Ludwig Schlaich über das vermeintlich lebensunwerte Leben (1941): „Schließlich aber sind wir Menschen weder be­rechtigt, von Gott gesetztes Leben eigenmächtig zu zerstören, noch befähigt, den von Gott gewollten Sinn eines solchen Lebens zu erkennen, sondern haben uns an Jesu Wort zu erinnern: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matth. 25, 40)“

Da mögen manche Formulierungen gegenwärtig schwer erträglich sein. Und doch war es der Verfasser, Ludwig Schlaich, der sich als Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Stetten im Remstal 1940/41 dem Abtransport der Pfleglinge und damit deren Tötung im Rahmen der Aktion T4 zu widersetzen suchte:

Lebensunwertes Leben

Das Grauen beim An­blick geistig und körperlich Schwerstgeschädigter und unheilbarer Schwachsinniger und Geisteskranker, deren Leben als nicht mehr menschenwürdiges und lebenswertes Dahinvegetieren erscheint, und der Gedanke an den unproduktiven Aufwand von Geld und gesunder Arbeitskraft für ihre Pflege, die mit künstlichen Mitteln am Leben zu erhalten scheint, was nach dem unzerstörbaren Naturlauf dem Tod verfallen wäre, und die zudem keinerlei Hoffnung auf Besserung oder gar Erziehung des Pfleglings zu produktiver Arbeit hat, wodurch die aufgewandten Kosten sich lohnen würden, hat zur Forderung geführt, der Staat möchte unter gewissen Voraus­setzungen und gesetzlichen Sicherungen die Vernich­tung solchen lebensunwerten Lebens gestatten bzw. durchführen. Die Innere Mission lehnt diese For­derung grundsätzlich ab. Wenn nicht in materia­listischer Weise die Arbeitsfähigkeit als Maßstab der Lebenswürdigkeit angesehen wird, sondern das Vorhandensein geistigen Lebens, so läßt sich kein klarer juristischer Tatbestand mehr feststellen, bei dessen Vorliegen auf Tötung erkannt werden könnte, da beim Schwachsinn die Grenzen zwischen völliger Verblödung, mittlerem und leichtem Schwachsinn und mangelhafter Begabung immer fließend sind, ebenso wie bei Geisteskrankheiten die Feststellung der Unheilbarkeit und die Unterschei­dung zwischen völligem Erstorbensein des geistigen Lebens und bloßer Ausdruckshemmung die mensch­liche Fähigkeit erfahrungsgemäß übersteigt; zeigen doch Beispiele wie das der Käte von Treysa, daß selbst bei angeborenem Schwachsinn schwersten Grades plötzlich in der Todesstunde Ausdruckshem­mungen fallen können und dann ein geistiges Le­ben sich kundtut, das trotz der anscheinenden Un­möglichkeit angesichts des ärztlich festgestellten or­ganischen Befundes schon vorher vorhanden ge­wesen sein muß. Ein solches Gesetz würde zudem nicht nur die sittlichen Werte vernichten, die durch die geduldige, barmherzige und liebevolle Pflege solcher Kranken zum Heile der Volkssittlichkeit ent­stehen, sondern auch verrohend aus die Volkssitt­lichkeit wirken und eine der sittlichen Grundvor­aussetzungen des Staates durch den Staat selbst zerstören lassen, sofern es dessen Ausgabe ist, das Volkstum und damit das Leben des einzelnen Volksgenossen zu erhalten und zu schützen; so haben in der Geschichte auch immer nur verzweifelnde, sterbende Völker sich nicht mehr so viel Kraft zu­getraut, ihre gebrechlichen Volksgenossen zu Pfle­gen. Schließlich aber sind wir Menschen weder be­rechtigt, von Gott gesetztes Leben eigenmächtig zu zerstören, noch befähigt, den von Gott gewollten Sinn eines solchen Lebens zu erkennen, sondern haben uns an Jesu Wort zu erinnern: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matth. 25, 40). Daß damit die Frage der Verhütung der Ent­stehung solch schwerkranken Lebens nicht berührt ist, dürfte sich von selbst verstehen (s. Eugenik, Ste­rilisierung).

Ludwig Schlaich, Inspektor in Stetten im Remstal.

Calwer Kirchenlexikon, Bd. 2, Stuttgart: Calwer, 1941, S. 28f.

Hier der Text als pdf.

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