Hildegard Schaeder, Ostern im KZ (1947): „Es war Ostermorgen, das zweite Ostern im Lager, an dem eigentlich mir die Vergasung bestimmt war. Ich gab der jungen Frau die Hand, wünschte ihr ein gutes Ostern, was sie freundlich erwiderte, und sagte darauf: „ich kann unsere Beiden in dem Straftransport nicht vergessen, ich sehe sie immerfort vor mir“. „Sie haben selbst Schuld“, meinte sie mit steinernem Gesicht. Da wußte ich, daß diese das Leben der Beiden auf dem Gewissen hatte. Ich hielt ihre Hand fest: „wer von uns ist denn ohne Schuld?“ Sie ließ mir ihre Hand.“

Hildegard Schaeder (Aufnahme von 1940)

Hildegard Schaeder (1902-1984), Mitglied der Dahlemer BK-Gemeinde, hatte schon kurz nach der Reichspogromnacht 1938 Hausbesuche bei jüdischen Mitbürgerinnen angeregt und sich dazu brieflich an die Gemeindeleitung gewandt:

1.12.38

Lieber Herr Pastor,

im Gespräch mit einer alleinstehenden Jüdin wurde ich darauf aufmerksam, wie unangenehm besonders für alleinstehende Frauen der befohlene Aufenthalt am Sonnabend von 12-20 h allein in ihrer Wohnung ist. Besonders in Gedanken an private unlautere Elemente, die dann Einlass fordern könnten. Juden können sie ja nicht zu Gast bitten. Es wäre also Besuch von unsereinem sehr erwünscht, und zwar käme bei alleinstehenden Frauen der Besuch von Frauen oder Ehepaaren, nicht Männern allein in Frage.
Ich glaube, man sollte, wen man noch schnell erreichen kann, darauf aufmerksam machen, sich der ihnen bekannten Menschen anzunehmen. Vielleicht geben sie es auch noch weiter? Ich werde auch Freitagabend die Kindergottesdiensthelfer darauf aufmerksam machen. Wir wollen damit natürlich nicht Panik schaffen, sondern nach Möglichkeit vermeiden …

Herzlich Ihre Hildegard Schaeder

Schaeder selbst wurde im September 1943 wegen „Begünstigung flüchtiger Juden“ in „Schutzhaft“ genommen und im Frühjahr 1944 als politische Gefangene in das KZ Ravensbrück überstellt. Über ihre Haftzeit veröffentlichte sie 1947 folgende Schrift:

Ostern im KZ

Von Hildegard Schaeder

1947

Verlag Haus und Schule GmbH Berlin

Meiner Heimatgemeinde Berlin-Dahlem in dankbarer Gemeinschaft

Meiner Mutter zum 80. Geburtstag

Die Verfasserin des vorliegenden Buches, Hildegard Schaeder, ist am 13. April 1992 in Kiel geboren

1. Auflage: 1.— 5. Tausend

Copyright by Verlag Haus und Schule GmbH., Berlin

Der Verlag Haus und Schule GmbH, ist von der Nachrichtenkontrolle der Amerikanischen

Militärregierung zugelassen. Lizenz-Nr. B 219

Druck Buchdruckerei Walter Bartos, Berlin SW 68, Jerusalemer Str. 65/66. Reg.-Nr. 150. 10.47. 5000

Inhalt

1. Zurüstung: Das Siegeszeichen. 2

2. Erprobung: Der Totentanz. 6

3. Bewährung: Die Bruderschaft 9

4. Auftrag: Die Anderen. 11

5. Scheidung der Geister: Der Verrat 17

6. Frucht: Die „heilige Befreiung“. 19

7. Anhang: Über die Grenze. 23

BIOGRAPHISCHE NOTIZ.. 25

1. Zurüstung: Das Siegeszeichen

Die erste Hälfte meiner unbefristeten Einzelhaft im Berliner Polizeigefängnis war vorüber. Einmal in diesen Monaten bin ich „ins Freie“, auf den steinernen Ge­fängnishof geführt worden; zweimal wurde ich zu einem viertelstün­digen Besuch eines Kriegsurlaubers in das Zimmer des Kommissars geholt. Im übrigen blieb ich, ohne andere als knapp bemessene schrift­liche Verbindung mit den Angehörigen und ohne Rechtsbeistand, auf diese kleine nackte graue Zelle angewiesen, die mir fünf mäßige Schritte geradeaus und einen halben nach der Seite gestattete. Und meine Berührung mit der Außenwelt hat sich manchen lieben Tag darauf beschränkt, daß ich dreimal „Danke schön“ sagte, wenn früh, mittags und abends die Zellentür klirrend aufgestoßen und das Essen oder der Wassereimer mit dem Scheuertuch auf die Schwelle gesetzt wurde. Ein halbes Jahr also ohne Menschen noch Tätigkeit — sollte ich es im besten Falle als verloren abbuchen? Aber heißen „Zellen“ nicht auch die Mönchsklausen, in deren Mauern Menschen in tiefster Einsamkeit um die letzte, unantastbare Freiheit des Menschen, um die Begegnung mit Gott, ringen? Erzählen deutsche Märchen nicht von dem Mädchen, dem Königskind, das in den Turm verbannt, von Dor­nenhecken umsponnen, von dem kühnen Königssohn gesucht und ge­funden wurde? Blieben mir nicht die sehnsüchtig hingestreckte zimt­farbene Wolke, im letzten Abendsonnenstrahl erglühend, oder ein funkelndes Sternlein zur Nacht, die mich aus hoher himmlischer Frei­heit durch das Gitterfensterchen grüßten? So pfiff ich mir, wenn die Sehnsucht nach den geliebten Menschen in der weiten Welt lind nach der geliebten, inmitten all der Verwirrung und Not und Schuld der Gegenwart drängenden Arbeit mein Herz beklemmen wollte, die ein­fältig-innige Volksweise:

„Wenn ich ein Vöglein wär —
und auch zwei Flüglein hätt‘ —
flög ich zu Dir!
Weil’s aber nicht kann sein, —
weil’s aber nicht kann sein —
bleib ich allhier.“

Würde ja auch draußen, was ich etwa Fruchtbares leisten könnte, nicht mein menschliches Werk sein; auch hier in der Abtrennung blieb mir das Wichtigste zu tun anvertraut: die Hände zu falten zum Gebet, zur Fürbitte. Heute weiß ich es: ein halbes Jahr unverhinderten Ge­spräches mit dem lieben Gott, manchmal auch mit dem Teufel, ist mir in der Zelle beschert worden.

Das erste Vierteljahr der Einzelhaft war vorüber. Es war November. Eine nicht ganz freiwillige besondere Fastenzeit der letzten Wochen hatte mich an die voradventlichen Fasten der alten Kirche erinnert. Nun war es Sonnabend vor dem ersten Advent. Um Mittag war Fliegeralarm gewesen; es war das Jahr 1943. Ich hatte deshalb meine paar Habseligkeiten rasch zusammengepackt, auch das feuerrote Weinblatt, das ein Glied der Heimatgemeinde mir in die Zelle gesandt hatte als ein wortloses Zeichen unantastbarer Gemeinschaft („Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“; Joh. 15), und das der Zen­sur übende Kommissar wahrscheinlich kopfschüttelnd mit dem Ver­merk „Unbedenklich“ auf dem Umschlag hatte passieren lassen. Die ganze Gefängniszeit hindurch hat das edelgeformte Blatt mit der warmen Farbe der Liebe mich täglich erquickt. Nun stand ich, bis auf die Knochen frierend, zitternd, hungrig in dem seines letzten kleinen Schmuckes beraubten Raum, an dessen leicht schimmelnden Wänden die Wassertropfen herunterliefen. Die angekündigten frem­den Flugzeuge ließen auf sich warten. So nahm ich meine Bibel wieder heraus, die ich auf meine Bitte im Gefängnis noch haben durfte. Bei dem, stets über mir schwebenden, Übergang ins KZ, so ahnte ich, würde sie mir mit meiner letzten kleinen Habe genommen werden. Ich wußte, mir stand heute noch ein schwererer Kampf bevor als der mit Ein­samkeit, Hunger und Kälte, der Kampf mit dem Bibelwort. Rüsten wollte ich mich auf das Fest der Ankunft des lebendigen Herrn, von dem die Schrift sagt, daß er unsichtbar uns gegenwärtig sei und einst sichtbar wiederkommen werde zu uns als der Herr über Himmel und Erde. Die Auferstehungsberichte, das Geschehen von Ostern wollte ich lesen und an ihnen mich prüfen, ob ich Ja sagen dürfe dazu, daß Jesus Christus, der Lebendige, auch uns in den Zellen und im KZ der Gegenwärtige, auch heute noch der über die verfinsterte Erde Wan­delnde sei.

Aber der andere begann nun das Gespräch. Ich hatte mich auf meine Pritsche gesetzt, die mit dem Schemel das Mobiliar meiner Klause aus­machte, und las. Doch dicht wie die graue Wolkenwand draußen, so lag ein undurchdringlicher Schleier über diesen Osterberichten. Warum waren diese Jüngererzählungen nur so wirr? so widerspruchsvoll? so unvollständig? letzten Endes so unbefriedigend? Wer war es, dem Jesus am Ostermorgen begegnet war? Wo war es geschehen? Hatten seine Jünger Glauben gefaßt, und wie und woran glaubten sie? Auf­geregte Frauen — so las ich — darunter eine, von der Jesus sieben Teufel ausgetrieben hatte, kommen zu den verschüchterten Jüngern und erzählen etwas von leuchtenden Engelsgestalten und deren Worten, was diejenigen, die Jesus am nächsten gestanden hatten, für Märchen erklären. Diese machen sich aber selbst auf, finden das leere Grab und „wundern sich“. Dazu dann die schlicht notierte Nachrede von dem Jüngerbetrug: die Jünger selbst — so sei die Rede auf ge­kommen — hätten den Leichnam aus dem Grabe genommen und ver­borgen gehalten. War dies alles? Sollte ich auf diese Berichte meinen Glauben an den Todesbezwinger gründen, hier Kraft gewinnen zum Sterben? mehr noch: Kraft zum Leben im Gefängnis und KZ? Kraft zur Hoffnung und Fürbitte für die gejagten Todesopfer, für mein ver­blendetes Volk, für die sinnlos mordende Menschheit? Ich hatte nächst den Worten aus den frühen Paulusbriefen (besonders 1. Kor. 15) die drei ersten Evangelienberichte, in diesem Fall besonders Matthäus und Lukas, als die besten Quellen, wie man mich gelehrt hatte, voran­gestellt. Nun war ich ratlos, ich grollte und war nahe der Verzweif­lung. Nietzsches „Antichrist“, mit dem ich vorher in der Zelleneinsam­keit einen wechselvollen Kampf ausfocht, hatte mir nicht so zu schaffen gemacht wie diese Evangelientexte. „Gottes Wort“, warum war es so ungreifbar, warum stellte es sich selbst mit sich in Widerspruch und setzte sich schachmatt?

Ich schaute von dem Buche auf und durch das hohe Gitterfensterchen nach draußen. Der Himmel — das einzige aus der anderen Welt, was mein Blick erreichte — war etwas in Bewegung geraten: es war, als ob eine Hand in den schweren grauen Wolkenvorhang griffe, um ihn zu lockern.

Ich wandte mich, von diesem Vorgang kaum berührt, der Bibel wieder zu und schlug als letztes, schon beinahe hoffnungslos, das Johannesevangelium auf. Es war, als ob ich, eine krause wuchernde Architek­tur hinter mir lassend, in einen einfach gegliederten, klar belichteten Raum trat. Hier war plötzlich alles ganz schlicht, ganz zentral und persönlich gefaßt: Maria Magdalena — so las ich nun — findet in der Morgenfrühe das leere Grab. Sie berichtet es Petrus und Johannes. Die beiden Lieblingsjünger eilen im Wettlauf zum Grabe. Der Jüngere erreicht es zuerst, verweilt am Eingang des Felsengrabes „und sieht die Leichentücher zusammengelegt“. Simon Petrus holt Johannes ein, betritt das Grab, „sieht die Leichentücher zusammengelegt und das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, beiseite, zu­sammengewickelt an einen besonderen Ort“. Da geht auch Johannes hinein, der zuerst angekommen war, „und sah und glaubte es“.

Ich schaute wieder auf und erblickte etwas, was ich nie gesehen habe. Die dichte Wolkenwand, die den ganzen Himmel bedeckt hatte, war in voller Bewegung. Sie hatte, von links nach rechts her gerafft, ein Stück des reinen blauen Himmelshintergrundes freigegeben, und der scharfe senkrechte Rand, mit dem der graue Wolkenvorhang sich von dem Aether abzusetzen begann, wich in rasender Geschwindigkeit immer weiter zur Seite. Nun wurde der erste Sonnenstrahl freigelegt. Seine goldene Spitze traf geradenwegs herein in meine Zelle, auf meinen Sitzplatz, mir mitten ins Herz. Ich mußte die Hände falten, schauen und staunen. Mein erstarrtes Blut begann wieder zu kreisen. Meine Gedanken ordneten sich. Sie wendeten sich von der Himmelsbewegung da draußen den Schriften des Lieblingsjüngers wieder zu. Was hat Johannes am Ostermorgen gesehen? was geglaubt? Bande, Fesseln sieht er, mit denen man den Körper des Gekreuzigten um­wickelt hatte, Kennzeichen der Ohnmacht des Toten. Mit dem Leich­nam des Meisters, den die entsetzten Frauen vermißten, waren sie nicht verschwun­den. Ab gestreift waren die Bande und lagen sorg­fältig geordnet, sichtbar da. „Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“, diese Worte, die die Menschwerdung des Messias verkündigten, stiegen vor mir auf: Die Bande, die den aus der Ewigkeit Gesandten an die Erde fesselten von der Krippe bis zum Felsengrab — sie lagen ab ge­streift, erledigt am Boden; aber nicht vernichtet waren sie, sondern liebreich von dem Überwinder den Trauernden dargeboten: „zum Zeichen“. „Und Johannes sah und glaubte es“.

Als ich den Kopf wieder hob, war die Wolkenwand am Himmel völlig verschwunden. Süßes Sonnenlicht aus dem reinen blauen Aether er­füllte meine ganze kleine Zelle, umfing mich, hüllte mich ein, durch­strahlte Leib und Seele, ließ mich von der Pritsche herunterklettern und im Glanze niederknien.

Gehörten die Riegel und Schlösser meiner Zelle vielleicht auch zu den Banden, die der liebende Todesüberwinder uns zurückließ? „Das habt zum Zeichen“.

Den lautlosen Tagen und Abenden, deren Stille nur gelegentlich von einem Klageruf oder einem lauten Schluchzen aus einer der Nachbar­zellen unterbrochen wurde, folgten manchmal sehr stürmische nächt­liche Stunden. Da wurde bei Fliegeralarm die durchschnittlich etwa 500 Insassen zählende, aber täglich sich verändernde Belegschaft der Frauenabteilung des Berliner Polizeigefängnisses aus den Einzelzellen und den irrsinnig überbelegten Sälen des vierten Stocks, in dem die Frauenabteilung untergebracht war, in einen großen, meist unbelich­teten Kellerraum gebracht. Wie vom Platzregen hereingeschwemmte, wie Lots Weib im Anschauen des Flammenmeeres zur Salzsäule Er­starrte, wie arglose Bewohner eines Hauses, dessen Boden durch un­geahnte schwache Stellen plötzlich hier Einen und da Einen hindurch­brechen läßt in ein Untergeschoß, von dem sie sich nie eine Vor­stellung gemacht haben, und aus dem kein Weg wieder hinauf führt in die Oberwelt, in der die Anderen arglos weiterleben, bis wieder Einer, hier Einer und dort Einer hindurchbricht in die ausweglose Unter­welt, so erschienen mir, wenn unerwartet das Licht angeschaltet wurde, diese in allen Stellungen hockend, stehend, liegend verharren­den Frauen jeden Alters, jeden Standes, jeden Volkes aus ganz Europa, an deren Kleidung noch zu sehen war, in welcher Jahreszeit, ob auf der Straße oder im Hause man sie auf gegriffen hatte.

Bei dem Lauf über die Treppen der vier Stockwerke, durch die wir ge­jagt wurden, und in den dunklen Kellergängen konnte man uns im Einzelnen nicht mehr kontrollieren. Hier wurden flüsternd in allen Sprachen Europas Erfahrungen und Meinungen ausgetauscht, hier wurden alte geliebte Freundinnen wiedergefunden und in der Enge und Hetze neue Freundschaften geschlossen, die z. T. ins KZ hinüber­reichten. Die kleinen Gaben, die Einzelne, besonders einige Kranke, von den Angehörigen empfangen durften, wurden ausgeteilt, Nach­richten von draußen weitergegeben. Auch gelang es mit Hilfe einer Aufseherin, die Verständnis zeigte, mehrere Bibeln hereinzubekom­men, die in den Nächten von der einen zur anderen weiterwanderten. Die nähere Bekanntschaft mit dieser Aufseherin rührte von einem feuchtnebligen Sonntagnachmittag im November her, jenem Monat, den die Engländer schon in der Freiheit „hanging moon“ — den Monat, in dem der Mensch sich aufhängen möchte — nennen. An diesem Nachmittag schaute sie ganz verstörten Gesichts in meine Zelle her­ein — sie mochte jammervolle Bilder auf ihrem Rundgang zu sehen bekommen haben — und fragte erstaunt, ob ich heute fröhlich sein könne? Die Aufseherinnen waren angehalten, falls nicht zwingende Gründe vorlagen, nur bis an die Schwelle der Zellen zu treten und nur das Nötigste mit uns zu sprechen. Man fühlte sich ihrer, die vielfach nur durch den Zwang der Kriegsdienstverpflichtung in diesen Beruf hineingeraten waren, keineswegs sicher und suchte sie von der Be­rührung mit den politischen Gefangenen und von der Einsicht in die Hintergründe des Systems möglichst fern zu halten. Aber heute war sie als einzige Wachperson übrig geblieben, der Direktor nicht im Hause. Und sie schien trostbedürftig. Ich sagte ihr, ich hätte etwas Wundervolles gelesen, und das Herz sei mir warm geworden. Sie schaute fragend auf die auf geschlagene Bibel auf meiner Pritsche. Ich zeigte ihr, was ich soeben gelesen hatte, die Worte des vielverfolgten Apostels an die Gemeinde in Korinth: „In allen Dingen beweisen wir uns als die Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten … durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte: als die Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekann­ten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht ertötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts innehaben und die doch alles haben“ (2. Kor. 6, 4-5, 8-10). Die schlichte blonde junge Frau sah mich erstaunt an: „Ich wußte nicht, daß so etwas in der Bibel steht. Schade, daß ich weiter muß.“ „In der Zelle kann man doch bald nicht mehr lesen. Aber da draußen haben Sie Licht. Wenn Sie wollen, nehmen Sie das Buch mit. Sie können es mir ja morgen zurückgeben.“ Am nächsten Morgen stieß sie kurz hervor: sie hätte noch lange im Gefängnis und später zu Hause in ihrer eigenen Bibel weiter gelesen. Sie danke mir. „Als die Armen, die doch viele reich machen“; ich brauchte nicht nach dem Sinn dieses widersinnigen Wortes zu fragen.

Eine andere Gefängnisaufseherin sprach einen bewegten Dank aus, als mit ihrer Hilfe etwas warme Wäsche an ein jüdisches junges Mäd­chen weitergeleitet wurde, das in seiner leichten Sommerkleidung kör­perlich und seelisch zu erstarren drohte. „Mir ist es ja streng verboten, den Gefangenen etwas zu geben“, stieß sie hervor. — Ob es ihr erlaubt war, es weiter zu geben? O brüchiges kurzsichtiges Menschentum! Hätte ich diese Wachtmeisterinnen, mit denen ein Kontakt sich herstellte, nicht unverzüglich auf fordern sollen, ihren widersinnigen Beruf hinzuwerfen? Jesus hat den Zaghaften, der in der Nacht seine Zweifel zu ihm brachte, nicht sofort zum Bekenntnis vor die Behörden geschickt. Doch später ist die Stunde des Unschlüssigen gekommen, und er „wagte es“. Joh. 3; 7, 50; 19, 39, vgl. Mark. 15, 43). Aber all das unermeßliche Unheil, das sich vollziehen würde, bis die zaudernden Menschen zupackten? Tag und Nacht mußte und muß ich an der Lektion lernen, daß ich Gottes Uhrzeiger nicht vorrücken kann. Es bleibt der einzige gewaltige Trost, daß es in Gottes Welt nirgends, selbst angesichts des Todes, ein „Zuspät“ gibt. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Das Polizeigefängnis bekam mehrere Treffer, wobei unter den auf­geregten Frauen Paniken ausbrachen, die von den ruhigeren Elemen­ten gedämpft werden konnten. Oft gingen wir nach der Entwarnung durch eine Wüstenei von Scherben und Splittern wieder nach oben, fanden unsere Zellen unbewohnbar oder taghell erleuchtet vom roten Flammenmeer des Alexanderplatzes, das uns rings umgab und stunden- und tagelang weiter schwelte. Manchmal waren die schweren Eisenriegel durch den Luftdruck herausgeschleudert oder verbogen, so daß die Zellen unverschlossen bleiben mußten, was an die Ge­schichte von der Gefangenschaft des Paulus und Silas erinnerte, vor denen um Mitternacht die Fesseln und die Türen aufsprangen (Ap. Gesch. 16). In vielen Fällen aber wurden die zerbrochenen Fenster­scheiben durch Pappe ersetzt mit nur einem winzigen Lichtloch, so daß die Gefangenen tage- und wochenlang buchstäblich wie im Sarge saßen, was der Mensch ebenso wie die Pflanze nur schwer erträgt.

Die über 70jährige, leicht gelähmte Leiterin des Frauengefängnisses, die die Gefangenen des Hohenzollernstaates, der Weimarer Republik und des 3. Reiches hatte an sich vorüberziehen lassen und ihren Dienst jetzt „ehrenamtlich“ versah, besuchte mit eiserner Energie als Erstes jeden Morgen nach diesen Schreckensnächten alle unsere Räume, um „nach dem Rechten“ zu sehen. Sie als Einzige war offiziell befugt, in unsere Zellen einzutreten und mit uns zu sprechen. Anläßlich der Ver­leumdung einiger jüdischer Gefangener durch die Gefängnis-Haus­mädchen gab sie ohne Zögern der unbeweisbaren Gegenaussage der Verleumdeten recht, während bei Stapo-Verhören in solchen Fällen umgekehrt entschieden zu werden pflegte. Die liberale alte Frau würde mir auch eine gemeinsame Weihnachtsfeier mit anderen Gefangenen, die ich anregte, gestattet haben, jedoch würde dies, wie sie mir sagte, an der Unerbittlichkeit des Gefängnisdirektors scheitern. So konnte ich nur Einigen bei einer jener plötzlich angesetzten gemeinsamen Duschen im Waschraum rasch die Hand zum Feste drücken und feierte dann den Abend allein, während der letzte Schein, der von außen in die unbelichtete Zelle drang, langsam verblich. Ich sagte mir die Messiasweissagungen und die Abschnitte der Weihnachtsgeschichte und zwischenhinein die ihnen antwortenden Advents- und Weihnachts­lieder, deren Melodie ich mir hintendrein pfiff: So war ich Pfarrer, Gemeinde und Organist zugleich. Zum Schluß pfiff ich, so gut ich konnte, die Hirtensymphonie aus Bachs Weihnachtsoratorium — der vollkommenste Ausdruck gestillter Sehnsucht.

In der Nacht zum ersten Advent war ich aufgewacht, völlig gebadet in den starken Tonschwingungen eines reinen klaren Chorals. Mir hatte geträumt, daß eine Frau unserer Gemeinde, ehemalige Sängerin, mir in der Zelle dieses Lied sang. Ich weiß, daß Du, liebe mütterliche Freundin, in dieser Nacht für mich und meinesgleichen gebetet hast! In der Heiligen Nacht, die nach mittäglichem Fliegeralarm ungestört blieb, führte mich der Traum in die Heimatkirche, das alte Dorfkirch­lein von Berlin-Dahlem. Ich sah, wie die geliebten Gestalten, auch die­jenigen, die schon fern waren, im Ausland, im KZ oder im Felde, einer nach dem andern in die Kirche einzogen und sich an ihre Plätze setzten. Der Gottesdienst sollte beginnen. Da wachte ich auf, die Ge­meinschaft der Anbetung mit den Geliebten dankbar im Herzen tragend. „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“ …

2. Erprobung: Der Totentanz

Ein Vierteljahr später ge­schah die Überführung in das zentrale Frauen-KZ Ravensbrück in Süd­ost-Mecklenburg. In fichtenbestandenem, sandigem Hügelgelände, von Betonmauer und Stacheldraht im Kreise umgeben, über die einzig der Wachtturm und der Krematoriumschornstein hinausragten, lagen an der schnurgeraden, mit Kohlenschotter bestreuten, peinlich sauber ge­pflegten Lagerstraße und ihren Nebenwegen, über denen wir manch­mal lange Zeit deutsche Flieger kreisen sahen, die rund dreißig Blocks, einstöckige Holzbaracken, jede aus „A- und B-Seite“ bestehend, mit je einem Wohnraum, Schlafraum, Waschraum, je fünf Aborten und ins­gesamt einem „Dienstzimmer für die Blockälteste. In einem solchen ursprünglich für 60—80 Menschen bestimmten Block waren in den letzten Monaten vor der Auflösung des Lagers durchschnittlich 500 bis 1000 Frauen zusammengepfercht. Die Lagerbelegschaft, ebenso wie im Gefängnis, nur in viel größeren Zahlenausmaßen, dauernd fluktuierend, betrug im letzten Jahr durchschnittlich 20 000 bis 30 000 Frauen auf einem Raum von insgesamt kaum ½ qkm, dessen Durchmesser also in 5 Minuten zurückzulegen war. Die „Zugänge“ wurden durchnummeriert; die Zugangsquote wuchs von Woche zu Woche lawinenartig an, so daß wir bis zur Auflösung dieses Frauenstaates annähernd die Zahl 200 000 erreicht haben. Jenseits des Schlagbaums, den mancher Häftling in Jahren nicht passierte, lagen die „Komman­dantur“ und die Wohnungen der SS-Offiziere und Wachmannschaften und der Aufseherinnen. Zu Füßen des Hügels, aus einer anderen, un­erreichbaren Welt, glänzte aus grünen Wiesen ein stiller See, von dessen anderem Ufer das idyllische Städtchen Fürstenberg herüber­grüßte mit seinen roten Backsteinhäusern inmitten üppigen Buchen­laubes, die der spitze Kirchturm als ein zum Himmel erhobener Finger überragte.

Als wir aus dem Berliner Eisenbahnwaggon stiegen und an dem win­terlichen Märzmorgen auf das Lastauto warteten, das uns zu dem von Geheimnis umgebenen Ort der Schrecken bringen sollte, brach die von vielen von uns seit Monaten nicht geschaute Sonne hervor, und eine junge russische Ostarbeiterin, die zu unserem Trupp gehörte, rief jubelnd: „Sonnchen, lieber Gott, danke!“ (solnyschko, bosche moj, spasibo!) Die Sonne würde ihr Angesicht verhüllt haben, hätte sie diese kräftigen frischen Bauernmädchen am nächsten Tage wieder­gesehen. Nach stundenlangem Warten vor dem Badehaus mit uns allen, mehreren hundert neuen „Zugängen“ nackt durch die lang­wierige, berüchtigte Aufnahmeprozedur gejagt, tauchten sie, wenn sich irgendeine Ungezieferspur gefunden hatte, kahl geschoren wie zwittergeschlechtige Gnome wieder auf und waren froh, wenn sie aus der allgemeinen Enteignung durch geschicktes Versteckspiel das hei­mische Kopftuch hatten retten können, um den geschändeten, frieren­den Schädel zu bedecken. Die Sonne würde ihr Angesicht verhüllt haben, wenn sie unter den hundert strömenden, dampfenden Duschen des Baderaums zwischen den herben, frommen Bauernmädchen des Ostens die europäischen Großstadtdirnen singend und kreischend ihre zweideutig-unzweideutigen Nackttänze hätte aufführen sehen.

Während der Eisenbahnfahrt hatten mehrere meiner neuen Gefähr­tinnen, meist deutsche Kriminelle, Arbeitsbummler und dergleichen, mit ihren Bitten und Klagen über die Kälte mich schon fast bis aufs Hemd ausgezogen. Mir war noch nicht in den Sinn gekommen, daß sie das z. T. aus Sport betrieben. Als man uns beim Eingang ins Lager alles abnahm, um uns in die Lagerkleidung zu stecken, waren wir ein­ander wieder gleich. Ich aber hatte unter ihnen einige Freundinnen gewonnen, die später gelegentlich in urwüchsig-drolliger Weise Ge­wissensbisse über ihre damalige, schließlich doch vergebliche Skrupel­losigkeit bezeugten. Doch stahl mir eine von ihnen bei der ersten Mittagsmahlzeit auf dem sinnberaubend überfüllten „Zugangsblock“ vor meinen Augen den eben empfangenen, noch nicht gefüllten Essens­napf und behauptete, es sei der ihre, den sie offenbar verloren hatte. Diese Herzenskälte der eben Beschenkten trieb mir im Augenblick die Tränen in die Augen. Da stieß ein herbes, schönes junges Mädchen auf meiner anderen Seite mich an und flüsterte: „Nicht weinen, die Andern lachen über Sie!“ Es schoß mir im Augenblick durch den Sinn, was ich ihr zuflüsterte: „Es hat einmal einen Menschen gegeben, der weinte schmerzlich über seine Vaterstadt, er war sonst ein tapferer Mann. Wissen Sie, wen ich meine?“ Sie konnte es nicht erraten, und ich nannte ihr den Namen, Jesus Christus. In diesem Augenblick leuchtete, wie wenn eine Kerze angezündet wird, ein feines, tief aus dem Innern kommendes Lächeln in ihrem Gesichte auf. Es dauerte nicht zwei Sekun­den, so wandte sie sich ohne eine Erklärung, als müsse das unbedingt jetzt so sein, zu einer der Ukrainerinnen, die laut Anordnung der pol­nischen Blockältesten mit ihren Schüsseln in der Hand dichtgedrängt hinter unseren Schemeln stehen mußten, weil der Platz am Tisch nicht ausreichte, stand auf und winkte ihr, sich auf ihren halben Schemelplatz an meine Seite zu setzen und stellte sich neben uns. Da war es mir, als sähe ich in diesem plötzlich aus Vereisung und Menschenver­achtung sich lösenden jungen Mädchenantlitz den Widerschein jenes tapfersten, erbarmendsten Herzens, als sei unser Herr Christus selbst in unsere Mitte getreten.

Noch einmal in jenen ersten Tagen im KZ sind mir die Tränen ge­kommen, und bin ich wunderbar getröstet worden. Ein besonders er­regter Abend im Schlafraum. Die Klagen und Anklagen der Polinnen wollten nicht verstummen. Sie machten ihrem Herzen gegen die Deut­schen ungehemmt Luft, in der Meinung, daß niemand von diesen sie verstehen könne. Der geballte Haß der Unglücklichen ließ mich auf­schluchzen. Da legt sich ein Arm um meine Schulter, und eine Stimme neben mir sagt im herzigen schwäbischen Tonfall: „Jetzt betet dein Mütterlein daheim für dich.“ „Ja“, sagte ich zu der unbekannten Nach­barin, die eben zuvor mit einer anderen derbe Scherze gewechselt hatte, „das tut sie. Aber ich bin bange, daß es ihr heute abend auch schwer ums Herz ist wie mir.“ Da fing sie an zu erzählen, um mich abzulenken. Von der Heimat im schwäbischen Forsthaus, von den Sonntagen, an denen der Vater aus der Bibel vorlas, von der ungeliebten Stiefmutter, die die Kinder aus dem Hause und den weichen Vater in den Selbst­mord trieb, von den freudelosen Jahren in der Fremde mit der Sehn­sucht nach dem Forsthaus im Walde, von der achtjährigen Zuchthaus­strafe — sie nannte nicht ihre Ursache — deren Ende sie nun wie manche andere Schwerkriminelle im KZ abbüßte, von der unvergeßlichen Unterbrechung dieser dunklen Jahre durch den Besuch des Prälaten im Stutt­garter Gefängnis, der ihr gesagt habe, sie solle sich ihr Heimweh nicht verdrießen lassen: die Leute, die Heimweh hätten, habe Gott lieb. Ich sah sie später noch manchmal, bei schweren Erd­arbeiten beschäftigt, und immer, wenn wir einander begegneten, grüßte der Blick der Zuchthäuslerin mich warm und mütterlich.

Einen Tag nur hat mein Auge dich gesehen, Irena Laskowska, und ich kann deine Züge unter den vieltausend Gesichtern jenes ersten Tages im KZ nicht mehr vor die Seele rufen, aber dein schöner Name, den du mir auf meine Bitte nanntest — „Friedemild Liebreich“ ist sein Sinn —, Irena Laskowska, und dein liebreiches Wesen haben sich mir unaus­löschlich eingeprägt. Enteignete Großgrundbesitzerin aus dem Kra­kauer Lande, warst du einem Trupp polnischer Frauen jeden Standes zugeteilt, die Ravensbrück nur passierten, ztm registriert und einge­kleidet zu werden für die Arbeit im westlichen Industriegebiet. Ich hatte die Aufgabe bekommen, Eßgeschirre an die Frauen auszuteilen, wobei es zweifelhaft war, ob es für alle reichen würde. Ohne Geschirr aber würden sie nirgends Essen bekommen. Als ich die eben erst von Heimat und Kindern brutal getrennten, weinenden, schreienden, gesti­kulierenden Frauen überschaute, fiel mein Blick auf dein klares zusammengefaßtes Gesicht. Ich bat dich, mir zu helfen, du richtetest ein paar Worte an die Frauen, sie wurden ruhiger, wir beide berieten kurz, wie die Verteilung anzupacken sei, arbeiteten einander in die Hände, und nun kam die Sache zustande. In ein paar Wartepausen fanden wir Zeit, in knappen Worten unser beider Schicksal auszutauschen. Auf dem Transport hierher hatte das Leid der polnischen Frauen sich meiner Freundin schwer auf die Seele gelegt. Sie hatte den Zugführer gebeten, sie zum Besuch auch in den anderen Waggon hinüberzulassen: „Ich möchte meine polnischen Frauen trösten.“ „Und wer tröstet Sie?“ hatte der Beamte geantwortet. „Mich tröstet der liebe Gott“ Da hatte er sie still von oben bis unten angeschaut und hindurchgelassen. Un­sere Arbeit war getan, die Frauen waren alle ausgestattet, hatten ihre Mahlzeit bekommen und warteten abmarschbereit im Waschraum. Du reichtest mir die Hand, Irena Laskowska, ich bat dich, den Frauen allen meine Wünsche für die Reise zu sagen, und sie schauten freund­lich drein, als wir einander umarmten zum Abschied.

Vier Wochen nach meiner Einlieferung ins KZ — es war Ostern — lag ich mit 40 Grad Fieber in dem „Krankenblock“, in der oberen Betten­schicht. Wir ruhten dicht bei dicht nebeneinander, mehrere hundert in einem Raum, zu meinen beiden Seiten eine zum Skelett abgemagerte leidenschaftliche Polin und ein bronzefarbenes verträumtes junges Zigeunerkind, dessen schön gewachsene Glieder über und über mit großen Eiterwunden bedeckt waren, Folgen der Unterernährung — uñe man das im Lager so viel sah. (Der Versuch, das Zigeunervölk­chen in Mitteleuropa „auszurotten“, dessen Zeuge wir wurden, ist hinter den ungeheuerlichen Ausmaßen des Feldzuges gegen die Juden allzusehr in den Schatten getreten. Die Zigeuner haben in der weiten Welt offenbar keinen rechten Anwalt gefunden.) Es war Ostern. Und wie ich es im KZ, seit man mir die Bibel genommen hatte, hielt, daß ich täglich mir und, wo die Gelegenheit sich gab, auch anderen eine Ge­schichte der Bibel erzählte, so wollte ich mir an diesem Tage die Oster­geschichte erzählen. Doch meine Konzentrationskraft reichte nicht aus: das Fieber versengte mein Gehirn, und immer ab und an mußte ich die Augen abwenden von dem kleinen schwarzen Sack am Fußende unseres Bettes, der meine gesamte winzige Habe barg. Er-war verkrustet von den Eiterausscheidungen des jungen Zigeunermädchens neben mir, doch das war nicht das Schlimme, son­dern daß dieses schwarze Kerlchen immer von neuem vor meinen Fieberaugen einen neckischen, höhnischen Tanz aufführen wollte, sich von einem Bein auf das andere schwang und mir zuwinkte: ich komme zu euch allen, ich sammle dich, euch alle ein, ich behaupte hier das Feld, ich lege mich über das Ganze, und das wird das Ende sein. Und doch drang dieser Veitstanz des kleinen Gesellen nicht tief in mich ein; mit einer leichten Bewegung konnte ich das tanzende schwarze Männ­lein immer wieder beiseite schieben. Ich konnte meine Gedanken selbst nicht sammeln, aber sie waren gesammelt, mein Herz war geborgen in der Hand meines lebendigen Herrn, es war durchflutet vom hellen Auf­erstehungslicht des Ostermorgens.

3. Bewährung: Die Bruderschaft

Ein Jahr später, April 1945. Die Totenkurve, die wir Büroarbeiterinnen verfolgen konnten, war in den letzten Monaten ins Unvorstellbare gestiegen. Tag und Nacht sahen wir das Feuer aus dem Krematoriumschornstein auf­steigen. Das erste Tauwetter hatte mir die liebste junge Freundin ge­nommen, Margrit London, die an Lungentuberkulose erkrankt war. Sie hatte dem Jugendbund für entschiedenes Christentum angehört. Nachdem der Vater, die Freunde ihrer glücklichen Hamburger Jugend­jahre, der Verlobte von ihrer Seite gerissen waren und in Auschwitz und Theresienstadt ihr Leben hingaben, nachdem das Ungeziefer und die Bazillen sich ihres edlen Körpers bemächtigt hatten, stahlen schließlich Kameradinnen ihr in den letzten Tagen den einzigen Besitz, auf dem ihr schönheitsdurstiges Auge noch ruhen konnte, ein blankes Schüsselchen. Das bewegte sie zu einer kleinen Klage. Dann war sie von dem allen frei, zur Freiheit der Kinder Gottes herangereift. Der Blick ihrer strahlenden blauen Augen, die Haltung des edelgeformten Hauptes mit dem Blondhaar drückten dankbares Vertrauen aus. Sie fühlte sich in der Liebe der Freundinnen in Gottes Händen geborgen. Ein Gebet ihrer letzten Stunden für die deutschen Mütter durfte ich als ihr Vermächtnis mitnehmen. Als wir am Tage nach ihrem Tode für den Ausmarsch zur Arbeit aufgestellt, die feurige Lohe aus dem Krematoriumschornstein aufsteigen sahen, fühlte ich, wie sich wie früher ihre Hand zart auf meine Schulter legte. Mir kamen die Worte aus Goethes „Braut von Korinth“ über die Lippen, und ich sagte sie den Kameradinnen:

Höre, Mutter, meine letzte Bitte!
Einen Scheiterhaufen schichte du.
Öffne diese bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zur Ruh.
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.

Und dann auch:

Opfer fallen hier
Weder Lamm noch Stier
Aber Menschenopfer ohne Zahl!… —

April 1945, Mittwoch vor Ostern. Generalappell, großer Kehraus vor dem Ende. Wir mußten für unser Leben Probe marschieren vor den SS-Herren und Ärzten und Aufseherinnen. Diese Richter über das lebensunwerte Leben standen in etwa 50 Schritt Abstand der Frauen­herde gegenüber in einer Reihe quer über die Lagerstraße. Auf ein gegebenes Zeichen hatte jedesmal eine Zehnerreihe von den Frauen mit bloßen Beinen, an denen der Gesundheitszustand besonders deut­lich abzulesen war, durch diesen Zwischenraum zu marschieren. Zu beiden Seiten der Marschbahn standen Aufseherinnen und braune Schwestern und packten auf eigene Initiative oder auf ein Zeichen aus der Reihe der SS-Herren vor uns einzelne von den marschieren­den Frauen am Arm, um die Häftlingsnummer, die wir am Kleide auf­genäht trugen, zu notieren und stellten sie beiseite — wofür? Ich verspielte und wurde als Einzige aus meiner Arbeitskolonne notiert und zu den Ausgesonderten gestellt, wo mich manches Auge freundlich grüßte. Nun hatte ich Muße, sie alle marschieren zu sehen um ihr Leben: Die ältere Sozialistin mit absichtlich zur Schau getragener Muskelkraft und mit der tiefen Anspannung im Blick, die plötzlich in unverhohlenen Triumph umschlug, als sie die Gefahrenzone ungehin­dert passiert hatte. Ich sah die junge Idealistin, wie sie zusammen­zuckte mit dem Ausdruck tiefster Erschütterung, als man sie anhielt, aber sie flüsterte ein paar Worte von einem Mißverständnis, man ließ sie seltsamerweise los, und ihr Gesicht beruhigte sich wieder. Auch sie passierte. Doch immer wieder wurde hier und da eine Frau ge­griffen und beiseite gestellt. Die Auswahl war eindeutig: sämtliche Grau- oder Weißhaarige, sämtliche „Bibelschwestern“ („Ernste Bibel forscher innen“), ein paar Ausländerinnen und einige besonders Schwache standen da beisammen. Man ließ uns schließlich abtreten zur Arbeit, aber wir Auf geschriebenen hatten mit stündlichem Ab­transport zu rechnen zur Beförderung — so wußten wir — „durch den Schornstein“. Doch auch die Nacht verging ungestört. In der Frühe, am Gründonnerstag, früh vor dem Morgenappell und dem zwölf stündigen Arbeitstag sitze ich neben einer etwa gleichaltrigen, sehr zarten, kränklichen Polin aus meiner Arbeitskolonne, wir schlucken unseren Kaffee und unser Stück Brot (das in den letzten Wochen auch oft ausblieb). Ich reiche ihr die Hand: „wie schön, daß du es gestern geschafft hast“. „Dich müssen wir auch noch freikriegen“, antwortete sie, „wir werden uns darum bemühen“. Am Mittag kommt die tüchtigste und gescheiteste Arbeiterin unserer Kolonne, die ich gestern bei ihrem Todesmarsch unendlich allein mit sich selber gesehen hatte, zu mir und macht mir sehr gut durchdachte Vorschläge, mit welcher Begründung ich um Streichung von der gestrigen Liste bitten solle. Man durfte dabei natürlich nicht merken lassen, daß man die Hintergründe durchschaute. Ich sagte ihr, das stehe mir nicht an, ich könne nicht um mein Leben bitten. Auch lag mir der seltsam getröstete Blick im Sinn, mit dem ein paar alte Frauen festgestellt hatten, daß ich auch zu ihrer Schar gehörte. War ihre Ge­meinschaft nicht mehr wert als meine Rettung? „Ich wollte es dir ge­sagt haben — die Entscheidung liegt bei dir.“ Ich wußte nun, sie, die sonst oft so Aufmerksame und Hilfsbereite würde in dieser Sache, in der es auch um ihr Leben gehen konnte, sich selbst nicht exponie­ren und auch die anderen Kameradinnen von solchem unklugen Vor­gehen abzuhalten versuchen. Am Nachmittag dieses unvergeßlichen Gründonnerstags, als wir wieder hinauf zur Arbeit gehen, tritt die kränkliche polnische Kameradin, eine gläubige Katholikin, etwas un­wirsch an mich heran: „Nun wirst du doch nicht verrückt sein und sagen, daß du nicht willst? Ich habe eben der Aufseherin gesagt, du könntest gut marschieren, es sei ein Versehen, daß man dich für den Transport notiert habe, du möchtest gern weiter in unserer Kolonne arbeiten. Nun wirst du doch nicht irrsinnig sein und mir einen Strich durch die Rechnung machen?!“ „Komm her“, sagte ich zu ihr, „darf ich dir einen Kuß geben?“ Und etwas leiser fügte ich hinzu: „Das kann ich dir nie vergessen. Ich weiß, daß du das nicht aus besonderer Vorliebe für mich getan hast, sondern unserm Herrn Jesus Christus zur Ehre, der an diesem Tage seinen Todesweg für uns alle angetreten hat. Ich weiß, er hat lebendig vor dir gestanden und deinem Gewissen keine Ruhe gelassen, bis du dich einsetztest für mich, was dir das Leben kosten konnte.“ Sie schaute mich mit einem versonnenen, gütigen Blick an, alle Heftigkeit von vorhin war verschwunden. Später habe ich ihr gestanden, daß es mir schwer fiel, von dem schimmernden Licht einer anderen überirdischen Welt, das mir schon wie ein Ker­zenstrahl aus dem Weihnachtszimmer ins Herz zu leuchten begonnen hatte, zurückzufinden zu dem grauen KZ-Elend. Doch sollte jene schon leise geöffnete Tür nicht einfach wieder zugeschlagen sein; die Klar­heit des Gottessohnes, der die Hand schon nach den Todgeweihten ausgestreckt hatte, wollte weiter leuchten, erwärmen, heiligen.

Kurz vor der Auflösung des Lagers sprach ich mit einigen Polinnen darüber, wie sich das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen in der Freiheit gestalten würde. Sie sagten, es gebe für sie Abgründe zu überwinden. Aber die Gemeinschaft in Christus, doch nur diese allein, mache es ihnen möglich. Die Polinnen waren übrigens die Einzigen, die trotz des offiziellen Verbots religiöser Lieder allsonntägliche ge­meinsame Andachten zustande brachten. ‚Wir Deutschen haben nur in der Weihnachtszeit gemeinsam Kirchenlieder gesungen, im übrigen kamen bei uns nur kleine individuelle Andachtskreise zusammen. Mangelnde Gewohnheit und Furcht vor Spitzeln hinderten. Die Polin­nen hatten sich in großem Maße der Posten auf dem Krankenrevier zu bemächtigen verstanden. Die Behandlung auf der nur von Polinnen bedienten Zahnstation war bei den Deutschen sehr gefürchtet. Eine ältere polnische Ärztin hat meine Genesung nach schwerer Krankheit mit rührender Sorgfalt gefördert und wirkte überhaupt mit großem Segen auf dem Krankensaal, während der deutsche SS-Arzt ihn nicht betreten hat. Eine polnische Stubenaufsicht hat mich aus einem Irr­tum heraus nachts im Dunkeln geschlagen; ‚eine alte, mir völlig un­bekannte polnische Frau, die vielleicht den Verstand verloren hatte, verprügelte mich plötzlich auf der Lagerstraße von hinten und wollte sich weder erklären noch sich beruhigen lassen. Als ich mit einer Polin, deren ruhige Menschenfreundlichkeit dem blödesten Auge sichtbar sein mußte, Arm in Arm über die Lagerstraße ging, schlug die deutsche Lagerpolizei wegen dieser unerlaubten gegenseitigen An­näherung auf die Polin drein und trieb uns auseinander. Ich rief der polnischen Freundin zu, daß ich gern ein paar Schläge abbekommen hätte; sie antwortete voll Gelassenheit, man dürfe die allgemeine Explosivität der Häftlinge nicht schwer nehmen.

Am Karfreitag schickte mir eine ungarische Halbjüdin, einst elegante Budapesterin, während unserer Büroarbeit ein Zettelchen zu: Hast du je geglaubt, daß du am Karfreitag würdest arbeiten müssen und nicht zur Kirche gehen könntest? Ich schrieb ihr zurück: auch in meinem Berliner Institut habe ich in den letzten Kriegsjahren schon am Kar­freitag arbeiten müssen. Aber unsere Pfarrer haben uns gelehrt, die Kirche überallhin mitzunehmen. Wo wir Gottes Wort im Sinne hätten und die Hände falten zum Gebet, da sei Kirche. Ich lüde sie ein, mit­zuhalten. — Mir war an diesem Karfreitag eine seltsame Aufgabe zu­gefallen. In der Sterbestunde unseres Herrn lag vor mir ein Haufen von mehreren tausend Personalkarten jüdischer Häftlinge, die ich alphabetisch zu ordnen hatte. Und als die dritte Nachmittagsstunde um war, hatte ich soeben 300 Karten mit Namenszusammensetzungen aus dem Worte „Friede“ geordnet: 300 jüdische Familien, die in dieser Stunde durch ihren Namen ihr Verlangen nach Frieden ins Weltall hin­ausriefen. Dann aber kamen mir drei noch ungeordnete Karten in fol­gender Reihenfolge in die Hand: „Gasowitz-Mördermann-Singet“ (Singer war der Name eines unserer SS-Leute, übrigens eines im Um­gang gutmütigen Menschen). 300mal „Friede“, und dann wie zur Ant­wort „Gasowitz-Mördermann-Singer“, das war mein Karfreitags-Karteidienst im KZ. Ich zeigte die Karten den Kameradinnen, unter denen auch zwei Jüdinnen waren, und wir waren miteinander von einem Grauen angerührt.

Am Ostermorgen aber saß ich mit einer Bolschewistin aus der Roten Armee — keinem Flintenweib, sondern einer ehemaligen Mathematik‘ Professorin, die durch ihre Begabung aus dem Bauernstand aufgestiegen war — wir saßen nebeneinander auf einem umgestürzten Karren hinter einem Schuppen verborgen, und die grauhaarige Bolschewistin sang mir auf meine Bitte mit reiner, klarer Stimme altchristliche Osterchoräle, die sie in ihrer Kindheit im Kirchenchor gelernt hatte. „Jesus Christus ist auch ein Sozialist“, meinte die russische Professo­rin am Schluß unserer kleinen Ostermorgenfeier. „Der eine Sozialist aller Zeiten, der uns alle zu Brüdern und Schwestern macht und uns aus aller Verknechtung, ja aus Tod und Todesfurcht befreit“, ant­wortete ich ihr. Sie schaute mich fragend an. Wir drückten einander geschwisterlich die Hand im Ostermorgenlicht.

4. Auftrag: Die Anderen

„Daß man uns ihnen so ausliefert!“ klagte mir einmal vorwurfsvoll eine Lagerkameradin. „Ihnen“, damit waren die kriminellen und sogenannten asozialen Häftlinge gemeint, von denen sich die deutschen zu den politischen Häftlingen im Winter 1944/45 zahlenmäßig nach meiner Kenntnis verhielten wie etwa 3:4, darunter neben Schwachsinnigen, Straßenmädchen, die die Kontroll­pflicht vernachlässigt hatten, auch bis zu 6jmal wegen Diebstahl, Brandstiftung, Erpressung u. dgl. Vorbestrafte. Wir lebten mit ihnen, besonders in den ersten Wochen auf dem „Zugangsblock“, in engster Tisch- und Bettgemeinschaft. Später trat vielfach, aber nicht allge­mein, eine Trennung ein. Wir wurden, wenn wir dies erste völlige Tohuwabohu überstanden hatten, teils nach Nationen, nach Ursachen der Verhaftung oder nach der Be­schäftigung gruppiert. (Es gab übrigens Personalkarten, auf denen ich bei den Rubriken „Ursache der Verhaftung“, „Einweisende Behörde“ nur zwei Fragezeichen fand.) Von zwei jungen Christinnen, einer katholischen Pfarrgehilfin und einer evangelischen getauften Halbjüdin, die zusammen mit den Asozialen Fabrikarbeit leisten mußten, weiß ich, daß sie sich selbst um die Ver­legung auf den Wohnblock der Asozialen bemühten, was ihnen zu­nächst deren fassungsloses Staunen, dann aber große Befriedigung und manche herzliche Freundschaft eintrug.

Sollte dasselbe für unser Verhältnis zu unseren Vorgesetzten von der SS gelten? Daß wir ihnen nicht ausgeliefert, sondern vielmehr sie uns anvertraut waren? Wenn sie unsere Zehner- oder Fünferreihen auf der Lagerstraße musterten, 30 000 Frauen von dem Kind bis zur Greisin, und es ihnen beim Appell nur um unsere Zahl ging, hatten wir Muße, in die Menschen hineinzuschauen, und mancher von uns fragte sich in den letzten Monaten vor dem Zusammenbruch in zuneh­mendem Maße: Wer ist hier verfinsterter, verzweifelter, wer echter Hilfe bedürftiger, die Häftlinge oder die Aufseher?

Man hatte sich im deutschen Volk weithin daran gewöhnt, die Glieder der SS-Organisation als „die Anderen“ zu bezeichnen. Z. B. als ich am Morgen nach der Verhaftung Martin Niemöllers im Sommer 1937 dem Wachtmeister auf dem Polizeirevier Berlin-Dahlem Rechenschaft über meine Teilnahme an der von Himmler verfolgten Berliner Kirchlichen Hochschule ablegen sollte, wobei ich dem bieder freundlichen Mann den Sinn des von ihm auszufüllenden Fragebogens mehrfach erst er­klären mußte, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß er den letzten Punkt: „politische Einstellung“ ausgelassen habe. „Das machen die Anderen“, murmelte er und zeigte mit dem Daumen nach dem Nebenzimmer. Es geschah aber nichts weiter. Hinterher fiel mir ein, daß ein SS-Mann einmal mit schallendem Hitlergruß durch den Raum gegangen war. Ich hatte geziemend geantwortet — das hatte offenbar für diesmal noch genügt. Im Unterschied zu den sogenannten Ernsten Bibelforschern, mit denen mich im Lager vielfach herzliche Freund­schaft verband, habe ich den Hitlergruß bis zur Verhaftung, wo er uns untersagt wurde, trotz seiner Seltsamkeit niemals verweigert, meinte er ja doch nicht „Heil durch Hitler“, sondern „Heil dem Hitler“ und welchem Menschen sollte ich nicht aufrichtig „Heil“ wünschen, Heil im echten, ewigen Sinne? Ist das nicht unser Gottesauftrag, der keine Grenzen kennt, solches Heil in die Welt hineinzutragen? Sagt nicht der Prophet Daniel sogar zu dem heidnischen König, der ihn gefangen hält: „Ewig lebe der König!“? (Daniel 6, 22 vgl. 7 u. s.), damals ein offizieller orientalischer Gruß. Auch da ist es klar, was er, der Got­tesknecht, allein mit diesem „Ewig“ meinen kann: das Leben im An­gesichte Gottes, in der unantastbaren Gotteskindschaft, wozu jeder Mensch berufen ist.

Oder: Als ich Anfang der 40er Jahre wegen Versand von Liebesgaben­päckchen nach Polen an deutsch-jüdische Evakuierte von einem Ber­liner Zollbeamten verhört wurde, sagte er: „Diesmal verwarne ich Sie. Tun Sie es noch einmal, so kommt das vor die Anderen“ — wobei ihm selber der Schrecken im Gesichte stand. Ich gab ihm zu verstehen, daß die Not bei den Lubliner Evakuierten sehr groß sei. „Daß Sie sich nur nicht selbst in den Finger schneiden!“ meinte er. „Vielleicht besser einmal in den eigenen Finger als immer nur in fremde“, fuhr es mir heraus. Er schaute mir sorgenvoll nach.

„Die Anderen“, die führenden Männer von der SS, das waren die Menschen, die man in Deutschland fürchtete, denen man weithin nach Möglichkeit aus dem Wege ging, und die man auf diese Weise sich selbst überließ, ihrem eigenen Machthunger preisgab. Blieb man, und bleibt man auch heute, indem man solche allzu einfachen Trennungs­linien zieht, wirklich frei von eigener Mitverantwortung, eigener Mitschuld?

Wer waren denn diese „Anderen“? Waren nicht auch sie uns anvertraut? Wußte Niemöller nicht, was er tat, wenn er angesichts einiger Stapo-Spitzel im Dahlemer Gemeindesaal seine Ansprache unterbrach: „Nun wollen wir Gott danken, daß die Herren von der Polizei auch ein­mal Gelegenheit finden, Gottes Wort zu hören!“?

Wer waren, und wer sind — soweit sie noch leben — noch heute, diese „Anderen“, die Henkersknechte des vergangenen Dritten Reiches? Die ihr Werk mit den KZ-Lagern krönten, und diesem Werk am Schlusse selbst das Urteil sprachen, indem sie eigenhändig diese Lager, soweit sie noch Zeit hatten, in die Luft sprengten und vernichteten?

Während meiner Gefangenenzeit war das einzige Bindeglied zwischen mir und der Außenwelt „mein Kommissar“, derselbe, der mich ver­haftet hatte, ein Typ, der sicher unter seinesgleichen nicht selten war. Ein höflicher blonder junger Mann, Fachmann für die Bekennende Kirche bei der Berliner Stapo, holt mich an einem strahlenden Sep­tembermorgen aus meiner Berliner Vorortwohnung inmitten von gol­denem Herbstlaub und letzten Rosenblüten ab, um, wie er weiß, mich „für immer“ verschwinden zu lassen. (Ich wußte das damals noch nicht, hatte aber immer mit allem gerechnet.) Bei der Haussuchung zeigt er sich sehr besorgt, meine Möbel nicht zu beschädigen. Als ich ihm. unterwegs sage, er sei der erste Herr von der Geheimen Staats­polizei, mit dem ich persönlich zu tun hätte, es würde mich inter­essieren, etwas über seine und seiner Kameraden Berufsausbildung zu hören, mißt er mich mit erstauntem Blick und berichtet mir dann be­reitwillig. Bei den folgenden 5-7stündigen Verhören gewinne ich den Eindruck eines ehrgeizigen jungen Mannes, der ohne Unterschied er­staunlich niedrig von seinen Mitmenschen denkt, aber meine grund­sätzliche Aufrichtigkeit angenehm empfindet, nicht nur, weil sie ihm das Verhör erleichtert. Diese Aufrichtigkeit, die er zunächst mißtrauisch prüft, um sich dann mehr und mehr auf sie zu verlassen, hat für ihn offenbar Seltenheitswert und erregt sein Staunen. Er beginnt seinerseits sich für diesen wunderlichen Menschen da gegenüber zu interessieren und führt ein sehr sorgsames Protokoll. (Nebenbei hat er, um mich zu Aussagen zu veranlassen, mich gelegentlich auch offen­sichtlich belogen.) Mir aber erschien dieser junge Stapo-Beamte wie ein jüngerer, an sich recht bildungsfähiger Bruder, der eine sehr schlechte Schule besucht und sich dann bei der Entscheidung über seinen Lebensweg auf das falsche Pferd gesetzt hat. Über diesen Gaul hatte er nun keine Gewalt mehr; es mochte ihn selbst manchmal ent­setzen, wohin er ihn führte. Aber sein Ehrgeiz gab dem eigenwilligen Tier immer aufs Neue die Sporen. Manchmal lag echte Anteilnahme oder Betroffenheit, einmal sogar ein Schatten von Verlegenheit in seinem Blick. Dann aber, besonders als er die Frage des Gehorsams gegenüber Staat und Partei erörterte, bekamen seine Augen einen eis­kalten, metallischen Glanz, wie ein paar scharf geschliffene Messer. Trotz einer gewissen menschlichen Sympathie, die er diesem seinem Opfer gegenüber empfand, war er offensichtlich bereit, für seine poli­tische Position über Leichen zu gehen. Daß sein Gegenüber aber nicht nur an eine Vorsehung, nach dem eigenen Bilde geformt, zu glauben vorgab, sondern an einen Schöpfer und Vater im Himmel, der uns seinen Gesandten auf diese Erde geschickt hat und uns seinen ganz konkreten Willen durch ein „altes Judenbuch“ kundtut, so daß wir diesem Willen mehr als allen staatlichen Forderungen gehorchen müssen, und daß der Staat für uns diesem göttlichen Willen gegenüber nur abgeleitete, verliehene Autorität hat, das war es, was sein fas­sungsloses Staunen erregte. Und diese Aussage: daß der göttliche Wille der Bibel den Befehlen des Staates übergeordnet sei, war es wohl auch eigentlich, die die Tür meiner Gefängniszelle ins Schloß fallen ließ. Nachts, als das mir eingegebene Rhizinus-Brechmittel und die Wanzen meiner fragwürdigen Matratze sich an meinem Körper auswirkten, fragte ich mich wohl: mußtest du dem Kommissar (so nannte er sich selbst, hatte aber noch lieber, wenn man ihn als Be­amten bezeichnete) — mußtest du ihm das so unmißverständlich klarstellen, was dich doch hier in dieser Umgebung festnageln wird? Aber wenn der Morgen tagte, war es wieder klar und entschieden: er war es mir wert, mein jüngerer Bruder. Sollte er in zwanzig Jahren einmal über das, was er so eifrig aus seinem Opfer herausgeforscht hatte, zum Nachdenken kommen, so war das nicht zu teuer bezahlt mit allem, was vor mir liegen mochte. Gott möge ihm Zeit und Ge­legenheit und Hilfe senden zu solcher Besinnung!

Wie zur Veranschaulichung der inneren Zwiespältigkeit dieses jungen Stapo-Kommissars tauchten gelegentlich zwei etwas ältere, ihm offen­bar vorgesetzte SS-Leute bei meinen Verhören auf: Der eine, ein dunkler, galliger Typ mit einer schnarrenden Redeweise wie aus einem mechanischen Uhrwerk heraus, ein homunculus, ein Maschinen­mensch oder der leibhaftige Gott-sei-bei-uns. Der andere ein unschein­barer hagerer Mensch mit ein paar brennenden Augen, die — so schien es — an fangen wollten zu weinen, wenn er mich anschaute (ich begriff anfangs gar nicht, weshalb). Einmal, als wir bei einer be­sonders seltsamen Etappe des Verhörs alle ins Lachen gekommen waren (der Mephisto war nicht dabei, der konnte nicht lachen, und wir hätten es in seiner Gegenwart auch nicht gekonnt), da fragte der Magere mich unvermittelt: „Haben Sie Klara Zetkin gekannt?“ Ich hatte den Eindruck: daß er die Kommunistin, die weithin beliebte „Schwabenmutter“, zu mir in eine Beziehung setzte, war die höch­ste Ehre, die sein plötzlich unverhülltes Herz mir erweisen konnte. Er hatte noch Erinnerungen, noch Wertmaßstäbe.

Der junge blonde Kommissar aber, was hatte der? Als ich auf seine Frage bejahte, daß mir die Meinung zu Ohren gekommen sei, die Ost­front könne zerreißen (es war Herbst 1943), sagte der Junge: „Dann wäre es ja mit dem Nationalsozialismus vorbei.“ Ich sah ihn an und dachte: „Du sagst das, nicht ich.“ In einem anderen Zusammen­hang bemerkte er ziemlich unvermittelt: „Wir beten auch, aber helfen tun wir uns selbst.“ „Gewaltherrschaft des Nihilismus“, so bezeichnet man heute das Dritte Reich mit einem selbst etwas gewalttätigen Schlagwort. Doch wurde es mir aus den Worten des jungen Kom­missars deutlich: diese Machthaber kannten — nach dem großen Ver­schleiß unserer völkischen Ideale — in der letzten Gefahrenprobe hinter sich, unter sich, vor sich in der Tat nichts mehr; sie waren, mit der kalten stummen Vorsehung über sich, praktisch nur auf sich gestellt, allein gelassen — mit ihrem Ehrgeiz und mit ihrer Angst. Mußte man sie, muß man besonders die Jüngeren unter ihnen mit sich selbst allein lassen? War und ist es nicht möglich, sie irgendwie aus ihrer Selbstisolierung herauszureißen? Die Aussagen, die diese SS- Leute von uns suchten, erinnerten uns an unsere heilige Verpflichtung für sie. Und die Fürbitte „für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit“, die der Apostel Paulus seinem Schüler Timotheus ans Herz legt (1. Tim. 2), gewann angesichts der offensichtlichen inneren Armut dieser „Nihilisten“, unserer Sklavenhalter, konkrete Dring­lichkeit. Oder: Am Eingang meiner Gefängniszelle hatte ich einmal Gelegenheit, einem anderen Stapo-Beamten zum Jahreswechsel ein „Gutes neues Jahr“ zu wünschen. Er maß mich mit einem kurzen Blick, wagte aber nicht, sich in ein Gespräch einzulassen. Es war der Beginn des Jahres, das mich ins KZ bringen sollte. Doch es war mir klar, dieser junge Mann in der Scheinfreiheit, der mit unverhohlenem Schauder meine Zelle betrachtete, hatte den Wunsch für ein gutes neues Jahr nötiger als seine Gefangene. Der Arme konnte es ja nicht sehen und fassen, daß meine Zelle richtig war. Gleich als man mich zum ersten Male hineinführte, hatte die Zahl über der Tür mir hell ins Herz hinein geschienen, „Nr. 126“. — „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träu­menden …“: Die Zelle trug die Nummer des Gefangenen-Psalms, den wir jeden Abend im Berliner Fürbitte-Gottesdienst gemeinsam beteten, den sie jetzt auch für mich beteten. Wie mir diese Num­mer 126 beim Eintritt das Herz warm machte, da fiel mir ein, daß die Nummer meiner bisherigen Zelle „23“ gewesen war. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Eine andere Zelle als diese beiden habe ich nicht bewohnt. Ich habe in der Gefangenschaft auf solche kleinen, für mein Bewußtsein keineswegs zufälligen, sondern mir als freundliche, belebende Zeichen auf den Weg gelegten Winke der göttlichen Liebe achten gelernt. Eine Adventistin im KZ nannte sie schön „die Sprache der Engel“. — Der Kommissar wußte auch nicht, was ich hoch oben an der Innenwand dieser zweiten Zelle ge­funden hatte, höher als alle die Namen und die Schmerzensrufe in sämtlichen europäischen Sprachen, die hier eingeritzt waren, höher auch als der polnische Vers van der tags geschauten, nachts ge­träumten Wiedererstehung des unvernichteten Polens (bo w dzien to widze a w nocy mi sie sni, ze ta, zo nie zginela, powstanie z naszej krwi) — hoch über dem allen stand, von deutscher Hand geritzt, ein großes Kreuz mit der Unterschrift „Du sollst lieben Gott deinen Herrn und deinen Nächsten wie dich selbst“. — Wieso waren unsere Gefangenenwärter ärmer als wir, ihre Opfer? Wo lag und liegt ihre Not?

„War es denn wirklich so schlimm im KZ?“, so hört man immer wieder fragen. Darauf wird der KZler mit Recht antworten: „Es war hundertmal schlimmer — ein Gespinst aus gewollten und ungewollten Grausamkeiten, Fesseln und Plagen, wie es ein knapper Bericht nicht nachzeichnen kann. Doch galt freilich zugleich, wenn irgendwo so auch hier, das Lutherwort: „Des Christen Herz auf Rosen geht, wenn’s mitten unterm Kreuze steht.“ Aber vielleicht zeigt die Frage, so gestellt und beantwortet, daß wir doch immer noch auf dem fal­schen Wege sind. Fragen wir doch klarer, richtiger, fruchtbarer: war es denn wirklich so falsch? Nicht; war die Behandlung der Häftlinge in der Gefängnis-Einsamkeit wie im KZ-Trubel so peinvoll, sondern: war sie so unerlaubt, so bösartig in ihrer eigenen Ausrichtung und Absicht, enthielt sie ein solches Armutszeugnis der Machthaber?

Unerlaubt, bösartig war es, daß Männer im Offiziersrang sich mit einem Holzknüppel bewaffneten, um damit auf entkräftete Frauen dreinzuschlagen, wenn die beim Marsch in den Fünferreihen „Links-zwei-drei-vier! Links-zwei-drei-vier!“ den Schritt nicht halten konn­ten und vieles Ähnliche und Schlimmere mehr. Und doch möchte ich wagen, ein Paradoxes zu behaupten: das Unerlaubteste, das Bös­artigste über allen Schrecken war, daß unsere Wächter keinerlei Ver­such unternahmen, um uns — in ihrer Sprache zu reden — irgendwie zu „schulen“ für ein kommendes Leben oder einen kommenden Tod. Das zeigte, daß man uns in diesem „Totenhause“ nicht nur im Affekt oder aus einzelnen Nützlichkeitserwägungen, sondern kaltblütig und grundsätzlich als Menschen, als Träger menschlichen Geistes abgeschrieben hatte. Warum? Weil diesen Sklavenhaltern selbst, indem sie den Aufblick zu dem persönlich an uns handelnden Gott verloren hatten, auch die Würde des Menschen überhaupt, seine Ewigkeitsbestimmung zwischen den Händen zerronnen war. Dem Verbrecher gab man in früheren Jahrhunderten den Priester mit zum Schaffott, die sibirischen Gefangenen führte man zu Ostern in die Kirche. Für uns hatte man als einziges Erziehungsmittel — außer der Zwangsarbeit und den Körperstrafen — den Appell und das Mar­schieren, den äußeren körperlichen Drill. Mehr hatte man nicht uns zu geben, denn mehr besaß man im Grunde selbst nicht.

Uns aber suchte man zu nehmen, was man mit Händen fassen konnte. Bei der völligen Auskleidung am ersten Tage im Lager nahmen oder rissen die Aufseherinnen den Russinnen und Polinnen auch das Kreuz, das sie vielfach am Halse trugen, ab, gelegentlich mit der Bemerkung, das sei Dreck. Als ein paar Russenmädels auf meine Frage mit Tränen in den Augen bejahten, daß man auch ihnen die Kreuze genommen habe, sagte ich ihnen: „Bei uns ist es weniger Sitte, ein Kreuz am Halse zu tragen, aber im Herzen trage ich es auch. Da können sie es uns nicht nehmen.“ Sie nickten, und ein helles Licht erstrahlte in ihren Augen. (Von den Russinnen, zum großen Teil Gliedern der Roten Armee, deren Personalkarten ich zu bearbeiten hatte, gaben nach meiner Schätzung etwa 90 Prozent als Religion „orthodox“ oder „grie­chisch-katholisch an, von den Russen des benachbarten Männer­lagers, dessen Kartei wir mitbearbeiteten, etwa 50 Prozent. Außer­dem fiel mir auf, daß die Zigeuner ohne Ausnahme sich als christlich bzw. katholisch oder, seltener, evangelisch bezeichneten.)

Unsere Aufseherinnen im KZ, meist ebenfalls jüngeren Alters und aus der Hitlerjugend aufgestiegen, stellten einen Amazonentyp teils edleren, teils gröberen Gepräges dar. Wenn sie als Lagerwache mit Schaftstiefeln, schwarzem Cape und Kapuze, die Waffe oder den Schlagriemen in der Hand und den scharfen Wolfshund an der Seite, nachts die Lagerstraße ableuchte­ten, so schienen sie wie aus Wotans wilder Jagd zu uns hernieder gestiegen. Wenn so eine junge, drahtige Person einer älteren Frau mit knapper Handbewegung ins Gesicht schlug, so fragte man sich staunend, was hinter diesen glitzernden Augen und dem unbewegt kühlen Gesicht sich verbergen mochte.

Daß die junge Leiterin unserer Bürokolonne der herben, großen En­gelsgestalt in Lionardos „Heiliger Familie in der Felsengrotte“ (auf dem Pariser Original) aufs Haar gliche, wollten meine Kameradinnen mir zwar nicht abnehmen. Daß man aber denken könne, sie sei wie Pallas Athene gewappnet aus dem Haupte des Zeus entsprungen, gaben sie zu. Tadellos immer in der Kleidung, unberührt und stolz in der Haltung — bis zum Morgen vor der Auflösung des Lagers beim Anmarsch der Russen, da war es, als sei in dieser letzten Nacht ihre Unantastbarkeit zerbrochen, und die früher so reine Stirn war zer­malmt wie ein Scherbenhaufen. Mein Herz blutete, als ich sie so sah. Doch hielt sie sich auch jetzt noch unnahbar. Sie hatte in früheren Zeiten einen ehrlichen Arbeitswillen an den Tag gelegt, scheute sich selbst vor nichts und wollte uns mit gutem Beispiel vorangehen. Uns körperlich anzutasten, kam bei ihr überhaupt nicht in Frage. Doch war sie von uns allen überzeugt, daß wir etwas verbrochen haben mußten — „sonst wäret ihr ja nicht im KZ“. Aber instruktionsgetreu ließ sie sich auf persönliche Einzelheiten nicht ein, hat auch wohl kaum Einsicht in unsere ihrer Obhut anvertrauten Personalakten ge­nommen. — Arbeiten nicht auch heute manche, die über diese Ge­strigen zu Gericht sitzen, mit ähnlichen, von Einzelkenntnissen unbe­schwerten Vorurteilen? Wollen wir nicht aus den Fehlern der anderen lernen? Da die Häftlinge nicht mehr eigentlich als Menschen galten, so grüßte man uns auch nicht. Doch als ich zur Vergasung aufge­schrieben, den Arbeitsraum wieder betrat, schaute mir diese junge Aufseherin gerade und forschend ins Gesicht. Ich neigte grüßend den Kopf. Und da hat, wie in einer Verzauberung, auch sie, die junge Pallas Athene, den Kopf vor der Häftlingsfrau geneigt. Im Trubel des letzten Abends, als die Panzerschlacht eine Viertelstunde von uns entfernt um das Städtchen Fürstenberg tobte, und wir die Akten in das selbstentfachte Feuer werfen mußten, in dieser allgemeinen Auf­lösung fand dieses junge Mädchen — und zwei andere junge Auf­seherinnen beteiligten sich dabei — Gedanken dafür, daß ich, die mo­natelange Krankheit hinter sich hatte, nicht zu schwer schleppen dürfe. Und als unsere Kolonne in der Nacht noch einmal für die Aktenverbrennung befohlen wurde, gab sie in diesem letzten Stadium ihrer Herrschaft den Befehl aus: „Aber Gandhi (mein Spitzname bei den Kameradinnen, den sie übernommen hatte) laßt schlafen.“ Als sie dann das Lastauto bestieg, das die Aufseherinnen vor den anmar­schierenden Russen retten sollte, rief sie, deren heller Blick verdunkelt war, und der eine tiefe, knittrige Schmerzens falte aus der Nasen­wurzel auf stieg, uns mit letzter Haltung zu: „Wir sehen uns wieder!“ —

O Menschenkind, o Gotteskind, kannst du verstehen, kannst du mit­gehen, wenn ich sage: Ja, ich habe den Herzenswunsch, ich dürfte diese SS-Mädchen, diese Kommissare, „diese Anderen“, noch einmal wieder sehen, geheilt von den Folgen mangelnder Erziehung und falscher An­leitung — tragen wir Älteren nicht Mitschuld an ihrem Mangel? —, befreit aus den eigenen Sklavenfesseln der Gottesferne durch den Retter der Menschen, der gekommen ist, die Verirrten zu suchen und heimzu führen. Willst du mit darum wachen, daß wir selbst unsere Ver­antwortung, unseren heiligen Auftrag für die schlecht beratene, irre­gehende und hoffnungsarme Jugend nicht versäumen möchten? Willst du mit darum beten, daß wir und die „Anderen“ einander begegnen dürfen im Lichte des Sieges der göttlichen Liebe, im Lichte der Auf­erstehung? Daß von der Klarheit des Auf erstandenen überwunden, auch sie — nicht mehr leichtfertig trotzend, sondern dankbar be­kennend — sagen dürfen: „Wir beten auch“ …

5. Scheidung der Geister: Der Verrat

„Hier ist ja einer des anderen Teufel!“ — mehr als manche Schrecken hat mich dieses verhältnismäßig gelassen ausgesprochene Wort einer ehe­maligen Landtagsabgeordneten über die Lagerkameradinnen er­schüttert. Wir Häftlinge waren in sogenannter Selbstverwaltung weit­gehend aufeinander angewiesen. Außer den Tausender-Kolonnen, die täglich zur Fabrik-, Bau-, Holz- und Landarbeit aus dem Tor ausmar­schierten, waren Hunderte innerhalb der Lagermauern für die Er­haltung und Verwaltung dieses kleinen Frauenstaates beschäftigt. So hatten wir auch unsere Vorgesetzten aus den eigenen Reihen, unter Umständen mit eigenem, stark geheizten Dienstzimmer, dem um die Essenszeit liebliche Düfte entströmten, das mit Blumen, Decken und Teppichen geschmückt war und an der Tür die Aufschrift trug „Bei Betreten Schuhe ausziehen!“ Wir hatten die aus Häftlingen be­stehende Lagerpolizei, durchweg kräftige und wohlgenährte Frauen, die besonders in den letzten Monaten vielfach ihrerseits einen Holzknüppel in der Hand trugen und auch handhabten. Dabei ist zu be­rücksichtigen, daß es ihre Aufgabe war, Böswillige und Idiotinnen gewaltsam zur Ordnung zu zwingen. Gefürchteter fast als die Ober­aufseherin war eine jener Häftlings-Polizistinnen: graues, kurzge­schnittenes Haar, zurückfliehende Stirn, Adlernase, stark entwickelter Kehlkopf. Ich höre noch ihre kehlige, gurgelnde Stimme: „wer Arm in Arm über den Lagerplatz geht, dem lasse ich eine Glatze scheren!“ Und ich höre noch den Schreckens- und Warnungsruf: „die N. kommt!“ Sie war, wie ich aus der Personalkartei entnahm, Dr.phil. gewesen und wegen Erpressung vorbestraft, seit langen Jahren im Lager und nun in einer fast diktatorischen Stellung. Sie hat sich bis zuletzt gehalten, während die meisten dieser Avancierten in ermüden­der Regelmäßigkeit nach einiger Zeit, meist wegen allzu offensicht­licher Veruntreuung von Lebensmitteln, abgesetzt und bestraft wur­den. Mir fiel auf, daß in die unteren Vertrauensposten als Essenaus­geberinnen oder Tisch- und Stubenälteste in den letzten Monaten mehrere Christinnen bestellt wurden, die eine Atmosphäre des Frie­dens um sich verbreiteten. Ebenfalls genossen, ganz ohne Angebertum, ja ungeachtet ihrer scharfen politischen Stellungnahme gegen das Dritte Reich und alle seine Funktionäre, die sogenannten Ernsten Bibelforscherinnen, von denen wir mehrere Hundert hatten, in unteren dienenden Stellungen großes Vertrauen bei den SS-Leuten und durf­ten zur Reinigung der SS-Wohnungen einzeln mit Personalausweis durch das Lagertor ein- und ausgehen. Man war sicher, daß sie keinen Fluchtversuch machen würden.

Bei den Freundschaften, die sich im Lager bildeten, unterschieden wir Gesinnungs- und Freßgemeinschaften, die ersten auf gemeinsamer Nationalität, Klassenbewußtsein oder religiöser Überzeugung be­ruhend, die zweiten aus der Absicht entsprungen, an Bevorzugung der Freundinnen im Lagerleben, besonders in der Ernährung teilzu­nehmen. Diese zweiten Freundschaften wechselten oft. Auch gab es natürlich Überschneidungen zwischen beiden Gruppen. Doch je mehr die Not sich zuspitzte, glaubte ich eine reinliche Scheidung „für Gott“ oder „für den Bauch“ wahrzunehmen. Selbstverständlich waren auch die Christinnen den leiblichen Anfechtungen keineswegs enthoben. Schließlich gab es Einzelgängerinnen im Lager, die mit niemand in­tim waren und doch überall auftauchten, wo man sie am wenigsten wünschte. Eine solche habe ich sehr lieb gewonnen. Eine schöne nordische Erscheinung, graublondes, streng gescheiteltes Haar mit schlichtem Knoten, seltsam verschleierte große blaue Augen über der geraden Nase, eine früh gealterte Gudrun im Sklavendienst. Bei der ersten Begegnung überschüttete sie mich mit einer laut hervor­brechenden Flut von Vorwürfen und Beschimpfungen Hitlers und seiner Helfer bis hin zu unserem Lagerpersonal, so daß ich mir sagte: eine Provokateurin oder eine geistig Gestörte — wahrscheinlich beides zugleich. Später habe ich beobachtet, daß die Spitzel in Diensten der Lagerkommandantur sehr häufig geistig Labile oder Kranke, beson­ders auf der Basis von Geschlechtskrankheiten waren. Von den meisten gemieden, waren sie für herzliches Entgegenkommen beson­ders empfänglich und dann in vieler Hinsicht erstaunlich offenherzig. Diese meine Gudrun war wohl körperlich gesund, aber in tiefem inne­ren Zerwürfnis mit sich selbst. Da es Pfingstsonntag war, als sie mich anredete, suchte ich ihre Gedanken über den politischen Bereich hin­aus auf den Frieden von Pfingsten hin zu lenken. Sie schloß sich dem sehnsüchtig auf, und, bevor wir uns von dem verbotenen Sandplatz in der Sonne trennten, bat sie unter Tränen um ein gemeinsames Gebet und küßte mich zum Abschied. Die Kameradinnen warnten mich vor ihr. Ich konnte aber, wenn wir uns wieder begegneten, nicht anders, als diese abgehärmte Gestalt mit dem sehnsuchtsvollen Angesicht in meine Arme zu schließen.

Solche Spitzel waren unter Umständen bereit, für etwas bessere Nah­rung und Kleidung Kameradinnen, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, in den wahrscheinlichen Tod zu schicken. Zwei an­gesehene Frauen unserer Bürokolonne hatten früh noch mit uns ge­arbeitet, abends standen sie in der allerdürftigsten Kleidung auf dem Lagerplatz, fertig gemacht für den Straftransport. Wieder einmal Lebensmittelveruntreuung, und zwar im Rückfall. Es gelang mir, an die eine der beiden Frauen heranzukommen. Es mußte rasch und leise geschehen. Ich küßte ihr stumm die Hand. Da ging eine tiefe Er­schütterung und Entspannung über ihr bis dahin stolz abweisendes Ge­sicht. Die Lagerpolizei erzählte am nächsten Morgen, daß der Trans­port in eisigem Wind die ganze Nacht auf dem Lagerplatz habe stehen müssen. Kurz darauf ging diejenige Kameradin an mir vorbei, die wir für die Denunziantin halten mußten. Es war Ostermorgen, das zweite Ostern im Lager, an dem eigentlich mir die Vergasung bestimmt war. Ich gab der jungen Frau die Hand, wünschte ihr ein gutes Ostern, was sie freundlich erwiderte, und sagte darauf: „ich kann unsere Beiden in dem Straftransport nicht vergessen, ich sehe sie immerfort vor mir“. „Sie haben selbst Schuld“, meinte sie mit steinernem Gesicht. Da wußte ich, daß diese das Leben der Beiden auf dem Gewissen hatte. Ich hielt ihre Hand fest: „wer von uns ist denn ohne Schuld?“ Sie ließ mir ihre Hand.

Zu Beginn der Passionszeit vor diesem zweiten Ostern steckte eine Kameradin, die in der Kleiderkammer arbeitete, wo die uns ab genom­menen Sachen bearbeitet wurden, mir ein Büchlein in die Hand: „Kannst du das lesen? Willst du es haben?“ Es war eine französische Übersetzung des Lukas-Evangeliums. Die Geschichte Jesu durfte ich wieder in ihrem ganzen Zusammenhange lesen, und Gottes Sehnsuchts­ruf nach uns Menschen: „mich hat herzlich verlangt, dies Osterlamm mit Euch zu essen, ehe denn ich leide“, füllte mir das Herz. — Besitz von Gedrucktem, außer dem Völkischen Beobachter, der im Lager in wenigen Exemplaren ausgegeben wurde, war verboten; insbesondere wurde Besitz und Weitergabe religiöser Schriften gelegentlich streng verfolgt: Dinge, die man wissen sollte, auch wenn sie einem nicht ge­rade gesagt wurden. Wenn ich in kurzen Minuten im Eßraum oder auf der Lagerstraße in das Büchlein hineinschaute, tauchten mehrere zweideutige Gestalten in meiner Nähe auf und erkundigten sich nach meiner Lektüre. Dieselben waren auch immer wieder in der Nähe, wenn ich mit einer befreundeten Bibelforscherin zusammenstand. Eine von diesen Horcherinnen erschien manchen von uns im Traum: Eine dunkelbrünette südliche Erscheinung, Adlernase, stechende Augen von unbestimmter Farbe, seltsam wendige, geschmeidige, schlän­gelnde Bewegungen. Luzifer, der abgefallene Gottesengel, wird ge­wöhnlich mit einer Adlernase dargestellt. Ihre Gespräche ein Schwall breiiger Phrasen, in dem man nirgends Fuß fassen konnte. Sie hatte als Nationalität Italienisch, außerdem die Kenntnis von Russisch und Arabisch angegeben. Eine mir bekannte Italienerin sagte, daß ihr Italienisch fragwürdig sei, und daß sie längeren Gesprächen auswiche. Sie gab sich als Fabrikbesitzerin und Frau eines Archäologen aus. Ich stellte fest, daß ihre Kenntnis der in Italien erhaltenen klassischen Altertümer hinter denen eines deutschen Schulkindes zurückstand. Dagegen ergab es sich im Gespräch, daß sie hebräische Worte ver­stand. Ihr Russisch, an dem ich nichts auszusetzen fand, wollte sie in Italien erlernt haben. Wenn man ihr die Hand reichte oder gar sie ihr auf die Schulter legte, pflegte sie sich dem mit einer ihrer unwillkür­lichen Schlangenbewegungen zu entziehen. Aber seit sie mir ihre Beach­tung schenkte, tauchte sie mehrfach unerwartet und auch ungehindert in unserem Arbeitsraum auf, um — ohne weitere Erklärung — einen Essensnapf für mich hinzustellen. Ich nahm das jedesmal dankend an und reichte die Schüssel sofort einer unserer Schwächsten weiter: „mir würde das von ihr gespendete Essen nicht bekommen, aber durch die Weitergabe würde es bekömmlich!“, was den Kameradinnen ein­leuchtete. Freilich — wie zu erwarten — blieben die Spenden darauf­hin bald wieder aus.

Ich aber fragte mich, was angesichts dieser und anderer neuer „Freun­dinnen“, die da um mich auftauchten, aus meinem kostbaren Bücher­besitz — ein holländisches Gebetbüchlein hatte sich dazu gefunden — werden sollte. Es gab verschiedene Möglichkeiten: Weggeben, in den Ofen stecken oder behalten, darunter war das im Ofen Verbrennen ent­schieden das Sicherste. Es war ja nicht das Göttliche selbst, es war ja nur bedrucktes Papier und würde draußen tausendfach ersetzt werden können. Ich hatte die Geschichte von der Verleugnung des Petrus gelesen und fragte mich, was die dreifache Frage und dreifache Ableugnung des ängstlichen Jüngers mir sagen wolle. Da wurde es mir klar: es gab drei Wege, den Herrn zu verraten: Jesus Christus selbst abzusagen; sein heiliges Wort — das mir in die Hände gelegt war — preiszugeben; mich von seiner Gemeinde — deren Gebete ich in Händen hielt — zu trennen. Ich durfte hier Inneres und äußerliche Verkörpe­rung nicht scheiden, wollte ich nicht ein Verräter werden: ich mußte die mir anvertrauten Bücher behalten und in Ehren halten.

Was daraus werden würde? Was auch aus der vorbereiteten letzten großen Vergasungsaktion werden würde? Auf all diese Fragen wurde Antwort von außen her. „Wohin sollen wir das Lager noch verlegen?“ meinte eine Aufseherin, als die Fronten von beiden Seiten uns auf den Leib rückten; „wir können es nur noch nach oben verlegen“, und sie zeigte zum Himmel empor.

Das nationalsozialistische KZ, das Geschöpf Hermann Görings, zu­nächst zur Absperrung der Kommunisten bestimmt und vielleicht sogar aus einem gewissen Rest von „Humanität“ heraus geschaffen, um un­nötiges offenbares Blutvergießen zu vermeiden, hatte den Kainsweg genommen, den — krasser oder weniger sichtbar — jedes menschliche Tun und jede menschliche Organisation nehmen kann, in der die volle Mitverantwortung für den anderen Menschen abgelehnt wird: „soll ich meines Bruders Hüter sein“, den Weg — über den Versuch der Aus­beutung der Anderen als Arbeitstiere — zum Vernichtungsanschlag gegen die mißachteten Brüder. Zum blutigen Instrument der SS ge­worden, das, ähnlich nur in viel ungeheuerlicheren Ausmaßen als die Guillotine in der französischen Revolution, in immer rascherer Be­schleunigung seine Opfer verschlang, fand es schließlich keinen Raum mehr auf dieser Erde.

Man schritt zur Auflösung des Lagers.

6. Frucht: Die „heilige Befreiung“

Frühling, Erwachen des jungen Lebens draußen unter Gottes Himmel und drinnen in den Mauern des KZ das Werk der Zerstörung und Vernichtung — dieser grelle Kontrast war manchmal an die Grenzen der Fassungskraft ge­gangen. Was nützte es, daß die jugendlichen Geister unter uns täglich, wenn die Sirene den Schluß des morgendlichen Zählappells ankündigte, mit einem Jubelruf die Arme in die Luft warfen: es folgte doch der lange, gehetzte Arbeitstag, es folgte der nächste Appell am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang. Da standen wir vielfach Zerlumpten und Kranken eine Stunde, zwei Stunden im Schweigen und beobachteten, wie der Himmel sich färbte und die Sterne verblichen, bis das erste Licht die bleichen, angespannten Gesichter traf. Da lernten wir den Flug der Vögel unterscheiden; das stille Kreisen und den langen Gleit­flug der Raubvögel, das kurzatmige Flattern der Krähen. Und wenn der Gegensatz der wunderbaren Freiheit dort droben in den Lüften und unseres Sklaventums auch manchmal den Kopf sprengen wollte, so wußte ich es doch immer aufs Neue und sagte es den Kameradinnen: Derselbe, der es machte, daß die Vögel über uns in Freiheit sich regen, der kann auch uns Gefangenen die Befreiung schenken, sobald er es will. Derselbe, der die jungen Blüten auf den ärmlichen Rabatten des Lagerplatzes in schimmernde Farben kleidete, kann auch unseren ver­sehrten Leibern Gesundheit und erwünschte Kleidung geben, sobald er es will.

Befreiung, Heimkehr — das war der erste und letzte Gedanke der ge­fangenen Frauen, der über politische, künstlerische, wissenschaftliche Interessen und Ziele hinaus alle einte. Ich fragte sie manchmal scherzend: Könnt ihr denn schon heim? Ich habe hier noch nicht aus- gelernt.

Zu Gefangenen gehören Träume, wie man aus den biblischen Geschich­ten von Joseph und Daniel weiß. Ich war in das Gerede gekommen, daß ich „Träume deuten könne“, und so brachten die Frauen mir ihre nächtlichen Gesichte. Ihre ausgesprochene oder unausgesprochene Frage dabei war immer: bedeutet der Traum Gutes oder Schlechtes? Werde ich heimkommen oder nicht? Ich sagte ihnen zunächst, daß ich nie ein Traumbuch studiert habe, daß ich aber glaube, daß Gott durch alle Dinge, also auch durch die Träume, zu denen sprechen will, die Jesus Christus lieb haben, und daß ich ihnen deshalb gern sagen würde, was mir, meist am nächsten Morgen beim Aufwachen, dazu einfiele. Einmal habe ich einem gebildeten jungen Mädchen, um den tragischen Ernst ihres Traumes zu mildern, scherzend drei Deutungen angeboten, eine im Sinne des Völkischen Beobachters, eine im Sinne der Frankfurter Zeitung, eine im Sinne der Bibel; unsere Gedanken aber blieben bei der dritten haften. Traumdeuten war im Lager ver­boten, wie Kartenlegen, aus der Hand lesen, Astrologie u. dgl. Ich glaubte aber, diese Sehnsuchtsrufe der Verknecht eten, wenn sie zu mir drangen, um Christi willen nicht unbeantwortet lassen zu dürfen, son­dern, soweit es mir geschenkt würde, den Ton ihrer Schmerzen dem Akkord der göttlichen Liebe zuordnen zu sollen. Da saßen wir abends eng gedrängt auf den Rändern unserer Pritschen und suchten das Ungeziefer aus unserer Kleidung — „Lagerwissenschaft“ nannte ich alle diese neu gelernten Künste —, an uns vorbei kletterten sie zu den höheren Bettenschichten, traten uns dabei unversehens auf den Arm oder ins Gesicht, von oben baumelten die Beine und Wäschestücke her­unter, schräge letzte Sonnenstrahlen drangen von außen durch die Fenster. Manche schauten schweigend, abgekehrt hinaus in die sich verschleiernde Ferne. „Mir träumte“, sagte eine alte Frau, die sich schon ausgestreckt hatte, „ich lag hier in der Baracke, sie war aber viel größer, und ich war rings umgeben von unzähligen Rosenblüten — bedeutet das Gutes?“ „Rosen“, sagte ich am nächsten Tage ihr und den Anderen, die zuhörten, „das Zeichen der Schönheit, der Freude und der Liebe. Rosen, so sagt die Legende, trug die Heilige Elisabeth im Arm, als sie zu den Kranken und Armen ging, und ihr Mann, der Land­graf von Thüringen, ihr das verbieten wollte. Wenn wir einander Zeichen der Liebe, „Rosen“ schenken, kann auch bei uns hier im Toten­hause etwas von Schönheit und Freude sein; ja wahrhaftig, die Ba­racke wird größer werden: wir werden die Gefängnismauern weniger spüren“. — „Ich reiste mit meinem Mann“, sagte die Frau von 40 Jahren, deren Mann ins Ausland geflohen war. „Wir wollten in einem Hotel übernachten, fanden aber nirgends Unterkunft. Schließ­lich, als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, zeigte ein Wirt uns mehrere schöne Zimmer, die könnten wir haben, aber nur, wenn wir auch das Badezimmer dazu haben wollten. — Werde ich meinen Mann wiedersehen?“ „Wir haben hier keine bleibende Statt, so sagt der Traum, und bleiben bedroht von neuer Unruhe und Obdachlosig­keit. Aber unverhofft tut sich uns die Heimat auf, die uns keiner rauben kann. Doch kommen wir hinein nur durch ein Bad — der Apostel Paulus nennt es „das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Geistes“. — „Ich ging an einem See vorbei“, sagte das schöne blühende junge Mädchen, an der aber innerlich der Wurm der Tuber­kulose nagte, so daß sie schon mehrfach arbeitsunfähig geworden war — Arbeitsunfähigkeit war der größte Schrecken der Betroffenen. Sie ging täglich mit ihrer Kolonne am Fürstenberger See entlang zur Siemens-Werkstatt. „Das Wasser war tiefdunkel und doch beglänzt von hellem Licht. Ich sah einen Schwan und eine Ente ihr Liebesspiel treiben. Als sie von einander abließen, lief die Ente oben auf dem Wasserspiegel dahin, aber, einer ihrer Füße hinkte.“ Ich gab ihr zunächst scherzend die nationalsozialistische Nutzanwendung, die da lauten würde: „Gleich und gleich gesellt sich gern. Werʼs anders hält und die biologischen Gegebenheiten mißachtet, muß hinken.“ Dann die liberalistische Deutung: „Mache dich frei aus deinen Schranken, so wirst du die dunklen Wasser unter dir lassen“. Dann sagte ich ihr, ernster werdend: sie solle sich des Natürlich-Unnatürlichen dieses ge­schauten Bildes, das sie offenbar peinlich belastete, nicht schämen, und dem nicht weiter nachhängen. Dies stehe mit dem Absonderlichen un­serer Lebensbedingungen im Zusammenhang. (Außer allen übrigen Fesselungen wurden durch Unterernährung und Sodazusatz zur Nah­rung auch die Geschlechtsfunktionen abgedrosselt, eine Stauung, die besonders bei den jungen Mädchen vielfach zu enormer psychischer Explosivität führte.) Ich fragte das junge Mädchen, ob sie sich er­innere, daß die Männer Gottes in der Bibel sich nicht schämten, die Liebe Gottes zu den Menschen vielfach in dem Bilde der natürlichen, irdischen Liebe zu malen? Der Schwan in ihrem Traum erschiene mir als ein echter Bote des himmlischen Lichtes. Das häßliche graue Ent­lein dagegen sei offenbar sie oder wir KZ-Frauen überhaupt. Ob sie sich einer Geschichte des Alten Testaments erinnere, wo ein Mensch einem himmlischen Fremdling begegnete und seither hinken mußte? Keine von den zuhörenden Frauen besann sich darauf. Ich erzählte, wie Jakob bei dieser harten Begegnung ausrief: „ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ und wie er von dem übermächtigen Fremdling den Ritterschlag empfing: „du sollst von nun an Israel heißen!“ Auch er habe seit der Begegnung mit dem himmlischen Boten auf den Wassern der Not und Gefahr gehen können, freilich hinkend, wie das offenbar unser menschliches Teil auf dieser alten Erde sei. Auch uns würde es so geschehen, wenn wir sprächen wie er, und wir wollten unser „Hinken“, ob es nun Lungen- oder Herzschwäche oder Eiterbeulen oder sonstwie hieße, dafür hinnehmen. Später träumte dieselbe, der Schutz­haft-Lagerführer hätte sie auf die Kommandantur bestellt, um sie nach England zu entlassen (wo sie früher sehr gern geweilt hatte), „vorher aber müsse sie noch ein Examen machen“. — Unversehens war eines Abends ihr Bettplatz über dem meinen leer. Die Nachbarin­nen murmelten etwas Unbestimmtes. Einige Tage darauf hatte ich den Namen des jungen Mädchens in eine Transportliste für das Vernich­tungslager Flossenbürg einzutragen.

An meinem Geburtstag kurz vor Ostern reichte eine alte, mir bis dahin fast unbekannte Frau mir beim Morgengrauen die Hand, „ich wünsche Ihnen die heilige Befreiung“. Ich war betroffen von dem ungewohnten Wort: „heilige Befreiung“, es war der rechte Name auch für das Ziel unserer Traumgespräche.

„Heilige Befreiung“, wovon? von dem Unheiligen, von der Selbstliebe. Wodurch? durch das Heilige, durch Gott. Wofür? für die Heiligung, für den Dienst für Gott und für den Nächsten. Diese Befreiung konnte nicht durch Einhändigung des Entlassungsscheins eingeleitet werden. Sie sollte nicht beim Ausgang, sondern beim Eingang in die Haft be­ginnen, da wo miteinander Heimat, Freundschaft, Beruf, Familie, Eigentum und Standesprivileg, oder erworbener Name und Einfluß zu­sammen mit den Kleidern und manchmal auch dem Haupthaar von uns abfiel. Was wohl den Atem rauben, aber auch tröstlich gemahnen konnte an den, von dem es heißt: „er entäußerte sich und nahm Knechtsgestalt an; darum hat ihn auch Gott erhöht“ (Phil. 2).

Solche innere Befreiung, für die die Entkleidung von allem äußerlich uns anhaftenden Eigenen das Sinnbild war, habe ich im Lager wohl wahrnehmen dürfen. Ich konnte wegen starker Entkräftung einige Wochen beim Frühappell einen Schemel benutzen, in einer Reihe mit einigen anderen besonders schwachen oder sehr alten Frauen. Wenn die Aufseherin zum Zählen kam, wurde „Achtung“ geschrien, und auch wir mußten hochspringen und strammstehen. Als die Aufseherin außer Sicht war, bat eine feingliedrige, früh gealterte Frau, sich einen Augenblick auf meinen Schemel dazu setzen zu dürfen. Wir kamen in ein flüsterndes Gespräch, wobei, wie so oft, die Frage gestellt wurde, woher? und warum verhaftet? Ich weiß wohl, warum ich hier bin, sagte meine Unbekannte und blickte in die Ferne. Nicht um dessentwillen, was in meiner Akte steht, nein, die Stapo weiß den wahren Grund selbst gar nicht, aber ich habe ihn hier in den langen Morgen­stunden beim Appell erkannt, Ich bin Sängerin und habe oft in Kirchenkonzerten gesungen. Da war es mir wohltuend, wenn die Leute auf mich aufmerksam wurden und zu mir hinschauten. In den kalten Morgenstunden hier ist es mir klar geworden: ich habe nicht zur Ehre Gottes, sondern zu meiner Ehre gesungen. Darum bin ich hier. — Heilige Befreiung. Die willige Entäußerung von dem Eigenen, in der uns Christus vorangeht, wollte, mit Fallen und Aufstehen, täglich neu bejaht und geübt sein.

Höchste Freude aber, wenn sich von draußen hilfreiche Arme nach uns ausstreckten. Unvergeßlich der Anblick, als in der Zeit der äußersten Entbehrung vor dem Ende zwölf schimmernde hellgraue schwedische Autos mit dem Liebeszeichen des Roten Kreuzes unter dem hoch­gehenden Schlagbaum ein fuhren, um uns Gaben aus Schweden, USA und Canada zu bringen: Es gab noch eine Welt da draußen und sie gedachte liebevoll unser! Höchste Freude auch, wenn wir Beraubten etwas in die Hände gelegt bekamen zum Schenken. So erhielt ich mehr­fach, besonders in der Weihnachtszeit, Liebesgabenpakete aus meiner Heimatgemeinde und einigen anderen deutschen Gemeinden, mit denen ich ein Tröpfchen linderndes Öl in manche leibliche und seelische Wunde gießen und den Einsamsten zu Weihnachten einen Gruß des Christkindes bringen durfte.

Beim Verbrennen der Akten vor der Auflösung des Lagers hatte ich zum lächelnden Erstaunen der Kameradinnen und Aufseherinnen, die sich dann aber sämtlich beteiligten, Dinge, die m. E. den Feuertod nicht verdienten, wie Bleistifte, Taschen, einen Hosenträger u. a. aus dem Scheiterhaufen beiseite gelegt. Einiges nahm ich zum V er schenken mit. Das erste, was ich hart jenseits des Lagertors sah, war eine Mutter mit einer blühenden Kinderschar, die von ihrem Gartenzaun aus unserem gespenstischen Ausmarsch zuschauten. Ein billiges Kinderarmband aus blauen Vergißmeinnicht-Blumen, das sich selt­samerweise zwischen den SS-Papieren gefunden hatte, und das unsere junge Aufseherin mir anbot: „Gandhi, wollen Sie das auch haben?“ „ja“, sagte ich, „das kriegt ein Kind draußen geschenkt“ — dies konnte ich dem jubelnden Kind um das runde Ärmchen legen. So durfte ich Entkräftete und Ausgeplünderte beim ersten Schritt außer dem Lager das sein, wozu Christen bestimmt sind: ein gebender, nicht fordernder Mensch.

Und dann kam das Wunder, das uns Ausgestoßene der Vater im Himmel auch sichtbar wieder in seine Arme nahm. Die erste Nacht draußen in der Freiheit, als sich anläßlich der grandiosen Explosion des Munitionslagers Fürstenberg die meisten unserer begleitenden SS-Männer und meiner Kameradinnen im Eillauf zerstreut hatten, habe ich im Walde geschlafen: nach all der grauen und grausamen Beton- und Stacheldraht-Künstlichkeit des Lagers freie, aus Gottes Schöpfer­hand geschenkte, selbst gewachsene, hohe Waldbäume über mir und durch ihre Zweige schimmernd das klare Sternenzelt. Da war ich, wäh­rend die Wasser der Sintflut, die mich umtost hatten, versanken, in den göttlichen Schöpfungsbund Noahs, den Bund der Langmut Gottes wieder sichtbar auf genommen, „solange die Erde steht, soll nicht auf­hören, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“. Die zweite Nacht, als ich ein mit Flüchtlingen, Bauernwagen, Vieh vollgestopftes mecklenburgisches Städtchen erreicht hatte, durfte ich in einer Kirche zubringen. Über meiner Strohschütte wölbten sich, ähnlich wie die Zweige der Waldbäume draußen, die edlen goti­schen Bogen und verdämmerten hoch droben. Da war ich in den Bund Gottes mit seiner Gemeinde, den Abrahams-, Mose- und Christusbund sichtbar wieder aufgenommen: „ihr sollt mein Volk sein und ich will euer Gott sein“. Es dauerte noch Tage und Nächte, bis ich, mit den KZler schwärmen, mit flüchtigen Zivilisten und Soldaten in den meck­lenburgischen Kessel zwischen der russischen und der amerikanischen Front geraten, in einer Menschenwohnung Obdach fand.

Beim Scheiden aus dem Berliner Gefängnis war es mir auf gegangen, daß das Wort hoch oben an meiner Zellenwand „Du sollst lieben Gott deinen Herrn und deinen Nächsten wie dich selbst“ der Leitspruch meiner Haftzeit sein sollte: „Gott lieben von ganzem Herzen“ — der Sinn meiner Berliner Einzelhaft, „deinen Nächsten wie dich selbst“ — die auf gegebene Lektion des kommenden Lagerlebens. Im Lager habe ich mich manchmal gefragt, was danach darüber hinaus noch kommen könne. Jetzt weiß ich es: nun, in der neu geschenkten Freiheit, bleibt das „und“ zu üben, die nicht zu verkürzende, doch immer wieder verletzte Verbindung der Gottes- und Nächstenliebe. Und diese Lektion wird dauern, bis die „heilige Befreiung“ zu ihrem Ziel kommen, bis die Heimkehr in des Vaters Haus Wirklichkeit werden darf.

Am Morgen, ehe ich von Daheim in die fast zweijährige Wüstenwande­rung geführt wurde, hatte ich — nach der Tageslese der evangelischen Verbände — gelesen, wie Abraham um des Friedens willen sich von seinem Verwandten Lot trennt und ihm die Weideplätze überläßt, dem er später, als das Gottesgericht hereinbricht, durch seine Fürbitte die Rettung bringen darf. Ich habe in der Haft oft an diese Erzählung zu­rückdenken müssen. Unser Herr Jesus Christus schenke es uns, daß aus der gewaltsamen Absonderung seiner Gefangenen nicht Anklage und Vergeltung, sondern Friede erwachse, daß aus willig und aufge­schlossen getragener Not und aus fürbittendem Eintreten Heilkräfte hineinströmen in die Welt unter dem Gericht — heilige Befreiung.

7. Anhang: Über die Grenze

(2. Teil veröffentlicht in Göttingen, Universitätszeitung 1947, Nr. 15)

Brief einer in den USA. lebenden jüdischen Freundin, die aus Deutschland emigrierte, vom 9. November 1946.

„… Der schwarze 9. November. Im Jahre 38 holte man alle Juden an diesem Tage, es war der Auftakt zu dem Morden von 6 Millionen … Die Judenangst, die Angst vor der Bestie Mensch wird nie vergehen … Ich bin hart geworden. Für mich existiert nicht der Begriff der guten Deutschen im Gegensatz zu den Nazis. Die guten Deutschen sind entweder tot oder ausgewandert oder — wie Du ex-KZ-Menschen. Mein Haß gegen die Deutschen ist gren­zenlos. Nicht wegen der 14 in Warschau und in den Gaskammern von Oswiecim (Auschwitz) Gemordeten meiner Familie. Wegen der 6 Millionen, wegen — All right, Du warst im KZ, Du lebtest durch all das namenlose Grauen, Du lebst. Nur schreibe nicht, Geliebtes. Du wolltest die deutschen „underdogs“ (Unterlegenen) mit der Berg­predigt erlösen. What I want to bring out: Sollte einer der Lauen, der Indolenten, einer der Millionen, die doch „nur gezwungen mitmachten“, eine meiner Gaben erhalten, mein Herz wird nicht mehr ruhen können, daß ich diese Gabe nicht einem Juden, der noch seine KZ-Nummer tätowiert hat, in ein DP.-Lager schickte, daß ich sie nicht schickte nach Cypern, wo Juden, die durch Hölle gingen, noch hinter Stacheldraht nach ihrem Zion schreien …

Und Du wirst doch bald hier sein. Das ist doch da nichts für Dich … Wie kannst Du dort unter diesen Menschen noch leben, von denen man keinem mehr trauen kann. Junge Menschen — für immer ver­seucht …“

Dieselbe nach Empfang einiger deutscher Zeitschriften.

„May 19, 47. … Es ist sinnlos, was zu sagen. Ihr habt keine rechte Vorstellung, was los ist. Die armen Deutschen. Es ist alles zu scheußlich; aber man hat ja Routine im Abrücken und Verlieren bekommen. So bitte schicke keine derartigen Drucksachen mehr. Wir alle waren wie gelähmt vor Schrecken. Was ist von Deutschland zu erwarten, wenn Menschen wie Du so mit Blindheit geschlagen sind? … „

Dieselbe an Frau Anna Schaeder, geb. Sellschopp.

„28. August 47. Geliebte Mutti! Dein Bild steht vor mir, schon seit ‚Wochen. „Großmutter“ kann ich nicht sagen. Erstens, weil Du so jung bist, zweitens, weil ich noch nie Jemanden „Mutter“ nannte. Jahre zurück wäre dieses „Du“ ein unendlich großes Geschenk ge­wesen. Heute? Es ist schwer, Worte zu finden — besonders in meiner Muttersprache, die in den letzten 10 Jahren nicht viel ge­braucht wurde, besonders nicht beim Schreiben. — Man ist ver­härtet, erstarrt in Resignation, in Müdigkeit. Der Kampf in diesem Lande um eine Existenz bitter hart. Man war zu alt, als man hier anfing. Man hat immer viel mehr leisten müssen, als man physisch, seelisch konnte. Man wurde immer ärmer an Menschheitsidealen. Ein Jahr = 10 Jahre. Das Tempo hier rasend. Wenn man nicht mitmacht, geht’s über Einen weg. — Ich wünschte, ich könnte noch „Manteltaschen abreißen“ — to hell with „gesitteter Humanität“, wenn das heilige Feuer einer großen Empörung die Seele zerbrennt. Es ist diese „gesittete Humanität“, diese larvenartige Heuchelei … der Zeitungsausschnitte etc., die auch Du, Hilde, nicht begreifst, weil auch Du infiziert bist. Wie Du nicht die Ekelhaftigkeit spürst, wenn Du den Studenten zitierst, „Gott, laß mich nicht zum Nazi werden“. Genug davon. Es ist zum Verzweifeln, aber dazu fehlt die Kraft. Ich habe Dich sehr lieb, meine spätgefundene Mutti! Ich möchte mich gerne bei Dir bergen und auch 80 Jahre alt sein. Ich weiß, wir Beide würden ganz einfach reden und uns verstehen. Ich fürchte — ich fürchte, für Hilde nicht mehr die rechte Geduld zu haben …

Vor wenigen Tagen kehrte ich zurück aus Frankreich, wo ich den einzigen Überlebenden meiner Familie sah … Als ich mich im Wald von Fontainebleau verlief, kam ich nach Barbizon, einem paradie­sischen Dörfchen, einer Künstlerkolonie. Da war ein schön gelegenes Haus mit Park und Gittertor. Da las ich: „Haus für Kinder der Deportierten“. Und man öffnete mir. Es ist ein Unterschied, ob Du von diesen Kindern liest, ob Du Deinen monatlichen Beitrag gibst, — oder — ob Du sie siehst. Jungens zwischen 7-12 Jahren. Nicht schlecht ernährt. Aber sie können nicht lachen, sie haben nur Augen, sie sind älter als Du, meine neue Mutti! Viel älter. Bevor sie glauben konnten, glaubten sie schon nicht mehr. Mein Franzö­sisch ist schlecht. 5 Jungen zeigten mir den Park. Ich scherzte mit ihnen, wie ich es immer mit meinen Jungens tat und bat sie, mir alle Fehler zu korrigieren. Schließlich wurde ein Spiel daraus. Und sie lachten, sie lachten, daß mir die Tränen rollten. Die Eltern waren von ihnen gerissen, nach Polen verschleppt. Manche trugen noch die Nummer vom Camp eingebrannt. Eines hatte sich 3 Monate unterirdisch wie in einem Grab versteckt. „Was ist die Zukunft?“ fragte ich den Direktor. „Die Kinder haben keine Zukunft, wenn nicht Palästina geöffnet wird, wenn nicht Amerikaner sie adop­tier en“. Ich mußte meinen Verstand zusammenreißen, um nicht nach N.York mit einem dritten Sohn zu kommen. Aber einer der Jungens hing sich plötzlich an meinen Hals und bat mich, ihn zu umarmen, und dann kam das furchtbare Schluchzen, das Schreien, die erschütternde Anklage gegen die Menschheit. Es wird mich nie loslassen …

Ich konnte nach Deutschland jetzt gehen. Euch besuchen. Aber das war Albtraum! Das Deutschland. Die Nazis an leitenden Stellen zu sehen. Deutsche Gesichter zu sehen. Wie sagt Friedrich Wilhelm Förster? „Ein Volk mit den edelsten Qualitäten, die sie in den Dienst des Teufels stellen“. Ich hoffe, Ihr habt mein letztes Paket mit den Medikamenten erhalten. Morgen schicke ich wieder eins … Meine junge, neue Mutti, ich grüße Dich herzlich! Bitte erhalte mir Dein Herz noch recht lange. Eure Maria“. Antwort. „Göttingen, 8. Sept. 47. Mein liebstes Kind-Maria. Ich habe nicht erwartet, noch ein solches Geschenk kriegen zu sollen, wie heute durch Deinen Brief. Es wird mir zur Zeit schwer, mich vernünftig zusammenzufassen, und das Schreiben erstreckt.

… Aber ich werde fester in dem Wissen, daß an Deinen Sendungen die Briefe die Hauptsache sind, und nicht „der schnöde Mammon“, wie mir immer wieder als Befürchtung hochstieg … Zeitungen usw. zu lesen, bin ich auch von allen Seiten entbunden. —

… Zu merkwürdig: ich hoffe immerfort, meine Gedanken einzu­holen — es geht nicht. Dank Dir also nur recht herzlich für alles — und Gott befohlen mit allem und allem — und sollten wir uns nicht mehr treffen, dann Gott befohlen. —“ Der Brief brach hier ohne Unterschrift ab. „Ich kann nicht mehr, schreibe Du ihn fertig“, sagte mir meine Mutter. Und mit einem wie um Verzeihung bitten­den Lächeln; „kann man ihn abschicken, wird sie ihn verstehen? Ich kann ihn selbst kaum lesen“. „Maria wird ihn verstehen, sagte ich ihr. Du hast meiner jüdischen Freundin dasselbe gesagt, was vor 2000 Jahren der jüdische Apostel uns Europäern allen sagte, als die Gottesliebe ihn zu uns trieb: „Ich suche nicht das Eure, sondern Euch“, er spricht es kurz nach jenem anderen, Deinem Lieblingswort: „Der Herr hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Huld genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (Paulus an die Gemeinde von Korinth, II. Kap. 12, Vers 9 und 11). Dies „ich suche nicht das Deine (auch nicht Deine Zustimmung zu meinen Anschauungen), sondern Dich“ hat Maria verstanden und wird sie Dir nie vergessen“. Brief einer Frau jüdischer Abstammung, deren Mann infolge der Rassenverfolgungen des Dritten Reiches um ihretwillen seinen aka­demischen Beruf verlor und mit ihr nach den USA. auswanderte:

„… Die Schuldfrage — ich selbst würde sagen, daß ich mitschuldig bin — nicht in einem abstrackten Mea culpa, sondern ganz konkret in einer gewissen leichtsinnigen, oberflächlichen Haltung in poli­tischen und in vielen anderen Dingen. Aber auch die Hiesigen, — zum Teil gerade auch jene Atheisten, von denen ich erzählte, die meiner Christlichkeit gegenüber so tolerant sind — halten sich für mitschuldig …

Was für Fragen! Ich habe viel gesehen und viel nachgedacht, und ich weiß heute nicht mehr als früher: ich glaube an Gott, an die Dreieinigkeit und an die göttliche Liebe. Und das Leben wird da­durch erleuchtet und erwärmt …“

BIOGRAPHISCHE NOTIZ

Die Vorfahren väterlicherseits bis zum Urgroßvater hinab waren Harzer Bergleute, aus Franken eingewandert. Das Geschlecht der Mutter lebte in einem Zentrum der nordostdeutschen Missionierung, im Ratzeburger Land, östlich von Lübeck, als Landleute und Kantoren, später in Mecklenburg. Die Verbundenheit mit der Schöpfung und ihren Ordnungen, und die Neigung, den Dingen „auf den Grund zu gehen“, ist im Berg- und Landmannsberuf angelegt. Ein schlichtes Harzer Bild „Bergmanns Morgengebet“ und der Brief eines jungen mecklen­burgischen Gutspächters um 1800, der seinem Bruder zur Hochzeits­gabe mit einem Gespann für den Aufbau der eigenen Wirtschaft zu­gleich den Pferdeknecht schickt: „dieser Knecht sei die kostbarste Gabe, für dessen Seele werde der Empfänger einst in der Ewigkeit Rechenschaft abzulegen haben“ — wurden in der Familie mit Pietät bewahrt. Von der Seite der Großmütter kam auf beiden Seiten Be­amtentradition in die Familie. Der Großvater väterlicherseits wurde preußischer Beamter strengster Observanz. Meinen Vater überkam während des Studiums der Wille, einem anderen Herrn zu dienen; er sattelte um und wurde Theologe, späterhin Universitätsprofessor. Seinem Studienfreund schrieb er ins Stammbuch: „Gelobet sei der Jungfrau Sohn! Ihm wollen wir unser Leben lan.“

In der Universitäts- und Hafenstadt Kiel im Jahre 1902 inmitten von fünf Geschwistern geboren, die von Kind auf zur Hälfte entschieden humanistisch, zur anderen Hälfte entschieden naturwissenschaftlich interessiert und alle miteinander durch die gemeinsame Beziehung zur alma mater und durch die Musik verbunden waren, promovierte ich im Jahre 1927 an der jungen Hamburger Universität mit ihrem wertvollen „Osteuropäischen Seminar“ unter der damaligen Leitung von Prof. Richard Salomon (jetzt USA) mit einer Dissertation über „Moskau, das Dritte Rom“ (gedruckt: Hamburger Universitätsschriften, 1929).

Weitere Arbeiten zur Geschichte des Verhältnisses von Staat und Kirche in Osteuropa von der Christianisierung bis zur „Heiligen Allianz“ von 1814 folgten. Ein Forschungsstipendium der Notgemein­schaft der deutschen Wissenschaft führte mich für 1 ½ Jahre nach dem westlichen Zentrum der Slavenwelt Prag. Später konnte ich einige Wochen in Nordrußland verbringen. Seit 1935 war ich wissenschaft­liche Mitarbeiterin einer aus dem Preuß. Geh. Staatsarchiv Berlin- Dahlem hervorgegangenen Publikationsstelle für Osteuropäische Forschungen.

Ich hatte in den 20er Jahren das teils in Erschöpfung, teils in Verzweiflung, in den inneren Tod hinauslaufende Streben bester deutscher idealistischer Jugend erfahren. In den 30er Jahren sah ich den Zusammenbruch der akademischen Freiheit und Brüderlich­keit in Deutschland. Ich trat der Bekennenden Kirche bei ihrem Zusammenschluß 1934 mehr aus menschlicher Achtung, als in bewußter Glaubensverbundenheit, bei. Seit 1935 vernahm ich in der Berliner Gemeinde Martin Niemöllers, in deren Bezirk meine Arbeitsstelle lag, Ruf und Beispiel der Nachfolge Christi und der christlichen Bruder­schaft, wonach das tiefste geheime Sehnen meiner Kinderjahre ge­dürstet hatte. Ein Eintritt in eine Parteiorganisation aber schien mir damit unvereinbar. Der Tod meines Vaters 1936 führte mich in die aktive Gemeindearbeit und zum theologischen Studium neben meinem Berufsdienst. Nach mehreren kurzen Polizeiverhören, wegen Teilnahme an der 1937 verbotenen Kirchlichen Hochschule in Berlin und wegen Übersendung von Liebesgabenpaketen an deutsch-jüdische Evakuierte in Polen, wurde ich nach einem halben Jahr systematischer Bespitzelung im Herbst 1943 durch die Geh. Staatspolizei verhaftet. Nach mehrtägigem Verhör und zweimonatiger Einzelhaft, ohne Be­kanntgabe der Ursache gegenüber meinen Angehörigen und Vorge­setzten und ohne Zulassung eines ordentlichen Gerichtsverfahrens, er­hielt ich den „Schutzhaftbefehl“ wegen „Judenbegünstigung“, der mich nach einem halben Jahr Berliner Einzelhaft in das zentrale deutsche Frauen – Konzentrationslager Ravensbrück bei Neustrelitz brachte. Meiner alten Mutter hatte ich gelegentlich gesagt, daß unsere kirchliche Arbeit, insbesondere die Judenbetreuung, uns in das KZ bringen könnte, obwohl wir uns bemühten, nicht ohne Not gegen die Gesetze zu handeln. „Wenn du anderen Menschen in ihrer Not bei­stehst, so wird Gott dir auch helfen, wenn du in Not kommst“, hatte sie mir geantwortet. Die Verbundenheit mit ihr und mit meiner geisti­gen Mutter, der Gemeinde Jesu Christi, in der Fürbitte war der mir von Gott geschenkte „Stecken und Stab, der mich tröstete im finsteren Tal“ der Gefangenen. Die zeitlich unbegrenzte Haft wurde durch die Auflösung des Lagers beim Anmarsch der Roten Armee am 28. 4.1945 beendet.

Nach halbjähriger Tätigkeit in Mecklenburg als russische Dolmetsche­rin auf dem Rathaus und als Pfarrgehilfin in der Kirchgemeinde St. Ge­org zu Parchim übernahm ich, als dringendste Pflicht des Augenblicks, die Betreuung mehrerer pflegebedürftiger Angehöriger in Göttingen in dem Wunsche, in dieser und jeder weiteren mir gestellten Aufgabe der Gemeinschaft in Christus in Dankbarkeit zu dienen.

Hier die Schrift als pdf.

1 Kommentar

  1. Niemand ist ohne Sünde
    niemand ist ohne Schuld
    wir müssen durch alles hindurch
    unser Kreuz selber tragen
    wir müssen die unteilbare
    Menschenwürde verteidigen
    das gilt damals wie heute

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