Hanns Bächtold, Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube (1917): „Der Soldat sieht sich fortwährend von mannigfaltigen Gefahren bedroht und wird sich seiner menschlichen Ohnmacht bewußt. Da neigt er gern zu dem Glauben, daß es übernatürliche Mächte gebe, die Schutz vor Not und Gefahr, Verwundung und Tod ge­währen und holt sich aus diesem Glauben neue Hoff­nung und neuen Halt. Es ist schwer, dabei die Grenze zwischen wahrem Glauben und Aberglauben zu ziehen; beide gehen in einander über. Wohl die meisten Soldaten tragen irgend etwas auf sich; das zeigen alle bisher gemach­ten Erhebungen. Der eine hat stets die Photographie lieber Angehöriger oder irgend ein anderes Erinne­rungszeichen an sie, der andere eine geweihte Me­daille, einen Bibelspruch oder die ganze Bibel usw.“

Wie kommen Soldaten mit dem Kriegsgeschehen religiös zurecht? Der schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli (Mitherausgeber des Handwörterbuches des deutschen Aberglaubens) hatte dazu 1917 folgende Studie veröffentlicht:

Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube (1917)

Von Hanns Bächtold

Die folgenden Ausführungen geben einen etwas erweiterten Vortrag wieder, der am 30. Oktober 1916 an der Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde in der Universität Frankfurt a. M. ge­halten wurde und der zum Zwecke hatte, weitere Kreise auf die von diesem Verbände beschlossene „Samm­lung soldatischer Volkskunde“ (Soldatenbrauch und Soldatenglaube, Soldatenlied, Soldatensprache) auf­merksam zu machen. Dem Leser sei der S. 45 ab­gedruckte Fragebogen angelegentlichst empfohlen. Antworten darauf oder einzelne Mitteilungen sind zu richten an das Deutsche Volksliedarchiv in Frei­burg i. Br.

Wohl kein anderes Ereignis greift so tief in das Leben der Völker als auch des einzelnen Menschen ein wie der Krieg. Mit einem Schlage reißt er Millionen aus dem gewohnten Leben heraus und gibt ihrem Denken, Empfinden und Handeln neue Richtung. Was sie sonst beschäftigt hatte, tritt als nichtig zurück vor dem gewaltigen Geschehen. Andere Hoffnungen, andere Sorgen erfüllen ihre Herzen. Und wie jede Gefahr, die an den Menschen herantritt, und jedes Unglück, das ihm droht, so schafft, nur noch in viel größerem Maße, der Krieg im menschlichen Her­zen Gefühlszustände, die für den Glauben an höhere Mächte und für abergläubische Vorstellungen beson­ders empfänglich machen.

Auch der heutige Weltkrieg hat mit seinem Schrecken überall, wenigstens in der ersten Zeit, reli­giöses Leben neu entfacht. Menschen, die sich jahre­lang nicht um religiöse Fragen bekümmert und die Religion als etwas Überwundenes erklärt hatten, hiel­ten Einkehr und suchten in ihrer seelischen Bedräng­nis durch sie Trost und Schutz.

Mit der langen Dauer des Krieges verbreiteten sich aber neben der durch die Kirche vertretenen Reli­gion immer mehr Anschauungen kleiner religiöser Ge­meinschaften und scheinwissenschaftlicher Kreise, die zum Teil gierig auf genommen wurden, weil sie den Wünschen des einzelnen und des Volkes weiter entgegen­kamen und ihnen namentlich bestimmtere Antworten auf die mannigfaltigen Fragen gaben, die sie in dieser großen Zeit erfüllten.

Und mit ihnen tauchten, hervorgerufen vor allem durch die Sorge um die Erhaltung des Lebens, längst vergessen geglaubte uralte Vorstellungen und Handlungen-wieder auf, die in früheren Jahrhunderten schon die Völker in ihrem Banne gehalten und bis heute noch im Volke geschlummert hatten.

So entstand in vielen Kreisen der Völker Europas ein wunderliches Gemisch verschiedensten Glaubens, in dem sich kirchliche Anschauung vermengte mit my­stisch-spiritistischen Ideen und mit Resten ältester Volksreligion.

Die Beobachtung all dieser seelischen Wand­lungen, denen der Krieg das Volk unterwirft, hat von verschiedenen Standpunkten aus großes Interesse. Sie gewährt uns einmal einen Einblick in das Seelenleben des Volkes, wie wir ihn so unverhüllt sonst nur selten erhalten; denn in ihnen spiegelt sich getreu all die Furcht und die Not und die Hoffnung für das große Ganze, die Nation, und das eigene Schicksal wieder, die der Krieg im seelischen Leben der Völker hervor­gerufen hat.

Für die Volkskunde ist sie dann weiter besonders wertvoll, weil sie eine seltene Gelegenheit darbietet, grundsätzliche Beobachtungen anzustellen über die in­dividuelle Entstehung, die Ausbreitung und Wandlung volkstümlicher Anschauungen und die Art und Weise, wie alter Glaube und alte abergläubische Handlungen neuen Verhältnissen angepaßt werden.

Von diesem mannigfaltigen Glauben möchte ich im folgenden einige Proben geben1.

I. Allgemeines.

  1. Vorzeichen.

Die Ansicht, daß es möglich sei, aus bestimmten Erscheinungen die unbekannte Zukunft zu ergründen, ist uralt, und die Sucht, das Zukünftige vorauszu­wissen, ist besonders groß vor wichtigen Ereignissen im Leben des einzelnen wie ganzer Völker. Es ist des­halb durchaus nicht verwunderlich, daß gleich im Be­ginne des Krieges zahlreiche Stimmen auftraten, die erklärten, den Krieg vorausgesehen und vorausgesagt zu haben. Die einen faßten ihre Voraussage schon 1912 in das Sprüchlein zusammen:

1911 ein Glutjahr

1912 ein Flutjahr

1913 ein Blutjahr2.

Dann, als die Prophezeiung für 1913 nicht eintraf, modelten sie sie um:

1911 ein Glutjahr,

1912 ein Flutjahr,

1913 ein gut Jahr,

1914 ein Blutjahr,

weil übergroße Hitze und Überschwemmungen, wie überhaupt außerordentliche Naturerscheinungen und Naturereignisse als Boten eines drohenden Krieges ausgelegt werden.

Andere behaupteten, daß die Sonne oftmals meh­rere Tage hintereinander blutrot untergegangen3, ein feuriges Kreuz, eine feurige Zunge, eine Kriegsrute am Himmel gewesen sei4, daß viele und große Kometen6 und Meteore mit langen Schweifen, sog. feurige Besen6, zahlreiche Sternschnuppen7 zu sehen waren, ja, daß ein doppelter Ring um den Mond8 und der Bär in der Nähe des Mondes“ war. Wieder andere hatten im Winter 1913/14 unzeitige Gewitter10 und am Neujahrs­morgen 1914 einen roten Himmel wahrgenommen11 und daraus ebenfalls auf baldigen Krieg geschlossen, um so mehr, als ähnliche Beobachtungen (Sonnenfinster­nis, Blutregen, Nordlichter, sonderbare Wolkenbil­dungen12 usw.) auch vor dem Kriege 1870/71, vor dem russisch-japanischen und andern Kriegen gemacht worden waren18. Wie schon im Altertum, so glaubt man auch heute noch allgemein, daß den Tieren, vor allem den Vögeln, als Kündern der Zukunft eine be­sondere Bedeutung zukomme. Vorzeitiger Abzug der Zugvögel, namentlich der Schwalben, heißt es, weise auf nahende Kriegszeit14. Kommen fremde Vögel ins Land, so kommen auch fremde Völker, d. h. Krieger16. Ansammlungen von Krähen und von Raben — dem Un­glücksvogel16 — und Kämpfe zwischen Krähen und Habichten sind unfehlbare Kriegsvorzeichen. Je öfter sie vorkommen, desto schneller bricht der Krieg los. Seit 1913 sollen sie häufig beobachtet worden sein. Je länger die Verfolgung in den Lüften dauert, desto länger wird der Krieg dauern17. Ebenso bedeutet es Krieg, wenn weiße Amseln vor dem Hause sich auf­halten18 und wenn die Störche ihre gewöhnlichen Nester verlassen und auf Feldbäumen wohnen19. Der eigentliche Kriegsvogel ist aber schon im Mittelalter der Seidenschwanz. Im Herbst 1913 ist er auf seinem Zuge aus seiner nordischen Heimat auch in die Schweiz gekommen, wo er seit Menschengedenken nicht mehr war, und hat damit den Weltkrieg angezeigt20. Und weiter läßt das Umherspringen wilder Pferde im Freien21, anhaltendes Heulen der Hunde22, übermäßiges Auftreten von Mäusen23 und — als Zeichen aus dem Pflanzenreiche — ausnahmsweise langer Roggen24, rot­gelbes Blühen des Korns24a, häufiges Vorkommen des Mohns25 und Erfrieren der Stechpalme26 auf nahenden Krieg schließen.

Die meisten dieser Erscheinungen wollen, wie stets bestimmt versichert wird, 1913 und 1914 beobachtet worden sein27.

  • Prophezeiungen.

Zu diesen Vorzeichen, die altem Volksglauben ent­stammen, kommt dann eine Unmasse von Prophe­zeiungen neueren und älteren Ursprungs. Der alte Nostradamus28, der Faust Frankreichs, wird wieder hervorgezogen und seine Quatrains werden auf die gegenwärtigen Ereignisse ausgedeutet; Mademoi­selle Lenormand’s (der berühmten Wahrsagerin zur Zeit Napoleons I.) Aussprüche29, die in ihrem Wortlaute noch nie bekannt gewordenen Weissagungen des Don Giovanni Bosco (t 1888)30, die des Bruder Klaus von der Flüe31, die Offenbarun­gen der Anna Katharina Emmerich32 werden wieder ausgegraben, die Weisheiten der Madame de Theb es (t Dezember 1916) in Paris33 gierig auf­gesogen und die Offenbarung Johannis und das Buch Daniel ausgelegt33a.

Überall in allen Ländern schafft der brennende Wunsch, den Ausgang dieses Völkerringens zu kennen, solche Weissagungen, und alle berufen sich, sei es auf übernatürliche Eingebung, sei es auf geheimwissen­schaftliche, namentlich astrologische Forschung, alle sind natürlich auch mehr oder weniger national ge­färbt und sind voll nationaler Wünsche und Hoff­nungen.

Neben dieser Art von Prophezeiungen leben dann im Volke noch alte Überlieferungen, die durch den Krieg gerade auch unter den Soldaten eine neue Ver­breitung gefunden haben. Sie sind meist apokalyptisch angehaucht und handeln vom letzten Krieg und vom Weitende, die sog. sibyllinischenWeissagungen34. Wenn die eiserne Schlange, d. h. die Eisenbahn, das Rhone­tal durchläuft, heißt es z. B. im Kt. Wallis, wird ein großer Krieg ausbrechen und die Schweiz vernichten35, oder, es gibt Krieg, wenn in Bern die fünfte Brücke über die Aare gebaut wird30. Wenn einmal alles in der Welt in gläsernen Schuhen herumläuft37 und die Leute zu fliegen anfangen38, wenn es so gescheite Leute gibt, daß sie auf den Dächern herumlaufen können, ohne herabzufallen39 und die Wagen ohne Pferde fahren40, wenn „einisch d’Lüt so schiächt si, daß d’s Mannevolch und d’s Wybervolch glich derhärchunnt, daß me’s fascht nimme vonangere kennt“403, naht das Ende der Welt und mit ihm der schreckliche Weltkrieg. Be­sonders häufig knüpfen sich die Weissagungen aber an bestimmte Bäume. „Auch steht dort“, heißt es z. B., „auf dem Walserfelde (bei Salzburg)“, wo nach der Sage die letzte große Schlacht geschlagen werden wird, „ein ausgedorrter Birnbaum, zum An- und Vorgedenken dieser letzten Schlacht, so schon dreymal umgehauet worden, aber seine Wurzel wurde dermass beschützet, daß er wiederum zu grünen anfanget, und wieder ein vollkommener Baum daraus werde. Viele Jahre, bevor sich die gräuliche Schlacht in diesem Walserfeld wird ereignen, bleibt er ausgedorrt da stehen: wann er aber zu grünen anfanget, wird es schon nahe seyn; wann er aber anfangen wird Früchte zu tragen, wird das Ereigniß bemeldter Schlacht seinen Anfang nehmen“.41 …. „Wenn die große Eiche auf dem Rafzerfeld (Kt. Zürich) so groß geworden ist, daß sie sieben Männer nicht umarmen können“, heißt es nach einer andern Überlieferung, „so wird es Krieg geben“42, und ähnlicher Glauben haftet an zahlreichen andern Bäumen Deutschlands, an Linden, Eschen usw.43 Solche Vorzeichen, die sich stets wieder in allen Prophezeiungen finden, hatten den Glauben an einen baldigen Weltkrieg und die Furcht vor ihm im Volke immerwährend bestärkt, so daß sich vor einigen Jah­ren z. B. im wallisischen Sierre ein Bursche von 22 Jahren mit einer Dynamitpatrone tötete, weil er diese schreckliche Zeit nicht erleben wollte44. Und als man im Juni 1914 in der Aare drei Gegenstände, dar­unter ein Gewehr, fand, da war es in einem großen Teile des aargauer Volkes zur Gewißheit geworden, daß sie nicht mehr ferne sei45.

Die Volksprophezeiung weiß aber auch Einzel­heiten über diesen Weltkrieg und namentlich die letzte fürchterliche Schlacht. Sie wird nach weitverbreitetem Glauben am berühmten Birkenbaum in Westfalen46 stattfinden, nach andern auf dem Ochsenfelde im Ober­elsaß47, auf dem Rafzerfeld48 (im Kt. Zürich), dem Birrfeld48 (im Kt. Aargau), dem Emmenfelde bei Lu­zern usw.R0, und wird so blutig sein, daß die Pferde bis an die Fesseln im Blute stehen, und das Blut den Überlebenden in die Schuhe fließt, die Flüsse blutig sind; und so wenig Leute werden übrig bleiben, daß Z. B. ein kleines Mädchen den Resten des Schweizer Heeres das Essen herbeitragen kann auf der Brücke von St. Maurice51, die Sieger im Schatten einer Linde oder Eiche oder in einem einzigen Wirtshause Platz finden52 und man für einen Brotlaib ein ganzes Bauern­gut erhält53. Am Wege sitzende Greise werden weinen vor Freude, wenn ihnen wieder einmal ein junger Mensch begegnet. Während der Schlacht werden die Kirchen in Pferdeställe und Spitäler umgewandelt. Die Russen, so heißt es weiter, werden ihre Pferde im Bodensee tränken. Ein Herrscher, der mit dem linken Arm den Säbel führt, ein weißer König auf weißem Rosse, wird Sieger werden und am Schlüsse seinen Schild am Schlachtenbaume aufhängen. Seine Feinde sind dann vernichtet, und eine neue, bessere Zeit bricht an54.

So plötzlich der Krieg beginnt (er kommt so schnell, daß der Bauer vom Acker mit der Pflugschar und die Bäuerin vom Herd weg mit dem Herdeisen sich in den Kampf stürzen), so bald ist er nach frühe­ren Prophezeiungen auch wieder beendet; denn der Bauer kann seine Zugtiere am Pflug, die stehen blieben, wie­der vorwärts treiben und die Bäuerin die Kuchen zum Mittagsmahle aus dem brodelnden Schmalze, in dem sie sie vorher gelassen, nehmen55. Im Sommer 1914, so lauteten spätere Prophezeiungen, wird ein Krieg zur Erntezeit beginnen und zur Zeit der Kirschenblüte des folgenden Jahres wieder aufhören68, und wie das Blühen der Fehmarner Pappel (auf der Insel Fehmarn) den Frieden verkündet, so tun es auch die Pappeln am Neuenburger See, die im Jahre 1916 zum ersten Male seit 1871 wieder blühten!57

Eine nicht minder große Rolle spielen dann die zahllosen Berichte von Ahnungen und Kündungen, Gesichten573 und Träumen. Jeanne d’Arc lebt in Frank­reich wieder auf; denn sie, die „Engel von Mons“ und der „weiße Kamerad“ haben manchen tapfern Soldaten aus Lebensgefahr befreit und dem Heere zum Siege ver­hülfen68. Eine Flut von Broschüren und Aufsätzen, die vom psychologischen und sagengeschichtlichen Stand­punkte aus so interessant sind69, beginnt sich all dieser Erscheinungen zu bemächtigen und sie als wahr oder falsch hinzustellen. Ich möchte hier nur jene bekann­ten Voraussagungen vom Ende des Krieges erwähnen, die durch den Tod des Weissagenden oder durch andere Tatsachen bewiesen werden. So wird erzählt, daß im Jahre 1913 ein Mädchen der Schule in Lörrach in Baden einen Aufsatz machte und darin schrieb, daß im Jahre 1914 ein fürchterlicher Krieg ausbrechen werde. Auf die Frage des Lehrers, weshalb es so etwas schreibe, erwiderte es, daß es nachts eine Vi­sion gehabt habe, und der Krieg werde sechs Wochen nach seinem Tode zu Ende gehen. Das Mädchen soll am 28. März 1915 gestorben sein, der Krieg hätte also am 9. Mai 1915 aufhören sollen. Die gleiche Geschichte wird auch von einer Schule des savoyischen Annemasse und aus Petersburg berichtet00. Und zuletzt sei noch auf die Spielerei mit Zahlen hingewiesen, die durch Addition wichtiger geschichtlicher Daten oder ihrer Quersumme in pseudomathematischer Weise das Ende des Krieges vorausberechnet. Z. B.: am 10. Mai 1871 wurde der Friede in Frankfurt a. M. geschlossen. Die­ses Datum wurde vorausbestimmt in folgender Weise:

1870

1871

3741 = 3 + 7 = 10 und 4 + 1 = V — 10. V. 1871.

Für den gegenwärtigen Krieg wurde nun das Ende ähnlich berechnet:

1914

1915

3829 = 3 + 8 = 11 und 2 + 9 = 11;

der Friede hätte also am 11. November 1915 geschlos­sen werden sollen61.

II. Glaube und Brauch des Soldaten.

Alle diese jetzt erwähnten Vorzeichen und Pro­phezeiungen beschäftigen sich mit dem Schicksale der Gesamtheit, des ganzen Volkes. Reicher und mannig­faltiger sind aber Brauch und Glauben, die sich schon in Friedens- und dann namentlich in Kriegszeit an das Leben des einzelnen Soldaten knüpfen. Schon

  • Die Musterung (Rekrutierung)

gibt überall Anlaß zu Festen, die wohl teilweise von der ehemals über die ganze Erde, in Deutschland nur noch in spärlichen Resten verbreiteten Jünglingsweihe herstammen. Die stellungspflichtige Mannschaft bildet oft, so z. B. im Elsaß, einige Monate vor der Muste­rung einen Verein, mit schwarzweißroter Fahne und Tamburstäben, übt sich im Trommeln und Stab­schwenken und zieht wie an andern Orten unter Trommelklang gemeinschaftlich zum Musterungsort62 und veranstaltet nach der Rekrutierung, geschmückt mit künstlichen Sträußen, mit Bändern und Kokarden, welche die Aufschriften der Truppengattungen tragen, Umzüge, Wagenfahrten und Trinkgelage03. Bis zum Einrückungstage genießen sie im Dorfe und bei Fest­lichkeiten besondere Freiheiten, so z. B. beim Schei­benschlagen an der Fastnacht und beim Anzünden des Johannisfeuers61. Oft müssen die Untauglichen und Freigewordenen den Rekruten einen Trunk bezahlen65, und in manchen Gegenden werden sie von den Mädchen verachtet, weil sie nicht Soldaten wurden06. In Frank­reich ist es weitverbreitete Sitte, vor dem Einrücken zum Regiment gefüllte Flaschen mit Bändern und In­schriften an der Decke der Wirtschaften aufzuhängen, die dann bei der Rückkehr aus dem Militärdienst ver­zecht werden07. Dient der junge Mann dann und kommt er zum erstenmal ins Manöver, so wird beim Biwak der „Rekrut verbrannt“, d, h. eine Puppe ins Biwakfeuer geworfen073.

Wer militärfrei werden will, verfügt über eine große Zahl von

  • Mitteln, um sich dem Dienste zu entziehen.

Wo noch ausgelost wird, näht man dem Burschen ohne sein Vorwissen eine Schote mit 9 Erbsen in den rech­ten Rockärmel08 oder den Rest seiner Nabelschnur in irgend einen Teil des Kleides6Sa oder gibt ihm unbe­merkt eine Ilasenpfote mit69. Ein gutes Los zieht man, wenn man von einem sechsjährigen Mädchen ge­sponnenes Garn um den Leib bindet oder ein Hemd trägt, das aus solchem Garn gewoben wurde70. Andere stecken sich zum selben Zwecke eine Kreuzspinne, Kirchhofserde oder Totenzähne, die sie um Mitter­nacht auf dem Friedhöfe geholt haben, in die Tasche’1 oder tragen den Ehering der Mutter an einem Finger der rechten Hand72. Auf uralte Zauberhandlung geht es zurück, wenn ein Stellungspflichtiger in der Absicht, frei zu werden, um Mitternacht mit einem brennenden Lichte um die Kirche geht oder wenn, wie im Bocage Normand, die Mütter der Wehrpflichtigen neunmal rückwärts um die Pierre Dyallan (einen Menhir) wan­deln73. Auch Zauberzettel, dem Losenden unbemerkt zugesteckt, haben gute Wirkung. Ein mecklenburgi­scher74 lautet z. B.:

Herr, hilf und laß alles wohl gelingen! N. N.
Im Namen Gottes.
Weil ich zum Losen und zum Streite geh,
Mit deiner Stärke mir beisteh;
Bei diesem Streit und Kampf auch sei,
So werd ich, N. N., vom Soldaten und allem Unglück frei.

Und ähnlich ein französischer7’:

Anté, anté, super anté !
Que Dieu me fasse prendre
Un numéro du plus haut nombre’6
Qui me soit aussi salutaire
Que la première goutte de lait que la Sainte Vierge a tété à sa mère.
Numéro, je te conjure de la part du Grand Vivant Que tu es à mes garantins
Apoletus Diabolus.

Namentlich aus Frankreich ist ein reiches Mate­rial an solchen Praktiken überliefert.

Daneben werden zahlreiche Mittel angewandt, um sich vorübergehende körperliche Gebrechen und Schä­den zuzuziehen oder vorzutäuschen, z. B. starkes Rau­chen (von Stroh), Trinken von schwerem Wein und starkem Kaffee, Essen von Kreide usw.77. Von Frank­reich her ist in den schweizer Jura der Gebrauch von Ranunculus acris zur Erzeugung von Geschwüren ge­kommen, von Italien in den Kt. Tessin das Essen von Folenta unter gleichzeitigem Rauchen, um einen dicken Hals zu bekommen73. Auch Verstümmelungen sind nicht selten.

  • Vorzeichen und Wahrsagungen.

Es ist leicht begreiflich, daß die Frage, was das Morgen wohl bringen wird, gerade den im Felde stehen­den Soldaten beschäftigt und ihn über Mittel und Wege nachsinnen läßt, dies zu ergründen. Dabei be­dient er sich, wie wir auch bei den Mitteln zum Schutze des Lebens wieder sehen werden, vornehmlich der im Volke überhaupt lebenden günstigen und ungünstigen Vorzeichen. So kündigt die Begegnung eines alten Weibes am frühen Morgen dem Soldaten Unheil an, die eines Knaben dagegen Glück79. Heult ein Hund mit erhobenem Kopfe, so bedeutet es Brand, mit ge­senktem, Tod80. Wenn ein Hase den Weg des Kriegers kreuzt oder ein Fuchs in seiner Nähe heult, zeigt es ebenfalls Tod an81. Ein an einem Schlachttage zu seiner Linken oder von rechts nach links über den Weg fliegender Rabe ist ein Todesvorzeichen; fliegt er aber von links nach rechts, deutet er auf einen glücklichen Ausgang aus dem Kampfe82. Auch dem englischen Soldaten gilt der Freitag als ein Unglücks­tag. An diesem Tage geht er nur ungern in den Kampf83. Als gutes Vorzeichen sieht er es an, wenn er einer Kuh begegnet64. Unglück bringt es ihm, wenn an einem Streichholz mehr als zwei Zigaretten ange­zündet werden85. Und Träume und Ahnungen und das zweite Gesicht, durch die nach im Volke sonst verbreiteter Anschauung Vorzeichen gegeben werden, spielen auch beim Soldaten eine große Rolle, wie die immer mehr anschwellende spiritistisch-okkultistische Literatur in zahlreichen Beispielen zeigt80.

Die Wahrsagerei hat durch den gegenwärtigen Krieg in ganz Europa eine erschreckende Ausdehnung angenommen. Überall, in Städten und Dörfern, wirken ihrer kundige Leute, die aus der Hand, aus Karten oder aus dem Kaffeesatz usw. dem einzelnen, meist nach „alten, bewährten Methoden“ der Mademoiselle Lenor- mand, des Fr. Sohn u. a., Zukunft und Schicksal ent­hüllen und Horoskope zu stellen wissen87. Aber auch das Befragen des Erbschlüssels, des Erbsiebs und der Erbbibel wird häufig angewandt’8, und im Geheimen wird wohl noch manch anderes Mittel gebraucht, um auf all die brennenden Fragen Antwort zu erhalten. Ihre Kenntnis wäre wissenschaftlich und praktisch von großem Interesse.

  • Schutz des Lebens.

Die dazu dienlichen Mittel und Wege sind außer­ordentlich zahlreich. Sie entstammen den im Volke seit langen Zeiten herrschenden Anschauungen und Bräu­chen, und der Soldat bringt sie meist schon aus seiner Heimat mit oder lernt sie von einem Kameraden kennen. Ihre Anwendung ist psychologisch sehr leicht begreiflich: Der Soldat sieht sich fortwährend von mannigfaltigen Gefahren bedroht und wird sich seiner menschlichen Ohnmacht bewußt. Da neigt er gern zu dem Glauben, daß es übernatürliche Mächte gebe, die Schutz vor Not und Gefahr, Verwundung und Tod ge­währen und holt sich aus diesem Glauben neue Hoff­nung und neuen Halt.

Es ist schwer, dabei die Grenze zwischen wahrem Glauben und Aberglauben zu ziehen; beide gehen in einander über. Wohl die meisten Soldaten tragen irgend etwas auf sich; das zeigen alle bisher gemach­ten Erhebungen. Der eine hat stets die Photographie lieber Angehöriger oder irgend ein anderes Erinne­rungszeichen an sie80, der andere eine geweihte Me­daille00, einen Bibelspruch91 oder die ganze Bibel usw. Darin liegt durchaus kein Aberglaube, aber es gibt nur zu leicht Anlaß zu seiner Entstehung, wenn, wie es tausend Male geschah, die Kameraden um den Träger herum fallen, und der Zufall es will, daß ihm das gleiche Schicksal nur dadurch erspart wurde, weil die Kugel in der Medaille, der Brief­tasche mit der Photographie usw. stecken blieb. Diese Gegenstände wurden so zum schützenden Amulett. Man findet deshalb den Glauben fast allgemein ver­breitet, daß ein Bibelvers auf der beinernen Erken­nungsmarke, ein Medaillon, das die Braut dem Sol­daten beim Abschied mitgab, ein Skapulier oder eine geweihte Münze oder gewöhnliche Geldstücke auf der Brust getragen oder in die Uniform eingenäht, die Kugeln anziehen und ablenken und so vor Verwundung und Tod bewahren. Und auf dieser ersten Stufe des Aberglaubens basierend entstehen dann weitere For­men dieses Amulettglaubens92. So tragen z. B. einzelne schweizer Soldaten Skapuliere auf der Brust, die aus dreifarbigem Stoff hergestellt sind: aus rotem, das Blut, aus schwarzem, die Trauer, den Tod, und weißem, die Reinheit darstellend93, oder einen Bissen heimat­liches Brot94, oder ein Büchslein mit Erde vom väter­lichen Grund und Boden gefüllt95, oder ein Stückchen, wahrscheinlich auch gesegnetes, Holz96, oder ein sei­denes Tüchlein mit dem weißen Kreuz im roten Feld97. Andere führen gewisse Pflanzen mit sich; so schützt die Stechpalme in der welschen Schweiz, Figuren ge­schnitzt aus in der Weihnachtsnacht geschnittenem Stechpalmenholz in der deutschen Schweiz vor allen im Krieg drohenden Gefahren98. Farnkraut und Aller­mannsharnisch sind zum gleichen Zwecke sehr ge­sucht und bilden sogar Gegenstände eines schwung­haften Handels99. Wieder andere haben einfach ein Ei100 in der Hosentasche oder lassen sich eine Locke ihres eigenen Haares aus der ersten Jugend einnähen161 und tragen eine Hasenpfote102 oder vierblättrigen Klee103 bei sich, oder nehmen das Herz einer schwarzen Katze, sieden es in der Milch einer schwarzen Kuh und tragen es auf der Brust104, oder nageln über den Eingang des Unterstandes ein Hufeisen105. Und im Leben sonst geübter Aberglaube wird auch gegen Kriegsgefahr angewendet; so wenn gemeint wird, ein Stück von dem Stricke, an dem sich ein Mensch er­hängt hat106, oder irgend etwas von einem unschuldig Ermordeten bei sich zu tragen gewähre Schutz und bringe Glück107.

Solcher Glaube findet sich aber nicht allein in Deutschland und der Schweiz, sondern auch in Frank­reich und England und gewiß noch in vermehrtem Maße bei den Italienern und den slavischen Völkern. Nur sind wir über sie weniger unterrichtet, weil syste­matische Sammlungen bisher fehlen. Aber aus Zeitungs­berichten wissen wir, daß auch der englische Soldat irgend einen schützenden Gegenstand bei sich trägt: das Fell einer schwarzen Katze, den Uniformknopf eines deut­schen Soldaten108, oder die Kugel aus dem Leibe eines Gefallnen. Bei englischen wie bei französischen Sol­daten sind die „Glückselephanten“ (aus Knochen ge­schnitzt) sehr begehrt109. Kämpfer aus den Abruzzen tragen in einem auf der bloßen Brust hängenden Säck­chen eine von ihren Müttern ihnen zugesandte Hand­voll Erde aus der Heimat mit sich herum, die sie, wenn es zum Sturme geht, hinter sich fortwerfen110, wie die alten Eidgenossen, die vor der Schlacht niederzuknien pflegten, um zu beten, und darauf eine Scholle Erde rückwärts über ihre Häupter warfen111. Und die Rus­sen halten das „Auge des Zaren“, das ovale, schwarz­weiß-orange bemalte Blechschildchen an der Kappe, für schutzbringend112.

Gewissen Bibelstellen wird auch im Kriege großer Einfluß auf den Schutz des Lebens zugeschrieben, vor allem dem im Volksglauben überhaupt viel verwende­ten Anfang des Johannisevangeliums und dem 91. Psalm. Wer die eine oder die andere dieser Bibel­stellen in ein Skapulier eingenäht auf sich trägt, darf sich getrost in den Kampf begeben, es wird ihm nichts passieren113. Solche und ähnliche „Schutzbriefe“, wie sie gewöhnlich genannt werden, sind außerordentlich verbreitet. Immer und immer wieder tauchten sie, die in Friedenszeit ebenfalls gegen alles mögliche Übel am Leibe getragen und gegen Feuer unters Dach gelegt werden, in den Kriegen des 19. Jahrhunderts auf, und auf den Schlachtfeldern der Jahre 1866 und 1870 sind viele dieser Zauberbriefe gefunden worden. Auch in unserem Jahrhundert wuchern sie üppig. Bekannt ist jenes Immediatgesuch114, das von einem schlesischen Handwerker dem kaiserlichen Zivilkabinet zuging, als deutsche Truppen in den Kampf nach China zogen, und das die dringende Bitte enthielt, einen beigelegten Schutzbrief durch Druck zu vervielfältigen und jedem Soldaten ein Exemplar zustellen zu lassen. Nach der Angabe des Bittstellers, die dem verbreiteten Volks­glauben entspricht, sei dieser Brief im Jahre 1729 in Schleswig-Holstein vom Himmel gefallen und schütze seinen jeweiligen Inhaber nicht nur vor jeder feind­lichen Kugel, sondern auch vor Krankheit und son­stigem Ungemach. Letzten Herbst erhielt die schwei­zerische Sammlung soldatischer Volkskunde von einem in der welschen Schweiz ansässigen Italiener einen Schutz- oder Himmelsbrief in französischer Sprache, der nach seiner Angabe aus dem 15. Jahrhundert stammt und den er zufällig fand, als er ein altes Möbelstück auseinandernahm115. Durch ihn sei er, so beteuerte er ausführlich, vor allen möglichen Gefahren bewahrt geblieben, und wenn er ihn einmal versehent­lich nicht bei sich gehabt hätte, sei ihm sicher etwas passiert. „Si j’avais les finances“, fuhr er dann fort, „avec un peu plus d’érudition, j’en ferais faire autant d’exemplaires que chaque guerrier des pays de l’En­tente en aurait un pour leur venir en aide d’avoir la victoire. Je ne voudrais pour rien du monde qu’il soit introduit à ces malheureux qui ont commencé cette monstrueuse guerre, mais“, fügt er dann wohlweislich hinzu, „je ne voudrais pas non plus violer la neutralité de la Suisse. . . Daß diese Schutzbriefe in allen Heeren heute im Gebrauch sind, das zeigen die Be­richte, die bis jetzt aus allen europäischen Ländern bekannt geworden sind116. Ein in der Schweiz inter­nierter deutscher Soldat, der verwundet in französische Gefangenschaft gefallen war, schickte mir die Kopie eines Schutzbriefes und schrieb dazu: „Ich trug ihn immer auf mir und glaubte daran. Aber trotzdem wurde ich verwundet und gefangen, weil ich einmal während eines Kampfes plötzlich den Glauben fünf­zehn Minuten verloren hatte“117. Vielfach heißt es auch, daß der Brief die Kraft verliere, wenn sein Träger ihn gelesen habe117a.

Ihr Inhalt ist außerordentlich verschieden. Bald bestehen sie nur aus einzelnen Buchstaben (die An­fangsbuchstaben der Wörter einer Beschwörung dar­stellend), Namen von Geistern und Teufeln und ge­heimnisvollen Charakteren, bald sind es einfach Ge­bete der christlichen Kirche, bald wieder aus allen möglichen Elementen zusammengesetzte Zauberfor­meln. „Daß dich der Feind nicht überwinden möge“, heißt z. B. ein durch die schweizerische Mobilisation wieder aufs neue in Brauch gekommener Schutzbrief aus dem bernischen Simmenthal, „trag diese Buch­staben bei dir A R Z H“118.

Ein anderer aus derselben Gegend lautet: „Sankt Markusf, Sankt Matheust, Sankt Johannest, Die vier Evangelisten, Müßten mich vor allen bösen Dingen fristen“ 119.

Und aus Akten eines bernischen Mordprozesses vor acht Jahren erfahren wir, daß der Mörder bis zum letzten Augenblick der Überzeugung war, daß er nicht entdeckt und ihm nichts angetan werden könne, weil er einen solchen Brief bei sich hatte120. Die meisten Schutzbriefe aber haben die folgende Ein­leitung:

„Graf Philipp von Flandern hatte einen Diener, dem wollte er wegen Missetaten den Kopf abschlagen lassen. Wie solches nun geschehen sollte, hat der Scharfrichter das Haupt nicht abschlagen können. Das Schwert tötete den Diener nicht, es verwundete ihn nicht einmal. Als der Graf das sah, fragte er den Diener, wie das zuginge, daß ihm das Schwert keinen Schaden zufügen könne. Da zeigte ihm dieser einen Brief, den er vom Himmel bekommen mit folgenden Buchstaben: B. I. H. St. G. B. St. Als der Graf den Brief gesehen hatte, befahl er, daß ein jeder Mann diesen Brief bei sich tragen solle.“

Darauf folgt dann die Aufzählung der Fälle, für die der Brief wunderkräftig ist:

„Wer irgend eine blutende Wunde an seinem Körper hat, der nehme diesen Brief, lege ihn darauf, und das Blut wird gestillt und die Wunde wird geheilt sein. Wer in den Krieg zieht und diesen Brief bei sich trägt, dem wird nichts schaden können; er ist geschützt vor Gewehr und Waffen des Feindes, vor Dieben, Mördern und Räubern, er kann nicht gefangen werden usw.“

Den Schluß bildet gewöhnlich eine Reihe von Be­schwörungen:

„So wohl als Jesus Christus gen Himmel gefahren ist, so wahr er auf Erden gewandelt hat, kann der, der den Brief bei sich trägt, nicht durch Schießen getroffen oder sonst verwundet werden. Ich beschwöre alle Gewehre und Waffen bei dem lebendigen Gott. Ich gebiete im Namen Jesu Christi Blut,

Daß mich keine Kugel treffen tut, Sie mag sein von Silber oder Blei, Gott im Himmel macht mich frei,“ usw.

Andere fangen gleich mit der folgenden Beschwö­rung an:

„Im Namen Gottes des Vaters usw. Sowie Christus im Ölgarten stille stand, so soll alles stille stehen. Wer dies ge­schrieben bei sich hat, dem wird nichts schaden, es wird ihn nicht treffen des Feindes Geschütz und Waffen, dieselbigen wird Gott bekräftigen, daß er sich nicht fürchte vor Dieben und Mördern, es sollen ihm nicht schaden Geschütze, Pistolen, und alle Gewehr müssen stille stehen, alles Sichtbare und Unsichtbare durch den Befehl des Engels Michael …

worauf dann eine Anzahl christlicher Lehren folgt:

„Wer am Sonntag arbeitet, der ist verdammt, denn am Sonntag sollt ihr nicht arbeiten, sondern in die Kirche gehn und mit Andacht beten“ usw.

Der Schluß lautet dann:

„Ich sage Euch, daß Jesus Christus diesen Brief geschrieben hat, und wer diesem Brief widerspricht, der wird von mir keine Hülfe erwarten. Wer diesen Brief besitzt und ihn nicht offenbaret, der sei verflucht von der Christlichen Kirche; denn ihr sollt ihn euch abschreiben; wenn Eurer Sünden so viel sind als Sand am Meer und Laub auf den Bäumen, sie sollen euch vergeben werden, so ihr daran glaubt. Wer aber nicht glaubet, der soll des Todes sein und seine Kinder sollen des Todes sterben. Bekehret Euch, sonst werdet ihr gestraft werden …. Haltet diese meine Gebote, welche ich euch durch meinen Engel gesandt habe …”

In vielen Schutzbriefen wird dem Zweifler em­pfohlen:

„Wer nicht auf mein Wort glauben will, der schreibe den Brief ab und hänge ihn einem Hund um den Hals (oder an den Schwanz) und schieße nach demselben, so wird er es erfahren, daß ich wahr gesprochen und dem Hund nichts Übels getan werden kann“121.

Dergestalt sind diese Schutzbriefe, Himmelsbriefe, Kugelsegen und wie sie sonst noch geheißen werden, in ihrem Wortlaute sich gleichend, seit Jahrhunderten wieder in zahllosen Zauber- und Rezeptbüchlein, wie sie im 19. Jahrhundert namentlich von Süddeutsch­land aus im Romanusbüchlein, 6. und 7. Buch Mosis, Albertus Magnus Aegyptischen Geheimnissen usw. ge­druckt wurden, verbreitet. Und was sie vom reli­gionsgeschichtlichen Standpunkte aus besonders inter­essant macht, ist der Umstand, daß sie sich, wie be­sonders Albrecht Dieterich zeigte, sogar bis ins grie­chisch-römische Altertum zurückverfolgen lassen.

Der Glaube, daß man sich auf solche Weise un­verwundbar, „fest“ oder „gefroren“, machen könne, ist schon sehr alt. Im Dreißigjährigen Krieg war er na­mentlich unter dem Namen „Passauerkunst“ bekannt, „weilen als umb das Jahr Christi 1611 ein Heerzeug umb Pas- saw gesammlet worden, welches in Böhmen eingefallen, und die Stadt Prag eingenommen, der mehrertheil der Soldaten solcher Kunst von einem Henker erlernet haben, welchen er eines Thalers große papyrene, mit wunderlichen Charakteren und unbekandten Wörtern bezeichnete, an einem messinen Stok [Cliché] abgedruckte Zedul, zu verschlingen gegeben“ m.

Zahlreiche Heerführer alter und neuer Zeit galten für „fest“, so z. B. Tilly, Wallenstein, Karl XII. von Schweden, Friedrich der Große und Napoleon I. . Auch von Feldmarschall Haeseler sagt man, daß er es sei, weil er, trotzdem er sich oft großen Gefahren aus­setzte, nie verwundet wurde122“.

Die in den letzten Friedensjahren zu neuer Blüte gelangten „K e t t e n b r i e f e“ oder „Schneeballen­gebete“ spielen jetzt zu Hause und im Felde eine große Rolle123. Sie haben sich ebenfalls dem Kriege angepaßt; denn sie lauten jetzt oft124:

„Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt. Vorstehenden Spruch erhielt ich zur Weitergabe. Dor ihn erhält, soll ihn durch 9 Tage alle Abend an Bekannte ab­geben und zwar ohne Unterschrift senden. Die Kette darf nicht unterbrochen werden. Es geht die Sage, daß, der den Spruch erhält und nicht weiter gibt, kein Glück hat. Wer ihn aber weiter gibt, wird am 9. Tage eine Freude erleben. Es ist dies eine alte Sitte, die von den Deutschen in jedem Kriege beob­achtet wurde, damit das Glück bei ihnen bleibt.“

Und wie sich oft Verschlagenheit und Gaunerei zur Erreichung materiellen Vorteils solchen Glaubens bedient, das zeigt sehr schön ein solcher Kriegs-Ket­tenbrief aus der schwäbischen Alb, der nicht nur flei­ßiges Abschreiben und Versenden während neun Tagen verlangt, sondern am Schlüsse das Gebot enthält, daß ..an jedem Tag zum wenigsten ein frisches Ei unter den Busch bei’s …. bauren Acker zu legen“ sei. „Wer das nicht tut, der hat kein Glück.“120

Nach badischem Volksglauben galt man noch wäh­rend des siebziger Krieges für unverwundbar, wenn man ein von einem siebenjährigen Mädchen gesponne­nes Hemd anzog128, ganz gleich wie in früheren Jahr­hunderten ein „Nöthemd“ oder ein „St. Jörgenhemd“ vor Not und Gefahr bewahrte129. Heute werden sie en gros angefertigt und als „Siegeshemden in uner­reichter Qualität gegen Postnachnahme prompt“ ge­liefert130.

Der Soldatenaberglaube kennt aber noch zahl­reiche andere Mittel, um das eigene Leben zu schützen und dasjenige des Gegners zu schädigen. Wer bei der Kriegserklärung sofort einen reinen weißen Kieselstein aufliest und ihn aufbewahrt, erzählte eine alte Frau im Kt. Zürich einigen Soldaten, wird vor Elend und Not verschont120, und in der welschen Schweiz warfen die zu Hause Bleibenden den an die Grenze ausrücken­den Soldaten Besen nach. Wen der Besen traf, dem war es ein gutes Vorzeichen für glückliche Heimkehr127.

Um Glück herbeizuführen, wird auch die Türe ver­riegelt, durch die der in den Krieg ziehende Soldat seine Wohnung verlassen hat. Mit dem Fett des zu­letzt geschlachteten Tieres wird die Waffe eingerieben, damit das Blut nicht daran kleben bleibt. Das Glas, aus dem er beim Abschied trank, wird zerbrochen, und die Scherben werden in die Erde vergraben127“.

Man vermeidet es ängstlich, gewisse Gegenstände bei sich zu tragen, die die Gefahr anziehen. Gefährlich ist es z. B., Kartenspiele auf sich zu haben; deshalb konnte man z. B. im Kriege 1864 die Straße, auf der die Truppen in den Kampf zogen, mit zerrissenen Kar­ten ganz bedeckt sehen131. Gefahr anziehend soll auch Gold sein; der eine und der andere ließ deshalb bei Kriegsausbruch seinen Ehering zu Hause132. Ein Messer mit sieben Klingen oder Instrumenten ist eben­falls gefahrbringend. Man ändert solche Messer darum in acht- oder sechsteilige um133. Wer die Zahl dreizehn auf irgend eine Weise an sich trägt, kommt sicher ums Leben134. Vor allem aber wirft man die Erken­nungsmarke, die man bei der Mobilisation erhält, so rasch wie möglich weg; denn ihr Träger verfällt sicher dem Tode135. Zum mindesten muß man sie, wie ein berner Soldat berichtete, nie um den Hals, sondern immer am Hosenträger tragen, weil sie am Halse ge­fährlicher sei136.

Um sich selbst Mut zu geben, mischt man Schieß­pulver in den Wein und trinkt ihn. Das taten, altem Brauche folgend, wie es heißt, im Sommer 1914 viele Soldaten des Schweiz. Kantons Bern beim Abschied von ihrer Heimat137. Aus dem gleichen Grunde beißt man auch auf die Patrone188, oder legt Quecksilber in die Schuhe, weil das standhaft macht und das Zittern ver­hindert139, oder trinkt vor dem Einrücken das warme Blut einer gestochenen Katze140.

Durch das Aussprechen gewisser Zauberformeln vermag man anderseits dem Feinde den „Mut zu bre-chen“, d. h. ihn mutlos zu machen, ihm seine Kraft zu nehmen und den Zauber, der ihn schützen sollte, zu­nichte zu machen. Sie sind uns aus dem 19. Jahr­hundert noch zahlreich handschriftlich und gedruckt überliefert141 und lauten z. B. wie die folgende:

„Daß du einen kraftlos machen kannst und den Muth brächen, so sprich:
Feind was treist (trägst) in deiner Hand?
Eines toten Mannes Band.
Was treist in deinem Herzen?
Eines toten Mannes Schmärzen.
Was treist in deinem Munth?
Eines toten Mannes Muth.
Und so müssen dein Muth und dein Bluth gegen mir als gewahr zerschwinden und zergan

Als gewiß Gott der Herr kein Übel und Böses nie hat gethan“ll2.

  • Schießzauber.

Die Vervollkommnung der heutigen Schießwaffen hat die Anwendung des alten Schießzaubers zum großen Teil unmöglich gemacht. „Gefestete“ Leute konnten ehedem durch nicht-bleierne Kugeln, vor allem durch solche aus Glas und Silber, verwundet und ge­tötet werden143. Man verlieh dem Geschoß auch un­fehlbare Treffsicherheit, indem man ihm geweihtes Hausbrot oder ein Stück einer Hostie beigab144 oder in der Johannisnacht sog. „Glückskugeln“ goß145.

Aber der Schießzauber ist deshalb heute nicht weniger mannigfaltig. In der Schweiz nehmen viele Schützen das Geschoß, bevor sie es in das Gewehr stecken, in den Mund und lecken seine Spitze mit der Zunge vorsichtig ab, damit es nicht zu hoch gehe146, ja einzelne spucken gar darauf in dem Glauben, daß es dann das Ziel sicher nicht verfehle147. Andere glau­ben, nicht treffen zu können, wenn sie nicht immer den Pulverrauch aus dem Laufe blasen; der verhexe nämlich den folgenden SchußHS. Manche fassen auch die Patrone mit zwei Fingern am Fußende und machen damit eine schnelle, heftige Bewegung gegen den Bo­den, wie wenn sie das Geschoß aus der Hülse schleu­dern wollten, oder sie halten sie zuerst ans Ohr, schüt­teln sie und legen sie dann ganz sorgfältig in den Lauf. Auch das soll die Treffsicherheit erhöhen149. Man nimmt auch stets dreizehn Patronen aus der Pa­tronentasche 162 oder legt alle, die man bei sich hat, in das Käppi (Helm)153.

Dieser heutige Brauch und Glaube ist prinzipiell von großem Interesse, weil wir seinen Ursprung genau kennen. Wie mir nämlich Herr Oberst K. Egli, dem ich dafür herzlich Dank sage, mitteilte, stammen diese Handlungen von Ladebewegungen früherer Gewehr­konstruktionen her, und sind derart in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen, daß sie auch jetzt noch, wo sie zwecklos geworden sind, für das sichere Treffen als nötig erachtet werden.

Häufig werden die Kugeln gesegnet150 oder werden gewisse Zeichen (z. B. das Kreuz) darauf geritzt151. Auch in das obere Ende des Gewehrlaufs werden ge­wisse Zeichen eingraviert16*, in die Holzteile Nägel166 (vor allem Sargnägel) geschlagen oder eine Nadel, mit der man einen Toten einnähte, gesteckt158 usw.

Sehr verbreitet ist auch die Anschauung, daß ge­wisse Gegenstände, die der Schütze bei sich trägt, ihm zu sicherm Schuß verhelfen. Deshalb nähen sich viele eine Fledermaus157 oder eine Schlangenhaut158 ins Kleid ein. Zahlreiche Schützen haben den Brauch, vor dem Schießen Kleeblätter, Buchenzweige usw. abzu­reißen und auf den Hut zu stecken155, „Neunhemden­wurz“ (Allermannsharnisch) mit sich zu führen100 u. ä. Beim Abgeben des Schusses fassen sie das Gewehr zwischen Zeige- und Mittelfinger statt mit der ganzen Hand161 und sagen vor jedem Schüsse: „Non tratas dominium tri mal motrum, Amen“, wobei sie die Beine kreuzen, das linke über das rechte102.

Man begnügt sich aber nicht damit, auf diese Weise seiner eigenen Waffe Treffsicherheit zu ver­leihen, sondern sucht auch, diejenige des Gegners zu „stellen“. Dazu nimmt man ein durch Blitzschlag zer­splittertes Stück Holz (eine Pappel) in die Tasche und wird dann von einer Kugel so wenig getroffen, wie man die Scheibe trifft, hinter die man das Holz gelegt hat183. Oder man steckt ein Messer mit schwarzem Heft in die linke Hosentasche, mit der Spitze nach unten, und macht es dem Feinde so unmöglich, zu schießen164.

Hat der Feind ihm aber die Waffe „gestellt“, so verfügt der Soldat über zahlreiche Mittel, den ange­tanen Zauber zu heben. Er reinigt den Gewehrlauf mit zusammengebetteltem Brot, Salz, Raute und Sand165 oder mit dem Kleidungsstück eines Verstorbenen, das kein anderer mehr getragen hat100 usw.

  • Volksmedizin.

Der Soldat ist vielfach sein eigener Arzt. Na­mentlich kleine Leiden und Krankheiten behandelt er selbst, indem er zu den oft seltsamen „Hausmittel­ehen“ greift, die er von Hause her kennt oder durch Kameraden erfahren hat. Vielfach führt er „Univer­salheilmittel“ bei sich, z. B. „englischen Wunderbalsam“, oder trägt gegen Ansteckungsgefahr Kampher in einem Säckchen auf bloßer Brust. Auf Schnittwunden legt er Spinnweben, frischen Kuhkot167 oder uriniert darüber, gegen Rheumatismus steckt er Roßkasta­nien168, rohe Kartoffeln169 oder Farnkraut170 in die Tasche. Verliert er dann zufällig die Kartoffel, so schwinden auch die Gliederschmerzen171. Das Farn­kraut schützt zudem vor jeglicher Verletzung172 und behebt die Müdigkeit173. Legt er Herbstzeitlosen (Col­chicum autumnale) in die Schuhe, so vergehen die Hühner­augen 174. Hauswurz in der Hosentasche schützt gegen Kreuzweh175, Lorbeerblätter gegen Krämpfe176, Winterwurz, der in der Himmelfahrtsnacht zwischen 11 und 12 Uhr ausgegraben wurde, auch gegen Rheumatis­mus177 usw. Gegen Zahnschmerzen trägt er womöglich roten Siegellack in drei Teile geteilt auf der Seite des Körpers, auf der sich der Schmerz befindet178, oder Siegellack und einen Schlüssel179 oder ein Säckchen mit Siegellack, einer Muskatnuß und drei Gewürznelken180, und gegen Ohren- und Zahnschmerzen entweder eine dreiteilige Nuß181 oder das Gehörbein eines Schweins182, Bei Krampf in den Füßen nimmt er einen Magneten in die Tasche183 oder steht mit nackten Füßen auf ein Stück Eisen184. Um nachts gut zu sehen, streicht er sich Fledermausblut in die Augen185, gegen Erkältung schläft er im Stalle bei einem Ziegenbock186, bei Nasen­bluten legt er eine Kupfermünze unter die Zunge181. Eine mit Quecksilber gefüllte Kapsel trägt er gegen Rheumatismus188, einen weißen Kieselstein als Schutz vor Schlangen189, einen Ring aus Schlangenhaut gegen Augenleiden190 und einen solchen aus Zink und Kupfer, wie sie durch französische Zeitungen oft angepriesen und feilgeboten werden, wiederum gegen Glieder­schmerzen191.

Ungeziefer vertreibt er durch Roßstaub (d. h. Staub aus dem Pferdestriegel)192 oder indem er Queck­silber in die Hosen legt198.

Bei Verwundung schützt er sich durch „Stellen des Blutes“ (Besprechung) gegen Blutverlust, indem er über die Wunde dreimal das Kreuzeszeichen macht und dabei spricht:

Glückselig ist die Wunde, Glückselig ist die Stunde, Glückselig ist der Tag, Da Jesus Christus geboren ward 194.

Noch viel gebraucht werden sog. „Waffensalben“, die wundertätig wirken, wie das folgende Rezept zeigt:

Nimm Fett von einem wilden Eber, Fett von einem zahmen Eber, Bärenschmalz von einem Männchen, von jedem 1 halb Pfund, rein gemachte gedörrte und pulverisirte Regenwürmer, 3 halbe Eierschalen voll, oder soviel als zwei welsche Nüsse groß, Moos von Todtenköpfen, aber womöglich von einem Men­schen, der nicht an einer Krankheit gestorben ist, also von einem gerichteten Verbrecher usw., 4 Loth Blutstein, 6 Loth klein geschabtes rotes Sandelholz, 6 Loth Wallwurz. Aus allem diesem mache mit ein wenig Wein eine Salbe. Ist nun jemand verwundet worden und man kann die Waffe haben, womit es geschehen; weiß man auch, an welchem Ort und wie weit die Waffe in’s Fleisch gegangen ist, so schmiere man die Salbe an demselben Ort an die Waffe. Dies muß jedoch so geschehen, daß man herabwärts von dem Rücken zu der Schärfe schmiert, wenn es eine Hiebwunde; von oben herab gegen die Spitze aber, wenn es eine Stichwunde ist, weil es sonst oben heilt und unten offen bleibt. Weiß man nicht, an welchem Ort und wie tief die Wunde in’s Fleisch gegangen ist, so muß man sie ganz und gar salben. Auf diese Art kann man die schwersten Wun­den heilen, wobei der Verwundete nichts zu tun hat, als daß er seine Wunde rein hält, und wenn er sie auswischt, dies allezeit abwärts streichen tut; hierauf legt er ein nasses Tuch über die Wunde, welches er oft wieder anfeuchtet (man kann dies auch mit eigenem Urin tun). Wenn gleich die Waffe und der Verwundete 40 Meilen weit von einander entfernt wären, so würde der Letztere dennoch gut geheilt werden. Derjenige, welcher die Waffe verbindet, muß dies täglich tun, als wenn er der Verwundete selbst wäre, er muß sich aber während der ganzen Zeit des Beischlafs völlig enthalten, auch die verbundene Waffe an einen Ort legen, wo es weder zu warm, noch zu kalt ist und wo kein Staub oder Wind dazu kommen kann, weil es sonst der Kranke sogleich in der Wunde fühlt. Der Verwundete muß übrigens die bei Wunden gewöhnliche Diät beobachten, tut er dies nicht, so kann man dies sogleich an der Waffe sehen, indem sich darin oder auf der Salbe rote Flecken zeigen. Will man wissen, ob der Verwundete davon kommt oder nicht, so halte man denselben Ort, wo die Waffe in’s Fleisch gegangen, an ein gelindes Feuer, doch nicht zu heiß, weil sonst der Kranke Schmerzen empfindet. Hierauf schüttet man roten gepulverten Sandel darauf, schwitzt die Waffe Blut, so stirbt der Kranke, wo aber nicht, wird er geheilt. — Im Falle man dieselbe Waffe, womit die Wunde geschehen, nicht bekommen kann, nimmt man nur ein Holz, erfrischt damit den Schaden, daß er blute und daß das Blut an das Holz nach der Tiefe der Wunde komme; das Stück Holz verbindet man dann wie eine Waffe.

Alles dieses verrichtet die Sympathie des aus der Wunde vergossenen Blutes mit dem Blute, welches in der Wunde zu­rückgeblieben ist. Wollte man hierüber weiter nachdenken, so würde man noch mehrere wunderbare Erscheinungen entdecken, welche aber wegen – Mißbrauch hier nicht angeführt werden können. In Ermanglung obiger Waffen-Salbe tut auch reines Gänsefett oder gewöhnlicher Borgenspeck dasselbe, wenn man die Waffe damit, wie hüben gemeldet, verbindet; jedoch wirkt diese noch so kräftig und rasch195.

Und solchen Glaubens, aus dem Soldatenleben der Friedenszeit hinübergenommen in den Krieg oder erst zur Kriegszeit entstanden, gibt es noch eine große Menge. Was ich anführte, ist nur eine spärliche, lückenhafte Auslese. Sie zeigt aber schon, wie im Volke neben christlichen Gedanken und Anschauungen eine starke Gruppe von Ideen lebt, die der Krieg zu neuer Geltung gebracht hat. Aus ihnen lernen wir besser wohl als durch andere Dinge die Gedankenwelt des Volkes keimen, und ihre Erforschung hat deshalb nicht nur einen wissenschaftlichen Wert, weil wir durch sie frühere Stufen religiöser Entwicklung entdecken können, sondern auch einen hohen praktischen, weil sie uns den Weg weist, wie das Volk nachhaltig und tief in seinem religiösen Leben beeinflußt werden kann.

Fragebogen zur Erhebung soldatischer Volkskunde.

Volks- und Soldatenbrauch und -glaube mit Bezug auf den Krieg.

A. Allgemeines.

  1. Welche Vorzeichen für den Krieg wurden be­obachtet? (z. B. rot aufgehende Sonne an Neujahr, Nebensonnen, Kometen, Sternkonstellation in Besen­form, Nordlicht, rote Abendwolken, Blutregen, Stürme namentlich in den Zwölfnächten; wiehernde Pferde, sich stoßende Schafe, weiße und gestreifte zahlreiche Mäuse, Seidenschwanz, Rabenkämpfe, Schmeißfliegen, Schmetterlinge, Spinnen, Floh auf der Stirne; Gall­äpfel, abbrechende Baumwipfel; Soldatenspiele der Jungen, zahlreiche männliche Geburten; Kampfbilder in den Wolken, Träume, Gesichte usw.)
  2. Gibt es unter den Vorzeichen solche, die von vorn­herein glückliche oder unglückliche Kämpfe bedeuten?
  3. Sind vor dem jetzigen Kriege derartige Vorzeichen beobachtet worden und welche? Zuverlässige An­gaben sind sehr wertvoll!
  4. Gibt es Vorzeichen, die während des Krieges auf den Eintritt des Friedens hindeuten? (Kirschenblüte, Blühen der Fehmarner Pappel.)
  5. Was erzählt man sich im Volke und im Heere von alten oder neuen Prophezeiungen über Krieg, Seuchen, Untergang von Fürstengeschlechtern, Reichen und Städten, Tod einzelner’ Fürsten? Gibt es insbesondere solche Prophezeiungen für den jetzigen Weltkrieg, seinen Ausbruch, Verlauf und sein Ende? (Okkul­tistische Prophezeiungen, Nostradamus, Lelminische Weissagung, Birkenbaumsage, astrologische Berech­nungen, Zahlenspielereien, Offenbarung Johannis, Buch Daniel usw.)

B. Den einzelnen Soldaten betreffend.

  • Wie faßt der Soldat den Krieg auf (z. B. als Straf­gericht Gottes; als Vorboten des Weltendes und des Antichrists usw.), und zeigen sich dabei Unter­schiede je nach Religion und Konfession?
    Hat dieser Glaube durch die lange Dauer des Krieges zugenommen oder abgenommen, und ist er je nach Religion und Konfession stärker’ oder schwächer?
  • Welche Bräuche sind bei der Ausmusterung im Frieden und im Kriege üblich? (Bänder- und Blumen­schmuck, Trunk, Umzug usw.)
  • Welche Mittel werden angewandt, um sich dem Kriegsdienst zu entziehen? (Trägt man z. B. Kirchhofserde, Hasenpfoten, Trauring der Mutter, Glückshaube usw. im Sack, ißt man Menschenfett, wischt man sich das Gesicht mit einem Leichen­tuch u. dergl.?)
  • Gibt es Vorzeichen, welche das Schicksal des Soldaten im Felde andeuten, insbesondere seine Verwundung, seinen Tod oder seine Gefangen­nähme? (Zweites Gesicht, Träume, Tiere, Unglücks­tage.)
  • Prophezeiungen betreffend das Schicksal des Soldaten (Handlesekunst, Kartenlegen, aus Kaffee­satz, Erbbibel oder Erbsieb). Besonders wertvoll sind Angaben über Befragung, von Berufswahrsagern und die von diesen befolgte Methode.
  • Welche Dinge, Handlungen oder Worte ziehen im Kampfe die Gefahren an? (Spielkarten? Erkennungs­marke? Fluchen?)
  • Gelten bestimmte Personen als unverwundbar (kugel-, hieb- und stichfest)? (Weshalb? Wer?)
  • Gibt es zauberhafte Mittel zur Schädigung des Feindes (Bannen und Hemmen, Blenden, Verwirren) und seiner Waffen?
  • Mit welchen Mitteln glaubt man sein eigenes Leben zu schützen? Werden Gegenstände zum Schutze getragen? (Münzen, Amulette, geweihte Gegenstände, Tiersteine und sonstige Teile von Tieren, Farnkrautsamen, Springwurzel, Allermanns­harnisch, Nabelschnur, Nachgeburt, feindlicher’ Uni­formknopf, Kugel aus dem Leib eines Erschossenen, Strick eines Erhängten usw.?) Für eingehende Beschreibung oder Photographie, allenfalls, wenn erhältlich, für die Einsendung des Gegenstandes selbst wären wir sehr dankbar.
    Sucht man Schutz durch magische Zettel und Sprüche, sog. Himmels- oder Schutzbriefe? (Wortgetreue Abschrift und Angaben über ihre Ver­breitung und Herkunft, ob gedruckt gekauft oder irgendwo abgeschrieben, und wie man es sich er­klärt, wenn ihr Träger doch fällt, sind dringend erwünscht!) Kommen Besprechungen, Teufels­beschwörungen, Blutverpflöckung usw. vor?
  • Welche Mittel wendet man an, um sicher zu treffen? Kommen Schießzauber und Kugelsegen (Angabe des Wortlautes) vor?
  • Was für volksmedizinische Mittel zur Wundheilung, gegen Krankheit, zur Vertreibung von Ungeziefer usw. werden angewendet?
  • Was wurde in den okkupierten Gebieten bei der Bevölkerung über solchen Brauch und Glauben be­obachtet? — Was bei den Kriegsgefangenen?
  • Was für Schlacht- und Kriegssagen erzählt man sich (im allgemeinen und im besondern aus dem heutigen Kriege)? Berichtet man von Geister­kämpfen, Mithilfe von Geistern, wie Jeanne d’Arc in Frankreich?

Antworten und Anfragen bittet man zu richten an das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg i. Br.

Hier der Text (ohne Anmerkungen) als pdf.

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