Claus Westermann, Kirchengeschichte und Geschichte Israels: „In der Kirchengeschichte dagegen und in deren Darstellungen tritt das Segenswirken Gottes und damit sein Schöpferwirken zurück, wenn es nicht ganz fehlt. In einem allmählichen Prozeß einerseits der Indivi­dualisierung und Vergeistigung, andererseits der Institutionalisierung haben die Kirchen des Abendlandes die Verbindung mit dem Segens­wirken Gottes und seinem Wirken als Schöpfer weitgehend verloren.“

Kirchengeschichte und Geschichte Israels

Von Claus Westermann

Nach dem Verhältnis der Kirchengeschichte zur Geschichte Israels ist bisher noch nicht gefragt worden. Es handelt sich bei beiden um theo­logische Disziplinen; beide sind sie direkt oder indirekt auf die Bibel bezogen. Wie verhält sich das Verständnis von Geschichte in der einen zu dem in der anderen Disziplin?

I.

Für die Geschichte Israels und die Kirchengeschichte stehen Gegen­stand und Aufbau fest: Gegenstand ist der in ihnen gemeinte Zeitraum bezogen auf die Geschichte eines Volkes bzw. auf die religiöse Insti­tution christliche Kirche bzw. Kirchen. Der Aufbau ergibt sich aus den zeitlichen Abschnitten dieses Zeitraumes.

Beide sind theologische Disziplinen; der Bezug auf das Reden von Gott (= Theolo­gie) aber ist verschieden. Die Darstellung der Geschichte Israels im Alten Testa­ment ist bestimmt von einem direkten Einwirken Gottes. Gott redet und handelt durch die ganze Geschichte hindurch; für die Kirchengeschichte liegt dieses direk­te Einwirken Gottes in der Vergangenheit, die »Heilsgeschichte« ist abge­schlossen mit dem Abschluß in der Bibel. Daraus ergibt sich ein Unterschied im theolo­gischen Charakter der beiden Disziplinen: Die Dokumente, auf die sich die Ge­schichte Israels bezieht, sind ein Teil des Kanons der Bibel, die Dokumente, auf die sich die Kirchengeschichte bezieht, stehen außerhalb der Heilsgeschichte, sind aber eng auf das Neue Te­stament bezogen als die Gründungsurkunde der Kirche. Ganz offen aber ist die Frage, ob in der Geschichte der Kirche eine »Geschichte des Volkes Gottes« weitergeht, von der das Alte Testament berichtet. Der Ge­schichte Israels und der Kirchengeschichte ist gemeinsam, daß beide Historie im Sinn der modernen Geschichtsschreibung sein wollen; gemeinsam ist ihnen auch, daß sie beide theologische Disziplinen sind. Wie sich aber beides zueinander ver­hält, bleibt weitgehend offen. Dies soll an einigen Punkten dargestellt werden.

II.
Die Stellung zur politisch-militärischen Macht

In der Geschichte Israels, die Geschichte im umfassenden Sinn ist und als solche dargestellt wird, wurde von der Landnahme an über die Zeit der Richter und die Königszeit die politisch-militärische Macht des Volkes Israel vorbehaltlos bejaht und theologisch begründet. Jahwe ist der in den Kriegen für Israel Handelnde, er bewirkt die Rettung des Volkes vor seinen Feinden.

Dies gilt und wird nicht bestritten für den Hauptabschnitt der Ge­schichte Israels bis zum politischen Zusammenbruch von 587. Mit diesem Zusammenbruch tritt ein grundlegender Wandel ein: Er wird als Gericht Gottes über sein Volk verstanden und bejaht. Er hat die Ablösung der politischen Macht von der Geschichte des Gottesvolkes zur Folge, das jetzt »der Rest« ist. Diesem Rest wird Rettung und weitere Bewahrung verheißen, aber nicht die Rückgewinnung politi­scher Macht und Größe. Die Wandlung zeigt sich noch an einer an­deren Stelle: in der Klage des Restes. In der Geschichte des Volkes Israel steht die Verkündigung der Trostbotschaft Deuterojesajas gegen Ende des Exils als Vorblick auf die Befreiung eines Restes. Ihr gegen­über zu Beginn des Exils steht die Klage der gerade von dem Ver­nichtungsschlag Getroffenen in den Klageliedern (auf die sich Deuterojesaja mehrmals bezieht). In dieser Klage liegt das Gewicht nicht mehr, wie bei früheren Volksklagen, auf dem Verklagen der Feinde, sondern auf der Wir-Klage, die vor Gott gebracht wird, und zwar der Klage der Übriggebliebenen über das Leid der unschuldigen Opfer des Krieges bei der Eroberung Jerusalems, besonders der Mütter und Kinder. Zwischen dieser Klage beim Fall Jerusalems und der Ver­heißung der Rettung eines Restes, für den dann die Verbindung mit politischer Macht aufgehört hat, besteht ein Zusammenhang. Das Leiden der Unschuldigen bei der Eroberung einer Stadt wird wichtiger als die Vergeltung an den Feinden. Es ist dieses Leiden, das in den Klageliedern den kommenden Geschlechtern überliefert wird, daß es zu ihnen spreche, daß seiner gedacht werde.

Zu der Wandlung gehört beides: Rettung wird einem Rest ver­heißen, aber nicht die Wiederkehr politischer Macht und Größe. Und das andere: Das Leiden der Unschuldigen bei einer politischen Kata­strophe wird den kommenden Geschlechtern überliefert, daß sie es nicht vergessen. Wo diese Klage überliefert und gehört wird, müßte sie einen Einfluß auf die Einstellung zum Krieg in den christlichen Kirchen haben.

In der Linie dieser Wandlung zu einem »Rest« ohne politisch-militärische Macht liegen die Ursprünge und die Frühzeit der christ­lichen Kirche nach den Evangelien und der Apostelgeschichte: das Leiden und Sterben Jesu und die frühe Mission ohne jede Macht mit dem Martyrium in den Christenverfolgungen.

Sofern die Bibel als ganze Grundlage der Kirche ist. erhebt sich hier die Frage: Hat diese Wandlung auch für die Geschichte der christlichen Kirche eine Bedeutung? Müßte dann nicht die Verheißung eines Friedenskönigs, eines Königs ohne politische Macht zusammen mit der Verheißung der Rettung eines Restes ohne Verbindung mit politischer Macht gehört werden? Und daraus wäre zu folgern: Müßte dann nicht deutlicher herausgestellt werden, daß die Frühzeit der Kirchengeschichte in der Linie der Wandlung um 587 liegt, daß die Kirche aber vom Konstantinischen Zeitalter ab von dieser im Alten Testament und seinen Verheißungen vorgegebenen Linie abgewichen ist? Bejaht man das, dann wäre die Kirchengeschichte an diesem Punkt neu zu überdenken.

Die Bedeutung der biblischen Rede vom Schöpfer und von der Schöpfung

Ein anderer Komplex, bei dem es um das Geschichtsverhältnis geht, ist die Bedeutung der biblischen Rede vom Schöpfer und von der Schöpfung sowohl für die Geschichte Israels wie auch für die Kir­chengeschichte. Im Geschichtsverständnis des alten Israel ist das Wirken Gottes in der Geschichte noch fest mit dem Wirken des Schöp­fers verbunden, so daß sich beides nicht voneinander lösen läßt. Im »geschichtlichen Credo« 5. Mose 6 ist der rettende zugleich der seg­nende Gott; dies gilt sowohl bei der Rettung aus Ägypten und dem Weg durch die Wüste zusammen mit der Verheißung des guten Landes. Ebenso gilt es in der Verleihung des Segens im Land in allen Be­reichen des Lebens. Diese Verbindung bleibt durch die ganze Ge­schichte Israels erhalten, wie es die Lobpsalmen zeigen, in denen das Lob des Schöpfers zusammen mit dem Lob des Herrn der Geschichte ein festes Strukturelement bildet. In den Geschichtswerken ist das Volk Israel erwachsen aus der Familie; die Volksgeschichte geht aus einer Familiengeschichte hervor (Genealogien) und die Familie, der das Segenswirken Gottes zugrunde liegt, bleibt durch die Geschichte hindurch die Grundform der Gemeinschaft, die das Volk trägt. Wäh­rend des Exils sind es die Familien, die die Traditionen des Volkes und seines Glaubens durchhalten. Im Gottesdienst ist ein tragendes Element der Segen, der den Menschen als Gliedern der Schöpfung und mit der Schöpfung zusammen (das Segnen des Landes) erteilt wird. Eine Geschichte Israels, die diesen Aspekt nicht einbezieht, ist schwer denkbar.

In der Kirchengeschichte dagegen und in deren Darstellungen tritt das Segenswirken Gottes und damit sein Schöpferwirken zurück, wenn es nicht ganz fehlt. In „einem allmählichen Prozeß einerseits der Indivi­dualisierung und Vergeistigung, andererseits der Institutionalisierung haben die Kirchen des Abendlandes die Verbindung mit dem Segens­wirken Gottes und seinem Wirken als Schöpfer weitgehend verloren.

Daß die Kirche im Verlauf ihrer Geschichte hier wirklich etwas verloren hat, zeigt sich besonders an zwei Stellen: einmal im Auf­treten des Franz von Assisi, dessen Gestalt, Reden und Wirken so deutlich wie nur möglich auf diesen Verlust aufmerksam gemacht hat, einen Verlust, den die offizielle Kirche, auch Thomas von Aquin in seinem großen Werk, nicht bemerkt hat.

Die andere Stelle: Wie sehr bei der einseitigen Isolierung des zwei­ten und dritten Glaubensartikels in den reformatorischen Kirchen der Neuzeit der erste seine Bedeutung und Wirksamkeit verloren hatte, zeigt das Kirchenlied und die Kirchenmusik. Denn in den Kirchen­liedern, im Gotteslob der einfachen Menschen wird das Wirken des Schöpfers und sein segnendes Wirken bewahrt, nicht in der wissen­schaftlichen Theologie.

Was die Kirche hier verloren, was sie versäumt hat, darauf wird sie jetzt erst von außen gestoßen durch die Zerstörung der Natur, der die Kirchen eine lange Zeit nur zugesehen haben und zu der sie nichts zu sagen halten.

An diesem Punkt wird es ganz besonders darauf ankommen, ob die christlichen Kirchen zu der Erkenntnis kommen, daß hier ein Fehlweg gegangen wurde, weil ihre Grundlage nicht mehr die ganze Bibel war und das Wirken des Schöpfers und des segnenden Gottes in der Ge­schichte der Kirche in seiner Bedeutung gegenüber der Geschichte des alten Gottesvolkes nicht mehr genügend beachtet wurde. Nur ein grundlegendes Umdenken kann hier eine Wendung herbeiführen.

III.

Ich habe nur an zwei Beispielen gezeigt, daß das Verhältnis der Kirchengeschichte zur Geschichte Israels neu überdacht werden sollte. Dazu würde gehören, daß der Gebrauch des Wortes Geschichte hier und dort verglichen wird und damit zugleich das Verständnis des Ge­schichtsbegriffes. Es wäre zu fragen, ob beides hier wie überhaupt reflektiert worden ist und ob seit dem Aufkommen des aufgeklärten Begriffes der Historie Wandlungen im Geschichtsverständnis bei den beiden Disziplinen festzustellen sind.

Dazu würde weiter gehören, daß nach Vorgängen gefragt wird, die einen Vergleich zwischen beiden ermöglichen. Ein solcher Vorgang sind Reformen. Es hat in der Geschichte Israels und in der Geschichte der Kirche Reformen gegeben. Welche waren ihre Motive? Von wem und wie wurden sie durchgeführt, welchen Erfolg hatten sie?

Ein anderer paralleler Vorgang ist das Eingreifen politischer Herr­scher in religiöse Institutionen, in religiöses Handeln und Denken. Z. B. gibt es den Grundsatz »Cuius regio eius religio« in der Geschichte Israels und in der Kirchengeschichte. Wie wirkt er sich hier und dort aus, wie wurde er hier und dort vom Wort Gottes her begründet? Wo und wie wurde ihm widerstanden? Ein weiterer Vorgang ist die Be­deutung und der Einfluß kultureller Vorgänge und kultureller Wand­lungen auf die Geschichte Israels und auf die Geschichte der Kirche. Was hat für die Geschichte Israels die Erfindung der Schrift bedeutet, die Erfindung des Buchdruckes für die Kirchengeschichte? Lohnend wäre auch ein Vergleich der Kunst und ihrer Bedeutung in der Ge­schichte Israels und in der Geschichte der Kirche. Wie verhalten sich das Teilhaben des Volkes Israel an einer internationalen Weisheit und der umfassende Einfluß griechisch-römischer Weisheit (Philosophie) auf die Geschichte der christlichen Kirche zueinander? Man könnte noch vieles andere nennen. Auf der Grundlage dieser und weiterer Erwägungen in dieser Richtung kann dann erst die Frage nach dem Verhältnis der Kirche zur jüdischen Synagoge vom Urchristentum an bis zur Gegenwart gestellt werden.

Wenn heute die Frage nach einer biblischen Theologie immer mehr Beachtung findet, wäre es wohl auch Zeit für die Einsicht, daß das bloße Nebeneinanderherlaufen einer Geschichte Israels und einer Geschichte der Kirche für eine notwendige Konzentration der Theolo­gie nicht mehr ausreicht.

Quelle: Rüdiger Liwak/Siegfried Wagner (Hrsg.), Prophetie und geschichtliche Wirklichkeit im alten Israel. Festschrift Siegfried Hermann, Stuttgart u.a. 1991, S. 425-428.

Hier der Text als pdf.

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