die jüdische Katastrophe Anlaß und Gegenstand des Gebetes ist. Die Juden sind nicht ein verzweifelter Fall, sondern im Gegenteil der exemplarische Gegenstand der Verheißung und der Endhoffnung. Denn ich bezeuge ihnen, daß sie Eifer um Gott haben, aber nicht in rechter Erkenntnis. Denn da sie die Gottesgerechtigkeit verkannten und ihre eigene aufzurichten strebten, haben sie sich der Gottesgerechtigkeit nicht untergeordnet. Denn das Ende des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt (10,2-4).

Der HErr, der Gott Israels, ist ein „eifriger“ Gott (2. Mose 20,5). Die Liebe seines Herzens ist eine eifersüchtige Liebe (2. Kor. 11,1-3). Das Gesetz, das er seinen Befreiten gegeben hat, ist zusammengefaßt in dem Gebot: „Höre Israel, der HErr unser Gott ist ein einziger Gott; und du sollst Gott deinen HErrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und aus allen deinen Kräften“ (Mark. 12,39f.). Die „guten Juden“ eifern, dieses Gesetz zu erfüllen. Ihr Eifer stimmt jedoch nicht mit dem Eifer Gottes überein. Sein Eifer ist die Liebe, die sich bedingungslos und rückhaltlos schenkt, während ihr Eifer der religiös-moralische Idealis­mus ist, der nach Vollkommenheit strebt.

Was den jüdischen Eiferern fehlt, ist der Verstand, das rechte Verständnis. Der Apostel weist hier die große Bedeutung nach, die das Denken und die Erkenntnis für das Aneignen des Heils haben. Denken und Verstehen sind deshalb entscheidend wich­tig, weil Gott das Heil durch ein Wort mitteilt. Um gerettet zu sein, muß der Mensch dieses Wort hören, es verstehen und es glauben. So gescheit die Juden sind — das Einfachste und Ent­scheidende haben sie noch nicht begriffen, daß nämlich Gott die Liebe ist, daß seine Gerechtigkeit und darum auch die Erfüllung seines Gesetzes reine Liebe ist. Da muß nichts verdient werden, da ist alles Gabe.

„Dank sei Gott für seine unaussprechliche Gabe!“ (2. Kor. 9,15). Aus Liebe zu seinen verlorenen Söhnen hat der Vater sein Ein und Alles, seinen lieben Sohn gegeben. Christus ist die Selbst­hingabe Gottes an die Menschheit, die Erfüllung, das Ziel und Ende des Gesetzes. Gerade die Frömmsten unter den Juden haben die größte Mühe, das zu verstehen. Die Pharisäer und die Priester fanden, er zerstöre die heiligsten Werte. „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben“, sagten sie dem römischen Richter (Joh. 19,9). Ihr religiöser Eifer trieb sie dazu, ihn als Gotteslästerer hinrichten zu lassen. So verstanden und erfüllten sie das Gesetz. Und der Vater gab seinen eingebo­renen Sohn, den einzigen Unschuldigen den Schuldigen und für die Schuldigen. So erfüllte er seine gerechtmachende Gerechtig­keit. Am Kreuz sind die beiden Gerechtigkeiten vereinigt. Indem da der Unschuldige für die Schuldigen hingerichtet und auferweckt wird, wird das Gesetz, das den Sünder verdammt, und zugleich das Gesetz, das den Sünder begnadigt, erfüllt.

Das ist’s, was die Juden noch nicht begriffen haben. Das Evan­gelium hat ihren religiös-moralischen Idealismus noch nicht ge­tötet. Sie fassen die Gerechtigkeit Gottes immer noch als eine Aufgabe auf, wo sie doch reines Geschenk ist.

Denn Moses schreibt die Gerechtigkeit aus dem Gesetz so: „Der Mensch, der tut, wird durch sie leben“ (3. Mose 18, 5). Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so: „Sage nicht in deinem Herzen: Wer wird in den Himmel hinaufsteigen?“ das heißt Christus herabholen „oder: Wer wird in den Abgrund hinab­steigen?“ das heißt Christus aus den Teten heraufholen . Sondern was sagt sie? „Nahe bei dir ist das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen“ –das ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen (10,5-8). Um den Unterschied der beiden Auffassungen von Gerechtigkeit zu charakterisieren, führt der Apostel zwei verschiedene Erklärungen aus der Tora an. Es er­gibt sich daraus folgender Unterschied. Moses „schreibt“. Die gesetzliche Gerechtigkeit, deren Autorität für die Juden Moses ist, besteht in der auf Stein geschriebenen Vorschrift: du sollst tun! (2. Kor. 3, 4-18). Die Gerechtigkeit aus Glauben dagegen ist die viva vox Evangelii, die lebendige und lebendig machende Stimme, die sagt: Höre und glaube! Glaubst du, so hast du. Aus Höhen, welche die sublimste Spekulation nicht erreichen kann, ist Christus in die tiefsten Abgründe das Daseins hinun­ter gestiegen. Er hat es für dich getan. Er ist das Ende des ideali­stischen Strebens wie des existenzialistischen Realismus.

Wenn du also mit deinem Munde bekennst, daß Jesus der HErr ist, und mit deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn von den Toten auf er weckt hat, so wirst du gerettet werden (10,9). Das einzige, was dir zu tun bleibt, ist glauben und bekennen. Bekennen heißt im Griechischen wörtlich „das gleiche sagen“, in diesem Fall also sagen, was Gottes Wort und Geist dir sagen: Jesus ist der HErr. In ihm ist der rettende Name Gottes kundgetan, das Tetragramm des Alten Testaments ist „vokalisiert“ als „Jesus“, und jeder, der das ausspricht, verfügt über die Wundermacht eines Baal schem tow (Apg. 2,21-26; 1. Kor. 12,3; Phil. 2,11). Der Mund kann den rettenden Gottesnamen nur dann recht bekennen, wenn das Herz glaubt. Das Herz ist das Zentralorgan des Menschen, seiner Vernunft, seines Gefühls und seines Willens. So ist beim Glauben der ganze Mensch mit allen seinen Fähigkeiten beteiligt.

Durch das Glauben des Herzens eignet man sich also die Ge­rechtigkeit an, und durch das Bekennen des Mundes das Heil.

Denn die Schrift sagt (Jes. 28,16): „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“ (10,10-11). Der Apostel fügt dem Prophetenwort hinzu „jeder“ und erklärt es: Denn da ist kein Unterschied zwischen dem Juden und dem Griechen. Denn einer und derselbe ist der HErr über alle, reich für alle, die ihn anrufen. Denn (Joël 2,32) „Jeder, der den Namen des HErrn anrufen wird, wird gerettet werden“ (10,12.13). „Jeder, alle“, der Apostel kann es nie genug unterstreichen. Wie alle, Juden und Griechen, ohne Unterschied gesündigt haben und der gött­lichen Ehre ermangeln (3,23), so steht in Jesus allen ohne Un­terschied der unerschöpfliche Reichtum Gottes offen.

Die Juden sind die Erstgeladenen. Weshalb kommen sie nicht? Warum rufen sie den Namen des Retters nicht an? Ist er ihnen etwa nicht kundgetan? Dann könnten sie ihn allerdings nicht anrufen. Wie sollten sie denn den anrufen, an den sie nicht gläu­big geworden sind? Wie an einen glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie hören, ohne daß einer verkündigt? Wie könnte man aber verkündigen, ohne gesandt zu sein? (10,14.15a). Alle Glieder dieser Kette greifen ineinander und müssen alle ge­geben sein, wenn das Evangelium zum Glauben und Bekennen werden soll. Die ganze Kette hängt letztlich daran, daß das Evangelium verkündigt wird, da ja der Glaube aus dem Hören (oder der Mitteilung) entsteht, das Hören (oder die Mitteilung) aber durch das Wort Christi (10,17)[3]. Darum ist die entschei­dende Frage, ob denn etwa Christus keine Boten zu Israel gesandt hat. Sie ist eindeutig beantwortet durch die Heilige Schrift, da ja geschrieben steht (Jes. 52,7): „Wie lieblich sind (oder wie rechtzeitig nahen) die Füße derer, die die gute Botschaft (das Evangelium) bringen! (10,15b).

Das Entscheidende ist also geschehen. Damit nun aus diesem Anfang das weitere folge, muß das Hören zum Gehorchen werden.

Denn glauben heißt gehorchen (1,5), sich dem Gehörten unterordnen und sich völlig dadurch bestimmen lassen. Daran fehlt es offenbar. Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam gewor­den. Denn Jesaja sagt (unmittelbar nach dem Willkommgruß an die Freudenboten und am Eingang des großen Kapitels vom Lei­den des von den Seinen verkannten Knechtes des HErrn, 53,1): „HErr, wer hat unsere Kunde geglaubt? (10,16b).

Aber ich sage: Haben sie etwa doch nicht gehört? O freilich:

„Über die ganze Erde ging aus ihr Schall
und an die Enden des Erdkreises ihre Worte“ (10,18).

Der Apostel sagt, die Möglichkeit, daß die ungläubigen Juden trotz allen Boten, die Christus ausgesandt hat, das Evangelium nicht hören konnten, ist ausgeschlossen, und begründet das mit einem Vers aus dem 19. Psalm, der den Sphärengesang preist, die Stimme des Himmels, der Tage und der Nächte, die die Kunde von Gottes Schöpfertat weitergeben, und den Lauf der Sonne, die die Welt vom Aufgang bis zum Niedergang so erleuchtet, daß nichts vor ihren Strahlen verborgen bleibt. Der Apostel wagt es, diesen Psalm auf die christliche Mission zu beziehen, zwei Jahr­zehnte nach der Auferstehung Christi, zu einer Zeit, da es noch kein Radio gab. Er übertreibt nicht. Denn der Lauf des unbekann­ten Galiläers, sein Heruntersteigen vom Throne des Vaters bis in die Hölle und seine Rückkehr zur Rechten des Vaters, ist das eine große Ereignis, auf das hin die Welt geschaffen ist, und das von der ganzen Schöpfung mit höchster Spannung erwartet worden ist, und das, nachdem es einmal geschehen ist, keinem Winkel der Erde verborgen sein kann, geschweige denn den Men­schen im Heiligen Lande.

Aber ich sage: hat Israel etwa nicht verstanden? (10,19a). Ein unverständliches und unverstandenes Wort kann allerdings nicht Glauben erwecken. Könnte Israel also nicht verstehen, so wäre es entschuldigt. Der Apostel beschuldigt sie nicht. Er verweist sie auf Moses, ganz wie das Jesus tat, als er den Juden sagte: „Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt, Moses, auf welchen ihr hofft“ (Joh. 5,45). So schreibt jetzt auch Paulus: Als Erster sagt Moses:

Ich werde euch eifersüchtig machen auf ein Unvolk und reizen durch ein unverständiges Volk“ (10,19b).

Moses sagt das in seinem Schwanengesang, wo der Gesetzgeber zum Propheten geworden ist (5. Mose 32). Wie Gott, bevor er ihn von der Erde hinwegnahm, ihn das gelobte Land von einem Ende zum andern schauen ließ, so überblickt in diesem Lied das prophetische Auge des Moses die ganze Geschichte Israels als einen Strom, der aus mythischen Quellen entspringt und in das Meer der Gnade mündet. Inmitten seines Laufs stürzt der Strom über einen Felsen:

„Des Felses, der dich gezeugt, gedachtest du nicht
Und vergaßest des Gottes, der dich geboren.
Der HErr sah es und verwarf sie
aus Unmut über seine Söhne und Töchter.
Und sagte: Verbergen will ich vor ihnen mein Angesicht,
will sehen, welches ihr Ende sei.
Sie haben mich eifersüchtig gemacht durch Ungötter,
durch ihre Götzen haben sie mich gereizt.
Ich aber mache sie eifersüchtig durch ein Unvolk,
durch ein gottloses Volk will ich sie reizen“.

Israel, das stolz darauf ist, den einen wahrhaftigen Gott zu kennen, wird dereinst zu seinem Ärger sehen müssen, daß gottlose Heiden die volle Erkenntnis Gottes haben, die es verkannt hat.

Jesaias aber wagt sich noch weiter und sagt (65,1):

„Ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten,
und wurde offenbar denen, die nicht nach mir fragten“.

V\on Israel aber sagt er (65,2): „Den ganzen Tag breitete ich meine Hände aus gegen ein Volk, das ungehorsam ist und wider­spricht“ (10,20.21). Gott hat niemals aufgehört, Israel einzu­laden. Es ist sein tiefes Leid, daß sie nicht eingehen wollen zu seiner Freude. Wir denken an das Weinen Jesu über die heilige Stadt: „Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder ver­sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt“ (Luk. 19,41-44; Matth. 23,37-39).

Ihr habt nicht gewollt. Das ist die Antwort auf die Frage, ob Israel nicht verstanden habe. Statt ihre Zusage zu geben und das erlösende Bekenntnis auszusprechen (homologein), verharren sie im Widersprechen (antilegein). Aber Gott hört nicht auf, die Arme den ganzen Tag nach ihnen auszustrecken. Wir denken an die ausgestreckten Arme des Gekreuzigten. Wir denken auch an den Vater des Verlorenen Sohnes, der gewartet hat mit der Liebe, die alles hofft, und der in der Liebe, die alles verzeiht, den Sohn, der das väterliche Erbe mit Huren durchgebracht hat, mit offe­nen Armen empfängt. Gerade an diesem Überschwang des Er­barmens nimmt der ältere Sohn, der sein Leben lang beim Vater geblieben ist und ihm gedient hat, schweren Anstoß, so daß er sich nicht entschließen kann, am Freudenfest teilzunehmen. Der Vater geht zu ihm hinaus in das Dunkel und bittet ihn herzlich: Mein Sohn, du bist allzeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. Komm doch herein und freu dich mit mir und deinem wieder­gefundenen Bruder! (Luk. 15).

Die um Gott eifernden Israeliten sind abgestoßen durch die Gnade, welche die Heiden umarmt. Sie schließen sich selber aus. Aber Gott streckt den ganzen Tag die Hände nach ihnen aus. Auf die Dauer werden sie dieser Liebe nicht widerstehen können.

Das elfte Kapitel

Ich frage nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Unmög­lich! (11,1a). Was für einen Beweis hat der Apostel für dieses „Unmöglich!“, was ist der Trumpf, der alle Gegenargumente sticht? — Er selbst, sein eigener Fall. Denn auch ich selbst bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, vom Stamme Benjamin (11,1b). Bis heute behaupten immer wieder die Juden, ein gebo­rener Jude könne niemals ein echter Christ werden, und viele Heidenchristen stimmen ihnen zu. Unbestreitbar sind jedoch die ersten Christen und die Kronzeugen Christi bekehrte Juden ge­wesen. Unter allen ist der Fall des Apostels der Heiden der schlagendste und weitreichenste Beweis.

1. Er ist ein reinblütiger Israelit, ¡nämlich von dem Stamme Ben­jamin, der als einziger unter den israelitischen Stämmen im Hei­ligen Lande gebürtig ist (1. Mose 35,16-20), der, als die israe­litischen Stämme sich von der messianischen Dynastie Davids lossagten, als einziger ihr treu blieb, und damit den Anspruch Judas, ganz Israel zu vertreten, rechtfertigte (1. Kön. 11,32-36; 12,19-23). Im benjaminitischen Gebiet liegt die Stadt Davids, die unter allen Stämmen Israels als die Stadt des großen Königs auserwählt ist; nach dem Segen des Moses ist es Benjamin, bei dem der Geliebte des HErrn sicher wohnt, bei dem er für die ganze Zeit die Chuppa (den Baldachin) und zwischen seinen Schul­tern die Schechina (Wohnung) aufgeschlagen hat (5. Mose 33,12). Und der Segen des Erzvaters Jakob-Israel vergleicht seinen jüng­sten Sohn Benjamin „einem reißenden Wolf, der des Morgens Raub fressen und des Abends Beute austeilen wird“ (1. Mose 49,27).

2. Gott hat versprochen, er werde den Fluch, der auf den zer­streuten Stämmen Israels liegt, in Segen umwandlen, damit durch die Zerstreuten und durch das Wunder der Gnade, das Gott an ihnen tun wird, sein entweihter Name unter den Heiden geheiligt werde (Hes. 36,16-28; Röm. 2, 24). Indem Benjamin innerhalb des Judentums das Fortbestehen von Gesamtisrael und den An­spruch auf Wiederbringung der verlorenen Stämme vertritt, ist er zugleich auch der Garant für die Hoffnung der Heiden. Zum „Propheten der Heiden“ hat Gott deshalb einen Benjaminiten im Mutterschoß zubereitet (Jer. 1,5), desgleichen hat er den „Apostel der Heiden“ aus dem Stamme Benjamin gewählt und vom Schoß seiner Mutter an ausgesondert (Gal. 1,15; Röm. 11,13). Paulus wußte schon, weshalb er wiederholt hervorhob, daß er ein Israelit aus dem Stamme Benjamin sei (Röm. 11,1; Phil. 3, 5).

3. Saul aus Benjamin, der erste König in Israel, dessen Namen und dessen Leidenschaft Saul von Tarsus geerbt hat, war von einer rein nationalistischen Auffassung des heiligen Volkes be­sessen, als er David, den Mann nach dem Herzen Gottes, ver­folgte (Apg. 13,21f.; 1. Sam. 13,14; 2. Sam. 21). Getrieben durch einen ähnlichen nationalen Fanatismus, hat Saulus-Paulus den Sohn Davids, den Messias Jesus verfolgt, bis daß er bekehrt wurde, den Namen Jesu vor den Nationen, ihren Königen und vor den Kindern Israels zu tragen (Apg. 9,1-16). Mit mehr Recht als irgendein anderer hätte er sich seines Israelitentums rühmen können: „Beschnitten am achten Tage, aus dem Volk Israel, vom Stamme Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, in der Bindung an das Gesetz ein Pharisäer (strengster Observanz), an religiösem Eifer ein Verfolger der Kirche, in der vom Gesetz geforderten Gerechtigkeit (so wie die Juden sie auffassen) untadelig. Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Ja, ich achte es alles noch für Schaden gegen den über­ragenden Wert der Erkenntnis des Christus Jesus, meines Herrn. Um seinetwillen habe ich alles eingebüßt und halte es für Unrat, damit ich Christus gewinne und in ihm erfunden werde, wobei ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerech­tigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird“ (Phil. 3,3-9).

Paulus war der Typus des eifernden Juden gewesen, der gegen den Stachel der Gnade ausschlägt. Im Judentum war er weiter­gegangen als die meisten seiner Alters- und Volksgenossen, indem er in besonders hohem Maße ein Eiferer für die Überlieferungen der Väter war. In maßlosem Zorn hatte er die Gemeinde Gottes zu zerstören versucht und die an den Gekreuzigten glaubenden Juden bis ins Ausland verfolgt. Mit Absicht hat Gott gerade ihn und nicht etwa einen Heidenchristen oder einen vormals liberalen Juden zum Gesandten seiner Gnade an die Heiden erwählt (Gal. 1,11-16; Apg. 9,22-26). Wahrhaftig, dieser einzigartige Mensch ist der schlagende Beweis dafür, daß Gott sein Volk nicht ver­worfen hat, das lebendige Unterpfand der Treue Gottes und der Missionsaufgabe, die er Israel vorbehalten hat, er ist das große Beispiel dafür, daß die Gnade Christi Gottes Kraft ist, auch und gerade den unverständigen Eifer der Juden zu bekehren zu der Erkenntnis Gottes im Glauben an den Christus Jesus.

Nein, „Gott hat sein Volk nicht verstoßen“ (Ps. 94,12), das er zuvor erkannt hat (11,2a). In 8,29.30 hat Paulus gezeigt, wel­chen Wert und welche Folgen es hat, wenn Gott jemanden „voraus erkannt hat“: „Die er voraus erkannt hat, die hat er auch voraus bestimmt, gleichgestaltet zu sein dem Bilde seines Sohnes, auf daß er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber voraus bestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er be­rufen hat, die hat er auch gerechtgesprochen; die er aber gerechtgesprochen hat, die hat er auch verherrlicht“. Das Volk, das er voraus erkannt hat, wird sicher keine Ausnahme machen von dieser Regel der göttlichen Folgerichtigkeit.

Oder wißt ihr nicht, was die Schrift sagt in (dem Abschnitt der Geschichte des) Elias, wo er zu Gott gegen Israel betet: „HErr, deine Propheten haben sie getötet, deine Altäre zertrümmert, und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten nach meinem Leben“ (11,2b-3). Wie Moses der Mittler des Gesetzes und des Bundes am Sinai (2. Mose 32,32; 4. Mose 14,11-21), so hat auch Elias, der Vertreter der Propheten, einmal gemeint, im Ge­samtabfall des Volkes als einziger treuer Israelit übrig geblieben zu sein. Er ist den historischen Weg Israels wieder zurückgegan­gen‘, aus dem Gelobten Lande zurück zum Wüstenberg, um dort Gott mitzuteilen, daß diese ganze Geschichte zu einem totalen Fiasko geführt habe und liquidiert werden müsse.

Aber was sagt ihm da der Gottesspruch? (1. Kön. 19,18). „Ich habe für mich siebentausend Mann übrig behalten, die ihr Knie vor dem Baal nicht gebeugt haben“. Wo Elias meinte, das ganze Volk Israel sei vom Glauben an die Gnade abgefallen zur Natur­religion, er sei die einzige Ausnahme, da zählt Gott noch sieben­tausend Getreue. Wie ist diese Zahl zu verstehen? Im Verhältnis zu 1 ist sie groß, als Summe eines Volkes jedoch klein. Da 7 die heilige Zahl und 1000 die Fülle der Welt ist, so könnte 7 X 1000 die heilige Gesamtheit bezeichnen. Die richtige Erklärung gibt jedoch Bengel, wenn er im Gnomon zur Stelle bemerkt: „Septem milia, in populo ad miram paucitatem redacto numerus non par­vus, immo ipse totus. IReg. 20,15“. In dem Kapitel, das dem Gespräch Gottes mit Elias unmittelbar folgt, liest man tatsäch­lich (1. Kön. 20,15): „Da musterte Ahab das ganze Volk, alle Kinder Israel, siebentausend“. Wenn also Gott der Rechnung seines Knechtes diese Zahl entgegenstellt, so sagt er ihm damit, daß für ihn gar nichts verloren ist, sondern das ganze Volk Israel als Aktivposten figuriert. „Der Herr kennt die Seinen“ (2. Tim. 2,19; 4. Mose 16,5). Er anerkennt alle, die er vorauserkannt hat. „Sind sie untreu, so bleibt er treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2. Tim. 2,13). „Daß aber etliche nicht daran glau­ben, was liegt daran? Sollte ihr Unglaube Gottes Glauben auf­heben?“ (Röm. 3,3). Er kennt die Seinen mit derselben, schöp­ferischen Erkenntnis, mit der er sie vorauserkannt hat, indem er „das Nichtseiende in das Dasein ruft und die Toten lebendig macht“ (Röm. 4,17).

Wie zur Zeit des Elias, so ist nun auch in der Gegenwart ein Rest vorhanden durch die Wahl der Gnade. Wenn durch Gnade, dann nicht mehr aus Werken, sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade (11,5.6). Gottes Antwort an Elias hat gezeigt, daß dieser Rest das Unterpfand dafür ist, daß für Gott nichts verloren ist von ganz Israel. Daraus erhellt, welche einzigartige Bedeutung heute wie zu allen Zeiten die kleine Minderheit von Israeliten hat, die den Glauben an Jesus bekennt. Die wenigen Christen aus Israel sind die lebendigen Zeugen dafür, daß Gott sein er­wähltes Volk nicht aufgegeben hat. In der Zersplitterung der Kirchen sind sie zugleich die eigentlichen Ökumeniker, welche die Einheit der Gemeinde Christi auf Erden, ihren Ausgangspunkt und ihr Ziel sichtbar machen. Er gehört mit zum Leiden Christi, das sie in besonderer Weise zu tragen haben, daß sie, wenn sie zum Glauben kommen, in eine der vielen Landes-, Volks- oder Konfessionskirchen eintreten müssen, statt einfach in die Kirche Jesu Christi. Sie dürfen sich diesem Leiden nicht dadurch ent­ziehen wollen, daß sie eine eigene Juden-Christen-Kirche grün­den. Denn dadurch würden sie die Zahl der Kirchen nur noch um eine weitere vermehren und ihrem universalen Zeugendienst untreu werden. Hingegen mögen sie wohl sich zu einer juden­christlichen Allianz zusammenschließen und im Heiligen Land darauf hinarbeiten, daß aus den vielen Missionskirchen Eine Lan­deskirche werde. Sie sollen offen und ehrlich sein, was sie sind, weder verbergen noch zur Schau tragen, daß sie Christen aus Israel sind, sich dessen weder schämen noch darauf stolz sein. Wo immer in einem Lande und Volk sie als Glieder der einen oder andern Kirche leben, dürfen sie ein sichtbares Zeichen des Ur­sprungs und der Echtheit dieser Kirche sein. Eine Kirche, die sie als Christen zweiten Ranges bezeichnet und irgendeines Rechtes beraubt, hat damit aufgehört, christliche Kirche zu sein.

Wie steht es nun? Was Israel erstrebt, das hat es nicht erlangt, die Auslese (der auserwählte Rest, Vers 5) hat es erlangt, die übrigen dagegen sind verstockt worden, wie geschrieben steht:

„Gott hat ihnen einen Geist des Tiefschlafs gegeben“ (Jes. 29,10), „Augen zum nicht sehen und Ohren zum nicht hören bis auf den heutigen Tag“ (5. Mos. 29,3).

Paulus hat den Text „Gott hat euch bis zum heutigen Tag noch nicht Augen gegeben, die sehen, und Ohren, die hören“ ins Pa­radoxe verschärft „Augen zum Nicht-sehen und Ohren zum Nicht- hören“.

Und David sagt (Ps. 69,23f.):

„Ihr Tisch werde ihnen zur Schlinge und Falle,
zum Sturz (Anstoß) und zur Strafe,
verfinstert seien ihre Augen zum nicht sehen,
und ihren Rücken beuge fürs ganze Leben“ (11,7-10).

Statt der Einladung zum messianischen Mahl zu folgen, wo ohne daß Geld dafür gefordert wird, die dem David versicherten Gna­den als Speise und Trank zum ewigen Leben den Hungernden und Dürstenden ausgeteilt werden und der Trinkspruch lautet: „Höret, so wird eure Seele leben!“ (Jes. 55,1-5), haben sie sich selbst ihren Tisch mit ihren eigenen guten Werken gedeckt. Da­mit haben sie sich selber die Falle gestellt, aus der sie keinen Ausweg mehr zu Freiheit finden. Sie haben sich selber zum Fron­dienst des Gesetzes verurteilt und müssen nun wie Simson, nach dem ihm die Augen ausgestochen waren, die Mühle drehen und als Taglöhner den Rücken krümmen.

Ist die Feststellung, daß Gott ihnen Augen gegeben, daß sie nicht sehen, und Ohren, daß sie nicht hören, die Jesus bestätigt hat (Matth. 13,14f.; Joh. 12, 40) und mit der die Apostelgeschichte schließt, ist sie wirklich das letzte Wort über Israel? Kann der Apostel, der mit Jesus seinen „Brüdern ein Fremder“ geworden ist (Ps. 69,9), seinen Schmerz um Israel (9,2) und sein „Weinen“ (Ps. 69,11) damit stillen, daß er sieht, wie sie in ihrem verkehrten Streben sich fangen, stürzen und gestraft sind? Kann er wirklich die Fürbitte für die unverständigen Gotteseiferer mit dem Gebet schließen „Verfinstert seien ihre Augen zum nicht sehen, und ihren Rücken beuge fürs ganze Leben!“?

Ich sage nun: Sind sie etwa angestoßen, damit sie fallen sollten? — Unmöglich! Vielmehr ist durch ihren Fehltritt das Heil zu den Heiden gekommen, um auch sie (nämlich die Juden) eifer­süchtig zu machen (11,11). Euch Heiden sage ich: insofern ich Apostel der Heiden bin, suche ich die Ehre meines Amtes darin, ob ich irgendwie mein Fleisch (meine Blutsverwandten) eifersüch­tig machen und einige von ihnen retten werde (11,13.14)[4] Ja, die Juden sind angestoßen am Fels der Gnade. Hat Gott das geschehen lassen, weil er sie verderben und endgültig von seinem Heil ausschließen wollte? Durchaus nicht. Indem die Juden Jesus kreuzigten, haben sie zwar das Heil abgelehnt, sie konnten jedoch damit nicht Gottes Heilsplan durchkreuzen, sie haben im Gegen­teil, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, die Ausbreitung des Heils entscheidend gefördert und, indem sie sich selbst unermeßlichen Schaden zufügten, der Menschheit einen unschätz­baren Dienst geleistet: sie haben den Retter den Heiden „ausge­liefert“. Was sie am Anfang der Geschichte Israels taten, als die Söhne Israels ihren Bruder Joseph den Ismaeliten verkauften, das hat sich jetzt in vollem Ausmaße ereignet: „Ihr hattet zwar eine böse Absicht mit mir, Gottes Absicht aber ging auf etwas Gutes, daß er täte wie jetzt am Tage ist: ein großes Volk am Leben zu erhalten“ (1. Mose 50,20). Bevor Jesus den Todesgang nach Jerusalem antrat, hat das Wort einer Heidin, einer Syrophönizierin, ihm diesen hellen Ausblick eröffnet: die Hündlein werden sich von den Brosamen nähren, welche die Kinder, weil ihnen das Brot der Gnade nicht schmeckte, vom Tische gewischt haben (Mark. 7,24-30). Indem die Juden die Gabe Gottes in Jesus abgelehnt und den Heiden übergeben haben, hoben sie ihre Sonderstellung mit allen Vorrechten auf, obschon sie meinten, das Gegenteil zu tun. Sie merkten nicht, daß sie das große Geschenk Gottes den Heiden gaben, und ahnten nicht, daß diese es annehmen und da­durch gerettet würden. Sie haben die Scheidewand, die das aus­erwählte Volk von den andern Völkern trennte, niedergelegt und das Gesetz der in Satzungen bestehenden Verbote abgetan; die Heiden, die bisher ohne Christus waren, ferngehalten vom Bürger­recht Israels und fremd den Bündnissen der Verheißungen, die ohne Hoffnung und als Atheisten in der Welt lebten, sie wurden durch das Blut Christi aus Fernen zu Nahen, Mitbürger der Hei­ligen und Hausgenossen Gottes, erbaut auf dem Grunde der Apostel und Propheten, wobei der Christus Jesus der Eckstein ist, den die Juden beiseite gestoßen haben, weil er der Fels der Gnade war (Epheser 2; Matth. 21,42; Röm. 9,32f.).

Das ist der unschätzbare positive Wert, den Gott dem Nein der Juden verliehen hat. Ist damit der Beitrag, den Israel zur Heils­geschichte leisten sollte, erfüllt? Der Apostel antwortet: unmög­lich! und für ihn ist diese positive Bewertung, die Gott dem ab­lehnenden Verhalten der Juden verliehen hat, ein Beweis dafür, daß Gott ¡noch mehr, noch ein letztes Erfüllendes mit ihnen vor­hat, Wir müssten jedoch zunächst sagen: es hätte sehr wohl sein können, daß Gott erklärt hätte: Nun ist es genug, ich habe Israel mein Versprechen gehalten und ihm die Erfüllung aller Verspre­chen angeboten; sie haben es nicht annehmen wollen, trotz wie­derholter Angebote. Sie haben nicht gewollt, so sollen sie jetzt die Folgen tragen. Wenn wir den Schluß der Apostelgeschichte lesen, müssen wir sehr ernst prüfen, ob das, was der Apostel dort den Juden in Rom sagt, nicht als endgültige Absage ge­meint sein könnte. Wer trotzdem volle Hoffnung für die Juden hat und ihnen weiterhin die frohe Botschaft bringt, darf das jedenfalls nicht, wie es oft geschieht, mit dem Schluß des Mat­thäus-Evangeliums begründen, weil dort der Auferstandene den Befehl gebe, alle Völker zu Jüngern zu machen, worin auch die Juden begriffen seien. Denn eben das ist nicht der Fall, Israel ist in den Augen Gottes eben gerade nicht ein Volk wie alle an­dern, und im Sprachgebrauch der Bibel sind überall unter „allen Völkern“ die Nichtisraeliten zu verstehen.

Judenmission ist nicht Heidenmission. Die Juden sind nicht in­begriffen in dem Befehl, den Heiden die frohe Botschaft zu brin­gen, sie sind aber auch nicht ausgeschlossen, ja, es steht viel­mehr erstaunlicher Weise nach dem, was der Apostel hier schreibt, so, daß die Heidenmission indirekte Judenmission ist, wenn sie im rechten Sinne geschieht, und daß ihr letztes Ziel die Bekeh­rung der Juden ist. Das schreibt der Mann, den die Juden als Verräter betrachten, weil er das heilige Vorrecht Israels preis­gebe und den Besitz Israels an die Heiden verschleudere. Ge­rade er, „der Heidenapostel“, muß es einmal in aller Offenheit den Heiden sagen, daß für ihn die Heidenmission das wirksamste Mittel ist, um die Juden zu gewinnen. Das soll die Heiden nicht verletzen. Aber sie sollen es wissen, daß er die Herrlichkeit, die Doxa, d. h. die endgeschichtliche Bedeutung seines Amtes darin sieht, daß durch die Heidenmission die Juden gewonnen werden sollen. Sicher ist das Heil der Heiden nicht nur das Mittel für das Heil der Juden. Aber ebenso wenig ist das Fallen der Juden nur das Mittel für die Erlösung der Heiden. Gott ist wahrhaftig und treu. Wenn er wollte, daß das Versagen der Juden den Weg für die Rettung der Heiden freimachte, so will er jetzt, daß der Glaube der Heiden die Juden zur Eifersucht reize und so „das Eifern mit Unverstand“ zum rechten Eifer für Gott werde. Die Juden werden es auf die Dauer nicht aushalten, zuzuschauen, wie die, welche Nicht-Volk waren, das Volk Gottes geworden sind und das Heil erleben, das Israel versprochen war. So will Gott seine Geliebten, die ihn dadurch, daß sie den Fels verwarfen und dafür Nichtgöttern dienten, eifersüchtig gemacht und zum Zorn gereizt haben, eifersüchtig machen und zum Glauben reizen (Röm. 10,19; 5. Mose 32,1-43).

Wenn schon ihr Fehltritt (ihr Ausfall) zum Reichtum der Welt und ihr Verlust zum Reichtum der Heiden geworden ist, um wie­viel mehr erst ihr voller Eingang! (11,12). Wenn schon ihr ab­gestoßen werden zur Versöhnung (zum Eintauschen) der Welt wurde, was wird dann ihr Wiedereinbringen werden, wenn nicht Leben aus den Toten? (11,15). Der Apostel bedient sich der Han­delssprache. Israel ist ein wichtiger Posten in Gottes Rechnung. Sein Ausfall hat nicht, wie man hätte meinen sollen, das ganze Unternehmen der Gnade ruiniert, sondern vielmehr einen großen Gewinn, nämlich die Völkerwelt, eingebracht. Dieser Gewinn könnte Gott über den Verlust trösten. Aber Gott rechnet nicht so, er will nichts verlieren, er will hundert Prozent haben (Luk. 15,4-7), er will, daß die ganze Summe eingehe. Er schließt sein Heilswerk nicht unvollendet ab. Die Vollendung ist das volle Wiedereinbringen von allem, was der Tod konfisziert hat. Und eben für diesen vollen Rückkauf hat er den Posten „Israel“ re­serviert.

Der Ausdruck „Leben aus (den) Toten“ ist auffallend. Ge­wöhnlich schreibt der Apostel „Auferstehung der Toten“. Besteht ein Unterschied zwischen den beiden Ausdrücken? „Leben aus (den) Toten“ bleibt näher bei dem rabbinischen Begriff der techijat ha-metim „Belebung der Toten“ als „Auferstehung“. Das Partizip „als Lebende aus (den) Toten“ wendet Paulus in Röm. 6,13 so an, daß deutlich wird: „Leben aus (den) Toten“ ist die Auswir­kung der Kraft, die in der Auferstehung Jesu Christi liegt. Gott hat den Christus „heraufsteigen oder aufstehen lassen aus (den) Toten“ (Röm. 10, 9), so daß er der „Erstgeborene aus den Toten“ geworden ist (Kol. 1,18). Alle, die in Christus Jesus getauft (getaucht) sind, die sind in seinen Tod getauft (getaucht). Durch das Eintauchen in seinen Tod sind sie mit ihm begraben, damit, gleich wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters „von (den) Toten“ auferweckt worden ist, auch sie in der Neuheit des Lebens wandeln sollen. Und das heißt, sie sollen sich für solche halten, die für die Sünde Tote, aber für Gott in Jesus Christus „Le­bende“ sind. Sie geben nicht mehr ihre Glieder der Sünde zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit hin, sondern geben sich selbst Gott hin „als wie Lebende aus (den) Toten“ (Röm. 6,1-14). Dieses „alswie“, das das gegenwärtige Leben der Christen in Beziehung setzt zu dem zukünftigen, zeigt, daß der Glaube die Wirklichkeit des „Lebens aus (den) Toten“ vorwegnimmt, das am Ende der Geschichte voll offenbart werden wird[5].

Nun wollen manche Bibelleser das „Leben aus (den) Toten“ in Röm. 11,15 als die Wiedergeburt Israels verstehen, die der Pro­phet Hesekiel im Geist geschaut und im 37. Kapitel beschrieben hat. Das liegt weder in der Linie des Sprachgebrauchs des Apo­stels, wie wir ihn soeben festgestellt haben, noch in der Logik der Verse 12 und 15, denn da zeigt der Apostel, wie sich die Haltung Israels gegenüber dem Christus Jesus positiv auswirke für die ganze Welt: ihr Ausfall wurde der Reichtum der Welt, wieviel größer wird dann erst der Gewinn sein, den der Wiedereingang Israels, nicht nur für Israel selbst, dessen geistige Wiedergeburt ja eben in diesem Wiedereingang, in seiner Bekehrung zum Glau­ben an den Christus Jesus besteht, sondern für die ganze Welt bringen wird. Wenn die gleichen Ausleger erklären, die Wieder­belebung Israels werde insofern eine heilsame Wirkung auf die Heidenwelt ausüben, als das im Glauben an Christus neuerstan­dene Israel erst noch die Heiden voll und endgültig missionieren werde, so fügen sie damit dem Gedankengang von Römer 11 etwas ein, was hier keinen Platz mehr hat. Denn der Apostel schreibt 11,25, die teilweise Verstockung Israels werde so lange dauern, bis die Vollzahl der Heiden werde zum Heil eingegangen sein, dann erst werde Israel als Ganzes sich im Glauben Christus zu­wenden. Wenn also dann die Vollzahl der Heiden eingebracht ist, so kann das daraufhin bekehrte Israel keine missionarische Auf­gabe mehr an den Heiden haben. Was jedoch die versöhnte Welt jetzt schon und dann erst recht mit sehnsüchtiger Span­nung noch erwartet, das ist die Auferstehung der Toten. Wenn der Apostel „Leben aus (den) Toten“ geschrieben hat, so hat er dabei wahrscheinlich an jene Reihenfolge der Wiederbelebung gedacht, wie er sie in 1. Kor. 15,20-28 beschrieben hat Jetzt ist Christus „von (den) Toten“ auferstanden, „als der Erstling der Entschlafenen“. Durch das Weihen der „Erstlingsfrucht“ wird eine ganze Ernte geheiligt. Was mit diesem einen Erstling geschehen ist, wirkt sich auf die Gesamtheit aus. „Wie in Adam alle gestorben sind, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden. Jeder aber in seiner eigenen Abteilung (in seinem tagma): der Erstling ist Christus, dann (werden) die Christus (im Glauben Zugehörenden) bei seiner Wiederkunft (lebendig gemacht werden), dann (kommt) das Ende, wenn er das Reich Gott und dem Vater übergibt, nachdem er jede Herrschaft und jede Gewalt vernichtet hat. Denn er muß Herrscher sein, bis er alle Feinde unter seine Füße legt. Als letzter Feind wird der Tod vernichtet“. Man beachte, daß bei dieser Aufzählung der ver­schiedenen Ordnungen der Belebung das Lebendigwerden Israels nicht als besonderes tagma aufgeführt wird.

Nach Römer 11 wird die Wendung Israels zum Glauben an den Christus Jesus die allgemeine Auferstehung der Toten auslösen. Die allgemeine Auferstehung wird sichtbar machen, daß Gott durch den Tod seines Sohnes die ganze Welt wiedergewonnen hat. Jetzt wandeln wir im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor. 5,7). Die Tatsache, daß die Lage der ganzen Welt durch den Tod und die Auferstehung des Christus völlig umgedreht ist, was jetzt noch Gegenstand ausschließlich des Glaubens ist, das wird durch die Auferstehung der Toten sichtbar werden. „Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes, wie aus der Stadt Gottes, Offenb. 20, klar erhellet“ (F. C. Oetinger in seinem Biblischen Wörterbuch unter „Leib“). Das sichtbare Dasein des Volkes Israel ist auf Erden, so lange es besteht, das Unterpfand und „Sakrament“ der sichtbaren Wirklichkeit des Reiches Gottes. Vom Anfang bis zum Ende hat der Schöpfer und Erlöser die sichtbare Wirklichkeit seiner Herrschaft an das Dasein des auserwählten Volkes gebun­den (Jer. 31,31-40). Deshalb ist der jüdischen Seele der starke und unausrottbare Trieb eingepflanzt, den elenden Zustand der Menschheit umzugestalten zu der allgemeinen Wohlfahrt. Das treibt sie, Fromme wie Atheisten, idealistische und materialistische Reformbewegungen innerhalb der Weltgeschichte zu fördern. Eben deshalb fällt es aber ihnen auch besonders schwer zu glauben, daß der hingerichtete Christus der siegreiche Erlöser der Welt sein soll. Die Juden verlangen Wunder (1. Kor. 1,22). Denen, die sie zum Glauben an den gekreuzigten Christus auffordern, antworten sie: wir sehen nichts davon, daß er die Not der Welt gewendet hat, zeigt es uns! — gleichwie die Jerusalemer im Anblick des Gekreuzigten sagten: Ist er der König Israels, so steige er vom Kreuz, dann werden wir an ihn glauben (Matth. 27,39-43). Er stieg nicht herunter. Wohl hat er seinen Zeugen nach der Auferstehung gezeigt, daß das Einzige, was die Not der Welt wirklich wendet, das Wegnehmen der Sünde ist und daß er eben damit der Fürst des Lebens ist, daß er dem Tod den Stachel und das Recht nahm, indem er sein Leben für die Sünde der Welt gab. Seine Boten hat er ausgesandt, alle Menschen zum Glauben an diesen Sieg zu gewinnen, zum Glauben an die jetzt noch nicht oder erst teilweise sichtbare Wirklichkeit. In seiner Herrlichkeit wird er jedoch nicht erscheinen, bevor nicht das auserwählte Volk an den Sieg seiner Erniedrigung glauben und Jerusalem ihm, den es um seiner Niedrigkeit willen ausgestoßen hat, den Will­kommgruß entbieten wird: Gelobt sei der da kommt in dem Namen des Herrn (Matth. 23,39).

Mit Israel hat Gott das Werk der Erlösung begonnen, mit Israel wird er es abschließen. Deshalb hat Petrus die Männer von Israel angefleht: „Tut Buße und bekehrt euch, damit die Zeiten der Erquickung vom Angesichte des Herrn kommen und er den für euch bestimmten Christus Jesus senden möge, den der Himmel aufnehmen (und in Unsichtbarkeit zurückhalten) muß bis zu den Zeiten, da er alle Worte (von der Erneuerung des Weltalls), die er durch den Mund seiner heiligen, von der Urzeit an ausgesandten Propheten geredet hat, zu Stand und Wesen bringen wird“ (Apg. 3,12-26).

Das erklärt, warum in den verschiedenen Epochen der Weltge­schichte jedesmal dann, wenn die Menschheit als Ganzes auf dem Spiele steht und sich ihr Untergang oder ihre Rettung entschei­det, das Volk der Juden in die Mitte der Weltbühne gezerrt wird. Das Schicksal der Menschheit hängt letztlich in der Tat ab von der Haltung des auserwählten Volkes und von der Haltung, welche die andern Völker ihm gegenüber einnehmen. Wie die Wendung der Juden zum Glauben an den Christus Jesus die Bedingung ist für die Wiederherstellung aller Dinge, so ist auch ihr Unglaube, ihre Verstockung das letzte Hindernis. Seit den Tagen der Apostel hat wohl keiner das mit solcher Kraft und Kühnheit ausgespro­chen wie Léon Bloy in seiner Schrift „Le salut par les Juifs“ (1892, Neuausgabe 1905).

Die Verantwortung für die Verzögerung der Erlösung tragen jedoch nicht nur die Juden, sondern in erster Linie wir selbst, ehemalige Heiden, sogenannte Christen. Denn der Apostel er­klärt unmißverständlich, daß die Juden das Heil erst dann ergrei­fen werden, wenn die geretteten Heiden sie eifersüchtig machen werden auf den Glauben an Christus. Wir können und sollen den Juden nicht den herrlichen Christus zeigen. Wir sollen aber in unserer ganzen Haltung und besonders gegenüber den Juden unser Verbundensein mit dem erniedrigten Christus, der sein Leben für uns, die wir Gottes Feinde waren, gegeben hat, so zum Ausdruck bringen, daß die Juden nicht länger seinem Erbarmen und seiner Geduld widerstehen können. Tun wir das? Das ist die entscheidende Frage, die uns gestellt ist. Hier wird die Juden­frage zu der Christenfrage (Solovjeff).

Wir müssen bekennen, daß die aus den Heiden gesammelte Chri­stenheit noch nicht die rechte Antwort auf diese Frage gegeben hat. Statt die Juden eifersüchtig zu machen, stoßen wir sie ab. Wenn wir stolz auf unsere eigene Rettung die Juden verachten, dann verleugnen wir die Gnade und setzen unser Heil aufs Spiel. Wenn das Erstlingsbrot heilig ist, so auch der Teig (11,16a). Das mosaische Gesetz verlangt, daß die Israeliten den ersten Laib eines Teiges, die erste Garbe eines Kornfeldes, die erste Frucht eines Baumes dem Heiligtum stiften sollen. Durch diese rituelle Handlung der „Erstlingsgabe“ wird der ganze Teig und die ganze Ernte geheiligt (4. Mose,15,17-21; 3. Mose,23,15-20; 5. Mose 26,1-11). Auf die gleiche Weise sind alle Israeliten geheiligt durch Jesus Christus, der nach dem Fleisch aus Israel genommen ist und sein Leben als „Erstlingsgabe“ geopfert hat (1. Kor. 15,20.23). Er ist die Wurzel des Stammbaums der Geretteten. Und wenn die Wurzel heilig ist, dann auch die Zweige. Wenn aber einige von den Zweigen herausgebrochen worden sind und du, der du als ein wilder Ölbaumzweig unter sie eingepfropft worden bist und an der fettspendenden Wurzel Anteil bekommen hast, so rühme dich nicht gegen die Zweige; und wenn du dich rühmst, so trägst du doch nicht die Wurzel, sondern die Wurzel dich. Du ‚Wirst nun sagen: Zweige sind herausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. Schön — auf Grund, des Unglaubens sind sie herausgebrochen worden, du aber stehst auf Grund des Glau­bens. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich! Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht geschont hat, wird er auch dich nicht schonen. Sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: an den Gefallenen die Strenge, an dir aber die Güte Gottes, falls du bei der Güte verharrst, sonst wirst auch du herausgehauen werden. Aber auch jene werden, wenn sie nicht im Unglauben verharren, wieder eingepfropft werden, denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem von Natur wil­den Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur dem edlen Öl­baum eingepfropft worden bist, wieviel mehr werden diese ihrem eigenen Ölbaum nach der Natur eingepfropft werden! (11,16b-24).

Es konnte dem Scharfsinn der modernen Ausleger nicht entgehen,, daß dieses Verfahren dem üblichen und natürlichen Brauch wider­spricht Leider kommen sie zu spät, um den Apostel zu belehren,, daß man edle Reiser auf einen wilden Ölbaum pfropft und nicht umgekehrt. Die Wohlmeinenden aber, die, um die Ehre des Apo­stels zu retten, Meer und Land bereist und schließlich in Grie­chenland Bauern entdeckt haben, die absterbende edle Ölbäume durch Einpfnopfen wilder Schößlinge in ihre Wurzel verjüngen,, bei deren Vorfahren also Paulus, als er in Korinth den Römerbrief schrieb, dieses Verfahren könnte beobachtet haben (s. Pa­lästinajahrbuch 1930), haben nicht bedacht, daß der Ölbaum des Apostels trotz seinem jahrtausendjährigen Alter keine Verjüngung nötig hat. Die Verteidiger wie die Kritiker des Paulus scheinen nicht gemerkt zu haben, daß das Widernatürliche in seinem Gleichnis gerade die Spitze ist. Was hier mit dem Ölbaum ge­macht wird, soll nicht die Natur und ihre Gesetze veranschau­lichen, sondern die Gnade und ihre Freiheit. Die Gnade ist die Wurzel und der Saft dieses Baumes und die Früchte, die er trägt, sind Früchte der Gnade. Sein Pflanzer und Gärtner, Gott, ver­fährt para physin, gegen die Natur (11,24).

Der Apostel zeichnet hier die Grundzüge der Paraphysik der Rasse. Wie wohl tut das nach all dem Unsinn, den die Pseudo­wissenschaft einer Physik und Metaphysik der Rasse in den letzten Jahrzehnten produziert hat, einzig und allein, um die Juden ras­sisch zu schänden! Race heißt auf deutsch Wurzel. So gewiß Jesus nach dem Fleisch aus Israel stammt, so gewiß ist er die Wurzel Israels. Alle Christen sind als solche rassenmäßig Israe­liten. Die Juden, die nicht an den Christus Jesus glauben, sind herausgebrochene Äste. Dafür sind ehemalige Heiden eingepfropft worden. Durch den Glauben ziehen sie Fett, heiliges Öl aus der Wurzel. Der Gerechte lebt aus dem Glauben. Ein ehemaliger Heide, der den Besitz seines Glaubens gegen die Juden ausspielt, lebt nicht aus dem Glauben und verachtet die Gnade. Er hat ver­gessen, daß die Gnade ein Geschenk ist und immer ein Geschenk bleibt, daß Gott an ihm ein Wunder getan hat und immer neu voll­bringt. Meint er etwa, Gott, der an ihm das Wunder vollbrachte. indem er durch seine Gnade in dem Herzen eines Heiden den Glau­ben erweckte, sei weniger imstande, den Glauben in einem jüdi­schen Herzen zu schaffen?

Ich will euch nämlich, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit lassen über dieses Geheimnis, damit ihr euch nicht in euern eigenen klugen Gedanken darüber gefallet (11,25a). Das Rätsel des jü­dischen Volkes verlangt eine Lösung. Immer neu versuchen Men­schen, irgendeine spekulative oder praktische Lösung zu finden. Der Apostel schneidet alle diese Versuche ab, indem er seinen Brüdern ein Geheimnis mitteilt. Gott hat das Rätsel aufgegeben, er allein kann es lösen. Er hat dem Apostel der Heiden die Lö­sung durch ein „Geheimnis“ offenbart. Ein „mysterion“ deckt eine verborgene Absicht Gottes auf, die sich auf das Ende aller Dinge bezieht (1. Kor. 15,51; Eph. 1,9; 3,3-9; 6,19; Kol. 1,26f.; 2,2; 4,3; 2. Thess. 2,7) [6]. Das Rätsel des jüdischen Volkes be­steht in dem Geheimnis, daß Gott die Heilsgeschichte mit Israel abschließen und vollenden wird: Verstockung kam teilweise (oder eine Zeitlang) über Israel, bis die Vollzahl der Heiden eingegan­gen sein und auf diese Weise ganz Israel gerettet werden wird, wie geschrieben steht (Jes. 59,20f.; Jer. 31,31-39):

Kommen wird aus Zion der Retter,
wegtun wird er die Gottlosigkeiten von Jakob.
Und dies ist ihnen gegenüber die Erfüllung meiner Bundespflicht:
wenn ich ihre Sünden tilgen werde (11,25b-27).

Die Verstockung Israels ist „teilweise“; zahlenmäßig und zeit­lich ist Israel nur teilweise verstockt. Sie ist nur ein Stück des Werkes, das Gott mit Israel tut, nur ein Stück des Weges, den er mit ihm geht. Das Ziel ist, daß ganz Israel gerettet wird. Was heißt hier „ganz Israel“? Auf keinen Fall heißt es „nur ein Teil von Israel“, nämlich soviele, als am Schluß an den Chri­stus Jesus glauben werden, während die im Unglauben Verhar­renden der ewigen Verdammung übergeben werden. Es ist un­denkbar, daß der Apostel nach allem, was er geschrieben hat, zum Schluß käme, es werde nur ein Teil von Israel gerettet werden. Wozu hätte er dann überhaupt angefangen, die drei Kapitel zu schreiben? Was ihn dazu trieb, war doch der tiefe Schmerz, daß nur ein Teil von Israel im Glauben an den Christus Jesus das Heil angenommen hat. Auch wenn die Zahl der Wenigen, die jetzt glauben, größer geworden sein wird auf das Ende hin, so genügt ihm das durchaus nicht. Er glaubt vielmehr und hat von Gott durch das mysteriös die Bestätigung erhalten, daß Gott alle Israeliten retten will und retten wird [7].

Er gibt dazu auch den Schriftbeweis. Man lese die beiden Zitate in dem Zusammenhang, in dem sie bei den Propheten stehen (Jes. 59,9-21 und Jer. 31,1-40), um zu lernen, wie die Erfül­lung des Heils für „alle Familien Israels“ das ausschließliche und krönende Werk der Treue und der schöpferischen Gnade Gottes ist; wie das Wort und die Wahrhaftigkeit Gottes von Anfang bis zum Ende an Israel gebunden sind, und wie Gottes Bund mit Israel ein universaler und ewiger Bund ist in dem Sinne, daß er die Erhaltung und die Vollendung der Schöpfung garantiert. Aus Zion, d. h. aus dem messianisch-politischen Zentrum der Herrschaft Gottes auf der Erde, wird der Retter kommen und er wird die Gottlosigkeit abwenden von Jakob. Die Vergebung wird die Sünde tilgen. Das ist der biblische Zionismus. „Ba le zion go’el“ sagte der Prophet. Der „go’el“, d. h. der nächste Ver­wandte, der das Recht und die Pflicht hat, die armen und ver­schuldeten Verwandten loszukaufen und ihnen den ihnen nach Gottes Recht zustehenden Anteil an den heiligen Gütern Israels wieder zu verschaffen, er wird zu Zion kommen. Der Apostel hat das „zu Zion“ oder „für Zion“ des Propheten in „aus Zion“ geändert. Der Retter, der zuerst zu Zion gekommen ist, wird am Ende aus Zion kommen. „Denn das Heil kommt von den Juden“ (Joh. 4, 22).

Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen, nach der Erwählung aber Geliebte um der Väter willen (11,28). Gott ist zugleich gegen und für die Juden. Den tiefen Gegensatz zwi­schen ihm und ihnen reißt das Evangelium auf, insofern eben das Evangelium die Heilsbotschaft ist, daß der von den Juden ver­worfene Christus Jesus der Heiland der Welt ist. Hätten sie nicht, indem sie sich gegen ihn und damit gegen Gott auflehnten, das Maß der Sünde voll gemacht, dann wäre die Gnade nicht überge­strömt. Der Gegensatz zwischen Gott und Israel darf nicht „dialektisch“ oder erbaulich aufgelöst werden. Gott ist ihr Feind, weil und solange sie „Feinde des Kreuzes Christi“ sind (Phil. 3,18; vgl. 1. Thess. 2,14-16). Der Apostel hat es „weinend“ ge­sagt, und wir sollen uns hüten, es anders zu sagen. Aber es muß gesagt sein: „Israel“ ist „Theomachos“, Kämpfer gegen Gott, geworden, wie es Gamaliel ahnte (Apg. 5,39). Nun muß es er­fahren und die Welt kann sehen, was es bedeutet, den heiligen Gott als Gegner zu haben. Dieser „Antijudaismus“ Gottes ist gewiß keine Rechtfertigung des heidnischen Antisemitismus, lehrt aber, warum ein wohlgemeinter Philosemitismus den Antisemi­tismus nicht überwindet. „Gottes Zorn ist über die Juden gekom­men“ (1. Thess. 2,16), er zürnt seinen Erstgeborenen, die seinen Gesandten „hindern wollen, den Heiden ihre Rettung zu verkün­digen“. Die geretteten Heiden sollen aber keinen Augenblick ver­gessen, daß der Vater „um ihretwillen“ seinen Erstgeborenen, zürnt. Dann wird es ihnen nicht in den Sinn kommen, die Juden zu schelten. Sie werden vielmehr darunter leiden, wie es für den Apostel ein unablässiges Weh war, daß darum, weil sie unverdientermaßen die Güte Gottes erfahren, die Juden verdienter­maßen die Strenge Gottes erfahren müssen.

Nur eines kann sie mit dem Apostel trösten, und das ist die Ge­wißheit, daß der Vater aus Liebe zürnt und daß es bei der Wahl seines Herzens bleibt, die er in der Urzeit ein für allemal ge­troffen hat: darnach sind sie seine Geliebten um der Väter willen. Denn unwiderruflich (unbereubar) sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes. Was er einmal zugesagt hat, das hält er, und was er einmal geschenkt hat — und er hat sich selbst Israel ge­schenkt —, das nimmt er nicht mehr zurück. Er lügt nicht, der Israels Ruhm ist, und läßt sich’s nicht gereuen; denn er ist kein Mensch, daß er sich’s gereuen ließe (1. Sam. 15,29). So näm­lich, wie ihr einst ungehorsam wäret, fetzt aber Erbarmen emp­fangen habt durch ihren Ungehorsam, so sind auch diese jetzt ungehorsam gewesen, damit durch das euch erwiesene Erbarmen auch sie jetzt Erbarmen empfangen sollen[8].

Denn Gott hat alle unter den Unglauben verschlossen, damit er sich aller erbarme (11,29-33). Auf diese Weise triumphiert Gottes Freiheit. Wenn Er will, so kann er alle Menschen retten. Das Evangelium ist die frohe Botschaft, daß er das will. Das Evangelium, so wie es der Apostel im Orient verkündigt hat und wie er es im Okzident verkündigen wird, ist damit gegen jeden Einwand gesichert. Alle haben gesündigt und sind schuldig er­klärt, und alle werden bedingungslos freigesprochen. Denn Gott hat alle unter den Ungehorsam verschlossen, „damit“ er sich aller erbarme. Das gleiche göttliche Urteil, das alle schuldig spricht, spricht alle frei. Jeder Mund, der die Gerechtigkeit des Menschen rühmen möchte, wird geschlossen (2,1), und jeder Mund wird geöffnet, Gottes Gerechtigkeit zu preisen.

Der Apostel ist am Ziel seines Gedankengangs. Das „alle“ ist „durchgeführt“. Das Schiff ist durch die Meerenge, in der mehr als einmal Szylla und Charybdis drohten, hindurch und fährt hinaus in den Ozean.

Was sagen wir dazu? Loben wir die Spannkraft dieses Denkers? Sind wir glücklich, eine Theodizee zu haben? Oder jammern wir, daß die paulinische Theologie überaus kompliziert sei im Ver­gleich zu der Einfachheit des Evangeliums Jesu nach Matthäus, Markus und Lukas? Mit solchem Klagen oder solchem Rühmen würden wir nur beweisen, daß wir von allem nichts verstanden haben. Weit entfernt davon, uns eine Theodizee in die Hand zu geben, setzen diese drei Kapitel, ähnlich wie das Buch Hiob, jedem Versuch des Menschen, Gott zu rechtfertigen, ein Ende. Der Apostel hat das Evangelium ausgerichtet, welches die Ge­rechtigkeit Gottes offenbart. Gottes Gerechtigkeit ist die über­legene Freiheit seiner Gnade. Gott will und kann den Menschen, sein verschuldetes Geschöpf, gerecht sprechen. Aber der Mensch kann und soll nicht Gott rechtfertigen wollen. Gott hat das nicht nötig. Paulus wußte es besser als jeder andere. Ja, er ist ein großer Denker. Aber, wie er den Korinthern geschrieben hat, er kämpft nicht mit „fleischlichen Waffen“, er macht nicht Philo­sophie. „Denn die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleisch­lich, sondern mächtig vor Gott, zu zerstören Befestigungen; wir zerstören die Anschläge und alle Höhe, die sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alle Vernunft unter den Gehorsam Christi“ (2. Kor. 10,3-6).

In diesem Sinn meditieren und legen diese drei Kapitel des Rö­merbriefs das Gleichnis vom Verlorenen Sohn aus, auf daß wir begreifen möchten mit allen Heiligen, welches da ist die Breite und die Länge und die Höhe der Liebe des Vaters, der seinen Erst­geborenen nicht weniger als den Jüngeren mit der Liebe Christi liebt, die alle Erkenntnis übertrifft (Eph. 3,18.19).

O welch eine Tiefe (Abgrund) des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! (11,33a). Die Meditation des Myste­riums Israel endet in der Anbetung. Der prophetische Gesang, den Mose vor der ganzen Gemeinde Israels und zugleich vor dem Himmel und der Erde als Zuhörern gesprochen hat, enthält fol­gendes Wort über das letzte Ende der heiligen Geschichte:

Ist solches nicht bei mir verborgen,
versiegelt in meinen Schatzkammern? (5. Mose 32,34).

Der Christus Jesus hat diese Schatzkammern geöffnet, und der Apostel Paulus ist mit dem Gnaden-Amt betraut worden, den Heiden die frohe Botschaft von dem unerforschlichen Reichtum Christi zu überbringen und allen öffentlich bekannt zu geben, wie das Mysterium verwaltet wird, das seit Urzeiten in Gott, dem Schöpfer aller Dinge, verborgen gewesen ist, damit jetzt den Mächten und Gewalten im Himmel durch die Kirche die mannig­fach verschlungene Weisheit Gottes kundgetan werde (Eph. 3,8-11). Er hat es mit tiefem Staunen und Anbetung getan, und alle, die ihn verstehen, die stehen mit ihm staunend und anbetend vor dem lichten Abgrund und der unerforschlichen Tiefe des Reich­tums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Die Weisheit ver­waltet den Reichtum, und die Erkenntnis wählt aus den Schätzen, was jetzt und hier zu schenken ist.

Wie unerforschlich sind seine Entscheide! Wenn das schon wahr ist für das Herz des Menschen (Jer. 17,9; Spr. 25,3 i. d. griech. Übers, des Symmachus), wieviel mehr erst von dem Herzen Gottes. Wie unergründlich sind seine Wege, durch die er seine Entscheide so ausführt, daß wunderbarerweise das Gericht zur Rettung wird!

Denn wer hat die Vernunft des Herrn erkannt,
oder wer ist sein Ratgeber gewesen? (Jes. 40,13).
Oder wer hat ihm etwas gegeben,
das ihm müßte vergolten werden? (Hiob 41, 3).
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm ist Alles.
Sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Quelle: Judaica. Beiträge zum Verstehen des Judentums 6 (1950), S. 81-132.


[1] Derselbe Aufsatz erschien französisch in „Foi et vie“, mars 1948 (Deuxième cahier d’études juives), 139, Boulevard Montparnasse, Paris VIe.

[2] Vgl. Karl Barth, Kirchliche Dogmatik II/2, Siebentes Kapitel: Gottes Gnadenwahl.

[3] Zu der Umstellung von V. 17, die auf der Auffassung beruht, er sei eine sentenziöse Zusammenfassung von V. 14 f., vgl. Friedrich Müller in der Zeitschrift für die Neutestamentl. Wissensch. 40 (1941), S. 249-254, und Rudolf Bultmann in der Theol. Lit. Zeitung 1947, S. 199.

[4] Zu der Umstellung von V. 12 hinter V. 14 vgl. Karl Barth, Der Römerbrief, Volkshochschulkurs Basel 1940/41, S. 97.

[5] Vgl. den wichtigen Aufsatz von Gaston Fessard über die Tragweite der Auslegung von Röm. 11,15 für eine Theologie der Geschichte: „Dieu vivant“, Nr. 8.

[6] Vgl. Gottlob Schrenk, Der göttliche Sinn in Israels Geschick. Zollikon- Zürich 1943, S. 21 f.

[7] Zur Bedeutung von „ganz Israel“ an dieser Stelle vgl. Karl Ludwig Schmidt, Die Judenfrage im Lichte der Kapitel 9-11 des Römerbriefs (Theologische Studien, Heft 13, Zollikon-Zürich 1943). Obschon das, was Karl Ludwig Schmidt gegen die Auffassung, ganz Israel umfasse an dieser Stelle „die Gesamtheit der Juden plus die Fülle der Heiden“, geltend macht, mich nicht überzeugt hat, so habe ich doch diesmal darauf verzichtet, diese Auffassung zu vertreten, weil ich zu oft die Erfahrung gemacht habe, daß die meisten Hörer und Leser dann — ich weiß nicht warum, ist es wirklich so „kompliziert“? — meinen, die Formel „Die Gesamtheit der Juden plus die Fülle der Heiden“ schließe einen Teil der Juden aus. Dem Mißverständnis, es sei unter „ganz Israel“ nur ein geistlicher Teil des Israel nach dem Fleisch gemeint, will ich unter keinen Umständen Vorschub leisten. Schließlich wird auch der, welcher in V. 26 nur alle Juden sieht, in dem „alle“ von Vers 32 Juden und Heiden zusammengefaßt finden.

[8] In der Übersetzung von V. 31 bin ich der Zürcher Bibel gefolgt „so sind auch diese jetzt ungehorsam gewesen, damit infolge der Barmherzigkeit gegen euch auch sie Barmherzigkeit erlangen“, weil es so der Logik des Satzes besser entspricht als die Übersetzung „so sind diese jetzt eurer Erbarmung gegenüber ungehorsam, damit auch sie jetzt Erbarmung erfahren sollen“ (Lietzmann). Ich gestehe jedoch, daß das Komma, welches Bernhard Weiss zwischen epeithesan und to hymetero eleei gesetzt hat, mir nicht ganz genügend erscheint, um die Grammatik des Satzes mit der Logik in Einklang zu bringen.

Hier der Text als pdf.

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