Wolfdietrich Schnurre, Das Begräbnis (1946) – erstgelesene Kurzgeschichte bei der Gruppe 47: „Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott. Die Beisetzung findet heute nacht in aller Stille auf dem St.-Zebedäus-Friedhof statt.“

Wolfdietrich Schnurres Das Begräbnis ist die erste Kurzgeschichte, die beim ersten Treffen der Gruppe 47 am ersten Septemberwochenende 1947 in Ilse Schneider-Lengyels Haus am Bannwaldsee bei Schwangau im Allgäu vorgetragen wurde:

Das Begräbnis

Von Wolfdietrich Schnurre

Steh ich in der Küche auf m Stuhl. Klopft’s.

Steig ich runter, leg den Hammer weg und den Nagel; mach auf: Nacht; Regen.

Nanu, denk ich, hat doch geklopft.

»Ptsch«, macht die Dachrinne.

»Ja –?« sag ich.

Ruft’s hinter mir: »Hallo!«

Geh ich zurück wieder. Liegt n Brief auf m Tisch.

Nehm ihn.

Klappt die Tür unten. Leg ich den Brief hin, geh runter, mach auf: Nichts.

Ulkig, denk ich.

Geh rauf wieder.

Liegt der Brief da; weiß mit schwarzem Rand.

Muß einer gestorben sein, denk ich.

Seh mich um.

»Riecht nach Weihrauch«, sagt meine Nase.

»Hast recht«, sag ich; »war doch vorher nich. Komisch.« Reiß den Brief auf, setz mich, putz mir die Brille. So.

Richtig, ne Traueranzeige. Ich buchstabiere:

Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott.

Klein, drunter:

Die Beisetzung findet heute nacht in aller Stille auf dem St.-Zebedäus-Friedhof statt.

Siehste, denk ich, hat’s ihn auch geschnappt, den Alten; nu ja. Steck die Brille ins Futteral und steh auf.

»Frau!« ruf ich, »n Mantel!«

»Wieso n?« brummelt sie oben.

»Frag nich so blöd«, sag ich; »muß zur Beerdigung.«

»Kenn ich«, greint sie; »Skat kloppen willste.«

»Quatsch«, sag ich; »Gott is gestorben.«

»Na und –?« sagt sie; »vielleicht noch n Kranz kaufen, hm?«

»Nee«, sag ich; »aber Franzens Zylinder könntste raus­rücken. Wer weiß, wer alles da is.«

»Ach nee«, sagt sie, »auch noch n dicken Willem markiern? Nee, is nich. Außerdem duster; sieht sowieso keiner, daß de n Zylinder aufhast.«

Schön, denk ich; denn nich, liebe Tante.

Zieh mein Paletot an, klapp n Kragen hoch und geh runter zur Tür.

s pladdert.

Den Schirm, denk ich. Aber den Schirm hat Emma.

»Nacht«, sag ich und mach zu hinter mir.

Alles wie immer draußen. Glitschiger Asphalt, bißchen Laternenlicht; paar Autos, paar Fußgänger; auch die Straßenbahn fährt.

Frag ich einen: »Schon gehört Gott is gestorben.« Sagt der: »Nanu; heut erst?«

Der Regen nimmt zu. Vor mir taucht n Kiosk auf mit ner Karbidlampe drin.

Halt, denk ich, mußt doch mal sehn.

Beug mich rein; blättere, such.

Heute: nichts. Morgen: nichts. Neue Welt: nichts. Die Zukunft: nichts. Am Feierabend: nichts. Keine Zeile; nicht mal unter Kurznachrichten.

Frag ich: »Sonst noch was?«

»Anzeigenblatt«, sagt der Zeitungsmann.

»Moment«, sag ich.

Such; find’s: Letzte Seite; reiner Zufall. Unter Sonstiges, klitzeklein:

Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott.

Aus; alles.

Zeig’s dem Zeitungsmann: »Na –?«

Sagt der: »Armer Deubel. Kein Wunder.«

Auf m Paradeplatz, mitten im Nebel, steht n Schutzmann.

Frag ich: »Nich was durchs Radio gekommn?« »Krieg«, sagt er.

»Nee«, sag ich; »was Besondres.«

»Nee«, sagt er.

»Kein Todesfall? Gott soll gestorben sein.«

Zuckt er die Schultern: »Hat er davon.«

Wird dunkler. Die Straße verengt sich.

Ecke Kadettenweg renn ich einen an.

Sagt der: »Geht’s n hier zum Zebedäus-Friedhof?« »Pfarrer?« frag ich; »Beerdigung?«

Er nickt.

»Wen denn.«

Sagt er: »n gewissen Klott oder Gott oder so ähnlich.« Gehn wir zusammen. An Mietskasernen vorbei, schor­figen Brandmauern, flackernden Gaslaternen.

Fragt der Pfarrer: »Verwandt mit dem Toten?«

»Nee«, sag ich; »bloß so.«

Hinter uns wird n Fenster aufgerissen.

»Hilfe!« schreit ne Frau.

n Blumentopf klirrt aufs Pflaster. Gegenüber zieht einer n Roll-Laden hoch. Licht fällt auf die Straße.

»Ruhe!« brüllt jemand.

»Noch weit?« fragt der Pfarrer.

»Nee«, sag ich; »gleich.«

Der Regen ist jetzt so dicht, daß man kaum noch die Laternen erkennt. Bin naß bis aufs Hemd.

»Hier«, sag ich: »rechts.«

Ist die Marschallstraße, mündet auf n Kohlenplatz, der jetzt mit Stacheldraht eingezäunt ist; Quarantänelager für Heimkehrer.

Die stehn im Regen und warten. Links der Zebedäus-Friedhof daneben, eng an die Rückwand von Waldemars Ballsälen gequetscht. Rechts die Stickstoff-Fa­brik. Ihre verschmierten Fenster sind hell; man hört’s, sie läuft auf Hochtouren. Ihre Schornsteine sind von unten erleuchtet; oben verlieren sie sich im Nebel.

Vorm Friedhof steht was. n Wagen mit ner Kiste drauf; paar Leute, n Pferd.

»n Abend«, sag ich.

»Biste der Pfarrer?«

»Nee«, sag ich, »der

»Los, pack mit an.«

Der Pfarrer greift zu, schweigend. Sie heben sich die Kiste auf die Schulter und schwanken durchs Tor. »Beeilt euch!« schreit der Kutscher.

Er hat sich unter ner Decke verkrochen und lehnt an dem Pferd; raucht.

s Tor quietscht, wie ich’s zumach. Langsam schlendre ich hinter den Männern her.

Zwei tragen Spaten. Die kenn ich; sind die Totengräber. Der dritte hat n blauen Kittel an, hinter seinem rechten Ohr klebt ne aufgeweichte Zigarette; n Straßenfeger oder so was. Die andern beiden stecken in speckigen Feldblusen und haben Schildmützen auf; Heimkehrer aus m Lager wahrscheinlich.

Der sechste ist der Pfarrer.

Jetzt sind sie aus m Schritt gekommen, die Kiste auf ihren Schultern liegt schief. Hat der Pfarrer dran schuld; kriegt s Kreuz nicht raus, stöhnt. Schreit plötzlich: »Ab­setzen!« Duckt sich.

»Rumms.«

Der Deckel fliegt ab. Haben sie die Bescherung.

Der Pfarrer hinkt; hat die Kiste auf n Fuß gekriegt. Der Tote ist rausgefallen. Liegt da, bleich. Die Azetylenlampen vom Lager leuchten ihn an. n graues Hemd trägt er, ist hager, und an seinem Mund und im Bart ist etwas Blut festgetrocknet. Er lächelt.

»Idiot«, sagt der Kittelmann.

Sie drehn die Kiste um und heben den Toten wieder rein.

Sagt der eine Heimkehrer: »Er is dreckig, paß auf.« »Schon gut«, sagt der andre.

Wie der Deckel drauf ist, bücken sie sich.

»Haaaaaau ruck!« schrein die Totengräber.

»Maaaaarsch!«

Der Pfarrer hinkt.

An nem zermanschten Erdhaufen wartet ne Frau. Kenn ich; ist die Inspektorin. Sie hat n durchlöcherten Schirm aufgespannt, durch den man die erleuchteten Schorn­steine sieht. Ihr Rock ist aus Sackleinen; Städtische Stickstoffwerke steht drauf.

»Hierher!« schreit sie.

Neben dem Erdhaufen ist n Loch. Neben dem Loch liegt n Strick. Daneben n Blechkreuz mit ner Nummer drauf.

Die Träger schwenken ein.

»Seeeeeeetzt – ab!« kommandieren die Totengräber.

Die Kiste rumpelt zur Erde. H. Gott ist drangeschrieben mit Kreide. Drunter n Datum; schon verwischt aber. Der Pfarrer räuspert sich.

»Junge, Junge«, sagt der eine Heimkehrer und betupft sich die Stirn.

Der andre stellt den Fuß auf die Kiste und beugt sich vornüber. »Mistwetter«, sagt er und bewegt die Zehen, die aus der Schuhspitze raussehn.

»Los, Leute«, sagte die Inspektorin, »haut hin.«

Der eine Totengräber mißt das Loch mit m Spatenstiel aus. »Werd verrückt«, sagt er.

»Was n«, fragt der andre.

»Zu kurz.«

Sie schippen.

Es planscht, wenn die Brocken ins Loch fallen; Grundwasser.

»Paßt«, sagt der Kittelmann.

Der Pfarrer räuspert sich. »Liebe Anwesende«, sagt er. »Hier«, sagt der eine Totengräber, »faß mal n Strick an. So. Und jetz drauf mit dem Ding.«

Sie heben die Kiste an und stellen sie auf den Strick, der rechts und links mit je drei Schlaufen drunter vorsieht.

»Zuuuuu-gleich!« kommandieren die Totengräber. Die Kiste schwebt überm Loch.

Taghell machen’s die Azetylenlampen. Die Blechkreuze rings auf den flachen Hügeln sind nicht höher als Kohl­köpfe.

Es regnet ununterbrochen.

Von der schimmligen Rückwand von Waldemars Ballsälen löst sich n Putzplacken ab und haut zwei Grab­kreuze um.

»Nachlassen«, sagt der eine Totengräber; »langsam nachlassen.«

Die Kiste senkt sich.

»Woran is er n gestorben?« frag ich.

Die Inspektorin gähnt. »Soll ich n das wissen.«

Vom Quarantänelager kommt Harmonikamusik rüber.

»Bei drei loslassen«, sagt der andre Totengräber; zählt: »Eins –, zwei –«

»Moment«, sagt der Pfarrer und zieht sein Bein aus der Grube; »so.«

»Drei!«

Klang, als wär n Sack ins Wasser geplumpst.

»Sauerei«, sagt der Kittelmann und wischt sich s Gesicht ab.

Die Heimkehrer ziehn die Mützen vom Kopf. Der Pfarrer faltet die Hände.

»Na ja.« Der eine Totengräber spuckt aus und wickelt den Strick auf.

»Bißchen tiefer hättet ihr ruhig gehn können«, sagt die Inspektorin.

Der Pfarrer hat fertig gebetet. Er hebt nen Lehmbatzen auf und wirft ihn ins Loch.

»Bumms«, macht es. Auch ich bück mich.

»Bumms.«

Der Kittelmann schubst seine Portion mit m Fuß rein. »Bumms.«

n Augenblick ist es still; man hört nur das Rattern und Stampfen der Maschinen aus der Stickstoff-Fabrik. Dann setzt die Musik wieder ein, lauter jetzt. Die Heim­kehrer haben die Mützen wieder aufgesetzt, sie wiegen sich in den Hüften und summen mit.

»Fertig –?« fragt der Kittelmann.

»Fertig«, sagt die Inspektorin. »Haut das Kreuz weit genug rein.«

Der Pfarrer putzt sich die Hände ab. »Liebe Anwesende«, sagt er.

»He!« schreit draußen der Kutscher.

»Ja doch!« brüllt der Kittelmann. Tippt an die Mütze: »n Abend allerseits.«

»n Abend«, sagen die Heimkehrer und gehn auch.

Die Inspektorin folgt ihnen. Sieht aus wie ne Steckrübe mit ihrem geschürzten Rock.

Die Totengräber fangen an zu schippen.

»Rumms«, macht es; »rumms, rumms.«

»–fluchter Dreck«, sagt der eine und tritt mit m Absatz den Lehm vom Spaten.

»Geben se n heut im Odeon?« fragt der andre.

Der Pfarrer starrt die Rückwand von Waldemars Ballsälen an.

»Noch nich nachgesehn«, sagt der erste Totengräber: »gleich mal vorbeigehn.«

»Hü!« schreit der Kutscher draußen.

»n Abend«, sag ich.

Der Pfarrer rührt sich nicht.

»n Abend«, sagen die Totengräber.

s Friedhofstor quietscht, wie ich’s zumach. Am Zaun ist n Zettel aufgespießt. Reiß ihn ab; Stück Zeitungspapier. Inseratenteil, weich vom Regen. Links sucht die Patria-Bar n eleganten Kellner mit eigener Wäsche; rechts tauscht einer n Bettlaken gegen ne Bratpfanne ein. Dazwischen, schwarzer Rand, Traueranzeige:

Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott.

Dreh mich um.

Der eine Totengräber ist ins Loch reingesprungen und trampelt die Erde fest. Der andre schneuzt sich und schlenkert n Rotz von den Fingern.

In der Stickstoff-Fabrik rattern die Maschinen. Ihre Schornsteine sind von unten erleuchtet. Ober verlieren sie sich im Nebel. Hinterm Stacheldraht auf m Kohlenplatz stehn die Heimkehrer und warten, s regnet. Taghell haben’s die Azetylenlampen gemacht; wo sie nicht hinreichen, ist Nacht.

Jetzt ist auch die Harmonika wieder da. Einer singt zu ihr: »La paloma ohé!«

s Friedhofstor quietscht. Ist der Pfarrer.

Er hinkt.

[1946]

Zuerst veröffentlicht in: Ja. Zeitung der jungen Generation 2 (1948), 1. Februar-Ausgabe, S. 5. 1960 vom Autor für eine Neuveröffentlichung überarbeitet.

Quelle: Wolfdietrich Schnurre, Man sollte dagegen sein. Geschichten, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1964, S. 19-28.

Hier der Text als pdf.

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