Søren Kierkegaards Rede über Lukas 18,13 (Vom Pharisäer und Zöllner): „Wer nun allein mit seiner Schuld und Sünde weiß, dass er, wenn er die Augen aufschlüge, die Heiligkeit Gottes sieht, nichts an­deres, der lernt wohl die Augen niederschlagen.“

Rede über Lukas 18,13

Von Søren Kierkegaard

Gebet

Herr Jesus Christus, laß Deinen heiligen Geist uns recht er­leuchten und uns von unserer Sünde überzeugen, so daß wir gedemütigt, mit niedergeschlagenem Blick erkennen, daß wir weit, weit entfernt stehen und seufzen: „Gott sei mir Sünder gnädig“; dann aber laß Du durch Deine Gnade uns auch wider­fahren, was nach Deinem Wort jenem Zöllner widerfahren ist, der zum Tempel hinaufging, um zu beten: er ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.

Lukas 18,13: Und der Zöllner stand von ferne, und wollte auch die Augen nicht zum Himmel erheben, sondern schlug an seine Brust und sagte: „Gott sei mir Sünder gnädig!“

Andächtiger Zuhörer, die verlesenen heiligen Worte sind, wie du weißt, aus dem Evangelium vom Pharisäer und Zöllner: Der Pharisäer ist der Heuchler, der sich selbst betrügt und Gott betrügen will, der Zöllner der Aufrichtige, den Gott gerechtmacht. Aber es gibt ja auch eine andere Art Heuchelei: Heuchler, die dem Pharisäer gleichen, während sie doch den Zöllner zum Vorbild gewählt haben; Heuchler, die, nach dem Wort der Schrift vom Pharisäer, „auf sich selbst vertrauen, daß sie gerecht seien, und andere verachten“, während sie sich doch das Aus­sehen des Zöllners geben; Heuchler, die scheinheilig weit ent­fernt stehen (nicht wie der Pharisäer, der stolz für sich dastand), scheinheilig die Augen niederschlagen (nicht wie der Pharisäer, der stolz den Blick zum Himmel erhob), scheinheilig seufzen „Gott sei mir Sünder gnädig“ (nicht wie der Pharisäer, der stolz Gott dankte, daß er gerecht sei) — Heuchler, die, gleichwie der Pharisäer gotteslästerlich in seinem Gebet sagte: „Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie dieser Zöllner“, scheinheilig sagen: ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie dieser Pharisäer. Ach ja, es ist allerdings so: das Christentum kam in die Welt und lehrte Demut, aber nicht alle lernten vom Christentum Demut; die Heuchelei lernte die Maske verändern und blieb dieselbe, nein, wurde noch schlimmer. Das Christentum kam in die Welt und lehrte, daß du beim Gastmahl nicht stolz und eitel den obersten Platz suchen, sondern dich untenan setzen sollst — und bald saßen Stolz und Eitelkeit eitel zuunterst am Tisch, derselbe Stolz und dieselbe Eitelkeit, o nein, nicht dieselben, sie wurden noch schlimmer. So könnte man vielleicht meinen, daß es nötig sei, in Hinsicht darauf, daß die Heuchelei und der Stolz und die Eitelkeit und der weltliche Sinn das Verhältnis umkehren können, dieses und fast alle Evangelien umzukehren. Doch wie sollte das wohl helfen? Nur krankhafter Scharfsinn und eitle Klugheit können meinen, so klug zu sein, daß sie Mißbrauch durch Klugheit verhindern können. Nein, es gibt nur eins, das alle Hinterlist überwindet, mehr als überwindet und von An­fang an unendlich überwunden hat: die Einfalt des Evan­geliums, die einfältig sich gleichsam betrügen läßt und einfältig doch dabei bleibt, das Einfältige zu sein. Und auch dies ist das Erbauliche bei der Einfalt des Evangeliums, daß das Böse nicht die Macht über sie bekommen konnte, sie klug zu machen, oder die Macht über sie bekommen konnte, daß sie klug sein wollte. Wahrlich, das Böse hat schon einen, und einen sehr bedenklichen, Sieg errungen, wenn es die Einfalt dazu bewegt, daß sie klug sein will — um sich zu sichern. Denn gesichert, ewig gesichert ist die Einfalt nur, wenn sie sich einfältig betrügen läßt, wie klar sie auch den Betrug durchschaut.

So laß uns denn in den vorgeschriebenen kurzen Augenblicken einfältig den Zöllner betrachten. Er ist in allen Zeiten als das Vorbild eines aufrichtigen und gottesfürchtigen Kirchengängers hingestellt worden. Und doch scheint es mir, daß er denen, die zum Altar gehen, noch mehr bedeuten kann. Er, der sagte: „Gott sei mir Sünder gnädig“ — ist es nicht, als ginge er nun zum Altare hinauf! Er, von dem gesagt wird: „er ging gerecht­fertigt hinab in sein Haus“ — ist es nicht, als ginge er nun vom Altare heim!

Der Zöllner stand von ferne. Was will das sagen? Das will sagen: allein für sich stehend, allein mit sich selbst vor Gott stehend — so stehst du von ferne, weit entfernt von den Men­schen, und weit entfernt von Gott, mit dem du doch alleine bist. Denn im Verhältnis zu einem Menschen ist es so, daß du ihm am nächsten bist, wenn du mit ihm alleine bist—,sind andere dabei, so bist du ihm ferner; im Verhältnis zu Gott aber ist es so, daß es dir scheint, als wärest du ihm näher, wenn mehrere dabei sind, und erst wenn du buchstäblich allein mit ihm bist, entdeckst du, wie ferne du ihm bist. O, wenn du auch nicht ein solcher Sünder bist wie der Zöllner, den auch die menschliche Gerechtigkeit schuldig spricht: bist du mit dir selbst allein vor Gott, dann stehst du auch von ferne. Sobald ein anderer zwischen Gott und dir steht, scheint es dir zwar, als seist du nicht so weit entfernt; aber selbst wenn es so wäre, daß, wer für dich zwischen Gott und dir steht, in deinen Gedanken besser und vollkommener ist als du: du bist dann doch nicht so weit entfernt von Gott, wie denn du allein vor Gott bist. Sobald einer zwischen Gott und dich tritt, gleichgültig, ob es einer ist, den du für vollkommener ansiehst als dich, oder einer, den du für unvollkommener ansiehst, so bekommst du einen trügerischen Maßstab, den Maßstab des menschlichen Vergleichs. Es ist dann, als könnte doch ausgemes­sen werden, wie weit du entfernt bist, und dann bist du nicht weit entfernt.

Aber der Pharisäer, der ja, nach dem Wort der Schrift, „für sich dastand“: stand der denn nicht von ferne? Ja, wenn er in Wahrheit für sich dagestanden hätte, dann würde er auch von ferne gestanden haben; aber er stand nicht in Wahrheit für sich da. Das Evangelium sagt: er stand für sich und dankte Gott, „daß er nicht sei wie die andern Menschen“; und wenn man die andern Menschen dabei hat, ist man doch nicht für sich. Gerade darin bestand der Stolz des Pharisäers, daß er stolz die andern Menschen gebrauchte, um seinen Abstand von ihnen zu messen; daß er vor Gott den Gedanken an die andern Menschen nicht fahren lassen, sondern diesen Gedanken festhalten wollte, um so stolz für sich zu stehen — im Gegensatz zu den andern Men­schen; aber das heißt ja nicht für sich dastehen, und noch viel weniger, allein vor Gott stehen.

Der Zöllner stand von ferne. Seiner Schuld und seiner Ver­gehen sich bewußt, war es ihm vielleicht leichter gemacht, nicht von dem Gedanken an die andern Menschen versucht zu wer­den; denn er mußte ja zugeben, daß sie besser waren als er. Doch darüber wollen wir nicht entscheiden; aber das ist gewiß, er hatte alle andern vergessen. Er war allein, allein mit dem Be­wußtsein seiner Schuld und seiner Vergehen; er hatte ganz ver­gessen, daß es doch auch noch viele andere Zöllner gab außer ihm; es war, als wäre er der einzige. Er war allein mit seiner Schuld, nicht einem gerechten Menschen gegenüber, er war allein vor Gott: o, das heißt von ferne stehen. Denn was ist weiter entfernt von Schuld und Sünde als die Heiligkeit Gottes? und so, selbst ein Sünder, mit ihr allein zu sein, heißt das nicht un­endlich fern stehen!

Und er wollte auch die Augen nicht zum Himmel erheben; also er schlug die Augen nieder. Ja, was Wunder auch! O, schon leiblich liegt ja in dem Unendlichen etwas, das einen Menschen überwältigt, indem sein Auge nichts hat, das es festhalten könnte: dann schwindelt ihm, und er muß die Augen schließen. Wer nun allein mit seiner Schuld und Sünde weiß, daß er, wenn er die Augen aufschlüge, die Heiligkeit Gottes sieht, nichts an­deres, der lernt wohl die Augen niederschlagen; oder er sah vielleicht auf und sah Gottes Heiligkeit — und er schlug die Augen nieder. Er sah zur Erde, sah sein Elend; und schwerer als der Schlaf die Lider des Erschöpften, schwerer als der Schlaf des Todes niederdrückt, drückte die Vorstellung von Gottes Heiligkeit seine Augen nieder. Wie der Erschöpfte, ja wie der Sterbende, so vermochte er nicht die Augen zu erheben.

Er wollte auch die Augen nicht zum Himmel erheben. Aber er, der mit niedergeschlagenem Blick, in sich gekehrt, nur sein eigenes Elend einsah, er sah auch nicht beiseite, wie der Pharisäer, der „diesen Zöllner“ sah, da er ja Gott dankte, daß er nicht war wie dieser Zöllner. Dieser Zöllner, ja das ist gerade der Zöllner, von dem wir reden; das sind ja die beiden Menschen, die zum Tempel hinaufgingen, um zu beten. Die Schrift sagt nicht: es gingen zwei Menschen zusammen zum Tempel hinauf, um zu beten; — es wäre ja auch keine Gesellschaft für den Pharisäer ge­wesen, zum Tempel zusammen mit einem Zöllner hinaufzugehen; und im Tempel scheinen sie dann so weit wie möglich davon entfernt, in Gesellschaft zu sein, der Pharisäer steht für sich da, der Zöllner steht von ferne: und doch, doch, der Pharisäer sah den Zöllner, diesen Zöllner, der Zöllner aber (o, wohl verdienst du in ausgezeichnetem Sinne dieser Zöllner genannt zu werden!), der Zöllner sah den Pharisäer nicht; als der Pharisäer nach Hause kam, wußte er gut, daß dieser Zöllner in der Kirche gewesen war, aber dieser Zöllner wußte nichts davon, daß der Pharisäer in der Kirche gewesen war.

Stolz fand der Pharisäer eine Befriedigung darin, den Zöllner zu sehen; demütig sah der Zöllner niemanden, auch diesen Pharisäer nicht: mit niedergeschlagenem, mit nach innen ge­kehrtem Blick war er in Wahrheit — vor Gott.

Und er schlug an seine Brust und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig. O mein Zuhörer! Wenn ein Mensch in der Einsamkeit der Wüste von einem reißenden Tier überfallen wird, so kommt der Schrei wohl von selbst; und wenn du auf abgelegenem Wege unter die Räuber fällst, so erfindet der Schreck selbst den Schrei. So auch mit dem, was unendlich viel schrecklicher ist. Wenn du allein bist, allein an der Stelle, die einsamer ist als die Wüste (denn selbst in der einsamsten Wüste wäre es doch möglich, daß ein anderer Mensch kommen könnte), allein an der Stelle, die einsamer ist als der abgelegenste Weg (wo es doch möglich wäre, daß ein anderer kommen könnte), allein in der Einzelheit oder als der Einzelne und vor der Heiligkeit Gottes: dann kommt der Schrei von selbst. Und wenn du allein vor der Heiligkeit Gottes gelernt hast, daß es dir nicht hilft, wenn dein Schrei einen andern zuhilfe rufen würde, daß da, wo du der Einzelne bist, buchstäblich kein anderer ist als du, daß es das Allerunmöglichste ist, daß da ein anderer als du sein oder kommen könnte: so erfindet das Entsetzen, wie die Not das Gebet erfunden hat, es erfindet den Schrei: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Und der Schrei, der Seufzer ist dann auf­richtig in dir — ja, wie sollte er auch nicht! Welche Heuchelei sollte wohl darin sein, daß der, vor dem sich in Seenot der Abgrund öffnet, daß er schreit; selbst wenn er weiß, daß der Sturm seiner schwachen Stimme spottet, und daß die Vögel draußen ihn gleichgültig hören, er schreit trotzdem; und des­halb ist Wahrheit in diesem Schrei. So auch mit dem, was in einem ganz andern Sinne unendlich schrecklicher ist, mit der Vorstellung von Gottes Heiligkeit: wenn man, selbst ein Sün­der, allein steht vor ihr — was von Heuchelei sollte da wohl in dem Schrei liegen: Gott sei mir Sünder gnädig! Wenn bloß die Gefahr und der Schrecken wirklich ist, so ist der Schrei stets aufrichtig; doch dann auch, Gott sei gelobt, nicht ver­gebens.

Der Pharisäer hingegen war nicht in Gefahr; er stand stolz und sicher, selbstzufrieden da; von ihm hörte man keinen Schrei. Was will das sagen? Es will zugleich etwas ganz ande­res sagen: er war auch nicht vor Gott.

Und nun der Schluß. Der Zöllner ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.

Er ging gerechtfertigt hinab in sein Haus. Denn auch von diesem Zöllner gilt ja das, was die Schrift von allen Zöllnern und Sündern sagt, daß sie sich nahe zu Christus hielten: gerade dadurch, daß er von ferne stand, hielt er sich nahe zu ihm; während der Pharisäer in vermessener Zudringlichkeit weit, weit entfernt stand. So kehrt das Bild sich um. Es beginnt damit, daß der Pharisäer nahe steht, der Zöllner von ferne; es endet damit, daß der Pharisäer von ferne steht, der Zöllner nahe. — Er ging gerechtfertigt hinab in sein Haus. Denn er schlug die Augen nieder; aber der niedergeschlagene Blick sieht Gott, und der niedergeschlagene Blick ist Erhebung des Her­zens. Kein Blick ist ja so scharf wie der des Glaubens, und doch ist der Glaube, menschlich geredet, blind; denn Vernunft und Verstand ist, menschlich geredet, das Sehende, der Glaube aber ist wider den Verstand. So ist der niedergeschlagene Blick sehend, und was der niedergeschlagene Blick bedeutet: De­mütigung, Demütigung ist Erhebung. Das Bild kehrt sich wieder um, wenn die beiden vom Tempel nach Hause gehen: der erhoben wurde, das war der Zöllner, damit endete es für ihn; dem Pharisäer aber, der anfangs stolz seine Augen zum Himmel erhob, widersteht Gon, und Gottes Widerstand ist ein vernichtendes Niederdrücken. In früheren Zeiten war es nicht so wie jetzt, daß der Sternenkundige das Gebäude, von dem aus er die Sterne beobachten will, in die Höhe baut; in früheren Zeiten grub er sich in die Erde hinein, um die Stelle zu finden, von der aus er die Sterne beobachten konnte. Im Verhältnis zu Gott hat sich nichts verändert, verändert sich nichts. Man wird zu Gott erhoben, nur wenn man hinabsteigt; sowenig wie das Wasser seine Natur verändert und den Berg hinauffließt, sowenig kann es dem Menschen gelingen, sich zu Gott zu erheben durch Stolz. — Er ging gerechtfertigt hinab in sein Haus. Denn die Selbstanklage macht Rechtfertigung möglich. Und der Zöllner klagte sich selbst an. Da war keiner, der ihn anklagte; nicht die bürgerliche Gerechtigkeit griff ihm an die Brust und sagte: „du bist ein Verbrecher“; nicht die Menschen, die er vielleicht betrog, schlugen ihm vor die Brust und sagten „du bist ein Betrüger“ — er selbst schlug sich an die Brust und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig; er klagte sich selbst an, daß er ein Sünder vor Gott sei. Das Bild kehrte sich wieder um. Der Pharisäer, der, weit davon entfernt sich selbst anzuklagen, stolz sich selbst rühmte — wie er fortgeht, ist er vor Gott angeklagt; er weiß nichts davon, aber indem er fortgeht, klagt er sich selbst an vor Gott: der Zöllner be­gann damit, sich selbst anzuklagen. Der Pharisäer geht nach Hause mit der neuen, im strengsten Sinn himmelschreienden Sünde, mit einer Sünde mehr außer all seinen früheren Sünden, die er behielt: der Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause. Wer sich vor Gott rechtfertigen will, gibt sich nämlich gerade dadurch als schuldig an; wer aber vor Gott an seine Brust schlägt und sagt: „Gott sei mir Sünder gnädig“, der gerade recht­fertigt sich oder schafft doch die Bedingung dafür, daß Gott ihn für gerechtfertigt erklärt.

So mit dem Zöllner. Aber nun du, mein Zuhörer! Die Ähn­lichkeit liegt so nahe. Von der Beichte gehst du zum Altar. Aber Beichten heißt gerade, von ferne stehen; je aufrichtiger du beichtest, desto entfernter stehst du — und desto wahrer, daß du dann am Altare kniest, da das Knieen ja wie ein Sinn­bild dafür ist, von ferne zu stehen, weit entfernt von dem, der im Himmel ist, von dem also der Abstand der größtmögliche ist, wenn du kniend zur Erde sinkst — und doch bist du am Altare Gott am nächsten. — Beichten heißt, gerade die Augen niederschlagen, den Blick nicht zum Himmel erheben wollen, nicht einen anderen sehen wollen; je aufrichtiger du beichtest, desto mehr wirst du die Augen niederschlagen, desto weniger wirst du einen anderen sehen — und desto wahrer, daß du dann am Altare kniest, da das Knieen der noch stärkere Aus­druck für das ist, was im niedergeschlagenen Blick liegt (wer nur die Augen niederschlägt, steht doch noch aufrecht) — und doch ist am Altar dein Herz zu Gott erhoben. — Beichten heißt ja gerade, sich an seine Brust schlagen und, ohne zu sehr von dem Gedanken an die einzelnen Sünden gestört zu werden, alles, am kürzesten und wahrsten, in Einem zusammenfassen: Gott sei mir Sünder gnädig. — Je innerlicher du beichtest, desto mehr wird all dein Beichten in dem stummen Zeichen enden, daß du an deine Brust schlägst, und in dem Seufzer: Gott sei mir Sünder gnädig; und desto wahrer, daß du dann am Altare kniest, ein Kniender, der ausdrückt, daß er sich selbst verurteilend nur um Gnade bittet — und doch ist am Altare die Rechtfertigung.

Er ging gerechtfertigt hinab in sein Haus. Und du, mein Zu­hörer, wenn du vom Altare nach Hause zurückkehrst, dann grüßt fromme Teilnahme dich mit dem Wunsch: „zu Glück und Segen“ — dessen gewiß, daß du am Altare Rechtfertigung fandest, daß der Besuch dir zum Glück und Segen wurde. Nun, bevor du zum Altare hinaufgehst, derselbe Wunsch: möge es dir zum Glück und Segen werden. O, der natürliche Mensch findet am meisten Befriedigung darin, aufrecht zu stehen: wer in Wahrheit Gott kennenlernte, und dadurch, daß er Gott kennenlernte, sich selbst kennenlernte, der findet nur darin Seligkeit, auf die Knie zu fallen, anbetend, wenn er an Gott denkt, reuevoll, wenn er an sich selbst denkt. Biete ihm, was du willst, er begehrt nur eines, gleich jenem Weibe, die nach dem Wort der Schrift nicht „das beste Teil“ wählte (o nein, wie kann hier von Vergleich die Rede sein!), nein, die nach dem Wort der Schrift „das gute Teil“ erwählte, als sie sich ihrem Erlöser zu Füßen setzte — er begehrt nur eines: an seinem Altare zu knien.

Übersetzt von Wilhelm Kütemeyer.

Ursprünglich erschienen in: Søren Kierkegaard, Der Hohepriester – der Zöllner – die Sünderin. Drei Reden beim Altargang am Freitag (1849)

Hier die Rede als pdf.

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