Reinhold Schneider, Daniel in der Löwengrube (1953): „Wir können einen Menschen in seinem ganzen Sein nicht verneinen, wie stark auch in ihm das Böse sein mag; wir können von einer Tat, einer Absicht sagen, daß sie böse seien — und müssen es wohl in vielen Fällen —, von dem Menschen, der auf diese Weise handelt oder strebt, kön­nen wir es nicht. Das Letzte bleibt in ihm, das er von Gott empfangen hat; an die Rettung dieses Letzten vor dem Bösen sind alle, ohne Ausnahme, verpflichtet.“

Daniel in der Löwengrube (Dom zu Worms)

Daniel in der Löwengrube (1953)

Von Reinhold Schneider

Im Dom zu Worms zeigt ein Steinbildwerk des ausgehenden 12. Jahrhunderts den Propheten Daniel in der Löwengrube. Zwei gewaltige Löwenhäupter ragen neben dem Propheten hervor, aber sie bedrohen ihn nicht mehr; er ist ihrer mächtig geworden; unsagbar lächelnde Milde, tiefste Leidenserfah­rung liegen auf seinem Antlitz. Er hat die Hände zu sanfter Beschwörung erhoben, in den Tieren aber scheint sich kaum Faßbares zu ereignen: die großen Augen bli­cken beinahe furchtsam, als erwachten die Löwen aus einem schweren Traume; die Tiere lecken die Hand, das Knie des Propheten. Es geschieht, was ein später Dichter einmal geahnt: ›Der Baum nimmt tierische Gebärden / Das Tier will gar zum Menschen werden‹ (Novalis). Die Löwen waren die in Wahrheit Gefan­genen; sie werden erlöst aus dem Seufzen der Kreatur und nähern sich dem Menschen.

Die Heilige Schrift berichtet von dieser Wundertat des Pro­pheten nichts; Daniel wurde, nachdem er den vergötzten Dra­chen zu Babel mit Küchlein aus Pech, Fett und Haaren zum Bersten gebracht hatte, vom König in den Löwengraben zu sieben Löwen geworfen; auf Gottes Weisung wurde der Ge­fangene von dem Propheten Habakuk gespeist; nach sieben Tagen fand der König den Propheten mitten unter den Lö­wen, die während dieser Zeit Hunger gelitten hatten. Er ließ Daniel aus dem Graben führen und Daniels Feinde den Lö­wen zur Speise vorwerfen. Im Bericht der Heiligen Schrift wirkt Gott der Herr das Wunder. Aber der Künstler zu Worms trug das Bild Jesu Christi im Herzen, und er konnte den Propheten nicht anders darstellen, als indem er das Ant­litz Jesu Christi andeutete auf den Zügen Daniels. Christus, der Herr und Erlöser aller Geschöpfe, war gekommen; er lebte in den Frommen, war in ihnen mächtig. Christus war, wie der Evangelist sagt, in der Wüste, »bei den Tieren« ge­wesen; und es konnte in der Vorstellung des Künstlers nicht anders sein, als daß Daniel die qualvolle Gier der Tiere be­schwichtigte und die Tiere verwandelte mit der Liebeskraft Christi. Das vollkommen Neue, das in der Erscheinung des Herrn in die Welt trat und in ihr zu wirken begann, leuchtet aus dieser Weiterführung der Geschichte Daniels, ihrer Über­tragung vom Alten in das Neue Testament auf das wunder­barste hervor. Es war alles anders geworden; die geheimnis­vollen Vorzeichen der Propheten wurden ausgelöst vom Bilde Christi, das Licht seines Antlitzes strahlte in das Alte Testa­ment, in entrückte Vergangenheit zurück.

Das Böse leidet furchtbar. Noch steht ein Grauen vor dem Gewesenen in den Augen der Löwen; ihr Hunger war ein Fluch; sie waren verzaubert worden in die Gewalt des Bösen, unstillbaren Dürstens. Es ist nur einer, der diesen Zauber zu lösen vermag. Dieser eine weiß vom Leiden der Verbannten, das viel tiefer, viel stärker noch als das Böse ist. Denn sie wa­ren Gottes Geschöpfe, und ein anderer, der nicht schaffen, nur verderben kann, schlug sie mit dem Hunger. Jetzt ist des andern Macht gebrochen, und das Paradies, die verlorene Heimat, in der die Löwen waren, was sie noch nach Gottes Willen sein sollten — Zeugen seiner Schöpfermacht —, geht wieder auf. Sie erkennen im Menschen ihren Herrn wieder, der ihnen einstmals ihren Namen gegeben, und fügen sich als Befreite unter seine königliche, sanfte Gewalt.

Wir wissen nicht, was der große Künstler überwinden mußte, bis er diese Wahrheit bilden konnte. Vielleicht war er in so hohem Maße begnadet, daß er die Aussage der Wahrheit ganz über das Persönliche erheben konnte. Was er gestaltete, geht die Welt an: indem wir das Bildwerk betrachten, nicht mehr den Künstler, sondern uns selber, unser eigenes Herz fragen. Es ist ein Grund der Liebe, auf dem die Schöpfung und alle Geschöpfe ruhen; die sich dieser tiefsten Gemeinsamkeit be­wußt werden, erlangen eine Art von Zaubergewalt, einen An­teil an der Macht dessen, in dem alles geschaffen, dem alles zu eigen ist. Die tragende Liebe ist unüberwindlich, und ent­setzlich ist das Leiden derer, die von ihr ausgeschlossen sind. Wenn wir dieses Leiden erkennen, werden wir den Weg fin­den zu der Liebe, die erlöst. Wo immer wir verneinen, schlie­ßen wir uns von der Liebe aus; das Nein gegenüber dem von Gott Geschaffenen ist das eigentliche Wort des Teufels; da ihm keine Schöpfermacht gegeben ist, so vermag er durchaus nichts anderes, als das Geschaffene zu durchkreuzen, den Ge­schöpfen, die er versucht, das Nein ins Herz zu legen. Wer, der sein Herz erforscht, fühlt nicht, wie sich ihm das Nein auf die Lippen drängt in der Begegnung mit Menschen und Dingen, mit Landschaften, mit der Welt! Das Nein ist gewis­sermaßen das leichteste, am raschesten gesprochene Wort; und da unser Herz versucht wird, unser Auge, das doch des Leibes Licht sein sollte, verdunkelt ist, so ist uns das Nein fast immer näher als das Ja. Es ist eine Folge der Verderbtheit des Menschen, daß es ihm sehr viel leichter fällt, die Mängel eines Menschen oder eines Menschenwerkes zu bezeichnen als die Vorzüge. Denn die Hinneigung zum Nein macht das Auge hellsichtig, den Verstand scharf. Und doch gibt es eine Art von Erleuchtung, die weit einsichtiger und weiser ist als alle Schärfe der Verneinung. Eine Beziehung, die durch ein pri­märes Nein hergestellt wird, ist nicht echt; sie dringt nicht bis auf den Grund des Seins und der Liebe hinab; sie muß zur Entfernung, Abkehr, Loslösung führen. Die Voraussetzung echter Erkenntnis, wahren, gerechten Urteils ist das Ja der Liebe; denn nur dieses Ja erreicht das Sein; die Verneinung bleibt in dem Netzwerk der Zerstörung haften, das Satan über die Schöpfung geworfen hat. Wir müssen das Böse ver­neinen, das sich des Geschaffenen bemächtigt hat; aber alles, was ist, reicht mit seiner tiefsten Wurzel in den Grund der Liebe, des wahren Seins, an dem sich ein unbedingtes Nein versündigen würde. Wir können einen Menschen in seinem ganzen Sein nicht verneinen, wie stark auch in ihm das Böse sein mag; wir können von einer Tat, einer Absicht sagen, daß sie böse seien — und müssen es wohl in vielen Fällen —, von dem Menschen, der auf diese Weise handelt oder strebt, kön­nen wir es nicht. Das Letzte bleibt in ihm, das er von Gott empfangen hat; an die Rettung dieses Letzten vor dem Bösen sind alle, ohne Ausnahme, verpflichtet. Gottes Eigentum darf nicht verderbt werden. Im ganzen Verlauf des Lebens, der Geschichte, gilt die Mahnung des Apostels: »Darum richtet nicht vor der Zeit, ehe der Herr kommt« (1 Kor 4, 5). Was Gott geschaffen hat, was Gottes Eigentum ist, fordert unver­letzliche Achtung.

Allein die Liebe, die Christus erreichte und mit ihm die Mitte allen Seins, konnte das verborgene Leiden und Sehnen, die Möglichkeit der Erlösung in den Löwen erkennen. Der Pro­phet und die Löwen begegneten einander ja zu ihrem Heile; die Grube der Raubtiere wurde zum Ort der Gnade. Denn auch der Gefangene hatte noch eine Freiheit, die ihm niemand zu nehmen vermochte. Es war die Art, wie er den Löwen ent­gegentrat: ob in Angst oder in jener Liebe, die sich mit der Angst nicht verträgt (1 Joh 4, 18). Die Angst hätte das Böse in den Löwen geweckt; sie ist weit ab von Christus und ver­mag nicht zu lösen, vielmehr treibt sie das Böse hervor. Auf der Angst ruht die Macht, das Reich des Bösen; darum stei­gert und verbreitet der Böse die Angst, wo immer er sein Reich begründen, ausbreiten, erhalten will. Sein Reich ist das Reich der Angst; über die Angst hinaus vermag es seine Gren­zen nicht auszudehnen. Vor dem Frieden dessen, in dem Chri­stus lebt — der Herr selbst ist der Friede nach den Worten des Apostels (Eph 2, 14) —, zerfällt die Angst und mit ihr das Gewaltreich des Widersachers und seiner Knechte; nun fallen auch die Ketten des Fluches und der Sünde von den Geschöp­fen, und sie nähern sich dem Wesen, das sie von Anfang an hatten. Der allein, der furchtlos ist in Christus, kann der Welt zum Heile werden.

Auf diesen Furchtlosen wartet die Welt. Es gibt auch eine Furchtlosigkeit des Besessenen; sie ist daran zu erkennen, daß sie statt des Friedens die Unruhe und den Schrecken verbrei­tet. Diese Furchtlosigkeit vermag sich nur in einer immerwäh­renden Bewegung, einem Getriebensein ohne Rast zu erhal­ten, und da sie selber ohne Friede ist, antwortet ihr auch die Welt mit Haß und Feindschaft; sie wäre den Löwen zur Beute geworden und hätte sie gewiß nicht erlöst. Denn der Böse ist uneins mit sich selbst; sein Reich ist in Reiche zerklüftet, die endlos miteinander streiten, in diesem Streite wachsen und sich wieder zerstückeln. Nur der Friede, der nicht von dieser Welt ist, erweist sich als Macht. Dieser Friede hat eine einzige Mitte; die ihn haben, sind eins, gleichgültig, an welche Stelle die Ordnung oder die Verwirrung der Welt sie geworfen hat.

Wie sollten die Träger des Friedens darüber erstaunen, daß sie in den Graben zu den Raubtieren geworfen wurden? Dies ist ja der Ort, wo der Friede am bittersten not tut, wo allein der Friede helfen kann; hier muß er sich bewähren. Nur die Augen der Liebe sehen das Brüderliche in den von der Gier verschleierten Augen der Raubtiere; die letzte Gnade, die Möglichkeit der Verwandlung ist nicht von ihnen genommen. Und wie viele Opfer auch die Raubtiere schon verschlungen haben, dadurch sich immer mehr berauschend am Blut und immer bitterer leidend am Durst — einmal muß, einmal wird einer kommen, der ihnen auf eine ganz neue Weise begegnet. Er lächelt aus einem unendlichen Leiden, das nicht mehr be­schwert, das alles weiß, auch den letzten verborgenen Grund des Seins, das arme, immer mißachtete Geheimnis der Raub­tiere, und er beginnt zu beten, zu singen, zu segnen — und wie aus einer unermeßlichen Ferne antwortet ihm das Heimweh der Kreatur; und da seine Liebe noch inniger wird, seine er­lösende Sicherheit ganz fest und männlich ist, danken ihm endlich die leidenden Tiere mit einer schwerfälligen Gebärde der Liebe. Sie können nicht widerstehen; sie werden in einen höheren Bereich gezogen. Gottes Ordnung ist wieder da; der von Christus Durchherrschte hat sie zurückgebracht.

So ist kein Ort des Entsetzens, der nicht zum Heiligtum wer­den kann, zum Schauplatz der Heilsgeschichte, der Heimkehr der verlorenen Welt. Auch dem äußersten Frevel ist noch die­ser Sinn zu eigen, daß er den Heiligen ruft, der das Leiden des Frevlers erkennt und seine Tat zum Lobe wendet. Aber der Heilige ist nicht allein und kommt nicht von ungefähr; er steht im Gnadenreiche, selbst wenn er allein ausharrt unter den Raubtieren; unbekannte Beter stützen seine Arme und stärken seinen Frieden, und ungezählte, die wohl die Kraft nicht bekommen hätten, die Raubtiere zu segnen und die Welt von ihnen zu befreien, haben um den Heiligen gefleht und um seine Tat. Er, in dem Christus lebt, ist die einzige Hoff­nung der Welt. Denn was wäre damit gewonnen, daß ein des Schwertes Mächtiger die Raubtiere tötete? Das Heldentum ei­nes solchen Streiters reichte doch nicht aus. Der Böse selbst würde nicht getötet, und die Kreatur, die er bewohnte, wäre ihm nur endgültig anheimgefallen. Und gerade das darf nicht geschehen. Die Schöpfung verwindet es nicht, daß ein einziges ihrer Glieder in den Abgrund stürzt. Alles, was geschaffen ist, alle Kreatur soll heimkehren durch Christus zum Vater. Die Zeit ist verloren, die nur für ein einziges Geschöpf diesen Weg der Heimkehr nicht mehr weiß. Vielleicht wollte dies der Künstler sagen, der, wie wir, in der Geschichte lebte zwi­schen den Gewalten, am Orte des Frevels, der zum Gnaden­orte werden sollte. Wie die Bedrohung durch die Raubtiere immer dieselbe ist, so ist nur eine einzige Lösung möglich in ei­ner jeden Zeit, auch in der furchtbarsten, da ein Geschlecht unter die entsetzlichsten Bestien geworfen wurde: es geht darum, daß Christus in uns den Kreaturen allen, ohne eine einzige Ausnahme, begegnet.

Quelle: Reinhold Schneider, Gesammelte Werke, Bd. 9: Das Unzerstörbare. Religiöse Schriften, Frankfurt a.M.: Insel, 1978, S. 460-466.

Hier der Text als pdf.

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