Augustinus, Über Sterben und Tod (Vom Gottesstaat): „Es ist nicht begreiflich zu machen, wie man von Sterbenden sagen kann, sie lebten, oder von Toten, sie seien auch nach dem Tode noch im Tode. Wieso denn nach dem Tode, wenn sie noch im Tode sind?“

Über Sterben und Tod (Vom Gottesstaat)

Von Aurelius Augustinus

9. Der Tod als Grenzbegriff und die Zeit

Doch was soll man von der Zeit sagen, in der die Seelen vom Leibe getrennt sind und sich nun wohl oder übel befinden? Ist es eine Zeit nach dem Tode oder im Tode? Wenn nach dem Tode, ist nicht mehr der Tod selbst, der ja überstanden und vergangen ist, sondern das nach ihm fortdauernde Leben der Seele gut oder übel. Der Tod aber war wohl ein Übel, als er da­war und die Sterbenden ihn erlitten, weil sie seine Bitterkeit und Qual empfanden, ein Übel, von dem die Guten freilich guten Gebrauch machen. Aber wie könnte der überstandene Tod gut sein oder übel, wenn er gar nicht mehr vorhanden ist? Ja, wenn wir noch genauer zusehen, wird sich zeigen, daß es gar nicht der Tod ist, dessen Bitterkeit und Qual, wie wir sag­ten, die Sterbenden fühlen. Denn solange sie fühlen, leben sie noch, und solange sie leben, muß man von ihnen sagen, daß sie vor dem Tode stehen und nicht in ihm. Wenn er wirklich kommt, nimmt er ja alle leibliche Empfindung hinweg, die bei seiner Annäherung qualvoll war. So ist es schwer zu sagen, war­um wir diejenigen Sterbende nennen, die noch nicht tot sind, sondern beim Drohen des Todes von äußerster, tödlicher Angst geschüttelt werden, obwohl man sie andererseits doch auch mit Recht so heißt, da sie nach Eintritt des bevorstehen­den Todes nicht mehr Sterbende, sondern Verstorbene ge­nannt werden. Ein Sterbender ist darum stets ein noch Leben­der; denn auch wenn sein letztes Stündlein schlägt und er drauf und dran ist, wie man sagt, seinen Geist aufzugeben, bleibt er dennoch, bis seine Seele entweicht, am Leben. Er ist also zu­gleich Sterbender und Lebender, dem Tode sich nähernd, vom Leben sich entfernend. Aber er lebt noch, denn sein Leib ist beseelt, ist noch nicht im Tode, solange die Seele nicht aus dem Leibe schied. Aber wenn sie nun geschieden ist und sich dann nicht etwa im Tode, sondern in einem Zustande nach dem Tode befindet, ja, wer ist dann im Tode? Kann doch eigentlich nie­mand ein Sterbender heißen, weil man nicht zugleich Sterben­der und Lebender sein kann. Denn solange die Seele im Leibe ist, lebt man unfraglich noch. Oder wenn man jemanden, in dessen Leibe das Sterben bereits anhebt, besser einen Sterben­den nennt und doch niemand zugleich ein Lebender und Ster­bender sein kann, so weiß ich nicht, wann man überhaupt ein Lebender ist.

10. Des Menschen Lehen ein tägliches Sterben

Denn in demselben Augenblicke, in dem jemand in dies sterb­liche Leben eintritt, fängt der Tod an sich vorzubereiten. Die Wandelbarkeit nämlich, der jeder die ganze Zeit seines Lebens – falls man es überhaupt Leben nennen soll – unterliegt, führt uns dem Tode entgegen. Niemand, der dem Tode nicht nach einem Jahre näher wäre als vor einem Jahre, morgen näher als heute, heute als gestern, ein wenig später näher als jetzt und jetzt näher als kurz vorher. Denn jedes Zeitteilchen, das man weiterlebt, wird von der Lebensdauer abgezogen, und tag­täglich wird weniger und weniger, was übrigbleibt, so daß die ganze Lebenszeit nichts anderes ist als ein Lauf zum Tode, bei dem niemand auch nur ein klein wenig stehenbleiben oder etwas langsamer gehen darf. Nein, zu gleicher Eile werden alle angetrieben, kein Unterschied wird geduldet. Denn wer kür­zer lebte, hat den Tag nicht schneller hingebracht als der, dem ein längeres Leben beschieden war. Gleich rasch schwanden beiden die gleichen Minuten dahin, nur daß dem einen ein näheres, dem anderen ein entfernteres Ziel gesteckt war, dem beide gleich geschwind entgegeneilten. Einen weiteren Weg zurücklegen, heißt ja nicht langsamer gehen. Wer also bis zum Tode einen längeren Zeitraum durchmißt, wandert nicht lang­samer, sondern schafft nur eine größere Strecke. Wenn man also in dem Augenblick zu sterben beginnt, das heißt vom Tode umfangen wird, in welchem der Tod sein Werk, nämlich die Entziehung des Lebens, anhebt – denn ist der Lebensraub erst vollbracht, hat man den Tod schon hinter sich und ist nicht mehr in ihm -, ist man unfraglich schon mit dem ersten Be­ginn des leiblichen Lebens vom Tode umfangen. Denn was sonst geht vor sich in den einzelnen Tagen, Stunden und Augenblicken, die vorübereilen, bis das Sterben, das sich voll­zog, aufhört und zum Abschluß kommt und nun die Zeit nach dem Tode beginnt, während die Zeit vorher, da das Leben hin­schwand, eine Zeit im Tode war? Niemals also lebt der Mensch wirklich, sobald er in diesem mehr sterbenden als lebenden Leibe sich befindet, vorausgesetzt, daß er nicht zugleich im Leben und im Tode sein kann. Oder ist er doch zugleich im Leben und im Tode, im Leben, in dem er lebt, bis es ganz hin­geschwunden ist, im Tode aber, weil er bereits stirbt, da das Leben schon jetzt hinschwindet? Denn wäre er nicht im Leben, was sollte denn das sein, das abnimmt, bis es völlig aufgezehrt ist? Wenn aber nicht auch im Tode, was hätte denn das Hin­schwinden des Lebens zu bedeuten? Man sagt doch nur darum «nach dem Tode», wenn das Leben dem Körper ganz entzogen ist, weil der Tod schon da war, als es ihm allmählich entzogen wurde. Denn wenn nach seiner Entziehung der Mensch nicht mehr im Tode ist, sondern nach ihm, wann soll er dann im Tode sein, wenn nicht während seiner Entziehung?

11. Was heißt das «sterbend» und «im Tode»?

Wenn es aber widersinnig ist, von einem Menschen, ehe es mit ihm zum Sterben kommt, zu sagen, er sei schon im Tode – denn wie soll er sich ihm im Verlauf seiner Lebenszeit nähern, wenn er schon darin ist? – und es vollends allzu dreist wäre, jeman­den zugleich lebend und sterbend zu nennen, da man doch auch nicht zu gleicher Zeit wachend und schlafend sein kann, so muß man fragen, wann eigentlich der Mensch ein Sterbender ist. Denn ehe der Tod kommt, ist er’s doch nicht, sondern ein Lebender, ist der Tod aber da, ist er kein Sterbender mehr, sondern tot. Das eine also vor, das andere nach dem Tode. Wann also im Tode? Doch wohl dann, wenn er stirbt. Denn nur in dem Falle entsprechen den drei Begriffen «vor dem Tode, im Tode und nach dem Tode» die drei anderen «lebend, sterbend und tot». Wann er nun aber ein Sterbender, mit an­dern Worten, im Tode ist, wo er nicht mehr ein Lebender, wie vor dem Tode, und auch noch nicht tot ist, wie nach dem Tode, sondern eben ein Sterbender, nämlich im Tode, das ist sehr schwer auszumachen. Denn solange die Seele noch im Leibe ist, zumal wenn noch Empfindung sich regt, lebt der Mensch un­fraglich, der ja aus Leib und Seele besteht, und befindet sich demnach vor dem Tode, nicht im Tode. Ist aber die Seele entschwunden und damit alle leibliche Empfindung ausgelöscht, ist er gestorben und hat den Tod bereits hinter sich. Zwischen diesen beiden Zuständen bleibt also für den Zustand des Ster­benden oder im Tode Befindlichen kein Raum, denn solange man lebt, steht man vor dem Tode, hat man aufgehört zu leben, schon nach ihm. Niemals also kann man den Zustand des Sterbens, des im Tode Sichbefindens aufweisen. So sucht man ja auch im Zeitverlauf die Gegenwart vergebens und fin­det sie nicht. Denn als Durchgangspunkt auf dem Wege der Zukunft in die Vergangenheit hat sie keine Ausdehnung. Könnte man nicht gar auf diese Weise folgern, daß es den leib­lichen Tod überhaupt nicht gibt? Denn gibt es ihn, wann sollte er dann wohl sein, da er in niemandem sein kann und niemand in ihm? Denn solange man lebt, ist er noch nicht da, da man sich noch vor dem Tode, nicht im Tode befindet; hat das Leben aber aufgehört, ist er bereits nicht mehr, da man nun den Tod hinter sich hat und sich nicht mehr darin befindet. Aber wie­derum, wenn es keinen Tod gibt, vor welchem oder nach wel­chem etwas geschehen könnte, was soll denn das heißen, wenn man spricht «vor dem Tode» oder «nach dem Tode»? Das hat dann ja keinen Sinn, wenn es keinen Tod gibt. Ach, hätten wir doch im Paradiese so fromm gelebt, daß es in der Tat keinen Tod gäbe! Nun aber ist er nicht nur, sondern obendrein so not­voll, daß keine Redekunst ihn beschreiben, keine Klugheit ihm ausweichen kann.

Reden wir also ruhig weiter, wie wir’s gewohnt sind und wie sich’s auch gehört, und sagen «vor dem Tode», wenn der Tod noch nicht eingetreten ist, wie ja auch geschrieben steht: « Du sollst niemand preisen vor seinem Tode.» Sagen wir auch, wenn er eingetreten ist: Nach dem Tode dieses oder jenes Man­nes hat sich dies oder das begeben. Gebrauchen wir auch, so gut es gehen will, die Zeitform der Gegenwart, wenn wir etwa sagen: «Sterbend hat er verfügt», oder: «Sterbend hat er diesen oder jenen Leuten dies oder das hinterlassen», obschon er es nur lebend tun konnte und es, genau genommen, vor dem Tode, nicht im Tode tat. Richten wir uns auch darin nach der göttlichen Schrift, daß sie unbedenklich von Verstorbenen spricht, als wären sie im Tode und nicht nach ihm, etwa in dem Worte: «Denn im Tode gedenkt man dein nicht.» Denn bis sie wiederaufleben, mag man mit Recht sagen, sie seien im Tode, wie jemand sich ja auch im Schlaf befindet, bis er auf­wacht. Allerdings nennen wir die im Schlaf Befindlichen Schla­fende, während wir die bereits Gestorbenen nicht dement­sprechend Sterbende nennen können. Denn sie sterben nicht mehr, wenn sie, soweit der leibliche Tod in Frage kommt, von dem jetzt die Rede ist, bereits von ihren Leibern abgeschieden sind. An diesem Punkte versagt, wie schon bemerkt, unsere Sprache, denn es ist nicht begreiflich zu machen, wie man von Sterbenden sagen kann, sie lebten, oder von Toten, sie seien auch nach dem Tode noch im Tode. Wieso denn nach dem Tode, wenn sie noch im Tode sind? Kann man sie doch auch nicht Sterbende nennen, wie die im Schlaf Befindlichen Schla­fende, die in Krankheit Krankende, die in Leid Leidende, die im Leben Lebende. Aber von den Toten sagt man, ehe sie auf­erstehen, sie seien im Tode, und kann sie doch nicht Sterbende heißen. So muß man es ein glückliches und bedeutsames Zu­sammentreffen nennen, das freilich nicht von Menschen be­absichtigt, vielleicht aber durch göttliche Fügung herbeige­führt ist, daß das Wort «mori», «sterben», im Lateinischen von den Grammatikern nicht nach der Regel der anderen Zeit­wörter gebeugt (dekliniert) werden kann. Denn nehmen wir etwa das Wort «oriri», «entstehen», so lautet die Zeitform der Vergangenheit «ortus est», und ebenso werden die Partizipien der Vergangenheit bei andern ähnlichen Zeitwörtern gebildet. Fragen wir aber bei «mori» nach der entsprechenden Zeitform, so antwortet man uns: «mortuus est», also mit doppeltem «u». «Mortuus» gleicht demnach Worten wie fatuus (närrisch), arduus (steil), conspicuus (ersichtlich) und ähnlichen, also keinen Zeitformen der Vergangenheit, sondern Eigenschafts­worten, die nicht wie Zeitwörter gebeugt werden. Beim Worte «mori» aber setzt man an die Stelle des Participium Perfecti ein Eigenschaftswort, als wollte man beugen, was doch nicht gebeugt werden kann. Das paßt nicht schlecht, denn nun wird das, was in Wirklichkeit unbeugsam ist, durch ein Wort wie­dergegeben, das auch die Sprache nicht beugen kann. Dennoch kann durch Gnadenhilfe des Erlösers auch die Macht des Todes insofern gebeugt werden, als wir dem zweiten Tode vorbeugen können. Denn dieser Tod ist der schlimmere und das ärgste aller Übel, denn in ihm werden nicht Seele und Leib getrennt, sondern vielmehr beide vereinigt zu ewiger Pein. Dann wer­den umgekehrt wie früher die Menschen sich nicht mehr vor oder nach dem Tode befinden, sondern immer im Tode, folglich niemals lebend, niemals gestorben, aber ohne Ende sterbend. Denn nie kann es für den Menschen ein schlimmeres Sterben geben, als wenn der Tod selber niemals stirbt.

Quelle: Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat. Buch 11-22, Bd. 2, übers. von Wilhelm Thimme, Zürich-München: Artemis, 21978, 13,8-11, S. 116-122.

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