Martin Luther, Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523): „Die Christen kann man nicht anders als allein mit Gottes Wort regieren. Denn Christen müssen im Glauben regiert werden, nicht mit äußeren Werken. Glaube kann aber durch kein Menschenwort, sondern nur durch Gottes Wort kommen.“

Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523)

Von Martin Luther

Dem durchlauchtigen, hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Johannes, Herzog zu Sachsen, Landgraf in Thüringen und Markgraf zu Meißen, meinem gnädigen Herrn.

Gnade und Friede in Christus! Es zwingt mich aber­mals, durchlauchtiger, hochgeborener Fürst, gnädiger Herr, die Not und vieler Leute Bitten, zuerst aber Euer Fürstlichen Gnaden Begehren, zu schreiben von der welt­lichen Obrigkeit und ihrem Schwert, wie man dasselbe christlich gebrauchen soll und wie weit man ihm Gehor­sam schuldig sei. Denn es bewegt sie der Spruch Christi Matth. 5,39f.: »Du sollst dem Übel nicht widerstreben, sondern sei willfährig deinem Widersacher, und wer dir den Rock nimmt, dem laß auch den Mantel.« Und Röm. 12,19: »Die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten.« Diese Sprüche warf auch vorzeiten der Fürst Volusian St. Augustinus vor und focht die christli­che Lehre an, daß sie den Bösen Erlaubnis gebe, Böses zu tun, und gar nicht bestehen könne mit dem weltlichen Schwert.

Genauso haben auch die Sophisten in den hohen Schulen sich daran gestoßen, da sie die beiden nicht konn­ten miteinander in Einklang bringen. Damit sie ja die Fürsten nicht zu Heiden machten, haben sie gelehrt, Chri­stus habe solches nicht geboten, sondern nur den Voll­kommenen geraten. So hat Christus ein Lügner werden und Unrecht haben müssen, damit die Fürsten ja mit Ehren bestünden. Denn sie konnten die Fürsten nicht erheben, sie mußten Christus hinunterstoßen, die blin­den, elenden Sophisten. Und so ist ihr giftiger Irrtum in aller Welt eingerissen, daß jedermann solche Lehre Chri­sti für Räte an die Vollkommenen und nicht für notwen­dige Gebote, allen Christen gemeinsam, hält. So weit kam es, daß sie auch dem vollkommenen Stand der Bi­schöfe, ja dem allervollkommensten Stand des Papstes nicht allein diesen unvollkommenen Stand des Schwertes und weltliche Obrigkeit erlaubt, sondern niemandem auf Erden so sehr zugeeignet haben wie demselben. So ganz und gar hat der Teufel die Sophisten und hohen Schulen besessen, daß sie selbst nicht sehen, was und wie sie reden oder lehren.

Ich hoffe aber, daß ich die Fürsten und die weltliche Obrigkeit so wolle unterrichten, daß sie Christen und Christus ein Herr bleiben sollen und dennoch Christi Gebote um ihretwillen nicht zu Räten machen dürfen. Das will ich E.F.G. zu untertänigem Dienst und jeder­mann, der dessen bedarf, zu Nutzen, Christus unserem Herrn zu Lob und Preis tun. Befehle hiermit E.F.G. mit allem Ihrem Geblüt der Gnade Gottes, der sie sich barm­herzig lasse befohlen sein. Amen.

Zu Wittenberg, am Neujahrstag 1523.

E.F.G. untertäniger
Martinus Luther.

Ich habe kürzlich ein Büchlein an den deutschen Adel geschrieben und gezeigt, was sein christliches Amt und Werk sei. Aber wie sie danach getan haben, ist genügend vor Augen. Darum muß ich meinen Fleiß anders anwen­den und nun auch schreiben, was sie lassen und nicht tun sollen; und ich hoffe, sie werden sich ebenso danach richten, wie sie sich nach jenem gerichtet haben, daß sie ja Fürsten bleiben und nimmer Christen werden. Denn Gott der Allmächtige hat unsere Fürsten toll gemacht, daß sie meinen, sie könnten ihren Untertanen tun und gebieten, was sie nur wollen (und die Untertanen irren auch und glauben, sie seien schuldig, dem allem zu fol­gen), so sehr und ganz, daß sie nun angefangen haben, den Leuten zu gebieten, Bücher abzuliefern, zu glauben und zu halten, was sie vorgeben; damit vermessen sie sich, sich auch in Gottes Stuhl zu setzen und die Gewissen und den Glauben zu beherrschen und nach ihrem tollen Gehirn den heiligen Geist zur Schule zu führen. Sie geben dennoch vor, man dürfe es ihnen nicht sagen und solle sie noch gnädige Junker heißen.

Sie schreiben und lassen Zettel ausgehen, der Kaiser hab’s geboten, und wollen christliche, gehorsame Fürsten sein, gerade, als wäre es ihr Ernst, und als ob man den Schalk hinter ihren Ohren nicht merkte. Denn wir sollten wohl sehen, wenn ihnen der Kaiser ein Schloß oder eine Stadt nähme oder sonst etwas Unrechtes geböte, wie fein sie sich zusammenfinden sollten, daß sie dem Kaiser widerstünden und nicht gehorsam sein müßten. Nun es aber gilt, den armen Mann zu schinden und ihren Mut­willen an Gottes Wort auszulassen, muß es Gehorsam gegen kaiserliches Gebot heißen. Solche Leute nannte man vorzeiten Buben, jetzt muß man sie christliche, ge­horsame Fürsten nennen. Sie wollen dennoch niemanden zum Verhör oder zur Verantwortung kommen lassen, wie hoch man sich auch anbietet; das wäre ihnen doch ein völlig unerträgliches Ding, wenn der Kaiser oder jemand anders mit ihnen so verführe. Das sind jetzt die Fürsten, die das Kaisertum in den deutschen Ländern regieren; darum muß es auch so fein zugehen in allen Ländern, wie wir denn sehen.

Weil denn solcher Narren Wüten ausreicht zur Vertil­gung christlichen Glaubens, zur Verleugnung göttlichen Wortes und zur Lästerung göttlicher Majestät, will und kann ich meinen ungnädigen Herren und zornigen Jun­kern nicht länger zusehen, muß ihnen zum wenigsten mit Worten widerstehen. Und habe ich ihren Götzen, den Papst, nicht gefürchtet, der mir die Seele und den Him­mel zu nehmen droht, muß ich auch zeigen, daß ich seine Schuppen und Wasserblasen nicht fürchte, die mir den Leib und die Erde zu nehmen drohen. Gott gebe, daß sie zürnen müssen, bis die grauen Röcke der Mönche verge­hen, und helfe uns, daß wir vor ihrem Drohen ja nicht sterben. Amen.

Zum ersten müssen wir das weltliche Recht und Schwert gut begründen, daß niemand daran zweifle, es sei durch Gottes Willen und Ordnung in der Welt. Die Sprüche aber, die es begründen, sind diese. Röm.13,1f.: »Eine jede Seele sei der Gewalt und Obrigkeit untertan; denn es ist keine Gewalt, die nicht von Gott wäre. Die Gewalt aber, die überall besteht, die ist von Gott verord­net. Wer nun der Gewalt widersteht, der widersteht Got­tes Ordnung. Wer aber Gottes Ordnung widersteht, der wird für sich selbst die Verdammnis erlangen.« Ebenso heißt es 1.Petr. 2,13f.: »Seid untertan aller menschlichen Ordnung, es sei dem Könige, als dem Vornehmsten, oder den Pflegern, als die von ihm gesandt sind zur Rache der Bösen und zum Lob der Frommen.«

Auch hat es von Anfang der Welt dieses Recht des Schwertes gegeben. Denn als Kain seinen Bruder Abel erschlug, fürchtete er sich so sehr, man würde ihn wieder töten, daß auch Gott ein besonderes Verbot darauf legte und das Schwert um seinetwillen aufhob, und niemand sollte ihn töten (1.Mose 4,14f.). Diese Furcht hätte er nicht gehabt, wenn er nicht gesehen und gehört hätte von Adam, daß man die Mörder töten solle. Dazu hat’s Gott mit ausdrücklichen Worten nach der Sintflut wiederum eingesetzt und bestätigt, wenn er spricht 1.Mose 9,6: »Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen wieder vergossen werden.« Das kann nicht als eine Plage und Strafe, von Gott über die Mörder ver­hängt, verstanden werden – denn viele Mörder bleiben durch Buße oder Begnadigung lebendig und sterben ohne Schwert -, sondern es ist vom Recht des Schwertes gesagt, daß ein Mörder des Todes schuldig ist und man ihn mit Recht durchs Schwert töten solle. Ob nun das Recht verhindert oder das Schwert nachlässig geworden ist, so daß der Mörder eines natürlichen Todes stirbt, so ist darum die Schrift nicht falsch, die sagt: »Wer Menschen­blut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden.« Denn es ist der Menschen Schuld oder Verdienst, daß solches Recht, von Gott befohlen, nicht aus­geführt wird; wie auch andere Gebote Gottes übertreten werden.

Danach ist auch durchs Gesetz des Mose bestätigt, 2.Mose 21,14: »Wer jemanden mutwillig tötet, den sollst du von meinem Altar reißen, daß er getötet werde.« Und noch einmal an derselben Stelle: »Einen Leib um einen Leib, ein Auge um ein Auge, einen Zahn um einen Zahn, einen Fuß um einen Fuß, eine Hand um eine Hand, eine Wunde um eine Wunde, eine Beule um eine Beule.« (v. 23-25) Dazu bestätigte es Christus auch, als er zu Petrus sprach im Garten Gethsemane: »Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.« (Matth. 26,52) Das ist ebenso wie das Wort 1.Mose 9,6 zu verstehen: »Wer Menschenblut vergießt« usw. Ohne Zweifel deutet Chri­stus mit diesem Wort darauf hin und fuhrt denselben Spruch damit an und will ihn bestätigt haben. So lehrte auch Johannes der Täufer; als die Kriegsknechte ihn frag­ten, was sie tun sollten, sprach er: »Tut niemandem Ge­walt noch Unrecht, und laßt euch an eurem Solde genü­gen.« (Luk. 3,14) Wäre das Schwert nicht ein göttlicher Stand, hätte er sie auffordern müssen, davon abzustehen, zumal er das Volk vollkommen machen sollte und recht christlich unterweisen; so ist es gewiß und klar genug, daß es Gottes Wille ist, das weltliche Schwert und Recht zu handhaben zur Strafe der Bösen und zum Schutz der Frommen.

Zum zweiten. Dagegen spricht nun mächtig, was Christus sagt Matth. 5,38f.: »Ihr habt gehört, daß den Alten gesagt ist: ›Ein Auge um ein Auge, einen Zahn um einen Zahn.‹ Ich aber sage euch, man soll keinem Übel widerstehen, sondern so dich jemand auf den rechten Backen streicht, dem halte auch den andern dar; und wer mit dir rechten will, daß er dir den Rock nehme, dem laß auch den Mantel dazu; und wer dich eine Meile zu gehen zwingt, mit dem gehe zwei Meilen.« Ebenso Paulus Röm. 12,19: »Meine Liebsten, rächet euch nicht selbst, sondern gebt Raum Gottes Zorn, denn es steht geschrie­ben: ›Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.‹« So auch Matth. 5,44: »Habt lieb eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen.« Und 1.Petr. 3,9: »Niemand bezahle Böses mit Bösem noch Scheltwort mit Schelt­wort« usw. Diese und ähnliche Sprüche klingen jeweils hart, als sollten die Christen im Neuen Testament kein weltliches Schwert haben.

Daher sagen auch die Sophisten, Christus habe Moses Gesetz damit aufgehoben, und machen aus solchen Gebo­ten Räte für die Vollkommenen und teilen die christliche Lehre und den christlichen Stand in zwei Teile: Einen nennen sie den vollkommenen, dem teilen sie solche Räte zu, den andern den unvollkommenen, dem teilen sie die Gebote zu. Und sie tun das aus lauter eigenem Frevel und Mutwillen, ohne allen Grund aus der Schrift, und sehen nicht, daß Christus an demselben Ort seine Lehre so hart gebietet, daß er auch das Kleinste nicht aufgelöst haben will, und verdammt die zur Hölle, die ihre Feinde nicht heb haben. Darum müssen wir anders davon reden, so daß Christi Worte für jedermann allgemein bleiben, er sei »vollkommen« oder »unvollkommen«. Denn Vollkom­menheit und Unvollkommenheit bestehen nicht in Wer­ken, machen auch keinen besonderen äußeren Stand un­ter den Christen, sondern bestehen im Herzen, im Glau­ben und in der Liebe, so daß, wer mehr glaubt und liebt, der ist vollkommen, er sei äußerlich ein Mann oder Weib, Fürst oder Bauer, Mönch oder Laie. Denn Liebe und Glaube machen keine Sekten noch äußere Unterschiede.

Zum dritten. Hier müssen wir Adams Kinder und alle Menschen teilen in zwei Teile: die ersten zum Reich Gottes, die andern zum Reich der Welt. Die zum Reich Gottes gehören, das sind alle Rechtgläubigen in Christus und unter Christus. Denn Christus ist der König und Herr im Reich Gottes, wie Ps. 2,6 sagt und die ganze Schrift, und er ist auch darum gekommen, daß er das Reich Gottes anfinge und in der Welt aufrichte. Darum sagt er auch vor Pilatus: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sondern wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme« (Joh. 18,36f.); und führt immer im Evangelium das Reich Gottes an und spricht: »Bessert euch, das Reich Gottes ist herbeigekommen« (Matth. 3,2); weiter: »Suchet am ersten das Reich Gottes und desselben Gerechtigkeit« (Matth. 6,33); und er nennt auch das Evangelium ein Evangelium des Reiches Gottes, weil es das Reich Gottes lehrt, regiert und erhält.

Nun sieh, diese Leute bedürfen keines weltlichen Schwerts noch Rechts. Und wenn alle Welt rechte Chri­sten, das ist rechte Gläubige, wäre, so wäre kein Fürst, König, Herr, Schwert noch Recht notwendig oder nütz­lich. Denn wozu sollte es ihnen dienen, da sie den heiligen Geist im Herzen haben, der sie lehrt und macht, daß sie niemandem Unrecht tun, jedermann lieben, von jeder­mann gern und fröhlich Unrecht leiden, auch den Tod? Wo lauter Unrechtleiden und lauter Rechttun ist, da ist kein Zank, Hader, Gericht, Richter, Strafe, Recht noch Schwert nötig. Darum ist es unmöglich, daß unter den Christen weltliches Schwert und Recht etwas zu schaffen finden sollten, zumal diese viel mehr von selbst tun, als alle Rechte und Lehre fordern könnten. So wie Paulus sagt 1.Tim. 1,9: »Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben, sondern den Ungerechten.«

Warum das? Weil der Gerechte von sich aus alles und mehr tut, als alle Rechte fordern. Aber die Ungerechten tun nichts Rechtes, darum bedürfen sie des Rechts, das sie lehre, zwinge und dringe wohlzutun. Ein guter Baum bedarf keiner Lehre noch Rechtes, daß er gute Früchte trage, sondern seine Natur gibt’s, daß er ohne alles Recht und Lehre trägt, wie seine Art ist. Denn es sollte mir gar ein närrischer Mensch sein, der einem Apfelbaum ein Buch machte voller Gesetze und Rechtsvorschriften, wie er sollte Äpfel und nicht Dornen tragen, wenn er doch dasselbe besser von eigner Art tut, als er’s mit allen Bü­chern beschreiben und gebieten kann. Ebenso sind alle Christen durch den Geist und Glauben in allen Dingen so geartet, daß sie wohl und recht tun, mehr als man sie mit allen Gesetzen lehren kann, und sie bedürfen für sich selbst keines Gesetzes noch Rechts.

So sprichst du denn: Warum hat denn Gott so viele Gesetze gegeben allen Menschen, und warum lehrt Chri­stus auch im Evangelium oft, etwas zu tun? Davon habe ich sonst in der Postille und anderswo viel geschrieben. Jetzt aufs kürzeste. Paulus sagt, das Gesetz sei um der Ungerechten willen gegeben (1.Tim. 1,9), das heißt, daß diejenigen, die keine Christen sind, durchs Gesetz äußer­lich von bösen Taten abgehalten werden, wie wir später hören werden. Da aber kein Mensch von Natur Christ oder fromm ist, sondern sie alle Sünder und böse sind, wehrt ihnen Gott allen durchs Gesetz, daß sie äußerlich ihre Bosheit mit Werken nicht dürfen nach ihrem Mut­willen üben. Dazu gibt St. Paulus dem Gesetz noch ein Amt, Röm. 7,7 und Gal. 3,24, daß es die Sünden erkennen lehrt, damit es den Menschen demütig macht für den Empfang der Gnade und zum Glauben an Christus. So tut auch hier Christus Matth. 5,39, wenn er lehrt, man solle dem Übel nicht widerstehen, womit er das Gesetz erklärt und lehrt, wie ein rechter Christ solle und müsse geschickt sein, wie wir weiter hören werden.

Zum vierten. Zum Reich der Welt oder unter das Gesetz gehören alle, die nicht Christen sind. Denn da wenige glauben und der kleinere Teil sich nach christli­cher Art hält, daß er nicht widerstrebe dem Übel, ja daß er nicht selbst Übel tue, hat Gott diesen außer dem christ­lichen Stand und Gottes Reich ein anderes Regiment verschafft und sie dem Schwert unterworfen, so daß sie, auch wenn sie gerne wollten, doch ihre Bosheit nicht tun könnten, und wenn sie es tun, daß sie es doch nicht ohne Furcht, noch mit Friede und Glück tun können; wie man ein wildes, böses Tier mit Ketten und Banden fesselt, daß es nicht beißen noch reißen kann nach seiner Art, obwohl es gern wollte, dessen doch ein zahmes, zutrauliches Tier nicht bedarf, sondern ohne Ketten und Bande unschäd­lich ist.

Denn wenn das nicht wäre, zumal alle Welt böse und unter Tausenden kaum ein rechter Christ ist, würde eins das andere fressen, so daß niemand könnte Weib und Kind aufziehen, sich nähren und Gott dienen, womit die Welt wüst würde. Darum hat Gott zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches Christen und fromme Leute macht durch den heiligen Geist, unter Christus, und das weltliche, das den Unchristen und Bösen wehrt, daß sie äußerlich Frieden halten und still sein müssen, ob sie wollen oder nicht. So deutet St. Paulus das weltliche Schwert Röm. 13,3 und sagt, es sei nicht für die guten, son­dern für die bösen Werke zu fürchten. Und Petrus sagt, es sei zur Rache über die Bösen gegeben (1.Petr. 2,14).

Wenn nun jemand die Welt nach dem Evangelium regieren und alles weltliche Recht und Schwert aufheben und vorgeben wollte, sie wären alle getauft und Christen, unter denen das Evangelium kein Recht noch Schwert haben will, und wo es auch nicht nötig ist: Lieber, rate, was würde derselbe machen? Er würde den wilden, bösen Tieren die Bande und Ketten auflösen, daß sie jedermann zerrissen und zerbissen, und daneben vorgeben, es wären feine, zahme, zutrauliche Tierlein. Ich würde es aber an meinen Wunden wohl fühlen. So würden die Bösen unter dem christlichen Namen die evangelische Freiheit mißbrauchen, ihre Büberei treiben und sagen, sie seien Christen und keinem Gesetz noch Schwert unterworfen, wie jetzt schon einige toben und närrisch vorgeben.

Diesen müßte man sagen: Ja, freilich ist’s wahr, daß Christen um ihrer selbst willen keinem Recht noch Schwert untertan sind noch seiner bedürfen; aber sieh zu und mach die Welt zuvor voll rechter Christen, ehe du sie christlich und evangelisch regierst. Das wirst du aber nimmermehr tun, denn die Welt und die Menge sind und bleiben Unchristen, obgleich sie alle getauft sind und Christen heißen. Aber die Christen wohnen, wie man sagt, fern voneinander. Darum verträgt sich’s nicht in der Welt, daß ein christliches Regiment allgemein eingesetzt werde über alle Welt, ja, nicht einmal über ein Land oder eine große Menge. Denn Böse gibt es immer viel mehr als Fromme. Ein ganzes Land oder die Welt mit dem Evangelium zu regieren sich unterwinden, das ist ebenso, als wenn ein Hirt in einem Stall Wölfe, Löwen, Adler, Schafe zusammentäte und jedes frei neben dem andern laufen ließe und sagte: Da weidet euch und seid recht­schaffen und friedlich untereinander, der Stall steht offen, Weide habt ihr genug, Hunde und Keulen braucht ihr nicht zu furchten. Hier würden die Schafe wohl Frieden halten und sich friedlich so weiden und regieren lassen, aber sie würden nicht lange leben noch ein Tier vor dem andern bleiben.

Darum muß man die beiden Regimente sorgfältig voneinander unterscheiden und beide bleiben lassen: eins, das fromm macht, das andere, das äußerlich Frieden schafft und bösen Werken wehrt. Keins reicht ohne das andere aus in der Welt. Denn ohne Christi geistliches Regiment kann niemand vor Gott fromm werden durchs weltliche Regiment. Ebenso erstreckt sich Christi Regi­ment nicht über alle Menschen, sondern allezeit sind der Christen am wenigsten und sind sie mitten unter den Unchristen. Wenn nun weltliches Regiment oder Gesetz allein regiert, dann muß es lauter Heuchelei sein, wenn’s auch gleich Gottes Gebote selber wären. Denn ohne den heiligen Geist im Herzen wird niemand recht fromm, er tue so feine Werke, wie er kann. Wenn aber das geistliche Regiment allein über Land und Leute regiert, dann wird der Bosheit der Zaum los und Raum aller Büberei gege­ben, denn die Welt insgesamt kann’s nicht annehmen noch verstehen.

Da siehst du nun, worauf Christi Worte hinzielen, die wir oben aus Matth. 5,39 zitiert haben, daß die Christen weder streiten noch das weltliche Schwert unter sich gebrauchen sollen. Eigentlich sagt er’s nur seinen heben Christen. Die nehmen’s auch alleine an und tun auch danach, machen nicht Räte daraus, wie die Sophisten, sondern sind im Herzen durch den Geist so beschaffen, daß sie niemandem übel tun und von jedermann willig Übel erleiden. Wenn nun alle Welt Christen wäre’ so gingen diese Worte alle an und täten sie danach. Nun sie aber Nichtchristen sind, gehen sie die Worte nichts an, und sie tun auch nicht so, sondern gehören unter das andere Regiment, womit man die Nichtchristen äußer­lich zum Frieden und zum Guten zwingt und nötigt.

Darum hat auch Christus kein Schwert geführt, hat auch in seinem Reich keins eingesetzt. Denn er ist ein König über Christen und regiert ohne Gesetz allein durch den heiligen Geist. Und obwohl er das Schwert bestätigt, hat er’s doch nicht gebraucht. Denn es dient nicht zu seinem Reich, in dem nur Fromme sind. Deshalb durfte David damals nicht den Tempel bauen, weil er viel Blut vergossen und das Schwert geführt hatte (1.Kön. 5,17 ff.). Nicht daß er Unrecht daran getan hätte, sondern weil er nicht Christi Abbild sein konnte, der ohne Schwert ein friedsames Reich haben sollte. Sondern Salomo mußte es tun, das heißt auf deutsch Friedrich oder Friedsam, der ein friedsames Reich hatte, damit das rechte friedsame Reich Christi, des rechten Friedrich und Salomo, damit im voraus angedeutet werden könnte. Ferner: »Am ganzen Bau des Tempels hörte man nie ein Eisen«, sagt der Text (1.Kön. 6,7), alles deshalb, weil Christus ohne Zwang und Nötigung, ohne Gesetz und Schwert, ein freiwilliges Volk haben sollte.

Das meinen die Propheten Ps. 110,3: »Dein Volk wer­den die Freiwilligen sein«, und Jes. 11,9: »Sie werden nicht töten noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge«, und Jes. 2,4: »Sie werden ihre Schwerter zu Pflug­scharen und ihre Lanzen zu Sicheln machen. Und nie­mand wird wider den andern ein Schwert aufheben, man wird sich nicht mehr befleißigen zu streiten« usw. Wer diese und dergleichen Sprüche überall da anwenden wollte, wo Christi Name genannt wird, der würde die Schrift ganz verkehren; vielmehr sind sie allein von den rechten Christen gesagt, die tun untereinander gewiß so.

Zum fünften. Hier sagst du: Wenn denn die Christen des weltlichen Schwertes noch Rechtes nicht bedürfen, warum sagt denn Paulus Röm. 13,1 zu allen Christen: »Jedermann sei der Gewalt und Obrigkeit untertan«, und St. Petrus: »Seid untertan aller menschlichen Ordnung« usw. (1.Petr. 2,13), wie oben zitiert ist? Antwort: Jetzt hab ich’s gesagt, daß die Christen untereinander und bei sich und für sich selbst keines Rechtes noch Schwertes bedür­fen; denn es ist ihnen nicht nötig noch von Nutzen. Aber weil ein rechter Christ auf Erden nicht sich selbst, sondern seinem Nächsten lebt und dient, so tut er der Art seines Geistes entsprechend auch das, dessen er nicht bedarf, sondern das seinem Nächsten von Nutzen und nötig ist. Nun aber das Schwert aller Welt ein großer nötiger Nutzen ist, damit Friede erhalten, Sünde bestraft und den Bösen gewehrt werde, so ergibt er sich aufs allerwilligste unter des Schwertes Regiment, zahlt Steuern, ehrt die Obrigkeit, dient, hilft und tut alles, was er kann, das der Gewalt förderlich ist, damit sie im Schwang und in Ehren und Furcht erhalten werde; obwohl er davon für sich nichts bedarf, noch es ihm nötig ist. Denn er sieht danach, was andern von Nut­zen und gut ist, wie Paulus Eph. 5,21ff. lehrt.

Ebenso tut er auch alle andern Werke der Liebe, deren er nicht bedarf. Denn er besucht die Kranken nicht, damit er selbst davon gesund werde. Er speist niemanden, weil er selbst der Speise bedürfte. Ebenso dient er auch der Obrigkeit nicht, weil er ihrer bedürfte, sondern die an­dern, damit sie beschützt und die Bösen nicht schlimmer werden. Denn es geht ihm nichts dabei verloren, und solcher Dienst schadet ihm nichts und bringt doch der Welt großen Nutzen. Und wo er’s nicht täte, so handelte er nicht als ein Christ, dazu gegen die Liebe, gäbe auch den anderen ein böses Beispiel, die auch ebenso keine Obrigkeit ertragen wollten, obgleich sie Unchristen wä­ren. Damit entstände dann dem Evangelium eine Läste­rung, als lehrte es Aufruhr und machte eigensinnige Leute, die niemandem von Nutzen noch zu Dienst sein wollten, während es doch einen Christen zu jedermanns Knecht macht. So gab Christus Matth. 17,27 den Zinsgro­schen, damit er sie nicht ärgerte, obwohl er dessen doch nicht bedurfte.

So siehst du auch in den Worten Christi, oben aus Matth. 5,39 angeführt, daß er wohl lehrt, wie die Christen untereinander kein weltliches Schwert noch Recht haben sollen. Er verbietet aber nicht, daß man denen dienen und untertan sein solle, die weltliches Schwert und Recht haben. Sondern weil du seiner nicht bedarfst noch es haben sollst, sollst du vielmehr denen dienen, die nicht so hoch gekommen sind wie du und dessen noch bedürfen. Wenn du auch dessen nicht bedarfst, daß man deinen Feind strafe, so bedarf’s aber dein kranker Nächster. Dem sollst du helfen, daß er Frieden habe und seinem Feind gesteuert werde. Das kann aber nicht geschehen, ohne daß die Gewalt und Obrigkeit in Ehren und Furcht erhal­ten wird. Christus sagt nicht: Du sollst der Gewalt nicht dienen noch untertan sein, sondern: »Du sollst dem Übel nicht widerstreben«; als wollte er sagen: Halte du dich so, daß du alles leidest, damit du der Gewalt nicht bedürfest, daß sie dir helfe und diene, von Nutzen oder nötig sei, sondern umgekehrt: daß du ihr helfest, dienest, von Nut­zen und nötig seiest. Ich will dich höher haben und viel zu edel, als daß du ihrer bedürfest; sondern sie soll deiner bedürfen.

Zum sechsten. So fragst du, ob denn auch ein Christ das weltliche Schwert führen und die Bösen strafen dürfe, weil Christi Worte so streng und unzweideutig lauten: »Du sollst dem Übel nicht widerstehen«, daß die Sophi­sten einen Rat daraus haben machen müssen. Antwort: Du hast jetzt zwei Stücke gehört. Eins, daß unter den Christen das Schwert nicht sein kann; darum kannst du es über und unter den Christen nicht führen, die seiner nicht bedürfen. Darum müßtest du die Frage beziehen auf den andern Haufen derer, die nicht Christen sind, ob du es dort christlich gebrauchen könntest. Da ist das andere Stück, daß du dem Schwert zu dienen schuldig bist und es fordern sollst, womit du kannst, es sei mit Leib, Gut, Ehre und Seele. Denn es ist ein Werk, dessen du nicht bedarfst, das aber aller Welt und deinem Nächsten ganz von Nutzen und nötig ist. Darum: Wenn du sähest, daß es am Henker, Büttel, Richter, Herrn oder Fürsten mangelte, und du dich geeignet dazu fändest, solltest du dich dazu erbieten und dich darum bewerben, auf daß ja die notwendige Ge­walt nicht verachtet und matt würde oder unterginge. Denn die Welt kann und mag ihrer nicht entraten.

Ursache: In diesem Falle gingest du ganz in fremden Diensten und Werken einher, die nicht dir noch deinem Gut oder Ehre, sondern nur dem Nächsten und anderen nützen, und tätest nichts in der Absicht, daß du dich rächen oder Böses für Böses geben wolltest, sondern deinem Nächsten zugut und zur Erhaltung des Schutzes und Friedens der andern. Denn für dich selbst bleibst du an dem Evangelium und hältst dich nach Christi Wort, daß du gern den andern Backenstreich littest, den Mantel zum Rock fahren ließest, wenn es dich und deine Sache beträfe. So geht’s denn beides fein miteinander, daß du zugleich Gottes Reich und der Welt Reich genug tust, äußerlich und innerlich, zugleich Übel und Unrecht lei­dest und doch Übel und Unrecht strafst, zugleich dem Übel nicht widerstehst und doch widerstehst. Denn mit dem einen siehst du auf dich und auf das Deine, mit dem andern auf den Nächsten und auf das Seine. An dir und an dem Deinen hältst du dich nach dem Evangelium und leidest Unrecht als ein rechter Christ für dich. An dem andern und an dem Seinen hältst du dich nach der Liebe und leidest kein Unrecht für deinen Nächsten – was das Evangelium nicht verbietet, ja vielmehr an anderer Stelle gebietet.

Auf diese Weise haben alle Heiligen das Schwert von Anfang der Welt an geführt: Adam mit seinen Nachkom­men. So führte es Abraham, als er Lot, seines Bruders Sohn, errettete und die vier Könige schlug, 1.Mose 14,14f., obwohl er doch ganz und gar ein evangelischer Mann war. So schlug Samuel, der heilige Prophet, den König Agag, 1.Sam. 15,33, und Elia die Propheten Baals, 1.Kön. 18,40. So haben das Schwert geführt Mose, Josua, die Kinder Israel, Simson, David und alle Könige und Fürsten im Alten Testament, ebenso Daniel und seine Gesellen Hananja, Asarja und Misael zu Babylon, ebenso Joseph in Ägypten und so weiter.

Wenn aber jemand einwenden wollte, das Alte Testa­ment sei aufgehoben und gelte nicht mehr, darum könne man den Christen solche Beispiele nicht vorführen, da antworte ich: Das ist nicht so. Denn St. Paulus sagt 1.Kor. 10,3f.: »Sie haben dieselbe geistliche Speise geges­sen und denselben Trank getrunken von dem Fels, der Christus ist, wie wir.« Das heißt: Sie haben denselben Geist und Glauben an Christus gehabt, den wir haben, und sind ebensowohl Chris­ten gewesen wie wir. Darum: Worin sie recht getan haben, darin tun alle Christen recht, von Anfang der Welt bis ans Ende. Denn Zeit und äußer­licher Wandel macht unter den Christen keinen Unter­schied. Auch ist’s nicht wahr, daß das Alte Testament so aufgehoben sei, daß man es nicht halten müsse oder Un­recht täte, wer es hielte, wie Hieronymus und viele mehr geirrt haben. Es ist vielmehr so aufgehoben, daß es frei­gestellt ist, es zu halten oder zu lassen, und nicht mehr notwendig, es bei Verlust der Seele Seligkeit zu halten, wie es damals war.

Denn Paulus sagt 1.Kor. 7,19 und Gal. 6,15, daß weder Vorhaut noch Beschneidung etwas sei, sondern eine neue Kreatur in Christus; das heißt: Es ist nicht Sünde, Vorhaut zu haben, wie die Juden meinten, aber es ist auch nicht Sünde, sich zu beschneiden, wie die Heiden meinten. Sondern beides ist frei und gut für den, der es so tut, daß er nicht meine, dadurch fromm oder selig zu werden. So verhält sich’s auch mit allen andern Stücken des Alten Testaments: daß es nicht Unrecht ist, wer es läßt, noch Unrecht, wer es tut, sondern alles ist freigestellt und gut, es zu tun und zu lassen. Ja, wenn es dem Nächsten zur Seligkeit von Nutzen oder nötig wäre, so müßten sie alle gehalten werden. Denn jeder ist schuldig, zu tun, was seinem Nächsten von Nutzen und nötig ist, es sei Altes oder Neues Testament, es sei ein jüdisches oder heidni­sches Ding, wie Paulus 1.Kor. 12,13 lehrt. Denn die Liebe geht durch alles und über alles und sieht nur dahin, was andern von Nutzen und nötig ist, fragt nicht danach, ob’s alt oder neu ist. So sind die Beispiele mit dem Schwert auch freigestellt, so daß du ihnen folgen kannst oder nicht; außer wo du siehst, daß dein Nächster dessen bedarf, da drängt dich die Liebe, das notwendig zu tun, was dir sonst frei und nicht nötig ist zu tun und zu lassen. Nur daß du dadurch nicht fromm oder selig zu werden gedenkst, wie die Juden es sich durch ihre Werke anmaßten, sondern das dem Glauben überläßt, der dich ohne Werke zur neuen Kreatur macht.

Und damit wir’s auch aus dem Neuen Testament be­weisen, steht hier fest Johannes der Täufer, Luk. 3,14, der ohne Zweifel Christus bezeugen, zeigen und lehren mußte. Das heißt, seine Lehre mußte ausschließlich neutestamentlich und evangelisch sein, als von jemandem, der Christus ein rechtes vollkommenes Volk zuführen sollte. Der bestätigt das Amt der Kriegsleute und sagt, sie sollten sich an ihrem Solde genügen lassen. Wenn es nun unchristlich gewesen wäre, das Schwert zu führen, hätte er sie deswegen getadelt. Er hätte geboten, Sold und Schwert aufzugeben, oder er hätte sie nicht recht den christlichen Stand gelehrt. Ebenso auch Petrus, da er dem Kornelius Apg. 10,34ff von Christus predigte, befahl er ihm nicht, sein Amt aufzugeben, was er doch getan hätte, wenn es dem Kornelius an seinem Christenstand hinder­lich gewesen wäre. Außerdem kommt der heilige Geist auf ihn, bevor er getauft wurde, auch lobt ihn Lukas als einen frommen Mann vor des Petrus Predigt und tadelt doch nicht an ihm, daß er Hauptmann der Kriegsleute und des heidnischen Kaisers war (Apg. 10,2.22). Was nun der heilige Geist an Kornelius hat bleiben lassen und nicht getadelt hat, sollten auch wir gerechterweise nicht tadeln, sondern bleiben lassen.

Dasselbe Beispiel gibt auch der Mohrenhauptmann Eunuchus Apg. 8,27ff, den Philippus, der Evangelist, be­kehrte und taufte. Und er ließ ihn in seinem Amte bleiben und wieder heimziehen, obwohl er doch der Königin im Mohrenland ohne Schwert nicht so ein gewaltiger Amt­mann sein konnte. Ebenso ist es auch mit dem Landvogt in Cypern, Sergius Paulus, gewesen, Apg. 13,7 ff, wel­chen Paulus bekehrte und doch Landvogt unter und über Heiden bleiben ließ. Ebenso haben viele heilige Märtyrer getan, die, den römischen heidnischen Kaisern gehorsam, unter ihnen in den Streit zogen und ohne Zweifel auch Leute erwürgten, um den Frieden zu erhalten; wie man von St. Moritz, Achatius, Gereon und von vielen andern unter dem Kaiser Julian schreibt.

Darüber hinaus hegt da der eindeutige, starke Text des St. Paulus Röm. 13,1ff, wo er sagt: »Die Obrigkeit ist von Gott verordnet«, weiter: »Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht um­sonst, sie ist Gottes Dienerin, dir zu gut, eine Rächerin über den, der Böses tut.« Mein Lieber, sei du nicht so frevelhaft, daß du sagen wolltest, ein Christ könne das nicht führen, was Gottes eigentliches Werk, Ordnung und Schöpfung ist. Sonst müßtest du auch sagen, ein Christ dürfe nicht essen noch trinken noch ehelich werden, denn das sind auch Gottes Werke und Ordnungen. Ist’s aber Gottes Werk und Schöpfung, so ist’s gut und so gut, daß jeder es christlich und selig gebrauchen kann, wie Paulus 1.Tim. 4,4 sagt: »Alle Krea­tur Gottes ist gut, und nichts ist den Gläubigen zu verwer­fen und denen, die die Wahrheit erkennen.« Unter »allen Kreaturen Gottes« mußt du nicht allein Essen und Trin­ken, Kleider und Schuhe, sondern auch Gewalt und Un­tertänigkeit, Schutz und Strafe sein lassen.

Und summa summarum, weil St. Paulus hier sagt, die Gewalt sei Gottes Dienerin, darf man sie nicht allein den Heiden überlassen, sondern sie muß für alle Menschen brauchbar sein. Was ist mit: »Sie ist Gottes Dienerin« anderes gesagt als: Die Gewalt ist von Natur derart, daß man Gott damit dienen kann? Nun wäre es sehr unchrist­lich geredet, daß es irgendeinen Gottesdienst gäbe, den ein Christenmensch nicht tun sollte oder dürfte, wenn doch Gottesdienst niemandem so ganz zu eigen ist wie den Christen. Und es wäre auch wohl gut und notwen­dig, daß alle Fürsten rechte gute Christen wären. Denn das Schwert und die Gewalt als ein besonderer Gottes­dienst gebührt den Christen vor allen anderen auf Erden zu eigen. Darum sollst du das Schwert oder die Gewalt wie den ehelichen Stand oder Ackerwerk oder sonst ein Handwerk schätzen, die auch Gott eingesetzt hat. Wie nun ein Mann Gott im ehelichen Stand dienen kann, beim Ackerwerk oder Handwerk, dem andern zu Nutzen, und dienen müßte, wenn es seinem Nächsten not wäre: so kann er auch in der Gewalt Gott dienen und soll in ihr dienen, wenn es des Nächsten Not erfordert. Denn sie sind Gottes Diener und Handwerksleute, die das Böse strafen und das Gute schützen. Doch bedenke, daß auch freigestellt ist, es zu lassen, wenn es nicht notwendig ist, wie ehelich werden und Ackerwerk treiben da freigestellt ist, wo es nicht notwendig ist.

Da sagst du: Warum haben’s denn Christus und die Apostel nicht geführt? Antwort: Sage mir, warum hat er nicht auch ein Weib genommen oder ist ein Schuster oder Schneider geworden? Sollte ein Stand oder Amt darum nicht gut sein, weil Christus selbst es nicht getrieben hätte, wo wollten alle Stände und Ämter bleiben, ausgenom­men das Predigtamt, das er allein getrieben hat? Christus hat sein Amt und seinen Stand geführt; damit hat er keines andern Stand verworfen. Es stand ihm nicht zu, das Schwert zu führen. Denn er sollte nur das Amt führen, durch das sein Reich regiert wird und das eigentlich seinem Reich dient. Nun gehört zu seinem Reich nicht, daß er ehelich, Schuster, Schneider, Ackermann, Fürst, Henker oder Büttel sei, auch gehört dazu weder Schwert noch weltliches Recht, sondern nur Gottes Wort und Geist. Damit werden die Seinen inwendig regiert. Wel­ches Amt er auch damals trieb und noch weiter treibt, er gibt immer Geist und Gottes Wort. Und in dem Amt mußten ihm die Apostel nachfolgen und alle geistlichen Regierer. Denn sie haben an dem geistlichen Schwert, dem Wort Gottes, wohl so viel zu tun, wenn sie ihr Handwerk recht treiben, daß sie des weltlichen Schwertes wohl müßig gehen und es andern überlassen müssen, die nicht zu predigen haben; obwohl es ihrem Stand nicht widerspricht, es zu brauchen, wie gesagt ist. Denn jeder muß seines Berufes und Werkes warten.

Darum: Wenn Christus auch nicht das Schwert geführt noch gelehrt hat, so ist’s doch genug, daß er’s nicht verboten noch aufgehoben, sondern bestätigt hat. Wie es genug ist, daß er den ehelichen Stand nicht aufgehoben, sondern bestätigt hat, obwohl er kein Weib genommen noch etwas davon gelehrt hat. Denn er mußte sich vor allen Dingen in solchem Stand und Werk tätig erweisen, die eigentlich und allein zu seinem Reich dienten, damit nicht ein Grund und notwendiges Vorbild daraus gewon­nen würde, zu lehren und zu glauben, Gottes Reich könne nicht ohne Ehe und Schwert und dergleichen äu­ßerliches Ding bestehen (denn Christi Vorbild zwingt zur Nachfolge). Gottes Reich aber besteht doch nur durch Gottes Wort und Geist, welches Christi eigentliches Amt gewesen ist und das es als des obersten Königs Amt in diesem Reich sein muß. Da nun aber nicht alle Christen dasselbe Amt haben (wiewohl sie es haben könnten), ist’s recht, daß sie sonst ein anderes äußerliches Amt haben, womit Gott auch gedient werden kann.

Aus diesem allen folgt nun, welches das rechte Ver­ständnis der Worte Christi Matth. 5,39 sei: »Ihr sollt dem Übel nicht widerstreben« usw. Nämlich: Daß ein Christ so beschaffen sein soll, daß er alles Übel und Unrecht leide, sich nicht selbst räche, sich auch nicht vor Gericht schüt­ze, sondern daß er in allen Dingen der weltlichen Gewalt und des weltlichen Rechts für sich selbst nicht bedürfe. Aber für andere kann und soll er Rache, Recht, Schutz und Hilfe suchen und dazu tun, was und womit er kann. Ebenso soll ihn auch die Gewalt, entweder von selbst oder auf Anregen anderer, ohne seine eigene Klage, sein Suchen und Anregen helfen und schützen. Wenn sie das nicht tut, soll er sich schinden und schänden lassen und keinem Übel widerstehen, wie Christi Worte lauten.

Und sei du gewiß, daß diese Lehre Christi nicht ein Rat für die Vollkommenen sei, wie unsere Sophisten lästern und lügen, sondern ein allgemein gültiges, strenges Gebot für alle Christen. Auf daß du wissest, wie die unter christ­lichem Namen allzumal Heiden sind, die sich rächen oder vor Gericht um ihr Gut und ihre Ehre rechten und zan­ken; da wird nichts anders draus, das sage ich dir. Und kehre dich nicht an die Menge und den allgemeinen Brauch. Denn es gibt wenig Christen auf Erden, da zweif­le du nicht dran; dazu ist Gottes Wort etwas anderes als der allgemeine Brauch.

Denn hier siehst du, daß Christus nicht das Gesetz aufhebt, wenn er sagt: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist, Auge um Auge; ich aber sage euch: Ihr sollt keinem Übel widerstehen« usw. (Matth. 5,38-39). Son­dern er legt den Sinn des Gesetzes aus, wie es zu verstehen sei, als wollte er sagen: Ihr Juden meint, es sei vor Gott recht und wohl getan, wenn ihr das Eure mit Recht wieder holt und euch darauf verlaßt, daß Mose gesagt hat: Auge um Auge usw. Ich sage euch aber, daß Mose solches Gesetz deshalb über die Bösen, die nicht zu Gottes Reich gehören, gegeben hat, damit sie sich nicht selbst rächen oder Ärgeres tun, sondern durch solch äußerliches Recht gezwungen werden, Böses zu lassen, so daß sie doch mit einem äußerlichen Recht und Regiment der Gewalt un­terworfen werden. Ihr aber sollt euch so halten, daß ihr solchen Rechtes nicht bedürft noch es sucht. Denn ob­wohl die weltliche Obrigkeit solches Gesetz haben muß, nach dem sie die Ungläubigen richte, und ihr selbst es auch wohl gebrauchen könnt, um andere damit zu richten, so sollt ihr’s doch für euch und in euren Sachen nicht suchen noch gebrauchen, denn ihr habt das Himmelreich. Darum sollt ihr das Erdreich dem lassen, der es euch nimmt.

Sieh, da siehst du, wie Christus seine Worte nicht dahin auslegt, daß er des Mose Gesetz aufhebe oder die weltliche Gewalt verbiete, sondern er zieht die Seinen heraus, damit sie diese für sich selbst nicht brauchen, sondern sie den Ungläubigen überlassen sollen, denen sie doch auch mit solchem ihrem Recht dienen können. Denn sie sind Unchristen, und man kann niemanden zum Christentum zwingen. Daß aber Christi Worte allein auf die Seinen gehen, wird daraus klar, daß er danach sagt, sie sollen ihre Feinde lieben und vollkommen sein wie ihr himmlischer Vater. Wer aber seine Feinde liebt und vollkommen ist, der läßt das Gesetz liegen und braucht es nicht, daß er Auge um Auge fordere. Er wehrt aber den Unchristen auch nicht, die ihre Feinde nicht heben und es brauchen wollen; ja er hilft, daß solche Gesetze die Bösen fesseln, damit sie nichts Ärgeres tun.

So ist nun, meine ich, das Wort Christi mit den Sprü­chen in Einklang gebracht, die das Schwert einsetzen. Und das ist gemeint: Das Schwert soll kein Christ für sich und seine Sache führen noch anrufen; doch für einen andern kann und soll er’s führen und anrufen, damit der Bosheit gesteuert und die Rechtschaffenheit geschützt werde. So wie der Herr auch an derselben Stelle sagt: »Ein Christ soll nicht schwören, sondern sein Wort soll sein: ja, ja, nein, nein« (Matth. 5,37); das heißt: Für sich selbst und aus eigenem Willen und Lust soll er nicht schwören. Wenn aber Not, Nutzen und Seligkeit oder Gottes Ehre es fordern, soll er schwören. Dann braucht er einem andern zu Dienst den verbotenen Eid, wie er einem an­dern zu Dienst das verbotene Schwert braucht. Wie Chri­stus und Paulus oft schwören, um ihre Lehre und ihr Zeugnis den Menschen nützlich und glaubwürdig zu machen, wie man denn bei den Bündnissen und Verträ­gen usw. tut und tun kann, wovon Ps. 63,12 redet: »Sie werden gelobt, die bei seinem Namen schwören.«

Hier fragst du weiter, ob denn auch die Büttel, Henker, Juristen, Anwälte und was zu deren Gehilfen gehört, Christen sein können und einen seligen Stand haben? Antwort: Wenn die Gewalt und das Schwert ein Gottes­dienst ist, wie oben erwiesen ist, so muß auch das alles Gottesdienst sein, was der Gewalt nötig ist, um das Schwert zu führen. Es muß ja einer sein, der die Bösen fängt, verklagt, würgt und umbringt, die Guten schützt, entschuldigt, verteidigt und errettet. Darum: Wenn sie es in der Absicht tun, daß sie nicht sich selbst dabei suchen, sondern nur das Recht und die Gewalt handhaben helfen, mit der die Bösen bezwungen werden, ist’s ihnen ohne Gefahr, und sie können’s brauchen, wie ein anderer ein anderes Handwerk, und sich davon ernähren. Denn, wie gesagt, Liebe zum Nächsten achtet nicht ihr Eigenes, sieht auch nicht, wie groß oder gering, sondern wie nützlich und notwendig die Werke dem Nächsten oder der Ge­meinde seien.

Fragst du: Wie? Könnte ich denn nicht für mich selbst und für meine Sache das Schwert gebrauchen in der Absicht, daß ich damit nicht das Meine suchte, sondern daß das Übel gestraft würde? Antwort: Solches Wunder ist nicht unmöglich, aber gar selten und gefährlich. Wenn der Geist so reich ist, da kann’s wohl geschehen. Denn so lesen wir von Simson Richt. 15,11, daß er sprach: »Ich habe ihnen getan, wie sie mir getan haben«, obwohl doch Spr. 24,29 dagegen sagt: »Sage nicht: Ich will ihm tun, wie er mir getan hat«, und 20,22: »Sprich nicht: Ich will ihm das Böse vergelten.« Denn Simson war von Gott dazu gefordert, daß er die Philister plagen und die Kinder Israel erretten sollte. Wenn er nun auch Streit mit ihnen suchte, indem er seine eigene Sache als Vorwand benutzte, so tat er’s doch nicht, sich selbst zu rächen oder das Seine zu suchen, sondern andern zu Dienst und zur Strafe der Philister. Aber dem Vorbild wird niemand folgen, er sei denn ein rechter Christ und voll Geistes. Wenn die Ver­nunft auch so tun will, wird sie zwar vorgeben, sie wolle nicht das Ihre suchen. Aber es wird von Grund auf falsch sein, denn ohne Gnade ist das nicht möglich. Darum werde zuvor wie Simson, so kannst du auch tun wie Simson.

DER ZWEITE TEIL WIE WETT SICH WELTLICHE OBRIGKEIT ERSTRECKT

Hier kommen wir zum Hauptstück dieser Rede. Denn nachdem wir gelernt haben, daß die weltliche Obrigkeit auf Erden sein muß, und wie man dieselbe christlich und selig gebrauchen soll, müssen wir nun lernen, wie lang ihr Arm und wie weit ihre Hand reichen, damit sie sich nicht zu weit erstrecke und Gott in sein Reich und Regiment greife. Und das ist sehr notwendig zu wissen. Denn un­erträglicher und greulicher Schaden folgt daraus, wenn man ihr zuviel Raum gibt, und es ist auch nicht ohne Schaden, wenn sie zu eng gespannt ist. Hier straft sie zu wenig, dort straft sie zuviel. Obwohl es erträglicher ist, daß sie auf dieser Seite sündige und zu wenig strafe; zumal es allzeit besser ist, einen Buben leben zu lassen als einen rechtschaffenen Mann zu töten, da die Welt doch Buben hat und haben muß, Rechtschaffene aber wenig hat.

Zum ersten ist zu merken, daß die zwei Teile von Adams Kindern, deren einer in Gottes Reich unter Chri­stus, deren anderer in der Welt Reich unter der Obrigkeit ist, wie oben gesagt, zweierlei Gesetz haben. Denn jedes Reich muß seine Gesetze und Rechte haben, und ohne Gesetz kann kein Reich noch Regiment bestehen, wie das genügend die tägliche Erfahrung ergibt. Das weltliche Regiment hat Gesetze, die sich nicht weiter erstrecken als über Leib und Gut und was äußerlich ist auf Erden. Denn über die Seele kann und will Gott niemanden regieren lassen als sich selbst allein. Darum: Wo weltliche Gewalt sich anmaßt, der Seele Gesetze zu geben, da greift sie Gott in sein Regiment und verführt und verdirbt nur die Seelen. Das wollen wir so klarmachen, daß man’s mit Händen greifen kann, auf daß unsere Junker, die Fürsten und Bischöfe, sehen, was sie für Narren sind, wenn sie die Menschen mit ihren Gesetzen und Geboten zwingen wol­len, so oder so zu glauben.

Wenn man eines Menschen Gesetz auf die Seele legt, daß sie glauben soll so oder so, wie dieser Mensch es vorschreibt, so ist da gewiß nicht Gottes Wort. Ist Gottes Wort nicht da, so ist’s ungewiß, ob’s Gott haben will. Denn was er nicht gebietet, davon kann man nicht sicher sein, daß es ihm gefalle; ja, man ist gewiß, daß es Gott nicht gefalle. Denn er will unsern Glauben bloß und lauter allein auf sein göttliches Wort gegründet haben, wie er Matth. 16,18 sagt: »Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen«, und Joh. 10,4f.: »Meine Schafe hören meine Stimme und kennen mich; aber der Fremden Stimme hören sie nicht, sondern fliehen vor ihnen.« Dar­aus folgt dann, daß weltliche Gewalt die Seelen mit sol­chem Frevelgebot zum ewigen Tode drängt. Denn sie zwingt, das zu glauben als etwas, das recht und gewiß Gott gefällig sei, während es doch ungewiß ist, ja gewiß, daß es mißfällt, weil kein klares Gotteswort da ist. Denn wer das als recht glaubt, was unrecht oder ungewiß ist, der verleugnet die Wahrheit, die Gott selber ist, und glaubt an die Lügen und Irrtümer, hält das für recht, was unrecht ist.

Darum ist’s ein gar überaus närrisches Ding, wenn sie gebieten, man solle der Kirche, den Vätern, den Konzilien glauben, obgleich kein Gotteswort da sei. Teufelsapostel gebieten solches und nicht die Kirche. Denn die Kirche gebietet nichts, sie wisse denn gewiß, daß es Gottes Wort sei, wie St. Petrus sagt: »Wer da redet, der rede als Gottes Wort.« (1.Petr. 4,11) Sie werden aber gar lange nicht beweisen, daß der Konzilien Sätze Gottes Wort sind. Viel närrischer ist’s aber noch, wenn man sagt: Die Könige und Fürsten und die Menge glauben so. Mein Lieber, wir sind nicht getauft auf Könige, Fürsten noch auf die Menge, sondern auf Christus und Gott selber. Wir heißen auch nicht Könige, Fürsten oder Menge, wir heißen Chri­sten. Der Seele soll und kann niemand gebieten, er wisse ihr denn den Weg zum Himmel zu weisen. Das kann aber kein Mensch tun, sondern Gott allein. Darum soll in den Sachen, die der Seele Seligkeit betreffen, nichts als Gottes Wort gelehrt und angenommen werden.

Ferner: Obwohl sie grobe Narren sind, müssen sie ja bekennen, daß sie keine Gewalt über die Seelen haben. Denn es kann kein Mensch eine Seele jemals töten oder lebendig machen, zum Himmel oder zur Hölle fuhren. Und wenn sie uns das nicht glauben wollen, wird Chri­stus das ja stark genug bezeugen, wenn er Matth. 10,28 sagt: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts haben, das sie tun; furchtet aber den, der, nachdem er den Leib getötet, Macht hat, in die Hölle zu verdammen.« Ich meine wenigstens, daß hier klar genug die Seele aus aller Menschen Hand genommen und allein unter Gottes Gewalt gestellt sei. Nun sage mir, wie­viel Verstand muß der Kopf wohl haben, der an dem Ort Gebote aufstellt, wo er gar keine Gewalt hat? Wer wollte den nicht für unsinnig halten, der dem Mond geböte, er sollte scheinen, wann er es wollte? Wie fein würde das passen, wenn die zu Leipzig uns zu Wittenberg oder umgekehrt wir zu Wittenberg denen zu Leipzig wollten Gebote auflegen? Man würde den Gebietern gewiß Nies­wurz zum Dank schenken, damit sie das Hirn fegten und den Schnupfen los würden. Dennoch verfahren jetzt un­ser Kaiser und die klugen Fürsten so und lassen sich von Papst, Bischöfen und Sophisten dahin führen, ein Blinder vom andern, daß sie ihren Untertanen gebieten zu glau­ben, ohne Gottes Wort, wie es ihnen gut dünkt, und wollen dennoch christliche Fürsten heißen; da sei Gott vor!

Überdies kann man’s auch daran begreifen, daß jede Gewalt nur da handeln soll und kann, wo sie sehen, erkennen, richten, urteilen, wandeln und ändern kann. Denn was wäre mir das für ein Richter, der blindlings die Sachen richten wollte, die er weder hört noch sieht? Nun sage mir, wie kann ein Mensch die Herzen sehen, erken­nen, richten, urteilen und ändern? Denn solches ist allein Gott vorbehalten, wie Ps. 7,9f. sagt: »Gott erforscht Her­zen und Nieren«, ferner: »Der Herr ist Richter über die Leute«, und Apg. 1,24: »Gott ist ein aller Herzen Kundi­ger«, und Jer. 17,9f.: »Böse und unerforschlich ist mensch­liches Herz, wer kann’s erforschen? Ich, der Herr, der die Herzen und Nieren erforscht.« Ein Gericht soll und muß ganz sicher sein, wenn es urteilen soll, und alles am hellen Licht haben. Aber der Seele Gedanken und Gesinnungen können niemandem außer Gott offenbar sein. Darum ist es umsonst und unmöglich, jemandem zu gebieten oder ihn mit Gewalt zu zwingen, so oder so zu glauben. Es gehört ein anderer Griff dazu, die Gewalt tut’s nicht. Und mich wundem die großen Narren, zumal sie selbst allesamt sagen: Verborgene Sachen richtet die Kirche nicht. Wenn denn der Kirche geistliches Regiment nur offenbare Dinge regiert, wessen untersteht sich denn die unsinnige, weltliche Gewalt, solch heimlich, geistlich, verbor­gen Ding, wie es der Glaube ist, zu richten und zu meistern?

Auch hegt für jeden seine eigene Gefahr darin, wie er glaubt, und er muß für sich selbst sehen, daß er recht glaube. Denn so wenig wie ein anderer für mich in die Hölle oder den Himmel fahren kann, so wenig kann er auch für mich glauben oder nicht glauben; und so wenig er mir Himmel oder Hölle auf- oder zuschließen kann, so wenig kann er mich zum Glauben oder Unglauben trei­ben. Weil es denn einem jeden auf seinem Gewissen Hegt, wie er glaubt oder nicht glaubt, und weil damit der weltlichen Gewalt kein Abbruch geschieht, soll sie auch zufrieden sein und sich um ihre Sachen kümmern und so oder so glauben lassen, wie man kann und will, und niemanden mit Gewalt bedrängen. Denn es ist ein freies Werk um den Glauben, zu dem man niemanden zwingen kann. Ja, es ist ein göttliches Werk im Geist, geschweige denn, daß es äußere Gewalt erzwingen und schaffen sollte. Daher ist das allgemein verbreitete Wort genom­men, das Augustin auch kennt: Zum Glauben kann und soll man niemanden zwingen.

Dazu sehen die blinden, elenden Leute nicht, ein wie völlig vergebliches und unmögliches Ding sie sich vor­nehmen. Denn wie streng sie gebieten und wie sehr sie toben, so können sie die Leute nicht weiter bedrängen, als daß sie ihnen mit dem Mund und mit der Hand folgen; das Herz können sie ja nicht zwingen, auch wenn sie sich zerreißen sollten. Denn wahr ist das Sprichwort: Gedan­ken sind zollfrei. Was ist’s denn nun, daß sie die Leute im Herzen zu glauben zwingen wollen, obwohl sie sehen, daß es unmöglich ist? Sie treiben damit die schwachen Gewissen mit Gewalt dazu, zu lügen, zu verleugnen und anders zu reden, als sie es im Herzen meinen, und beladen sich selbst so mit greulichen fremden Sünden. Denn alle die Lügen und falschen Bekenntnisse, die solche schwa­chen Gewissen tun, fallen zurück auf den, der sie er­zwingt. Es wäre jedenfalls viel leichter, wenn ihre Unter­tanen schon irrten, daß sie sie schlechthin irren ließen, als daß sie sie zur Lüge und dazu bedrängten, etwas anderes zu sagen, als sie im Herzen haben. Es ist auch nicht recht, daß man Bösem mit Ärgerem wehren will.

Aber willst du wissen, warum Gott verhängt, daß die weltlichen Fürsten so greulich anstoßen müssen? Ich will dir’s sagen. Gott hat sie in verkehrten Sinn gegeben und will ein Ende mit ihnen machen, wie mit den geistlichen Junkern. Denn meine ungnädigen Herren, Papst und Bischöfe, sollten Bischöfe sein und Gottes Wort predigen. Das lassen sie und sind weltliche Fürsten geworden und regieren mit Gesetzen, die nur Leib und Gut betreffen. Fein haben sie es umgekehrt: Innerlich sollten sie die Seelen durch Gottes Wort regieren, so regieren sie aus­wendig Schlösser, Städte, Land und Leute und martern die Seelen mit unsäglicher Mörderei. So auch die weltli­chen Herren: Sie sollten Land und Leute äußerlich regie­ren. Das lassen sie. Sie konnten nicht mehr als schinden und schaben, einen Zoll auf den andern, eine Steuer über die andere setzen, da einen Bären, hier einen Wolf freilas­sen, dazu ließen sie kein Recht, keine Treue oder Wahr­heit bei sich finden und handeln, daß es Räubern und Buben zuviel wäre und daß ihr weltliches Regiment ja so tief darniederliegt wie das Regiment der geistlichen Tyrannen. Darum verkehrt Gott ihren Sinn auch, daß sie widersinnig zufahren und geistlich über Seelen regie­ren wollen, ebenso wie jene weltlich regieren wollen, auf daß sie ja getrost fremde Sünde auf sich laden, Got­tes und aller Menschen Haß, bis sie mit Bischöfen, Pfaf­fen und Mönchen zugrunde gehen, ein Bube mit dem andern. Und danach geben sie an dem allen dem Evangelium schuld und lästern, anstatt zu beichten, Gott und sagen, unsere Predigt habe solches angerichtet, was ihre verkehrte Bosheit verdient hat und noch ohne Unterlaß verdient; wie die Römer auch taten, als sie vernichtet wurden. Siehe, da hast du den Rat Gottes über die gro­ßen Hansen. Aber sie sollen’s nicht glauben, auf daß solch ernster Ratschluß Gottes nicht durch ihre Buße verhindert werde.

Da sagst du: Hat doch Paulus Röm. 13 gesagt, jeder­mann solle der Gewalt und Obrigkeit untertan sein, und Petrus sagt, wir sollen aller menschlichen Ordnung unter­tan sein. Antwort: Da kommst du recht; denn die Sprüche dienen für mich. St. Paulus redet von der Obrigkeit und Gewalt. Nun hast du jetzt gehört, daß über Seelen nie­mand Gewalt haben kann als Gott. So muß St. Paulus von keinem Gehorsam reden können als da, wo die Gewalt sein kann. Daraus folgt, daß er nicht vom Glauben redet, nicht davon, daß weltliche Gewalt den Glauben zu gebie­ten haben solle, sondern von äußeren Gütern, sie auf Erden zu ordnen und zu regieren. Das ergeben auch seine Worte deutlich und klar, wenn er der Gewalt und dem Gehorsam die Grenze setzt und sagt: »Gebt jedermann das Seine: Steuer, dem die Steuer, Zoll, dem der Zoll, Ehre, dem die Ehre, Furcht, dem die Furcht gebührt.« (Röm. 13,7) Siehe da, weltlicher Gehorsam und Gewalt erstrecken sich nur über äußere Steuer, Zoll, Ehre, Furcht. Ferner, wenn er sagt: »Die Gewalt ist nicht für die guten, sondern für die bösen Werke zu fürchten« (Röm. 13,3), beschränkt er abermals die Gewalt, daß sie nicht den Glauben oder Gottes Wort, sondern böse Werke meistern soll.

Das will auch St. Peter, wenn er sagt: »menschliche Ordnung« (1.Petr. 2,13). Nun kann menschliche Ord­nung sich ja nicht in den Himmel und über die Seele erstrecken, sondern nur auf Erden, auf den äußeren Wan­del der Menschen untereinander, wo Menschen sehen, erkennen, richten, urteilen, strafen und erretten können.

Das alles hat auch Christus selbst fein unterschieden und kurz zusammengefaßt, wenn er Matth. 22,21 sagt: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Wenn nun kaiserliche Gewalt sich in Gottes Reich und Gewalt erstreckte und nicht ein Besonderes wäre, sollte er’s nicht so unterschieden haben. Denn wie gesagt, die Seele ist nicht unter des Kaisers Gewalt. Er kann sie weder lehren noch führen, weder töten noch lebendig machen, weder binden noch lösen, weder rich­ten noch beurteilen, weder festhalten noch freilassen. Die­ses müßte doch sein, wenn er Gewalt hätte, über sie zu gebieten und Gesetze zu erlassen; dagegen über Leib, Gut und Ehre hat er wohl solches zu tun, denn solches ist unter seiner Gewalt.

Das alles hat auch David lange zuvor in einen kurzen feinen Spruch zusammengefaßt, wenn er Ps. 115,16 sagt: »Den Himmel hat er des Himmels Herrn gegeben, aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.« Das heißt: Was auf Erden ist und zum zeitlichen, irdischen Reich gehört, da hat ein Mensch wohl Gewalt von Gott; aber was zum Himmel und zum ewigen Reich gehört, das ist allein unter dem himmlischen Herrn. Auch hat das Mose nicht vergessen, wenn er 1.Mose 1,26 sagt: »Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, die über die Tiere auf Erden, über die Fische im Wasser, über die Vögel in der Luft regieren.« Da ist den Menschen nur ein äußerliches Regiment zugeeignet. Und in summa ist das die Mei­nung, wie St. Petrus Apg. 5,29 sagt: »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Damit setzt er ja auch ganz klar der weltlichen Gewalt eine Grenze. Denn wenn man alles halten müßte, was weltliche Gewalt wollte, so wäre es umsonst gesagt: »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.«

Wenn nun dein Fürst oder weltlicher Herr dir gebietet, es mit dem Papst zu halten, so oder so zu glauben, oder dir gebietet, Bücher abzugeben, sollst du so sagen: Es gebührt Luzifer nicht, neben Gott zu sitzen. Lieber Herr, ich bin euch schuldig zu gehorchen mit Leib und Gut; gebietet mir nach dem Maß eurer Gewalt auf Erden, so will ich folgen. Befehlt ihr mir aber, zu glauben und Bücher abzugeben, so will ich nicht gehorchen. Denn da seid ihr ein Tyrann und greift zu hoch, gebietet, obwohl ihr weder Recht noch Macht habt usw. Nimmt er dir dar­über dein Gut und straft solchen Ungehorsam: Selig bist du und danke Gott, daß du würdig bist, um göttlichen Worts willen zu leiden. Laß ihn nur toben, den Narren, er wird seinen Richter wohl finden. Denn ich sage dir, wenn du ihm nicht widersprichst und ihm Raum gibst, daß er dir den Glauben oder die Bücher nimmt, so hast du wahrlich Gott verleugnet.

Damit ich davon ein Beispiel gebe: In Meißen, Bayern und in der Mark Brandenburg und an anderen Orten haben die Tyrannen ein Gebot ausgehen lassen, man solle die Neuen Testamente an die Amtsstellen im Lande über­geben. Hier sollen ihre Untertanen so tun: Nicht ein Blättlein, nicht einen Buchstaben sollen sie übergeben, bei Verlust ihrer Seligkeit. Denn wer es tut, der übergibt Christus dem Herodes in die Hände. Denn sie handeln als Christusmörder wie Herodes. Sondern das sollen sie lei­den: Wenn man befiehlt, ihnen durch die Häuser zu laufen und mit Gewalt zu nehmen, es seien Bücher oder Güter. Dem Frevel soll man nicht widerstehen, sondern ihn leiden; man soll ihn aber nicht billigen, noch dazu dienen oder folgen oder mit einem Schritt oder mit einem Finger gehorchen. Denn solche Tyrannen handeln, wie weltliche Fürsten sollen. Es sind weltliche Fürsten; die Welt aber ist Gottes Feind, darum müssen sie auch tun, was Gott zuwider, der Welt aber gemäß ist, auf daß sie ja nicht ehrlos werden, sondern weltliche Fürsten bleiben. Darum laß dich’s nicht wundern, wenn sie wider das Evangelium toben und die Narren spielen; sie müssen ihrem Titel und Namen Genüge tun.

Und du sollst wissen, daß von Anbeginn der Welt ein kluger Fürst ein sehr seltener Vogel ist, noch viel seltener ein frommer Fürst. Sie sind im allgemeinen die größten Narren oder die ärgsten Buben auf Erden; weshalb man sich bei ihnen allezeit des Ärgsten versehen und wenig Gutes von ihnen gewärtigen muß, besonders in göttli­chen Sachen, die der Seele Heil angehen. Denn sie sind Gottes Stockmeister und Henker, und sein göttlicher Zorn braucht sie, die Bösen zu strafen und äußerlichen Frieden zu halten. Er ist ein großer Herr, unser Gott. Darum muß er auch solche edlen, hochgeborenen, rei­chen Henker und Büttel haben und will, daß sie Reich­tum, Ehre und Furcht von jedem in Überfluß und die Menge haben sollen. Es gefällt seinem göttlichen Willen, daß wir seine Henker gnädige Herren nennen, ihnen zu Füßen fallen und mit aller Demut untertan sind, sofern sie ihr Handwerk nicht zu weit erstrecken, so daß sie Hirten aus Henkern werden wollen. Gerät nun ein Fürst, daß er klug, fromm oder ein Christ ist, das ist eins der großen Wunder und das allerteuerste Zeichen göttlicher Gnade über dasselbe Land. Denn nach allgemeinem Lauf geht es nach dem Spruch Jes. 3,4: »Ich will ihnen Kinder zu Für­sten geben, und Maulaffen sollen ihre Herren sein«, und Hos. 13,11: »Ich will dir einen König aus Zorn geben und mit Ungnaden wieder nehmen.« Die Welt ist zu böse und nicht wert, daß sie viele kluge und fromme Fürsten haben sollte. Frösche müssen Störche haben.

So sprichst du abermals: Ja, weltliche Gewalt zwingt nicht zu glauben, sondern wehrt nur äußerlich, daß man die Leute mit falscher Lehre nicht verführe; wie könnte man sonst den Ketzern wehren? Antwort: Das sollen die Bischöfe tun, denen ist solches Amt befohlen und nicht den Fürsten. Denn Ketzerei kann man nimmermehr mit Gewalt abwehren. Es gehört ein anderer Griff dazu, und es ist hier ein anderer Streit und Handel als mit dem Schwert. Gottes Wort soll hier streiten; wenn’s das nicht ausrichtet, so wird’s wohl unausgerichtet bleiben von weltlicher Gewalt, und wenn sie gleich die Welt mit Blut füllte. Ketzerei ist ein geistliches Ding, das kann man mit keinem Eisen zerhauen, mit keinem Feuer verbrennen, mit keinem Wasser ertränken. Es ist aber allein das Got­teswort da, das tut’s, wie Paulus 2.Kor. 10,4 sagt: »Unsere Waffen sind nicht fleischlich, sondern mächtig in Gott, zu zerstören allen Rat und Höhe, die sich wider Gottes Erkenntnis auflehnen, und nehmen gefangen alle Ver­nunft unter den Dienst Christi.«

Dazu gibt es keine größere Stärkung des Glaubens und der Ketzerei, als wenn man ohne Gottes Wort mit bloßer Gewalt dagegen handelt. Denn man hält gewiß dafür, daß solche Gewalt die rechte Sache nicht für sich habe und gegen das Recht handle, weil sie ohne Gottes Wort ein­herfährt und sich nur mit bloßer Gewalt zu behelfen weiß, wie die unvernünftigen Tiere tun. Denn man kann auch in weltlichen Sachen nicht mit Gewalt dazwischen­fahren, es sei denn das Unrecht zuvor durch das Recht überwunden. Wieviel unmöglicher ist’s, in diesen hohen geistlichen Sachen mit Gewalt ohne Recht und Gottes Wort zu handeln! Darum siehe, wie feine, kluge Junker mir das sind. Sie wollen Ketzerei vertreiben und greifen mit nichts anderem an, als womit sie den Widerpart nur stärken, sich selbst verdächtig machen und jene rechtfer­tigen. Lieber, willst du Ketzerei vertreiben, so mußt du den Griff treffen, daß du sie vor allen Dingen aus dem Herzen reißest und gründlich, mit Zustimmung, abwen­dest. Das wirst du mit Gewalt nicht zu Ende bringen, sondern nur stärken. Was hilft dir’s denn, wenn du die Ketzerei in dem Herzen stärkst und nur auswendig, auf der Zunge, schwächst und zu lügen drängst? Gottes Wort aber, das erleuchtet die Herzen; und damit fallen dann von selbst alle Ketzerei und Irrtümer aus dem Herzen.

Von solchem Zerstören der Ketzerei hat der Prophet Jesaja verkündigt und 11,4 gesagt: »Er wird die Erde schlagen mit der Rute seines Mundes und den Gottlosen töten mit dem Geist seiner Lippen.« Da siehst du, daß es durch den Mund ausgerichtet wird, wenn der Gottlose getötet und bekehrt werden soll. Summa summarum: Solche Fürsten und Tyrannen wissen nicht, daß gegen Ketzerei streiten gegen den Teufel streiten sei, der die Herzen mit Irrtum besitzt, wie Paulus Eph. 6,12 spricht: »Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu streiten, sondern mit der geistlichen Bosheit, mit den Fürsten, die diese Finsternis regieren« usw. Darum: So lange man nicht den Teufel wegstößt und von den Herzen jagt, so ist’s für ihn, wenn ich mit Schwert und Feuer seine Werkzeuge um­bringe, ebenso, wie wenn ich mit einem Strohhalm wider den Blitz stritte. Das hat Hiob 41,19ff. alles reichlich bezeugt, wenn er sagt, wie der Teufel Eisen wie Stroh achte und keine Gewalt auf Erden furchte. Man sieht es auch wohl in der Erfahrung. Denn wenn man auch alle Juden und Ketzer mit Gewalt verbrennte, so ist und wird doch keiner dadurch überwunden noch bekehrt.

Doch solche Welt muß solche Fürsten haben, daß je­weils kein Teil seines Amtes warte. Die Bischöfe müssen das Wort Gottes liegenlassen und nicht die Seelen damit regieren, sondern müssen den weltlichen Fürsten befeh­len, daß diese mit dem Schwert regieren. Wiederum, die weltlichen Fürsten müssen Wucher, Raub, Ehebruch, Mord und andere böse Werke gehen lassen und selbst treiben, danach von den Bischöfen mit Bannbriefen stra­fen lassen, und so den Schuh fein umkehren: mit Eisen die Seelen und mit Briefen den Leib regieren, daß weltliche Fürsten geistlich und geistliche Fürsten weltlich regieren. Was hat der Teufel sonst zu schaffen auf Erden, als daß er mit seinem Volk so gaukele und Fastnachtsspiel treibe? Das sind unsere christlichen Fürsten, die den Glauben verteidigen und den Türken fressen. Ja freilich, feine Gesellen, auf die wohl zu vertrauen ist: Sie werden mit solcher feinen Klugheit etwas ausrichten, nämlich daß sie den Hals brechen und Land und Leute in Jammer und Not bringen.

Ich wollte aber den verblendeten Leuten gar treu raten, daß sie sich vor einem kleinen Sprüchlein vorsehen, das im 107. Psalm steht: »Er schüttet Verachtung auf die Für­sten.« (v. 40) Ich schwöre euch bei Gott: Werdet ihr’s so machen, daß dies kleine Sprüchlein über euch in Schwang kommt, so seid ihr verloren, wenn auch jeder von euch so mächtig wie der Türke wäre, und wird euch euer Schnau­ben und Toben nichts helfen. Es hat schon zum großen Teil angefangen. Denn es gibt sehr wenig Fürsten, die man nicht für Narren oder Buben hält. Das macht, sie erweisen sich auch so, und der einfache Mann wird ver­ständig, und der Fürsten Plage, die Gott »Verachtung« nennt (Ps. 107,40), geht gewaltig daher unter dem Pöbel und dem einfachen Mann. Ich furchte, dem werde nicht zu wehren sein, außer daß die Fürsten sich fürstlich stellen und wieder anfangen, mit Vernunft und umsichtig zu regieren. Man wird nicht, man kann nicht, man will nicht eure Tyrannei und Mutwillen auf die Dauer leiden. Liebe Fürsten und Herren, danach wisset euch zu richten, Gott will’s nicht länger haben. Es ist jetzt nicht mehr eine Welt wie früher, als ihr die Leute wie das Wild jagtet und triebet. Darum laßt euern Frevel und eure Gewalt und seid darauf bedacht, daß ihr mit Recht handelt, und laßt Gottes Wort seinen Gang haben, den es doch haben will, muß und soll, und den ihr nicht hindern werdet. Ist Ketzerei da, die überwinde man, wie sich’s gebührt, mit Gottes Wort. Werdet ihr aber viel Schwertzücken trei­ben, so sehet zu, daß nicht einer komme, der euch be­fiehlt, es einzustecken, aber nicht in Gottes Namen.

Möchtest du aber sprechen: Weil denn nun unter den Christen kein weltliches Schwert sein soll, wie will man sie dann äußerlich regieren? Es muß ja Obrigkeit auch unter den Christen bleiben. Antwort: Unter den Christen soll und kann keine Obrigkeit sein, sondern ein jeder ist zugleich dem andern untertan, wie Paulus Röm. 12,10 sagt: »Ein jeglicher soll den andern für seinen Obersten halten«, und Petrus 1.Petr. 5,5: »Seid allesamt untereinan­der untertan.« Das will auch Christus Luk. 14,10: »Wenn du zur Hochzeit geladen wirst, so setze dich zuunterst an den Tisch.« Es ist unter den Christen kein Oberster, als nur Christus selber und allein. Und was kann da für Obrigkeit sein, wo sie alle gleich sind und einerlei Recht, Macht, Gut und Ehre haben? Und wo überdies keiner begehrt, des andern Oberster zu sein, sondern jeder des andern Unterster sein will? Könnte man doch, wo solche Leute sind, keine Obrigkeit aufrichten, wenn man’s auch gerne tun wollte, weil es die Art und Natur nicht leidet, Oberste zu haben, wo keiner Oberster sein will noch kann. Wo aber keine solchen Leute sind, da sind auch keine rechten Christen.

Was sind denn die Priester und Bischöfe? Antwort: Ihr Regiment ist nicht eine Obrigkeit oder Gewalt, sondern ein Dienst und Amt. Denn sie sind nicht höher noch besser als andere Christen. Darum sollen sie auch kein Gesetz noch Gebot über andere aufstellen ohne deren Willen und Erlaubnis, sondern ihr Regieren ist nichts anderes als Gottes Wort treiben, mit ihm die Christen führen und Ketzerei überwinden. Denn, wie gesagt ist, die Christen kann man nicht anders als allein mit Gottes Wort regieren. Denn Christen müssen im Glauben re­giert werden, nicht mit äußeren Werken. Glaube kann aber durch kein Menschenwort, sondern nur durch Got­tes Wort kommen, wie Paulus Röm. 10,17 sagt: »Der Glaube kommt durchs Hören, das Hören aber kommt durchs Wort Gottes.« Welche nun nicht glauben, die sind nicht Christen, die gehören auch nicht unter Christi Reich, sondern unter das weltliche Reich, daß man sie mit dem Schwert und äußerem Regiment zwinge und regiere. Die Christen tun von sich selbst aus ungezwun­gen alles Gute und haben für sich genug allein am Gottes­wort. Doch davon habe ich sonst viel und oft geschrieben.

DER DRITTE TEIL

Nun will’s auch Zeit sein, daß wir, nachdem wir wissen, wie weit weltliche Gewalt sich erstreckt, auch darüber schreiben, wie ein Fürst sich darein schicken solle – um derer willen, die gern auch christliche Fürsten und Herrn sein wollen und auch in jenes Leben zu kommen geden­ken, welcher gar sehr wenige sind. Denn Christus be­schreibt selbst die Art der weltlichen Fürsten Luk. 22,25, wenn er sagt: »Die weltlichen Fürsten herrschen, und welche die Obersten sind, verfahren mit Gewalt.« Denn sie meinen, wenn sie als Herren geboren oder erwählt sind, so haben sie ein Recht darauf, daß sie sich dienen lassen und mit Gewalt regieren. Wer nun ein christlicher Fürst sein will, der muß in der Tat die Meinung ablegen, daß er herrschen und mit Gewalt verfahren wolle. Denn verflucht und verdammt ist alles Leben, das sich selbst zu Nutzen und zugute gelebt und gesucht wird, verflucht alle Werke, die nicht in der Liebe gehen. Dann aber gehen sie in der Liebe, wenn sie nicht auf eigene Lust, Nutzen, Ehre, Ruhe und Heil, sondern auf anderer Nutzen, Ehre und Heil von ganzem Herzen gerichtet sind.

Darum will ich hier nichts von weltlichen Händeln und Gesetzen der Obrigkeit sagen; denn das ist ein weitläufi­ges Ding, und es gibt allzuviel Rechtsbücher. Obwohl ein Fürst, der nicht selbst klüger ist als seine Juristen und nichts weiter versteht, als in den Rechtsbüchern zu finden ist, gewiß nach dem Spruch Spr. 28,16 regieren wird: »Ein Fürst, dem es an Klugheit fehlt, der wird viele mit Un­recht unterdrücken.« Denn wie gut und billig die Rechte sind, so haben sie doch allesamt eine Ausnahme: daß sie gegen die Not nicht ankönnen. Darum muß ein Fürst das Recht ja so fest in seiner Hand haben wie das Schwert und mit eigener Vernunft ermessen, wann und wo das Recht der Strenge nach zu brauchen oder zu lindern sei, so daß die Vernunft allezeit über alles Recht regiere und das oberste Recht und Meister allen Rechts bleibe. So wie ein Hausvater: Obwohl er über sein Gesinde und seine Kin­der bestimmte Zeit und Maß für Arbeit und Speise fest­setzt, muß er doch solche Vorschrift in seiner Macht behalten, damit er sie ändern oder nachlassen könne, wenn sich ein Fall begäbe, daß sein Gesinde krank, gefan­gen, aufgehalten, betrogen oder sonst verhindert würde, und darf nicht mit gleicher Strenge mit den Kranken wie mit den Gesunden verfahren. Das sage ich darum, damit man nicht meine, es sei genug und ein köstlich Ding, wenn man dem geschriebenen Recht oder den Räten der Juristen folgt. Es gehört mehr dazu.

Wie soll aber ein Fürst tun, wenn er nicht so klug ist und sich durch Juristen und Rechtsbü­cher regieren lassen muß? Antwort: Darum habe ich gesagt, daß Fürstenstand ein gefährlicher Stand ist. Und wenn er nicht selbst so klug ist, daß er selbst beides, sein Recht und seine Räte, regiert, dann geht es nach dem Spruch Salomos Pred. 10,16: »Wehe dem Land, das ein Kind zum Fürsten hat.« Das erkannte auch Salomo; darum verzagte er an allem Recht, das auch ihm Mose durch Gott vorgeschrie­ben hatte, und an allen seinen Fürsten und Räten und wandte sich zu Gott selber und bat ihn um ein weises Herz, das Volk zu regieren. Diesem Vorbild muß ein Fürst auch folgen, mit Furcht verfahren und sich weder auf tote Bücher noch auf lebendige Köpfe verlassen, son­dern sich bloß an Gott halten, ihm in den Ohren liegen und um rechtes Verständnis, über alle Bücher und Meister hinaus, bitten, um seine Untertanen weise zu regieren. Darum weiß ich einem Fürsten kein Recht vorzuschrei­ben, sondern will nur sein Herz unterrichten, wie das in allen Rechten, Räten, Urteilen und Händeln gesinnt und geschickt sein soll. Wenn er sich so verhält, wird Gott ihm gewiß geben, daß er alle Rechte, Räte und Händel wohl und göttlich ausrichten kann.

Aufs erste muß er seine Untertanen ansehen und dabei sein Herz recht rüsten. Das tut er aber dann, wenn er all seinen Sinn dahin richtet, daß er ihnen nützlich und dien­lich sei, und nicht so denke: Land und Leute sind mein, ich will’s machen, wie mir’s gefällt; sondern so: Ich bin des Landes und der Leute, ich soll’s machen, wie es ihnen nützlich und gut ist. Nicht soll ich suchen, wie ich hoch einherfahre und herrsche, sondern wie sie in gutem Frie­den beschützt und verteidigt werden. Und er soll Christus sich vor seine Augen stellen und sagen: Siehe, Christus, der oberste Fürst, ist gekommen und hat mir gedient, nicht gesucht, wie er Gewalt, Gut und Ehre an mir hätte, sondern er hat nur meine Not angesehen und alles daran gewandt, daß ich Gewalt, Gut und Ehre an ihm und durch ihn hätte. So will ich auch tun: nicht an meinen Untertanen das Meine suchen, sondern das Ihre, und will ihnen auch so mit meinem Amt dienen, sie schützen, sie anhören und sie verteidigen und allein mit der Absicht regieren, daß sie und nicht ich Gutes und Nutzen davon haben. Daß also ein Fürst sich in seinem Herzen seiner Gewalt und Obrigkeit entäußere und sich des Bedürfnis­ses seiner Untertanen annehme und darin handle, als wäre es sein eigenes Bedürfnis. Denn so hat uns Christus getan, und das sind eigentlich christlicher Liebe Werke.

So sprichst du dann: Wer wollte dann Fürst sein? Auf diese Weise würde der Fürstenstand der elendeste auf Erden sein, in dem viel Mühe, Arbeit und Unlust ist. Wo wollten dann die fürstlichen Ergötzungen mit Tanzen, Jagen, Rennen, Spielen bleiben und was dergleichen weltlicher Freuden sind? Da antworte ich: Wir lehren jetzt nicht, wie ein weltlicher Fürst leben soll, sondern wie ein weltlicher Fürst ein Christ sein soll, daß er auch in den Himmel komme. Wer weiß das nicht, daß ein Fürst Wildbret im Himmel ist? Ich rede auch nicht darum davon, weil ich hoffe, weltliche Fürsten würden’s anneh­men, sondern: falls irgendeiner wäre, der auch gern ein Christ wäre und wissen wollte, wie er verfahren solle. Denn ich bin dessen wohl gewiß, daß Gottes Wort sich nicht nach den Fürsten richten noch beugen wird, sondern die Fürsten müssen sich nach ihm richten. Mir ist genug, wenn ich anzeige, daß es einem Fürsten nicht unmöglich sei, ein Christ zu sein, obwohl es selten ist und mühsam zu­geht. Denn wenn sie sich so drein schickten, daß ihr Tan­zen und Jagen und Rennen den Untertanen ohne Schaden wäre und sie ihr Amt sonst gegen sie in der Liebe gehen ließen, würde Gott nicht so hart sein, daß er ihnen nicht Tanz und Jagd und Rennen gönnen sollte. Aber es würde sich ihnen selbst aufdrängen, wenn sie ihre Untertanen ihrem Amt nach warten und versorgen wollten, daß gar mancher liebe Tanz, manche liebe Jagd, manches liebe Rennen und Spielen unterbleiben müßten.

Aufs zweite, daß er auf die großen Hansen, auf seine Räte, achthabe und sich gegen sie so verhalte, daß er keinen verachte, auch keinem so vertraue, sich in allem auf ihn zu verlassen. Denn Gott kann keines von beidem leiden. Er hat einmal durch einen Esel geredet (4.Mose 22,28), darum ist kein Mensch zu verachten, wie gering er sei. Umgekehrt hat er den höchsten Engel vom Himmel fallen lassen, darum ist auf keinen Menschen zu vertrauen, wie klug, heilig und groß er sei, sondern man soll einen jeden hören und warten, durch welchen Gott reden und wirken wolle. Denn das ist der größte Schaden an den Herrenhöfen, wenn ein Fürst seinen Sinn den großen Hansen und Schmeichlern gefangen gibt und sein eigenes Zusehen hintanstehen läßt, zumal es nicht nur einen Men­schen betrifft, wenn ein Fürst Fehler macht und närrisch ist, sondern Land und Leute müssen solches Närrischsein tragen. Darum soll ein Fürst seinen Gewaltigen so ver­trauen und sie schaffen lassen, daß er dennoch den Zaum in der Faust behalte und nicht sicher sei noch schlafe, sondern sich kümmere und das Land bereite (wie Josaphat es tat, 2.Chron. 19,4ff.) und allenthalben besehe, wie man regiert und richtet. Dann wird er selbst erfahren, daß man keinem Menschen ganz vertrauen soll. Denn du darfst nicht denken, daß sich ein anderer deiner und deines Landes so eifrig annehme wie du, er sei denn voll Geistes und ein guter Christ. Ein natürlicher Mensch tut’s nicht. Weil du denn nicht weißt, ob er ein Christ sei, oder wie lange er’s bleibt, so kannst du dich auch nicht auf ihn sicher verlassen.

Und hüte dich nur vor denen am meisten, die da sagen: Ei, gnädiger Herr, vertraut mir Euer Gnaden nicht mehr als so viel? Wer will Euer Gnaden dienen usw.? Denn der ist gewiß nicht rein und will Herr im Lande sein und dich zum Narren machen. Denn wenn er ein rechtschaffener Christ und ehrlich wäre, würde er’s sehr gern haben, daß du ihm nicht vertraust, und würde dich darum loben und lieben, daß du ihm so genau auf die Finger siehst. Denn wie er göttlich handelt, so will und kann er leiden, daß sein Tun vor dir und jedermann am Tage Hegt, wie Christus Joh.3,2i sagt: »Wer Gutes tut, der kommt ans Licht, daß seine Werke gesehen werden, denn sie sind in Gott geschehen.« Jener aber will dir die Augen blenden und im Finstern handeln, wie Christus dort auch sagt: »Wer übel tut, der scheut das Licht, daß seine Werke nicht gestraft werden.« Darum hüte dich vor ihm. Und wenn er deshalb murrt, so sprich: Lieber, ich tue dir kein Unrecht, Gott will nicht, daß ich mir selbst noch irgendei­nem Menschen vertraue. Zürne mit ihm selbst darum, daß er solches haben will oder dich nicht zu mehr als einem Menschen geschaffen hat. Obwohl, wenn du gleich ein Engel wärest, wollte ich dir doch auch nicht so ganz vertrauen, weil doch Luzifer nicht zu vertrauen gewesen ist. Denn Gott allein soll man trauen.

Denke nur kein Fürst, daß er’s besser haben werde als David, der aller Fürsten Vorbild ist. Der hatte einen so weisen Rat, Ahitophel genannt, daß der Text sagt, es habe so viel gegolten, was Ahitophel vorschlug, als wenn man Gott selbst gefragt hätte (2.Sam. 16,23). Dennoch fiel er dahin und kam so tief, daß er David, seinen eigenen Herrn, verraten, erwürgen und vertilgen wollte, und David damals gut lernen mußte, daß auf keinen Men­schen zu vertrauen ist. Warum, meinst du, daß Gott so greuliche Beispiele habe geschehen und niederschreiben lassen? Doch nur, um die Fürsten und Herren vor dem allergefährlichsten Unglück zu warnen, das sie haben können, nämlich, daß sie niemandem vertrauen sollen! Denn es ist ein gar jämmerliches Ding, wenn an Herren­höfen Schmeichler regieren oder der Fürst sich auf andere verläßt und sich ihnen gefangen gibt, jedermann machen läßt, wie er’s macht.

Sagst du dann: Soll man denn niemandem vertrauen, wie will man Land und Leute regieren? Antwort: Es jemandem anbefehlen und es mit ihm wagen sollst du, jemandem vertrauen und dich darauf verlassen sollst du nicht, außer allein auf Gott. Du mußt die Ämter jeman­dem anbefehlen und es mit ihm wagen; aber du sollst ihm nicht weiter vertrauen als wie einem, der Fehler begehen könne, so daß du weiter aufpassen mußt und nicht schla­fen darfst. Wie ein Fuhrmann seinen Rossen und Wagen vertraut, die er treibt; aber er läßt sie nicht von selbst fahren, sondern hält Zaum und Peitsche in der Hand und schläft nicht. Und merke dir die alten Sprichworte, die ohne allen Zweifel die Erfahrung gelehrt hat und die zutreffend sind: Des Herrn Auge macht das Pferd fett; ebenso: Des Herrn Fußstapfen düngen den Acker gut. Das heißt: Wo der Herr selbst nicht drein sieht und sich auf Räte und Knechte verläßt, da geht es nimmer recht. Das will auch Gott so haben und läßt es geschehen, damit die Herren durch die Not gezwungen werden, ihr Amt selbst wahrzunehmen, wie ein jeder seinen Beruf und alle Kreatur ihr Werk pflegen muß; sonst werden Mastsäue und unnütze Leute aus den Herren, die niemandem als sich selbst nütze sind.

Aufs dritte: daß er achthabe, wie er mit den Übeltätern recht verfahre. Hier muß er sehr klug und weise sein, damit er ohne der anderen Verderben strafe. Und ich weiß hier wieder kein besseres Beispiel als David. Der hatte einen Hauptmann mit Namen Joab, der beging zwei böse, tückische Verbrechen und erwürgte verräte­risch zwei ehrliche Hauptmänner, womit er zweimal redlich den Tod verdient hatte. Dennoch tötete er ihn nicht bei seinen Lebzeiten, sondern befahl es seinem Sohne Salomo, ohne Zweifel darum, weil er’s nicht ohne größeren Schaden und Aufsehen tun konnte (2.Sam. 3; 20; 1.Kön. 2,5f.). So muß auch ein Fürst die Bösen so strafen, daß er nicht einen Löffel aufhebe und eine Schüssel zer­trete und um eines Schädels willen Land und Leute in Not bringe und das Land voll Witwen und Waisen mache. Darum darf er nicht den Räten und Eisenfressern folgen, die ihn hetzen und aufreizen, Krieg anzufangen, und sagen: Ei, sollten wir solche Worte und solches Unrecht leiden? Es ist ein sehr schlechter Christ, der um eines Schlosses willen das Land in die Schanze schlägt. In Kürze: Hier muß man sich nach dem Sprichwort verhalten: Wer nicht kann durch die Finger sehen, der kann nicht re­gieren. Darum sei das seine Regel: Wo er Unrecht nicht ohne größeres Unrecht strafen kann, da lasse er sein Recht fahren, es sei wie billig es wolle. Denn seinen Schaden soll er nicht achten, sondern der anderen Un­recht, das sie über seinem Strafen leiden müssen. Denn was haben so viele Weiber und Kinder verdient, daß sie Witwen und Waisen werden, damit du dich an einem unnützen Maul oder an einer bösen Hand rächst, die dir Leid angetan hat?

So sprichst du dann: Soll denn ein Fürst nicht Krieg führen, oder sollen seine Untertanen ihm nicht in den Streit folgen? Antwort: Das ist eine weitläufige Frage. Aber aufs kürzeste: Christlich hierin zu verfahren, sage ich, wäre, daß kein Fürst wider seinen Oberherrn, wie den König und Kaiser oder sonst seinen Lehnsherrn, Krieg führen soll, sondern er soll nehmen lassen, wer da nimmt. Denn der Obrigkeit soll man nicht mit Gewalt widerstehen, sondern nur mit dem Bekenntnis der Wahr­heit. Kehrt sie sich dran, ist es gut; wo nicht, so bist du entschuldigt und leidest Unrecht um Gottes willen. Ist aber der Gegner deinesgleichen oder geringer als du oder eine fremde Obrigkeit, so sollst du ihm aufs erste Recht und Frieden anbieten, wie Mose die Kinder Israel lehrt. Will er dann nicht, so gedenke auf dein Bestes und wehre dich mit Gewalt gegen Gewalt, wie Mose das alles 5.Mose 20,10ff. fein beschreibt. Und hierbei mußt du nicht das Deine ansehen und wie du Herr bleibst, sondern deine Untertanen, denen du Schutz und Hilfe schuldig bist, damit solches Werk in der Liebe geschehe. Denn wenn dein ganzes Land in Gefahr steht, mußt du es wagen, ob dir Gott helfen wolle, daß es nicht alles verdorben werde. Und wenn du auch nicht verhindern kannst, daß etliche Witwen und Waisen darüber werden, so mußt du doch verhindern, daß nicht alles zu Boden gehe und alle Wit­wen und Waisen werden.

Und hierin sind die Untertanen schuldig zu folgen, Leib und Gut daranzusetzen. Denn in solchem Fall muß einer um des andern willen sein Gut und sich selbst wa­gen. Und in solchem Krieg ist es christlich und ein Werk der Liebe, die Feinde getrost zu würgen, zu rauben und zu brennen und alles zu tun, was schädlich ist, bis man sie nach Kriegsbräuchen überwinde, nur daß man sich vor Sünden hüten, Weiber und Jungfrauen nicht schänden soll. Und wenn man sie überwunden hat, soll man denen, die sich ergeben und demütigen, Gnade und Frieden erzeigen, so daß man in solchem Fall den Spruch gelten lasse: Gott hilft dem Stärksten. Wie Abraham tat, als er die vier Köni­ge schlug, 1.Mose 14. Da hat er freilich viele erwürgt und nicht viel Gnade erzeigt, bis er sie überwand. Denn solchen Fall muß man als von Gott zugeschickt erachten, mit dem er einmal das Land reinige und böse Buben austreibe.

Wie? Wenn dann ein Fürst unrecht hätte, ist ihm sein Volk auch schuldig zu folgen? Antwort: Nein. Denn gegen das Recht gebührt niemandem zu tun; sondern man muß Gott, der das Recht haben will, mehr gehor­chen als den Menschen (Apg. 5,29). Wie? Wenn die Un­tertanen nicht wüßten, ob er recht hätte oder nicht? Antwort: Solange sie es nicht wissen noch durch ange­messenen Fleiß erfahren können, dürfen sie ihm ohne Gefahr für die Seelen folgen. Denn in solchem Fall muß man das Gesetz Moses gebrauchen, 2.Mose 21,13, wo er schreibt, wie ein Mörder, der, ohne es zu wissen und ungern jemanden tötet, durch Flucht in eine Freistatt und durchs Gericht losgesprochen werden soll. Denn welcher Teil hier geschlagen wird, er habe recht oder unrecht, muß es für eine Strafe von Gott aufnehmen. Welcher aber in solchem Unwissen schlägt und gewinnt, muß seine Schlacht so ansehen, als fiele jemand vom Dach und schlüge einen andern tot, und Gott die Sache anheimstel­len. Denn es gilt bei Gott gleich viel, ob er dich durch einen rechten oder unrechten Herrn um dein Gut und deinen Leib bringt. Du bist seine Kreatur, und er kann’s mit dir machen, wie er will, wenn nur dein Gewissen unschuldig ist. So entschuldigt auch Gott selbst König Abimelech, 1.Mose 20,6, als er Abraham sein Weib nahm; nicht daß er recht daran getan hätte, sondern weil er nicht gewußt hatte, daß es Abrahams Weib war.

Aufs vierte, das wohl das erste sein sollte, wovon wir auch oben geredet haben, soll sich ein Fürst gegen seinen Gott auch christlich halten, das heißt, daß er sich ihm mit ganzem Vertrauen unterwerfe und um Weisheit bitte, gut zu regieren, wie Salomo tat (1.Kön. 3,9). Aber vom Glauben und Vertrauen in Gott hab ich sonst soviel ge­schrieben, daß es hier nicht nötig ist, weiter davon zu reden. Darum wollen wir’s hier bleiben lassen und mit der Summe beschließen: daß ein Fürst sich in vier Orte teilen soll. Aufs erste zu Gott mit rechtem Vertrauen und herz­lichem Gebet. Aufs zweite gegen seine Untertanen mit Liebe und christlichem Dienst. Aufs dritte gegen seine Räte und Gewaltigen mit freier Vernunft und unbefan­genem Verstand. Aufs vierte gegen die Übeltäter mit bescheidenem Ernst und Strenge. So geht sein Stand auswendig und inwendig recht, der Gott und den Leuten gefallen wird. Aber er muß sich auf viel Neid und Leid darüber gefaßt machen, das Kreuz wird solchem Vorneh­men gar bald auf dem Hals liegen.

Am Ende, als eine Zugabe, muß ich hier auch denen antworten, die von der »Restitution« disputieren, das ist, vom Wiedergeben unrechten Gutes. Denn das ist ein allgemeines Werk weltlichen Schwertes, und es wird viel davon geschrieben und manche wilde Schärfe hierin ge­sucht. Aber ich will’s alles in die Kürze fassen und alle solche Gesetze und Schärfe, die davon gemacht sind, auf einen Haufen verschlingen, und zwar so: Man kann hierin kein sichereres Gesetz finden als der Liebe Gesetz. Aufs erste. Wenn vor dich ein solcher Handel kommt, wo einer dem andern etwas wiedergeben soll: Sind sie beide Christen, so ist die Sache bald entschieden; denn keiner wird dem andern das Seine vorenthalten, ebenso wird’s auch keiner zurückfordern. Ist aber einer Christ, nämlich der, dem zurückgegeben werden soll, so ist’s abermals leicht zu entscheiden; denn er fragt nicht danach, ob’s nimmer wieder seins werde. Ebenso: Ist der Christ, der zurückgeben soll, so wird er’s auch tun. Es sei aber einer Christ oder nicht Christ, so sollst du über das Wiederge­ben urteilen: Ist der Schuldner arm und vermag’s nicht zurückzugeben, und der andere nicht arm, so sollst du hier der Liebe Recht frei gehen lassen und den Schuldner lossprechen. Denn der andere ist auch nach der Liebe Recht schuldig, ihm solches nachzulassen und noch dazu zu geben, wenn es nötig ist. Ist aber der Schuldner nicht arm, so laß ihn zurückgeben, soviel er kann, es sei ganz, die Hälfte, den dritten oder vierten Teil, daß du ihm dennoch ausreichend Haus, Nahrung und Kleidung für sich, sein Weib und Kind lassest. Denn solches wärst du ihm schuldig, wenn du es könntest; viel weniger sollst du es nun nehmen, wenn du dessen nicht bedarfst und er es nicht entbehren kann.

Sind sie aber beide Unchristen, oder der eine will nicht nach der Liebe Recht richten lassen, die sollst du einen andern Richter suchen lassen und ihm sagen, daß sie gegen Gott und natürliches Recht tun, auch wenn sie nach Menschenrecht die strenge Schärfe erlangen. Denn die Natur lehrt, wie die Liebe tut: daß ich tun soll, was ich mir getan haben wollte. Darum kann ich niemanden so entblößen, ein wie gutes Recht ich immer habe, wenn ich selbst nicht gern so entblößt sein wollte; sondern wie ich wollte, daß ein anderer sein Recht an mir in solchem Fall nachließe, so soll ich auch auf mein Recht verzichten.

So soll man mit allem unrechten Gut handeln, es sei heimlich oder öffentlich, daß immer die Liebe und das natürliche Recht oben schwebe. Denn wo du der Liebe nach urteilst, wirst du gar leicht alle Sachen ohne alle Rechtsbücher entscheiden und richten. Wo du aber der Liebe und Natur Recht aus den Augen tust, wirst du es nimmermehr so treffen, daß es Gott gefalle, wenn du auch alle Rechtsbücher und Juristen gefressen hättest. Sondern sie werden dich nur um so mehr irremachen, je mehr du ihnen nachdenkst. Ein rechtes gutes Urteil, das muß und kann nicht aus Büchern gesprochen werden, sondern aus freiem Sinn heraus, als gäbe es kein Buch. Aber solch freies Urteil gibt die Liebe und das natürliche Recht, wovon alle Vernunft voll ist. Aus den Büchern kommen überspannte und wankende Urteile. Davon will ich dir ein Beispiel geben: Man sagt von Herzog Karl von Burgund eine Geschichte, daß ein Edelmann seinen Feind fing. Da kam die Frau des Gefangenen, ihren Mann zu befreien; aber der Edelmann versprach ihr, den Mann frei­zugeben, sofern sie bei ihm schlafen wollte. Das Weib war fromm, hätte aber doch ihren Mann gern befreit; geht hin und fragt ihren Mann, ob sie es tun solle, daß sie ihn befreite. Der Mann wäre gern los gewesen und wollte sein Leben behalten und erlaubte es der Frau. Da nun der Edelmann die Frau beschlafen hatte, ließ er am andern Tag ihrem Mann den Kopf abschlagen und gab ihn der Frau tot. Das klagte sie alles dem Herzog Karl. Der forderte den Edelmann und gebot ihm, daß er die Frau müßte zur Ehe nehmen. Da nun der Brauttag aus war, Heß er dem Mann den Kopf abschlagen und setzte die Frau in sein Gut und brachte sie wieder zu Ehren und strafte so die Untugend recht fürstlich.

Siehe, ein solches Urteil hätte ihm kein Papst, kein Jurist, auch kein Buch geben mögen, sondern es ist aus freier Vernunft über aller Bücher Recht gesprungen, so fein, daß es jedermann billigen muß und bei sich selbst findet im Herzen geschrieben, daß es so recht sei. Ebenso schreibt auch St. Augustin in seiner Auslegung der Berg­predigt. Darum sollte man geschriebene Rechte unter der Vernunft halten, daraus sie doch gequollen sind als aus dem Rechtsbrunnen, und nicht den Brunnen an seine Flüßlein binden und die Vernunft mit Buchstaben gefan­gen führen.

WA 11, 245-281.

Bearbeitet von Hans Christian Knuth.

Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebe­ling, Bd. 4: Christsein und weltliches Regiment, Frankfurt a. Main: Insel, 21983, 36-84.

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