Paul Tillich, Das Rätsel der Ungleichheit. Über Markus 4,25: „Wir können das Rätsel der Ungleichheit nicht lösen, so­lange wir in unserer Abgetrenntheit von den anderen darnach suchen. Aber in der göttlichen Teilhabe an dem Leben eines jeden von uns und an dem Leben aller Wesen ist es auf ewig gelöst. Die Gewißheit, daß das Göttliche in allem gegenwärtig ist, gibt uns den Mut, das Rätsel der Ungleichheit zu ertragen, obwohl unser endlicher Verstand es nicht zu lösen vermag.“

Das Rätsel der Ungleichheit

Von Paul Tillich

Denn wer da hat, dem wird gegeben; und wer nicht hat, von dem wird man nehmen, auch was er hat. Markus 4, 25

Eines Tages rief mich ein gelehrter Kollege voller Ärger an: Im Neuen Testament stehe etwas, das zu dem Unmoralischsten und Un­gerechtesten gehöre, das es gebe. Und er zitierte unseren Text: «Wer da hat, dem wird gegeben.» Als er zu der Stelle kam «und wer nicht hat, von dem wird man nehmen, auch was er hat», wurde sein Ärger noch größer. Ich glaube, auf uns wirken diese Worte ähnlich; und wir können sie nicht einmal, wie dieser Kollege es dann versuchte, als Miß­verständnis der Jünger auslegen, denn die gleiche Behauptung wird im Neuen Testament nicht weniger als viermal, und immer mit entschie­dener Betonung, wiederholt. Auch ging es den Evangelisten mit dem Text nicht anders als uns, auch für sie war er ein Stein des Anstoßes, den sie auf verschiedene Weise zu beseitigen versuchten. Wahrschein­lich waren sie nicht zufrieden mit ihren Ausdeutungen, denn Jesu Worte stellen uns vor das größte und vielleicht quälendste Rätsel des Lebens: die Ungleichheit aller Lebewesen. Auch wir dürfen nicht er­warten, das Rätsel lösen zu können, denn weder in der Bibel noch in einer der anderen Religionen ist es gelöst worden. Aber wir können versuchen, sein Ausmaß und seine Tiefe zu erforschen und einen Weg zu finden, wie wir mit dem unlösbaren Rätsel leben können.

I

Wenn wir die Worte hören: «Wer da hat, dem wird gegeben», fragen wir uns, was wir denn besitzen. Vielleicht können wir sagen, daß wir reich an äußeren Gütern sind, daß wir viele Freunde haben, geistige Gaben besitzen und sogar verhältnismäßig tugendhaft sind. So dürfen wir erwarten, daß uns noch mehr gegeben werde, während allen denen, die das nicht haben, auch das Wenige, das sie haben, genommen wird. Nach einem Gleichnis Jesu soll denen, die nur ein Pfund haben, auch dieses genommen und denen gegeben werden, die bereits fünf oder zehn Pfunde besitzen. Sie sollen in dem Maße reicher werden, in dem jene ärmer werden. Wie sehr wir diese Ungerechtigkeit beklagen mögen, wir müssen zugeben, daß das Leben ihrer übervoll ist. Aber wir sollten uns vielleicht fragen, ob wir wirklich besitzen, was wir zu besitzen glauben, so daß es uns nicht genommen werden kann. Das ist die Frage voller Angst, und unsere Angst wird noch bestärkt, wenn wir bei Lukas lesen «und wer nicht hat, dem wird auch das genommen, was er zu haben meint». Vielleicht ist unser Reichtum an Gütern nicht von der Art, daß er vermehrt werden kann. Vielleicht ist es gerade der geringste Besitz der Armen, der zunehmen soll. Jesus be­stätigt diesen Gedanken in dem Gleichnis von den Pfunden. Die Pfunde, von denen wir Gebrauch machen auf die Gefahr hin, daß wir sie verlieren, sind die Pfunde, die wir wirklich besitzen. Diejenigen, die wir bewahren wollen und nicht zu gebrauchen wagen, so daß sie wachsen können, sind die Pfunde, die wir nicht wirklich besitzen und deshalb verlieren müssen. Allmählich verschwinden sie, bis wir plötz­lich bemerken, daß wir sie verloren haben, vielleicht endgültig.

Wir wollen diese Gedanken auf unser eigenes Leben anwenden. Gleich ob es kurz oder lang ist, können wir uns alle vieler Dinge er­innern, die wir zu besitzen schienen, die wir aber in Wirklichkeit nicht besaßen und die uns genommen wurden. Einiges verloren wir wegen der tragischen Begrenztheit alles Lebens. Es mußte geopfert werden, daß anderes wachsen konnte. Uns allen war einmal kindliche Un­schuld beschieden; aber aus unserer Unschuld konnten wir uns nicht entwickeln, ohne sie zu verlieren. Wir können nur dadurch wachsen, daß wir unsere ursprüngliche Unschuld opfern. Trotzdem überkommt uns zuweilen eine melancholische Sehnsucht nach der Reinheit, die wir verloren haben. Uns allen war einmal jugendliche Begeisterung für viele Dinge und Ziele gegeben. Aber auch diese Begeisterung konnten wir nicht entwickeln und vergrößern. Die meisten Gegenstände unseres frühen Enthusiasmus mußten für ein paar wenige geopfert werden, und diese wenigen mußten wir nüchtern zu verfolgen lernen. Ohne solche Opfer gibt es keine Reife. Trotzdem ergreift uns zuweilen eine tiefe Sehnsucht nach den verlorenen Möglichkeiten und der Begeisterung, die wir eingebüßt haben. Beides, Unschuld und frühe Begeisterung, besaßen wir einmal, und doch waren sie nicht unser Besitz. Das Leben selbst verlangte, daß wir sie aufgaben.

Andere Dinge, die wir besaßen, verloren wir, weil wir ihren Besitz als zu selbstverständlich hinnahmen. Einige von uns, die empfänglich waren für die Schönheit der Natur, verloren die ursprüngliche Freude und das Erstaunen angesichts des Mysteriums des Lebens unter dem Druck der Arbeit und des Gesellschaftslebens und seinen billigen Ver­gnügungen. Später trauern wir den Gefühlen nach, die uns einmal er­füllten beim Erwachen eines jungen Tages, bei der sterbenden Glut eines Sommerabends, angesichts der Majestät der Berge oder der Un­endlichkeit des Meeres, der vollkommenen Grazie eines jungen Tieres oder der geheimnisvollen Entfaltung einer Blume. Aber wir können diese Gefühle nicht mehr in uns erwecken, sie sind gestorben, und wir empfinden nichts als die eigene innere Leere. Wir besaßen einmal ein zartes Gefühl für die Schönheit des Lebens — und besaßen es auch nicht, denn wir konnten es verlieren.

Anderen erging es ähnlich mit ihrer frühen Freude an Musik und Dichtung. Sie lebten in diesen Künsten, sie versuchten, alles in sich aufzunehmen, und sie schufen sich ein Leben, das über dem des All­tags stand. Aber sie gaben ihrer Freude an der Kunst keine Gelegen­heit, sich zu entwickeln; ihre Liebe war nicht stark genug; sie besaßen sie doch nicht, und so wurde sie ihnen genommen.

In vielen Menschen lebt noch die Erinnerung an die Zeit, in der sie glaubten, die Wahrheit finden und das Rätsel des Universums lösen zu können. Sie entschlossen sich zu studieren, nicht der Karriere oder der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteile wegen, sondern weil sie der Durst nach Wissen dazu trieb. Sie hatten einen Besitz, von dem man glauben sollte, daß er vermehrt werden konnte. Aber ihr Inter­esse war nicht stark genug; sie versäumten, es zu pflegen, und so wurde es ihnen genommen — Opportunismus und Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit traten an die Stelle ihres wissenschaftlichen Interesses. Sie fühlen sich oft elend, weil die Liebe zur Wahrheit in ihnen gestorben ist, und sie wissen, daß sie das Verlorene nicht wiedergewinnen können.

Wir alle haben erfahren, daß jedes innige Verhältnis zu einem an­deren Menschen der Behutsamkeit und der Pflege bedarf, wenn wir es nicht zerstören wollen und dann niemals wiedergewinnen können. In diesem Haben und Nicht-Haben kommt etwas zum Ausdruck, das Grund für unzählige menschliche Tragödien ist.

Bedeutender als alles andere Haben und Nicht-Haben ist, daß wir auch Gott haben und nicht haben. Vielleicht waren wir in der Kind­heit und der Jugend «reich in Gott». Vielleicht können wir uns noch der Augenblicke erinnern, in denen uns seine Gegenwart tief erschütterte. Vielleicht haben wir einmal mit übervollem Herzen zu ihm gebetet oder sind ihm in Worten, in Tönen oder an heiligen Stätten begegnet. Wir waren Gott verbunden; aber wir verloren diese Verbindung, weil wir sie zugleich hatten und nicht hatten, weil wir es versäumten, sie zu pflegen. So verschwand sie langsam, und an ihre Stelle trat das Gefühl innerer Leere. Wir wurden gleichgültig und zynisch, nichts konnte uns mehr ergreifen, nicht weil wir an unserer traditionellen Religion ge­zweifelt hätten — solcher Zweifel wäre Beweis für ein reiches Leben in Gott gewesen —, sondern weil wir uns von dem abgewandt hatten, was einmal für uns von unendlicher Bedeutung gewesen war.

Diese Gedanken sind ein erster Schritt in unserem Versuch, das Rätsel der Ungleichheit zu erforschen: Die, die haben, empfangen mehr, wenn sie wirklich im Besitz dessen sind, was sie zu haben glau­ben, wenn sie von ihrem Besitz Gebrauch machen und ihn wachsen lassen. Und jene, die nicht haben, verlieren, was sie zu haben meinen, weil sie es nicht wirklich haben.

II

Aber damit ist das Rätsel der Ungleichheit noch nicht gelöst; denn wir müssen uns fragen, warum einige von Anfang an mehr erhalten als andere, bevor sie noch Gebrauch von ihren Pfunden machen oder sie brach liegen lassen konnten. Warum erhält der erste Diener fünf Pfunde, der andere zwei und der dritte nur eines? Warum ist der eine in Armut geboren und der andere im Überfluß? Die Antwort, daß von dem, dem viel gegeben ist, viel verlangt wird und von dem, der nur wenig besitzt, nur geringes, ist nicht genügend. Denn eben diese ursprüngliche innere und äußere Ungleichheit ist die Frage, die uns beschäftigt. Warum ist der eine mit so viel mehr Kraft ausgestattet, etwas aus seinen mensch­lichen Fähigkeiten zu machen, als der andere? Warum ist dem einen so viel mehr gegeben, so daß wir mehr von ihm erwarten können als von dem andern, dem wenig gegeben ist? Diese Fragen gelten nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern lassen sich auch auf ganze Klas­sen, Rassen und Völker anwenden. Damit stehen wir vor dem Problem der politischen und sozialen Ungleichheit und müssen uns mit den vielen Versuchen des Menschen beschäftigen, die Ungleichheit abzu­schaffen. Jeder Revolution und jedem Krieg liegt der Wille zugrunde, das Rätsel der Ungleichheit zu lösen. Und selbst wenn wir annehmen, daß die soziale Ungleichheit im Laufe der Zeit überwunden werde, so bleiben immer noch drei Arten der Ungleichheit bestehen: die Un­gleichheit der körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die Ungleichheit, die durch Freiheit und Schicksal erzeugt wird, und die Ungleichheit in der Gerechtigkeit, die darin besteht, daß die Geschlechter, die vor der Epoche der sozialen Gleichheit lebten, ohne ihre Schuld an diesem Segen nicht teilhaben konnten. Dies aber wäre die denkbar größte Ungerechtigkeit. Nein, angesichts eines der tiefsten und quälendsten Probleme des Lebens dürfen wir uns nicht mit einem oberflächlichen Wunschtraum begnügen. Wir müssen dieses Leben leben, wir müssen es jetzt leben, und wir können dem Rätsel der Ungleichheit nicht aus­weichen.

Wir dürfen das Problem, vor das uns das Rätsel der Ungleichheit stellt, auch nicht mit der Tatsache verwechseln, daß jeder Mensch ein einmaliges, unvergleichliches Wesen ist. Unsere Einzigartigkeit gehört zu unserer menschlichen Würde, wir müssen Gebrauch von ihr machen und sie entwickeln und dürfen sie nicht gegen die blasse Konformität eintauschen, die uns heute von allen Seiten aufgedrängt wird. Die Einzigartigkeit eines jeden menschlichen Wesens muß verteidigt werden. Aber diese Verteidigung enthält keine Lösung für das Rätsel der Un­gleichheit. Leider nutzen politische Reaktionäre diese Verwirrung aus, um politische und wirtschaftliche Ungerechtigkeit zu rechtfertigen. Dies zeugt mindestens von einem ebenso großen Mangel an Einsicht wie der Wunschtraum von der zukünftigen Abschaffung der Ungleichheit. Wer Krankenhäuser, Irrenanstalten, Gefängnisse, Ausbeutung, Schlacht­felder, verhungerte Menschen, Familienkatastrophen oder moralische Verirrungen mitangesehen hat, der sollte den Reichtum der Einzig­artigkeit nicht mit dem Rätsel der Ungleichheit verwechseln und sich mit einem billigen Trost zufriedengeben.

III

Nun kommen wir zu dem dritten Schritt in unserem Versuch, das Rät­sel der Ungleichheit zu ergründen: Warum machen einige Gebrauch von ihren Gaben und vermehren sie, während andere sie vernach­lässigen und so verlieren? Warum sagt im Alten Testament Gott zu dem Propheten, daß die Augen des Volkes blind und seine Ohren taub für die göttliche Botschaft werden sollen? Genügt die Antwort, weil einige von ihrer Freiheit Gebrauch machen und im Bewußtsein ihrer Verant­wortung tun, was sie tun sollen, während andere durch eigene Schuld versagen? Diese Antwort klingt einleuchtend, aber sie genügt nur, wenn wir sie auf uns selbst anwenden. Für das Gedeihen und den Ver­lust unserer Gaben müssen wir selbst die Verantwortung auf uns neh­men. Unser Gewissen sagt uns, daß wir niemanden und nichts für unsere Verluste verantwortlich machen dürfen.

Aber angesichts der Not der anderen reicht diese Antwort nicht aus. Wir dürfen niemandem, der in der Sorge über sich selbst zu uns kommt, sagen: «Mache Gebrauch von deinen Gaben!» Denn er sucht unsere Hilfe, eben weil er das nicht vermag. Ebensowenig dürfen wir dem, der in Verzweiflung über sich selbst ist, sagen: «Werde ein an­derer!» Denn verzweifelt sein bedeutet unfähig sein, sich von sich selbst zu befreien. Und wir dürfen dem, dem es nicht gelungen ist, dem zer­störenden Einfluß seiner Umgebung Widerstand zu leisten und der so ins Verbrechen getrieben wurde, nicht sagen: «Du hättest mehr Kraft aufwenden sollen!» Denn gerade dieser Kraft war er durch Vererbung und Umstände beraubt. Gewiß haben alle Menschen als Menschen Freiheit, aber sie sind als Menschen auch dem Schicksal unterworfen. Wir dürfen andere Menschen weder, weil sie frei sind, verurteilen, noch dürfen wir sie entschuldigen, weil sie ihrem Schicksal ausgeliefert sind. Wir dürfen uns kein Urteil über sie anmaßen. Und wenn wir mit uns selbst ins Gericht gehen, müssen wir daran denken, daß auch dies Ge­richt nicht endgültig ist, weil wir — wie jene anderen — einem letzten Gericht unterstehen. In diesem wird das Rätsel der Ungleichheit end­gültig beantwortet, es ist nicht an uns, diese Antwort zu geben. An uns ist es zu fragen — und wir fragen mit unruhigem Gewissen —, warum sind die anderen in solcher Not und nicht wir selbst? Und wenn es um Menschen geht, die uns nahe stehen, fragen wir uns, ob wir nicht mit Schuld an ihrem Elend haben. Aber selbst wenn wir diese Frage bejahen, haben wir das Rätsel der Ungleichheit nicht gelöst. Mit un­ruhigem Gewissen fragen wir uns auch angesichts der Not derer, die uns ferne stehen, warum hat es sie getroffen und nicht uns? Warum mußte mein Kind oder irgendeines der Millionen von Kindern sterben, bevor es sich entwickeln konnte? Warum wurde mein Kind oder irgend­ein Kind geistig oder physisch als Krüppel geboren? Warum ist mein Freund oder Verwandter — oder irgendeines Freund oder Verwand­ter — geistesgestört und hat so Freiheit wie Schicksal eingebüßt? War­um haben mein Sohn oder meine Tochter die Gaben, die ihnen ge­schenkt waren, verschwendet und so verloren? Warum müssen Eltern von solchem Unglück betroffen werden? Oder warum sind die schöp­ferischen Kräfte eines jungen Mannes oder eines jungen Mädchens von dem tyrannischen Vater oder der herrschsüchtigen Mutter gebrochen worden?

Keine dieser Fragen betrifft unser eigenes Elend. Wir haben nicht gefragt: Warum traf dies Unglück mich? Unsere Frage ist nicht Hiobs Frage, die Gott beantwortete, indem er ihn erniedrigte und dann in die Gemeinschaft mit sich erhob. Es ist nicht die alte dringende Frage: Wo ist die göttliche Gerechtigkeit, wo ist die göttliche Liebe zu mir? Eher ist es die entgegengesetzte Frage: Warum ist dies Unglück nicht mir zugestoßen, sondern anderen, unzähligen anderen, denen nicht ein­mal Hiobs Kraft gegeben war, die göttliche Antwort anzunehmen? Warum, so fragt Jesus, sind viele berufen, aber nur wenige auserwählt? Jesus gibt keine Antwort auf seine Frage, sondern läßt sie offen, auf diese Art auf die menschliche Situation hinweisend. Sollen wir des­wegen aufhören zu fragen und demütig das göttliche Urteil hinnehmen, das die meisten Menschen aus der Gemeinschaft mit dem Göttlichen verstößt und zu Verzweiflung und Selbstzerstörung verdammt? Können wir den ewigen Sieg des Gerichts über die Liebe hinnehmen? Das kann kein Mensch, auch wenn er sich in Predigten und Drohungen so ge­bärdet. Solange der Mensch nicht glauben kann, daß er mit absoluter Sicherheit selber in alle Ewigkeit verdammt sei, betrügt er sich selbst mit solchen Predigten und Drohungen. Und wer kann von sich glauben, daß er auf ewig verworfen sei?

Wenn wir das Rätsel der Ungleichheit, auch indem wir bis zu seinem tiefsten Grund vordringen, nicht innerhalb der christlichen Re­ligion lösen können, dürfen wir uns dann an andere Religionen wenden, in denen dieses Leben nicht entscheidend für unser ewiges Leben ist? Denn auf dieses Leben, so lehren einige, folgen andere, durch die vor­hergehenden und das, was in ihnen geleistet und versäumt wurde, be­stimmt. Diese Lehre ist der christlichen nicht völlig fremd, und wir müssen sie ernst nehmen. Aber da wir nicht wissen noch jemals wissen werden, was wir in einer früheren Existenz waren oder in einer späteren sein werden, ist es nicht unser Schicksal, was sich von Existenz zu Existenz abspielt, sondern jeweils das eines anderen. So enthält auch diese Lehre keine Lösung für das Rätsel der Ungleichheit.

Solange wir innerhalb eines Einzelschicksals, unabhängig von dem Schicksal der Gesamtheit, nach einer Lösung suchen, werden wir sie nicht finden. Nur in der Einheit aller Wesen in Zeit und Ewigkeit liegt eine für uns Menschen mögliche Antwort auf das Rätsel der Ungleich­heit. Eine für uns Menschen mögliche Antwort — das bedeutet nicht eine Antwort, die das Rätsel der Ungleichheit löst, sondern eine Ant­wort, mit der wir leben können.

Es gibt eine letzte Einheit aller Wesen, die in dem göttlichen Leben gründet, aus dem wir hervorgehen und in das wir zurückgehen. Alle Wesen — menschliche wie nichtmenschliche — haben an ihm teil und haben damit aneinander teil, an dem Reichtum aller wie an der Armut aller. Wenn wir uns dieser Einheit aller bewußt werden, er­eignet sich etwas mit uns: Die Armut der anderen verändert unseren eigenen Reichtum. Wir ruhen nicht mehr in dem Gefühl seines sicheren Besitzes, sondern werden über uns hinausgetrieben, verstehend, gebend, teilnehmend, helfend. Die Tatsache, daß andere in Sünde, Verbrechen und Elend leben, verändert den Segen, der uns gegeben ist: Wir er­kennen unsere eigene verborgene Schuld, denn wir verstehen, daß die, die für ihre Sünden und Verbrechen leiden, zugleich für unsere Sünden und Verbrechen leiden. Ihre Schuld ist auch unsere Schuld, und wir müssen an ihr leiden wie sie. Die Tatsache, daß es anderen nicht ge­geben war, sich zu einer vollen Persönlichkeit zu entwickeln, verändert den Zustand unserer eigenen vollen Entwicklung. Ihr früher Tod, ihre frühe oder späte Krankheit ist eine ständige Bedrohung unseres eigenen gesunden Lebens, ist für uns ein Sterben, wenn auch noch nicht der Tod — ein Zerfall, wenn auch noch nicht die Zerstörung. Mit jedem Tod, dem wir begegnen, stirbt etwas in uns, mit jeder Krankheit, die wir miterleben, zerfällt etwas in uns.

Ist dies eine Antwort, mit der wir leben können? Nur in dem Maße, in dem wir aus der Befangenheit in uns selbst befreit sind, können wir diese Antwort annehmen. Aber niemand wird aus der eigenen Enge befreit, der nicht von der Macht des Ewigen ergriffen ist, aus dem wir kommen und in das wir gehen, das in jedem und allem gegenwärtig ist und das uns unser Selbst gibt und uns zugleich von ihm befreit. Nach der christlichen Botschaft hat Gott in seiner Mani­festation als der Christus am Kreuz an dem Sterben jedes Kindes teil, an der Verdammung jedes Verbrechers, an jedem geistigen Verfall, an jedem Hungertod und selbst an der Abwendung des Menschen von Gott. Das ist die Größe und der tiefe Sinn des Christentums. Es gibt keine menschliche Situation, der das Göttliche nicht innewohnt; denn selbst im Kreuz, dem Symbol für die äußerste menschliche Not, ist es gegenwärtig. Wir können das Rätsel der Ungleichheit nicht lösen, so­lange wir in unserer Abgetrenntheit von den anderen darnach suchen. Aber in der göttlichen Teilhabe an dem Leben eines jeden von uns und an dem Leben aller Wesen ist es auf ewig gelöst. Die Gewißheit, daß das Göttliche in allem gegenwärtig ist, gibt uns den Mut, das Rätsel der Ungleichheit zu ertragen, obwohl unser endlicher Verstand es nicht zu lösen vermag.

Quelle: Paul Tillich, Das Ewige im Jetzt. Religiöse Reden, 3. Folge, Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk, 31964, S. 31-40

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