Søren Kierkegaard über das Gehen in einem Brief an seine Schwägerin Sophie Henriette Kierkegaard (1847): „Verlieren Sie vor allem nicht die Lust zu gehen; ich gehe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an und entgehe jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angegangen, und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihm nicht entgehen könnte.

Über das Gehen. Brief an die Schwägerin Sophie Henriette Kierkegaard (1847)

Von Søren Kierkegaard

Liebe Jette!

Es ist mir lieb, dass Sie selbst den Anlass gegeben haben, das beiliegende Exemplar zu senden. Sie tragen selbst die Verantwortung und werden wohl um so sorgfältiger darüber wachen, dass nicht geschieht, was mir wenig lieb wäre, dass Sie nämlich dadurch, dass Sie das Buch lesen oder dadurch, dass Sie ein einzelnes Stück in ihm lesen, auf irgendeine Weise mit meines Bruders Vorstellung collidieren, was nützliche und was schädliche Lectüre ist.

Sehen Sie, deswegen habe ich es so eingerichtet, dass der Nachdruck auf keine Weise darauf ruht, ob Sie nun lesen oder nicht, wozu ich niemals jemanden verpflichte, und schon ganz und gar nicht Sie, die ich doch wohl nicht – mit einem Frei-Exemplar – zu beschweren wünschen kann.

Es ist mein eigenes Exemplar, ursprünglich für mich selbst bestimmt; es hat also ein rein persönliches Verhältnis zu mir, nicht in meiner Eigenschaft als Verfasser wie die anderen Exemplare, sondern eher als hätte der Verfasser es mir geschenkt. Indessen kommt es mir nun so vor als hätte es seine Bestimmung verfehlt und fände seine rechte Bestimmung erst, indem es Ihnen bestimmt wird – das einzige Exemplar der ganzen Auflage, das sich dazu eignete. – Es ist von der Hand des Buchbinders (und in der Beurteilung von Buchbinderarbeit bin ich doch wohl unparteiisch) hübsch ausgestattet. – Es ist von mir durchgelesen, und insofern also ein gelesenes Exemplar. Sehen Sie, nun ist alles in seiner Ordnung. Sie können einen kleinen Augenblick die Kunst des Buchbinders bewundern, wie Sie jeden beliebigen anderen Kunstgegenstand auch bewundern würden; daraufhin können Sie – einen längeren Augenblick, wenn Sie mögen, sich an dem Gedanken freuen, dass es ein Geschenk ist; und daraufhin können Sie das Buch weglegen (– denn es ist gelesen –), es wegpacken wie man ein Geschenk wegpackt, es behutsam wegpacken – wenn es Ihnen ein liebes Geschenk ist.

Doch genug davon. Es hat mich geschmerzt, dass ich keinen Abschied von Ihnen nehmen konnte; ich hoffe, dass dieser kleine Brief, mit dem ich Abschied nehme, Sie so wohlauf findet wie ich Sie bei meiner Ankunft fand. Verlieren Sie vor allem nicht die Lust zu gehen; ich gehe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an und entgehe jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angegangen, und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihm nicht entgehen könnte. Selbst wenn man in der Art hinter seiner Gesundheit her ginge, dass diese immer eine Station voraus wäre – ich würde doch sagen: Gehen Sie! Es ist ja auch offenbar, dass man durch beständiges Gehen dem Wohlbefinden so nahe kommt, wie es einem möglich ist, selbst wenn man sich ihm nicht ganz nähert, – aber mit Stillsitzen, und je mehr man stillsitzt, desto näher kommt man dem Unwohlsein. Nur in der Bewegung ist Gesundheit und Erlösung zu finden. Leugnet einer, dass es Bewegung gibt, dann handle ich wie Diogenes, dann gehe ich. Leugnet einer, dass die Gesundheit in der Bewegung liegt, so entgehe ich allen krankhaften Einwendungen. Wenn man solcherart beim Gehen bleibt, dann geht es schon. Und draussen, auf dem Lande, haben Sie ja alle Vorteile; Sie laufen keine Gefahr, aufgehalten zu werden, ehe Sie noch glücklich und wohl aus dem Tor gekommen sind. Sie laufen genauso wenig Gefahr, auf dem Heimweg erwischt zu werden. Ich muss gerade daran denken, was mir vor einiger Zeit geschah, und was mir öfter geschehen ist. Ich war eineinhalb Stunden gegangen, hatte viel denken können und war mir mit Hilfe der Bewegung wirklich selbst ein äusserst angenehmer Mensch geworden. Welches Glück, und, wie Sie sich wohl denken können, welche Sorgfalt, mein Glück möglichst heimzuretten. Ich laufe also schnell, mit gesenkten Augen stehle ich mich sozusagen durch die Strassen, im Vertrauen, Strassenrecht zu haben, rechne ich darauf, mich gar nicht vorsehen zu müssen, (womit man doch so leicht gefangen wird, gerade wenn man sich vorsieht – dem zu entgehen) und laufe so mit meinem Glück auf dem Bürgersteig (denn das Verbot, Lasten auf dem Bürgersteig zu tragen, betrifft nicht das Tragen von Glück, was einen leichter macht) – gerade auf einen Mann zu, der immer an Unwohlsein leidet und deswegen, auf sein Unwohlsein trotzend, mit gesenkten Augen nicht einmal glaubt, sich vorsehen zu müssen, wenn er kein Strassenrecht hat. Ich war aufgehalten. Es war ein hochvornehmer Mann, der mich nun mit einem Gespräch beehrte. So war alles verloren. Nach beendetem Gespräch blieb mir nur eins: statt nach Hause zu gehen, wieder weiterzugehen. Wie Sie selbst sehen, ist in diesem Brief wirklich kein Platz mehr, und deswegen breche ich dieses Gespräch ab – denn es war doch insofern ein Gespräch als ich Sie mir stets anwesend gedacht habe. Leben Sie wohl!

Ihr S. Kierkegaard.

Hier der Brief als pdf.

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