Søren Kierkegaards erbauliche Rede über die Sünderin (Lukas 7,36-50): „Es gibt einen Trost, der zu Christi Lebzeiten noch nicht da war, den Christus also nicht selbst einem anbieten konnte: den Trost seines versöhnenden Todes, als eines Pfandes dafür, daß die Sünden vergeben sind. Zu seinen Lebzeiten ist Christus für den mit ihm Gleichzeitigen vorzugsweise das Vorbild.“

Eine erbauliche Rede

Von Søren Kierkegaard 1850

Dem Andenken des verstorbenen Michael Pedersen Kierkegaard meines Vaters ist diese kleine Schrift geweiht.

„Die Sünderin“ (Lukas 7,37ff.)

Daß ein Weib als Lehrer hingestellt wird, als Vorbild der Fröm­migkeit, kann den nicht verwundern, der weiß, daß Frömmig­keit ihrem Wesen nach Weiblichkeit ist. Soll auch „das Weib in der Gemeinde schweigen“ und insofern nicht lehren, nun, gerade das Schweigen vor Gott, gerade das gehört ja wesentlich mit zur wahren Frömmigkeit, und das mußt du also vom Weibe lernen können.

Von einem Weibe lernst du darum auch den demütigen Glauben an das Außerordentliche; den demütigen Glauben, der nicht un­gläubig, zweifelnd fragt: warum? wozu? wie ist dies möglich? — sondern demütig glaubt wie Maria, und sagt: „siehe ich bin des Herrn Magd.“ Das sagt sie; aber sieh, das sagen, heißt recht eigentlich schweigen. Von einem Weibe lernst du das rechte Hören des Worts, von Maria, die, wiewohl sie „die Worte nicht verstand, die geredet wurden, sie doch in ihrem Herzen be­wahrte“ — also nicht erst zu verstehen verlangte, sondern schweigend das Wort an rechter Stelle bewahrte; denn das ist ja die rechte Stelle, wenn das Wort, die gute Saat, „bewahrt wird in einem frommen und schönen Herzen“. Von einem Weibe lernst du die stille, tiefe, gottesfürchtige Sorge, die vor Gott schweigt, von Maria; denn gewiß ging, wie angekündigt war, ein Schwert durch ihr Herz, sie aber verzweifelte nicht, weder da es angekündigt wurde, noch da es geschah. Von einem Weibe lernst du die Bekümmerung um das eine, was not tut, von Maria, der Schwester des Lazarus, die schweigend zu Christi Füßen saß mit der Wahl ihres Herzens: dem einen, was not tut.

So kannst du auch von einem Weibe die rechte Sorge über die Sünde lernen, von der Sünderin, deren viele Sünden längst, längst — nicht vergessen wurden, sondern vergessen waren, die selbst aber ewig unvergeßlich wurde. Wie sollte es auch anders sein, als daß man in dieser Hinsicht von einem Weibe lernen können muß! Denn gewiß hat der Mann, verglichen mit dem Weibe, viele Gedanken — wenn anders dies, besonders in dieser Hinsicht, unbedingt ein Vorzug ist, da er so auch viele halbe Ge­danken hat; und gewiß ist der Mann stärker als die Schwache, das Weib, hat viel mehr Auswege, weiß sich weit besser zu hel­fen: aber da hat das Weib wieder Eines, Eines — ja gerade dies, das ihr Element ist: Eines. Einen Wunsch, nicht viele Wünsche, nein, nur einen Wunsch, aber dann auch die Seele ganz eingesetzt; einen Gedanken, nicht viele Gedanken, nein, nur einen Ge­danken, aber durch die Macht der Leidenschaft eine ungeheure Macht; eine Sorge, nicht viele Sorgen, nein, eine Sorge, aber so tief im Herzen, daß die eine Sorge wirklich unendlich viel mehr ist als die vielen; eine Sorge, ja nur eine Sorge, aber dann auch am tiefsten drinnen — Sorge über die Sünde, wie die Sünderin. Und was ist Emst? Mag der Mann im Denken mehr Ernst haben: im Fühlen, in der Leidenschaft, in der Entscheidung, hat das Weib den größeren Ernst: sich und der Entscheidung nicht mit Gedanken, Vorsätzen, Beschlüssen in den Weg zu kommen, sich selbst nicht dadurch zu täuschen, daß man der Entscheidung ganz nahe kommt, ohne daß es doch zur Entscheidung kommt — darin hat das Weib mehr Ernst. Die Entscheidung aber ist ja gerade (besonders in geistlichem Sinne, und besonders in der Sorge über die Sünde) der Ernst.

So laß uns denn auf die Sünderin achten und darauf, was wir von ihr lernen können.

Zuerst können wir lernen: wie sie gleichgültig zu werden gegen alles andere in unbedingter Sorge über unsere Sünden, so daß eins uns wichtig und unbedingt wichtig ist: Vergebung zu finden. Mein Zuhörer! Bekümmerte Menschen sieht man oft genug im Leben; bekümmerte Menschen, die bald das eine, bald das andere haben, über das sie bekümmert sind, und bisweilen auch allerhand auf einmal, oder, die selbst nicht recht wissen, weshalb sie bekümmert sind: selten aber sieht man einen, der nur um eines bekümmert ist, und um dieses eine so unbedingt beküm­mert ist, daß alles andere ihm unbedingt gleichgültig wird.

Doch sieht man dies, wenn auch nur selten. Ich habe den gesehen (und du wohl auch), der unglücklich wurde in der Liebe, und dem dann alles für immer oder doch eine zeitlang gleichgültig wurde; aber dies war ja nicht Sorge über seine Sünde. Ich habe den gesehen, dessen kühne Pläne alle in einem Nu an einem un­erwarteten Hindernis scheiterten, und dem dann alles eine Zeitlang oder für immer gleichgültig wurde; aber das war ja nicht Sorge über seine Sünde. Ich habe den gesehen, der mit der Länge der Zeit kämpfte, und lange kämpfte: er hielt aus, noch hielt er aus, noch gestern, heute aber blieb die Erneuerung des Lebens aus, er brach zusammen, alles wurde ihm gleichgültig; aber das war ja nicht Sorge über seine Sünde. Man trifft wohl den, dessen Wesen Schwermut ist, der alles fremd und gleich­gültig ansieht, dem in gewissem Sinne (wie die Luft so leicht sein kann, daß man darin nicht mehr atmen kann) alles zu leicht ist, weil sein Sinn so schwer ist; aber Sorge über seine Sünde ist dies ja nicht. Da häufte vielleicht einer jahraus jahrein in furcht­barer Lebenslust Verbrechen auf Verbrechen, verbrachte seine meiste Zeit damit zu sündigen, bis er vernichtet dastand, und alles wurde ihm gleichgültig; aber wahrlich, Sorge über seine Sünde war das nicht — Sünden waren da genug, aber keine Sorge über die Sünde. Es gibt überhaupt eines, das ganz all­gemein ist; du kannst es bei allen und jedem finden, kannst es bei dir selbst finden, wie ich es bei mir finde: Sünde und Sünden; ein anderes aber ist seltener: Sorge über seine Sünde.

Doch ich habe auch den gesehen (und vielleicht auch du), den, der unbedingt nur um eines bekümmert war: um seine Sünde. Sie folgte ihm überall, ja, oder sie verfolgte ihn am Tage und in den Träumen der Nacht; bei der Arbeit, und wenn er vergebens Ruhe suchte nach der Arbeit; in der Einsamkeit, und wenn er vergebens Zerstreuung suchte in Gesellschaft mit andern. Sie verwundete ihn von hinten, wenn er sich der Zukunft zu­wandte, und von vorn, wenn er sich der Vergangenheit zu­wandte. Sie lehne ihn den Tod wünschen und das Leben fürch­ten, und dann wieder, umgekehrt, den Tod fürchten und das Leben wünschen: so daß sie ihm das Leben nahm, das sie ihm, ach, doch ließ; ihm, dem vor sich angst war wie vor einem Ge­spenst. Sie machte ihm so alles, alles unendlich gleichgültig. Aber sieh, diese Sorge war Verzweiflung. Es gibt überhaupt eines, das ist ganz allgemein, du kannst es bei allen und jedem finden, kannst es bei dir selbst finden, wie ich es bei mir finde: Sünde und Sünden; ein anderes aber ist sehr selten: die wahre Sorge über seine Sünde, — weshalb es wohl auch nötig ist, daß in jedem Gottesdienst zum Eingang gebetet wird: „daß wir lernen möchten, Sorge zu tragen über unsere Sünden.“ Wohl dem, der diese wahre Sorge über seine Sünde hat, so daß das, daß alles andere ihm unendlich gleichgültig ist, nur der verneinende Aus­druck ist für das Bekräftigende: daß eins ihm unbedingt wichtig ist; so daß seine unbedingte Gleichgültigkeit gegen alles andere eine tödliche Krankheit ist, die, sehr weit davon entfernt zum Tode zu sein, gerade zum Leben ist, weil das Leben in dem ist, daß eins ihm unbedingt wichtig ist: die Vergebung. Wohl ihm; aber den sieht man sehr selten. Denn, mein Zuhörer, das sieht man oft genug in der Welt, einen Menschen, dem das Unwichtige wichtig geworden ist, und noch öfter Menschen, denen allerhand Verschiedenes wichtig geworden ist; selten aber einen, dem nur eines wichtig ist, und noch seltener den, von dem es gilt, daß das einzige, was ihm unbedingt wichtig ist, auch in Wahrheit das einzig Wichtige ist.

Achte deshalb auf die Sünderin, damit du von ihr lernst.

Ihr war alles andere gleichgültig geworden. Sie hatte keine Be­kümmernis als die über ihre Sünde; oder jeder andere Kummer, den sie hatte, war als wäre er nicht da, weil jene Sorge ihr un­bedingt wichtig war. Dies ist, wenn du so willst, der Segen, der damit verbunden ist, daß man nur eine Sorge hat: Sorglosigkeit gegen alles andere; und das ist das Kennzeichen dafür, daß man nur eine Sorge hat.

So mit der Sünderin. Aber wie ganz anders geht es doch für ge­wöhnlich im Leben zu! Wenn ein Mensch, nicht frei von Sünde und Schuld (was ja kein Mensch ist), zugleich andere Sorgen hat, und er also bekümmert, niedergeschlagen ist, dann verwechselt er das vielleicht, will diese Niedergeschlagenheit für Bekümmerung über seine Sünde gelten lassen, als würde bloß das ver­langt, daß der Mensch bekümmert sei, da doch gefordert wird, daß er über seine Sünde bekümmert sein soll, und nicht um anderes bekümmert sein soll. Aber er verwechselt das, und merkt nicht, daß er, wenn er über seine Sünde bekümmert wäre, und wenn er gar allein über seine Sünde bekümmert wäre, die andern Sorgen weniger oder gar nicht fühlen würde, indem er dann die Gelegenheit benutzte, wahre Sorge über seine Sünde dadurch auszudrücken, daß er diese andern Sorgen leichter trüge. Mög­licherweise versteht er das nicht so, wünscht hingegen, daß er von seinen andern Sorgen befreit werde, damit er allein um seine Sünde sorgen könnte. Ach, da versteht er schwerlich ganz, was er begehrt: daß nämlich so die Sache wohl eher allzu streng für ihn würde. Denn wenn Gott in strengem Strafgericht die Sünde eines Menschen über ihn bringen will, macht er es zuweilen so, daß er sagt: „Ich will diesen Menschen von jeder andern Bekümmerung befreien; alles soll ihm lächeln, alles sich ihm fügen, alles ihm glücken, was er anrührt: um so weniger aber soll es ihm ge­lingen, das zu vergessen, um so stärker soll er das spüren, was nagt.“ So daß sie nicht wahr ist, die Entschuldigung, die man oft hört, daß man anderer Sorgen wegen nicht recht dazu kom­men könne, über seine Sünde bekümmert zu sein Nein, „andere Sorgen“ geben gerade die Gelegenheit, wahre Sorge über seine Sünde dadurch auszudrücken, daß man die andern Sorgen leichter trägt; und „andere Sorgen“ sind nicht eine Verschärfung, eher eine Linderung, da sie dem Gedanken keinen Spielraum lassen, in die Irre zu gehen, sondern sofort die Aufgabe stellen, Sorge über seine Sünde dadurch auszudrücken, daß man die andern Sorgen geduldiger, demütiger, leichter trägt.

Und der Sünderin war alles andere gleichgültig geworden: alles Zeitliche, Irdische, Weltliche, Ruhm, Ehre, gute Tage, die Zu­kunft, Geschlecht, Freunde, das Urteil der Menschen; und alle Sorgen, welchen Namen sie auch haben mögen, sie hätte sie leicht getragen, fast wie ein Nichts, da sie in Bekümmerung nur eines unbedingt beschäftigte: ihre Sünde. Über die war sie bekümmert und nicht über deren Folgen, die Schande, die Unehre, die De­mütigung; nein sie verwechselte nicht die Krankheit mit dem Heilmittel. Ach, wie selten wollte doch ein Mensch, wenn er unter dieser Bedingung die Vergebung seiner Sünden empfangen könnte, die Strafe leiden, vor den Menschen ganz offenbar zu werden, so daß sie in seine Seele hineinschauen und darin jede geheime Sünde sehen könnten! Ach, wie selten, daß einer so un­bedingt gleichgültig wird! Dieselbe Sünde, wegen deren er sich selbst verurteilt, für die er Gott um Vergebung bittet, dieselbe Sünde verbirgt er vielleicht mit der ängstlichen Sorgfalt eines Geizigen, damit keiner sie zu sehen bekomme.

Der Sünderin hingegen war alles gleichgültig geworden: der Widerstand der Umgebung, der Einspruch des Gastmahls, die kalte Vornehmheit der Pharisäer und ihr grausamer Spott — ja, der Ort war wie eine uneinnehmbare Festung, gerade so be­festigt, daß es ihr Eindringen unmöglich machen mußte, wenn ihr nicht alles andere gleichgültig gewesen wäre. Was ein anderes Weib, das sich nicht bewußt wäre eine Sünderin zu sein, was die also mit geringerer Gefahr vielleicht nicht gewagt hätte, das wagte sie, der alles gleichgültig geworden war.

Und doch, nein, es ist nicht ganz so; sie wagte es, weil eines ihr unbedingt wichtig war: Vergebung zu finden. Und die war da- drinnen zu finden — darum wagte sie es; das war es, was sie von der Stelle brachte und vorwärtstrieb; aber daß alles andere ihr gleichgültig geworden war, das ließ sie selbst den Widerstand kaum merken. „Das ist der Mut der Verzweiflung“, wirst du sagen. Ja, aber wahrlich, sie ist weit davon entfernt, verzweifelt zu sein. Oder ist etwa der verzweifelt, dem eines unbedingt wichtig ist, wenn dieses Eine das unbedingt Wichtige ist! Sie hat Kräfte der Verzweiflung. Diese sind es, die sie gleichgültig machen gegen alles, und stärker als allen Widerstand der Um­gebung, stark, so daß sie unter der Schande nicht zusammen­bricht, den Spott nicht flieht; aber sie, die diese Kräfte hat, sie ist nicht verzweifelt; sie glaubt. Und so tritt sie ein, gleich­gültig für alles andere. Doch erregt sie kein Aufsehen, keinen Lärm durch diese ihre unbedingte Gleichgültigkeit; denn sie glaubt, und ist darum so still, bescheiden, demütig, so unauffällig in ihrer unendlichen Gleichgültigkeit gegen alles, daß sie durch ihr Eintreten keine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es war ihr ja auch nicht im geringsten wichtig, ihre Gleichgültigkeit gegen alles auszudrücken; aber eines war ihr unendlich wichtig: Ver­gebung zu finden. Doch, wäre ihr dieses eine nicht so wichtig ge­wesen, daß alles andere ihr unbedingt gleichgültig war, so hätte sie den Weg nicht gefunden in das Haus jenes Pharisäers — wo sie dann die Vergebung fand.

Ferner kannst du von der Sünderin lernen, was sie verstand: daß sie dafür, Vergebung zu finden, selbst gar nichts zu tun vermag.

Sollen wir ihr ganzes Verhalten von Anfang bis zu Ende kenn­zeichnen, so müssen wir sagen: sie tut gar nichts.

Sie zögerte nicht, zu jenem Haus zu gehen, wo sie den Erlöser und die Erlösung finden wollte; sie wartete nicht, bis sie sich würdig fühlte. Nein, dann wäre sie lange fortgeblieben, viel­leicht niemals zu jenem Haus und gar in jenes Haus gekommen; sie beschließt, sofort zu gehen, in ihrer Unwürdigkeit, gerade das Gefühl der Unwürdigkeit treibt sie zu gehen, also beschließt sie sofort zu gehen — so tut sie selbst nichts, oder sie ver­steht, daß sie selbst nichts zu tun vermag. Kann dies stärker aus­gedrückt werden als dadurch, daß gerade das Gefühl der Un­würdigkeit es ist, was sie bestimmt!

So bereitet sie sich vor zu gehen ¡doch nicht auf das, was sie sagen will, oder etwas Ähnliches: o nein, sie kauft ein Alabastergefäß mit Salbe, um es mitzunehmen. So befolgt sie das Wort der Schrift: „Wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, auf daß dich nicht die Menschen fasten sehen, sondern dein Vater, der im Verborgenen ist.“ Festlich geht sie zum Gast­mahl — ja, wer sollte erraten haben, was ihre Absicht war, und was ihr Eintreten in jenes Haus für sie bedeutete! Doch sie ver­steht ganz, daß sie selbst nichts zu tun vermag. Anstatt sich etwa der Selbstquälerei hinzugeben, als würde sie dadurch Gott wohl­gefälliger und käme sie dadurch Gott näher, statt dessen ver­geudet sie (ja das ist Judas Meinung), vergeudet sie leichtsinnig (ja, das ist des Selbstquälers Meinung) — sie vergeudet, was irdisch zur Festlichkeit gehört. Sie nimmt ein Alabastergefäß mit Salbe, festlich, wie es zum Gastmahl paßt.

Sie tritt ein. Sie versteht ganz, daß sie selbst nichts zu tun ver­mag. Sie gibt sich deshalb nicht leidenschaftlichen Ausdrücken der Selbstanklage hin, als brächte sie dies der Erlösung näher, oder als machte sie dies Gott wohlgefälliger; sie übertreibt nicht (wahrlich, dessen soll sie keiner beschuldigen können), sie tut überhaupt gar nichts: sie schweigt — sie weint.

Sie weint. Vielleicht wird einer sagen: so tat sie doch etwas. Nun ja, sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Wäre ihr aber der Gedanke gekommen, daß diese Tränen ein Tun bedeuten könn­ten, so hätte sie sie auch zurückhalten können.

Also sie weint. Sie hat sich zu Christi Füßen gesetzt, dort sitzt sie und weint. Doch laß uns nicht die Festlichkeit vergessen, wie auch sie sie nicht vergaß, gerade weil sie ganz verstand, daß sie, um Vergebung zu finden, selbst gar nichts zu tun vermag. Laß uns nicht die Festlichkeit vergessen — und die Salbe, die sie mit­genommen hat. Sie vergißt das nicht; sie versteht das recht eigentlich als ihr Werk: sie salbt Christi Füße mit Salbe, trocknet sie mit ihrem Haupthaar, weint.

Kannst du, wenn anders du es nicht weißt, erraten, was dieses Bild bedeutet? Da sie nichts sagt, ist dies ja in gewissem Sinne unmöglich; und für sie läuft es ja wie in eins zusammen: seine Füße zu salben, was dem Feste entspricht, und zu weinen, was etwas ganz anderem entspricht. Doch was das bedeutet, das geht ja auch keinen andern etwas an als sie, die ganz versteht, daß sie, um Vergebung zu finden, selbst gar nichts vermag, und ihn, von dem sie ganz versteht, daß er unbedingt alles vermag.

So hört sie ihn mit den beim Gastmahl Anwesenden reden. Sie versteht sehr wohl, daß er von ihr redet, als er davon redet, daß es einen Unterschied zwischen Schuldnern gebe, da der eine fünf­hundert Pfennig schuldig ist, der andere fünfzig, daß es aber, wenn beide Vergebung finden, dann auch recht und billig ist, daß jener mehr liebt als dieser. Das versteht sie schon, wie, ach, das eine, und wie, Gott sei gelobt, auch das andere auf sie paßt. Aber sie versteht zugleich ganz, daß sie selbst nichts zu tun ver­mag. Sie mischt sich darum nicht in die Unterredung, sie schweigt, hält auch die Augen bei sich selbst oder bei dem Werk, das sie besorgt: sie salbt seine Füße, trocknet sie mit ihrem Haupthaar, weint. O mächtiger und wahrer Ausdruck dafür, daß sie nichts vermag! Sie ist wie abwesend, obgleich sie an­wesend ist, ja obgleich sie es ist, von der geredet wird.

So hört sie ihn sagen: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben“ … das hört sie; er sagt noch mehr, er fügt hinzu: „weil sie viel liebte.“ Idi nehme an, daß sie dies nicht einmal gehört hat, es würde sie vielleicht gestört haben, daß da ein „weil“ war, das auf sie bezogen wurde; vielleicht würde es auch die Liebe ge­ängstigt haben, daß sie so gepriesen wurde. Darum nehme ich an, daß sie es nicht gehört hat; oder vielleicht hat sie es gehört, aber falsch gehört, so daß sie glaubte, er habe gesagt: „weil er viel liebte“, es sei also von seiner unendlichen Liebe die Rede: daß ihr ihre vielen Sünden vergeben würden, weil die so un­endlich sei. Und das konnte sie sehr gut verstehen; es war ja, als könnte sie selbst es gesagt haben.

So geht sie wieder heim — eine stumme Person in diesem ganzen Auftritt. Wer würde erraten, was dieser Gang für sie bedeutet hat, dieser Gang, wo sie hinging mit Sünde und Sorge, und wo sie fortging mit Vergebung und Freude.

Was tut denn also dieses Weib, von dem wir lernen sollen? Nichts! Sie tut gar nichts; sie übt die hohe, seltene, äußerst schwierige, echt weibliche Kunst: gar nichts zu tun, — oder zu verstehen, daß man, um Vergebung zu finden, selbst nichts zu tun vermag. „Wie leicht!“ Ja: wenn nicht gerade in der Leichtig­keit die Schwierigkeit läge! Wahrlich, wenn der, welcher sich selbst überwindet, größer ist als der, welcher eine Stadt ein­nimmt: größer als der, welcher alles in Bewegung setzt, um doch selbst etwas zu tun, ist im Verhältnis zu Gott und in Beziehung auf die Vergebung der Sünden der, welcher ganz stille werden kann, um gottesfürchtig Gott alles tun zu lassen: ganz ver­stehend, daß er in dieser Hinsicht selbst gar nichts zu tun vermag; daß alles, alles was ein Mensch selbst zu tun vermag, und wäre es auch das Herrlichste und Erstaunlichste, doch in dieser Hinsicht unendlich nichts ist; daß alles, was der Mensch ‚ selbst tut (auch wenn es menschlich geredet wirklich gut wäre, und nicht ein trauriger Selbstbetrug des trügerischen Herzens), daß dies alles so weit davon entfernt ist, auch nur das geringste 1 dazu beizutragen, ihm auch nur im entferntesten die Vergebung der Sünden zu erwerben, daß es ihn vielmehr der unendlichen Gnade, die ihm obendrein noch dieses gelingen ließ, zu neuem und immer neuem Dank verpflichtet. O traurige Verwirrung, oder furchtbare Vermessenheit, wenn ein Mensch auch nur im entferntesten auf so etwas verfallen könnte! Nein, in Beziehung auf die Vergebung der Sünden, oder, vor Gott vermag ein Mensch gar nichts; wie sollte das auch möglich sein, da ja ein Mensch auch in dem geringsten, das er menschlich geredet ver­mag, nichts vermag, außer durch Gott!

Endlich lernen wir von der Sünderin (wohl nicht direkt von ihr, sondern wenn wir unsere Lage mit ihrer vergleichen), daß wir einen Trost haben, den sie nicht hatte.

Vielleicht möchte einer sagen: Ja, sie hatte es leicht, an die Ver­gebung ihrer Sünden zu glauben, sie hörte es ja aus Christi eigenem Mund; was durch die vielen Jahrhunderte hindurch Tausende und Abertausende erfahren haben, was die vielen Ge­schlechter hindurch als Erfahrung von Geschlecht zu Geschlecht überliefert wurde: daß ein Wort von ihm für alle Ewigkeit heilt — wie muß sie das nicht empfunden und gefühlt haben, sie, die das heilende Wort aus seinem eigenen Munde hörte!

Es herrscht allerdings an diesem Punkte ein allgemeines Mißverständnis. Von seiner Einbildung betrogen, vergegenwärtigt man sich die Sache nicht recht und vergißt darum, daß gerade die Gleichzeitigkeit mit Christus in einem Sinne das Glauben am allerschwersten macht. Freilich, wer dann trotz aller Schwierigkeiten und Gefahren wirklich glaubte, für den war es dann auch ein Vorzug vor jedem Späteren, das Wort aus Christi eigenem Mund zu hören, es nicht wie wir bloß zu lesen, und im allgemeinen davon zu lesen, daß in Christo Vergebung der Sünden ist. Wer hörte, daß Christus es zu ihm selbst sagte, dem kann ja unmöglich ein Zweifel kommen, daß „ich“ es bin, der gemeint ist, daß es mit „mir“ seine Richtigkeit hat, daß „ich“ die gnadenvolle Vergebung meiner Sünden habe; so wenig ihm ein Zweifel kommen kann, daß es Christi Wort ist.

Aber dann hat die Sache auch wieder eine andere Seite. Es gibt einen Trost, der zu Christi Lebzeiten noch nicht da war, den Christus also nicht selbst einem anbieten konnte: den Trost seines versöhnenden Todes, als eines Pfandes dafür, daß die Sünden vergeben sind. Zu seinen Lebzeiten ist Christus für den mit ihm Gleichzeitigen vorzugsweise das Vorbild, wenn er auch der Erlöser ist, und wenn auch sein Leben Leiden ist, so daß auch da schon von ihm gesagt werden kann, daß er die Sünde der Welt trägt; im Vordergründe aber steht, daß er das Vorbild ist. Und da das Christentum nicht bloß so eine Lehre ist, die dieselbe bleibt, wer auch der Verkünder sei, sondern abhängig davon ist, wer der Verkünder ist, abhängig davon, wie wahr das Leben des Verkünders die Lehre ausdrückt: so zeigte sich darum, wenn Christus das Christentum verkündet, und als Vorbild, dann zeigte sich auch, daß kein Mensch ganz mit ihm aushalten kann: sie fallen ab, selbst die Apostel.

Aber dann stirbt er. Und sein Tod verändert alles unendlich. Nicht als höbe sein Tod die Bedeutung dessen auf, daß er zu­gleich das Vorbild ist; nein, aber sein Tod wird nun der un­endliche Trost, der unendliche Vorschuß: daß der Strebende davon ausgehen kann, daß unendliche Genugtuung geleistet ist; daß dem Zweifelnden, dem Verzagten als das höchste Pfand geboten wird (unmöglich etwas Zuverlässigeres zu finden!), daß Christus gestorben ist, um ihn zu retten, daß Christi Tod die Ver­söhnung ist, die Genugtuung ist. Diesen Trost hatte die Sünderin nicht. Sie hörte es aus seinem eigenen Mund, daß ihre vielen Sünden ihr vergeben waren, das ist wahr; aber sie hatte nicht seinen Tod zum Trost, wie der Spätere ihn hat. Dächtest du dir die Sünderin in einem späteren Augenblick in Anfechtung zwei­felnd, ob ihre vielen Sünden ihr nun auch wirklich vergeben seien, so würde sie, sofern sie es nicht wieder unmittelbar von Christus selbst hören könnte, Ruhe darin finden, daß sie Christus gleich­sam sagen hörte: glaube es doch, du hast es ja aus meinem eigenen Munde gehört. Der hingegen, welcher viele Jahr­hunderte nach Christus lebt, wird, wenn er von dem Zweifel an­gefochten wird, ob seine Sünden ihm auch vergeben sind, Trost darin finden, daß er Christus gleichsam zu sich sagen hört: glaube es doch, ich habe mein Leben gelassen, um dir die Ver­gebung deiner Sünden zu erwerben, so glaube es doch, eine größere Vergewisserung ist unmöglich. Zu den Mitlebenden kann Christus nur sagen: ich will mich selbst hingeben als Opfer für die Sünde der Welt, auch für deine. Ist dies nun leichter zu glauben als wenn er es getan hat, sich hingegeben hat? Oder gewährt das, daß er sagt, er wolle es tun, größeren Trost als daß er es getan hat? Keine Liebe ist größer als die, daß einer sein Leben für einen andern hingibt. Wann aber ist dies am leich­testen zu glauben, und wann ist der Trost am größten, wenn der Liebende sagt: ich will es tun — oder wenn er es getan hat?

Nein, erst wenn er es getan hat, erst dann ist der Zweifel so unmöglich gemacht, so unmöglich wie es möglich ist; und erst wenn Christus geopfert ist als Opfer der Versöhnung, erst dann ist der Trost da, der es so unmöglich macht, ja so unmöglich wie das überhaupt möglich ist, an der Vergebung seiner Sünden zu zweifeln. Denn er ist nur für den Glauben, dieser Trost.

Übersetzt von Wilhelm Kütemeyer.

Ursprünglich erschienen als: Søren Kierkegaard, Eine erbauliche Rede (1850).

Hier die Rede als pdf.

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