Martin Luther, Sendschreiben an die Christen in Riga, Reval und Dorpat (1523): „Wer glaubt, dass Jesus Christus durch sein Blut, ohne unser Verdienst, nach Gottes, des Vaters, Willen und Barmherzigkeit, unser Heiland und der Bischof unserer Seelen geworden ist, dessen Glaube macht ihm gewiss Christus zu eigen und gibt ihm ohne alle Werke, wie er glaubt; denn Christi Blut ist freilich nicht dadurch mein oder dein, dass wir fasten oder Messe lesen, sondern dass wir es glauben.“

Sendschreiben an die Christen in Riga, Reval und Dorpat (1523)

Den auserwählten, lieben Freunden Gottes, allen Christen zu Riga, Reval und Dorpat in Livland, meinen lieben Herren und Brüdern in Christo.

Martin Luther, von der Gemeinde Wittenberg.

Gnade und Friede in Christo!

Ich habe schriftlich und mündlich erfahren, liebe Herren und Brüder, wie Gott, der Vater unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, auch bei euch seine Wunder begonnen hat und eure Herzen mit seinem gnadenreichen Licht der Wahrheit heim­sucht, euch dazu so hoch gesegnet hat, daß ihr es von Herzen fröhlich aufnehmt als ein wahrhaftiges Gotteswort, das es ja auch wahrlich ist. Dennoch will es bei uns der größere Teil weder hören noch ertragen, sondern je reichere und größere Gnade uns Gott damit anbietet, desto unsinniger sträuben sich die Fürsten, Bischöfe und alle breiten Schuppen des Behe­moth[1] dagegen. Sie lästern, verdammen und verfolgen das Got­teswort solange, bis sie viele gefangen und jetzt neulich zwei verbrannt haben[2], wodurch sie mit Christus zu unseren Zeiten neue Märtyrer gen Himmel gesandt haben. Euch kann ich mit Freuden selig nennen, die ihr am Ende der Welt, gleichwie die Heiden Apg. 13,48; 14,27, das heilsame Wort mit aller Lust empfangt, welches unsere „Juden“ in diesem „Jerusalem“, ja, „Babylonien“ nicht allein verachten, sondern auch niemandem zu hö­ren gönnen. „Der Zorn Gottes ist über sie gekommen“, spricht Paulus, ,,bis zum Ende“ (1. Thess. 2,16). Aber über euch regiert die Gnade.

Deshalb, meine Liebsten, seid dankbar für die göttliche Gnade und erkennt die Zeit, in der ihr heimgesucht werdet, da­mit ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt (2. Kor. 6,1). Aufs erste, seht darauf, daß nicht Galater aus euch wer­den, die so herrlich begonnen haben und so feine, reine, lautere Christen geworden waren, aber bald von den Verführern auf die irrige Straße der Werke abgewendet und fehlgeleitet worden sind (vgl. Gal. 3,1ff.). Es werden ohne Zweifel auch unter euch Wölfe kommen, vor allem, wo die guten Hirten, die euch Gott jetzt zugesandt hat, abhanden kommen. Sie werden den rech­ten Weg verlästern und euch wiederum nach Ägypten führen, damit ihr mit falschem Gottesdienst anstatt Gott dem Teufel dient. Davon hat euch jetzt Christus durch sein himmlisches Licht erlöst, und er tut es täglich, damit ihr zu seiner Erkenntnis kommt und sicher seid, daß er in allen Sünden allein unser Herr, Priester, Lehrer, Bischof, Vater, Heiland, Helfer, Trost und Bei­stand ist, in Tod und Not und allem, was uns fehlt, es sei zeitlich oder ewig.

Denn so habt ihr es gehört und gelernt: Wer glaubt, daß Je­sus Christus durch sein Blut, ohne unser Verdienst, nach Gottes, des Vaters, Willen und Barmherzigkeit, unser Heiland und der Bischof unserer Seelen geworden ist, dessen Glaube macht ihm gewiß Christus zu eigen und gibt ihm ohne alle Werke, wie er glaubt; denn Christi Blut ist freilich nicht dadurch mein oder dein, daß wir fasten oder Messe lesen, sondern daß wir es glau­ben. Paulus spricht demgemäß Röm. 3,28: „Wir meinen, daß der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt werde, ohne des Gesetzes Werke.“ Dieser Glaube macht uns Gott gegenüber ein fröhliches, friedliches Herz und muß ihn liebgewinnen, weil (das Herz) sieht, daß es Gottes Wille ist und die gnädige Nei­gung seiner Güte zu uns, daß Christus so mit uns handelt. Das heißt dann durch Christus zum Vater kommen, vielmehr zum Vater gezogen werden und Frieden mit Gott haben. So können wir sicher und fröhlich des Todes und jeden Unfalls gewärtig sein. Wo nun dieser Glaube nicht ist, da ist Blindheit, gibt es keine Christen, noch irgendein Fünklein göttlichen Wirkens oder Wohlgefallens.

Aus diesem habt ihr weiter gelernt, daß alle Lehren, wie sie uns bisher vorgetragen worden sind, (nämlich) durch Werke fromm und selig zu werden, Sünde abzulegen und Bußwerke zu tun – als da sind: die festgesetzten Fastenzeiten, Beten, Wall­fahrten, Messen, Vigilien, Stiftungen, Möncherei, Nonnerei, Pfafferei –, daß solches alles Teufelslehre, Lästerung Gottes ist. Denn sie vermessen sich ja, an uns das zu tun, was allein das Blut Christi durch den Glauben tun kann, und erkennen den Menschenlehren und -werken zu, was doch allein Gottes Wort und Werken eignet. Aber dieses Licht des Glaubens sieht klar, daß jenes nur dichte, grauenvolle Finsternis ist, und bleibt bei Gottes Gnade in Christus und verzichtet auf eigene Verdienste vor Gott: Das ist der Weg zum Himmel und das Hauptstück des christlichen Lebens.

In diesem Zusammenhang habt ihr gehört, daß ein solcher Mensch hinfort nichts schuldig ist, als seinen Nächsten zu lieben. So sagt Paulus Röm. 13,8f. und Christus Joh. 15,12: „Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebt“, denn wo Jünger Christi sind, dürfen sie für sich und für ihre Sünde und zu ihrer Seligkeit nichts tun, sondern das hat Christi Blut schon getan und alles ausgerichtet und sie geliebt, daß sie sich selbst nicht mehr lieben oder suchen oder etwas Gutes wün­schen sollen. Was sie derartiges für sich tun und suchen woll­ten, sollen sie ihrem Nächsten zuwenden und solche guten Werke, deren sie (selbst) nicht bedürfen einem andern tun, gleichwie Christus, der auch sein Blut nicht für sich selbst, son­dern für uns gegeben und vergossen hat, uns getan hat. Und das ist auch das Zeichen, an dem man rechte Christen erkennt, wie Christus spricht: „Daran wird man erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch untereinander liebt“ (Joh. 13,35). Das ist das andere Hauptstück des christlichen Lebens.

So lehrt und tut, meine Liebsten, und laßt euch durch keinen anderen Wind der Lehre bewegen (vgl. Eph. 4,14), er wehe von Rom oder von Jerusalem. Es liegt die Summe des Glaubens in Christus und in der Liebe zum Nächsten. Ablaß, Heiligendienst und was für Werke auf uns und unserer Seele Nutzen bezogen werden, das meidet wie tödliches Gift. Aber wenn ihr an dieser reinen Lehre hängen und bei ihr bleiben werdet, werden das Kreuz und die Verfolgung nicht ausbleiben; denn der böse Geist kann nicht leiden, daß seine ,,Heiligkeit“ so zuschanden und zu­nichte werden soll, die er durch die Geistlichen in aller Welt mit­tels der Werke aufgerichtet hat. Aber seid beständig und ge­denkt, daß ihr es nicht besser haben sollt als euer Herr und Bischof Christus, der auch um solcher Lehre willen gemartert worden ist, weil er die Werkheiligkeit der Pharisäer strafte! Es wird euch solch Kreuz nützlich und notwendig sein, damit es euch in eine feste, sichere Hoffnung bringe, damit ihr dieses Le­ben haßt und auf das zukünftige getrost harrt, daß ihr denn also in den drei Stücken: Glaube, Liebe und Hoffnung bereitet und vollkommen seid.

Was aber von Sakramenten und von äußerlichen Fragen hin­sichtlich Essen und Trinken, Gewändern und Gesten zu sagen ist, werden euch eure Prediger zur Genüge sagen; denn wenn diese drei Stücke auf dem richtigen Weg sind, da ist wohl auch die christliche Freiheit in allen solchen äußerlichen Fragen auf dem rechten Weg. Unser Herr Jesus Christus aber wolle euch „vollbereiten, stärken und befestigen“ (1. Petr, 5,10) zu seinem ewigen Reich mit aller Fülle seiner Weisheit und Er­kenntnis. Dem sei Lob und Dank in Ewigkeit. Amen.

Diese Ermahnung, liebe Brüder, laßt euch gefallen. Denn ob­wohl ihr sie schon kennt oder sie nicht von mir bedürft, so sind mein Fleiß und meine Pflicht euch doch hierin schuldig, auch in Unnötigem für euch zu sorgen und euch zu dienen. Laßt euch eure Prediger anbefohlen sein und bittet auch für uns. Gottes Gnade sei mit euch! Amen.

WA 12,147-150.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, Bd. 1: Die Botschaft des Kreuzes, bearbeitet von Horst Beintker, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1981, 163-167.


[1] Behemoth zunächst nach Hiob 40,15ff. ein dem Nilpferd ähnliches Riesentier. Zusammen mit dem Hiob 40,25ff. geschilderten krokodilartigen Leviathan werden beide in der Apokalyptik zu Erscheinungsformen des Teufels und so im Mittelalter häufig als Incubi exorzisiert.

[2] Die jungen Augustinermönche aus Antwerpen, Heinrich Voes und Johann von Essen (Esch), die durch das vom Kaiser 1522 eingesetzte Inquisitionstribunal am 1. Juli 1523 in Brüssel verbrannt worden sind.

Hier der Brief als pdf.

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