Friedrich Mildenbergers Hinweise für den Benutzer seines Buches „Grundwissens der Dogmatik“ von 1977: „Dogma­tik ist hier als schulmäßige Erarbeitung eines möglichst allge­meinen Wissenstandes und als Einübung in die Fähigkeit zu eige­nem dogmatischem Urteil aufgefaßt. Die Subjektivität des dogma­tischen Lehrers, die bei dem Vortrag eigener Lösungsvorschläge naturgemäß stärker im Vordergrund steht, muß darum zurücktreten.“

Friedrich Mildenbergers Grundwissen der Dogmatik war das Buch, mit dem wir uns in den 80iger Jahren in Erlangen die evangelische Dogmatik erarbeitet haben. Ich hatte mir dieses Buch schon zuvor während meiner Ausbildung zum Industriekaufmann zugelegt. Eingangs des Buches schrieb Mildenberger

Hinweise für den Benutzer des Grundwissens der Dogmatik

1. Das „Grundwissen der Dogmatik“ ist als Arbeitsbuch angelegt. Es will die Kenntnis der wichtigsten dogmatischen Probleme und eini­ger Lösungsmöglichkeiten für diese Probleme, wie sie die Ge­schichte der Dogmatik und die gegenwärtige dogmatische Diskussion anbieten, vermitteln. Es will dabei in die dogmatische Methode (Problemlösungsverhalten) einführen und eine dogmatische Sprache einüben, die Voraussetzung für die Fähigkeit zum dogmatischen Denken ist.

2. Als Arbeitsbuch setzt das „Grundwissen der Dogmatik“ die Möglich­keit voraus, eine normal ausgestattete theologische Seminarbiblio­thek zu benützen. Es will nicht nur selbst Informationen vermit­teln, sondern in die Erarbeitung von Information einüben. Die Auf­gaben, die im Text immer wieder gestellt werden, sollen die Be­kanntschaft mit wichtigen Texten und dogmatisch interessanten Meinungen vermitteln. Die Fragen, die dazu jeweils genannt wer­den, leiten dazu an, die angegebenen Texte unter bestimmten Ge­sichtspunkten durchzusehen. Ist die Frage beantwortbar und also die gewünschte Information beschafft, kann der Text wieder bei­seitegelegt werden, falls nicht eigenes Interesse eine weitere Beschäftigung mit diesem Text erzwingt. Solche Erarbeitung von Information setzt ein Verhältnis zum Buch voraus, das Vertraut­heit mit Distanz verbindet: Ein Buch zu benützen, heißt nicht zu­gleich, es von vorne bis hinten gründlich zu lesen. Man kann auch sehr viel rascher benötigte Informationen gewinnen.

3. Der Einübung in eine dogmatische Sprache, nicht nur der Sicherung eines bestimmten Wissens, dient die Ertragssicherung am Ende je­des Abschnittes. Hier sollen bestimmte, im vorhergehenden Text vorgestellte Formulierungen und Redewendungen reproduziert werden. Man sollte, ehe man die Fragen ausfüllt, noch einmal den ganzen Abschnitt, in den jetzt die Arbeitsaufgaben eingebaut sind, durch­lesen. Machen Sie Ihre Einträge mit Bleistift, damit Sie unter Umständen leichter korrigieren können! Sind Sie unsicher über die Beantwortung, oder wissen Sie eine Frage gar nicht zu beantworten, dann suchen Sie zunächst im Textteil nach der erfragten Formulie­rung, und schlagen Sie nur im Notfall im Lösungsteil nach. Die vorgegebenen Lösungen sind in erster Linie als Kontrollmöglichkeit gedacht.

4. Ein Arbeitsbuch, das Grundwissen – für das Studium und erst in zweiter Linie auch für das Examen – vermitteln möchte, muß mög­lichst objektiv gehalten sein. Eigene Lösungsvorschläge des Verfassers werden über Literaturhinweise zugänglich gemacht, im Text selber aber nicht vorgetragen. Freilich lassen sich be­stimmte Stellungnahmen schon aus der Anordnung der vorgelegten Probleme und Lösungsvorschläge erschließen. Doch soll das un­vermeidliche subjektive Element möglichst zurücktreten. Dogma­tik ist hier als schulmäßige Erarbeitung eines möglichst allge­meinen Wissenstandes und als Einübung in die Fähigkeit zu eige­nem dogmatischem Urteil aufgefaßt. Die Subjektivität des dogma­tischen Lehrers, die bei dem Vortrag eigener Lösungsvorschläge naturgemäß stärker im Vordergrund steht, muß darum zurücktreten.

5. Dem dienen auch die gelegentlich eingefügten Bildchen. Ich hof­fe zwar auch, daß sie dem Leser ganz einfach Spaß machen, wie es mir Spaß gemacht hat, diese Bildchen zu entwerfen. Aber sie haben darüber hinaus die Funktion, die bei einer dogmatischen Arbeit nun einmal unvermeidlichen Emotionen und Werturteile zu objektivieren. Ich hoffe darum, daß auch diese für ein dogma­tisches Arbeitsbuch nicht ganz übliche Zutat vom Benutzer gün­stig aufgenommen wird.

6. Das Buch erfordert einerseits einen beträchtlichen Arbeitsauf­wand, auch dann, wenn nur die gestellten Aufgaben beantwortet werden, und man sich nicht gelegentlich einmal festliest – was übrigens durchaus in der Absicht dieser Aufgabenstellung liegt. Die einzelnen Abschnitte sind so gehalten, daß man sie doch noch in einem Zug durcharbeiten kann, jeweils etwa in einem Ar­beitstag. Andererseits vermittelt das Arbeitsbuch aber eine um­fassendere und auch abwechslungsreichere Information, als sie durch die Lektüre eines der gängigen Lehrbücher gewonnen werden könnte.

7. Die einzelnen Abschnitte müssen nicht unbedingt in der angege­benen Reihenfolge durchgearbeitet werden. Mit die schwierigsten Probleme werden ja in den sog. Prolegomena, hier also vor allem in 2. und 3., verhandelt. Man kann diese Abschnitte zunächst nur eben zur Kenntnis nehmen, ohne sich schon die ganzen Proble­me angeeignet zu haben, um sie dann in einem fortgeschrittenen Stadium der Arbeit zu wiederholen oder jetzt erst endgültig zu erarbeiten.

8. Gelegentlich sind Hinweise und Arbeitsaufgaben mit einem + ge­kennzeichnet. Es handelt sich dann um Arbeitsmaterial, das dem Anfänger unter Umständen Schwierigkeiten machen kann. Der dog­matisch schon etwas geübte Benutzer sollte aber gerade hier Weiterarbeiten.

9. Wenn Sie den hier geforderten Arbeitsaufwand als eine zu große Zumutung ansehen, sollten Sie sich überlegen, welche Zeit Sie für die Erlernung der alten Sprachen als Voraussetzung für die exegetische Arbeit benötigt haben. Hier benötigen Sie nur einen Bruchteil dieser Zeit. Und Sie haben für Ihre theologische Ar­beit eine Menge gewonnen, wenn Sie sich eine dogmatische Spra­che und die Fähigkeit, normative Fragestellungen mit der nöti­gen Sachkenntnis zu diskutieren, angeeignet haben.

scholae et vitae discimus!

Friedrich Mildenberger

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