Martin Luthers Sendbrief an Hartmut von Cronberg zum Trost an die Verfolgten (1522): „Sie drohen uns mit dem Tod. Wenn sie so klug wären, wie sie töricht sind, sollten sie uns mit dem Leben drohen. Es ist ein törichtes, schimpfliches Drohen, Christus und seine Christen mit dem Tod schrecken zu wollen, wo sie doch Herren und Besieger des Todes sind.“

Sendbrief an Hartmut von Cronberg (1522)

Von Martin Luther

Ein Missive allen denen, die wegen des Wortes Gottes Verfolgung leiden an Hartmut von Cronberg geschrieben

JESUS

Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus sei Euch gewünscht, gnädiger Herr und guter Freund in Christus! Ich habe zwei Eurer Schrif­ten, eine an die Kaiserliche Majestät, die andere an die Bettelorden gerichtet, mit großer Freude kennengelernt und sie gelesen. Meinem Gott danke ich für die Gnade und Ga­be, die Euch gegeben ist an Erkenntnis der christlichen Wahrheit, dazu auch die Lust und tätige Liebe zu ihr. Denn man spürt wohl, daß Eure Worte aus Herzensgrund und Leidenschaft quellen, und sie beweisen, daß nicht wie in vielen das Wort Christi allein auf der Zunge und in den Ohren schwebt, sondern wirklich und ganz tief im Herzen wohnt. Derart, daß es Euch seine Art gegeben hat und Euch so kühn und ohne Scheu macht, dasselbe zu preisen und zu bekennen: nicht allein mit dem Mund, sondern auch mit der Tat und mit Schriften für und gegen alle Welt, vor allem gegen solch hohe und kluge Geister. Wie groß aber und überschwenglich solche Gabe ist, kann niemand hinrei­chend ermessen, es sei denn der, der den Geist hat, der uns kund tut, was uns gegeben ist, und uns lehrt, Geistliches mit Geistlichem zu vergleichen, wie Paulus sagt 1Kor 2,14: »… denn es geht nicht zu Herzen dem natürlichen Menschen«.

Darum habe ich es nicht unterlassen wollen, Euch mit dieser Schrift im Geist zu besuchen und Euch meine Freude mitzuteilen. Denn das kann ich ohne jede Verstellung offen rühmen: Es kränkt und betrübt mich nicht so sehr, daß mich der Papst zusammen mit aller Welt verdammt und verfolgt, wie es mich überaus stärkt und erfreut, wenn ich höre, daß ein Mensch die geliebte Wahrheit ergreift und preist. Wieviel mehr aber tröstet mich das, erfahren zu ha­ben und täglich zu erfahren, daß sie bei Euch und Euresglei­chen so von Herzen erkannt und frei bekannt wird. Das tut Gott mir auch aus Gnaden zum Trost, damit mein Glaube desto stärker werde und ich nicht lauter Betrübnis habe, wenn er mich sehen läßt, daß sein Wort nicht vergeblich ausgeht, wie er durch Jes 55,11 sagt. Wiederum, daß sich dagegenstellt alle Welt, sagt er auch bei Mt 24,9: »Ihr müßt allen Menschen verhaßt sein um meines Namens willen.« Mit dem göttlichen Wort verhält es sich so, daß es von den wenigen mit ganzem Herzen empfangen und von den vielen aufs allergrausamste verfolgt wird. Wölfe, Bären und Lö­wen verfolgen es nicht, sondern Menschen, spricht Chri­stus. Was ist es da noch verwunderlich, daß die Welt voll Menschen, das ist voll Verfolger Christi ist? Was ist die Welt als lauter Menschen? Das Wort aber macht aus Menschen Götter, wie Ps 82,6 sagt: »Ich habe gesagt, ihr seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten«, welches Christus Joh 10,35 selbst auslegt und spricht: »Die Schrift nennt Göt­ter die, an welche das Wort Gottes ergangen ist« und Joh 1,12: »Er hat denen Macht gegeben, Gottes Kinder zu wer­den, die da glauben an seinen Namen.« So bleibt es: Was »Mensch« ist, das verfolgt Gottes Wort und Gottes Kinder.

Es liegt in der Natur des teuren Wortes, daß es einen wahren Heißhunger und einen unstillbaren Durst hervor­ruft. Wir können nicht satt werden, selbst wenn viele tau­send Menschen an das Wort glaubten, sondern wir wünsch­ten, daß überhaupt niemand es entbehren müßte. Solcher Durst ruht und vermindert sich nicht und treibt uns zu re­den, wie David Ps 116,10 spricht: »Ich bin gläubig gewor­den, darum rede ich«, »und wir haben« – sagt St. Paulus 2Kor 4,13 – »denselben Geist des Glaubens, darum reden wir auch«, bis daß wir jedermann in uns aufnehmen und mit uns gleichen Wesens machen, wenn es möglich wäre. Aber dieser Durst hat nicht nur oft keinen Erfolg mit seinen Re­den, sondern wird auch mit Galle und Essig getränkt wie Christus am Kreuz (Mt 27,34). Solchen Durst hatte St. Pau­lus Apg 26,29, wo er wünscht, daß jedermann wäre wie er selbst, nur nicht gefangen. Röm 9,3 wünscht er, von Chri­stus verbannt zu sein um seiner Brüder, der Juden, willen. Seht, solchen Durst nach Seligkeit für die Brüder habt Ihr nun auch empfangen als sicheres Zeichen eines echten, wah­ren Glaubens. Was fehlt nun noch, als daß ihr der Galle und des Essigs gewärtig sein müßt, das ist Verlästerung, Schmach und Verfolgung wegen Eurer von solchem Durst erfüllten Rede! Es ist nun einmal nicht anders, wo Christus ist, da müssen Judas, Pilatus, Herodes, Kaiphas, Hannas sein, dazu auch sein Kreuz, oder es ist nicht der rechte Chri­stus.

Daher bekümmern uns auch nicht unsere Trübsal, son­dern das Schicksal der Verfolger bereitet uns Schmerzen. Wir haben nämlich genug für uns und sind gewiß, daß sie uns keinen Schaden zufügen können, sondern je mehr sie toben, desto mehr müssen sie sich selbst verderben und uns fordern. Wie St. Paulus sagt Phil 1,28: »Denn wer mag uns ein Leid tun, wenn wir einen solchen Herrn haben, der den Tod und aller Widersacher Leben in seiner Hand hat und uns so tröstlich in unser Herz spricht«; Joh 16,33: »Seid getrost! Ich habe die Welt überwunden.« Sie drohen uns mit dem Tod. Wenn sie so klug wären, wie sie töricht sind, sollten sie uns mit dem Leben drohen. Es ist ein törichtes, schimpfliches Drohen, Christus und seine Christen mit dem Tod schrecken zu wollen, wo sie doch Herren und Besieger des Todes sind. Das ist so, als wenn ich einen Mann damit schrecken wollte, daß ich ihm sein Roß aufzäumte und ihn darauf reiten ließe. Aber sie glauben nicht, daß Christus von den Toten auferstanden und ein Herr über Leben und Tod ist. Er ist bei ihnen noch im Grab, ja noch in der Hölle. Wir aber wissen es und beharren kühn darauf, daß er auferstan­den ist und der Tod nichts mehr ist als ein Ende der Sünde und seiner selbst. Denn das fleischliche Leben klebt noch an und in den Sünden und kann wegen des Fleisches nicht ohne Sünde sein. Darum ruft der Geist, der anfangsweise in uns vorhanden ist: Komm, Tod und Jüngster Tag, und mache mit beiden, der Sünde und dem Tod, ein Ende! Amen. Wie St. Paulus Röm 7 und 8 schreibt.

Solche Freude und Kühnheit in Christus erkennen die elenden Feinde nicht und zürnen mit uns, weil wir ihnen davon erzählen und sie ihnen anbieten, ja sie wollen uns um des Lebens willen töten. Ach Gott, die machtvolle Auferstehung Christi ist ja eine um viele Male größere Widersetz­lichkeit, als daß er sich scheu und feige machen lassen sollte durch die augenblickliche Gewalt ihrer strohernen und pa­pierenen Tyrannei. Einer von ihnen ist besonders die Was­serblase N.[1] Er trotzt dem Himmel mit seinem dicken Bauch und hat dem Evangelium abgesagt. Er hat auch vor, Christus zu fressen wie der Wolf eine Mücke. Er bildet sich auch ein, er habe ihm schon eine nicht kleine Schramme in den linken Sporen gebissen und tobt mehr als die anderen. Ich habe zwar aus ganzem Herzen für ihn gebetet, und sein fürchterlicher Angriff hat mir sehr leid getan, aber ich fürchte, es lastet auf ihm sein seit langem verdientes Urteil. Ich bitte Euch, ihn mit den Euren auch im Gebet dem Herrn anzubefehlen – wie wir denn schuldig sind, den Widersa­chern von Herzen geneigt zu sein, mögen sie es auch nicht leiden wollen, daß man ihnen wohltut -, damit er dereinst aus des Drachen Maul errettet werde (Off 12,17) und statt eines Saulus einen Paulus abgeben möchte (Apg 9,1ff); denn mit solch elender Leute Verderben ist uns nichts ge­holfen. Ich wollte Euch wohl ermahnen, daß Ihr im glei­chen Sinn an ihn schreibt, wollte aber auch nicht gern das Heiligtum vor die Hunde und die Perlen vor die Säue wer­fen lassen (Mt 7,6); denn da ist kein Hören noch Bedenken, so daß ich nichts für ihn zu tun weiß, als zu beten. Er verdirbt viele Seelen und sammelt sich einen großen Vorrat auf den Tag des Zorns. Doch ich stelle das Eurem Geist anheim. Wir werden doch leben, mögen sie uns töten oder alles Unglück antun.

Aber noch etwas Härteres ist jetzt vor kurzem gegen un­seren Glauben gestürmt. Satan, der sich immer unter die Kinder Gottes mengt, hat uns, vor allem mir, ein feines Spiel zu Witten­berg angerichtet und den Widersachern ein­mal ihre Streitsucht gegen uns befriedigen und sie das Maul weit aufreißen lassen, um das Evangelium zu schmähen. Alle meine Feinde samt allen Teufeln, so nahe sie mir – oft – gekommen sind, haben mich doch nicht getroffen, wie ich jetzt von den Unseren getroffen worden bin und ich muß bekennen, daß mich der Rauch übel in die Augen beißt und es mich sehr im Herzen reizt. »Hier will ich«, – dachte der Teufel »dem Luther das Herz nehmen und ihm seinen unbeugsamen Geist matt machen; den Griff wird er nicht verstehen noch überwinden«. Wohlan, ich denke, ob sol­ches nicht auch zur Strafe für einige meiner vornehmsten Gönner und für mich geschehe. Für meine Gönner darum: denn obwohl sie glauben, Christus sei auferstanden, tappen sie doch noch mit Magdalena im Garten nach ihm, und er ist ihnen noch nicht zum Vater aufgefahren (Joh 20,16f). Für mich aber darum: daß ich zu Worms mit Rücksicht auf gute Freunde, um nicht als zu unnachgiebig angesehen zu wer­den, meinen Geist dämpfte und nicht härter und unbeding­ter mein Bekenntnis vor den Tyrannen tat, obwohl mich doch diese ungläubigen Heiden seit damals als hochmütig bei meinen Antworten beschimpft haben. Sie richten, wie Heiden – die sie sind – richten dürfen, die niemals Geist noch Glauben verspürt haben. Mich hat diese meine Demut und Ehrerbietung vielmals gereut.

Es sei dem aber, wie es wolle, es sei gesündigt oder recht getan, trotzdem unverzagt und unerschrocken! Denn wie wir auf unser Rechttun nicht trotzig bestehen, also verzagen wir auch nicht angesichts unserer Sünden. Wir danken aber Gott, daß unser Glaube höher ist als Rechttun und Sünde. Denn der Vater aller Barmherzigkeit hat uns aufgegeben, nicht an einen hölzernen, sondern an einen lebendigen Chri­stus zu glauben, der ein Herr über Sünde und Unschuld ist, der uns auch aufrichten und erhalten kann, ob wir gleich zu jeder Stunde in tausend und abertausend Sünden fielen; dar­an gibt es für mich keinen Zweifel. Und wenn es der Satan noch höher und noch ärger versuchte, so soll er uns doch nicht eher müde machen, außer er fange denn etwas an, womit er Christus von der rechten Hand Gottes hernieder­reißen könnte. Weil Christus aber droben sitzen bleibt, wol­len wir auch Herren und Junker bleiben über Sünde, Tod, Teufel und alle Dinge; da darf uns nichts abhalten. Wir wissen, daß der stark und treu genug ist, der ihn von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten gesetzt hat, ein Herr zu sein über alle Dinge, ohne Zweifel auch über Sünde, Tod, Teufel und Hölle, geschweige denn über die papistischen Schweinsblasen mit ihren drei klappernden Erbsen darin. Den Mut sollen sie uns nicht nehmen. Solange uns aber der Mut bleibt, wollen wir sie fröhlich verachten und zusehen, ob sie uns diesen Christus so leicht, wie sie mei­nen, verschlingen und einen anderen an seine Stelle setzen können, von dem der Vater nichts weiß. Darum hoffe ich, dieser Christus soll uns in diesem Kampf, und wenngleich noch ein ärgerer erstünde nach diesem, nicht allein wieder als gerecht erweisen, sondern ihn auch zu förderlichem Nutzen wenden nach dem überschwenglichen Reichtum seiner Weisheit und Güte, besonders wenn Ihr auch mit Gebet und Vertrauen helft. Es ist unsere Sache noch nicht so weit gefallen, wie sie zu Christi Zeiten fiel, als ihn auch Petrus selbst verleugnete (Mk 14,66ff) und alle Jünger von ihm flohen (Mk 14,50) und Judas ihn verriet und fing (Mk 14,43ff). Und selbst wenn sie so weit fiele, dennoch soll sie nicht verloren gehen und unser Christus nicht verwesen. Ich weiß aber und bin sicher, daß solches und was dergleichen geschehen mag, darum geschieht, damit für alle eine Erpro­bung und Prüfung aufgerichtet wird, woran die Starken bewährt, die Schwachen gestärkt, die Bewährten gepriesen, die Falschgläubigen offenbar, die Feinde aber und die nicht wert sind, daß sie es als Gottes Wort erkennen und festhal­ten, geärgert und verstockt werden sollen, wie sie es ver­dient haben.

Denn Ihr wißt, daß die Sünde zu Worms, wo die göttliche Wahrheit so kindisch verschmäht, so öffentlich, mutwillig und wissentlich ohne Anhören verdammt wurde, freilich eine Sünde der ganzen deutschen Nation insgesamt ist. Des­halb, weil die Häupter solches taten und niemand Einspruch erhoben hat, wodurch die Schuld bei Gott so groß ist, daß sie es rechtfertigen würde, wenn er das teure Wort ganz aufhöbe oder ein solches Ärgernis entstehen ließe, daß es kein Mensch für Gottes Wort hielte und sie es verdienterma­ßen lästern und verfolgen müßten wie Teufelslehre, nach­dem sie es zuvor aus lauter frevlerischem Mutwillen ver­leugnet und verdammt haben. Ja leider, mein teurer Hart­mut, solches Verdienst hat die deutsche Nation, um dem Papst zu dienen, auf dem unseligen Reichstag auf sich gela­den. Und die jetzt so gegen uns toben und verstockt sind, haben es dortmals so verschuldet, als sie das Rädlein trieben und die Würfel in der Hand hatten und sich dünken ließen, sie könnten ihr Spiel treiben und Christus sähe sie nicht. O schrecklicher und ernster Richter, wie verborgen (Röm 11,33) oder gar fürchterlich sind deine Gerichte! Wie gewiß und selbstsicher ist der Pharao allezeit, ehe ihn das Rote Meer ersäuft (2 Mos 14,27f), und sieht nicht, daß eben seine Sicherheit der gerechte, ernste Zorn Gottes über ihn ist! O wie unerträglich ist für Gott die Schmähung seines kostba­ren Wortes, das er sich sogar das Blut seines liebsten Kindes hat kosten lassen, und die Menschen sitzen und wiegen sich hin und her und lächeln, wenn sie es verdammen und ver­folgen.

Ebenso geht es, wie wir sehen, auch den Juden. Als sie Gottes Sohn mutwillig verdammten, wurden sie einem so gründlich verstockten Sinn anheimgegeben, daß sie aufs al­lersicherste und keckste ihn lästern und damit nicht aufhö­ren können. Sie erfüllen die Schrift Ps 109,17: »Er wollte den Segen nicht, darum soll er fern genug von ihm kom­men. « So ist unseren Papisten auch geschehen: sie wollten zu Worms Christus auch hassen und lästern, nun ist es ihnen gegeben, daß sie nicht aufhören können zu hassen und zu lästern, so daß keine Bitte noch Vermahnung hilft, sondern sie davon nur ärger werden. Recht ist dein Gericht, himmli­scher Vater! Das heißt, meine ich, den richtigen Sankt Veits­tanz haben. Gott ist mein Zeuge, daß ich in meinem Her­zen die eine Angst und Sorge habe: wenn nicht der Jüngste Tag das Spiel unterbricht, werde Gott sein Wort aufheben und der deutschen Nation solche Blindheit senden und sie so verstocken, daß es mir grauenhaft ist, daran zu denken. Herr, himmlischer Vater, laß uns in alle Sünde fallen, wenn wir je sündigen müssen, bewahre uns aber vor Verstockung und halte uns fest bei dem und in dem, den du zu einem Herrn über Sünde und Unschuld gesetzt hast, daß wir den­selben auch nicht verleugnen noch aus den Augen lassen; dann wird uns freilich alle Sünde, aller Tod, alle Hölle nichts tun! Ach, was sollte uns etwas tun?

Doch sollten wir Gott aus ganzem Herzen dafür danken, daß er sich noch dahin auslegen läßt, als wollte er das heilige Wort noch nicht aufheben, indem er Euch und anderen ei­nen friedfertigen Geist und Liebe dazu geschenkt hat. Denn das ist ein Zeugnis, daß ihr nicht um der Menschen willen, sondern um des Wortes selbst willen glaubt. Es gibt viele, die um meinetwillen glauben. Aber jene sind allein die Rechtschaffenen, die dabei bleiben, selbst wenn sie hörten, daß ich es selber – was Gott verhindern möge – verleugnet und mich von ihm weggewendet hätte. Das sind die, die nicht danach fragen, was sie an Bösem, Fürchterlichem, Schändlichem von mir oder von den Unseren hören. Denn sie glauben nicht an den Luther, sondern an Christus selbst. Das Wort hat sie, und sie haben das Wort; den Lu­ther lassen sie fahren, er sei ein Spitzbube oder ein Heili­ger. Gott kann sowohl durch Bileam als auch durch Jesa­jas, durch Kaiphas als auch durch Petrus, ja durch einen Esel reden (4Mose 22,21ff). Mit denen halte ich es auch; denn ich kenne selbst auch nicht den Luther, will ihn auch nicht kennen. Ich predige auch nichts von ihm, sondern von Christus. Der Teufel mag ihn holen, wenn er kann; er lasse aber Christus mit Frieden bleiben, so bleiben wir auch wohl.

Darum soll nun unsere Sorge sein, daß wir Gott, dem Vater aller Barmherzigkeit und des Trostes (2Kor 1,3), dankbar sind und uns hinfort darauf gründen, daß unser Glaube nicht in den Worten, sondern in der Kraft besteht. Denn St. Paulus spricht 1Kor 4,20: »Das Reich Gottes be­steht nicht in dem Wort, sondern in der Kraft.« Es ist nicht genug, daß wir schön davon reden und schreiben können, sondern das Leben und die Tat müssen Zeugnis von der Wahrheit geben, indem wir unsere Liebe und unser Recht­tun gegenüber Freunden und Feinden erweisen. So sollen wir nun fürs erste bitten, daß Gott uns und den Unseren Stärke gebe mehr und mehr und sein liebes Kind Jesus groß mache in unseren Herzen von Tag zu Tag, daß wir ihn mit aller Entschlossenheit und Kühnheit loben, preisen und bekennen können vor den verstockten und verblende­ten Hirten dieser ungeschlachten und halsstarrigen Sekte der Papisten, danach diese Schuld der ganzen deutschen Nation tragen helfen und bitten, daß Gott die Untugend des bösen Haufens nicht ansehen, noch ihre Bosheit die ar­men Seelen entgelten lassen wolle. Und er möge das heil­same Wort, das so lange Zeit unterdrückt war, nicht wie­der entziehen und den Antichrist nicht wieder einziehen lassen, sondern möge doch wenigstens, wie der König Hiskia bat (2Chron 32,20 u. Jes 39,8), zu unseren Zeiten Friede und Wahrheit sein lassen! Fürwahr, solche Bitte und Sorge tut not.

Denn ich fürchte, die deutsche Nation treibt es zu arg, so daß es uns zuletzt gehen wird, wie im 2. Buch der Chronik am Schluß (36,16) geschrieben steht, daß sie die Propheten so lange töteten, bis Gott sie preisgab und keine Hilfe mehr da war. So fürchte ich leider, er wird der deutschen Nation zuletzt auch ihren Lohn geben. Sie hat zu Konstanz zuerst das Evangelium verdammt und unschuldiges Blut umge­bracht mit Johannes Hus und Hieronymus, danach zu Worms und zu Heidelberg mit Dramsdorf und etlichen mehr. Desgleichen zu Mainz und zu Köln; der ganze Rheinstrom ist blutig und will sich noch nicht reinigen las­sen von dem Blutvergießen, sondern feiert die Christen­mörder, die Ketzermeister ohne Aufhören, bis Gott herein­platzt und gar keine Hilfe mehr da ist. Sie versucht Gott zu oft. Jetzt ist mit mir das Wort abermals zu Worms ver­dammt, und obgleich sie mein Blut nicht vergossen haben, hat es doch nicht an ihrem vollen und ganzen Willen dazu gefehlt, und sie morden mich noch unaufhörlich in ihrem Herzen. Du unselige Nation, mußt du denn vor allen ande­ren des Antichrists Kerkermeister und Henker sein über Gottes Heilige und Propheten?

Seht, wie bin ich breit und überfließend mit den Worten geworden! Das macht der Glaube an Christus, der mich so in Schwung gebracht hat aus Freude über Euern Glauben und Euer mutiges Bekenntnis. Johannes muß ähnlich sprin­gen im Mutterleib (Lk 1,41), wenn Christus zu ihm kommt, wie Ihr denn seht, daß er durch Eure Schrift zu mir gekommen ist. Wollte Gott, er käme auch so zu Euch durch diese meine Schrift und macht, daß nicht allein Johannes, sondern auch Elisabeth und das ganze Haus fröhlich und voll Geistes würde und bliebe, nicht allein drei Monate, sondern ewiglich.8 Das gebe Gott, der Vater aller Barmher­zigkeit! Amen.

Von mir habe ich nichts Besonderes an neuen Nachrich­ten, als daß ich mich jetzt nach Wittenberg aufgemacht ha­be, damit ich den Teufel durch Christi Gnade wieder etwas sehen lassen kann. Wie lange ich da bleiben werde, weiß ich nicht. Ich habe mir auch vorgenommen, die Bibel zu ver­deutschen. Das ist mir nötig gewesen; ich hätte sonst wohl in dem Irrtum sterben müssen, ich sei gelehrt gewesen. Es sollten solche Aufgabe gerade die tun, die sich einbilden, gelehrt zu sein. – Ich habe Herm Franz von Sickingen das Büchlein von der Beichte gewidmet, von dem ich hoffe, es sei Euch zugekommen, dazu anderes, was sonst zur Zeit von mir gedruckt ausgegangen ist; denn ich habe es nicht zuschicken können. Jetzt kommt ein Stück der Postille über die Evangelien und Episteln heraus; wenn dieses fertig ist, hoffe ich, daß ein Christ darin finden kann, was er wissen muß. Grüßt alle unsere Freunde im Glauben, Herm Franz und Herrn Ulrich von Hutten und wer ihrer mehr sind. Gottes Gnade sei mit Euch! Amen.

Martinus Luther

WA 10 II, 53-60.

Martin Luther Die reformatorischen Grundschriften in vier Bänden, Bd. 4: Die Freiheit eines Christen, übertragen und kommentiert von Horst Beintker, München: dtv, 1983, S. 81-91.


[1] Gemeint ist Georg der Bärtige, Herzog von Sachsen.

Hier der Text als pdf.

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