Martin Luthers Urteil über die Mönchsgelübde (De votis monasticis Martini Lutheri iudicium 1521, vollständiger Text): „Wer mit christlichem und frommem Sinn gelobt, der wird notwendig so vor Gott denken: Siehe da, mein Gott, diese Art des Lebens gelobe ich dir, nicht weil ich glaube, dies sei der Weg zur Ge­rechtigkeit und zum Heil und zur Genugtuung für die Sünden. Solche Meinung möge deine Barmherzigkeit von mir abwenden. Sie würde über die Maßen meinen Herrn Christus beleidigen; denn dies hieße seine Verdienste leugnen und sein Blut für besudelt erachten, und dei­nen Sohn zum Gespött mache.“

Martin Luthers Urteil über die Mönchsgelübde (De votis monasticis Martini Lutheri iudicium 1521)

Von Martin Luther

Einleitung

Wie sehr Luther die Freiheit eines Christenmenschen persönlich in seiner Auseinandersetzung mit dem monastischen Ideal des Mittelal­ters zur Geltung brachte, zeigt seine Schrift »De votis monasticis Mar­tini Lutheri iudicium« (»Ein Urteil Martin Luthers über die Mönchsgelüb­de«). Hier hat u. a. Luthers Kampf um die Freiheit eines Chri­stenmenschen einen konkreten Sitz im Leben. In seiner umfassenden Studie zum Thema »Mönchtum und Reformation« (FKDG 12, Göt­tingen 1963) hat B. Lohse gezeigt, daß Luther mit dem Mönchtum end­gültig erst 1521 bricht. In diesem Jahr greift er von der Wartburg aus mit zwei Schriften über die Mönchsgelübde, nämlich mit den »Themata de votis« (WA 8, 323-335) und der Schrift »De votis monasticis Martini Lutheri iudicium« in eine Debatte ein, die im Herbst 1521 in Wittenberg von Karlstadt und Melanchthon über die Verbindlichkeit der Gelübde von Pfarrgeistlichen und Mönchen geführt wurde und die in dieser Frage zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt hatte. So hatte Karlstadt in seiner Schrift »Von Gelübden Unterrichtung« zwar die Möglichkeit ausgesprochen, die Klöster zu verlassen und die mön­chischen Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit zu brechen, doch sei das mit Rücksicht auf Ps. 76,12 (»Gelobet und haltet dem Herrn, eurem Gott…«) als eine Sünde anzusehen. Aber um der großen Mißstände und Sünden willen, in denen sich ein Mönch durch seine Gelübde verstricke, sei der Bruch der Gelübde eine geringere Sünde als das Bleiben im Mönchsstand. Das aber konnte die angefoch­tenen Gewissen derer, die im Gefolge der Reformation Luthers die Klöster verlassen oder als Pfarrgeistliche das Gelübde der Ehelosig­keit brechen wollten, so wenig befriedigen wie Melanchthons Aus­kunft, man könne die Gelübde brechen, da man ohnehin nicht wisse, ob man sie zu halten und wahrhaft zu erfüllen die Kraft habe. Luther erkannte, in welche Gewissensnot diejenigen getrieben wurden, die auf dieser Basis den Austritt aus dem Kloster und den Bruch mit den Gelübden wagten. So stellte er bereits in den »Themata de votis« vom 9. Sept. 1521 fest, daß die Gelübde deshalb nicht zeitlebens verbind­lich seien, weil sie als Ausdruck der Werkgerechtigkeit dem Glauben widersprächen, der allein die Gerechtigkeit vor Gott empfange. Als Luther dann vom Austritt mehrerer Augustinereremiten aus dem Klo­ster zu Wittenberg erfuhr, sah er sich im November 1521 genötigt, ih­nen in seiner Schrift über die Mönchsgelübde das Gewissen zu stärken. Denn der Austritt aus dem Kloster und das Brechen von Gelübden sei mehr als ein bloß emanzipatorischer Akt. Man müsse vielmehr wissen, was man damit tue, d. h. man müsse und könne es nur aufgrund eines durch das Evangelium befreiten Gewissens tun. Denn die Gelübde seien wider das Wort Gottes, das die mittelalterliche Unterscheidung von Geboten, die von allen Christen zu halten seien, und evangeli­schen Räten nur für Vollkommene wie z. B. die Mönche nicht kenne. Sie widersprächen aber auch dem Glauben, in dem allein unser Ver­hältnis zu Gott begründet sei und den Gott in uns wirke, so daß er nicht durch eine selbstgewählte Frömmigkeitsübung zu ersetzen sei. Schließlich seien die Gelübde wider die evangelische Freiheit, die im Blick auf das Sein vor und aus Gott jeden gesetzlichen Zwang aufhebt und nach der es wohl freie, d. h. wieder auflösbare, aber nicht zeitle­bens bindende Gelübde gebe. Sie verletzten ferner die Gebote Gottes, insbesondere das Gebot der Liebe, weil sie dem Mönch die Möglich­keit nähmen, die Pflichten der Liebe gegenüber seinen Eltern oder seinen Nächsten generell zu erfüllen. Fernerständen sie auch im Wi­derspruch zur Vernunft, nach welcher tatsächlich unhaltbar gewor­dene Versprechen ihre Kraft verlieren. Das gelte besonders für den, dem das Gelübde der Ehelosigkeit zu schwer werde, und das umso mehr, als er die allen von Gott gebotene Keuschheit besser in der Ehe halten könne. Mit diesen kritischen Bemerkungen zu den Mönchsgelübden und dem Gelübde der Ehelosigkeit wollte Luther die Institu­tion des Mönchtums jedoch nicht grundsätzlich aufheben. Es ist für ihn auch denkbar, daß charismatisch dazu begabte Christen ehelos oder in einer christlichen Kommunität leben, nur daß letztere kein privilegier­ter Weg zum Heil und auch nicht dem Gottesdienst jedes Christen im Alltag vorzuziehen sei.

Mit diesen Ausführungen ist bei Luther zugleich das Ende einer Identitätskrise gegeben, in die er selbst durch seinen Eintritt ins Klo­ster im Juli 1505 geraten war. Seine untadelige mönchische Existenz vermochte eben nicht seine Klosteranfechtungen zu verhindern. Doch ließ sich Luther lange Zeit, bis er im Namen der evangelischen Freiheit den elitären Weg monastischer Frömmigkeit verließ. Als er im No­vember 1521 die Schrift über die Mönchsgelübde schreibt, hat er jene Identitätskrise bereits hinter sich und ist nun in der Lage, auf dem Bo­den der Hl. Schrift die Gewissen seiner Klosterbrüder zu stärken und ihnen ein neues Zentrum innerer Freiheit aufzuzeigen. Zusammen mit seinem Abschied vom Mönchtum bereinigt Luther zugleich einen seit seinem Eintritt ins Kloster schwelenden Konflikt mit seinem Vater, der 1505 seiner Entscheidung, Mönch zu werden, mit Berufung auf das 4. Gebot und die darin ausgesprochene Pflicht der Elternliebe wi­dersprochen hatte. Doch stimmt Luther auch jetzt nicht einfach der Forderung seines Vaters zu, sondern versöhnt sich mit diesem im Geist evangelischer Freiheit. So heißt es in einem Brief, den Luther seiner Schrift über die Mönchgelübde voranstellt und mit dem er seinem Va­ter diese Abhandlung schickt: »Ich sende dir also dies Buch, aus dem du ersehen magst, durch welche Zeichen und wunderbaren Kräfte Christus mich von dem Mönchsgelübde erlöst und mir solche Freiheit geschenkt hat, daß, während er mich zum Knecht aller gemacht hat, ich niemand untertan bin, denn ihm allein. Denn er ist, wie man sagt, mein unmittelbarer Bischof, Abt, Prior, Herr, Vater und Lehrer. Ei­nen anderen kenne ich nicht mehr. So hoffe ich, er habe dir einen Sohn genommen, daß er vielen anderen und ihren Söhnen durch mich zu helfen anhebe; dies darfst du nicht nur gern tragen, sondern auch gar sehr dich dessen freuen« (vgl. u. S. 82). Stellvertretend für viele Zeit­genossen hat Luther die Macht der christlichen Freiheit entdeckt und bewährt in den Konflikten einer Institution, die zu den großen und be­deutsamen Wegen abendländischer Frömmigkeit gehört. Weil das le­bendige Zeugnis von der christlichen Freiheit ausdrücklich in der Schrift von den Mönchsgelübden thematisiert wird (vgl. u. S. 121-139) und die geheime Mitte aller ihrer Argumentationen darstellt, wollen wir im folgenden diese Schrift als ganze in der deutschen Übersetzung von O. Scheel darbieten.[1]

Karl-Heinz zur Mühlen

Widmung

Jesus

Seinem Vater Hans Luther wünscht sein Sohn Martin Luther Heil in Christus.

Dieses Buch, liebster Vater, habe ich dir zu widmen beabsichtigt, nicht um deinen Namen in die Welt zu tragen, daß wir uns fleischlich rühmten wider die Lehre des Paulus (Gal. 6,13), sondern um die sich uns beiden günstig bietende Gelegenheit zu ergreifen, durch ein kur­zes Vorwort den Grund, Inhalt und die Absicht dieses Buches den frommen Lesern zu erzählen. Und um hiermit zu beginnen: ich will dich wissen lassen, daß dein Sohn es soweit gebracht hat, schon ganz überzeugt zu sein, daß nichts so heilig, nichts so zu allererst, nichts so gewissenhaft beobachtet werden müsse, wie das göttliche Gebot. Da wirst du sagen: So hast du denn in unglückseliger Verblendung daran jemals gezweifelt und jetzt erst diesen Sachverhalt gelernt? Ja freilich, in ganz unglückseliger; denn ich habe nicht nur daran gezweifelt, son­dern überhaupt nicht diesen Sachverhalt gekannt. Ja noch mehr, wenn du es duldest, bin ich bereit zu zeigen, daß du mit mir zusammen diese Unwissenheit geteilt hast. Es geht jetzt fast in das sechzehnte Jahr meiner Möncherei, in die ich mich gegen deinen Willen und ohne dein Wissen begab. Du sorgtest dich in väterlicher Liebe um meine Schwachheit, da ich bereits herangewachsen, ins 22. Lebensjahr ein­getreten war, also, um ein Wort Augustins zu benutzen, der wallenden Leidenschaft der Jugend anheimgeben war; denn du hattest an vielen Beispielen gelernt, daß diese Art des Lebens manchen zum Unheil ausgeschlagen sei. Du hattest sogar die feste Absicht, mich durch eine ehrenhafte und reiche Ehe zu binden. Diese Sorge bekümmerte dich, es war auch dein Unwille über mich eine zeitlang unversöhnlich; ver­geblich suchten die Freunde dir die Überzeugung beizubringen, daß, wenn du Gott etwas opfern wolltest, du dein Liebstes und Bestes op­fern müßtest. Indessen ließ der Herr in deine Gedanken jenes Wort des Psalms hineintönen, aber nur dumpf: »Der Herr weiß die Gedan­ken der Menschen, daß sie eitel sind« (Ps. 94,11). Endlich gabst du nach und unterwarfst Gott deinen Willen, doch ohne die Sorge um mich aufzugeben. Denn ich erinnere mich – es ist mir allzu deutlich ge­genwärtig-folgenden Vorfalls: Als du bereits ausgesöhnt mit mir re­detest und ich versicherte, durch Schrecken vom Himmel gerufen zu sein – denn nicht mit Lust und Willen wurde ich Mönch, noch viel we­niger aber um des Bauches willen, sondern voller Schrecken und Angst vor einem plötzlichen Tode gab ich ein gezwungen und gedrungen Ge­lübde – da sagtest du: Möchte es kein Wahn und Blendwerk gewesen sein. Dies Wort schlug durch, als wenn Gott selbst es durch deinen Mund gesprochen hätte, und setzte sich fest, tief drinnen in mir; ich aber versperrte mein Herz, so gut ich es vermochte, gegen dich und dein Wort. Du fügtest noch ein anderes hinzu. Als ich dir bereits in Sohneszuversicht deine Entrüstung vorwarf, da wiesest du mich sofort zurecht, und trafst mich wieder so geschickt und passend, daß ich in meinem ganzen Leben von einem Menschen kaum ein Wort gehört habe, das kräftiger in mir geklungen und fester gehaftet hat. Du sagtest nämlich: »Hast du denn nicht auch gehört, daß man den Eltern soll ge­horsam sein?« Aber ich, sicher in meiner Gerechtigkeit, hörte dich an wie einen Menschen und dachte gar gering von dir; doch von Herzen dies Wort zu verachten war ich nicht imstande.

Hier sieh nun zu, ob nicht auch dir unbekannt war, daß man Gottes Gebote allen anderen vorziehen müsse. Denn hättest du nicht, falls du gewußt hättest, daß ich damals noch in deiner Hand gewesen, kraft deiner väterlichen Gewalt mich ganz aus der Kappe gerissen? Aber auch ich hätte, wenn ich’s gewußt, nicht ohne dein Wissen und wider deinen Willen dies gewagt, wenn ich auch viele Tode hätte erleiden sollen. Denn mein Gelübde war keinen Pfifferling wert; denn ich ent­zog mich damit der Gewalt des Vaters, und dem Willen des göttlichen Gebotes. Ja noch mehr, mein Gelübde war gottlos; und daß es nicht aus Gott sei, bewies nicht nur dies, daß es wider deine Gewalt sündigte, sondern auch, daß es nicht aus freiem und willigem Antrieb kam. Dazu geschah es auf Menschenlehren und heuchlerischen Aberglauben hin, die Gott nicht geboten hat. Doch Gott, dessen Barmherzigkeit keine Zahl kennt und dessen Weisheit kein Ende nimmt (Ps. 147,5), siehe, wie große Güter hat er doch aus all diesen Irrtümern und Sünden ge­schaffen! Möchtest du nun nicht lieber hundert Söhne verloren, als dies Gut nicht gesehen haben? Mich dünkt, Satanas habe von meiner Jugend an etwas in mir von dem vorausgesehen, das er jetzt leidet; darum hat er mich zu verderben und zu hindern mit unglaublichen Li­sten gewütet, daß ich gar oft mich staunend gefragt, ob ich allein unter den Sterblichen es sei, nach dem er trachte. Es wollte aber, wie ich nun sehe, der Herr, daß ich die Weisheit der hohen Schulen und die Heilig­keit der Klöster aus eigener und gewisser Erfahrung, d. i. durch viele Sünden und gottlos Treiben kennenlerne, damit nicht die gottlosen Menschen Gelegenheit fänden gegen ihren zukünftigen Widersacher groß zu tun, als verdamme ich unbekannte Dinge. Darum habe ich als Mönch gelebt, nicht zwar ohne Sünde, doch ohne Vorwurf. Denn Ruchlosigkeit und Gottesverachtung werden im Reich des Papstes für große Frömmigkeit gehalten, geschweige denn, daß sie zum Vorwurf gemacht werden.

Was also denkst du jetzt? Willst du mich noch herausreißen? Denn noch bist du Vater, noch bin ich Sohn, und alle Gelübde bedeuten nichts. Auf deiner Seite steht göttliche Autorität, auf meiner Seite steht menschliche Vermessenheit. Denn selbst sogar die Enthaltsam­keit gilt nichts ohne Gehorsam gegen das Gebot Gottes, mögen sie noch so sehr mit vollen Backen sie lärmend predigen. Enthaltsamkeit ist nicht geboten; Gehorsam aber ist geboten. Wiewohl die tollen und einfältigen Papisten nichts der Jungfräulichkeit und Enthaltsamkeit zu vergleichen dulden, mit abenteuerlichen Lügen beides immer im Munde führend, so daß schon die Tollheit des Lügens, und dann die Größe der Unwissenheit jede allein sollte verdächtig machen, was sie tun und als weise Rede vorgeben. Denn von welcher Einsicht zeugt es, das Wort des Weisen: »Nichts hält einen Vergleich aus mit einer keu­schen Seele« (Jes. Sir. 26,20), dahin zu drehen und zu deuteln, als habe er die Jungfräulichkeit und Enthaltsamkeit allem vorgezogen, daß man sie nicht dürfe wandeln und davon dispensieren können? Wäh­rend er doch dies Wort als Jude an Juden geschrieben hat im Hinblick auf eine keusche Ehefrau; denn bei den Juden war Jungfräulichkeit und Enthaltsamkeit verdammt. So beziehen sie auch jenes Wort, das eine Verherrlichung eines keuschen Eheweibes ist: »Sie ist es, die kein Ehebett in Sünden gekannt hat« (Weish. Sal. 3,13) auf die Jungfrauen. Kurz, während die Jungfräulichkeit in der Schrift nicht angepriesen, sondern nur gutgeheißen wird, wird sie mit dem Ruhm der ehelichen Keuschheit gleichwie mit fremden Federn von denjenigen ge­schmückt, die bereit sind, die Seelen zu dem zu entflammen, das ihrem Heil Gefahren bringt. Aber hält nicht auch mit einer gehorsamen Seele nichts einen Vergleich aus? Gerade deswegen hält nichts einen Vergleich aus mit einer keuschen Seele, d. h. mit einem keuschen Eheweib, nicht nur, weil es ihr von Gott befohlen ist, sondern auch, weil, wie ein weit verbreitetes Sprichwort lautet, nichts unter den Men­schen begehrenswerter ist denn ein keusches Eheweib. Aber jene tüchtigen Ausleger der Schrift verstehen das, was von der gebotenen Enthaltsamkeit gesagt wird, von der nicht gebotenen, und dann lassen sie mit göttlicher Schätzung bekleidet sein, was nur das Gewicht von Menschenmeinung hat. Darum dispensieren sie von allem, auch von dem Gehorsam gegen Gott. Von der Enthaltsamkeit aber, auch wenn sie verboten ist, wenn sie nämlich gegen die Autorität der Eltern über­nommen ist, dispensieren sie nicht. O über diese echten und wahrhaft papistischen Doktorleins und Lehrerleins! Die Jungfräulichkeit und Keuschheit sind zu preisen aber so, daß durch ihre Größe die Men­schen mehr abgeschreckt als angelockt werden; wie Christus seine Jünger, als sie die Enthaltsamkeit mit den Worten lobten: »Steht die Sache eines Mannes mit seinem Weibe also, so ist es nicht gut, ehelich werden« (Mt. 19,10), alsbald zurückwies und sprach: »Das Wort fas­set nicht jedermann« (Mt. 19,11). Fassen muß man das Wort, doch von wenigen wollte es verstanden werden.

Doch ich kehre zu dir zurück, lieber Vater, und sage wiederum: Wirst du mich noch aus der Möncherei herausnehmen? Aber auf daß du dich nicht rühmst, ist der Herr dir zuvorgekommen, und hat selbst mich herausgenommen. Denn was hat es zu bedeuten, ob ich Kutte und Platte trage oder ablege? Es machen doch nicht die Kappe und die Platte den Mönch? »Alles ist euer«, sagt Paulus, »ihr aber seid Christi« (1.Kor. 3,22.23); und ich sollte der Kappe gehören, und nicht viel­mehr die Kappe mir? Mein Gewissen ist frei geworden; und das heißt im vollsten Sinn frei geworden sein. Darum bin ich schon ein Mönch und bin doch kein Mönch, eine neue Kreatur, nicht des Papstes, son­dern Christi. Denn es schafft auch der Papst, aber Puppen und Pappen, d. h. ihm ähnliche Fratzen und Götzenbilder, deren eines ich auch einst gewesen, verführt durch den mannigfachen Gebrauch der Worte, durch den auch der Weise (Jes. Sir. 34,12.13) bis in Todesgefahr gera­ten zu sein erklärt, aber durch Gottes Gnade sei er befreit. Aber ich beraube dich doch nicht wiederum deines Rechts und deiner Autori­tät? Nein fürwahr, deine Gewalt über mich bleibt ganz unangetastet, soweit es die Möncherei betrifft; aber die hat, wie gesagt, nun nichts mehr für mich zu bedeuten. Im übrigen hat der, der mich herausgezo­gen hat, über mich ein größeres Recht denn du; denn er hat mich, wie du siehst, nicht mehr in den erdichteten Gottesdienst der Mönche, sondern in den wahren Gottesdienst gesetzt. Denn wer kann zweifeln, daß ich im Dienste des Wortes stehe? Und hier ist fürwahr der Gottes­dienst. dem die Gewalt der Eltern weichen muß, nach dem Wort Chri­sti: »Wer Vater und Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert« (Mt. 10,37). Nicht als hätte er durch dies Wort die Gewalt der Eltern aufgehoben, da doch der Apostel oft genug einprägt, daß die Kinder den Eltern gehorchen sollen (Eph. 6,1; Kol. 3,20); aber wenn der Eltern und Christi Ruf oder Autorität wider einander streiten, so soll Christi Autorität allein herrschen. Darum könnte ich dir bei Ge­fahr meines Gewissens nicht ungehorsam sein – so fest ist jetzt meine Überzeugung- wenn nicht über die Möncherei hinaus noch der Dienst des Wortes hinzugekommen wäre. Das meinte ich, wenn ich sagte, daß weder du noch ich zuvor gewußt haben, daß Gottes Gebote allen ande­ren vorgezogen werden müssen. Aber fast die ganze Welt leidet an die­ser Unwissenheit, da die Wirkung des Irrtums unter dem päpstlichen Greuel herrscht, was auch Paulus vorausgesagt hat, wenn er erklärt, es werde Menschen geben, die den Eltern den Gehorsam versagen (2.Tim. 3,2). Das trifft gar fein auf die Mönche und Priester, ganz vor­nehmlich auf die, so unter dem Schein der Frömmigkeit und dem Titel der Dienstbarkeit gegen Gott sich der Gewalt der Eltern entziehen, als ob es einen anderen Dienst Gottes gäbe, als seinen Geboten zu gehor­chen, unter welchen auch ist der Gehorsam gegen die Eltern.

Ich sende dir also dies Buch, aus dem du ersehen magst, durch wei­che Zeichen und wunderbaren Kräfte Christus mich von dem Mönchsgelübde erlöst und mir solche Freiheit geschenkt hat, daß, während er mich zum Knecht aller gemacht hat, ich niemand untertan bin, denn ihm allein. Denn er ist, wie man sagt, mein unmittelbarer Bischof, Abt, Prior, Herr, Vater und Lehrer. Einen anderen kenne ich nicht mehr.

So hoffe ich, er habe dir einen Sohn genommen, daß er vielen andern (und) ihren Söhnen durch mich zu helfen anhebe; dies darfst du nicht nur gern tragen, sondern auch gar sehr dich dessen freuen; und ich lebe der ganz gewissen Überzeugung, daß es also bei dir der Fall sein wird. Doch wenn mich der Papst töten und noch über die Hölle hinaus ver­dammen sollte? Den er getötet, wird er nicht auferwecken, daß er mich mehrmals töte. Hat er mich aber verdammt, so ist es mein Wille, daß er mich niemals absolviere. Denn ich hoffe, daß der Tag nahe sei, an dem dies Reich des Greuels und Verderbens vernichtet wird. O, daß wir doch zuvor wert wären, von ihm verbrannt oder erwürget zu werden, daß unser Blut möchte lauter schreien und drängen, das Gericht über ihn zu beschleunigen. So wir aber nicht wert sind, durch unser Blut Zeugnis abzulegen, so laßt uns wenigstens bitten und flehen um die Barmherzigkeit, daß wir mit unserem Leben und unseren Worten be­zeugen mögen, daß Jesus Christus allein der Herr, unser Gott ist, gebenedeiet von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. In demselbigen lebe wohl, liebster Vater, und grüße in Christus meine Mutter, deine Mar­garete, samt der ganzen Verwandtschaft. Aus der Wüste, am 21. November 1521.

Jesus

Urteil Martin Luthers über die Mönchsgelübde

Vor allem will ich denjenigen, die vorlängst aus eingewurzeltem Haß gegen meinen Namen selbst die ganz offenkundige Wahrheit um mei­netwillen verdammen, gemeldet wissen, daß ich für sie in diesem Bu­che nichts schreibe; ich möchte nämlich nicht jenen tauben Nattern, die ihre Ohren verstopfen (Ps. 58,5), mit meiner Zauberformel be­schwerlich fallen und nicht, um mit Salomo zu sprechen, meine Worte unnütz vergeuden, wo man doch nicht ihrer achtet (Jes. Sir. 32,6), auch nicht das Heilige den Hunden geben oder Perlen vor die Säue werfen (Mt. 7,6). Sie mögen die Dekretalen[2] ihres Schöpfers lesen und ihre eigene Weisheit, da sie es ja so wollen. Denen allein diene ich, die im eisernen Ofen Ägyptens (5.Mos. 4,20) und in der heißen, feurigen Glut Babylons, das ist, unter der Tyrannei ihres Gewissens und ihrer Sünde gequält werden. Denn von den Mönchsgelübden wollen wir sprechen, die wir vielfältig vermehrt und verbreitet sehen zum großen Verderben des Christentums und zum unermeßlichen Unheil der See­len. Gott erbarme sich unser und segne uns, er lasse leuchten sein An­gesicht über uns (Ps. 67,2-5), daß wir auf Erden seinen Weg erkennen mögen, unter allen Heiden sein Heil, daß auch die Völker sich zu ihm bekennen, die Heiden sich freuen und jauchzen, weil er sie von den Überlieferungen der Menschen befreit und nun selbst sie in Billigkeit richtet und die Völker auf der Erde leitet. Amen.

Hier soll nicht erörtert werden, ob ein Gelübde zu halten sei, sondern welche Gelübde wahrhaftig Gelübde sind.

Niemand kann leugnen, daß von Gott das Recht gesetzt sei, ein Ge­lübde zu halten; sagt doch die Schrift: »Gelobet und haltet« (Ps. 76.12), so daß es schlechterdings sich nicht schickt zu erörtern, ob ein Gelübde zu halten sei. Wir erörtern auch nicht, ob man ein Gelübde halten soll, sondern davon wollen wir reden, wie wir die Gelübde un­terscheiden mögen und erkennen, welche fromm, gut und Gott wohlgefällig sind, von welchen auch allein gelten darf, daß sie in der Schrift als Gelübde bezeichnet und gefordert werden. Wiederum, welche gottlos, böse und Gott nicht gefällig sind, die nicht anders als Gelübde zu achten sind, wie wenn man den Mord des Nächsten oder Ehebruch Frömmigkeit heißen wollte, so daß es hier nicht nötig ist zu disputieren, ob dergleichen Gelübde zu halten oder zu widerrufen sind. Denn es ist nichts so fromm und heilig je eingerichtet worden, auf das man es nicht mit verkehrter Nacheiferung und gottlosem Schein abgesehen gehabt hat; ja je heiliger etwas ist, desto mehr trachten danach in ver­kehrter Nacheiferung die Gottlosen und Heuchler. Was gibt es Heili­geres als den Gottesdienst, der im vornehmsten und ersten Gebot be­fohlen ist? Was wiederum ist allgemeiner verbreitet, als der Aberglau­be, das ist, der falsche und erheuchelte Gottesdienst? so daß man fürchten muß, daß durch eben diese Verkehrtheit auch die Lauterkeit der Gelübde in Heuchelei und gottlosen Aberglauben entartet sei. Denn wahre Frömmigkeit und ein aufrichtiges Gelübde ist ein gar selten Ding, zumal in diesen letzten, gefährlichen, gottlosen und bösen Zeiten, in denen nach der Prophezeiung Glaube und Liebe untergehen sollen (Mt. 24,12).

I. Daß die Gelübde nicht auf Gottes Wort sich gründen, vielmehr Gottes Wort widersprechen

Ohne Zweifel ist das Mönchsgelübde grade deswegen gefährlich, weil es ein Ding ist ohne Grund und Beispiel der Schrift; es wissen aber auch die erste Kirche und das Neue Testament überhaupt nichts von dem Brauch irgendetwas zu geloben, geschweige denn, daß sie dies be­sondere ewige Gelübde einer gar seltenen und wunderbaren Keusch­heit billigen. Denn es ist eine reine und verderbliche Erfindung von Menschen, gleichwie alles andere, das von Menschen erfunden ist. Wenn aber in der Apostelgeschichte St. Paulus zufolge eines Gelöb­nisses sich mit vier anderen Männern reinigte (Apg. 21,23ff.), so sieht wohl ein jeder, daß dies aus dem alten Gesetz noch übrig geblieben war; um davon zu schweigen, daß es ein zeitliches Gelübde war. Denn also beobachtete derselbe Apostel auch alle anderen Forderungen des alten Gesetzes mit den Juden. Er wollte aber nicht, daß dies ein Bei­spiel sei für das Neue Testament, kümmerte er sich doch vielmehr mit den Heiden nicht um das Gesetz.

Der heilige Antonius, der eigentliche Vater der Mönche und der Anfänger des mönchischen Lebens, urteilte und lehrte gar weise und christlich, man solle durchaus nichts unternehmen, was keinen Schrift­grund habe. Und er selbst hat diese mit verbindlichen Gelübden und Zeremonien sich befassende Sorte von Mönchen überhaupt nicht ge­kannt, sondern frei in der Wüste gewohnt und in freier Weise ehelos gelebt, nach der Form des Evangeliums. Die nach ihm kamen, haben einen Zwang und eine Knechtschaft aus seinem Unternehmen ge­macht; sie folgten nur dem Schein und einer trügerischen Nacheife­rung der Regel des Antonius, die die Regel Christi ist; denn es war eitel menschlich, was sie ausdachten.

Ebenso auch der Apostel Paulus; wenn er auch öfters die Form und Überlieferung rühmt, die durch seinen Dienst den Kirchen gegeben sei, und fordert, daß sie ihm nacheifern, so will er doch keineswegs, daß sie ihm als Paulus nacheifern, sondern Christus in ihm, wenn er sagt: »Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi« (1.Kor. 11,1). Gewiß ist uns ein anderer Führer nicht gegeben, als der, von dem die glänzende Herrlichkeit des Vaters mit diesem Wort gezeugt hat: »Die­sen sollt ihr hören.« (Mt. 17,5). Durch dieses Wort ist Christus allen zum Führer gesetzt, und alle sind ihm unterworfen und untergeordnet; wie zuvor Mich. c. 5 prophezeit hatte, daß von Bethlehem sollte ausge­hen der Führer (Mich. 5,1), der das Volk Gottes leiten sollte. Darum legt er auch selbst mit seinem Vater dasselbe Zeugnis ab. und spricht: »Wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in der Finsternis.« (Joh. 8,12). Und wiederum: »Ich bin das Licht der Welt« (ebd.). Denn er steht zu einem Zeichen für die Völker (Jes. 11,12), das Gott hat aufgerichtet, die Flüchtlinge Israels zu sammeln. Wie er denn wiederum sagt Joh. 14.6: »Niemand kommt zum Vater, denn durch mich«. »Ich bin die Tür« (Joh. 10,7). »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« (14.6).

Diese und ähnliche Aussprüche der Schrift, die ja klarer sind als das Licht und ganz zuverlässig, zwingen uns gewißlich zu verdammen, was an Regeln, Statuten, Orden, Sekten vorhanden ist, was ohne, außer oder über Christus hinaus einhergeht, mags auch gleich durch Engel vom Himmel gegeben und durch gewaltige Wunder bestätigt sein. Nicht will er’s leiden, daß man einen andern Weg zu gehen sich unter­stehe, er, der gesagt hat: »Ich bin der Weg« (Joh. 14,6). Denn mit die­sem Wort hat er gar alle anderen früheren, gegenwärtigen und künfti­gen Wege widerrufen, aufgehoben und zunichte gemacht. Und es läßt keinen anderen Führer und Meister sich erheben, der da gesagt hat: »Diesen sollt ihr hören« (Mt. 17,5), mag er es nun versuchen, Besseres oder Ärgeres zu bieten; sondern mit diesem Wort hat er verdammt, was an Gesetzen und Überlieferungen abgesehen von Christus da ist, wie auch Christus sagt Joh. 10: »Alle, die vor mir gekommen sind, sind Räuber und Diebe gewesen.« (Joh. 10,8).

Daraus ergibt sich aufs deutlichste, daß es durchaus nicht erlaubt ist, Möncherei zu geloben, und es sind durch diese himmlischen Donner­schläge völlig von Grund aus weggenommen, verboten und verdammt alle Gelübde dieser Art, da niemand leugnen kann, daß in der Mön­cherei vieles, vielmehr alles und nur das gelobt wird, das außerhalb Christi und ohne Christus ist, das ist, ohne Weg, ohne Licht, ohne Wahrheit, ohne Leben, ohne Gott. Wie sie denn sogar selbst prahle­risch und ohne Scham bekennen, daß sie solche sind, die über Christus hinaus ein höheres und vollkommeneres Leben führen möchten. O welche unermeßliche Blindheit!

Es möge also dies vor allen Dingen sicher festgelegt sein: Was man über und ohne Christus entweder selbst sich anmaßt, oder aus den Bei­spielen und Unternehmungen der Heiligen sich herholt, das ist, als et­was Menschliches schon längst durch göttliche Autorität verboten, verdammt und es ist entschieden, daß man’s nicht geloben und zu ei­nem Gebot oder notwendi­gen Lebensweg machen darf, noch wenn man es gelobt hat, erfüllen und halten darf, sondern es lösen und frei­geben muß. Denn es steht unerschüttert fest dieser Fels: Ich bin das Leben, und kein anderer. Was aber dieser Weg nicht gewesen ist, das ist irrig, schlüpfrig und finster.

Aber auch St. Franziskus, der bewundernswerte und geistesgewal­tige Mann, hat sehr weise gesagt, daß seine Regel das Evangelium Jesu Christi sei. Das Evangelium aber läßt die Keuschheit frei und enthält nichts von dem, was jetzt diese Minoriten (Franziskaner) in unglaubli­cher Gleisnerei beobachten. Fürwahr, da Franziskus wollte, daß die Seinen nach dem Evangelium lebten, wollte er sie ganz frei sowohl von Gelübden wie von allen menschlichen Überlieferungen wissen, so daß die Minoritenbrüder auch kraft ihres Gelübdes und ihrer Regel die Er­laubnis haben, ehelos und ehelich zu leben und in ihren Klöstern und bei allen ihren Statuten zu bleiben, so lange sie wollen; denn etwas anderes haben nicht gelobt noch geloben können, die das Evangelium gelobt haben. Nun aber gibt es heute keine in größeren Aberglauben und ängstlichere Grübeleien verstrickte Sorte von Menschen als diese, die die freiesten hätten sein sollen, aber gefesselt sind durch unendli­che Statuten, durch viele Satzungen und kindische, lächerliche Ge­bräuche.

Doch leider ließ auch der heilige Mann entweder durch die Menge derer, die in der Welt das Evangelium verachten, oder durch die irrige Bemühung um die päpstliche Bestätigung und Genehmigung sich ge­fangen nehmen, daß er das allen Gläubigen gemeinsame Evangelium zu einer besonderen Regel für wenige machte und was Christus als Gemeingut angesehen wissen wollte, zu einem Sondergut machte. Denn nichts gelobt der Minoritenbruder, wenn er seine Regel gelobt, als was er bereits zu Anfang in der Taufe gelobt hat, nämlich das Evan­gelium. Es sei denn, daß Franziskus vielmehr dem Irrtum unterlegen sei, geglaubt zu haben, daß vieles im Evangelium aus Räten[3] bestehe, wie die Gottlosigkeit der papistischen Schulen es ausgedacht hat; diese habe er dann durch die Regel zu Geboten machen wollen. Warum ich dies einem solchen Mann nicht zutraue, will ich hernach sagen.

Wenn du daher einen Minoriten fragst, warum er ehelos lebt, und warum er sich mit Geld nicht befaßt, da er doch ein Bekenner des Evangeliums ist und Christus die Ehelosigkeit hat frei sein lassen und sogar bei der Münze des Kaisers (Mt. 22,19), sich auf Geld eingelassen hat, was wird er anders antworten, als daß er das halte, was in der Re­gel des Franziskus menschliche Weisheit ist und durch päpstliche Ty­rannei verderbt ist, daß er aber das, was göttliche Weisheit ist, daß nämlich seine Regel das Evangelium sei, nicht halte? Du siehst also bewiesen, daß Franziskus wie ein Mensch geirrt habe, als er seine Re­gel schuf. Denn was bedeutet das Wort: »Die Regel der Minoritenbrüder ist das Evangelium« anderes denn zu er­klären: Die Minoritenbrüder allein sind Christen? Denn so das Evangelium nur ihnen eignet, so gibt es keine Christen außer den Minoriten, während doch ohne Widerrede das Evangelium ausschließlich dem ganzen christlichen Volke gehört. Franziskus wurde auch getäuscht, wenn er lehrte-wenn er denn so lehrte – von neuem zu geloben, was man selbst mit allen zu­sammen schon vorlängst in der Taufe gelobt habe, nämlich das allen gemeinsame Evangelium.

Über die Gründe derer, die Gelübde ablegen

Doch hier fallen mir zwei Hauptgründe ihres Glaubens oder vielmehr ihres Unglaubens ein, die ich behandeln muß. Der erste ist der, daß das Evangelium nicht allen gemeinsam ist, sondern in Räte und Gebote geteilt sei. Ihre Möncherei nun befolge die Räte, nicht nur die Gebote, die dem sonstigen gemeinen Volk aufgegeben sind. Hier aber verfallen sie in mehr als einen und in einen nicht geringen Fehler. Und nun davon abzusehen, daß sie zufolge dieser Unterscheidung nicht zu wissen bezeugen, was eigentlich das Evangelium ist – indem sie Gebote und Räte daraus machen – das ja aus den lauteren Verheißungen Gottes besteht, die die dargebrachten Wohltaten den Menschen anzeigen, un­ter welchen auch sind jene Erläuterungen der Gebote Gottes und Er­mahnungen, sie zu halten, die Christus Mt. 5,6 u. 7 gegeben; was wol­len sie zu dem Worte Christi Markus am letzten sagen: »Gehet hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur?« (Mk. 16,15). Wollen sie etwa hier vorgeben, etwas anderes sei es zu predigen, etwas anderes sei es, zu gebieten, etwas zu halten? Warum befiehlt er, daß man der ganzen Welt und aller Kreatur predigen soll, was er nur von wenigen gehalten sehen will? Wie oft aber rühmt auch Paulus, daß er für das Evangelium ausgesondert sei (Röm. 1,1.2), daß das Evangelium verheißen sei, daß es eine Kraft Gottes zur Seligkeit sei für jeden, der da glaubt (Röm. 1,16), und daß alle einfach unterge­hen, in denen das Evangelium Christi verdeckt ist (2.Kor. 4,3). Daß nichts allgemeiner, nichts nötiger sei als das Evangelium, das lehrt er fast überall.

Aber nun wissen sie nicht, was das Evangelium ist, weil sie ein Ge­setz daraus machen, so verstehen sie auch diese Worte des Paulus gar nicht. Laßt uns also zu ihnen an diesen finsteren Ort hinabsteigen und mit den Kindern im Evangelium stammeln, indem wir Räte und Ge­bote nennen, was im Evangelium Ermahnungen sind. Denn Moses hat Gebote, wie Joh. 1 sagt: »Das Gesetz ist durch Moses gegeben« (Joh. 1,17); das Evangelium hat Gnade, wie derselbe sagt: »Die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden«. Laßt uns darum sehen, was der Erfolg derer ist, die über Christus hinauszuflie­gen sich unterstehen, wohin sie ihre irrige, gottlose Vermessenheit schleudert. Denn wenn wir werden beweisen können, daß es keine Räte sind, die sie rühmen und geloben, ertappen wir sie dann nicht da­bei, daß sie verdammenswert irren und ihre Gelübde auf ihre ruchlo­sen Lügen gründen? Denn Räte zu nennen, was nicht Räte sind, und göttliche Gebote zu lösen, was ist das anders, als die Wahrheit Gottes zu verleugnen und in Lüge umzuwandeln, ja Gott zu lästern? Oder ist das keine Gotteslästerung, wenn Gott sagt: »Dies ist mein Gebot«, und sie im Namen des Herrn wider ihn sagen: »Das ist kein Gebot, sondern ein Rat«? Und in und über dieser Gotteslästerung dann in Möncherei zu geloben, die Augenbrauen schwarz zu färben, sich den Mund zu wischen und zu sagen: »Ich habe nichts Böses, sondern Gutes getan?« (Jer. 4,30). Denn wer begreift nicht, daß alle, die die Gebote Gottes für Räte ansehen, mit solchem gottlosen und gotteslästerlichen Gewissen ihre Gelübde ablegen? Und derart sind sicherlich jetzt aller Mönche Gelübde, die von dieser verruchten und gotteslästerlichen Meinung über Räte und Gebote überzeugt sind.

Laßt uns darum jetzt diese Gottlosigkeit enthüllen. Die Räte, die sie erdichten, sind fast nur die Sprüche, die Christus Mt. 5 lehrt (Mt. 5,25.39ff.), sich nicht zu rächen, nicht Böses mit Bösem zu ver­gelten, nicht vor dem Gericht Händel zu haben, auch den Mantel zu geben, wenn der Rock genommen ist, auch die andere Backe hinzuhal­ten, mit dem, der eine Meile zu gehen nötigt, auch zwei Meilen zu ge­hen, und überhaupt nicht dem Übel zu widerstehen, und willfährig zu sein dem Widersacher auf dem Wege; desgleichen seine Feinde zu lie­ben, wohlzutun denen, die uns hassen, zu bitten für die, die uns verfolgen und verleumden; desgleichen jedem, der da bittet, umsonst zu ge­ben und ohne Zinsen zu borgen (Mt. 5,44.42), alles zu verkaufen und zu verlassen und Christus nachzufolgen (Mt. 19,21), allen sich unter­zuordnen, auch den Geringeren. Dazu füge noch hinzu die Jungfräulichkeit und Enthaltsamkeit. Es gibt auch einige, die noch die acht Se­ligpreisungen Mt. 5 hinzunehmen, um doch ja alle Gebote Gottes zu brechen und zu leugnen. Inwiefern die Keuschheit ein Rat sei, wollen wir nachher untersuchen; jetzt laßt uns das übrige betrachten.

Daß dies alles nicht Räte, sondern nötige Gebote sind, erhellt er­stens daraus, daß Matthäus, im Begriff, dies zu schreiben, voraus­schickt, daß Christus auf einen Berg gestiegen sei, sich niedergesetzt, seinen Mund aufgetan und gelehrt habe (Mt. 5,1.2). Lehren ist aber nicht dasselbe wie raten, sondern mitteilen, was man notwendig tun müsse. Und hernach sagt Christus selbst: »Ich bin nicht gekommen das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen« (Mt. 5,17). Deshalb, was er dort lehrt, das lehrt er darum, daß das Gesetz erfüllt werde, nicht aber, um Räte aufzuzählen. Dort sagt er denn auch, gleichsam mit dem Fin­ger auf das hinweisend, was er damals lehrte: »Wer nun eins von die­sen kleinsten Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich« (Mt. 5,19). Hier siehst du, wie offen­kundig er als Gebote bezeichnet, was er lehrt, und das Wort des Leh­rens legt er selbst dahin aus, daß es heiße: Gebote mitzuteilen.

Darnach zu dem kommend, was sie Räte nennen, sagt er: »Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Phari­säer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen« (Mt. 5,20). Verneint er da nicht das Himmelreich nur denen, die die Gebote nicht halten? Und dies versichert er von dem, was er selbst hier lehrt, noch über das hinaus, was die Schriftgelehrten und Pharisäer gelehrt hauen. Ich bitte, wer mag sich so erdreisten, daß er hier von Räten spricht, wo Christus durch so viele Worte des Lehrens und Befehlens, durch so viele und schwere Drohungen zwingt, notwendig alles zu halten, was daselbst geschrieben ist. Auf Grund welcher Autorität wollen sie ver­sichern, daß dies Räte seien? Wo ist die Schriftstelle? Sie mögen doch nur ein Jota für ihren Beweis herbeibringen. Und die gottlosen Leute sind so dreist, aus eigenem Kopf, ohne Schriftgrund, Räte daraus zu machen, wider so viele der Kraft eines Blitzes zu vergleichende unwi­derstehliche Lehren, Gebote, Drohungen, Verheißungen. Oder sollen wir etwa dem tollen Wahn des Pariser Gomorrha folgen, wo sie in ih­rem schönen Urteil sagen,[4] dies beschwere allzu sehr das christliche Gesetz? O Sodom, o Go­morrha, die nach den Kräften des freien Wil­lens die göttlichen Gebote bemessen, anstatt nach der Gnade Gottes und ihnen selbst.

Überdies aber zermalmt er unter den Räten selbst ihre unver­schämte Stirn, wenn er sagt: »Sei gewogen deinem Widersacher, daß er dich nicht etwa überantworte dem Richter, und der Richter über­antworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen. Wahrlich, ich sage dir, du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlst« (Mt. 5,25.26). Hier mögen nun die Pariser Maulwürfe und Fledermäuse antworten, ob irgendeine Strafe angedroht wird, wenn man einen Rat unbeachtet läßt, vollends eine so gewaltige und ewige Strafe, daß dem Richter, dem Diener, dem Ker­ker überantwortet wird, und niemals herauskommen soll, wer dem Widersacher nicht gewogen gewesen. Ebenfalls, wenn er sagt: »So ihr nur die liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner und Sünder?« (Mt. 5,46), heißt dies denn, Räten nicht gehorcht haben, wenn man keinen Lohn hat und den Zöllnern und Sündern gleich ist? Dasselbe versichert auch der Herr mit vielen Worten Lukas 6 (Lk. 6,20ff.).

Es dürfte also klar sein, daß alle ihre angezeigten Räte wahrhaftig und ohne Zweifel notwendige Gebote sind, die Christus Matthäus 6 lehrt. So sagt auch Petrus 1. Petr. 5: »Ihr sollt alle untereinander demü­tig sein« (1.Petr. 5,5). Und: »Achtet euch unter einander einer den anderen höher, denn sich selbst« (Phil. 2,3; Röm. 12,10).

Daß aber das nicht ein Rat ist, daß wir uns vor dem Geringeren de­mütigen, beweist Petrus, wenn er folgenden Grund vorbringt und sagt: »Denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade« (1.Petr. 5,5). Glaubst du noch, es sei ein Rat, wo Pe­trus doch es Hochmut nennt, der Gott widersteht, wenn du dem Ge­ringeren dich nicht unterwirfst? Daß aber alles verkaufen und den Armen geben nicht, wie sie es heißen, mönchische Armut sei, beweist dies, daß Petrus nach der Auferstehung fischen ging (Joh. 21,3), wie auch zuvor, da er doch alles verlassen hatte. Doch die Mönche verkau­fen nicht nur nicht das Ihre und geben es den Armen, sondern scharren alles Gut aller zusammen und sind im Vergleich mit allen anderen reich.

Man muß aber nicht nur die ruchlose Gotteslästerung der Schulen und Klöster verdammen, daß sie diese gottlosen Dinge zu lehren wa­gen, sondern auch ihr Schnarchen und Gähnen verfluchen und ihre schändliche Faulheit oder ihre träge Gleichgültigkeit, daß diese tieri­schen Bäuche nicht so viel um das Evangelium sich gekümmert haben, daß sie die Bücher einmal aufgeschlagen, die Blätter umgewandt und die Worte wenigstens sich angesehen haben. Denn durch das bloße Anschauen der Worte, die ja so klar und deutlich sind, hätten sie ihre ungeheuerlichen, ruchlosen Gotteslästerungen vermeiden können. Was also sind sie anders denn Schulen und Klöster? Schulen, weil sie spielen und sich narren lassen durch Lügen; Klöster, weil sie für sich allein da sind, ohne Christus, gar weit weg gelegen vom gemeinsamen Weg der christlichen Wahrheit.

Da siehst du also, mit was für einem Glauben und mit welcher Got­tesfurcht diese Bordelle des Satans ihre Gelübde ablegen und leben. Paulus sagt: »Wenn du mit Menschen- und Engelzungen redetest, wenn du alle deine Habe zur Speisung der Armen verteiltest, wenn du dich selbst hingäbest dich verbrennen zu lassen, so wärest du nichts und hättest nichts getan, wenn du die Liebe nicht hättest.« (1.Kor. 13,1-3). Um wie viel mehr, wenn du Mönch würdest und diese Räte gelobtest, wärest du nichts und hättest du nichts getan, wenn du mit gotteslästerlichen und frevelndem Gewissen, das die Wahrheit Gottes verleugnet, dies tätest, wie du es jene tun siehst. Man liest von Pelagius, daß er ein unbescholtenes Leben geführt habe; weil er aber die Gnade Gottes verleugnete, hat er um dieser einen Gottlo­sigkeit willen alles vergeblich gelebt. Wenn einer die Jungfräulichkeit Marias leugnet oder sonstwie einen einzelnen Artikel des Glaubens nicht glaubt, so wird er verdammt, wenn er auch sonst die Jungfräu­lichkeit und Heiligkeit der Jungfrau selbst hätte. Um wie viel mehr werden die Mönche verdammt werden, dies Volk des Verderbens, weil sie die göttlichen Gebote verleugnen und verändern, auflösen und austilgen?

Siehe da, das Fundament der Klostergelübde ist Frevel, Gottesläste­rung und Ruchlosigkeit. Und dies widerfährt ihnen, daß sie Christus als Führer und Licht verachten und nun anderem und besserem zu fol­gen sich unterstehen. Denn wer die Wahrheit als Führerin verläßt, wem anders soll er folgen, als der Lüge? Wer der Ehre Gottes nicht folgt, der folgt billig den Gotteslästerungen. Es ist also dies schon der zweite Grund, warum man Klostergelübde meiden und wegfegen soll, so viel ihrer unter dem Himmel sind; und alle, die sie gelobt haben, sol­len auf den gemeinsamen Weg der Christen zurückkehren, Christus nachfolgend mit ruhigem und gutem Gewissen. Denn Gott selbst ist es, der davon zurückruft, dessen Gelübde verbietet, verdammt und als der höchsten Gottlosigkeit überführt.

Von der Jungfräulichkeit

»Aber die Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit ist ein Rat.« Christus selbst hat sie jedenfalls nicht geraten, sondern vielmehr davon abge­schreckt, er hat sie nur gezeigt und gepriesen, als er der Verschnittenen gedenkend sagte: »Wer es fassen kann, der fasse es« (Mt. 19,12) und wiederum: »Nicht alle fassen dies Wort« (Mt. 19,11). Sind das nicht vielmehr die Worte eines, der abrät und abschreckt? Denn niemand lädt er ein und fordert er dazu auf, sondern zeigt es allein. Paulus aller­dings sagt: »Ich gebe einen Rat« (1.Kor. 7,25); aber selbst er lädt niemand dazu ein, ja er schreckt noch mehr ab und warnt davor, da er sagt: »Aber ein jeglicher hat seine eigene Gabe von Gott« (1.Kor. 7,7). Er rät weder zu noch ab, läßt’s in der Schwebe. Doch un­sere unreinen Ehelosen fassen das Wort »raten« nicht anders denn: einladen, anspornen, auffordern und überreden zur Ehelosigkeit, an­dererseits abraten, abmahnen, warnen, abschrecken vor der Ehe, was sie denn auch tun in allen ihren Predigten und Schriften. Doch kom­men wir zur Sache selbst! Wenn die Ehelosigkeit ein evangelischer Rat ist, was sollen denn eure tollen Gelübde, daß ihr über das Evangelium hinaus aus einem Rat ein starres hartes Gebot macht? Denn nun lebt ihr schon nicht mehr nach dem Evangelium, sondern über das Evange­lium hinaus, darum auch gegen das Evangelium, weil ihr’s nicht mehr als Rat achtet. Wenn ihr dem Evangelium gehorcht, müßt ihr die Ehe­losigkeit frei lassen; wenn ihr sie nicht lasset frei sein, gehorcht ihr dem Evangelium nicht. Denn unmöglich kann ein Rat des Evangeliums zu einem Gebot werden, und ebenso unmöglich ist es, daß euer Gelübde ein Rat sei. Die gelobte Keuschheit widerstreitet also diametral dem Evangelium.

Darum so Gott, der Urheber des Evangeliums, nichts annimmt, das nicht evangelisch ist, so ist’s unmöglich, daß er das Gelübde der Ent­haltsamkeit billige, und nicht vielmehr es verabscheue. Wißt ihr Mön­che darauf etwas zu antworten? Verneint, daß der Rat des Evange­liums ein Rat ist, oder gebt zu, daß euer Gelübde nicht evangelisch ist. Denn ihr werdet euch nicht erdreisten zu versichern, Gott werde es leiden, daß irgendjemand aus seinem Rat ein Gebot mache oder ande­res, wie sein Evangelium, gelten lasse und fordere. Darum müßt ihr notwendig bekennen, daß euer Gelübde Gott nicht gefalle. Und hier haben wir bereits das dritte Gerüst, das fest und mächtig genug gegen die Mönchsgelübde aufgerichtet steht. Wir sehen also, daß die Mönchsgelübde nicht anders erfunden werden, denn als ein durch sich selbst immer trügender und verführender Irrtum, den der Christ mei­den und verlassen muß. Er kann auch nur denen unschädlich sein, die geistlich sind und sich retten, indem sie ihn gut benutzen; doch das ist allein den Auserwählten möglich, denen weder Irrtümer noch Sünden schließlich schaden können.

Der andere Grund ihres Unglaubens ist, daß sie das christliche Le­ben in den Stand der Vollkommenheit und Unvollkommenheit zertei­len. Der großen Menge geben sie den Stand der Unvollkommenheit, sich selbst den der Vollkommenheit. Und diese Unterscheidung be­messen sic nicht nach dem Maß des Geistes und des Glaubens und der Liebe, die sicher im gemeinen Volk allermeist herrschen, sondern nach dem Gepränge und der Fratze der äußeren Werke und ihrer Ge­lübde, in denen nichts von Geist, Glauben und Liebe ist; ja sie tilgen geradezu den Geist des Glaubens und der Liebe aus. Der Stand der Vollkommenheit ist aber der, daß man in trotzigem Glauben den Tod, das Leben, den Ruhm und die ganze Welt verachtet, und in heißer Liebe allen dient. Doch kaum findet man solche, die gieriger sind nach Leben und Ruhm, dazu leerer an Glauben, die den Tod heftiger fürch­ten, als diejenigen, die echte, rechte Mönche sind. Denn es kann nicht anders sein – so werden wir sagen – es müssen die den Glauben austil­gen, die sich auf Gelübde und Werke verlassen. Es verlassen sich aber darauf diejenigen, die sie für nötig erachten; denn wenn sie sich fürch­ten, sobald sie sie übertreten haben, müssen sie hoffen, wenn sie sie halten. Von ein- und demselben hängen ab Furcht und Hoffnung; da­von ein ander Mal. Es ist eine reine Erfindung und ein erdichtetes Nar­renspiel, wenn sie vom Stand der Vollkommenheit und Unvollkom­menheit sprechen; dies stammt aus der Unkenntnis des Glaubens und ist nur zur Verführung geeignet. Da wir also sehen, daß diese Möncherei gestopft voll ist von Gottlosigkeit, Irrtümern, Unwissenheit, so daß, wo auch immer man sie anschaut, man Unwissenheit, Gottlosigkeit und Irrtum findet, was zweifelst du denn, daß sie Gott mißfalle und die auf sie hin abgelegten Gelübde ungültig sind und vollständig zu lösen? Das sind die falschen Christusse, die da lehren: »Hier und dort ist Christus« (Mt. 24,23f.), und viele verführen, auch sogar die Auser­wählten, durch ihre lügenhaften Zeichen und Wunderwerke.

Ein Irrtum, sage ich, und ein gewaltiger Irrtum ist es, den Stand der Vollkommenheit nach den Räten und nicht nach den Geboten zu be­messen. Denn nicht sind, wie sie fälschlich vorgeben, die Räte über den Geboten, sondern im Gegenteil steht jener Rat der Enthaltsam­keit – denn es gibt nur diesen einen Rat – unter seinem Gebot. Denn das Gebot lautet, man solle nicht Begierde haben. Doch ohne Be­gierde gibt es weder eine Jungfrau noch einen Ehelosen in diesem Le­ben. Aber es weiß auch dieser elende, unwissende Haufe nicht, warum jenes geraten sei. Denn deswegen halten sie selbst diesen Rat, weil die Enthaltsamkeit an sich, wie sie meinen, ein sehr lobenswertes Werk sei, in dem Heil und Ehre sei; darum stellen sie sich sogar hoch über die übrigen Christen.

Aber Christus und Paulus lehren anders; sie erheben allein den Glauben und preisen die Ehelosigkeit nicht darum, weil sie vollkom­men sind in der Keuschheit vor den anderen, oder nicht wider das Ge­bot böse Begierde haben, sondern weil sie losgelöst von den Sorgen und der Anfechtung des Fleisches (1.Kor. 7,32), die Paulus der Ehe zuteilt, ungehinderter und freier dem Wort und Glauben sich Tag und Nacht mit Eifer widmen können, während der Mann, sich sorgend um Frau, Kinder, Familie und die Dinge dieses Lebens, losgerissen wird, und in viele Geschäfte sich teilen muß, die mit dem Wort nichts zu tun haben. So lobt Christus die Verschnittenen (Mt. 19,12), nicht weil sie sich selbst entmannen, sondern weil sie um des Himmelreichs willen sich entmannen, aber nicht also um des Himmelreichs willen, daß sie durch die Keuschheit selig werden, denn sonst müßten alle entmannt werden, während doch der Glaube allein selig macht, sondern um des Evangeliums willen, das er das Himmelreich nennt; denn der Predigt und Verbreitung des Evangeliums unter den Völkern kann der besser dienen, der unverheiratet ist und, ohne um andere sich sorgen zu müs­sen, ehelos lebt.

Es will also Christus, daß die Keuschheit eine Dienerin des Himmel­reichs sei, und zwar eine freiwillige Dienerin, nicht eine solche, die es verdienen will, sondern die es bereits hat und um es anderen zu vermit­teln, in einem Gehorsam, der keinen Lohn verlangt, arbeitet oder doch wenigstens sich selbst es mehrt, stets bereit, um des Himmelreichs wil­len zu sterben und die Welt zu verlassen. Und Paulus sagt, der ehelose Stand sei gut, wegen der bevorstehenden Not, nicht wegen des Glo­rienscheins im Himmel; denn die Not dieses, zumal des christlichen Lebens, ertragen besser, die frei und ehelos sind, als diejenigen, die gebunden und Eheleute sind. Und wiederum sagt Paulus: »Die Jung­frau und die Ledige sorget, was dem Herrn angehöret, wie sie Gott ge­falle, daß sie heilig sei an Leib und Geist« (1.Kor. 7,32.34). »Was heißt das: »Sorgen, was dem Herrn angehöret?« Doch wohl nicht, in einsamer und müßiger Keuschheit dahinleben? Nein, sondern auf das Wort Gottes Bedacht nehmen, ihm dienen, es predigen, Zeugnis able­gen und bereit sein, dafür sein Leben zu wagen; diesem Brauch der Keuschheit ist nichts fremder und nichts ist weiter davon entfernt, als das gegenwärtige Treiben der Mönche. Sie sind es auch gerade, die von ihrem rechten Brauch überhaupt nichts wissen, da sie nur für sich selbst keusch sind und lediglich mit Lärmen und Geräusch in den Kir­chen dienen und goldenen Lohn im Himmel sich selbst versprechen; natürlich, haben sie doch den Glauben ausgerottet.

Fürwahr, wenn du die Sache recht überlegst, kannst du sehen, daß Satanas deswegen die Lüge von den Räten und dem Stand der Vollkommenheit ausgeheckt hat, um diese heillose Mön­cherei herzurich­ten. Da er nämlich sah, daß man nichts dort gelobe, aber auch nicht ge­loben könne, das nicht zuvor alle in der Taufe gelobt haben – mit Aus­nahme der Enthaltsamkeit – hub er an Vollkommenheiten und Räte zu erdichten, um den allgemeinen Weg verächtlich und diesen beson­deren durch falschen Schein ansehnlich zu machen, damit man nicht geringe Dinge zu geloben schiene. Und er gewann die Macht in der Wirkung des Irrtums.

Noch weit frevelhafter ist aber dies, daß sie aus jenen vielen vorhergenannten und von ihnen erdichteten Räten nur drei ausgewählt haben, den Gehorsam, die Armut und die Keuschheit, die übrigen weder geloben noch halten sie: denn ganz frei haben sie gerichtliche Händel, rächen sie sich, hassen sie ihren Widersacher, fordern sie ihre Rechte ein, geben und borgen sie nichts, und doch rühmen sie sich noch, kraft einer zweiten Lüge und eines größeren Betruges, des Standes der Vollkommenheit und der Räte. Wahrlich, wenn sie diese Stücke für Räte und Vollkommenheit halten, so müßte man sie auch geloben, wenn der Stand der Vollkommenheit und der Räte in der Einrichtung der Gelübde besteht.

Wenn du nun jene drei ausgewählten Gelübde unter die Lupe nimmst, so wirst du sehen, daß ihr Gehorsam und ihre Armut in keiner Weise so sind, wie die Räte sie vorschreiben. Denn die Räte lehren, daß man sich allen unterwerfen und jeder den anderen höher achten müsse. Aber ihr Gelübde des Gehorsams nimmt sie vollständig heraus aus jener allgemeinen Demut, die durch das Evangelium übermittelt ist, und macht sie allein ihren Obersten untertan, und zwar nur gemäß der Regel ihrer Profeß[5], so daß denn auch St. Bernhard versichert, der Mönch sei nicht einmal seinem Abt verbunden, wenn er ihm anderes befiehlt, als die Regel enthält. Ich bitte euch, was ist das doch für ein Gehorsam, wenn man aus allem herausgenommen und nur einem, und auch diesem nur teilweise unterstellt wird? Ist nicht ein feiner Betrug ein solches Gelübde des Gehorsams? Das Evangelium befiehlt, aller stets und in allen Dingen zu weichen, untertan zu sein und zu gehor­chen. Und die öffentlichen Bekenner der Räte unterwerfen sich weder Gleichgestellten noch Geringeren, sondern nur allein ihrem Vorge­setzten und zwar nicht in allen, sondern in einigen Dingen. Da siehst du wiederum das Gedeihen derer, die Besseres aussuchen, als Christus gelehrt hat, und mit Verachtung ihres Führers sich selbst leiten.

Diese eigentlich faßt Petrus ins Auge, wenn er sagt 2.Petr. 3, es werden kommen, die nach ihren eigenen Wünschen wandeln, Betrüger und Spötter (2.Petr. 3,3). Wahrhaftig, Betrüger und Spötter brüsten sich des Gehorsams, lehren aber und befolgen mehr den Ungehorsam, verspotten jedoch die Vernunft aller und betrügen die Seelen der ein­fältigen Leute mit diesem Gepränge. Also siehst du, daß das mönchi­sche Leben durch die Vermischung von Irrtümern, Lügen, Unwissen­heit, Torheit, Täuschung und Betrug das echte, rechte Babylon dar- stellt, in dem die Erwählten nur wunderbar, wie die drei Knaben im Ofen (Dan. 3,21ff.) gerettet werden.

Was also gelobt nun ein Mönch? Seine Worte werden, falls du sie sinngemäß auslegst, folgende sein: »Gott, ich gelobe dir, nicht nach deinem Evangelium allen unterworfen sein zu wollen, sondern nur ei­nem einzigen Vorgesetzten, und nur nach der vorgeschriebenen Re­gel; und also gelobe ich dir, dein Evangelium zu halten.« Was ist dies wiederum anders, denn das Evangelium durch Geloben zu verleugnen und ein eigenes Evangelium zu begründen? Hier könnte man mit Jesaias sprechen, daß ihr Gelübde sei, wie wenn einer den Sohn vor den Augen des Vaters schlachte (Jes. 66,3). Oder schlachten sie nicht den Sohn Gottes, wenn sie sein Evangelium so ruchlos verleugnen, und doch gerade hierdurch es Gott darzubringen sich anmaßen? Sie be­kennen sich zum Gehorsam und verleugnen den Gehorsam. Und du meinst, daß solche ruchlose Gelübde etwas gelten bei Gott und gefor­dert werden?

Ebenso steht es auch mit dem Gelübde der Armut. Die evangelische Armut besteht darin, nichts zu wünschen im Geist und die Dinge frei zu verwalten zum Vorteil anderer. Was können denn jene darüber hinaus geloben, es sei denn den äußeren Gebrauch der Dinge? Denn die innere Begierde ist ja in der Taufe verleugnet worden, und die äu­ßere Verwaltung der Dinge ist auch durch das Evangelium zugelassen, und seines Gebrauchs können auch sie selbst nicht entraten. Aber auch hier betrügen sie sich selbst und alle, da sowohl niemand mehr Güter verwaltet als sie, wie auch niemand mehr als sie nicht zu ande­rer, sondern zu eigenem Vorteil sie braucht; unter jenem heiligen Ar­mutsgelübde sind sie die Geizigsten geworden und von allen am mei­sten in zeitlich Gut verstrickt. Da brüsten sie sich noch als öffentliche Bekenner der Räte, während doch kein weltlicher Mensch weiter von der Armut fern ist.

Daran liegt nichts, daß sie durch einen anderen ihre Güter besorgen. Denn mit dem Einverständnis und Willen aller besorgt ein Verwalter ihre Güter. Während sie so über das Evangelium hinausfliegen und Christus als Führer verlassen haben, stürzen sie dagegen in den Ab­grund des schändlichsten Irrtums, indem sie sagen, daß sie gehorsam und arm seien, während sie doch von allen die ungehorsamsten und reichsten sind; das kann jeder mit Händen greifen, und doch blenden diese Betrüger unsere Sinne mit ihren erdichteten Worten »Gehor­sam«, »Armut«, »Räte«, »Vollkommenheit«, »Orden« und ähnli­chen.

Darum ist von den Räten bei den öffentlichen Bekennern der Räte nichts vorhanden, sondern alle sind den Geboten aufs äußerste zuwi­der, ausgenommen allein die Keuschheit, die jedoch ohne evangeli­schen Brauch und Frucht da ist; denn sie hat Satanas durch keinen Schein ins Gegenteil verkehren können, wie er es mit dem Gehorsam und der Armut getan hat, er hat sie müssen lassen unberührt, aber zum allergrößten Verderben. Denn ihren rechten Brauch hat er vernichtet und sie über den gemeinsamen Glauben hinaus erhoben; dann hat er sie über die Maßen verbreitet, um auf Grund dessen, daß sie der Natur unmöglich ist, zahllose Seelen in seiner Schlinge zu fangen und zu ver­derben. So bleibt den öffentlichen Bekennern der Räte nur eine Keuschheit übrig, aber eine verkehrte und gottlose, die auch fast ganz durch Lüste völlig verderbt ist. Wehe jener verderbten Profeß der Räte und dem Stande der Vollkommenheit; denn was ist dies ganze, das so anspruchsvoll auftritt, anders, denn Irrtum, Betrug und Gottlo­sigkeit? Aber »du bist gerecht, Herr, und richtig ist dein Urteil« (Ps. 119,137); denn so müssen die fallen, die nicht nur ähnlich, son­dern überlegen sein wollen dem Höchsten und seinen Bund vergessen (Ps. 119,167), wie jenes Weib Spr. 2,17, die da verließ den Führer ih­rer Jugend.

Wie ich denn nun, wie gesagt, dem Franziskus und den anderen Vä­tern den Irrtum zuweise, daß sie das Evangelium für sich besonders entsprechend der Leidenschaft des Geistes in Anspruch genommen haben, so spreche ich sie doch von diesem Irrtum frei, daß ich nicht glaube, daß sie die Lügen und Erdichtungen von Räten, Vollkommen­heit, erdichtetem Gehorsam und Armut und verkehrter Keuschheit gebilligt haben. Denn während sie auf Antrieb des heiligen Geistes und in starkem Glauben und brennender Liebe nur dahin getrieben wurden, dem Evangelium in vollkommenster und würdigster Weise zu entsprechen, dachten sie nicht daran, wem es gehörte und auf wen es sich bezog, sondern nur daran, es zu erfüllen. Denn hatten nicht sie das Reich Gottes in Worten, sondern in Kraft (1.Kor. 4,20). Aber ihre blind darauf losstürmenden Nachfolger haben nur ihren äußeren Wandel angenommen, ihren Geist und Glauben aber haben sie lassen fahren, und es ist ihnen gegangen, wie den Chaldäern, die das Feuer unter den Ofen Babylons legten (Dan. 3,22); sie selbst kommen um, und die Heiligen werden gerettet, darum daß sie nach Psalm 27 die Werke Gottes nicht begriffen haben und seine Taten nicht erkannt ha­ben, darum zerstört sie Gott und erbaut sie nicht (Ps. 28,5). Denn es sagt Ps. 76: »Deine Pfade sind in großen Wassern, und deine Fußstap­fen werden nicht erkannt werden« (Ps. 77,20). Und Psalm 4: »Erken­net doch, daß der Herr seine Heiligen wunderlich führet« (Ps. 4,4). Und Psalm 67: »Gott ist wundersam in seinen Heiligen« (Ps. 68,36). Und Psalm 15: »Für die Heiligen, die auf Erden sind und für die sich Auszeichnenden, an denen habe ich mein ganzes Gefallen« (Ps. 16,3).

Aus diesen Zeugnissen lernen wir, daß man an den Heiligen Gottes nicht die Maske der äußeren Werke beachten muß, sondern den Glau­ben, durch den er sie leitet und wunderbar rettet, indem er zuläßt, daß sie oft irren und sündigen im äußeren Wandel, den jene gleichsam als Werke Gottes und rechten Weg annehmen, und im Abgrund der Irr­tümer versinken. Und der Apostel fügt Hebr. 13 nach der Aufforde­rung, auf den Ausgang der Vorsteher hinzuschauen, hinzu: »auf daß wir ihren Glauben nachahmen«. (Hebr. 13,7). Denn es steht fest bei Gott der Spruch, daß alle Heiligen durch denselben Geist und densel­ben Glauben leben, getrieben und geleitet werden, aber verschiedene Werke äußerlich wirken. Denn wie Gott nicht zu derselben Zeit durch sie wirkt, so auch nicht an demselben Ort, auch nicht dasselbe Werk und auch nicht vor denselben Personen, sondern er geht durch die Zei­ten, Orte, Werke und verschiedenen Personen und leitet sie immer in demselben Geist und Glauben, auf daß seine Wege verborgen seien und seine Fußstapfen unbekannt, während er jeden durch ein anderes Werk, einen anderen Ort, eine andere Zeit, andere Personen übt, als er an den anderen Heiligen gesehen und gehört hat und genötigt wird, durch Werk, Ort, Zeit, Personen, zufällige Umstände, die früher ihm unbekannt waren, dem leitenden und führenden Gott zu folgen.

Das ist die Glaubenserziehung, in der alle Heiligen erzogen sind, ein jeder durch seine Berufung. Darum ist es unmöglich, daß jene stürmi­schen Nacheiferer der Heiligen nicht höchst verderblich irren sollten, wenn sie mehr den Werken der Väter, auch den besten, folgen als ihrem Glauben im Geist, geschweige denn, sobald sie ihre Irrtümer und Sünden annehmen. Denn alle diese stehen in der Tür ihres Zeltes und sehen den Rücken des Mose, der ins Bundeszelt eintritt (2.Mos. 33,8). und sie wähnen, Gott zu finden in den genannten Werken, die zu dem allen zugänglichen Vorhof gehören, während doch geschrieben steht: »Der Herr ist an seinem heiligen Ort« (Ps. 68,6) und: »Der Herr ha! versprochen, er wolle im Dunkeln wohnen« (1.Kön. 8,12). Lies die ganze Schrift und sieh zu, ob die heiligen Männer dasselbe Werk ausgerichtet haben.

Mit Rücksicht darauf scheint mir Psalm 61 (62) offenbart zu sein, den man wohl mit Nutzen hier durchgehen dürfte: »Meine Seele ist stille zu Gott; denn von ihm kommt mein Heil. Er ist mein Fels und mein Heil, und mein Schutz, ich werde nicht wanken. Wie stürzt ihr euch alle auf einen Mann, und werdet alle getötet? Wie eine überhän­gende Wand und eine zerstoßene Mauer. Sie gedachten ihn zu heben und zu vertreiben. Sie werden Gefallen haben an Lügen, sie werden segnen mit ihrem Mund und in der Tiefe ihres Herzens werden sie ver­fluchen. Sela. Aber sei stille zu Gott, meine Seele, denn von ihm kommt meine Hoffnung. Er ist mein Fels und mein Heil, mein Schutz, nicht werde ich wanken. Auf Gott steht mein Heil und mein Ruhm; der Fels meiner Kraft, meine Zuversicht ist in Gott. Hoffet, ihr Völker, auf ihn allezeit, schüttet aus euer Herz vor ihm, Gott ist unsere Zuver­sicht. Sela. Doch Eitelkeit sind die Menschenkinder; Lüge sind die Söhne der Leute, sie sind in der Wage, um emporzuschnellen; insge­samt sind sie Eitelkeit. Setzt nicht eure Hoffnung auf Verleumdung und Raub, hütet euch, eitel zu werden; fließt euch Reichtum zu, hängt euer Herz nicht daran. Gott hat einmal geredet, das hab’ ich zweimal gehört, daß die Kraft Gott gehört. Und dein, Herr, ist die Barmherzig­keit, denn du wirst jedem vergelten nach seinen Werken.«

Es gibt keinen anderen Psalm, in dem so oft wiederholt und einge­prägt wird die Hoffnung, die Zuversicht, die Erwartung auf Gott. Denn zwanzigmal fast wiederholt er sie, und der ganze Psalm läßt die Zuversicht auf Gott erklingen, der von allem am kräftigsten widersteht das Beispiel der Werke der Heiligen. Denn dies ist der wahre Heils­weg, Gott untertan zu sein, ihm im Glauben nachzugeben und stille zu sein, wegzutun alle geräuschvolle Hoffnung auf die Wer­ke, durch die die Gottlosen ihn zu finden suchen, und sich seiner Führung darzubie­ten, daß er selbst in uns wirke, und nicht wir wirken. Denn wir sehen an den Nachfolgern der Heiligen nichts als das Getöse der Werke, die sie an den Heiligen gesehen haben; denn damit ermüden sie sich Tag und Nacht, niemals aber sind sie stille zu Gott, ihm untertan durch den Glauben. Darum wanken sie und sind unbeständigen Herzens, da das Herz nicht durch Werke Ruhe finden kann. Ihre Zuversicht steht auf den Werken, die sie dem Beispiel der Heiligen abgesehen haben, durch die sie hoffen dorthin zu gelangen, wohin jene durch den Glau­ben allein gelangt sind.

Es schreit aber der Psalmist über ihre sich überstürzende Blindheit, in der sie herdenweise darauf losstürmen, das Werk irgendeines gro­ßen Mannes nachzuahmen, statt daß sie vielmehr und zunächst es ler­nen, stille zu sein und Gott zu trauen. Warum, so sagt er, stürzt ihr euch so auf die Larve der Werke? Warum tötet ihr euch selbst alle? Ihr lauft dahin und stürzt euch alle selbst jählings in den Tod. Gott ist eine hohe Mauer und ein treuer Schutz, wie Salomo sagt: »Ein hoher Turm, d. i. ein hoch erbauter, ist der Name des Herrn, zu ihm eilt der Gerechte hin und wird gerettet« (Spr. 18,10). Aber dagegen ihr! Alles was ihr schafft, wird sein wie eine überhängende Wand und wie eine zerbröckelnde Mauer. Wer sich an sie anlehnt, wird mit ihr fallen, ausgestoßen werden und sehr wanken. Das Wort »ihr stürzt euch« wollen sie auch dasselbe bedeuten lassen wie »versammelt werden« und auch »arg werden«. Beides bestätigt den vorgenannten Sinn.

Dunkel aber und zweifelhaft ist, was nun folgt: »Sie gedachten ihn zu heben und zu vertreiben.« Unser Text[6] hat die Worte: »Gleichwohl mein Lohn«; das römische Psalterium[7]: »mei­ne Ehre«, Hieronymus[8]: »mein Teil«, nämlich mein Opfer. Denn von dem Wort werden Opfer, Gaben und Teile der heiligen Dinge genannt, nämlich von »erheben«. Ich meine darum, daß der Sinn sei, daß die Gottlosen an den Beispie­len der Heiligen das, was allein kostbar, verehrungswürdig, edel und vornehm, und sogar ein Teil der Heiligkeit selbst ist, nämlich den Glauben, nicht nur nicht befolgen, sondern in einhelliger Absicht oder Raserei vielmehr darauf aus sind, ihn herauszuwerfen und zu vertil­gen, und nur die Fratzen der Werke rühmen und predigen. Denn nie­mand folgt weniger dem Beispiel der Heiligen, niemand auch macht es mehr zunichte, als wer allein ihren Werken und nicht ihrem Glauben nachfolgt. So ist niemand heute weniger Franziskaner, als gerade die am meisten Franziskaner sein wollen, die nämlich, die nach der Obser­vanz[9] genannt werden. Ja gerade sie sind seine erbittertsten Fein­de und sind aufs wütendste darauf bedacht, seinen Glauben zu verstoßen.

Darum folgt: »Sie werden Gefallen haben an Lügen«; sie halten nämlich fest am Schein, verwüsten den Glauben und rühmen sich des­sen und gefallen sich sonderlich vor allen anderen Menschen, als wä­ren sie die heiligsten; sie segnen mit dem Munde und fluchen mit dem Herzen. Denn sie loben Gott, Christus, St. Franziskus, Dominikus und die anderen, deren Nachfolger zu sein sie sich rühmen. Aber dies Lob ist die größte Gotteslästerung, da sie den Glauben vertilgen und nur den Schein als Wahrheit annehmen. So ist denn nun der ganze Psalm deutlich, der uns lehrt, Gott zu vertrauen und daß ohne Glauben alles Lüge ist.

Jes. 30 hat diesen Psalm entweder nachgebildet oder ausgelegt, wenn es dort ebenfalls heißt: »Denn es ist ein Volk, das zum Jähzorn reizt, verlogene Kinder, die nicht hören wollen das Gesetz Gottes. Sie sagen zu den Sehern: ›Ihr sollt nicht sehen‹, und zu den Weissagern: ›Ihr sollt uns nicht weissagen, was recht ist; ihr sollt reden, was uns ge­fällt; weissaget uns Irrtümer, nehmt mir weg den Weg, entfernt von mir den Pfad; es möge weichen von unserem Antlitz der Heilige Israels‹. Darum spricht der Heilige Israels also: Dafür, daß ihr dies Wort verworfen habt und gehofft habt auf Frevel und Getümmel und euch darauf gestützt habt, darum soll euch diese Missetat werden wie ein Riß, der Einsturz droht und an einer hohen Mauer hervortritt; denn ei­lends, wenn man es nicht erwartet, wird die Zertrümmerung kom­men.« (Jes.30,9-13). Und weiter unten: »Wenn ihr umkehrt und ru­hig werdet, so werdet ihr gerettet. In Stille und Hoffnung wird eure Stärke bestehen« usw. (Jes. 30,15).

II. Daß die Gelübde wider den Glauben sind

Daß die Mönchsgelübde wider das Wort Gottes sind, dürfte hiermit ausreichend besprochen sein. Wir wollen nun beweisen, daß sie auch dem christlichen Glauben widerstreiten, auf daß wir um so mehr mö­gen erkennen, daß dies hauptsächlich den Greuel ausmacht, der an heiliger Stätte stehet (Mt. 24,15). Laßt uns aber hier als unseren fe­sten, starken Fels, der unser Glaubensgrund ist, das Wort des Paulus Röm. 14 nehmen: »Alles, was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sün­de« (Röm. 14,23). Daraus schließen wir, daß die Mönchsgelübde Sünde sind, wenn sie nicht aus dem Glauben stammen. Aus dem Glau­ben aber sind sie nicht, wenn sie ewig gezwungen und nicht frei sind also daß man sie halten oder nicht halten kann.

Aber weil diese Blätter Gegnern oder Schwachen in die Hände fal­len werden, muß ich ihren Auswegen zuvorkommen, und die Furt, die durch diesen Jordan führt, vorher besetzen, daß uns nicht diese Für­sten der Midianiter entkommen (Ri. 7,24). Denn zunächst werden sie leugnen, daß der Glaube an dieser Stelle (Röm. 14,23) der christliche Glaube sei; sie haben nämlich eine menschliche Glosse, die noch dunkler ist als der Text, und die von ihnen selbst nie verstanden ist, auf daß sie nach ihrer Weise die Kraft der Schrift verspotten durch solche Fündlein, denen sie mehr glauben als den lauteren und klaren Worten Gottes, aus keiner anderen Ursache, als weil sie dem Grund ihres Un­glaubens widerstreiten, durch den sie festgesetzt haben, nicht alles sei Sünde, das ohne Glauben geschehe. Da nun Paulus dieser gegen Gott gerichteten Lüge widerstrebte, wurde er genötigt, die Maske einer Glosse anzulegen und dem Verständnis jener zu weichen. Die Glosse lautet aber so: »Glaube« bedeute an diesem Ort »Gewissen«. Das »nicht aus dem Glauben sein« heißt also soviel wie: »gegen das Gewis­sen handeln«. Wer aber wider das Gewissen handelt, der baut sich den Weg zur Hölle. Dies habe ich berichtet, damit sie nicht glauben, daß ich ihre treffliche Weisheit weder kenne noch gelesen habe. Sodann werden sie auch dies ganz besonders kräftig leugnen, daß erzwungene Gelübde ohne Glauben sind. Denn sie haben einen in viele Teile zer­legten Glauben: den allgemeinen, den besonderen, den erworbenen, den eingeflößten, den ungestalteten, den gestalteten, den katholi­schen, den partikularen, den unvollständigen und den vollständigen Glauben, das heißt also, ein echt babylonisches Wirrwarr von Irrtü­mern und Meinungen. Damit nun diese Amoriter und Frösche nicht auf den Gedanken kommen, ich wisse nichts davon, werde ich genö­tigt, gegen sie zu disputieren, und meinen Felsen zwar nicht zu befesti­gen, aber als einen festen zu erweisen und den Rauch, die Wolken und den Nebel zu vertreiben, der durch Menschen gewirkt ist.

Christus sagt: »Wer nicht glaubt, wird verdammt«, Markus am letz­ten (Mk. 16,16). Und Joh.8: »Wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in eurer Sünde.« (Joh. 8,24). Und Joh. 16: »Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich« (Joh. 16,8f.). Nimm also einen Mönch, der keusch, gehorsam, arm, al­ler Tugenden voll ist, noch so große Werke verrichtet, aber ohne Glauben, wird der etwa nicht verdammt werden? Bleibt nicht der Spruch: »Wer nicht glaubt, wird verdammt?« Hat er nicht eine Sünde, die der Geist straft? Wird er nicht in seiner Sünde sterben? Aber Tod, Verdammnis, Strafe wird dem nicht gedroht, der nicht sündigt.

Und es geht nicht an, mit ihnen auszuweichen und zu sagen, daß die Sünde des Unglaubens zwar verdammt werde, aber nicht alles, was in der Sünde des Unglaubens geschieht. Kann denn etwa ein schlechter Baum gute Früchte bringen? (Mt. 7,18). Und ist, was in der Sünde ge­schehen, nicht Sünde? Mit dem Vorsatz des Ehebruchs Brot dem Be­dürftigen zu geben ist Sünde, und ein Gelübde abzulegen mit dem Vorsatz nicht zu glauben, ist keine Sünde? Aber auch Joh. 3 verstopft solch gottlosen Mund, wenn er sagt: »Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubet nicht an den Namen des eingebornen Soh­nes Gottes« (Joh. 3,18). Von welchem Glauben, frage ich, redet er hier? Von dem eingeflößten, dem erworbenen, dem allgemeinen usw.? Spricht er nicht von dem, der lebendig macht? Wer ohne den ist, der ist schon gerichtet. Und wiederum: »Wer nicht dem Sohn glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm« (Joh. 3,36). Aber der Zorn Gottes bleibt nicht über denjenigen, die nicht sündigen. Wenn also die Werke ohne den Glauben nicht Sünde sind, so ruht kein Zorn über dem, der solche Werke tut, und durch Werke wird er den Zorn von sich abwenden, so daß der Glaube nicht nötig ist. Gibt es eine größere Gotteslästerung als diese?

Unser Fels wird also als fest erfunden, und nachdem die Wolken vertrieben sind, stürzt er den Grund ihres Unglaubens um; es steht auch unerschütterlich fest das Wort des Paulus: »Alles, was nicht aus dem Glauben ist, ist Sünde«, und er kümmert sich nicht darum, daß der Spruch ihnen hart erscheint. Hart war auch für Christus der Tod, den er für uns auf sich nahm; etwas Großes war es, daß der Sohn Got­tes Fleisch wurde und für uns dahingegeben wurde. Nichtsdestoweni­ger glauben wir jedoch, daß dies geschehen. Man muß in Gottes Sa­chen nicht unserem Urteil folgen, und nicht zum Maßstab der Defini­tion das machen, was unserem Verstände hart, weich, schwer, leicht, gut, böse, gerecht, ungerecht scheint. »Du sollst nicht tun,« heißt es 5.Mos. 12, »was dich recht dünket« (5.Mos. 12,18). So machen es je­doch die ganz gottlosen Rotten der Schulen; alles Göttliche schätzen sie nach dem Urteil des menschlichen Verstandes ab, und wo der Fels des Glaubens sollte stehen, da legen sie den Sand und den Sumpf des Unglaubens als Glaubensgrund. Aber den Worten ihres Glaubens muß sich unser Verstand anschmiegen, und unsere Vernunft muß sich gefangen nehmen lassen in den Gehorsam Christi (2.Kor. 10,5).

Das hat nicht getan die Pariser Hure[10] mit ihrer unverschämten Stirn und ihrer schon vor Zeiten preisgegebenen Schamhaftigkeit, die neulich es gewagt hat, ihre Beine zu spreizen und der ganzen Welt ihre ekelhafte Schande zu entblößen (Hes. 16,25; 23,18) und zu sagen, das Gebot, sich nicht zu rächen, müsse als Rat angesehen werden, nicht deswegen, weil die heiligen Schriften so lehren, sondern weil der menschliche Verstand behauptet, es beschwere dies allzusehr das christliche Gesetz. In derselben frommen Weise werden sie auch sa­gen, daß keine Hölle sei, sondern die Schrift drohe nur damit; denn der menschliche Verstand schrecke vor der Annahme zurück, daß ein Mensch ewig gequält werde; wie es denn heißt, daß Origenes über diese Meinung gestrauchelt sei. O welche Schulen! O welche Fakultä­ten! O welche Theologen! Der neueste Auswurf und Unflat! In dieser Form nehmt ihr euren Verstand, das sind die Worte Gottes, gefangen in den Gehorsam Christi, das ist in eure eigene Vernunft! Darum schließen wir hier auf Grund dieser göttlichen Autorität und wagen zuversichtlich zu sagen: Dies sagt der Herr der Heerscharen: Die Mönchsgelübde, die ohne Glauben geschehen und gehalten sind, sind Sünde, darum auch nichtig, verdammenswert, zu widerrufen und auf­zugeben, oder aber anders aufs neue zu geloben und zu halten.

Daß sie nun den Glauben an diesem Ort zum Gewissen machen, tun sie aus lauterer, menschlicher Verwegenheit. Denn sie können kein Jota aus der Schrift anführen, um zu beweisen, daß der Glaube biswei­len in diesem Sinne verstanden werde. Ich habe noch keinen Ort gese­hen, an dem der Glaube anders wie überall und gleichmäßig als christ­licher Glaube verstanden werde. Doch es würde zu weit führen und von der Sache abbringen, dies jetzt zu zeigen. Laßt uns jedoch diese ihre dunkle Glosse ertragen und diese menschliche Bosheit zum Guten ausnutzen durch den Geist, der uns gegeben ist. Denn wenn sie das Wort Gewissen in jener Glosse recht verstünden, so würden sie nicht übel reden. Denn es ist gewißlich wahr, wenn du ein Werk tust und glaubst, darin übel zu tun, so sündigst du und pflasterst dir, wie es heißt, einen Weg zur Hölle. Aber darin irren sie, daß sie dies Gewissen nicht zu einem solchen machen, das allen ohne den Glauben an Chri­stus geschehenen Werken gilt, sondern es nur gewissen Fällen Vorbe­halten. in welchen man, wie sie sagen, ein irrendes Gewissen habe.

Sie irren deswegen hierin, weil sie ihr Auge nur auf die groben Sün­den der Lust, des Zorns, der Begierde richten, dagegen auf diese fei­nen und tiefen Sünden des Herzens ein solches Gewissen nie beziehen.

Wohlan, laßt uns versuchen, ob wir dies tun können. Wenn du ein Werk tust, von dem du nicht fest glaubst, daß es Gott gefalle, oder so du zweifelst, daß es Gott gefalle, handelst du da nicht wider das Gewis­sen? Denn du tust es, und glaubst nicht, Gott zu gefallen ; wenn du aber nicht glaubst, ihm zu gefallen, so hast du das Gewissen, daß das Werk nicht wohlgefällig sei. Und also tust du wider das Gewissen das, von dem du selbst sagst, daß es Gott nicht wohlgefällig sei.

Aber sind nicht derartig alle Gelübde und gelobten Werke, die au­ßerhalb des Glaubens stehen? Nenne mir einen, der zu versichern wagte, sein Gelübde sei gefällig und angenehm vor Gott. Lehren sie doch vielmehr, dies zu versichern sei Anmaßung, da es ihr Wille ist, daß man in Furcht und Ungewißheit bleibe. Aber Gott hat geheißen, sicher und ohne Zweifel auf seine Barmherzigkeit zu trauen und zu hoffen, daß wir und unsere Werke wohlgefällig sind, nicht auf Grund seiner Güte. Denn dies ist das Gewissen eines gesunden Glaubens, welches diesem Befehl und dieser Verheißung treu und ohne Wanken anhängt. Ein solches Gewissen aber verwüstet und gegen ein solches Gewissen sündigt ein Gewissen, welches nicht glaubt, oder, was das­selbe ist, zweifelt, daß es mit seinen Werken Gott gefalle; darum sün­digt es gegen sich selbst und zugleich gegen die Verheißung Gottes, da es etwas tut, von dem es glaubt, daß es nicht gefällt.

Wer aber befreit uns von diesem gottlosen, gegen sich selbst sündi­genden Gewissen? Die Natur kann es nicht; denn wieviel Gutes du auch tust, wenn du auch dein Blut vergießest, immer und andauernd zuckt doch unruhig dein Gewissen und sagt: Wer weiß, ob dies Gott gefällt? Denn wahr ist jenes Wort des Weisen: »Die Gedanken der Menschen sind furchtsam, und unsicher ist unsere Vorsorge« (Weish. Sal. 9,14). Darum ist die Natur nicht im Besitz, und erlangen die Werke nicht ein gutes und sicheres Gewissen. Wenn aber Christus dadurch, daß man sein Wort hört, dem Herzen offenbar geworden ist, daß er es sei, der für uns zum Priester gemacht ist, uns gegeben, sein Blut vergossen, unsere Sünden getragen und uns als die Seinen ange­nommen hat, so erfreut, sage ich, dies Wort das Herz, richtet das Ge­wissen auf, daß es wagt zu sprechen und seiner sich zu rühmen: »Wenn Christus für mich und mein ist, wer ist gegen mich? (Röm. 8,31). Wie soll ich und all mein Werk nicht wohlgefällig sein, wenn Chri­stus mir gehört und ich ihm? Christus kann doch nicht mißfällig sein?«

Siehe, das ist der Glaube, den die Schrift lehrt; wer den hat, kann nicht wider das Gewissen handeln, denn er kann nicht zweifeln, daß er Gott gefalle um Christi willen, der ihm geschenkt ist. Wer ihn aber nicht hat, der muß immer wider das Gewissen handeln, weil erzweifeln muß, daß er Gott gefalle. Denn es fehlt die Verheißung Gottes und Christus, das Pfand der Ver­hei­ßung; zurückgeblieben ist allein die Natur, die ungewiß ist darüber, was Gott von ihr denkt. Aber der die Verheißung und Christum hat, der weiß ganz gewiß, was Gott über ihn denkt, nämlich Gedanken des Friedens, um des Blutes Christi willen, welches Vergebung der Sünden und »Abba, lieber Vater« (Röm. 8,15) in unseren Herzen schreit.

Also sind die Gedanken der Menschen verzagt und er will nicht, daß wir uns auf sie stützen. Darum hat er die Verheißung der Barmherzig­keit gegeben, zu vertrauen geheißen, als unschätzbares Pfand seinen eingeborenen Sohn hinzugefügt, daß wir auf seine Gedanken, die durch die Verheißung offenbart und durch Christus versiegelt sind, si­cher und fest auch gegen die Pforten der Hölle uns stützen, in der Wei­se, daß wenn wir auch straucheln und sündigen, wir doch bald wieder aufstehen, immer wissend, daß wir ihm um Christi willen gefallen müs­sen, die wir um unseretwillen mißfallen müssen.

In diesem Sinn ist jene Glosse fromm, gewinnt eine gute Verwen­dung und stimmt mit Paulus und der ganzen Schrift in allem zusam­men. Denn der handelt wahrhaftig wider sein Gewissen und sündigt, der nicht glaubt oder Christus nicht hat. Und umgekehrt, der glaubt nicht wahrhaftig, der gegen sein Gewissen handelt, so daß der Spruch bestehen bleibt: »Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden« (Mk. 16,16), weil er nicht glaubt, daß ihm die Sünden unzweifelhaft vergeben sind; dieses Gewissen taucht ihn in die Verdammnis hinein, denn es bleibt beschwert mit Sünden.

Nun müssen wir weiter sehen, wie Klostergelübde ohne Glauben sind. Es ist gezeigt und durch unüberwindliche Zeugnisse bekräftigt, daß alles, was nicht aus dem Glauben stammt, Sünde ist (Röm. 14,23), es aber allein des Glaubens Sache ist, Sündenvergebung zu wirken, ein gewisses, fröhliches und von Sünden freies Gewissen zu schaffen. Die Werke aber oder die Früchte des Glaubens erstrecken sich nicht ei­gentlich auf die Vergebung der Sünden und ein frohes Gewissen, son­dern sind die Früchte der schon gegenwärtigen und vorangehenden Vergebung und des guten Gewissens. Erinnere dich bitte so genau wie möglich, lieber Leser, dessen, daß die Werke vor dem Glauben Sünde sind, daß allein der Glaube ohne die Werke Sündenvergebung, Recht­fertigung und ein gutes Gewissen wirkt, daß die Werke aber nach dem Glauben die Früchte des bereits gerechtfertigten Menschen sind, und aus der Sündenvergebung und dem guten Gewissen, d. i. aus Glauben und Liebe hervorgehen.

Erinnere dich, sage ich, dessen; denn dies ist der Wind, der da wird wehen auf das Gras der Gelübde und ihre Blüte (Jes. 40,7), und das Gras austrocknen, und ihre Blüte verwelken lassen wird. Nicht Menschliches, sondern Göttliches ist es, worauf wir uns stützen. Denn es steht fest, daß vor dem Glauben und ohne jenen lebendigmachenden und besten christlichen Glauben nicht nur Vergebung der Sünden und gutes Gewissen durch Werke oder Gelübde nicht erreicht werden kann, sondern daß notwendig, was geschieht, Sünde ist. Hier wirst du schon sehen, wie geartet die Frömmigkeit derer ist, die ihre Gelübde ablegen, und wie beschaffen ihr allgemeiner, erworbener, eingeflößter Glaube ist, in dem sie ihr Gelübde geben, ob du sie für Juden oder Christen halten sollst. Paulus sagt zu den Galatern im dritten Kapitel: »Das Gesetz ist nicht aus dem Glauben« (Gal. 3,12). Und wiederum: »Aus den Werken des Gesetzes wird kein Fleisch vor ihm gerecht­fertigt« (Röm. 3,30). Und: »Die der Gerechtigkeit des Gesetzes nachtrachten, gelangen nicht zur Gerechtigkeit des Gesetzes« (Röm. 9,31).

Dies alles ergibt mit dem Vorausgegangenen folgende Bestimmung: Wer die Vergebung, die Genugtuung für die Sünden, die Rechtferti­gung einem anderen Ding als dem Glauben allein zuschreibt und auf anderem Wege als durch den Glauben zu erlangen sucht, der hat Christum verleugnet, die Gnade verworfen und als Abtrünniger das Evangelium verlassen. Denn so läßt sich Paulus gegen die Galater hö­ren: »Ihr seid von der Gnade abgefallen, die ihr durch das Gesetz ge­recht werden wollt« (Gal. 5,4). Nun sind Gelübde und Werke der Ge­lübde Gesetz und Werke, nicht Glaube und nicht aus dem Glauben. Denn was ist das Gelübde anderes, denn ein Gesetz? Ich berufe mich auf ihre eigenen Worte, die da lauten: »Was vor dem Gelübde frei war, ist nach dem Gelübde notwendig, und ist kein Rat mehr, sondern ein Gebot.«

Die also in der Absicht ihr Gelübde geben, durch diese Art des Le­bens gut und selig zu werden, ihre Sünden zu tilgen und an guten Wer­ken reich zu werden, sind sie nicht ganz offenkundig gottlos und Juden, vom Glauben abgefallen, ja lästern und verleugnen sie nicht vielmehr den Glauben? Denn sie teilen ihren Gesetzen und Werken das zu, was dem Glauben allein eigentümlich ist. Von ihnen hat Paulus vortrefflich geweissagt: »In den letzten Tagen werden etliche vom Glauben abtre­ten und anhangen den Geistern des Irrtums und den Lehren der Teu­fel, die in Gleißnerei Lüge reden« (1.Tim. 4,1.2). Diese Trennung und diesen Abfall erwähnt er auch im Brief an die Thessalonicher (2.Thess. 2,3). Wo aber ist diese Trennung, wenn nicht dort, wo man zu den Werken läuft und den Werken das zuteilt, was dem Glauben gehört?

Laß uns nun alle diejenigen, die Gelübde ablegen, fragen, in welcher Meinung sie diese ablegen, und du wirst sie von der ruchlosen Meinung besessen finden, daß sie glauben, die Gnade der Taufe sei nichtig ge­worden und man müsse schon auf dem zweiten Brett der Buße dem Schiffbruch entfliehen.[11] Darum müsse man suchen, durch eine ge­lobte und geweihte Form des Lebens nicht nur gut zu werden und die Sünden zu tilgen, sondern auch größere Reue zu bezeugen und besser zu werden, als die übrigen Christen. Daß sie dies alles in Werken und Gelübden suchen und nicht im Glauben, ist ganz gewiß, das bezeugt ihr Wort: Wenn ich dies nicht suchte und fände, was sollte ich dann im Kloster suchen? Was sollte ich dann mich anstrengen?

Denn so sie wüßten, daß man durch Glauben allein dies leisten und gewinnen könne, so würden sie folgern: Was ist’s also nötig, Gelübde abzulegen und Mönch zu werden? Denn sofort würden sie begreifen, daß diese Art des Lebens überflüssig und unnötig sei, sowohl zur Ge­rechtigkeit wie zum Heil, ja sogar eitel und zuwider. Denn sobald erst die Kunde vom Glauben offenbart wird, wird alles übrige als unnötig zur Gerechtigkeit befunden. Wenn sie nun dies gewußt hätten, so hät­ten sie niemals ein Gelübde abgelegt. Denn niemand würde vergeblich arbeiten wollen, besonders wenn es sich um eine solche, das ganze Le­ben währende Anstrengung handelt. Darum werden sie durch dies Zeugnis überführt, daß sie deswegen ihr Gelübde abgelegt haben, weil sie diese geweihte Art des Lebens für nützlich und notwendig zur Ge­rechtigkeit oder zum guten Leben gehalten haben, ja vielmehr, daß sie nichts für nützlicher und besser gehalten haben. Aber diese Meinung ist gottlos, frevelhaft, wider den Glauben, der allein nötig und nützlich ist, und es gibt nichts, das nützlicher und nötiger zur Gerechtigkeit wäre.

Dies aber überführt sie viel kräftiger und sicherer, daß sie in keiner anderen als dieser ungläubigen und gottlosen Meinung ihr Gelübde ablegen und leben, daß sie den Grund ihres Unglaubens öffentlich leh­ren und sagen, der Mensch könne durch seine natürlichen Werke die Gnade und Vergebung der Sünden erlangen. Denn das ist aller Über­zeugung, deswegen nämlich geloben sie auch, um durch diese Art des Lebens die Gnade Gottes zu erlangen, gemäß dem vorgenannten Grund ihres Unglaubens; doch was tun sie damit anders, denn daß sie Christum verleugnen und vom Glauben abtreten? Ja, ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, daß einige sehr angesehene Leute un­ter ihnen lehren, der Mönch sei durch diese Gnade ganz besonders reich, so daß, so oft er das Ordensgelübde in seinem Herzen durch ir­gend eine kleine Zerknirschung erneuert hat, er ebenso oft von neuem in den Orden eintritt. Diesen Eintritt aber verglich er der Taufe, wie es alle tun.[12] So viele Wasserfluten der Taufen haben jene verderbten Sachwalter der Werke, und geben dem Glauben nur die eine Taufe, die aber durch eine einzige Sünde vernichtet ist.

Wenn nun einige da sind, die nicht dieser Überzeugung sind, wäh­rend sie doch weder anderes hören noch sehen, so müssen sie doch mitten in dieser gottlosen Lehre und diesem ungläubigen Leben gleichwie die Knaben im feurigen Ofen zu Babylon durch die Kraft Gottes allein, der inwendig richtig lehrt und mächtig rettet, wunderbar bewahrt werden. Darum, wenn es keine andere Ursache gäbe, das Mönchsgelübde zu widerrufen und zu verlassen, so würde doch diese gottlose Verleugnung Christi und Verachtung des Glaubens ganz hin­reichend dringen und zwingen. Niemand kann ausreichend ermessen, wie gewichtig und ernst das Wort des Paulus ist, das wir angeführt ha­ben: »In den letzten Tagen werden etliche vom Glauben abtreten und anhangen den Geistern des Irrtums und den Lehren der Teufel, die in Gleißnerei Lügen reden, die ein Brandmal in ihrem Gewissen haben, die verbieten ehelich zu werden, und zu meiden die Speisen, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen und de­nen, die die Wahrheit erkannt haben« (1.Tim. 4,1-3).

Ich darf durchaus vermöge der Kraft dieses Wortes allein, da es ein Wort des heiligen Geistes ist, der unser Gott ist hochgelobet, Amen, es wagen, alle Mönche von ihren Gelübden loszusprechen und mit Zu­versicht zu verkünden, daß ihre Gelübde vor Gott verworfen und nichts sind. Denn vorher habe ich allein die Priester von der Ehelosig­keit auf die Kraft dieses Wortes hin losgesprochen, ich habe aber die Sache mir näher angesehen und die Worte des Paulus sorgfältiger er­wogen und nun gefunden, daß seine Lehre ganz allgemein allen gelte, sowohl Mönchen wie Priestern. Darum dürfte es nützlich sein, etwas genauer diese Worte des Paulus zu beachten.

Und zunächst gilt es, diejenigen von Grund aus zu widerlegen, die um den Papst, die Priester und Mönche zu ehren diese Stelle gewalt­sam auf die Tatianer[13] deuten und es nicht dulden, daß sie von unserer Ehelosigkeit verstanden werde. Die Worte selbst zwingen dazu, daß man sie von den Tatianern verstehe. Denn die Tatianer verboten nicht nur, sondern verdammten die Ehe überhaupt, indem sie sagten, sie sei böse und Sünde. Ähnlich auch die Manichäer,[14] sie verboten nicht nur, sondern verdammten die Speisen, als die mit einem Stück der Finster­nis vermischt waren usw. Aber der Papst und die Papisten verdammen weder die Speise noch die Ehe, sie verbieten nur zu heiraten und ver­langen die Enthaltsamkeit von guten Speisen, die sie als von Gott ge­schaffen bekennen, und sie tun dies unter dem Schein einer größeren Frömmigkeit, was Paulus vor aller Welt berührt, wenn er sagt: »Die in Gleißnerei Lügen reden.«

Denn die Papisten lehren nicht, daß es nötig sei oder von Gott gebo­ten, von Speisen und Ehe sich zu enthalten; sondern mit Wissen und Einsicht verbieten sie solches aus eigener Gewalt, um Heuchelei zu er­zielen. Die Tatianer und Manichäer aber wollten ihre Erdichtung als notwendig und von Gott geboten angesehen wissen; sie wußten nicht, daß es eigene Fündlein waren, die sie lehrten, und sie glaubten nicht durch den Schein einer größeren Frömmigkeit, sondern durch die wahre und allgemein notwendige Frömmigkeit getrieben zu werden. Daher haben wir diesen Spruch des Paulus, der gerade unsere Ehelo­sen trifft, den Papst, die Priester, die Mönche und Nonnen.

Und gesetzt auch, wir geben noch so bereitwillig zu, daß Paulus von den Tatianern und Manichäern spricht, so kann doch nicht geleugnet werden, daß er auch von den Papisten spricht, soweit sie mit jenen zu­sammenstimmen. Redet der Evangelist Johannes nicht deswegen ge­gen Sabellius von der Gottheit Christi, weil seine Worte gegen die Arianer[15] kämpfen? Oder redet er nicht gegen Cerinth,[16] weil seine Worte die Juden widerlegen? Oder gelten sie nicht wider die Türken, weil sie gegen die Heiden Geltung haben? Sie gelten und kämpfen überhaupt gegen alle, unter welchem Namen und welcher Sekte sie auch befaßt werden, sofern sie eben leugnen, daß Christus Gott sei, mögen sie nun im übrigen mit ihnen ganz zusammenstimmen oder auch weniger. So verdammt auch hier der Spruch des Paulus alle, die zu heiraten verbieten und von Speisen sich zu enthalten lehren, mögen sie Tatianer, Manichäer, Türken, Papisten oder was sonst noch sein. Denn auch der Türke enthält sich des Weins unter dem Schein der Frömmigkeit.

Da also nicht geleugnet werden kann, daß der Papst die Ehe verbie­tet gleichwie auch die Speisen, ist es offenbar, daß er dem heiligen Gei­ste in diesem Worte des Paulus widerstehet und daß seine Lehre teuflisch und irrig und lauter Heuchelei ist. Hat hier jemand ein Wort, das er dem entgegenhalten könnte? Ist dies nicht ganz klar und unüber­windlich? Es sei so, die Papisten sind nicht Türken noch Manichäer noch Tatianer, und wir klagen sie nicht als solche an; aber soweit sie mit den Türken, Manichäern und Tatianern übereinstimmen, klagen wir sie an. Sie sind nicht Türken, tun jedoch und lehren dasselbe wie die Türken.

Da es sich nun so verhält, daß die Mönchsgelübde durch das göttli­che Urteil des Geistes als Stücke einer irrigen, teuflischen und heuch­lerischen Lehre erklärt werden, was fürchtest du dich da noch, sie zu widerrufen und fahren zu lassen? Oder hast du Angst, den Geist, dei­nen Schöpfer zu hören und ihm zu folgen? Fürchtest du, daß der Geist der Wahrheit dir lüge oder zürne, wenn du seiner Stimme gehorchst? Wenn du wüßtest, du hättest gelobt, einen Kirchenraub zu begehen, so würdest du doch dein Gelübde ungültig machen und ändern, warum änderst du nicht auch dies Gelübde und machst es ungültig? Aber viel­leicht hält dich das zurück, was auch mich bisher zurückgehalten hat: daß die Mönche es nicht lehren, sondern aus freien Stücken auf diese Sorte von Lehre und Heuchelei sich einlassen, die Priester aber durch Gebot des Papstes gezwungen werden, nicht freiwillig geloben. Und dies freiwillige, von niemand geforderte Gelübde hat mich bisher stark bewegt; aber es bewegt mich nun nicht mehr.

Erstens, weil Paulus so frei und unverschleiert versichert, daß die Lehren der Geister des Irrtums und der Dämonen Lügen sind, was auch die Sache selbst zugleich mit den Worten des Paulus beweist. Denn sie lehren, daß man durch Werke gerechtfertigt und gerettet werde, und sie weichen ab vom Glauben, da sie ihren Gehorsam, ihre Armut und Keuschheit nicht nur für sichere Wege zum Heil halten, sondern auch für vollkommenere und bessere Wege, als die der übrigen Gläubigen; das ist aber ganz offenbar Lüge und Irrtum und Sünde wider den Glauben. Und nichts bleibt ihnen übrig, denn Heuchelei und ein Gewissen mit Brandmalen.

Sodann, gleichsam um nicht zu dulden, daß jemand zweifle, Paulus rede von ihnen, rasen sie noch weiter und bringen die Lügen unverschämt vor. Denn sie verkaufen und teilen anderen ihre guten Werke, Verdienste und Bruderschaften[17] mit, gleich als wären sie solche, die nicht nur auf einem besseren Wege wandeln, sondern auch aus ihrem Überfluß heraus andere zugleich mit sich selbst selig machen könnten. Kann etwa jemand leugnen, daß dies von ihnen öffentlich und allent­halben geschehe? Und kann irgendetwas gegen Christus und den Glauben an ihn ausgedacht werden, das gotteslästerlicher und toller wäre als dies, den Werken soviel zuzuschreiben, daß sie nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Sünden anderer tilgen, und nicht nur sich, sondern auch anderen zum Heil dienen? Wer von den Juden, wer von den Heiden, wer von den Türken ist so wahnsinnig? Heißt dies nicht, nicht bloß die eigenen, sondern auch die Gewissen anderer aufzufor­dern und zu verlocken, den Werken und Verdiensten jener zu vertrau­en? Doch was heißt dies anders, denn der verfluchtesten Lüge zu trau­en? Und doch verschlingen sie vermöge dieser Lüge in Müßiggang und Üppigkeit die Schätze der ganzen Welt.

Endlich haben sie kürzlich den Gipfel ihres Wahnsinns erreicht, in­dem sie den Menschen den Eintritt in den Himmel verheißen, die im Angesicht des Todes die Mönchskappe anziehen. Was ist ein Greuel, wenn dies kein Greuel ist? Du siehst also, ja fassest hier mit Händen, nicht nur, daß sie vom Glauben abgefallen sind, sondern mit ihren ab­scheulichen Lügen auch die Welt verführt haben. Denn einem jeden ist sein eigener Glaube nötig und auch genug zur Vergebung der Sün­den und zum Heil; denn er bringt uns Christus, d. i. er macht uns zu ei­nem Fleisch mit ihm, zu einem Gebein mit seinen Gebeinen, und läßt uns teilnehmen an allem mit ihm, auf daß in ihm und seinetwegen un­ser Gewissen sich rühme, weil wir durch sein eigen Blut und Verdienst gerechtfertigt leben, und gerettet in Ewigkeit leben sollen, ohne un­sere eigenen oder anderer Werke.

Denn der Glaube an Christus kann es nicht leiden, daß durch unsere oder anderer Werke die Gnade und Gerechtigkeit komme; denn er weiß und bekennt fest, daß dies allein Christi Sache ist. Wenn jene nun diesen Glauben lehrten, würden sie nicht ihre Werke anderen verkau­fen, sondern sich und alle anderen vom Vertrauen auf die Werke los­reißen und auf Christum allein hinführen, und zugleich zeigen, wie schlechterdings nicht zur Gerechtigkeit, zum Heil, zur Vergebung der Sünden ihr geweihtes Leben in Gelübden nötig sei, sondern daß allein der Glaube nötig sei.

Sie hat recht eigentlich Christus geweissagt Mt. 24: »Viele werden kommen in meinem Namen und sagen: ich bin Christus« (Mt. 24,5). Merke bitte auf die Worte Christi: »In meinem Namen werden sie kommen und sagen: ich bin Christus.« Jene papistischen Mönche nen­nen sich niemals mit dem Wort »Christus«, keiner sagt: »Ich heiße und will genannt sein Christus.« Alle aber sagen: »Ich bin Christus«; sie enthalten sich des Namens, aber das Amt, das Werk und die Person maßen sie sich an. Du fragst, wie sie dies tun? Höre zu: Christus allein gebührt es, durch seine Verdienste und Werke anderen zu helfen und sie zu retten. Die Werke aller anderen nützen keinen Menschen, auch nicht ihnen selbst; denn es steht fest der Spruch: »Der Gerechte wird aus seinem Glauben leben« (Röm. 1,17).

Denn der Glaube setzt uns auf die Werke Christi, ohne unsere Wer­ke, und führet uns aus dem Exil unserer Sünden in das Reich seiner Gerechtigkeit. Das ist der Glaube, das ist das Evangelium, das ist Chri­stus. Doch wo führen die Papisten diesen Glauben hin? Nicht auf sich selbst hin? Denn sie lehren die Menschen auf ihre eigenen Verdienste ihr Vertrauen zu setzen, teilen ihre Werke und Bruderschaften den üb­rigen Sündern mit, daß sie deren Sünden tragen und tilgen und sie ge­recht und selig machen. Heißt dies nicht sagen: »Ich bin Christus?« Heißt dies nicht tun, was Christus tut? Sie sind nicht mehr Christen, sondern Christus. Denn eines Christen Bezeichnung ist die, daß er glaubt, allein durch die Werke Christi ohne eigene Werke gerechtfer­tigt, von den Sünden befreit und gerettet zu werden. Christi Bezeich­nung aber enthält das Wort: »Der sein Volk selig machen wird von ih­ren Sünden« (Mt. 1,21), indem er ihnen seine eigenen Verdienste und seine ganze Gerechtigkeit gibt. Doch eben dies tun unsere Mönche. »In meinem Namen,« sagt er, »werden sie kommen« (Mt.24,5), d. i.: sie tun dies nicht als Heiden, sondern als Christen, ja vielmehr als die Allerchristlichsten. Denn sie lassen es nicht zu, daß irgendein anderer sich des Namens Christi hochfahrender rühme.

Ich erinnere mich hier öfters gehört zu haben, daß einige von dieser Sorte Menschen Sündern, die vor dem Tode lagen, alle ihre guten Werke mit den Worten übergeben haben: »Siehe da, ich gebe dir, was ich Gutes getan habe in meinem Leben.« So wollen sie mit diesem Wahn ein unschätzbares Werk der Liebe getan haben, während sie vielmehr jenen elenden Menschen von Christus abgezogen und auf Menschenwerk haben vertrauen lassen. O über diese schreckliche Fin­sternis, o über diese bejammernswerte Blindheit, o über diesen greulichen Wahn! So also spielst du, Satanas, mit den Seelen, die verführt werden und verführen?

Aus diesen Früchten, glaube ich, wird hinreichend erkannt, in welcher Meinung diese räuberischen Wölfe ihre Gelübde geben und le­ben, so daß niemand leugnen kann, daß ein Mönch zu werden – wenn man nicht durch ein Wunder gerettet wird – dasselbe ist wie vom Glauben abtrünnig zu werden, und wie Petrus vorhergesagt hat, zum heidnischen Auswurf zurückzukehren (2. Petr. 2,22). Denn du siehst, daß von diesen verderbten Menschen nur Werke angesehen werden, und zwar solche Werke, die sie den Werken Christi vergleichen, allein aus dem Grun­de, weil sie unter dem Vorwand des Christennamens von Christen getan sein sollen, in jenem gotteslästerlichen und greulichen Glauben, den sie den allgemeinen und ungestalteten nennen.

Darum, wie gesagt, hält mich nicht mehr jenes freiwillige Mönchsgelübde zurück, daß es nicht gebrochen werden könnte und dürfte. Denn was ist dies Gelübde anderes, denn ein mit den Teufeln geschlos­sener Bund? Daß du Teufelslehren, Irrtümer und Lügen gelobt hast, sagt der Geist, dein Gott, und du zweifelst, ob du dich von diesem Ge­lübde zurückziehen und es aufgeben darfst? Gib acht auf Paulus, der nicht allein derer, die sie lehren oder dazu zwingen, sondern auch de­rer, die ihnen anhangen, gedenkt, und vornehmlich von denen, die ih­nen anhangen, sagt: »Sie werden abtreten vom Glauben und anhangen den Geistern des Irrtums und den Lehren der Dämonen« (1. Tim. 4,1). Du siehst hier, daß die Hörer und schnell gelehrigen An­hänger an erster Stelle genannt werden. Und fürwahr, wenn die Mön­che freiwillig ihr Gelübde geben, so lehren sie nicht diese Lügen, son­dern folgen nach, belehrt und verführt. Deswegen redet Paulus durch­aus im allgemeinen wider alle diese Ehelosen und nimmt niemand aus.

Und was sollen wir noch viele Worte machen? Wem dies nicht genug ist, daß der Geist erklärt, alles, was man gelobt, sei Teufelslehre, Lüge, Irrtum, Heuchelei, was wird dem genug sein? Wer hält den Bund mit den Teufeln, um selig zu werden, und bricht und vernichtet ihn nicht vielmehr sobald als möglich? Doch laß uns zugeben, daß du durch lau­teren Glauben wunderbar gerettet bist trotz des Gelübdes und des Le­bens in Gelübden, wie Bernhard und viele andere gerettet sind, denen wegen des Glaubens an Christus, dessen sie voll waren, dies Gift kei­nen Schaden brachte. Trotzdem, da es kraft göttlicher Autorität gewiß ist, daß dies lügenhafte Teufelslehren sind, die ihrem Wesen nach be­trügen und verführen, da sie nur Werke lehren können, kannst und mußt du das Gelübde, sie zu halten, brechen. Denn durch kein Beispiel eines Heiligen werden aus Menschenlehren Gotteslehren. Die Lehre Gottes lehrt den Glauben, über den hinaus etwas anderes zu lehren diese Bekenner des Gelübdes sich rühmen. Aber dies andere ist und kann nur ein Werk sein. Werke aber kann man nicht lehren, ohne den Glauben zu verletzen; denn Glauben und Werke stehen aufs heftigste wider einander in Sachen der Rechtfertigung.

So kommt es, daß die Lehre von den Werken notwendig Teufels­lehre ist und Abfall vom Glauben. Niemand aber lehrt Werke, ohne sie für notwendig zur Gerechtigkeit und zum Heil zu halten: denn hält ei sie nicht für notwendig, wird er sie fruchtlos lehren. Denn wozu auch sonst sollte er sie lehren? Und wer würde ihnen folgen und sie halten, wenn er einen anderen Weg zur Gerechtigkeit und zum Heil wüßte? Mit Recht hat darum Paulus gesagt: »Das Gesetz ist nicht aus dem Glauben« (Gal. 3,12) und »Aus Gesetzes Werken wird niemand ge­rechtfertigt« (Röm. 3,20). So ist weder das Gelübde aus dem Glauben, noch wird aus dem Gelübde irgendjemand gerechtfertigt. Und alles, was Paulus zu den Galatern wider Gesetz und Gesetzeswerke redet, das gilt auch wider das Gelübde und die Werke des Gelübdes. Mögen sie also in frommer oder unfrommer Meinung ihre Gelübde ablegen, sie müssen sie brechen, da sie von Gott verworfen und auf Dinge, die Gott verworfen hat, getan sind.

Darum sind Bernhard und die anderen, die in frommer Meinung ihre Gelübde abgelegt und in ihren Gelübden gelebt haben, jenen 200 Männern zu vergleichen, die mit Absalom von Jerusalem nach Hebron gingen (2.Sam. 15,11), als er die Empörung wider das Reich seines Vaters David plante. Sie wußten nämlich nichts von dem Vorhaben Absaloms und gingen mit einfältigem Herzen hin, die, nachdem sie die Sache erkannt, gewiß ihren Sinn geändert haben. Aber wären sie mit­ten im Handel ertappt, so hätten sie wegen Majestätsverbrechens an­geklagt werden können, so man auf ihr Werk und ihren Weg schaut: wäre aber ihre Gesinnung beurteilt, so wären sie freigesprochen. Diese Erzählung ist ein schönes Gleichnis für unseren Fall, doch ist hier nicht der Ort, dabei zu verweilen. Kurz, Absalom ist das Reich der Papisten, das gegen Christi Reich wütet, welches es auch vertrieben hat, und sitzt mitten in Jerusalem. Aber die Frommen, die zu ihm gehalten haben, haben doch nicht dieser rasenden Tollheit zugestimmt.

Und um die anderen zu übergehen, von Bernhard bin ich gewiß, daß er jenen 200 Männern ähnlich gewesen, was er auch deutlich selbst ge­zeigt hat; denn als er einst auf den Tod krank geworden war, ließ er kein anderes Bekenntnis als dies hören: »Ich habe meine Zeit verlo­ren, weil ich verdammlich gelebt habe. Aber eins tröstet mich, daß du einen zerschlagenen und gedemütigten Geist nicht verachtest.« Und anderswo: »Mit doppeltem Recht besitzt Christus das Himmelreich; einmal weil er Sohn ist, sodann weil er gelitten hat. Und dieses zweiten Verdienstes bedurfte er in keiner Weise, er gab es aber mir und allen, die da glauben.« Hier siehst du die Worte eines echten christlichen Herzens, das seine ganze Zuversicht auf Christus setzt, an seinen eige­nen Werken gänzlich verzweifelt. Er rühmt sich nicht des Gelübdes der Armut, des Gehorsams, der Keuschheit, ja er nennt sogar sein Le­ben verloren; und in diesem Glauben ist er gerettet und mit allen Hei­ligen gerechtfertigt worden. Oder meinst du, er habe gelogen oder im Scherz gesagt, sein Leben sei verloren? Er fühlt das Urteil Gottes, vor dem niemand als allein Christus und seine Gerechtigkeit besteht; des­wegen läßt er sich fahren und geht zu ihm über, sein ganzes gerechtes Leben für verloren erklärend.

Wenn man nun schon predigen hört, die Gelübde und das Leben der Mönche seien verdammlich und ganz unnütz zur Gerechtigkeit und zum Heil, wer wird da noch Gelübde ablegen? Wer wird im Gelübde bleiben? Wenn du sie aber nicht verdammlich nennst, wirst du wahr- haftiglich verloren sein und den Gelübden der heiligen Väter in kei­nem Teil nachfolgen. Wie aber Bernhard gewesen ist, so haben alle heiligen und frommen Mönche sein müssen, so daß du klar siehst, daß alle wunderbarlich gerettet sind und endlich zuletzt notwendig dahin zurückgekehrt sind, die Gelübde für nichts und für verdammlich zu er­achten, um durch den Glauben allein gerechtfertigt und gerettet zu werden. Die Gottlosen aber verachten diesen Glauben der Väter, rich­ten und blasen auf die Werke, die jene verdammt haben, und unter dem Vorwand des Beispiels der Heiligen lehren sie den Abfall vom Glauben und betrügen wider das Beispiel der Väter mit ihren Lügen die ganze Welt. Siehe, das bedeutet das Wort: daß Gott sei wunderbar in seinen Heiligen (Ps. 68,36).

Wenn sie aber die Möncherei deswegen vor Gott wollen für gut an­gesehen haben, weil die Heiligen in ihr wohlgefällig gelebt haben, warum lehren sie nicht, daß Feuer, Schwert, Kälte, wilde Tiere, Kreuz und Tod Gott wohlgefällig seien und gelobt werden müssen? Oder ha­ben nicht hierin die heiligen Märtyrer gut gelebt? Die heilige Agnes blieb im Bordell Jungfrau.[18] Und wie viele läßt Gott in Sünden stürzen, damit sie Demut lernen und sich selbst erkennen? Paulus bekennt Röm. 7, daß die Sünde in seinem Fleisch wohne (Röm. 7,18), und doch lebt er mitten in der Sünde richtig und gebraucht die Sünde recht. Und wer von den Heiligen lebt nicht im Fleisch, in der Welt, unter den Teu­feln wohl? Muß man darum das Werk des Fleisches, der Welt und des Teufels geloben?

Aber diese Gottlosen wollen das Mönchsieben nicht nur als solches angesehen wissen, in welchem, sondern durch welches, oder vielmehr wo man gut lebt. Sie lehren, daß die Art und das Wesen solchen Le­bens gut sei, wodurch man gut und selig werde. Das ist frevelhaft, das ist ruchlos und gotteslästerlich, das ist ihre Lüge, das ist Irrtum und Gleißnerei, das ist eine Erfindung der Teufel. Damit verführen sie die Herzen der Einfältigen und reden von hochmütigen, eitlen Dingen, wie Petrus sagt (2. Petri 2,18). Denn kein Heiliger ist durch solch Le­ben gut geworden, und nicht können sie dessen irgendein Beispiel aufweisen. Alle aber sind allein in Christus durch den Glauben gut und selig geworden, wie wir es an Bernhard gezeigt haben.

Aber auch St. Augustinus sagt: »Wehe dem Leben der Menschen, und sei es noch so lobenswert, wenn es ohne Barmherzigkeit gerichtet werden soll.« Und wiederum: »Ich werde erschrecken, aber nicht ganz erschrecken, denn ich erinnere mich der Wunden des Herrn.« Du siehst auch ihn sein eigenes und aller anderen Leben verdammen, zu den Wunden Christi aber seine Zuflucht nehmen. Und Paulus sagt Gal. 1: »Ich lebe, aber nicht ich, sondern Christus lebt in mir« (Gal. 2,20). Alle leben, geloben glauben und rühmen sich allein in Christus, und halten nichts von ihren Werken. Darum sagen auch wir: verflucht, wer anders lehren sollte, als daß allein im Glauben Gerech­tigkeit und Heil sei. Ist das nicht klar genug?

Klar ist es also zugleich, daß die Mönchsgelübde, da sie über und ohne den Glauben gelehrt werden müssen, gottlos, heidnisch, jüdisch, frevelhaft, lügenhaft, irrig, teuflisch, heuchlerisch, abtrünnig, auch den Beispielen der Heiligen zuwider sind. Darum muß man sie auch ge­trost widerrufen und aufgeben, auch wenn sie in frommer und ernster Meinung abgelegt gewesen sind. Denn wenn der Apostel die Werke des göttlichen Gesetzes verbietet zu lehren und mit brennendem Eifer die Galater und Römer nötigt sie zu verlassen, wie viel mehr sind jene von Menschen ausgesuchten Werke und Gelübde zu verbieten und zu verlassen.

Summa Summarum: Werke und Gelübde kann man nur lehren und empfehlen, wenn man sie als heilsam und nützlich für das Heil und die Gerechtigkeit bezeichnet. Denn was wäre das, zu lehren, daß Werke und Gelübde nicht heilsam und nötig seien? Wer würde zuhören? Wer würde sie annehmen? Doch sie als heilsam zu lehren, wäre teuflisch und Abfall vom Glauben, da allein der Glaube notwendig und heilsam ist. Darum kann man die Mönchsgelübde und Werke entweder nicht ernstlich lehren und lernen, oder es muß von Christus abfallen und vom Glauben abweichen, sowohl wer sie lehrt als wer ihnen anhängt. Und es steht Paulus fest, daß sie Teufelslehren seien, Lügen und Irr­tum; und du wirst ewig verloren sein, wenn du von ihnen nicht abläßt, und sei es auch erst mit St. Bernhard am Ende des Lebens.

Da nun dies alles wahr und fest ist, gestützt durch göttliche Stützen, überführt es davon, daß die Herzensmeinung dessen, der ohne Glau­ben die Mönchsgelübde ablegt, vor Gott folgende sein muß: »Siehe da, mein Gott, ich gelobe dir, nicht mehr ein Christ sein zu wollen, ich wi­derrufe das in der Taufe gegebene Gelübde, ich will mich nicht mehr an Christus lehnen, noch in ihm leben. Denn dies ist alles nichtig und schon längst verworfen. Ich gelobe dir aber über und außer Christus ein neues und weit besseres Gelübde, nämlich in den eigenen Werken der Keuschheit, des Gehorsams und der Armut und dieser ganzen Re­gel zu leben. Denn durch diese Werke werde ich gerecht und selig sein und anderen mit mir zur Gerechtigkeit und zum Heil verhelfen.« Er­schrickst du und leugnest du, daß der Gelobende so denke? Doch wenn du leugnest, wirst du zugleich leugnen, daß alles wahr sei, was vorher gesagt war. Denn das Herz, das nicht auf den lauteren Glauben auf Christus erbaut ist, und sich untersteht, ein Gelübde abzulegen, kann nicht anders gesinnt sein, denn wie gesagt ist. Denn es muß die Werke ansehen und achten, sonst würde es nicht geloben. Aber die Werke achten, heißt den Glauben verleugnen, die Taufe widerrufen, Christum verschmähen, wie bereits oft genug gesagt ist. Und dies ganz gottlose Gelübde glaubst du, könne Gott gefallen und von ihm gefor­dert werden, und müsse nicht vielmehr von ihm aufs höchste gehaßt und verdammt werden? So geht es denen, die ohne Glauben umherge­hen und die Werke ergreifen.

Ja, siehe noch eine viel elendere Zerknirschung und Unglückselig­keit auf ihren Wegen. Als die besten gelten unter ihnen diejenigen, die dieser Gottlosigkeit am nächsten kommen; denn selten und wenig sind die, die keusch, arm, gehorsam und auch sonst nach der Regel leben. Welche Bußen gibt es da, welche Kerker, welche Strafen, welche Schmerzen derer, die nicht das Ziel erreichen? Wie lastet es auf ihrem Gewissen, ihren Orden nicht gehalten zu haben? Um solchen Schweiß verkauft Satanas sein Verderben. Was man mit stärkster Kraft und ganzem Gewissen fliehen sollte, sucht man mit eben diesen Mitteln zu gewinnen. Der Wahrheit gemäß hat Moses gesagt: »Ihr werdet dort fremden Göttern dienen, die euch weder Tag noch Nacht Ruhe geben werden« (5. Mos. 28,64-66). Davon hat auch Christus offenbar geweissagt: »Strebet danach, durch die enge Pforte einzutreten; denn viele werden suchen hineinzugehen und werden es nicht können« (Luk. 13,24).

Es scheint aber Gott ihnen barmherzig zu widerstreben, daß sie nicht ihren Stand der Vollkommenheit erlangen, d. h. den Gipfel der Gottlosigkeit; denn er läßt sie straucheln und verzäunt ihren Weg mit Domen, wie es bei Hosea heißt, damit die ertappten Sünder in ihren Ängsten in sich gehen und zu ihrem früheren Herrn zurückkehren, wo sie es besser hatten, als jetzt (Hos. 2,6.7). Ist dies also nicht eine un­glaubliche Verkehrung? Die ersten sind die letzten und die letzten sind die ersten. Die Abtrünnigen sind fromm, und die Frommen sind ab­trünnig. Und die die Gelübde weniger halten, halten sie mehr, die sie mehr halten, halten sie weniger. Recht so, Herr, recht so: »Du wirst verkehrt mit dem Verkehrten« (Ps. 18,27). So wird jener Psalm er­füllt: »Jammer und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Frie­dens haben sie nicht erkannt« (Ps. 14,3).

Wiederum, wer mit christlichem und frommem Sinn gelobt, der wird notwendig so vor Gott denken: »Siehe da, mein Gott, diese Art des Lebens gelobe ich dir, nicht weil ich glaube, dies sei der Weg zur Ge­rechtigkeit und zum Heil und zur Genugtuung für die Sünden. Solche Meinung möge deine Barmherzigkeit von mir abwenden. Sie würde über die Maßen meinen Herrn Christus beleidigen; denn dies hieße seine Verdienste leugnen und sein Blut für besudelt erachten, und dei­nen Sohn zum Gespött machen (Hebr.6,6; 10,29), dem allein dieser Ruhm gebührt, daß er das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt (Joh. 1), in seinem Blut alle reinwäscht und rechtfertigt; nicht will ich so frevelhaft deine Gnade von mir stoßen. Ich will solche Erwartung und Hoffnung auf ihn allein setzen, keineswegs auf mich oder irgend­welche Kreatur, geschweige auf meine Gelübde und Werke. Aber das will ich tun, sintemal ich im Fleische leben muß und nicht müßig gehen darf: ich will diese Form des Lebens ergreifen, um meinen Leib in Zucht zu halten, dem Nächsten zu dienen, über dein Wort nachzusin­nen, wie ein anderer den Ackerbau oder ein Handwerk ergreift, ein jeder zu seiner Übung und Beschäftigung, ohne irgendwelche Rück­sicht auf Verdienste oder Rechtfertigung, die im Glauben zuvor da sein muß und immer die erste bleiben und in allem herrschen muß.«

Ist nicht also der Sinn dessen, der da gelobt, so merkst du aus dem, was vorher gesagt war, daß sein Gelübde nicht fromm und nicht wahr­haftig ein Gelübde sein kann. Denn diesen Sinn fordert der Glaube, wenn er da ist, oder er ist kein Glaube. Denn fest steht der Spruch: »Der Gerechte wird aus Glauben leben« (Röm. 1,17), aus Werken wird niemand leben, darum wird er auch nicht aus Gelübden leben. Du nun siehe zu, wie viele es sind, die so geloben; es sind gewiß keine, oder nur solche, die wunderbar eingeführt sind.

Denn ein solcher Sinn verachtet die Gelübde und hält sie um nichts für besser, denn Ackerwerk oder irgendein anderes Handwerk. Doch wer von den Mönchen gelobt jemals, ohne das Werk des Gelübdes für ein Extrawerk und Vollkommenheit zu halten, dem nichts ähnlich oder gleich sei? Wie sie es auch auf das Unverschämteste lehren.

Dazu hält dieser Sinn solche Art des Lebens für eine Übung und ein Geschäft, nicht für die Sache und das Wesen selbst. Denn den Glauben hält er für die Sache und das Wesen. Wie der Mensch das Wesen ist, seine Arbeit der natürliche Brauch seines Wesens ist, so benützt der Glaube alle Geschäfte und Werke. Dagegen halten jene es nicht für einen Gebrauch, sondern für das Wesen selbst. Denn Mönch sein, das bedeute, sagen sie, vollständig im guten Stande sein, den man nicht ge­brauchen müsse, sondern der vielmehr alles andere gebrauche; er sei das Haupt, das Erste und das Letzte, das A und O.

III. Daß die Gelübde wider die evangelische Freiheit sind

Bisher haben wir gesehen, wie unsere Möncherei wider das Wort Gottes wie gegen den christlichen Glauben sei. Und wie überreichlich sie auch auf Grund dieser zwei Punkte verdammt und verworfen ist und allem mit Recht verhaßt geworden – denn was Gott und seinem Wort zuwider befunden wird, von dem erschließt man zugleich leicht, daß es allen Dineen zuwider ist und auch mit sich selbst nicht übereinstimmt – so wollen wir doch dies weiter anzeigen denen, die es durch sich selbst nicht finden können. Und nunmehr wollen wir zum dritten beweisen, daß sie der Frucht des Worts und Glaubens widerstreite, nämlich der christlichen und der evangelischen Freiheit, die verletzt und nicht un­verrückt bewahrt zu haben, nicht weniger gottlos ist, als den Glauben verleugnet zu haben und abgefallen zu sein, wie wir aus des Paulus Brief an die Galater belehrt werden.

Wir wiederholen daher, was gesagt ist, und wollen als zuverlässigen Grund hinstellen, daß Gott kein Gelübde gefallen, aber auch nicht als Gelübde bei ihm geachtet werden könne, wenn es nicht echt christlich und fromm ist. Denn er kann nicht anerkennen, was wider die christli­che Frömmigkeit geht; das kann er ganz genau so wenig, wie sich selbst verleugnen. Denn er hat die christliche Frömmigkeit durch das erste und höchste Gebot geboten. Ein Gelübde aber ist nur christlich und fromm, wenn es ohne Verletzung des Glaubens gelobt wird. Der Glaube ist dann unverletzt, wenn das Gelübde als eine freie und zur Gerechtigkeit und zum Heil nicht notwendige Sache angesehen wird, welche letztere gewiß durch keine Gesetze, keine Werke, sondern all­ein durch den Glauben an Christus erlangt werden, wie wir dies alles fest genug bewiesen und deutlich gezeigt haben.

Denn vor allen Werken müssen Gerechtigkeit und Seligkeit da sein, aber keine beliebige Gerechtigkeit und Seligkeit, sondern die von Gott stammende, d. i. eine ewige, die von Ewigkeit zu Ewigkeit bleibt, die allein Gott uns gibt und in uns wirkt; und gerade deswegen, weil sie das Werk Gottes allein in uns ist, kann sie durch unsere Werke verhindert, aber nicht zubereitet werden. Denn es sagt Joh.6: »Das ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat« (Joh. 6,29). Und weiter unten: »Niemand kommt zu mir, es sei denn, daß der Vater, der mich gesandt hat, ihn gezogen hat« (Joh.6,44). Und wiederum: »Es steht geschrieben in den Propheten: Und sie werden alle von Gott ge­lehrt sein. Ein jeder, der es von meinem Vater gehört und gelernt hat, der kommt zu mir« (Joh. 6,45). Und wiederum: »Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn gegeben von meinem Vater« (Joh. 6,65). Das sagt er auch zu Petrus Mt. 16: »Selig bist du Simon, Sohn des Jona, denn Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist« (Mt. 16,17). Und Paulus nennt den Glauben eine Gabe Gottes, weil sie nicht von uns stammt (Eph. 2,8).

Also ist diese Gerechtigkeit und Seligkeit Gottes viel zu groß – näm­lich das Werk der Majestät allein — als daß sie durch unsere Kräfte könnte zubereitet werden. Was daher durch unsere Kräfte bereitet wird, ist viel eher Ungerechtigkeit als Gerechtigkeit, eher Verderben als Heil, wie Hosea 13 sagt: »Das Verderben ist dein, Israel. Von mir allein kommt dein Heil« (Hos. 13,9). Darum sind auch jene Gelübde, die man in der Meinung, Gerechtigkeit und Heil zu beschaffen, sich anmaßt, Ungerechtigkeit und Verderben, entgegen der Gerechtigkeit und dem Heil Gottes, deren Werk und Amt sie sich anmaßen.

Was die christliche Freiheit sei

Da also hieraus ganz gewiß ist, daß bei Gott nur ein solches Gelübde angenommen wird, das nicht als notwendig zur Gerechtigkeit und Se­ligkeit angesehen wird, und er selbst nicht befohlen hat, irgendein Ge­lübde abzulegen, so folgt klar, daß ein derartiges Gelübde frei ist und nachgelassen werden kann. Denn dies beides streitet deutlich wider einander, daß es nicht notwendig sei zur Gerechtigkeit und Seligkeit und daß es ohne Gefahr der Gerechtigkeit und Seligkeit nicht nachge­lassen werden dürfe. Wenn es nicht nachgelassen werden kann, so ist es notwendig, wenn es nicht notwendig ist, kann es nachgelassen wer­den, so daß die Form eines frommen und christlichen Gelübdes vor Gott offenbar diesen Wortlaut hat: »Ich gelobe dir diese Art des Le­bens, die ihrer Natur nach nicht notwendig ist und zur Gerechtigkeit nicht notwendig werden kann.« Denn wenn es nicht so lautet, wird es kein frommes Gelübde sein können, wie aus dem Gesagten zu Genüge erhellt. Was wird aber Gott hier antworten? Wird er nicht sagen: Was gelobst du so töricht? Hast du nicht Gelübde genug, die du mir schul­dig bist?

Aber hier wird kräftig entgegnet: Die Werke des göttlichen Geset­zes sind in den zehn Geboten befohlen, wie Keuschheit, Sanftmut, Freigebigkeit, Gehorsam gegen die Eltern, sie rechtfertigen nicht und sind auch nicht notwendig zur Gerechtigkeit und zum Heil, da ja Pau­lus sagt: »Aus des Gesetzes Werken wird kein Fleisch gerechtfertigt« (Röm.3,20). Dennoch sind sie notwendig, da Christus Mt. 16 sagt: »Willst du ins Leben eingehen, so halte die Gebote« (Mt. 19,17). Denn sie können nicht nachgelassen werden, auch wenn der Glaube da ist, der allein rechtfertigt; denn sie sind die Frucht des rechtfertigenden Glaubens. Denn der Glaube ohne die Werke ist tot und gilt nichts, 1.Kor. 13 (Jak. 2,20; 1.Kor. 13,2). Und den Galatern schreibt er den durch die Liebe wirksamen Glauben vor (Gal. 5,6). Dasselbe kann man vom Gelübde und seinen Werken sagen, welche, da sie nach Ab­legung des Gelübdes bereits zu dem Gebot gehören, notwendig sind als Früchte der Gerechtigkeit, obwohl sie nicht notwendig zur Gerechtigkeit selbst sind, die allein dem Glauben gehört. Denn das ist nicht evangelische Freiheit, daß die Gebote Gottes nachgelassen werden können. Das Gebot Gottes aber lautet: »Gelobt und haltet« (Ps. 76,12). Denn durch den Glauben heben wir nicht das Gesetz auf, sondern richten es auf, sagt Paulus Röm. 3 (Röm. 3,31).

Diese Frage ist aufgeworfen, damit wir die Natur der christlichen Freiheit in den Blick bekommen. Es ist also die christliche oder evan­gelische Freiheit eine Freiheit des Gewissens, durch die das Gewissen von den Werken befreit wird, nicht daß keine geschehen, sondern daß man auf keine sich verlasse. Denn das Gewissen ist nicht eine Kraft des Handelns, sondern eine Kraft des Urteilens, die über die Werke ur­teilt. Sein eigentliches Werk ist, wie Paulus Röm. 2 (2,15) sagt, anzu­klagen oder zu entschuldigen, schuldig oder schuldlos, furchtsam oder sicher zu machen. Darum ist sein Amt, nicht zu tun, sondern über die Taten und das Tun zu urteilen, die vor Gott schuldig oder selig ma­chen. Dies nun hat Christus von den Werken frei gemacht, indem er es durch das Evangelium belehrt, auf keine Werke sich zu verlassen, son­dern allein auf seine Barmherzigkeit zu hoffen. Und so hängt ein gläu­biges Gewissen ganz frei an den Werken Christi allein, und ist jene Taube, die in den Löchern des Felsens und den Ritzen des Steines ni­stet (Hohel. 2,14), da es ganz gewiß weiß, daß es nicht sorglos und ru­hig sein kann, als nur in Christus allein, in allen eigenen Werken aber nur schuldig und furchtsam und verdammt bleiben kann. So also scheidet und urteilt es unter den Werken Christi und den eigenen. Christi Werke ergreift es und sagt folgendermaßen: durch diese werde ich gerechtfertigt, gerettet und befreit werden von allen Sünden und allem Übel, woran ich nicht zweifle; denn deswegen gerade sind sie durch ihn geschehen und in der Taufe über mich ausgeschüttet, ohne sie gibt es kein Heil, gibt es keinen Frieden in meinen Gebeinen (Ps. 38,4), gibt es keine Genugtuung für die Sünden. Aber seine eige­nen, bösen Werke sieht es und verurteilt es, doch in Christi Werken überwindet es und verachtet es sie, daß sie es nicht beißen können. Denn Christi Werke sind mächtiger, uns zu befreien und Frieden zu geben, als unsere eigenen uns zu fangen und zu schrecken, wenn du denn dies glaubst. Seine eigenen guten Werke aber ergreift es und er­klärt, man müsse sie umsonst tun, allein zum Vorteil des Nächsten und zur Beschäftigung des Körpers, in keinem Fall, um Gerechtigkeit, Frieden, Genugtuung und Vergebung der Sünden zu beschaffen. Denn dies sucht es nur in Christi Werken und findet es in standhaftem Glauben, gleichwie es sieht, daß Christus seine Werke umsonst getan habe, zu unserem Vorteil, und um seinen Körper zu brauchen nach dem Willen Gottes.

Auf diese Erkenntnis der Freiheit und Gesundheit des Gewissens hat es abgesehen aller Hinterhalt der menschlichen und gottlosen Leh­ren. Hier sucht die List der Schlange die Einfältigkeit, die in Christus ist, zu vernichten (1.Kor. 10,20). Hier siehst du, wie gottlos die Ge­setze von den Genugtuungen sind, durch welche wir belehrt werden, vermittelst unserer Werke die Sünden zu tilgen. Das sind die gähnen­den Rachen der reißenden Wölfe, die die Gewissen von Christus los­reißen, zerfleischen und ganz elend in ihre eigenen Werke zerstreuen; immer lernen sie, immer wirken sie, und dennoch kommen sie niemals zur Wahrheit und zum Frieden (2. Tim. 3,4). Diese Wölfe nennt Pau­lus Apg. 20 greuliche Wölfe (20,29), die hereinbrechen werden, die Herde nicht schonen und Verkehrtes reden, um Jünger nach sich zu ziehen. Was heißt dies, Jünger nach sich ziehen, anders als von Chri­stus abziehen? Dies geschieht, wenn die Gewissen belehrt werden, durch eigene Werke sich zu heilen, die Sünden zu tilgen und die Gnade zu verdienen, während man doch solches nur in den Werken Christi durch den Glauben suchen muß.

Hier siehst du, daß verdammt und Christus zuwider das ganze kano­nische Recht und das Reich des Papstes ist, welches nichts anderes tut, denn die Gewissen in den Schlingen der eigenen Werke zu fangen und von Christus loszureißen, nachdem die Freiheit wie auch die Leh­re und Erkenntnis der Freiheit vernichtet ist. Am meisten aber wird hier verdammt jene unreine und ekelhafte Hure, die Pariser Schule, die er­klärt hat, daß die Lehren des Aristoteles in Fragen des sittlichen Le­bens nicht der Lehre Christi widersprechen, da jener nichts anderes lehrt, als daß durch Werke Tugenden gewonnen würden, wenn er sagt: »Indem man Maßvolles tut, wird man mäßig;« dies aber verflucht das christliche Gewissen wie die Bodenjauche der Hölle und spricht: durch den Glauben an den Maß haltenden Christus werde auch ich zu einem Maß haltenden Menschen gemacht, seine Mäßigkeit ist meine, denn sie ist sein Geschenk, nicht mein Werk. In Summa, aller Schulen Theologie, die spekulative sowohl wie die praktische, siehst du hier verdammt; denn sie lehren nicht Christus, sondern menschliche Klug­heit, die nach ihrer Anweisung auch Glauben beschafft, den sogenann­ten erworbenen Glauben. Wehe diesen verlorenen und greuelhaften Männern von Sodom und Gomorrha! Zugleich siehst du hier, warum Paulus die Werke des göttlichen Gesetzes oder die Gerechtigkeit des Gesetzes verdammt und warum er seine pharisäische Gerechtigkeit, die er Kol. 2 als tadellos rühmt, für Dreck und Schaden achtet (Phil. 3,5-7). Nämlich deswegen, weil sie wider die Gerechtigkeit streitet, die aus Christus und in Christus ist. Denn sie zieht das Gewis­sen ab und läßt es nicht an der Gerechtigkeit Christi hangen, sondern hält es fest in der vermessenen Hoffnung auf die eigene Gerechtigkeit und die von ihm selbst verrichteten Werke. Wie Paulus Röm.9 sagt: »Die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit getrachtet, ha­ben die Gerechtigkeit erlangt, die Gerechtigkeit aber, die aus dem Glauben ist. Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit ge­trachtet und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erreicht. Warum das? Darum, daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern aus den Wer­ken suchen« (Röm. 9,30-32).

Begreifst du jetzt endlich, warum ich sooft gesagt habe, daß weder unsere Gelübde noch unsere Werke notwendig sind zur Gerechtigkeit und zum Heil? Denn dies sagt ein frommes Gewissen von den Werken Christi allein, die in der Taufe über uns ausgeschüttet und uns ge­schenkt sind, und so ist es frei von allen Werken, nicht zwar von denen, die getan werden sollen, sondern von den anklagenden und verteidi­genden. Denn wer an Christus glaubt, hat keine so bösen Werke, daß sie ihn verklagen und verdammen könnten, wiederum keine so guten, daß sie ihn verteidigen und retten könnten; sondern alles, was unser ist, klagt uns an und verdammt uns, allein aber, was Christi ist, vertei­digt und rettet uns. Du selbst siehe nun zu, wie die Werke der zehn Ge­bote zu unterlassen und zu tun sind, welches Keuschheit, Gehorsam, Sanftmut, Freigebigkeit u. dgl. sind. Sie sind nicht zu unterlassen, son­dern, daß ich es so sage, ihrem Wesen nach zu tun, aber nicht dem Ge­wissen nach, d. h. nicht als solche, die da verteidigen und rechtfertigen. Denn das hieße das Gewissen verderben und von Christus, seinem Bräutigam, abziehen, mit dem es ein Fleisch ist, an allen seinen Gütern teilnehmend. Sondern frei und umsonst sind sie zu tun, zum Nutzen und Vorteil des Nächsten, gleichwie die Werke Christi für uns frei und umsonst getan sind. Alsdann aber sind sie nicht mehr Gesetzeswerke, sondern Christi, der in uns durch den Glauben wirksam ist und in allem lebt; deswegen können sie ebenso wenig wie der Glaube selbst unter­lassen werden und sind nicht weniger notwendig als der Glaube. Im übrigen sind die Werke, die wahrhaft Werke des Gesetzes sind, erdich­tet und falsch. Denn außer Christus ist niemand von Herzen sanftmü­tig, keusch, freigebig, gehorsam, fromm, gottesfürchtig usw. Denn er tut es nicht aus freiem Gewissen, sondern aus Liebe zu Vorteil oder Ehre, oder aus Furcht vor Strafe. Und da geheuchelte Heiligkeit eine doppelte Ungerechtigkeit ist, so ist es offenbar, daß derartige Werke nicht nur nicht notwendig sind, sondern auch unterlassen und gemie­den werden müssen.

Doch hier sagst du vielleicht: Lehrt denn deine christliche Freiheit zu huren, töten, rauben, lügen, Rebell und Götzendiener zu sein? Du Narr, als ob ich dir befehle, ein größeres Übel zu tun, wenn ich ein ge­ringeres Übel zu unterlassen lehre. Ich sage, man soll nicht zürnen, und du wolltest nun hingehen zu töten, um nur nicht zu zürnen? Ich will diese erdichteten Werke unterlassen und die wahren getan sehen, da­mit du aufhörst in gottloser Weise freigebig zu sein, aber in frommer Weise freigebig werdest. Denn die Werke müssen gewandelt werden – obwohl sie äußerlich sich sehr ähnlich sind – sobald du innerlich ge­wandelt bist, daß nicht mehr deine, sondern Christi Werke in dir ge­schehen. Allerdings ist es nicht die Aufgabe menschlichen Gutdün­kens, zu entscheiden, ob ein gottloser Ehemann ärger sei als ein Hurer oder umgekehrt. Gott ist es, der das Herz ansieht. Der Hurer mißbraucht das Fleisch zu verbotener Lust. Der gottlose Ehemann mißbraucht das Fleisch zu verbotenem Hochmut. Darum heißen wir hier, unsere Berechnung einzustellen. Wir sehen, daß im Evangelium die Zöllner Christus näher sind als die Pharisäer; wenn sie auch nach menschlichem Urteil ärger sind, so stellt sie doch das Evangelium gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer erscheint, öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos dazustehen. Aber deswegen ra­ten wir jenen nicht zu fallen. Wir überlassen Gott seine verborgenen und zu fürchtenden Urteile.

Daraus ergibt sich, daß es ebenfalls als Menschenlehre zu gelten habe, wenn das göttliche Gesetz gelehrt und gehalten wird durch Wer­ke. Denn das Gesetz ist geistlich, dazu gegeben, zu demütigen und zu nötigen, Christum zu suchen. Das Amt des Gesetzes ist, nicht unsere Werke zu fordern, sondern unsere Sünde und unser Unvermögen zu zeigen. »Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.« (Röm. 3,20). Wie also die Werke des Gesetzes zu unterlassen sind, so ist auch die Lehre des Gesetzes preiszugeben. Hier wirst du wiederum sagen: Also sollen wir ohne Gesetz frei leben? Auch dies ist wiederum töricht, als ob ich dich lehrte, weniger zu wissen, wenn ich dich heiße, mehr zu wissen, obwohl auch hier Paulus Röm. 2 und 3 es wagt, die wissenden Juden und die nichtwissenden Heiden gleich zu machen und in keiner Weise unter denen Unterschiede zu machen, die ohne das Gesetz und die im Gesetz sind.

Doch laßt uns nun auch zu ihren Gelübden und Werken kommen, und wie wir sie in dem Einwand den Werken des göttlichen Gesetzes verglichen haben, da sie scheinbar des Gebotes Art an sich haben, weil es heißt: »Gelobet und haltet« (Ps. 76,12), so wollen wir sie auch in der Antwort ihnen vergleichen. Wir haben gehört, daß des Gesetzes Werke zwiefach geschehen, einmal durch uns als unsere, das andere Mal durch Christus in uns als Christi, dessen Gabe sie sind. Gesetzt nun, auch die Gelübde seien unter das Gebot zu fassen – davon später – so müssen sie eben auch in dieser doppelten Weise geschehen. Einmal durch uns als unsere: dann sind sie zweifellos zu unterlassen und zu verurteilen, da sie ja das fromme Gewissen von Christus abziehen und es zerstückelt in die Werke zerstreuen. Denn sie lehren, die Gerech­tigkeit und Sündenvergebung außer Christus zu wirken. Dort ist nichts als die Gerechtigkeit, die Paulus heißt für Dreck und Schaden achten (Phil. 3,8). Und wir haben es auch nicht in unserer Gewalt zu entschei­den, ob, der das Gelübde hält oder der es verletzt, besser sei, wie wir oben im Hinblick auf die Werke des Gesetzes an einem Beispiel gezeigt haben. Das andere Mal geschehen sie durch Christus in uns im Geist der Freiheit, indem man sie umsonst gelobt und hält, ohne durch sie für die Sünden genugzutun oder Gerechtigkeit und Seligkeit zu su­chen. Denn es kann der Christ alle Gesetze, Gebräuche und Sitten al­ler Menschen halten und sich ihnen anpassen, wenn sie nur nicht wider die göttlichen Gebote sind, und er nicht auf sie die Zuversicht des Ge­wissens setzt. Denn das Gewissen gehört Christus und Christus dem Gewissen, die geheime Brautkammer des Bräutigams und der Braut taste niemand an. Denn ob du dich mit den Türken des Weines ent­hältst oder mit den Christen ihn trinkst, daran liegt nichts, sofern du es nur mit freiem Gewissen tust. So paßte sich Paulus den Heiden und Ju­den mit ganz freiem Gewissen an; mit diesen war er enthaltsam und ließ beschneiden, mit jenen aß er alles und beschnitt niemand. Darum, wenn du Möncherei gelobst, daß du mit derartigen Menschen leben willst, des Gewissens, daß du keinen Nutz noch Schaden dadurch bei Gott suchest, sondern weil sichs also getroffen hat, diese Art des Le­bens anzunehmen, oder weil es dir gefallen hat, so zu leben, ohne daß du deswegen dich für besser hältst als den, der ein Weib genommen oder den Ackerbau ergriffen hat, so gelobst du nicht schlecht und lebst du nicht schlecht, soweit es das Verfahren des Gelübdes betrifft. Denn für den Fall, daß die Liebe das Gelübde zu brechen forderte, würdest du nicht ohne Sünde hartnäckig am Gelübde festhalten, wovon wir noch reden werden.

Es können aber unmöglich mit solchen Gewissen andere geloben als die, die wunderbar durch den Geist Christi inwendig geführt und be­wahrt werden, d. h. nur die Erwählten. Von dem abgesehen, streitet das Verfahren des Gelobens und des Lebens in den Gelübden aufs äu­ßerste mit diesem Gewissen, da die Einrichtung des Gelobens gerade dazu erfunden ist und gepriesen wird, daß sie das Gewissen in Schlin­gen lege und in der Knechtschaft des Gesetzes gefangen halte. Denn wer von den Mönchen duldet es, daß man ihn einem Ehemann, Ackerbauer oder Handwerker vor Gott vergleiche? Legen sie nicht des­wegen ihr Gelübde ab, um scheinbar durch besonderen Gehorsam vor den anderen Gott zu dienen? Warum würden sie sonst alle anderen Lebenswege so verachten und diesen allein so auf sich nehmen? Denn sie sagen nicht mit den Propheten: »Deine Barmherzigkeit ist besser als allerlei Leben« (Ps. 63,4), sondern: »Ein Leben ist besser als alle anderen,« was vor den Menschen, nicht aber vor Gott wahr ist. Und daß wir hier die Gedanken der Herzen aufdecken: Es mögen dies ver­nehmen die Nonnen und Mönche, daß sie vor Gott um nichts besser sind als die Eheleute und die beschmutzten Bauern; was werden sie nun tun? Werden sie nicht wider den Hausvater murren, daß sie gleich werden sollen denen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, während sie doch allein die Last des Tages und der Hitze ertragen hätten? (Mt. 20,11-12). Zeige mir bitte eine Jungfrau oder einen Ehelosen, die mit dem allen gleichen Tagelohn zufrieden wären. Denn sie wer­den sagen: Warum bin ich denn enthaltsam gewesen? Warum habe ich nicht geheiratet? Warum habe ich mich selbst beraubt? Siehst du die nichtswürdigen Gedanken ihres Herzens wider die Güte des Hausva­ters? Zuerst verlangen sie bei Gott Ansehen der Person, daß er auf die Werke und nicht auf den Glauben schaue, d. i. daß er Menschen Chri­stus vorziehe. Denn sie kümmern sich nicht darum, wie kostbare Dinge andere von Christus empfangen haben, sondern nur darum, wie ausgezeichnete Dinge sie selbst vor allen anderen geopfert haben. Sodann bekennen sie mit diesem Murren, daß sie nicht mit selbstlosem und freiem, d. h. mit christlichem und frommem, sondern mit knechti­schem und lohnsüchtigem, d. h. mit jüdischem und gottlosem Willen enthaltsam gewesen sind. Darum ist ihre Jungfräulichkeit keine Jung­fräulichkeit, es sei denn die der törichten Jungfrauen, deren Lampen verlöschen, weil sie kein Öl in ihren Behältern haben (Mt. 25,8), d. i. freien Glauben in ihrem Gewissen. Was sind also jene glänzenden Bul­len,[19] durch die man Jungfräulichkeit, Ehelosigkeit und Gelübde rühmt, sodann die Vorrechte, goldenen Verheißungen und all dies Ge­schwätz, das sie predigen, um dadurch die Christen zur Jungfräulich­keit zu verlocken? Was sind sie anders denn lauter Lügen des Satans, durch die sie zum Hochmut und zur Vernichtung der Jungfräulichkeit des Gewissens gereizt werden? Denn alle haben ein und denselben Sinn: lieber wollten sie geheiratet haben, wenn sie nicht vor Gott in Verdiensten sollten einen Vorzug erlangen können. Da also auch die Art der Einrichtung derartig ist, daß sie zu Werken, nicht zum Glau­ben ruft, wie kann denn je ein christliches Gelübde Zurückbleiben, wenn es nicht durch göttliches Wunder erhalten wird?

Aber, wie die Disputation eine Disputation erzeugt, so werden diese Gottlosen hier schreien, ich sei ein Jovinian,[20] und werden mir entge­genhalten Hieronymus wider Jovinian, den Verteidiger der Keusch­heit. Denn sie werden glauben, ich habe Hieronymus nicht gelesen; sie aber glauben, es sei genug, ihn gelesen zu haben, ein Urteil beim Lesen haben sie nicht nötig; ein Glaubensartikel ist, was sie gelesen haben. Ich weiß in der Tat nicht, was Jovinian gemeint hat; vielleicht hat er nicht in rechter Weise diese Frage behandelt; ich erkläre aber zuver­sichtlich, daß auch Hieronymus sie nicht richtig behandelt hat. Denn er behandelt die Jungfrau­schaft rein für sich, flicht sie nicht in den Glau­ben ein, noch baut sie darauf auf. Vermittelst dieser Art zu lehren, die ja menschlich ist, kann kein Werk und keine Tugend ohne Schaden und Gefahr gelehrt werden. Denn es fährt der heilige Mann, was nie­mand leugnen kann, stürmisch daher, in menschlicher Erregung und allzugroßem Eifer, seinen Freunden und vornehmlich seiner Eustochium[21] willfährig zu sein, und er bedrängt Jovinian mehr durch Auto­rität als durch feste Belehrung. Das beweist der gar zu unbesonnene Eifer, mit dem er von allen Seiten die Zeugnisse der Schrift zusam­menrafft, passende und unpassende; und er wäre zu großem Gespött geworden, wenn er einen Widersacher von gleichem Ansehen gehabt hätte. Denn auch die Stellen, die er als Hauptstellen ansieht, in die er die Entscheidung des Sieges verlegt, dreht und deutelt er, um nicht zu sagen, daß er sie um ihren Sinn bringt. Denn das Wort des Paulus: »Wer seine Jungfrau verheiratet, tut wohl, wer sie nicht verheiratet tut besser« (1.Kor. 7,38), legt er ganz gewaltsam dahin aus, daß dies »wohl und besser tun« auf die Verdienste vor Gott sich erstrecke und Sekten im Volke Gottes mache, während es doch ganz offenbar ist, daß Paulus von dem geringeren und größeren Gut dieses Lebens redet, daß eine Jungfrau, die in keine Sorgen verflochten ist, mehr freie Zeit für Gott hat; alles Verdienst aber läßt er dem gemeinsamen Glauben bleiben. Und wer weiß, ob Hieronymus in dieser Beziehung nicht einer von denen gewesen ist, von welchen Hesekiel sagt: »Wenn ein Prophet geirrt und Lüge geredet hat, so habe ich, der Herr, diesen Propheten verführt«? (Hes. 14,9). Und mit Recht, warum achten wir nicht auf die Worte Gottes allein? Warum verachten wir den Rat des Geistes und prüfen nicht alles, bevor wir es annehmen?

Auch wir gestehen, daß Jungfräulichkeit ein gar großes Ding sei, wenn die Dinge unter sich verglichen werden; aber wir sagen zugleich: Wenn eine Jungfrau sich auch vor Gott höher achtet als die anderen, oder auch nur ihnen gleich, so ist sie des Satans Jungfrau. Untenan zu sitzen lehrt das Evangelium (Luk. 14,10), und daß jeder den anderen höher achte (Phil. 2,3). So also muß die Jungfräulichkeit behandelt und gelehrt werden, daß sie kraft keines Gesetzes, keines Zwanges, keiner Hoffnung auf Lohn, sondern allein in selbstlosem und freiwilli­gem Sinn gehalten werde, daß z. B. die Jungfrau folgendermaßen denkt: »Obwohl ich heiraten könnte, will ich doch Jungfrau bleiben, nicht weil sie geboten, geraten, köstlich und groß ist vor allen anderen Tugenden, sondern weil es mir so zu leben gefällt, wie es einem ande­ren gefällt, zu heiraten oder Ackerbau zu treiben. Denn ich will nicht die Beschwerlichkeiten der Ehe, ich will frei sein von den Sorgen und für Gott Muße haben.« Siehe, das heißt, in christlicher Einfalt Jung­frau sein, die sich nicht ihrer selbst, sondern Christi rühmt. Denn ein jeder muß mit seiner Gabe Gott umsonst dienen; alle aber müssen in der gemeinsamen Jungfräulichkeit des Glaubens des einen Christus allein sich rühmen, wo nicht ist Mann und Weib, so auch nicht Jungfrau oder Gemahl, Witwe oder Eheloser, sondern alle sind eins in Christus (Gal. 3,28).

Hierauf beziehen sich die vor allen anderen edlen Beispiele in den Lebensbeschreibungen der Väter,[22] wo jener alexandrinische Gerber durch göttlichen Spruch gleich, ja höher geachtet wurde als Antonius, er, der Verheiratete höher geachtet als die Jungfrau oder der Ehelose, der Bürger höher als der Mönch, der gemeine Mann höher als der Va­ter der Mönche. Und jenes Beispiel, wo dem Paphnutius gleichgestellt werden zwei verheiratete Frauen und ein gewisser Pfeifer, der einst ein Räuber gewesen, usw. Was hat Gott mit diesen Beispielen anders gewollt, als um dieser Heiligen willen noch ein wenig die gottlosen Lehren und Einrichtungen der Sekten aufzuhalten, die schon damals an­fingen, mit großem Scheinwesen wider den Glauben anzulaufen? Es sind also die Gaben Gottes verschieden, groß und klein, 1. Kor. 12 und 7 (12,4ff.; 7,17ff.); der Reiche hat mehr als der Arme, aber niemand soll deswegen Sekten bilden und nach den Gaben Verdienst und Lohn bei Gott verteilen, noch sich gegenseitig der eine dem anderen vorzie­hen, alle sollen vielmehr umsonst dienen, in reichem Maße teilneh­mend an dem gemeinsamen Glauben und an Christus, der in allen der Gleiche ist und doch Ungleiches wirkt. Wenn es dir aber Verdruß be­reitet, daß du als Jungfrau der verheirateten Frau gleichgestellt wirst, so heirate auch du. Denn besser ist für dich eine fromme und freie Ehe, als eine lohnsüchtige und gottlose Jungfräulichkeit. Denn fest steht der Spruch: Gott schaut nicht Werke oder Personen an, sondern das Herz und den Glauben, Jer. 5: »Herr, deine Augen schauen den Glauben an« (Jer. 5,3).

Du siehst also, daß hieraus bewiesen ist: Obwohl es Beispiele gibt, wo kraft eines Wunders das Gelübde fromm sein kann, so wird doch gerade die Einrichtung des Gelobens und das Verfahren, ein solches Leben zu lehren, als Gottlosigkeit verdammt. Gleichwie auch das im Buchstaben allein vorgetragene Gesetz einen guten Erfolg haben kann, wie bei Paulus, der es ohne den Buchstaben brauchte, so ist doch das Verfahren, den Buchstaben des Gesetzes und seine Werke zu leh­ren, gottlos. So legte Bernhard sein Gelübde ab und lebte im Gelübde, aber nicht zufolge des Gelübdezwanges, sondern aus der Freiheit des Geistes, wie sehr auch sein Gelübde diese Freiheit nicht lehrte, viel­mehr einen der Freiheit entgegengesetzten Zwang lehrte. Dies möge als Antwort dienen auf den bereits genannten Einwurf, damit für den Fall, daß das Gelübde ein Gebot sei, gemäß dem Wort: »Gelobet und haltet«, wir doch wissen, daß seine Werke im Geist der Freiheit getan werden sollen, wie die Werke der zehn Gebote, nicht weil sie gelobt sind, sondern weil sie umsonst gefallen und frei sind, obwohl, wie ge­sagt, niemand anders denn durch ein Wunder sie so hält, da gerade das Wesen des Gelobens und Lebens dem widerstreitet; denn es reißt sie von dieser Freiheit fort in die Knechtschaft und den Zwang.

Aber nun fahren wir fort und leugnen, daß ein Gelübde ein Gebot sein oder werden könne, gleichwie auch die Werke des Gesetzes nicht Gebote sind oder sein können. Denn Gott ist nicht ein Gott, dem gott­los Wesen gefällt, Ps. 5 (5,5), ja wir beweisen, daß gerade diese christ­liche Freiheit Gelübde verbietet. Denn indem Paulus Gal. 1 die evan­gelische Freiheit geltend macht, sagt er: »Aber wenn wir oder ein En­gel vom Himmel anders lehrte, denn das ihr gehört habt, der sei ver­flucht« (Gal. 1,8). Und später: »Ihr seid, lieben Brüder, zur Freiheit berufen« (Gal. 5,13). Und wiederum: »Wer aber Euch verstört, der wird sein Urteil empfangen, wer er auch gewesen sein mag« (Gal. 5,10). Aus diesen Worten ersiehst du, daß keiner je etwas lehren darf, das wider die evangelische Freiheit ist. Denn diese Freiheit ist göttlichen Rechts, die Gott selbst unverbrüchlich festgesetzt hat, die er weder widerrufen wird, noch wider die er etwas annehmen kann; auch ist es dem Menschen nicht verstauet, sie auch nur durch die geringste kleine Satzung zu verletzen. Es ist aber diese Freiheit nicht nur jene vorherbesprochene, die im Geist und Gewissen herrscht, vermöge der wir durch keine Werke angeklagt oder verteidigt werden, sondern auch die, durch die alle Gebote der Menschen aufgehoben sind und, was an äußeren Zeremonien beachtet werden kann, als da sind alle Speisen, Kleider, Personen, Gebärden, Stätten, Gefäße, Tage, daß man sie beobachten darf oder nicht, so lange, wo, wie, wann, wie oft es gefällt oder die Sache selbst es gibt. Und überhaupt was nicht göttli­ches Gebot ist, das ist aufgehoben und freigegeben. Denn es sagt Pau­lus Kol. 2: »So ihr denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzun­gen der Welt, was laßt ihr euch denn noch fangen mit Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt: Ihr sollt das nicht angreifen, ihr sollt das nicht kosten, ihr sollt das nicht anrühren? Welches sich doch alles un­ter den Händen verzehret und ist Menschengebot und Lehre, welche haben einen Schein der Weisheit, durch selbsterwählte Geistlichkeit und Demut, und dadurch, daß sie des Leibes nicht verschonen, und dem Fleisch nicht seine Ehre tun zu seiner Notdurft« (Kol. 2,20ff.). Hier verbietet der Apostel vollständig, durch Menschensatzungen sich halten zu lassen. Und Christus Mt. 15: »Vergeblich aber dienen sie mir, weil sie Gebote und Lehren der Menschen lehren« (Mt. 15,9). Und Tit. 1: »Habt nicht acht auf die Gebote der Menschen, die von der Wahrheit abwenden« (Tit. 1,14).

Das sind gewißlich Gebote Gottes, die da verhindern, Menschen­lehren sowohl zu lehren als zu hören. Ist nun nicht die Einrichtung, Gelübde abzulegen ganz und gar menschlich? Ist sie nicht gestellt auf Platten, Kleider, Speise, Trank, Stätten, Gebärden und andere Zere­monien? Wo hat Gott etwas davon geboten? Wo hat er solche Armut, solchen Gehorsam, solche Keuschheit geboten? Wie also? Zweifelst du noch, daß es nicht erlaubt sei, noch erlaubt gewesen sei, solches zu geloben? Es ist von Gott aus frei, und du machst es von Menschen we­gen notwendig und glaubst, Gott werde eher annehmen das, worin du irrst, als was er selbst angeordnet hat? Er kann es nicht dulden, da Sünde geschehe im Gebrauch von Kleidern, Spei­se, Trank und Tagen; denn er hat nicht gewollt, daß man hier sündigen könne, und dennoch versicherst du, daß hier gesündigt werde. So hat er die Ehelosigkeit nicht wollen notwendig werden, sondern hat sie geordnet frei zu sein, und er hat nicht gewollt, daß eine Sünde gesche­he, wenn jemand heira­te, wann er wolle, und du machst sie mit deinem Gelübde ewig und notwendig unter der Gestalt des Gesetzes. Was bleibt daher andere, als daß hier aufs allerdeutlichste gezeigt wird, daß die Gelübde der Mönchsorden und die ganze Möncherei wider die evangelische Frei­heit und durch göttliche Verbote vollständig verboten sei, da niemand leugnen kann, daß sie lauter Menschenlehren sind? Denn es ist nicht weniger Sünde, die von Gott gesetzte Freiheit anzutasten, als gegen ein anderes Gebot Gottes zu sündigen. Du magst immerhin geloben und halten, was nur du willst, sofern du nur nicht die gebotene Freiheit verletzt. Denn es steht dir kein Recht zu, sie zu beseitigen noch dort auch Sünde zu setzen, wo Gott nicht gewollt hat, daß Sünde sei. Er hat aber nicht gewollt, daß gesündigt werde, wenn man die Keuschheit wahrt, sondern er hat sie frei gemacht, so daß nicht sündigte, wer hei­ratete. So fügt auch der Apostel Paulus, wenn er 1.Kor. 7 zur Jung­fräulichkeit rät, hinzu: »Falls keinen Zwang kenne derjenige, der be­schlossen habe, die Jungfrau als solche zu bewahren.« Dadurch hat er verboten, daß die Keuschheit gefordert und gezwungen und notwen­dig sei oder werde. Sobald man also beginnt, dazu zu nötigen und sie zu fordern, ist sie schon kraft des Gewichts dieser Worte des Paulus gelöst und frei.

Kehren wir darum zu dem zurück, was wir oben sagten: das Gelübde der Keuschheit und der ganzen Möncherei muß, falls es fromm ist. notwendig mit sich verbinden die Freiheit, es wieder fahren zu lassen, und ungefähr dahin gedeutet werden: »Ich gelobe dir Gehorsam. Keuschheit, Armut mit der ganzen Regel St. Augustini bis zu meinem Tode frei zu halten, d. h. so, daß ich es ändern kann, sobald es mich gut dünkt.« Wenn du es anders deutest und verstehst, so siehst du aus dem vorher Gesagten, daß wider die von Gott uns gebotene Freiheit gesün­digt wird und daß unmöglich Gott es anders annehmen kann als krafl eines Widerrufs der Freiheit, d. h. er müßte sich selbst verleugnen. Was geht das mich an, wenn die heiligen Väter oder nie jemand ein solches Gelübde abgelegt oder also geurteilt haben? Wie, wenn sie alle geirrt hätten oder wunderbarlich inwendig geführt wären? Offenkun­dig und nicht zu brechen ist das Urteil des Evangeliums, daß Men­schenlehren verurteilt werden und frei sind und wir ihre Herren. Darum können wir nicht ihre Knechte werden, auch nicht durch die Gewalt der Engel, geschweige denn durch unsere »selbsterwählte Geistlichkeit und Demut«, wie Paulus sagt (Kol. 2,23). Dementspre­chend ist denn auch die Wahrheit offenbar, daß die Einrichtung der Gelübde eine knechtische Menschenlehre ist; warum wollen wir es also dulden, daß die Knechte reiten und die Herren zu Fuß gehen, wie Salomo sagt (Pred. Sal. 10,7). Laßt uns vielmehr Christus danken, der uns mit dieser Freiheit beschenkt hat und sie uns, obwohl wir sie durch gottlose Gelübde zu verletzen bestrebt waren, doch unverletzt be­wahrt hat und fest verordnet hat, daß unsere Gelübde immer nichtig, frei und nichts seien. Während wir unsinnig sind, hat er gütig für uns gewacht.

Hier wird vielleicht jemand lachen und als ein lächerliches Gelübde das verspotten, von dem richtiger gelten darf, daß es ein Gelübde vor­heuchelt. Denn was ist es anders denn Gaukelei, zu sagen: Ich gelobe dir frei zu tun, was mich gut dünkt? Es möge immerhin lachen, wer will, nur möge er zugleich wissen, daß es keineswegs wunderbar und neu ist, wenn Menschen töricht und lächerlich handeln, wenn sie abse­hend vom Worte Gottes und über dies Wort hinaus von eigenen Ge­danken und Absichten getrieben werden. »Dein Wort,« sagt Christus, »ist Wahrheit« (Joh. 17,17). Was meinst du, ist des Menschen Wort anderes als Lüge? Es ist lächerlich, aber denen, die die Wahrheit der evangelischen Freiheit hören oder kennen; im übrigen macht das Werk des Irrtums unter diesem lächerlichen Gewände nicht weniger den Zorn Gottes äußerst ernst und furchtbar, da so viele tausend See­len durch diese Schlingen elend gefangen und verderbt sind. Ein menschlich Fündlein ist das Gelübde, ein menschlich Fündlein bleibt es. Aber doch ist es nicht schlechthin lächerlich. Denn diese Unterwer­fung frei auf eine bestimmte Zeit zu geloben, ist nicht unnütz. Denn wir sehen die altkirchliche Einrichtung und gar heilsame Gewohnheit, daß die Älteren die ihnen zeitweilig anvertraute Jugend im Glauben und in der Zucht unterrichteten, was auch die Briefe des Petrus und des Paulus anzeigen, wo die Jungen den Ältesten sollen untertan sein (1.Petr. 5,5). Von daraus erst sind die christlichen Schulen entstanden, in denen auch die Mädchen unterrichtet wurden, wie die Geschichte der heiligen Agnes zeigt. Daraus endlich sind die Stifte und Klöster hervorgegangen, um derer willen, die ständig und frei in diesen Schu­len bleiben wollten. Sobald aber die, die das junge Volk zu unterwei­sen begonnen hatten, lässig zu werden und auf das Ihrige zu achten an­fingen, an Schätzen und Muße reich wurden, und die Jugend wider­spenstig wurde, da erfanden sie die Schlingen des Gelübdes, mit denen sie die Gewissen banden und unter der Zucht hielten, so daß jeder sich selbst aus Furcht vor Sünde in Zaum hielt und die Aufseher Ruhe hat­ten. Wie es auch jetzt noch der unsinnige Brauch der hohen Schulen ist, die jungen Leute in Eide zu verstricken und ihre Gewissen zu Tode zu martern, damit jene nicht nötig haben zu wachen und besorgt zu sein, sondern auf beiden Ohren ruhig schlafen mögen. So sind aus freien und christlichen Schulen knechtische und jüdische Klöster und wahre Synagogen der Gottlosigkeit geworden. Wenn also das heutige Gelübde auf jene alte Gewohnheit zurückgeführt und so gehalten würde, da hätte es keine Gefahr, und ohne Zweifel wird es bei Gott nicht anders angesehen, als daß man jene alte Sitte zeitweilig halte, auf daß die schwachen und ungebildeten Leute den christlichen Unter­richt genießen und dann wiederum frei gelassen werden. Das wollen wir später mit dem Zeugnis göttlicher Werke beweisen.

Hier wird ein etwas Schwacher oder auch ein Kluger einwenden: »Wenn Gott die Ehelosigkeit derartig frei haben will, daß man sie mit der Heirat vertauschen kann, so wird er mit derselben Freiheit auch gestatten, daß man seinen Gemahl verlasse und die Ehe mit der Ehelo­sigkeit vertausche; oder wenn Gottes Gesetz zwingt, den Gemahl nicht zu verlassen, dann auch wird ähnlich im Hinblick auf das Gelübde das Gesetz Gottes zwingen, die Ehelosigkeit nicht aufzugeben; denn auf beiden Seiten ist Sünde, von Gott gesetzt und verboten. Also wird es entweder nicht gestattet sein, auch ehelich zu werden, damit nicht die Ehelosigkeit unerlaubt werde, nachdem die Freiheit genommen ist, oder es wird nötig sein, auch das Gelübde zu halten, so daß die Ehe da­durch unerlaubt wird.« Darauf antworte ich: die evangelische Freiheit herrscht allein in dem, was zwischen Gott und dir selbst sich zuträgt, nicht aber zwischen dir und deinem Nächsten. Denn er will keinen Raub als Opfer (Jes. 61,8), und er will nicht, daß jemand etwas tue, das zum Schaden des Nächsten ausschlage. Er will vielmehr, daß alles zum Vorteil des Nächsten geschehe. Er hat also dir die Freiheit gesetzt, da du vor ihm ganz ungehindert heiraten oder ehelos leben kannst, und er hat nicht gewollt, daß diese Freiheit zwischen ihm und dir geändert werden könne. Denn er duldet es nicht, daß du dich ihm bindest und verpflichtest; hat er dich doch in allem gelöst und freigemacht. Was wäre denn ein Gelübde sonst anderes, denn daß du bändest, was er hat frei haben wollen? Aber mit dieser Freiheit hindert er nicht, daß du deinem Nächsten dich verpflichten und binden kannst, weil dein Näch­ster nicht wie Gott dich geheißen hat los und frei zu sein. Sonst wäre es auch erlaubt, alle Kontrakte, Bündnisse und Verträge nach Willkür zu schließen und zu brechen. Darum bist du als Verheirateter bereits in Macht und Gewalt eines anderen, und Gott will nicht, daß diesem wi­der seinen Willen sein Recht genommen werde, damit du Gott dienest. Doch wenn dies Recht aufhört, weil der Gatte stirbt oder in eine Scheidung willigt, siehe, dann hast du wieder ganz unversehrt deine Freiheit zwischen Gott und dir wie vorher, zu heiraten oder enthaltsam zu leben.

So also verhält es sich mit dem Gelübde der Ehelosigkeit gegen Gott, als hätte man es mit einem Ehevertrag zu tun, der mit einem Gat­ten abgeschlossen ist, und nun der Gatte gestorben oder durch wech­selseitige Übereinkunft getrennt und frei wäre. Denn wenn ein Gatte gestorben wäre oder kraft gegebener Erlaubnis dir die Gelegenheit schafft, frei enthaltsam zu leben, ohne je mehr die Absicht zu haben, die eheliche Verbindung mit dir zu suchen, und unter euch beiden ge­genseitig der Vertrag durch Schrift, Siegel und Zeugen fest bekräftigt wäre, und du, ein törichtes Weib, gleichsam etwas Großes dem Manne tun wolltest und ihm aufs neue die eheliche Verbindung gelobst, indem du durch dies Gelöbnis die früher gegebene Gelegenheit keusch zu le­ben nicht nur bekräftigen, sondern überbieten und in besonders her­vorragender Weise erfüllen willst, würde man dich da nicht unsinnig nennen? So hat Gott in der Taufe den Bund der Freiheit mit dir ge­schlossen, daß es dir immer freistände zu heiraten und enthaltsam zu leben, und er will auch hinfort nicht etwas, das dieser Freiheit entgegen ist, annehmen. Und du, um diese Freiheit größer und vollkommener zu machen, legst ein Gelübde ab und verwandelst sie durch das Ge­lübde in Knechtschaft und Zwang. Was kann geschehen, das unsinni­ger wäre? Darum sind die Mönche eigentlich Diener Baals, die sich Gott zum Gemahl machen wollen durch die Knechtschaft des Gelüb­des, der sie doch frei gemacht hat durch die Freiheit des Evangeliums.

Denn Baal bedeutet einen Mann, der ein Weib hat. Darum mit der gemeinsamen Freiheit unzufrieden, maßen sich die Mönche an, sich Gott eigentlich und besonders vor allen anderen zum Baal zu machen; sie meinen durch solchen Gehorsam mehr als evangelisch zu handeln, während sie recht eigentlich wider das Evangelium wüten. Das heißt – wie es ja ihre Gewohnheit ist – über die Altäre hinwegspringen (1.Kön. 18,26), d. i. die eigenen Werke über den gemeinsamen Glau­ben zu preisen und mit Messern sich zu ritzen, d. h. mit ihren Gesetzchen und Lehren sich selbst zu peinigen, niemals aber den alten Men­schen zu töten usw.

Doch es ist Zeit, daß wir dieser Erörterung ein Ende machen; so zie­hen wir die Schlußfolgerung, daß Armut, Gehorsam, Keuschheit an­dauernd gehalten werden können, aber nicht gelobt, gelehrt und ver­langt werden können. Denn wenn man sie hält, bleibt die evangelische Freiheit, wenn man sie lehrt, gelobt und fordert, bleibt sie nicht; darum haben die Heiligen, die sie gehalten haben, sie frei gehalten, und hät­ten sie auch gehalten, wenn sie nicht das Gelübde abgelegt hätten und man sie nicht also gelehrt und es von ihnen gefordert hätte; darum hat ihr Gelübde, obwohl es töricht gewesen, ihnen um des Glaubens und der Freiheit des Gei­stes willen nichts geschadet. Es ist aber gar nicht miteinander zu vergleichen, wenn etwas geschieht, ohne daß es gelehrt und gefordert wird, und wenn gelehrt und gefordert wird, daß dasselbe getan werden soll. Denn dies heißt aus einer Tatsache ein Recht ma­chen, aus einem Werk ein Gebot, aus einem Beispiel eine Regel, aus etwas Zufälligem etwas Notwendiges; was kann aber unsinniger und verderblicher sein als dies? Doch das erste ist von Gott, das zweite von Menschen; darum muß man bei dem ersten bleiben, aber das zweite fahren lassen. Wir verdammen also, auf die Sache gesehen, nicht die Gelübde, falls jemand sie zu befolgen wünscht, sondern wir verdam­men die Lehre und das Gebot. Es ist mit diesen Gelübden gegangen, wie es mit der Enthaltsamkeit zu gehen begann auf der Synode von Nicäa (325). Dort unternahmen es etliche, als einige Priester und Bischö­fe, eine Reihe von Jahren freiwillig ehelos gelebt hatten, dies Beispiel in ein Gebot zu wandeln und fortan zur Ehelosigkeit bei Gewissens­zwang zu nötigen; so sehr war bereits damals auch auf dieser hochhei­ligen Synode der Glaube und das Evangelium dahingeschwunden und waren die Überlieferungen der Menschen stark geworden, es leistete aber nur der eine Paphnutius dem ganzen Konzil Widerstand, indem er verhinderte, daß über die Ehelosigkeit etwas fest beschlossen wur­de. Denn diesen Götzendienst zu erfüllen war die Sache des Antichrists in Rom. Da so die Mönche vorher aus freien Stücken ehelos wa­ren, arm lebten und gehorchten, haben endlich die Späteren ihr freies und evangelisches Beispiel in ein notwendiges Gelübde umgewandelt. Und hier gab es keinen Paphnutius, der Widerstand leistete, da bereits die Sünden überhandgenommen und der Zorn Gottes die Werke des Irrtums über die Welt reif machte, wie er es bei Paulus vorausgesagt hatte (2.Thess. 2,11). Darum haben Bernhard und andere die Keuschheit, den Gehorsam und die Armut unter den Gelübden, aber nicht gemäß den Gelübden, vielmehr nach dem alten Beispiel der Vä­ter und nach dem Evangelium gehalten, und die so verwerfliche Über­lieferung und verdammliche Einrichtung des Gelobens, in menschli­chem Irrtum strauchelnd, gebilligt und gelehrt, während sie doch selbst etwas ganz anderes und in anderer Weise befolgt haben; aber das Werk des Irrtums mußte aufrecht erhalten werden auch durch die falsch aufgenom­menen Beispiele der Väter, um derer willen, die nicht sich angeeignet haben die Liebe zur Wahrheit, auf daß sie gerettet würden.

IV. Daß die Gelübde wider die Gebote Gottes sind

Wir haben also gesehen, daß das Mönchtum nicht nur nicht von Gott stammt – denn es kann dafür kein Zeugnis aus der Schrift beibringen, noch irgendein Zeugnis oder Wunder, durch das es vom Himmel her beglaubigt wäre, ist es doch vielmehr verboten und verworfen, wie auch alle anderen menschlichen Überlieferungen – sondern auch wi­der den christlichen Glauben und die evangelische Freiheit streitet. Nun laßt uns zum vierten sehen, wie es mit den göttlichen Geboten sich verträgt. Denn es ist unmöglich, daß nicht allem das widerstrebe, was dem widerstrebt, von dem und durch den und in dem alles ist. Denn er ist mit den Heiligen heilig und mit dem Verkehrten verkehrt (Ps. 18,26-27). Deswegen, wie den Unreinen nichts rein ist, sondern alles unrein (Tit. 1,15), so ist den Verkehrten alles verkehrt und nichts recht. Und hier will ich wiederum die Heiligen ein für alle Mal ent­schuldigt haben, damit man nicht immer ihre Beispiele entschuldigen muß. Denn ich erörtere hier nicht, wie die Heiligen unter dieser Ein­richtung gelebt haben, sondern ich erörtere die Einrichtung selbst. Nicht wie die drei Knaben im Ofen Babylons gelebt haben (Dan. 3,21ff.), sondern ob es überall allen erlaubt ist, in diesen Ofen sich zu stürzen oder das goldene Bild des Königs anzubeten. Ich erör­tere nicht, ob Paulus ehelos gelebt hat, sondern ob man sein Beispiel heranziehen darf, um ein Recht und eine Lehrform daraus abzuleiten. Derselbe Paulus hat das ganze Gesetz Moses gehalten und wollte doch nicht, daß man es zu halten lehre und anhöre. So lebte Bernhard unter dem Gelübde ohne Gelübde, gleichwie der Apostel unter dem Gesetz ohne Gesetz, aber darum darf nicht Gelübde oder Gesetz zu einer Lehre oder Form zu leben gestaltet werden, es muß vielmehr abgetan werden.

Und wir haben oben, wo wir vom Glauben handelten, ausreichend gezeigt, daß diese Einrichtung der Möncherei wider die erste Tafel oder die drei ersten Gebote streite. Denn der Glaube wird im ersten Gebot, Lob und Bekenntnis des Namens Gottes im zweiten und die Werke Gottes in uns im dritten geboten. In diesen dreien wird der wahre und rechtmäßige Gottesdienst vollzogen. Aber die Einrichtung des Gelübdes entleert, wie gesagt, den Glauben, während sie die Werke lehrt; sie verachten nun weiter den Namen Gottes und richten den eigenen Namen auf. Denn sie werden nicht mehr Christen oder Söhne Gottes genannt, sondern Benediktiner, Dominikaner, Franzis­kaner, Augustiner; diese und ihre Väter preisen sie mehr als Christus. Denn sie hoffen nicht in dem Namen selig und gerecht zu werden, daß sie getauft und Christen sind, sondern allein in dem, daß sie den Na­men ihres Ordens haben. Darum vertrauen sie auf ihren Namen, rühmen sich dessen, als wären Taufe und Glaube schon längst wie durch einen Schiffbruch untergegangen. Sie nehmen und rufen also nur un­nütz den Namen des Herrn an, wohl aber ihren eigenen Namen, den sie durch Werke aufgerichtet haben. Denn du magst sehen, wie sie völ­lig verzweifeln, wenn sie sich bewußt geworden, daß sie ihren Orden nicht gehalten haben; denn sie meinen, dies sei notwendig zur Gerech­tigkeit und Seligkeit. Sobald sie aber gesehen haben, daß sie ihn gehal­ten oder daß es ihnen leid tue, ihn nicht gehalten zu haben, dann er­warten sie sorglos in diesem Namen die Krone der Herrlichkeit, weit sorgloser als auf Grund ihrer Taufe auf Christus; ja sie haben es ver­gessen und denken nicht einmal je daran, daß sie auf die Werke Christi getauft sind, daß sie ihrer sich getrosten, sie suchen das Ihre und erwar­ten, daß sie deswegen von Gott gekrönt werden, weil sie Mönche ge­wesen sind. Es genügt ihnen, wenn sie ihren Vätern nachgeeifert ha­ben, deren Satzungen und Beispiele durch ähnliche Werke erreicht oder Schmerz empfunden haben, daß sie sie nicht erreicht haben; Christus aber und seine Werke im Glauben zu haben, verachten sie. O welch furchtbares Verderben!

So siehst du: der Glaube und das erste Gebot können sich nicht mit der Lehre vom Mönchs­gelübde vertragen – es sei denn durch ein Wunder der Gnade Gottes – das zweite Gebot mit ihrem Prahlen und ihren Titeln ebenso wenig. Denn da allein Christus gen Himmel steigt (Joh. 3,13). der auch herabgestiegen ist und im Himmel ist, so ists un­möglich, daß ein Benediktiner, Augustiner, Franziskaner, Dominika­ner, Karthäuser oder dergleichen gen Himmel steigen. Denn dies ganze Menschenvolk sucht den Himmel mit leeren Lampen, d. i. mit eigenen Werken, und ohne eigene Werke erwarten sie nichts bei Gott, denn so lehrt es sie die Form ihres Lebens und ihres Gelübdes. Doch der Christ steigt mit fremden Werken empor, nämlich den Werken Christi, auf den er getauft ist, in den er hineingepflanzt ist (Röm. 6,3ff.), und es lebt nicht mehr er selbst, sondern Christus lebt in ihm (Gal. 2,20) und heiligt ihm einen vollkommenen ganzen Sabbat von seinen Werken. Wie furchtbar ist es also, des Bewußtseins leben zu müssen, daß man nicht selig werden könne, wenn man nicht seinen Orden gehalten, aber selig werden könne, wenn man ihn hält. Schweigt man hier nicht ganz von Christus? Doch dies Bewußtsein würde nirgends sein, wenn die Einrichtung des Gelübdes nicht da wäre, jetzt aber ist es überall. Nirgends also ist ein heiliger Sabbat, sondern es wird jenes Wort Ps. 73 erfüllt: »Wir wollen alle Festtage Gottes auf Erden entweihen« (Ps. 74,8). Da siehe du zu, ob das nicht eben das ist, was Paulus Röm. 2 sagt: »Dir graut vor den Götzenbil­dern, und du raubst Gott, was sein ist. Denn eurethalben wird der Name Gottes gelästert unter den Heiden« (Röm. 2,20.22). Wer unter allen Menschen brüstet sich so des Gottesdienstes wie die Mönche? Niemand verflucht mehr die Abgötterei, aber siehe da, eben sie sind Gotteslästerer. Welches Heilige rauben sie? Eben das, wodurch alle geheiligt werden, den heiligen Namen Gottes. Denn den christlichen Namen tilgen sie und setzen an dessen Stelle ihren Namen; sie wollen in diesem Namen selig werden, was doch allein durch den Namen Jesu geschehen kann und darf, wie Petrus sagt Apg. 15: »Und es ist uns kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, darinnen wir sollen selig werden« (Apg. 4,12).

Denn wie es unmöglich ist, daß der, der durch den Glauben auf Christus sich verläßt, in seinem eigenen Namen Heil sucht – denn er kennt nur die Werke und Verdienste Christi allein, darum hat er kei­nen anderen Namen, in dem er gerettet und geheiligt werde als den Christi allein – so ist es auch unmöglich, daß der, der auf Werke und Gelübde sich verläßt, nicht im eigenen Namen Heil suche. Denn er hat Werke und Verdienste abgesehen von den Werken und Verdiensten Christi, darum hat er auch einen anderen Namen abgesehen von dem Namen Christi. Was heißt dies aber anders, denn den Namen Christi rauben und sich selbst beilegen und sagen: »Ich bin Christus,« wie wir oben aus Mt. 24 gezeigt haben? Welcher Frevel wider Gott könnte größer sein? Denn wer da sagt: »Ich werde durch meine Werke selig,« der sagt nichts anderes denn: »Ich bin Christus,« da allein Christi Werke selig machen alle, die selig werden. Und dies ist die greuliche Lästerung des Namens des Herrn unter den Heiden (Röm. 2,24), daß Heiligkeit und Heiligmachung einem anderen wie dem Namen des Herrn schon überall beigelegt wird. Denn in aller Mund werden ihre Orden heilig genannt, gleich als heiligten sie die, die nach ihnen sich richten, oder als wäre es etwas Heiliges, in ihnen zu leben, während doch allein der Name des Herrn heiligt und in ihm zu wandeln heilig ist. Dieser weit verbreiteten Gotteslästerung Urheber sind sie selbst mit ihren frevelhaften Taten, durch die sie den Namen des Herrn und das Werk des Herrn an sich reißen und sich anmaßen, mit dieser Got­teslästerung die ganze Welt verführend und verlockend.

Da aber solch frevelhafte Meinungen und Gewissen von den Chri­sten ganz fern bleiben müssen, was bist du noch unschlüssig, ob du dich enthalten sollst, ob du fliehen, meiden, die Mönchsgelübde und diese ganze Art des Lebens ändern sollst? Welches auch dazu erfunden ist, solche Gewissen zu machen, und es kann seiner Natur nach nicht an­dere machen, und du siehst aus der täglichen Erfahrung, daß in der ganzen Welt solche gemacht werden. Oder willst du, wenn du Korah mit seinen Zelten und seiner Habe verschlungen werden siehst (4.Mos. 16,31ff.), inmitten des Schlundes bleiben und nicht wenig­stens die Klugheit des übrigen Israel nachahmen und fliehen mit den Worten: »Es möchte auch uns die Erde verschlin­gen? (4.Mos. 16,34). Oder willst du Zurückbleiben, weil du die Kinder Korahs, die sonst blieben, siehst gerettet werden?« (4.Mos. 26,11). Aber du sollst wis­sen, daß dies, wie Moses schreibt, nur durch ein großes Wunder ge­schehen ist. Denn du kannst nicht leugnen, daß das Mönchsinstitut wi­der Christus aufrührerisch ist und recht eigentlich als ein Aufruhr Ko­rahs anzusehen. Denn es erregt Spaltungen im Volke Christi und lehrt, wie du siehst, gegen den Glauben, mit Vertrauen und Besorgnis auf die eigenen Werke zu blicken; denn du kannst keinen Mönch zeigen – es sei denn ein Wunder geschehen – dessen Gewissen nicht mit diesem Gottesfrevel und dieser Gotteslästerung erfüllt sei, daß er gerettet werde, wenn er die Regel seines Ordens gehalten, aber verdammt werde, wenn er sie nicht gehalten; wozu würde er auch sonst geloben und halten, wenn sein Gewissen nicht derartig bestimmt wäre? Was wird es dir helfen, wenn Kinder dieses Korah in diesen Zelten voller Frevel und Gotteslästerung gerettet sind? Es ist dies ein Wunder gött­licher Kraft, und kann nicht zu einer allgemeinen Vorschrift zu leben erweitert werden.

Mit gutem Grund nennt man die Möncherei Korah, das heißt »kahl« oder »Glatze«, da nach dem Zeugnis des Apostels der Mann der Ruhm Gottes ist und sein Haar nicht verhüllen darf (1.Kor. 11,7), auf daß du erkennst, daß dieser aufrührerische Korah ohne das Haupt Christus, ohne die Ehre Gottes sich selbst als Haupt aufrichtet, in sei­nem eigenen Namen gegen Christus sich rühmt. Wie Petrus 2.Petr. 2 sie recht eigentlich beschreibt, wenn er sagt, daß sie lügnerische Lehrer seien, die Sondermeinungen und Verderben bringende Spaltungen nebenher einführen und den Herrn, der sie erkauft hat. verleugnen, so daß durch sie der Weg der Wahrheit wird gelästert werden. Welches sind jene Meinungen und Spaltungen des Verderbens, wenn nicht die vorhergenannten ruchlosen und gotteslästerlichen Gewissen, Lehren und Spaltungen, durch die Christus mit seinen Werken und seinem Namen verleugnet wird und an dessen Stelle die Werke und Namen von Menschen gesetzt werden, und ihnen zugewiesen wird, was Christi ist, nämlich Gerechtigkeit, Seligkeit und Heiligkeit?

Aber hier werden nun diese Gotteslästerer, die ja unverbesserlich und ungläubig sind, sobald sie gesehen, daß sie bei einer so offenkun­digen Gotteslästerung ertappt sind, nach ihrer Weise Unterscheidun­gen erdichten, an denen sie sehr reich sind, und sagen, sie hätten nie­mals anders gelehrt, als daß Christus und die Gnade Gottes das Vornehmste und Beste in den Orden seien, gleichsam das Allerheiligste. Im übrigen seien auch die Orden heilig, wenn auch in geringerem Maße, gleichwie ein Heiliges, das in abgeleiteter Weise an dem ersten teilnimmt, usw. Oder sie werden eine andere Erdichtung ihres Kopfes vorbringen, damit es nicht scheine, als wären sie verwirrt oder gefan­gen. Denen antworte ich: Warum haben sie nicht von Anfang an so ge­lehrt? Wer hat den Seelen, die schon verloren sind und noch verloren gehen, diese Unterscheidung enthüllt als eine, die in späteren Zeiten noch sollte erdacht werden? Sie haben das Wort heilig, sobald es fällt, schlecht und recht verstanden und nicht von diesem heimlichen, auf Zweideutigkeit beruhenden Betrug gewußt. Aber wohlan, so mögen sie nun auftreten und lehren, wie sie jetzt unterscheiden, sie mögen mit lauten Worten folgendermaßen ans Volk sich wenden: »Wisset, daß es viel besser ist, einfach ein Christ zu sein, als ein Mönch,« so wirst du schon sehen, wie viele ins Kloster eintreten, ja auch nur im Kloster bleiben werden. Doch jetzt lehren sie, daß die Mönchsorden viel bes­ser und heiliger seien als der allgemeine Stand der Gläubigen. Das ist jene Stimme des Verderbens, durch die sie die Gläubigen von Christus losreißen in Hoffnung auf eine größere Frömmigkeit, als die es ist, die sie in Christus gefunden haben. Das ist Gottesfrevel und Gottesläste­rung, mit der Christus nicht bestehen kann; wenn sie aber ihrer sich nicht rühmten, würden sie selbst nicht bestehen können.

Es ist auch nichts mit der Behauptung, die sie prahlend vorbringen, daß das Größere und Hauptsächliche durch Hinzukommen des Gerin­geren und weniger Wichtigen gemehrt werde. Wenn dem auch so wäre, wer wird das ungelehrte Volk so leiten, daß es nicht das Gerin­gere als das Größere ergreife, wie es jetzt eben es tut? Hier ist es ein Wunder, nicht zu irren, darum muß dieser Anstoß aus dem Wege ge­räumt und einzig jenes Größere vorgetragen werden. Warum sodann raten sie nicht eindringlich den Menschen, das Geringere zu verlassen und das Größere zu ergreifen? Und warum lehren sie nicht mit dersel­ben Kraft die Mönche, das Kloster zu verlassen, mit der sie vom Grö­ßeren fort zu ihrem Geringeren anspornen und verlocken, in die Or­den einzutreten? Nun aber ist dies doppelt erlogen. Zunächst, weil sie tatsächlich ihre Möncherei für bedeutender und wichtiger halten, und den einfachen Christen für geringer und verachtet. Das beweisen ihre frevelhaften und gotteslästerlichen Reden, die mehr zur Möncherei als zum einfachen Christentum vermahnen. Zum andern ist es eine Lüge, weil noch ein anderes Heiliges erdichtet wird. Denn allein Christus ist heilig und er leidet es nicht, daß wir unter irgendeinem anderen Na­men geheiligt und gerettet werden, wie wir oben aus des Petrus Wor­ten erwiesen haben. Wohin du also auch dich wendest, wirst du eine Einrichtung finden, die gottlos, frevelhaft, gotteslästerlich, ihrer Natur nach wider Christus ist, und die wirksame Ursache des Verderbens für alle, die nicht mit den Kindern Korahs wunderbar gerettet werden. So liegt jener wahre Gottesdienst darnieder, der durch die drei ersten Gebote eingesetzt ist, und die Wege Zions sind voller Trauer, weil es niemand gibt, der zum hohen Feste kommt (Klagel. 1,4). Den rechten Gottesdienst haben sie durch einen anderen ersetzt, der ihrer ganz wert ist und aus jenem zeremonienhaften Gepränge in Kleidern, Gebärden, Gesang und Vorlesungen besteht, worin nichts vom Glauben oder dem Namen und dem Wort Gottes zu finden ist; alles ist vielmehr ganz menschlich. Und eine Spur dieses Brauches sieht man noch aus der Einrichtung des Paulus 1.Kor. 14 übrig geblieben, wo er lehrt, daß dreierlei geschehen müsse in der Versammlung der Gemeinde, mit Zungen reden oder Psalmen singen, weissagen oder auslegen, und be­ten. Zunächst wurde etwas aus der Schrift oder den Psalmen vorgele­sen. Sodann legten die Propheten es aus und lehrten es. Drittens wurde gemeinsam gebetet. Das war eine göttliche und gar christliche Einrich­tung, aber geordnet, zu lehren und zu vermahnen, d. h. den Glauben zu nähren. Das erste ahmt man heute nach mit den Lektionen im Früh­gottesdienst, mit den Episteln, Evangelien und den Gesängen, die ei­ner allein singt, das andere mit den Homilien, das dritte mit den Responsorien, Antiphonien, Gradualen, und was gemeinsam gelesen oder gesungen wird; aber dies alles ist unheilvoll. Denn es geschieht nicht in der Absicht, zu lehren und zu vermahnen, sondern lediglich um gute Werke zu tun. Denn es genügt ihnen, so gelesen, so gesungen und so laut geschrien zu haben. Dies Werk sucht man und nennt es Gottesdienst. Was aber gelesen und gesungen wird, oder warum es ge­lesen und gesungen wird, daran denken sie nicht einmal, und es ist kein Prophet da, der es auslegt und lehrt. Um darum doch nicht ganz müßig in diesem wunderlichen Gottesdienst zu sein, achten sie sorgsam und ängstlich auf das Vorlesen, Vorsingen, richtige Abteilen, Pausieren, Begrenzen, Aufmerken, allein darauf achtend, daß gut, andächtig und lobenswert gelesen und gesungen wird. Das ist der letzte Zweck dieses

Gottesdienstes. Da sind die Anordnungen, Strafen, Artikel, Statuten, Sünden und Verdienste, dieses Gottesdienstes sehr würdig. Du magst sagen, daß dieser ganz schwere Gottesdienst deswegen geübt werde, damit jene großen und bedeutenden Männer während ihrer Lebens­zeit wenigstens einen kleinen Teil der Grammatik und Musik erlernen. Denn kann man urteilen, daß sie etwas anderes suchen? Wenn nun, wie Paulus sagt (1.Kor. 14,23), ein Ungläubiger mitten in die Schar dieser brüllenden, murmelnden, schreienden Menschen eintritt und sieht, daß sie weder predigen noch beten, sondern nur nach ihrer Weise sich hören lassen wie die Orgelpfeifen, die sie sich nach treff­lichstem Plan verbunden haben, und haben das Zusammenstimmende nebeneinander gestellt, wird er da nicht mit vollem Recht sagen: »Seid ihr denn toll geworden?« (1.Kor. 14,7). Denn was sind sie anders als solche Pfeifen oder Flöten, von denen Paulus sagt, daß sie die einzel­nen Töne nicht unterscheiden lassen, sondern nur in die Luft hinaus­schallen, nicht anders, wie wenn jemand, der etwas vortragen will, zum Rednerpult emporsteigt und eine ganze Stunde fremde Worte zum Volke redet, die niemand versteht? Redet er hier nicht in die Luft? Wird man ihn nicht für verrückt halten? Freilich, ein solcher Gottes­dienst ziemte diesen ruchlosen und gotteslästerlichen Widersachern Christi, auf daß sie in keiner Weise besser wären als jene stummen höl­zernen Pfeifen, indem sie mit großer Mühe sich hören ließen, nichts lehrten, nichts lernten, nichts beteten, und doch dies unsinnige Werk als höchsten Gottesdienst rühmten, aller Leute Reichtümer kraft der Verdienste dieses Gottesdienstes an sich rafften. Einem solchen Haus gebührt eine solche Heiligkeit.

Ich sage hier nichts von den Heiligen, die kraft frommen Brauches dies dem Gespött anheimfallende Leben geführt haben. Ich rede von diesem Gottesdienst selbst, der als solcher überreichlich genug ge­rechte Veranlassung böte, die Mönchsgelübde zu brechen und fahren zu lassen, wenn die übrigen Gründe nicht dazu bewegen könnten. Denn was ist er anderes, ein reines Gespött, oder wie der Apostel sagt, Tollheit. Doch das ist es, das an erster Stelle gelobt wird, das suchen die, die Mönche werden. Auf diese Weise nehmen sie sich vor, Gott zu dienen, deswegen verlassen sie die Welt, ihren Besitz und ihre Eltern, deswegen verleugnen sie sich selbst, um Christus nachzufolgen. Denn so stutzen diese frechen und gotteslästerlichen Menschen die göttli­chen Sprüche Christi auf ihre kindische, lächerliche und törichte Ko­mödie zu, in der sie selbst die Rolle von Pfeifen, Flöten und Trompeten übernehmen, die stumm sind und zum rechten Gottesdienst nicht tau­gen, zugleich aber den rechten Gottesdienst verleugnen. Wenn du wüßtest, daß du etwas Ernstes gelobt hättest und nachher merktest, daß dies nur ein Gespött und lächerlich sei, würde dich da nicht dein Gelübde gereuen? Würdest du es nicht ändern? Würde dich nicht dein Irrtum entschuldigen, der du ja ohne es zu wissen, etwas Böses gelobt hattest? Gerade so, siehst du, verhält es sich heute mit den Klosterge­lübden. Oder meinst du, daß dies Gelübde bei Gott angenehm und gern gesehen ist? Oder ist es seine Absicht, viele stumme Pfeifen sich zusammenzustellen, die ihn erfreuen sollen, indem sie in die Luft ihren Ton senden?

Ich sehe zwar, wie Bernhard und seinesgleichen, die von Gott bewahrt sind, dies Narrenwerk durch ihren Ernst minderten. Es sind seine Predigten vorhanden, durch die er in der Versammlung der Or­densbrüder auslegte und lehrte; durch diese eine Tat hat er die alte Einrichtung des Paulus wiederhergestellt und sich und die Seinen mit sich gerettet, wie Paulus von Timotheus gesagt hat (1.Tim. 4,16). Und wenn es in den Klöstern solche Männer wie Bernhard gäbe, könnten sie ertragen werden, weil sie jedenfalls teilweise die alte Einrichtung des Paulus hielten. Aber wo es nur lauter tote Pfeifen und stumme Flö­ten gibt, die in die Luft schallen, von denen ja Paulus erklärt, daß sie schon von dem Ungläubigen verachtet und der Tollheit beschuldigt werden (1.Kor. 14,23), wie viel mehr müssen sie da von den Gläubi­gen verlassen und gemieden werden? Es sei denn, daß wir es vorzögen, ärger zu sein als die Heiden und Ungläubigen und das für gesund und fromm zu erachten, was jene mit Recht, auch in Übereinstimmung mit Paulus, ungesund nennen. Glaube also ja nicht, daß dein auf diese Tollheit erfolgtes Gelübde von Gott gefordert und gebilligt werde, sondern glaube zuversichtlich, daß es verworfen und verdammt sei, da sie offenbar durch solches Narrenwerk Gott nicht nur versuchen, son­dern auch verspotten. Und diese knappen Ausführungen über die er­sten drei Gebote mögen zurzeit genügen.

Daß die Gelübde wider die Liebe sind

Laßt uns zur zweiten Tafel übergehen und ihre Gebote in diese zwei zusammenfassen: Gehorsam gegen die Eltern und Liebe zum Näch­sten. Denn nach dem Glauben an Gott gibt es nichts Größeres als den Gehorsam gegen die Eltern, von dem Paulus 1.Tim.5 so prächtig re­det: »Sie mögen zunächst lernen, ihr eigenes Haus zu regieren und den Eltern Gleiches zu vergelten, denn das ist angenehm vor Gott« (1.Tim.5,4). Hier verbietet Paulus durchaus, daß eine Witwe aufge­nommen werde, die noch ein Haus hat, das sie regieren, und Eltern, denen sie gehorchen soll; er fügt auch hinzu: »Wer sich um die Seinen und besonders seine Hausgenossen nicht kümmert, der hat den Glau­ben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger« (l.Tim.5,8). Vollends überflüssig ist es zu berichten, wie er die Liebe allem anderen vorzieht, 1.Kor. 13, alles für wertlos erklärend, das ohne Liebe geschieht. Das aber, was Paulus von der Witwe sagt, muß überhaupt von allen Kindern gelten. Wiederum rede ich hier nicht von den Beispielen der Heiligen oder von einer wunderbaren Tat, sondern nur von der Einrichtung des Gelobens, und auf göttliche Autorität mich berufend verkündige und erkläre ich, daß kein Gelübde absolut gegeben werden kann, wenn es vor Gott fromm und angenehm sein soll, sondern alles ist mit der Bedingung verknüpft, daß der Gehorsam gegen die Eltern und die Liebe zum Nächsten gewahrt werde. Denn wer ein Gelübde abgelegt oder gehalten hat wider den Gehorsam gegen die Eltern und wider die Liebe zum Nächsten, der sei verflucht, oder er hat, wie der Apostel hier sagt, den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger. Denn wir können nichts wider Gott, sondern allein für Gott (vgl.2.Kor. 13,8). Da aber das Mönchtum aufs Gottloseste und Unverschämteste öffentlich lehrt, man dürfe den Eltern nicht gehor­chen und nicht sich sorgen um das, was der anderen ist – denn sie sagen ja, daß der Mönch der Welt gestorben und Gott geweiht sei, daß er nur im Kloster leben dürfe, mögen auch die Eltern, die Nächsten, ja die ganze Welt Not leiden, zugrundegehen, im Unglück stehen – so soll es verflucht sein, es einfach zu geloben oder zu halten. Sie haben hier ein Beispiel aus den Lebensbeschreibungen der Väter, ein gottloses und grausames Beispiel, wo eine Mutter ihre zwei Söhne, die Eremiten wa­ren, besuchte, da die Mutterliebe sie trieb, die Frucht ihres Leibes zu sehen. Aber sie verschlossen die Tür und entzogen ihr Antlitz den Blicken der Mutter, indem sie darauf vertrösteten, daß sie in der künf­tigen Herrlichkeit sie sehen würde, wenn sie in diesem Leben es ertrü­ge, sie nicht angeschaut zu haben. Wenn ich dies Beispiel rühmen höre – deren es viele in den Lebensbeschreibungen der Väter gibt – meine ich die Lobredner der Lukretia oder Sauls zu hören, die sich hochge­mut selbst das Leben genommen hätten, oder andere scheußliche Ge­schichten der Heiden. Doch sie nennen es eine Tugend und noch dazu eine christliche. In diesem Sinne verzerren sie auch jene heilsamen und allen insgesamt geltenden Worten Jesu: »Wer Vater und Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert« (Mt. 10,37). Und wieder­um: »Wer sein Haus und seine Eltern verläßt usw., der wird es hundertfältig wieder empfangen und das ewige Leben besitzen« (Mt. 10,29). Und Ps. 44: »Höre, Tochter, und schaue darauf, und neige dein Ohr und vergiß deines Volkes und deines Vaters Hauses« (Ps. 45,11). Diese und ähnliche Worte, die Geist und Leben sind, die vom Glauben an Christus laut reden, um dessentwillen man alles ver­lassen muß, passen diese ruchlosen Gotteslästerer ihrem Tod und ihrer Lüge an, ihrem Fleisch und Blut.

Hier nun ist mein Unwille aufs Höchste gestiegen, und ich brenne, diese mehr als frevelhaften und gotteslästerlichen Lügen und Tollhei­ten zu rächen, aber es fehlt an Worten und Gedanken, mit denen ich nach Gebühr diese Ungeheuerlichkeiten angreifen könnte. Wegen dieses Greuels allein möchte ich – wie man’s auch tun müßte – die Klo­ster insgesamt ausgerottet, vertilgt, vernichtet sehen. Ach wollte der Herr sie doch, nachdem Lot und seine Töchter aus ihrer Mitte heraus­gerissen wären, mit Feuer und Schwefel vom Himmel nach dem Bei­spiel Sodoms und Gomorrhas in die Tiefe versenken, daß auch nicht einmal die Erinnerung an sie übrig bliebe; denn es würde nicht ausrei­chen, ihnen Bann und Fluch anzuwünschen. Siehe nun an dein heiliges und treffliches Gelübde. Oben hast du gelobt, du wolltest kein Christ mehr sein; aber weil es schwierig ist, den Glauben zu fassen, hat der feine Irrtum die Unverschämtheit entschuldigt. Doch hier legst du der unverschämtesten Gottlosigkeit ein Gelübde ab, die dich nicht an­nimmt, wenn du nicht den Eltern den Gehorsam und den Nächsten den Dienst versagst. Ich Unglücklicher! Wie sengt und brennt mich diese Frechheit und Unverschämtheit, die wider die klaren Gebote Gottes offen wütet und dazu noch Lob und ewiges Leben verheißt. Nimm einmal an, daß alle Mönche die ganze Heiligkeit der Engel be­säßen, dennoch darf die Einrichtung selbst, da sie gegen die Gebote Gottes offenkundig wütet, nicht nur nicht gelobt und gehalten werden, sondern sie muß auch gemieden und versucht werden als die größte Gottlosigkeit. Wenn du Mord oder Ehebruch gelobtest, würde das Gelübde als nichtig und verdammlich beurteilt werden; warum ist es nicht nichtig und verdammlich, wenn du Ungehorsam gegen die Eltern und Grausamkeit gegen den Nächsten gelobst? Oder wenn du darauf eingehen würdest, zu laufen mit den Dieben und Gemeinschaft zu ha­ben mit den Ehebrechern (Ps.50,18), wirst du da nicht den Rat Salo­mos gebrauchen dürfen (Spr. 16,19) und von den Sündern weichen, die dich zum Bösen erziehen?

Doch laßt uns hören, wie sie ihre Gottlosigkeit entschuldigen. Zu­nächst sagen sie, Gehorsam sei besser als Opfer (1.Sam. 15,22); des­wegen dürfe man nicht den Nächsten dienen oder ihnen wohltun ohne die Erlaubnis des Vorgesetzten. Zum andern sagen sie, die geistlichen Väter gingen den Vätern nach dem Fleische vor, darum müsse man auch den Gehorsam gegen jene dem Gehorsam gegen diese vorziehen.

Zum dritten, es werde unter den Brüdern des Klosters die Liebe nichtsdestoweniger geübt. So jene. Du siehst also, daß Gehorsam und Liebe durch sie aus dem öffentlichen Leben entfernt und in ihren Win­kel genötigt werden. Wir wollen aber diese drei Entschuldigungen der Reihe nach betrachten. Zunächst die erste, daß Gehorsam besser sei denn Opfer; das Wort bezieht sich vornehmlich und allein auf die gött­lichen Gebote und greift gerade die Möncherei tüchtig an. Denn wer als Mönch zu leben gelobt, der gibt sich, wie sie sagen, Gott als Opfer hin; aber der Herr sagt, daß er dies Opfer verabscheue, wenn es wider den Gehorsam gegen sein Gebot geschieht. Sein Gebot aber lautet, man solle den Eltern gehorchen und den Nächsten dienen. Ist dies nicht eine auffallende Verkehrtheit, das einen Gehorsam über jedes Opfer zu nennen, was Gott ein Opfer gegen jeden Gehorsam nennt? Die Mönche lehren die göttlichen Schriften derartig verstehen, daß sie das, was von den Geboten Gottes gesagt wird, den Geboten der Men­schen anpassen, und was gegen die Gebote der Menschen gesagt wird, wider die Gebote Gottes zurechtstutzen. Diesen Gehorsam hartnäckig ausnutzend, reicht der Minorit seinem Nächsten kein Geld dar und teilt es nicht an ihn aus, auch wenn er aus Mangel umkommen muß, und so weit es an ihm liegt, läßt er seinen Bruder an Hunger, Blöße und Mangel zugrundegehen, rühmt sich nachher dann noch gegen Gott, daß Gehorsam besser denn Opfer gewesen sei. Versteht sich, denn in der Taufe hat er Gehorsam gegen Gott gelobt, aber im Kloster hat er diesen Gehorsam durch den neuen Gehorsam gegen die Menschen vernichtet.

In demselben Gehorsam haben sie sich schön jener Werke der Barmherzigkeit entledigt, die Christus Mt. 25 im jüngsten Gericht droht fordern zu wollen (Mt.25,34ff.). Es mag der Mönch einen se­hen, der hungrig ist, dürstet, nackt, ohne Heim, gefangen ist usw., aber er mag sich hüten, aus dem Kloster herauszugehen, den Kranken zu besuchen, den Traurigen zu trösten, sondern er lasse gehen und unter­gehen, was untergehen will, verschließe sein Herz, auch wenn er ihm helfen könnte, nachher mag er sagen, er habe deswegen die Liebe zu üben unterlassen, weil er nicht Opfer dem Gehorsam habe vorziehen wollen. Dasselbe mag er tun, wenn Vater und Mutter seiner Hilfe zu bedürfen anfangen, daß er sie unterhalte oder ihnen diene. Welch un­erhörter Wahn! Ich habe fürwahr in meiner Möncherei, obwohl ich einfältig und ungelehrt bin, nichts schmerzlicher ertragen, als diese Grausamkeit und diesen Frevel, die Liebe verleugnet zu haben. Und es hat mich niemand je davon überzeugen können, daß ich ruhig glau­ben könnte, daß dieser Mönchsgehorsam, der so unverschämt gegen die Liebe wütet, recht und erlaubt sei. Sie werden aber hier sagen: »Wenn man den Mönchen die Erlaubnis gibt umherzuziehen, wird das ganze Mönchsinstitut untergehen, werden die Klöster verödet, wird der Gottesdienst seinem Zusammensturz entgegeneilen, indem die einzelnen hingehen, ihren darbenden Eltern und Nächsten zu dienen.« Schön! Damit also Stein und Holz stehen bleibt, damit das Geheul der Pfeifen und das Gemurmel im Chor fortdauern, damit die Platte auf dem Kopfe und das lange Mönchsgewand nicht abgelegt werde, muß man Gottes Gebot verlassen, für das wir sogar unser Blut vergießen, Leben und alles aufgeben müssen; wie weise und zutreffend urteilen doch diese Männer über Gottes Gebote! Ist es nicht so, wie ich gesagt habe, daß das Mönchsinstitut und das göttliche Gebot ihrer Natur nach direkt wider einander sind? Denn wenn du das göttliche Gebot halten willst, kannst du das ewige Gelübde nicht halten. Wähle, welches von beiden du willst. Und bitte, welchen Schaden kann denn das Mönchs­institut erleiden, wenn der Mönch das Kloster verläßt, sobald es nötig wird, um den Eltern zu dienen, Kranke zu besuchen, und sich dem Ge­horsam gegen Gott und der Liebesübung zu widmen? Ist es deswegen etwa nötig, Keuschheit, Armut und Gehorsam aufzugeben? Er wird ja ins Kloster zurückkehren können, wenn er den Gehorsam gegen Gott und die Liebe geübt hat. Und was hätte es zu bedeuten, wenn Gehor­sam und Liebe ihn nicht zurückkehren lassen? Wogegen wird er sündi­gen? Gegen Holz und Stein? Daß er nicht im Chor gestanden hat, nicht die Kappe angezogen hat, nicht sich hat scheeren lassen, nicht im gemeinsamen Schlafraum geschlafen hat, nicht im Speiseraum gegessen hat, nicht im gemeinsamen Brummen nicht verstande­ner Worte mitgemurmelt hat. Natürlich, das sind so wichtige Dinge, und das Heil ruht so sehr auf ihnen, daß man Gottes Gebot um dieser gemeinsamen Dinge willen mit Füßen treten muß. Hat sich derjenige Gott geweiht, der diesen Dingen sich hingegeben hat, und der hat sich nicht Gott ge­weiht, der Gehorsam gegen die Eltern und Liebe gegen den Nächsten in der Taufe gelobt hat? Was sollen wir diesen unsinnigen Menschen sagen, es sei denn jenes Wort Christi Mk. 7: »Wohl fein habt ihr Gottes Gebot aufgehoben, auf daß ihr euere Überlieferungen haltet«? (Mk.7,9).

Darum soll jeder Christ gewiß sein, daß, gleichwie du nicht geloben kannst, Gott und seine Gebote zu verleugnen, du auch nicht geloben kannst, den Eltern nicht zu gehorchen und den Nächsten nicht zu die­nen, da Gott geboten hat, den Eltern zu gehorchen und den Nächsten zu dienen. Darum sollst du dein Gelübde zuversichtlich so auslegen, daß, sobald deine Eltern oder deine Nächsten dich nötig haben, du durch Gottes Autorität selbst ganz gewiß bist, daß das Gelübde durchaus nicht mehr halte. Ist das nicht klar genug? Wer kann dagegen ir­gendwie mucken? Wenn du um des Gelübdes willen ein Gebot bre­chen kannst, so kannst du alle brechen und Gott ganz verleugnen. So du aber Gott und alle seine Gebote nicht verleugnen kannst, so kannst du kein, auch nicht das geringste Gebot verleugnen oder brechen. Denn das Mönchsgelübde muß für die Gebote Gottes, nicht wider sein Gebot Geltung haben, und ihnen immer weichen, auch wenn es auf immer ihnen weichen und ganz aufgegeben werden müßte. Es kann auch Gott selbst, daran zweifle ja nicht, kein Gelübde von dir fordern oder eine Tat anerkennen, die gegen ein einziges Jota seines Gebotes wäre, er ist treu und wahrhaftig und kann sich selbst nicht verleugnen (2.Tim. 2,13; 1.Joh. 1,9).

Wenn sie nun vorgeben, es müsse der Gehorsam gegen die Eltern mit Recht weichen dem Dienste Gottes, denn der Gottesdienst werde im ersten Gebot, der Gehorsam gegen die Eltern im vierten geboten, so antworte ich: du hast schon oben gehört, daß der mönchische Gottesdienst ein Narrenspiel sei. Es ist aber unmöglich, daß jener wahre Gottesdienst durch den Gehorsam gegen die Eltern und den Dienst am Nächsten verhindert wird, vielmehr ist der Gehorsam selbst und der Dienst am Nächsten der eigentliche und echte Gottesdienst, den jene durch ihr gauklerisches Narrenspiel vernichten. Denn was heißt Gott ehren und ihm dienen anders, denn seine Gebote halten? Doch Gehorsam und Liebe zum Nächsten ist geboten. Im Chor aber zu schreien oder zu murmeln ist nicht geboten, vielmehr ist es verboten, da es Gott versuchen und verspotten heißt. Es wird auch nicht das Be­ten, das die Hauptstelle in ihrem Gottesdienst einnimmt, aber selbst auch das Schreien nicht durch den Gehorsam gegen die Eltern und den Dienst am Nächsten verhindert. Denn wie du während des Gehorsams und des Dienstes keusch und arm leben kannst, so kannst du auch be­ten und rufen, so viel du willst. Nur das wird verhindert, daß du Stein und Holz mit den anderen zusammen betrittst und mit den anderen durch körperliche Gegenwart in Beschlag nimmst. Wenn aber deine Eltern und Nächsten dir befehlen würden, den Glauben zu verleugnen, sowie den Namen und das Werk Gottes, welches alles die erste Tafel, wie schon gesagt, gebietet, so hätte man hier den Fall, dessen jene sich brüsten, daß der Gehorsam gegen die Eltern und alles andere dem Gottesdienst weichen müsse. Aber dieser Gottesdienst ist allen Gläubigen gemeinsam, und nirgends weniger vorhanden, als in diesen Klöstern und aufrührerischen Sekten, wie aus dem Gesagten leicht er­kannt werden kann.

Daß sie aber zweitens sagen, sie seien geistliche Väter, bezieht sich auch auf jene erdichteten Worte, mit denen sie, wie St. Petrus voraus­gesagt hat, bei uns Geschäfte treiben würden (2. Petr. 2,3), und darauf, was sie über Gehorsam und Opfer erdichten und fälschen. Geistliche Väter sind die, die uns lehren, vor allem den Geboten Gottes zu gehorchen, den Eltern untertan zu sein, den Nächsten zu dienen, wie die Apostel es getan haben. Da sie aber dem entgegen Menschengebote und ihre eigenen Erfindungen lehren, sind sie wohl geistliche Väter, aber nach dem Geist des Irrtums, von dem Paulus prophezeit hat 1.Tim.4: »Die sich halten an die Geister des Irrtums« (1.Tim. 4,1).

Denn man dürfte nicht den Aposteln gehorchen, sogar nicht den En­geln, wenn sie wider den Gehorsam gegen die Eltern und wider die Liebe zum Nächsten lehren; um wie viel weniger darf man diesen gott­losen und ruchlosen Menschen gehorchen, die ärger sind als die Un­gläubigen und die, die den Glauben verleugnen. Wenn sie aber den reinen Glauben lehrten, und deine Eltern oder Nächsten wollten nicht, daß du von ihnen lerntest, so dürfte man den letzteren keineswegs ge­horchen, obwohl du auch nicht einmal so auf immer ihnen den Gehor­sam und den Dienst durch ein Gelübde versagen kannst. Denn um den Glauben zu lernen, ist es nicht nötig, den Eltern und Nächsten sich zu entziehen und anderen auf immer untertan zu sein. Paulus hatte, als er im Gefängnis lag, Onesimus, der nicht ein Sohn, sondern ein Knecht Philemons war, als geistlichen Sohn sich gezeugt (Philem. 10), wie er sich dessen rühmt; und während er doch sogar über Philemon selbst ein Recht hatte, den er ebenfalls als geistlichen Sohn sich gezeugt hat­te, macht er ihn doch nicht sich untertan, sondern schickt ihn seinem Gebieter zurück, um seine Einwilligung bittend. Was meinst du, hätte er getan, wenn Onesimus Philemons Sohn gewesen wäre? Und unsere Mönche, die doch weder den Glauben lehren noch gesunde Worte, sondern alle Formen der Gotteslästerung, erdreisten sich, die Kinder von den Eltern in fortdauernder Knechtschaft loszureißen.

Darum, gleichwie das Eheweib die Macht hat, ihren Mann aus dem Kloster herauszuholen, ganz abgesehen davon, ob er die Kappe genommen, oder zum Priester gesalbt oder gewaschen sei, so hat der Va­ter oder die Mutter das Recht, den Sohn oder die Tochter aus dem Kloster herauszuholen. Und der Sohn oder die Tochter ist bei Verlust des Heils und bei Bedrohung mit dem Zorn Gottes gehalten, Folge zu leisten und ohne Bedenken die Kappe abzulegen, indem er es für ganz gleichgültig hält, hätte er auch tausend Gelübde abgelegt und besäße er auch so viele untilgbare Charaktere, wie Haare auf dem Haupte sind. Doch nun lösen sie die Söhne ganz vom Gehorsam gegen die El­tern und schwatzen davon, daß ein jeder in geistlichen Sachen frei sei. Warum denn trennen sie nicht auch die Eheleute voneinander? Oder warum reißen sie nicht auch die Kinder von den Brüsten der Mütter, wenn das genug ist, daß in geistlichen Sachen Freiheit besteht? Oder haben nicht auch die kleinen Kinder mit diesen geistlichen Sachen zu tun ? Ja, auf diese Weise könnten wir alle Kinder von den Eltern, alle Knechte von den Herren, alle Völker von den Obrigkeiten losreißen, alle Bündnisse, alle Verträge lösen, sagend, daß in geistlichen Sachen alle frei und auf die eigene Entscheidung gestellt seien, niemand aber fremden Rechtsansprüchen unterworfen sei. Aber geistliche Sachen nennen jene Urheber erdichteter Worte ihre menschlichen Überliefe­rungen, jene blinden, frevelhaften, gotteslästerlichen Menschen.

So ist es auch wohl wahr, wenn sie sagen, daß Liebe auch unter den Mönchen geübt werden könne, daß sie gegenseitig sich dienen, aber es ist nicht wahrhaftig gesprochen. Denn die Liebe ist frei, keiner Person besonders zugetan; aber sie binden sie an die Ihrigen und sich allein und vernachlässigen die anderen vollständig. Das ist eine erdichtete Liebe und Zunder für Spaltungen und allerlei Haß, wie wir denn sehen, daß Klöster gegen Klöster, Orden gegen Orden wechselseitig wüten und eifern. Jene echte und auf das Ganze gerichtete Liebe aber, die vom Apostel 1. Kor. 13 beschrieben wird und die allen, Freunden und Feinden, zu dienen bereit ist, ist ihnen verboten und nicht erlaubt. Denn es ist, wie oben gesagt, dem Mönch nicht erlaubt, aus dem Klo­ster zu gehen, die Kranken zu besuchen und anderem christlichen Dienst nachzugehen, auch wenn es nötig und möglich ist. Vielmehr kehren sie alles um; während der Hände Werk geboten ist, sind sie un­tätig und lassen sie allein von der ganzen Welt sich Wohltaten erwei­sen, verschlingen die Habe aller – obwohl sie noch ganz gesund und kräftig sind – noch dazu zum großen Nachteil der wirklich Armen; sie vergelten es aber ihren Wohltätern mit geistlichen Werken der Barm­herzigkeit, die aus jenem Gottesdienst bestehen, den wir oben be­schrieben haben und der aus vielem Murmeln, Lärmen, Atemholen, Lesen usw. sich zusammensetzt; vor allem aber aus jenen vor Gott ver­fluchten und gottlosen Messen.

Mit dieser Gattung von Worten vertilgen sie auch jene wahren Werke der Barmherzigkeit, die Christus fordert, und trösten sich selbst derartig über diese Vertilgung, auf daß sie nicht je diese Gottlo­sigkeit erkennen und bereuen und der Verzeihung würdig werden mö­gen. Wenn sie für die jungen Leute allein die Sitte festhielten, daß sie nicht überall umherschweifen dürften, damit so die nachgiebigere und haltlose Jugend leichter gemeistert würde und in den Klöstern häusli­che Liebe lernte, die sie nachher im öffentlichen Leben allen gemein­sam erweisen könnte, so wäre es eine erträgliche, ja sogar eine gute Einrichtung. Jetzt aber sind sie für die Zeit ihres Lebens Kinder und lernen nur die häusliche Liebe, ja halten sie für die höchste und einzi­ge. Wir sehen aber Gottes Werk an Bernhard und seinesgleichen; um sie nicht in jener kindlich unvollkommenen und engen Liebe zu lassen, riß er sie mitten in die großen und zahlreichen Angelegenheiten der Welt hinein, damit in ihnen die Liebe ihre eigentliche Kraft beweise, auf alle sich ausgießend und ausbreitend, allen bereit und wohlwol­lend; und durch dies geheime Wunder hat er sie erhalten, daß sie nicht in dieser verdammlichen Einrichtung der engen und erdichteten Liebe untergingen, in der die übrigen, dies Werk Gottes nicht verstehend, untergingen. Obwohl ich nicht leugnen möchte, daß einige durch die Liebe, mit der sie allein den Ihrigen dienten, selig geworden sind, weil es ihnen an der Gelegenheit fehlte, auch den anderen zu dienen, wäh­rend sie selbst doch bereit waren, allen zu dienen. Ich verdamme die Einrichtung selbst, die da verbietet, anderen als den eigenen Mönchen zu dienen.

Mögen wir also auch zugeben, daß einige gerettet seien, die nicht wider den Gehorsam gegen die Eltern und wider die Liebe zum Näch­sten gesündigt haben, obwohl sie unter den Gelübden lebten, so sehen wir doch hier aufs deutlichste, daß die Einrichtung des Gelobens selbst ihrer Natur nach den Geboten Gottes über den Gehorsam gegen die Eltern und die Liebe zum Nächsten widerspricht, und deswegen weder gelobt oder gehalten werden darf noch kann. Und darum kann es un­möglich bei Gott als Gelübde angesehen und gefordert werden. Auch ist es gewiß, daß diejenigen, die erhalten sind, ihr Gelübde nicht derar­tig abgelegt haben; haben sie es aber in diesem Sinne abgelegt, so ist es gewiß, daß Gott ihren Irrtum verziehen und es nicht so angenommen hat, wie sie es selbst abgelegt haben. Daher ist es verdammlich, in die­ser Form des Lebens erfunden zu werden, die du ihrer Natur nach mit den göttlichen Geboten streiten und nur müßige Menschen erzeugen siehst, die wie Heuschrecken, Raupen und Käfer aller anderen Habe verschlingen, oder wie Petrus sagt, unsere Almosen zu Wohlleben be­nutzen (2.Petr. 2,13), sie selbst aber dienen niemand, erzeigen nie­mandem Liebe, tun niemand wohl, und um solche Menschen zu sein, legen sie Gelübde ab und fesseln sich selbst, vernichten um Gottes wil­len die Gebote Gottes, verunstalten die Worte Gottes und verzerren sie ihren Erdichtungen entsprechend und kehren alles gründlich um. Und gesetzt, daß sonst nichts Böses bei ihnen sei, so haben sie doch ihre verfluchten Messen, die zu Opfer und guten Werken gemacht sind, und in abscheulicher Verkehrtheit teilen sie ihren Wohltätern geistliche Gaben aus, d. h. sie lassen sie auf Lügen ihr Vertrauen setzen und ziehen sie mit sich in die Tiefe, die blinden Blindenleiter. Diese Messen, meine ich, müßten schon kräftig genug erschrecken, so daß, wer unbesonnen in ihre Gelübde sich verwickelt hätte, sein Urteil än­derte, ihre Gesellschaft verließe und zur Lauterkeit der christlichen Einfalt zurückkehrte, da aus allem vorher Gesagten ganz gewiß fest­steht, daß man kein frommes und Gott angenehmes Gelübde in dieser Lebensweise tun könne, oder wenn man es tut, ist es irrig, weil man et­was anderes hofft, als man findet; darum muß man entweder ein gott­loses oder falsches Gelübde in den Klöstern ablegen, und keines von beiden besteht vor Gott. Deswegen bleibt es immer frei, ja es ist nötig, dies Gelübde zu ändern und zu widerrufen und zur christlichen Frei­heit und den Geboten Gottes zurückzukehren. So viel mag vom vier­ten Stück gesagt sein; laßt uns nun zu anderem übergehen.

V. Daß die Möncherei wider die Vernunft ist

Fünftens wollen wir diese Einrichtung auch mit der natürlichen Ver­nunft vergleichen, d. h. jenem groben Licht der Natur, das, wiewohl es das Licht und die Werke Gottes aus sich nicht erreicht, so daß sein Ur­teil in bejahender Beziehung, wie sie sagen, trügerisch ist, dennoch in negativer Beziehung sicher ist. Denn die Vernunft faßt nicht, was Gott ist, doch begreift sie aufs gewisseste, was Gott nicht ist. Obwohl sie darum nicht sieht, was recht und gut sei vor Gott – nämlich den Glau­ben – so weiß sie doch deutlich, daß Unglaube, Mord und Ungehorsam böse sind. Diese Vernunft braucht auch Christus, wenn er erklärt, daß jedes Reich, das in sich selbst uneins sei, zerstört werde (Lk. 11,17); auch Paulus, wenn er sagt, daß auch die Natur nicht lehre, daß ein Weib ihr Haupt entblöße und in der Kirche reden solle (1.Kor. 11,5.14.15). Was also dieser Vernunft deutlich widerspricht, das widerspricht auch ganz sicher Gott noch viel mehr. Denn wie sollte nicht wider die himmlische Wahrheit streiten, was wider die irdische Wahrheit streitet? Wie auch Christus Joh. 3 die Wahrheit in ihre bei­den Teile zerlegt und von beiden aus beweist: »So ich euch von irdi­schen Dingen gesprochen habe und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr denn glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sprechen wer­de« (3,12). Laßt uns darum sehen, wie das Mönchswesen nicht allein wider das Gesetz und das Evangelium und die ganze Schrift ist, wider die Worte und Werke Gottes, sondern auch wider die gemeinsame Vernunft aller Menschen. Und zuerst wollen wir dies erfassen: Wenn auch ein Gelübde in allem fromm und recht gewesen ist, so hört es doch, wenn es unmöglich geworden ist, auf, ein Gelübde zu sein und

kann nicht mehr bei Gott binden. Z. B.: Du hast gelobt nach St. Ja­kob[23] zu wallfahren, wirst aber durch den Tod, oder Mangel oder Krankheit oder Gefangenschaft verhindert. Hier läßt man denn ohne Gewissensbedenken das Gelübde fahren, und so wird bewiesen, daß jedes Gelübde bedingt gegeben und immer so verstanden wird, daß der Fall der Unmöglichkeit ausgenommen wird. Ist das nicht klar und gewiß genug? Denn was von dem einen Gelübde behauptet wird, das muß von allen behauptet werden. Denn alle Gelübde, seien sie groß oder klein, zeitlich oder ewig, werden gleichermaßen in diesem Gebot zusammengefaßt: »Gelobet und haltet« (Ps. 76,12), wie wir sehen werden. Wenn darum in einem Gelübde die Unmöglichkeit ausge­nommen ist, und sei es auch in dem geringsten, so ist sie auch in jedem, und sei es dem größten, ausgenommen. Wenn du daher Ehelosigkeit gelobt hast und nachher merkst, daß es dir unmöglich sei, sie zu halten, kannst du da nicht frei heiraten, und dein Gelübde als ein bedingungs­weise übernommenes auslegen? Denn was steht hier entgegen, daß du nicht so handelst und handeln kannst? Oder ist die Schwachheit deines Fleisches nicht ein so großes Hindernis für die Ehelosigkeit, wie Man­gel und Krankheit für den, der eine Wallfahrt macht? Ja sogar die gött­lichen Gebote haben, obwohl sie, was über allen Streit erhaben ist, un­veränderlich sind, doch mit Rücksicht auf die äußeren Werke den Fall der Unmöglichkeit als Ausnahmefall. Denn du wirst Petrus nicht verdammen, weil er von Herodes gefangen genommen (Apg. 12,3), nicht predigte, nicht seinem Nächsten diente, wie es das Gebot der Liebe will, sondern die gesegnete Unmöglichkeit entschuldigt ihn. Und du wirst Paulus nicht für schuldig erklären, die Liebe unterlassen zu ha­ben, weil er öfters zu den Römern kommen wollte (Röm. 1,13) und doch verhindert wurde. Und Apg. 15 wollte er nach Bithynien gehen, aber es ließ es nicht zu der Wind oder der Geist (16,7). Wir werden auch die Märtyrer in den Kerkern gottlos nennen, wenn sie nicht die Werke haben unterlassen können auf Grund der dringenden Unmög­lichkeit.

Aber hier wirst du sagen: »Es krönt Gott inwendig den Willen, wo er nicht auswendig das Vermögen findet. Darum erfüllt der, der nach St. Jakob zu wallfahren gelobte, sein Gelübde mit dem Willen, wo er das Vermögen, es auszuführen, nicht mehr besitzt; so erfüllen auch die Heiligen die Gebote Gottes«. Darauf antworte ich: Entweder ist die­ser Einwurf nicht ausreichend, oder er bestätigt meinen Satz. Er genügt nicht, weil sowohl das Gelübde wie das Gebot nicht auf den Willen allein, sondern auch auf das Werk zielt. Denn was hieße es zu gelo­ben: »Ich gelobe dir den Willen, nach St. Jakob zu wallfahren?« So nötigt das Gebot Gottes zum Werk. Denn was heißt das: »Ich gebiete dir, den Willen zu haben, etwas zu tun?« Darum lege ich hierauf den Finger und schließe, daß die Gelübde immer die Unmöglichkeit ausneh­men, gleichwie auch die äußeren Werke der Gebote Gottes. Darum ist auch die Ehelosigkeit, wenn sie nach Ablegung des Gelübdes unmög­lich ist, nicht im Gelübde mit einbegriffen, wenigstens nach dem äuße­ren Werk. Und du hast nichts, das du dem entgegenhalten könntest. Wenn aber der Wille ausreicht, wo das Vermögen fehlt, so habe ich schon meinen Satz durchgesetzt. Denn ich disputiere allein über den, der das Gelübde der Ehelosigkeit erfüllen möchte und vermöge der Schwachheit seines Fleisches es nicht kann, als einer der es schon recht oft versucht hat und doch weder durch Fasten noch sonst durch ir­gendwelchen darauf verwandten Eifer sein Fleisch dämpfen kann, und wird bisweilen wider seinen Willen fortgerissen und durch die Flamme der Lust überwunden, daß er die unreinen Flüsse kennenlernt, mag er wachen oder schlafen, während er im übrigen doch ein unbescholtenes Leben führt.

Oder wirst du hier sagen, wie einige alberne und um die Seelen überhaupt nicht sich kümmernde Leute zu sagen pflegen: »Man müsse Gott um seine Gnade bitten, die er niemandem versage«? Schön. Warum hast du nicht auch dem heiligen Petrus geraten, Gott zu bitten, daß Herodes ihn nicht gefangen nehme? Warum hat Paulus nicht ge­beten, er möchte nicht verhindert werden, zu den Römern zu kom­men? Warum baten die Märtyrer nicht, daß sie durch Gefängnisse nicht von Werken der Liebe abgehalten würden? Und warum lehrst du nicht dem, der gelobt hat, nach St. Jakob zu wallfahren, zu beten, daß er nicht arm und krank werde, sterbe und gefangen genommen werde? Ziemt es sich, spielerisch mit so ernsten Dingen umzugehen? Wie, wenn Gott nicht will, daß man bitte? Oder wenn man bittet, nicht hö­ren will? Auf diese Weise wirst du uns alle lehren, die Ehelosigkeit zu geloben und nachher zu bitten, daß sie nicht unmöglich sei, und da­durch wirst du Gott zwingen, sein Wort, durch das er alles geschaffen, zu ändern und nun jene göttliche Satzung an die Natur: »Wachset und mehret euch« (1.Mos. 1,28) zu widerrufen. Das ist töricht und kin­disch. Ein jeder ist auf seine Erfahrung angewiesen, auf daß er sehe, ob in ihm jenes Gesetz zu wachsen und sich zu mehren überwiegt oder vielmehr die Ausnahme von diesem Gesetz.

Aber wiederum wirst du sagen: »Es steht nicht auf gleicher Stufe, was von der Unmöglichkeit der Heiligen und was von derjenigen des Ehelosen gilt. Denn der Wille der Heiligen ist kräftig und vollkommen und würde in Werke übergehen, auch würde kein inneres Hindernis Widerstand leisten, das in ihrer Gewalt sei. Es leistet aber ein äußeres Hindernis Widerstand, das nicht in ihrer Gewalt ist, nämlich die Ty­rannei. Aber der Wille des Ehelosen ist nicht vollkommen und nach­drücklich, wird auch nicht durch ein äußeres Hindernis gehindert, sondern durch ein inneres, nämlich durch sein Fleisch und sich selbst, den er durchaus in seiner Gewalt hat. Denn wenn der Wille vollkommen wäre, so wäre es unmöglich, daß er nicht die Ehelosigkeit durch­führte. Darum kannst du nicht mit deinem Fall kommen, daß er ehelos sei dem Willen nach und es nicht auch der Fähigkeit nach sein könnte«. Darauf antworte ich: Es ist allerdings unser Fleisch in unserer Gewalt, daß wir ihm die Augen ausstechen, die Hände, die Füße und die Zunge abschneiden, oder mit dem Strick erhängen oder im Wasser ertränken, wie auch der Tyrann, wenn er schwächer wäre als wir, in unserer Ge­walt sich befände. Aber was hat das mit dem zu tun, was wir hier unter­suchen und behandeln? Wirst du etwa deswegen keusch sein, wenn du dir die Augen ausstichst? Wer weiß übrigens nicht, soweit die Ehelo­sigkeit in Frage kommt, daß jener innere und Haustyrann in unseren Gliedern nicht mehr in unserer Gewalt sich befindet als der böse Wille eines äußeren Tyrannen? Ja du kannst sogar den äußeren Tyrannen mit schmeichlerischen Worten besänftigen und auf deine Seite brin­gen, dagegen bist du unfähig, diesen in dir heimischen Tyrannen durch irgendwelche Anstrengungen, geschweige denn durch Worte zu zäh­men. Was willst du zu Paulus Röm. 7 sagen? War nicht sein Wille voll­kommen und nachdrücklich, als er sagte: »Das Gute, das ich will, tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich?« (Röm. 7,19). Warum also tut er nicht, was er doch in vollkommenstem Maße zu wol­len bekennt? Wo ist also das, von dem du sprachst, daß nämlich das in­nere Hindernis nicht Widerstand leiste und nicht unmöglich mache, was der vollkommene Wille angeordnet hat? »Das Fleisch begehrt wi­der den Geist und der Geist wider das Fleisch. Dieselben sind wider einander, daß ihr nicht tut, was ihr wollt« (Gal. 5,17). Ebenso wünsche ich es, daß auch mir dieser Ehelose vom Gelübde frei gegeben werde, wenn er von Herzen lieber ehelos als in der Ehe leben will, aber die Unfähigkeit seines Fleisches ihn zwingt, durch äußeres Werk seiner Absicht entgegen zu handeln und sein Gelübde preiszugeben, wie ei­ner, der durch eine unüberwindliche Krankheit und einen unbezähm­baren Tyrannen gehindert wird. Wird auch nicht der, der gelobt hatte, nach St. Jakob zu wallfahren, im Fall einer Krankheit durch ein inneres Hindernis aufgehalten? Doch wie viel wütender ist die Seuche und wie viel wilder der Tyrann der Glieder, als irgendeine körperliche Krank­heit! Es wird auch hier Gott den Willen annehmen, wo er nicht das Vermögen gefunden hat, wenn nur noch nicht gegen eines seiner Ge­bote gesündigt wird, weder mit Willen noch mit Werken, mit dem Wil­len aber wird auch das Gelübde selbst über das Gebot hinaus erfüllt, allein dessen äußeres Werk wird unter dem Druck einer unüberwindli­chen Ohnmacht aufgegeben.

Aber wiederum wirst du mit einem Einwand zur Hand sein: »Auf diese Weise wirst du den Weg dazu bahnen, daß man auch die Gebote Gottes durch das äußere Werk verletzen darf, wenn nur der Wille seine Zustimmung versagt. Darum wird, der es vorzöge, keusch zu le­ben, entschuldigt werden, falls er Hurerei triebe, da ja die Gebote Gottes uns unmöglich sind, wie du selbst des öfteren gelehrt hast.« Darauf antworte ich: Hier hättest du den Unterschied vorbringen müssen, den du oben zwischen den behinderten Heiligen und dem strauchelnden Ehelosen ersannst. Denn obwohl es wahr ist, daß Got­tes Gebote uns unmöglich sind, so ist doch dies nicht wahr, daß jemand keusch leben wolle und doch Hurerei treibe. Denn wessen Wille auf das Gesetz gerichtet ist, dem ist das Gesetz nicht nur möglich, sondern leicht gemacht; wenn er nun nicht enthaltsam leben kann, so zwingt ihn nicht diese Unmöglichkeit, wider das Gesetz zu handeln und Hure­rei zu treiben. Denn nicht deswegen treibt er Hurerei, weil er nicht an­ders handeln könnte. In der Mitte liegt ja die Ehe. Er mag heiraten, und das Gesetz der Keuschheit wird ihm leicht sein. So aber verhält es sich nicht mit meinem Ehelosen, der, wie gern er auch enthaltsam sein und dem Gesetze Gottes in allem genügen wollte, und in die Ehe ge­treten sich damit begnügte und lieber auch des Weibes entbehre und ehelos leben möchte, doch die Natur seines Geschlechtes nicht über­winden kann, daß er von Natur den Geschlechtsverkehr entbehren könnte, und deswegen Hurerei treiben wird, weil er nicht anders han­deln kann. Es stehen also nicht auf der gleichen Stufe Gelübde und Gebote. Denn es gibt einen Willen, der die Gebote Gottes möglich macht, und der nicht stark genug ist, um das Gelübde möglich zu ma­chen. Wenn man die Gebote Gottes hält und das Gelübde nicht halten kann, so muß das Gelübde weichen, damit die Gebote bleiben, auf daß nicht etwa zugleich Gelübde und Gebot durch Hurerei übertreten werden. Es bleibt also dem Ehelosen, falls ihm die Ehelosigkeit un­möglich ist, das Recht übrig, zu heiraten und das Gelübde zu brechen, obwohl ich zugeben will, daß, wo der Geist in reichem Maße vorhan­den ist, der den vollkommenen Willen, keusch zu leben, wirkt, dort auch notwendig die Keuschheit folgt, wie wir gewiß sind, daß es bei den Heiligen geschehen sei; aber diesen Willen können die übrigen Ehelosen mehr wünschen als beweisen, obwohl die Sünder nicht den Wunsch haben die Gebote Gottes zu halten, wie St. Paulus Röm. 7 wünschte (Röm. 7,16.19), was er nicht ganz wollen konnte; ja die Sünder wollen von Herzen nicht das Gesetz Gottes, da der gottlose Wille nicht imstande ist, das Gesetz nicht zu hassen, er schützt viel­mehr den Willen und die Werke vor, davon habe ich an anderer Stelle gesprochen[24] und es jetzt zu wiederholen, geht über den Rahmen meines Vorhabens hinaus. Es hat also offenbar die Form des Gelübdes vor Gott folgende Fassung: Ich gelobe die Keuschheit, so lange es möglich ist, sie zu halten; wenn ich sie aber nicht werde halten können, mag es erlaubt sein, zu heiraten.

Doch wohlan, laßt uns den, den diese Erörterung über die Unmöglichkeit nicht überzeugen kann, durch die Erfahrung selbst zwingen und aus der Tatsache das Recht beweisen. Siehe, ich habe die ganze Regel Augustins gelobt, in der er gebietet, daß, wohin auch immer ich gehen will, ich zu zweien oder zu dreien hingehen soll, damit ich nicht allein gehe. Dies habe ich bis zum Tode zu halten gelobt, wie ausdrücklich die Form des Gelübdes lautet. Nun werde ich indes gefangen und genötigt, allein zu sein, wo bleibt da mein Gelübde? Ich muß mich lie­ber töten lassen, denn allein sein, wenn das Gelübde nicht den Fall des Unmöglichen ausnimmt. Aber was soll ich tun, wenn ich in eine solche Lage komme, daß ich nicht mich töten lassen kann? Hier wird das Ge­lübde gebrochen, oder es muß zuvor dahin verstanden werden, daß es die Unmöglichkeit als Ausnahme in sich einschließe. So gelobe ich in derselben Regel, zu festgesetzten Stunden zu beten, bestimmter Klei­der, Speisen, Stätten zu brauchen. Doch sobald ich krank geworden bin, so daß ich nichts von dem Verlangten zu tun vermag, wird das Ge­lübde nicht gehalten. Die Krankheit wird mich aber nicht entschuldi­gen, denn Gottes Gebot muß gehalten werden im Leben, im Tode und in allen Dingen. Und Gottes Gebot lautet: »Gelobet und haltet« (Ps. 76,12). So könnte ich auch mit Rücksicht auf alle anderen Satzun­gen der Regel Beispiele anführen. Wie ich also oben vom Wallfahrer zu St. Jakob gesagt habe: wenn die Unmöglichkeit bei allen anderen Satzungen notwendig ausgenommen wird, welchen vernünftigen Grund hat man denn, allein bei der Keuschheit sie nicht auszuneh­men? Hier drängen doch mehr Gefahren und größere Not, so daß, wenn in irgendeinem Teil der Regel die Unmöglichkeit eine Stätte ha­ben darf, sie billig vor allen anderen in der Keuschheit sie haben wird; wenn sie in der Keuschheit keinen Raum hat, wird sie noch viel weni­ger in den anderen Teilen der Regel in Frage kommen dürfen. Mit wel­cher Gefahr ist es denn verknüpft, wenn du einen Gefangenen zwingst, einen Genossen zu haben, oder einen Kranken, zu beten? Ja, hier gibt es gar keine Gefahr, da unmöglich geschehen kann, wozu du nötigst. Doch wenn du jemanden, der nicht enthaltsam sein kann, zur Enthalt­samkeit nötigst, wie viel Unreinheit, wie viel Hurerei, wie viel Ehe­bruch und was es noch an Übeln gibt, wirst du hervorrufen! Und hier gilt, wie ich auch oben gesagt habe, nicht deine Erklärung, daß es bei einem Gefangenen und Kranken mit dem Willen genug sei; denn dann würde der, der ein Gelübde abgelegt hat, sich in keiner Weise von dem unterscheiden, der kein Gelübde abgelegt hat. Denn welcher Laie könnte nicht einen Genossen haben und nach der Form der Regel be­ten wollen? Man darf nicht derartig Possen machen in Sachen, die das Gewissen und das Heil berühren. Man muß feste und zutreffende Ent­scheidungen geben. Es ist sicher, daß in der Regel das Werk, nicht der Wille vorgeschrieben und gelobt wird; unter diesen Umständen ist es sicher, daß das Gelübde von dem Kranken und Gefangenen notwen­dig gebrochen wird, was nicht erlaubt sein wird, wenn das Gelübde den Fall der Unmöglichkeit ausschließt. Der Spruch steht fest: »Gelobet und haltet.« Es soll kein Titelchen oder Jota von diesem Gesetz verge­hen, bis daß es alles geschehe (Mt. 5,18). Entweder also bindet das Gelübde nur bis auf den Fall des Unmöglichen, oder du mußt zugeben, daß es niemals rechte Mönche gegeben habe. Denn es ist niemand da­gewesen, der nicht jemals krank gewesen oder aus einer anderen Ur­sache verhindert gewesen wäre, einen Teil seiner Regel zu halten; das aber ist überhaupt wider sein Gelübde.

Weiter, weil hartnäckig uns jener Wille des Gelübdes entgegenge­halten wird, der fortdauert, auch wenn das äußere Werk unmöglich ist, wollen wir auch ihn aus dem Wege räumen. Es ist allgemein aner­kannt, wozu auch Bernhard in seinem Buch über die Gebote und die Befreiung von den Geboten sich bekennt, daß alle Teile der Regeln in der Hand des Vorgesetzten sind, der seine Untergebenen davon dis­pensieren kann, nicht nur wenn Unmöglichkeit oder Gefahr in den Weg kommt, sondern auch, wenn es passend und zweckmäßig scheint; zuweilen aber haben auch nur nach dem bloßen Gutdünken des Vor­gesetzten diese Teile der Regeln Bestand oder nicht. Sodann verleihen sie stetig dem Papst die volle Gewalt über sie alle, sie aufzuheben, zu ändern und davon zu dispensieren. Was aber dieser Stuhl des Satans tut, ist verdäch­tig, ich will nicht, daß seine Autorität in Gewissenssa­chen mir Schutz gebe; bleiben wir bei den Taten der Heiligen und dem allgemein verbreiteten, von allen angenommenen Brauch. Es ist also gewiß, daß in diesen Dispensationen der Wille, das Gelübde zu halten, aufgegeben und die Freiheit, es zu brechen, gewährt wird. Denn nicht wird wider seinen Willen zu handeln genötigt, wer der Dispensation entsprechend handelt, und er denkt nicht daran, das Entgegengesetzte zu tun, geschweige denn, daß er es lieber möchte. Ich antworte also darauf: Wenn diese Dispensation erlaubt ist, so will ich zuversichtlich schließen, daß der eigentliche Sinn des Mönchsgelübdes folgenderma­ßen lautet: »Ich gelobe, diese Regel zu halten nach dem Gutdünken des Vorgesetzten.« Wenn aber dies nicht der eigentliche Sinn ist, stelle ich wiederum fest, daß alle Mönche, alle Klöster verdammt sind, und bisher noch kein rechter Mönch gefunden sei. Denn es hat nie jemand es anders gemeint und gehalten, wie eben gesagt ist. Wenn aber in den übrigen Stücken es in der Hand des Vorgesetzten liegt, nicht allein das Werk, sondern auch den Willen, d. h. das ganze Gelübde seinem Un­tergebenen zu lösen und frei zu machen, auch wo gar nicht die Unmög­lichkeit oder Gefahr es fordert, so sage, wenn du es vermagst, warum er nicht aus derselben Gewalt seinem Bruder, der mit den Stürmen der Begierden und großen Gefahren kämpfen muß, auch dort, wo Keuschheit gelobt wird, die Möglichkeit soll geben können, ja viel­mehr geben dürfen, zu heiraten und die Freiheit wenigstens rücksicht­lich des äußeren Werks erteilen, wenn er nicht überhaupt seinen Wil­len freigeben wollte? Warum ist allein das Gelübde der Keuschheit unzerbrechlich wie Stahl, wenn die übrigen alle gleich Flachs und Stroh zu achten sind? Sollte man nicht ganz mit Recht die Möncherei der größten Ungerechtigkeit und Grausamkeit beschuldigen und ge­rade deswegen für durchaus verdächtig halten, als wäre sie die Bühne des Satans, weil sie in nicht bedeutenden Dingen so nachsichtig, in den wichtigsten Dingen so hart ist? Denn was soll man zu dieser Verkehrt­heit anders sagen als jenes Wort des Evangeliums: »Die da Mücken seihen und Kamele verschlucken?« (Mt. 23,24). Und abermals: »Die ihr Raute und Münze verzehntet, und lasset dahinten das Schwerste im Gesetz« (Mt. 23,23). Oder jenes Wort: »Sie legen schwere und uner­trägliche Lasten auf die Schultern der Menschen« (Mt. 23,4). Denn wie wird der gemeine Verstand hier anders urteilen, als daß die Schur­kerei des Teufels es verschulde, daß allein von der Keuschheit nicht dispensiert werden kann, wodurch er die Seelen in einer unzerreißba­ren Schlinge verstrickt, während von dem übrigen dispensiert werden kann, wodurch er ihre erdichtete Geistlichkeit verspottet?

Was wollen also hierauf die Mönche antworten? Entweder kann von keinem Stück der Gelübde dispensiert werden, oder es kann von allen dispensiert werden, denn es ist kein Grund in dem einen Stück stärker denn in den übrigen; nur im Gelübde der Keuschheit drängen mehr Gründe und fordern Dispensation; hier aber versagen und verweigern sie sie hartnäckiger als in den anderen. Verweile hier doch ein wenig, lieber Leser, und überlege bei dir – um von dieser Unbilligkeit und Grausamkeit des Dispensierens zu schweigen — wie ungewiß und wie gefährlich doch alles an dieser elenden Einrichtung ist. Wenn diese Gewohnheit, zu dispensieren, Irrtum ist und Gott mißfällt, wer mag es denn wagen in den Orden einzutreten und darinnen zu bleiben? Denn wer mag dort bleiben oder diese Art zu leben geloben und halten, in der man das gelobt, von dem sie durch eigenes Wort und Beispiel leh­ren, daß es nicht gehalten werden müsse? Heißt das nicht Gott wie ei­nen Narren verlachen? Wer aber soll uns dessen gewiß machen, ob diese Gewohnheit, zu dispensieren, kein Irrtum ist, zumal Gott sagt: »Gelobet und haltet?« Sodann ist oben gesagt, daß wir durch kein Bei­spiel der Heiligen oder der Menge Sicherheit gewinnen können, da alle haben sündigen und irren können, und hier ein gewisses und klares Wort Gott sagt: »Gelobet und haltet,

Wenn es aber ungewiß ist, daß diese Gewohnheit irrig ist, so sage ich wiederum: Wer mag es wagen, in den Orden einzutreten oder darinnen zu bleiben? Und alles, was ich in Beziehung auf den Irrtum vorgebracht habe, will ich auch hier vorbringen. Denn es ist gleich gottlos, das zu befolgen, was man offenkundig als Irrtum erkannt hat, und das für wahr zu halten, von dem man nicht weiß, ob es Irrtum oder Wahrheit sei. O diese wirklich gefährlichen Zeiten, die Paulus vorausgesagt hat! (2.Tim. 3,1). Wenn sie aber nun das Gelübde und seine Einrich­tung auf dies Wort Gottes: »Gelobet und haltet« gründen, so prokla­miere ich, daß diese Gewohnheit, Dispense zu erteilen, gottlos und ein Verderben wirkender Irrtum ist. Doch ich möchte sie endlich dahin bringen, sie zu überführen, daß alle Gelübde verboten und frei sind. Um dies vollkommener und ausgiebiger zu tun, laßt uns zunächst die Gründe ihrer so überaus leichten Dispensation in den anderen Stücken der Regel und ihrer grausamen Strenge in dem Beibehalten des Gelübdes der Keuschheit betrachten.

Sie geben als Grund an, daß die Keuschheit unvergleichlichen Wert besitze, daß nichts gefunden werden könne, das mit ihr gleichwertig zu vertauschen sei. Darauf beziehen sie jenes Wort des Weisen: »Nichts hält einen Vergleich aus mit einer keuschen Seele« (Jes.Sir.26,20). Dazu fügen sie noch jenen Redeschwulst der angepriesenen Jungfräu­lichkeit, unter dem dies Wort des Hieronymus alles übrige übertrifft: »Ich sage es kühn, daß Gott zwar alles sonst vermag, aber doch nicht imstande ist, eine Jungfrau nach dem Fall wieder zur Jungfrau zu ma­chen.« O diese zwiefach blinde Blindheit, die in christlicher und göttli­cher Sache über die Gebote nach den Werken urteilt und über den Glauben nach den Personen, was nicht einmal die Heiden in ihren menschlichen Sachen tun; dazu greifen sie eines Menschen Wort als höchsten Glaubensartikel auf. Hieronymus sagt, er wolle kühn be­haupten, daß Gott eine Jungfrau nach dem Fall nicht wieder zur Jung­frau machen könne. Was geht es mich an, daß du es kühn sagst? Nicht wie kühn, sondern wie wahr du sprichst, habe ich zu betrachten. Denn ich glaube nicht an deine Kühnheit, sondern an Gottes Wahrheit.

Womit willst du es beweisen, daß eine Jungfrau nach dem Fall nicht wieder zur Jungfrau gemacht werden könne, auch von Gott nicht? Durch diesen Redeschwulst lernt der ungelehrte Leser, nichts für kostbarer zu halten als die Jungfräulichkeit, d. h. das Werk dem Glau­ben vorzuziehen. Es kann Gott die verlorene Jungfräulichkeit des Glaubens im Geist wieder erwecken und er kann nicht die dem Flei­sche nach verlorene wiederherstellen? Wie sehr wünschte ich doch, da dies Lob der Jungfräulichkeit niemals gesprochen wäre, sonder­lich von einem so bedeutenden Mann; denn es facht den Verlaß und Stolz auf dies Werk heftig an. Und es ist nicht wahr, wie auch Hugo von St.Viktor[25] es vorlängst widerlegt hat. Denn Gott kann auch das Fleisch wieder unversehrt machen, ja das tote auferwecken und von neuem ganz verändern (Jes. 64,8), daß es keinen Mann je kennt. Denn wir sind sein Ton, er ist unser Bildner (vgl. Röm. 9,21). Wenn man es aber dahin versteht, eine Wiederherstellung sei deswegen unmöglich, weil Gott nicht machen könne, daß das Geschändete nicht geschändet sei, d. i. weil er das Geschehene nicht ungeschehen machen könne, so wird man mit derselben Kühnheit sagen dürfen, daß keine Tugend, keine Gnade, die einmal vernichtet ist, von Gott wiederhergestellt werden kann.

Doch kehren wir zur Sache zurück und betrachten wir die neue Gottlosigkeit dieser mönchischen Einrichtung, damit ihre Unbilligkeit hassenswert erfunden werde. Sie versichern, das Gelübde sei über­haupt schon ein Gebot Gottes, da die Schrift sage: »Gelobet und hal­tet«, die Weise aber, es zu erfüllen, sei nicht von der Form des Gebotes selbst herzunehmen, sondern von der Größe und Geringfügigkeit, dem Wert und der Bedeutungslosigkeit der gebotenen Werke oder Sa­chen. So soll man die gelobte Jungfräulichkeit halten, weil sie eine große Sache ist, die übrigen Werke der Regel muß man nicht notwen­dig halten, sondern man kann davon dispensiert werden, weil es ge­ringfügige Dinge sind. Was heißt dies aber anders, als zu sagen: »Ich halte die Keuschheit, nicht weil sie durch das Gebot des Gelübdes ge­fordert wird, sondern weil sie ein großes Ding ist? Und was heißt dies anders, als zu sagen: »Das Gebot des Gelübdes liegt nicht in Gottes Willen, sondern in meinem Gutdünken, sofern es Gebot und nicht Gebot ist, sofern es erfüllt oder nicht erfüllt werden soll?« Und du meinst, Gott werde nicht über solche Beleidigung, Reizung, Versu­chung und Verspottung seiner Majestät zürnen? Sie sind ein treffliches Ebenbild Sauls, die sich anmaßen, den Gehorsam gegen den Herrn nach ihrem Gutdünken auszulegen, indem sie für sich die fetten Rin­der zum Opfer für Gott behalten haben (1.Sam. 15,15.22). Sie sind es, die da rühmen, Gehorsam sei besser als Opfer; sie rühmen mit Worten das Gebot des Gelübdes und verleugnen es mit dem Werk.

So wirst du ein Weib ansehen, ihrer zu begehren und leugnen, daß dies Sünde sei, weil es etwas Geringfügiges ist, wenn man es mit dem Werk vergleicht. Du wirst deinem Nächsten sein Gewand wegnehmen und sagen: Es ist nicht verboten, weil es etwas Geringfügiges ist. Wenn du zu deinem Bruder »Rache« sagst, sündigst du nicht, weil du deinen Bruder nicht getötet hast. Und diese Regel der mönchischen Theolo­gie wirst du durch alle Gebote Gottes führen und lehren, daß man in großen Dingen und Werken sie halten müsse, daß sie in geringfügigen aber außer Kraft gesetzt und aufgehoben werden können. Um sodann Gott keine Gewalt mehr übrig zu lassen, weise deinem Gutdünken das Recht zu, zu entscheiden, was geringfügig und was groß ist, gleichwie hier die Mönche aus eigener Gewalt die Keuschheit allen übrigen Werken vorziehen. Da hast du die mönchische Frömmigkeit, d. i. eine ganz unsinnige, ruchlose und gotteslästerliche Gottlosigkeit. Sie haben diese Unsinnigkeit von ihrem König und Haupt, dem Papste, gelernt, der bei allen Gelübden sich das Recht, davon zu dispensieren, anmaßt, ausgenommen allein die Gelübde der Keuschheit, und der Wallfahrt nach Jerusalem und St. Jakob. Nach seiner Meinung wird dies der Sinn des göttlichen Gebots sein: »Gelobet und haltet die Gelübde der Keuschheit, der Wallfahrt nach Jerusalem und St. Jakob; bei den an­deren aber gelobet und haltet nicht.« Warum dies? Weil jene drei groß sind, die übrigen geringfügig sind. So halten es auch die Mönche: »Ge­lobet und haltet von der Regel die Keuschheit, die übrigen Teile aber der Regel gelobet, und haltet sie nicht.« O welcher Wahnwitz, den letzten Tagen des Zornes recht würdig! Christus sagt Mt. 5: »Wer eins von diesen geringsten Geboten auflöset und lehret die Menschen also, wird der Kleinste genannt werden im Himmelreich« (Mt.5,19). Und wiederum: »Es soll kein Jota oder Tütelchen vom Gesetz vergehen, bis daß es alles geschehe« (Mt.5,18). Doch der Papst und die Mönche be­seitigen nicht allein ein Jota oder Tütelchen, sondern ganze Worte und das ganze Gebot, indem sie sagen: »In großen Stücken haltet sie, in kleinen lösen wir uns davon.« Aber wir verfluchen und verwünschen diesen abscheulichen Greuel und wollen folgendermaßen urteilen.

Zuerst wollen wir keinen Unterschied unter den Werken machen; sie sind gleich vor Gott, die groß und geringfügig sind vor uns und un­ter sich selbst. Nach dem Maß des Glaubens, sagt Paulus Röm. 12,3, werde alles verliehen. Denn es wird für tüchtig befunden nicht der, der mehr und Größeres ausgerichtet hat, sondern der, der es mit größerem Glauben und größerer Liebe getan hat. Die eheliche Keuschheit Abrahams und Sarahs wird der Jungfräulichkeit vieler vorgezogen werden. Und die Ehe des Apostels Petrus wird zweifellos höher stehen als die Jungfräulichkeit der heiligen Agathe.[26] Auf den Glauben, sage ich, ist alles abzustellen. Denn nicht wer Werke getan, sondern wer glaubt hat, wird selig werden (Mt. 16,16). Es ist die Art der Heiden, nach den Werken zu urteilen, ja sogar auch sie urteilen über die Werke nach der zugrundeliegenden Absicht; den Christen ist es eigentümlich, nach dem Glauben zu urteilen. Sodann muß man, wenn man die Ge­bote erfüllt, nichts weiter beachten, als die Form des Gebotes und den Willen des Gebietenden, und sich nicht darum kümmern, ob es kleine, große, bedeutungslose, wertvolle, viele, wenige, kurze, lange Werke sind, oder unter welcher Form und welchem Namen auch immer sie auftreten. Denn Gott fordert nicht das Werk, sondern den Gehorsam im Werk, oder wie die Schrift sagt: »Gehorsam, nicht Opfer«; unserer guten Werke bedarf Gott nicht. So sagt Samuel zu Saul: »Will etwa der Herr das Opfer und nicht vielmehr, daß man seiner Stimme gehor­che?« (1.Sam. 15,22). Jetzt laßt uns die Mönche ansprechen. Sie kön­nen nicht leugnen, daß sie ihre ganze Regel geloben, nicht die Keusch­heit allein, weil auch die ganze Regel unter dem Wort »Gelobet« zusammengefaßt wird, darum ist es nötig, daß auch die ganze Regel unter dem Wort: »Haltet« zusammengefaßt wird. Denn es heißt nicht: »Ge­lobet die ganze Regel und haltet einen Teil,« sondern: »Was auch im­mer du gelobst, das sollst du halten.« Wenn sie darum ihr Gelübde als ein Gebot anerkennen, so werden sie genötigt, zu bekennen, daß bei Gott der Gehorsam gegen die ganze Regel bis zum letzten Tütelchen gefordert wird, ohne daß ein Dispens erteilt werden kann. Hier hilft nicht die mühsame Teilung, mit der etliche versucht haben, sich selbst zu trösten und ihre Regeln in Gebote, Räte und Auslegungen zu teilen. Es steht fest das Wort Gottes: »Gelobet und haltet«. Wenn dies Wort in der Todesstunde das Gewissen zu schlagen beginnt, wird dies Stroh der menschlichen Fündlein nichts nützen. Denn das Gewissen wird angstvoll zittern, wenn es die Stimme Gottes hört, so daß es die Stim­men der Menschen nicht vernimmt.

Was wollen hier die Mönche tun? Hier endlich werden sie die Augen öffnen und sehen, daß ihre Gelübde töricht und unmöglich sind. Und wen wird es da nicht gereuen, Mönch zu sein? Und wer unter ihnen wird selig werden können? Denn du wirst niemals einen Mönch fin­den, der seine ganze Regel durch das Werk erfüllt hat. Aber sie haben auch selbst dies längst gemerkt und gesehen, und haben darum auch ein anderes Ausweichen vor dem göttlichen Gebot erfunden. Ein so unseliger, entsetzlicher Jammer treibt die bedauernswerten Menschen auf ihren Wegen, nachdem sie einmal von dem königlichen Wege des Glaubens abzuirren begonnen haben. Denn als sie gesehen hatten, daß man durch so viele Satzungen und Gebote verstrickte Regeln und Or­den gelobe und nirgends halte, da wurden sie stutzig, ob denn so viele als Verletzer des Gelübdes verdammt werden sollten, zugleich sahen sie ein, daß es durchaus töricht und unmöglich sei, wenn man den an­maßenden Vorsatz habe, alle jene Gelübde zu halten. Es fingen daher die unglücklichen Leute an, auf ihre Sachen bedacht zu sein und jenes Chaos von Gelübden in zwei Teile zu teilen, etliche unbeweglich, etli­che beweglich zu nennen. Zu unbeweglichen Gelübden machten sie drei: die Armut, den Gehorsam, die Keuschheit. Die übrigen wollten sie bewegliche sein lassen, darum verordneten sie, allein diejenigen seien Verletzer des Gelübdes, die die unbeweglichen Gelübde brä­chen. Das ist die allen gemeinsame Ansicht. Aber sie taugt nichts. Sie ist eine menschliche Erdichtung, völlig unbrauchbar, das Gewissen zu festigen, vielmehr dazu nütze, es zu verführen. Wer will uns dessen vergewissern, daß diese Teilung Gott gefalle? Oder wollt ihr mein Gewissen auf euren Träumen erbauen? Was soll ich Gott sagen, wenn er sein Gebot: »Gelobet und haltet«, mir vorhält und alles für unbe­weglich erklärt, wie es denn wirklich ist? Denn es ist gesagt, daß bei ihm kein Unterschied der Werke gelte, alle sind sie unbeweglich, weil sie alle unter demselben Gebot in gleicher Weise ausbedungen, in glei­cher Weise gelobt sind. Denn auch ihr selbst nennt es Gelübde; von beweglichen Geblüden weiß aber Gott nichts, sondern er wird sagen: »Es sind Gelübde, also sollst du sie halten, sollst du sie aber halten, so sind sie unbeweglich.« Wohin also auch immer sie sich wenden mögen, werden sie in die Enge getrieben und werden nicht fliehen können. Das Wort und Gebot Gottes steht von Ewigkeit zu Ewigkeit, nicht duldet es, daß man ihm ausweiche oder es verunstalte.

Darum treffen und stoßen hier wechselseitig aufeinander jene bei­den Gegner, das Gewissen und das Gesetz. Es hat auch mein Mose die Israeliten aus ihrem Lager herausgeführt Gott entgegen (2.Mos. 19,17f.). Was bleibt anderes übrig, denn daß sie den rau­chenden und Schrecken verbreitenden Berg sehen, d. h. den Zorn, der vom Himmel zur Erde und von der Erde bis tief in den Himmel dringt? Wo wollen sie hinfliehen vor dem Blick dieses feurigen Gesetzes? Sie dispensieren in den Geboten Gottes, teilen seine Werke und machen Abstriche. Doch das Gebot fordert alles. Denn wenn du gelobt hättest, eine Fliege zu töten, oder einen Strohhalm aufzuheben, so müßtest du dies Gelübde ohne Dispens zu erlangen halten, und nicht mit Rück­sicht auf den Inhalt, sondern weil du das Gelübde getan, den Gehor­sam leisten, besonders, wenn das Gelübde nicht wider ein anderes Ge­bot Gottes streitet; wie viel mehr mußt du halten, was in der Ordensre­gel vorgeschrieben ist und worauf du dein Gelübde abgelegt hast? Du siehst daher, lieber Leser, daß das Mönchsinstitut an sich nichts ande­res ist als ein Babylon voller Irrtümer, Unwissenheit, Ungehorsam, Treulosigkeit, Ruchlosigkeit, Gotteslästerung und eine Kloake voller neuester Gottlosigkeiten und Sünden. Oder zweifelst du, daß das so sei? Siehst du nicht, daß sie ihre Gelübde nicht nur nicht erfüllen, son­dern auch das lehren, wie man geloben kann, ohne halten zu müssen, und nur auf das eine bedacht sind, dazustehen als solche, die mit dem Geloben nicht gelobt und mit dem Nichterfüllen erfüllt haben? Wel­ches Schwein oder welcher Esel würde sich so täuschen und verspotten lassen, wie sie sich unterstehen den lebendigen und wahren Gott mit ihrer unsinnigen Gaukelei zu täuschen und zu verspotten?

Du siehe nun zu, ob in diesem Ofen Babylons jemand gerettet wer­den kann, es sei denn kraft eines göttlichen Wunders, kraft dessen die Auserwählten gerettet sind; während sie unter den Gelübden in menschlicher Weise irrten, hingen sie doch dem reinsten Evangelium im Geist der Freiheit Gottes an. So ist das Urteil Gottes erfüllt, durch das er zu verwirren pflegt die Lippen derer, die den Turm bauen (1.Mos. 11,7), daß sie sich selbst einen Namen machen, während sie tun und sagen, was sich nicht ziemt, was sie auch selbst nicht verstehen, entsprechend ihrem verkehrten Sinn, das Gelübde nicht Gelübde nennend, das Unerlaubte zu Erlaubtem machend, das Gebot nicht zu einem Gebot, das Gottlose zu etwas Frommem, das Ruchlose zu etwas Heiligem, das Gotteslästerliche zu etwas, das man verehren müsse, und dergleichen noch vieles andere. Das ist die Nacht, in der Christus verspottet, verlassen und verspeiet wird, indem die Diener der Priester zu ihm sagen: »Weissage uns, Christus, wer ist es, der dich schlug?« (Mt. 26,68).

Vielleicht werden etliche nicht glauben, daß dies die Greuel des Mönchsinstituts sind, weil sie zu entsetzlich seien; diese lasse ich ihren Weg gehen und überlasse sie ihren eigenen klugen Gedanken, ihnen diene ich auch nicht mit dieser Schrift, sondern allein denjenigen diene ich, die ihre Seelen retten wollen, denen, wie ich meine, mit dem bisher Gesagten genug gedient ist, daß sie glauben, es sei wahr, was ich sage. Denn wahr ist das Gebot Gottes: »Gelobet und haltet«, das nur den trügen wird, der nicht glaubt, daß es ein Gebot oder wahr sei. Ebenso ist es wahr, was ein ungebrochener Brauch und die Erfahrung bewei­sen, daß sie Gelübde ablegen, die sie nicht nur nicht halten, sondern von denen sie auch lehren, daß man sie nicht halten müsse. Denn Lü­gen kannst du nicht gewisser erkennen, als an ihrer eigenen Uneinig­keit und ihrem Widerspruch untereinander. Denn es ist von Gott also geordnet, daß immer die Gottlosigkeit sich selbst verwirrt und Lügen niemals mit sich selbst übereinstimmen, vielmehr immer wider sich selbst zeugen.

Was also, sagst du, soll ich tun, um aus diesem Zoar gerettet zu wer­den (1.Mos. 19,22), in das ich geflüchtet bin, um Sodom zu entgehen? Was du tun sollst? Meinst du noch, es bedürfe der Erörterung, ob du zu dem Berg der Freiheit schleunigst eilen sollst (vgl. 1.Mos. 19,17.19), nachdem du gehört hast, daß du eine solche Weise, dein Leben zu füh­ren, gelobt hast, die nicht allein dem Worte Gottes, dem Evangelium, dem Glauben, der christlichen Freiheit und den Geboten Gottes wi­derspricht, sondern auch auf die schmählichste Weise wider sich selbst streitet und mit sich uneins ist? Laß es gut sein! Dies Reich mag zer­stört werden, da es in sich selbst geteilet ist. Meinst du, Gott fordere dies Gelübde, das du auf eine so verabscheuenswerte Sache wider sein Gebot und seinen Willen abgelegt hast? Denn der da nicht gewollt hat, daß du gelobest, der wird auch nicht wollen, daß das Gelübde gehalten werde, sondern je eher je lieber aufgegeben und getilgt werde.

Aber mit den Mönchen habe ich noch eine Forderung zu erledigen, und ich wiederhole die Frage. Sie mögen darum sagen, warum sie von den übrigen Stücken des Gelübdes dispensieren und allein von der Keuschheit nicht dispensieren? Oder warum sie lehren, alles Übrige sei beweglich und allein die bekannten drei Gelübde müßten unbe­weglich sein? Sie mögen sagen, auf Grund welcher Autorität das Ge­lübde nur in etlichen Dingen und nicht in allen ein Gebot ist. Es ist ganz zugestopft der Mund derer, die Unrecht reden (Ps. 63,12), und er muß bekennen, daß man das Ganze aufgeben und davon dispensieren kann, wenn man einen Teil des Gelübdes aufgeben und davon dispen­sieren kann, oder daß man keinen Teil des Gelübdes aufgeben und da­von dispensieren kann, wenn man das Ganze nicht aufgeben und da­von dispensieren kann. Wenn darum der Vorgesetzte dem Bruder Dispens geben kann, daß er Fleisch esse, Wein trinke, das Gebet auf längere Zeit einstelle, das Mönchsgewand ablege, was die Regel des Gelübdes verbietet, so kann er auch Dispens geben, daß er Güter be­sitze, frei umhergehe und heirate, besonders, wenn es für ihn nötig ist. So, sage ich, nötige ich sie zu antworten. Doch will ich dies nicht zu ei­nem sicheren Grund machen, weil sie selbst so antworten oder zu ant­worten gezwungen werden; denn wegen ihrer ungeheuerlichen Gott­losigkeit darf man ihnen keinen Glauben oder Autorität schenken. Denn wie, wenn sie auch im Antworten irren, die im Geloben und Le­ben eitel Irrtum sind? Durch festere und sicherere Autorität sind die Gewissen zu befestigen, nämlich durch die göttliche Autorität und durch sie allein. Denn Petrus sagt: »So jemand redet, soll er es reden, als wären es Worte Gottes« (1.Petr. 4,11), d. h. er soll gewiß sein, daß es Gottes Wort ist, welches er redet. Was auch Paulus dem Timotheus empfiehlt, wenn er sagt: »Bleibe in dem, das du gelernt hast, weil du weißt, von wem du gelernt hast« (2.Tim. 3,14). Er hatte aber nichts gelernt als das Wort Gottes, deswegen muß man bei dem Worte Gottes allein bleiben. Darum allein handelt es sich jetzt für mich, zu beweisen, daß sie wider die allen allgemeine Vernunft und wider sich selbst wü­ten, und auf ihre eigene Autorität mich stützend, die Folgerung zu ge­winnen, daß die unmögliche Keuschheit frei sei und das Gelübde der Keuschheit seiner Natur nach bedingt und zeitlich, da ich bewiesen habe, daß sie in den anderen Stücken des Gelübdes dies zugegeben haben und kein Grund vorhanden ist, warum es nicht in allen gesche­hen dürfe, da für die Freiheit der Keuschheit noch stärkere Ursachen dringend eintreten, als sonst für irgendein Stück, das sie selbst frei ma­chen. Es ist also lauter eigene Willkür und eigenes Belieben, einige Gelübde zu unbeweglichen, einige zu beweglichen zu machen, die üb­rigen frei zu geben und allein die Keuschheit so zu binden, daß man nicht davon dispensieren kann, zum Verderben und Fallstrick der See­len.

Im übrigen ruhen unsere Gewissen fest auf dem, was wir durch deut­liche und gewisse Zeugnisse der Schrift bewiesen haben, daß das Mönchsgelübde seiner Natur nach den Worten Gottes widerspreche, dem Evangelium, dem Glauben, der christlichen Freiheit, und den göttlichen Geboten, um von der allgemeinen Vernunft und den inne­ren Widersprüchen zu schweigen. Ich sage »seiner Natur nach«, weil ich nicht leugnen möchte, daß die heiligen Männer diese Verkehrtheit heilsam gebraucht haben und durch göttliches Wunder gerettet sind, gleichwie ich sage, daß Tod, Kreuz und die Übel der Welt ihrer Natur nach wider den Glauben streiten, Christus und die Seinigen jedoch sie gut benutzt haben und verherrlicht sind. Aber niemand legt sein Ge­lübde ab auf das Beispiel der Heiligen, die das Böse gut benutzt haben, sondern alle geloben das Böse selbst. Denn niemand gelobt, in dem Geist leben zu wollen, in dem Bernhard lebte: denn dies ist nötig und kann nicht unter das Gelübde fallen; von Anfang an ist es gelobt und begonnen in der Taufe; sie jedoch geloben das Gesetz der Taten oder die Werke des Gesetzes, die Gerechtigkeit des Fleisches, und zwar nur eine von Menschen erfundene und eingesetzte, die Gott im Neuen Te­stament verboten hat, wie wir bewiesen haben, die auch ihrer Natur nach durch den Schein und die Art ihrer Weisheit zum Untergang führt.

Obwohl ich darum sehe, daß die Heiligen derselben Meinung gewe­sen sind, daß sie die Gelübde in unbewegliche und bewegliche teilten, daß sie auch selbst in vielen Stücken der Regel dispensiert und Dispens angenommen haben, so ist es doch, weil es ungewiß ist, ob sie dies ge­tan haben, indem Gott ihr Tun billigte oder ihren Irrtum ihnen verzieh, kein ausreichend sicherer und zuverlässiger Schutz für die Gewissen, aus ihrem Beispiel oder Tun etwas Verbindliches abzuleiten. Dem nämlich widersteht, damit niemand sich dessen erdreiste, derjenige, der vorhergesagt hat, daß auch die Auserwählten in den Irrtum sollten geführt werden (Mt. 24,24). Sonst, für den Fall, daß ihre Heiligkeit ihre Tat als Gott wohlgefällig bekundete, wäre für uns auch durch die Taten der Heiligen selbst – d. h. durch das Zeugnis der Werke Gottes – vollständig bewiesen, daß alle Gelübde frei seien und daß die Form des Gelübdes bei Gott keine andere sei als diese: »Ich gelobe, die Regel eine Zeit lang zu halten nach dem Willen des Vorgesetzten«. Und die Klöster werden entsprechend der alten Weise von Gott für nichts an­deres angesehen als für christliche Schulen, die jungen und leicht er­regten Leute im Glauben und in frommer Zucht zu unterrichten, bis sie die reiferen Lebensjahre erreicht haben. Da nun aber die Autorität der Heiligkeit nicht ausreicht, ein Beispiel zu begründen, so muß es mit anderer, nämlich göttlicher Autorität bekräftigt werden. Die Tat näm­lich der Heiligen gefiel deswegen Gott, weil ihm die Einrichtung des Mönchsgelübdes mißfiel, darum hat er es geduldet und gewollt, daß seine Heiligen wider es selbst dispensierten und handelten, auf daß alle treulich daran gemahnt würden, nicht durch den trügerischen Schein dieser heillosen Einrichtung von dem königlichen Weg des Evange­liums sich abbringen zu lassen. Denn Bernhard hat nicht gesündigt und nicht in allen Stücken sein Gelübde gehalten, wenn er in den Angele­genheiten des Papstes das Kloster verließ und in den Landen umher­zog; denn dies hat Gott gewollt, damit man nicht glaube, daß Gott selbst die Einrichtung der Gelübde genehmige. Ebenso hat auch Chri­stus erlaubt, daß die Jünger mit ungewaschenen Händen entgegen den Überlieferungen der Alten ihre Mahlzeiten einnähmen (Mt. 15,2). Summa: Die Beispiele und Taten der Heiligen messen wir an den Wor­ten Gottes, gegen die, wie hinreichend bewiesen ist, die Mönchsgelübde streiten. Sie aber messen die Worte Gottes an den Taten und Worten der Heiligen, so oft sie ihren besten Maßstab anlegen, und doch wollen sie bisher nicht als solche gelten, die sich geirrt haben.

Letzter Teil

Wir wollen nun den letzten Angriff gegen sie machen und um des Kampfes willen einmal den Fall setzen, daß jene drei Gelübde unbe­wegliche Gelübde seien, die von Gott genehmigt seien und von denen man nicht dispensiert werden könne. Wie nun, wenn ich beweise, daß zwei von ihnen frei seien auch bei euch selbst? Werdet ihr da nicht zu­geben, daß auch das dritte Gelübde, nämlich das Gelübde der Keusch­heit, frei sein müsse? Laßt uns darauf also etwas uns einlassen, obwohl wir gleich anfangs genug davon gesprochen haben. Zunächst laßt uns die Armut betrachten, die eine doppelte ist: Die geistliche Armut, von der Christus Mt. 5 spricht: »Selig sind, die geistlich arm sind, denn ih­rer ist das Himmelreich« (Mt. 5,3). Diese Armut kann man nicht gelo­ben, da sie allen Christen gemeinsam ist. Sie besteht darin, freien Gei­stes mit den Dingen sich abzugeben, sie zu brauchen und zu beherr­schen, nicht ihr Knecht zu sein, nicht das Herz daran zu hängen, nicht sein Vertrauen darauf zu setzen und der Reichtümer sich zu rühmen, nicht Männer zu sein, die dem Reichtum leben. Aber die Mönche sün­digen hier mehr als einmal. Denn zuerst machen sie aus dieser Armut einen Rat; sodann maßen sie sich allein an und brüsten sich damit, daß sie von ihnen allein gelobt werde. Daß sie aber kein Rat ist, beweist dies, da Christus diese Armen »selig« nennt, also diejenigen verdammt sehen will, die nicht arm sind. Denn die Seligkeit pflegt er den­jenigen zuzuweisen, die da halten, was notwendig ist, wie z. B. wenn er das Weib straft und sagt: »Ja selig sind, die das Wort hören und bewah­ren« (Luk. 11,28). Und: »Selig bist du Simon Jonas Sohn« (Mt. 16,17). Und: »Selig seid ihr, wenn ihr es tut« (Joh. 13,17). Eben­falls: »Denn ihrer ist das Himmelreich.« Also will er, daß die Knecht­schaft der Hölle behalten sei für diejenigen, die nicht arm sind. Während demnach die Mönche dies Gelübde ablegen, sündigen sie zwiefach. Zunächst treten sie mit gottloser Meinung heran, indem sie für einen Rat halten, was ein Gebot ist, und darum brechen sie beim Geloben das göttliche Gebot, indem sie leugnen, daß es ein Gebot sei.

Zweitens sündigen sie, weil sie vorgeben, etwas anderes zu geloben, als sie in der Taufe gelobt haben, und kraft dieser Gleißnerei widerrufen und verachten sie das Taufgelübde, gleich als wäre es etwas Geringes oder nichts im Vergleich mit diesem neuen Gelübde. Doch das heißt die Taufe verlästern, die in allen Christen alles ist. Wenn also das Gelübde nicht gottlos, ruchlos und lästerlich vor Gott sein soll, so dürfen sie diese Armut nicht geloben. Die zweite Art der Armut ist die leibli­che Armut. Sie kann eine dreifache sein – es sei gestattet, auf das Ge­schwätz der Schwätzer in gleicher Weise einzugehen -: Entweder, daß man überhaupt auf alles verzichtet, was unmöglich ist, denn man be­darf der Nahrung und der Kleidung, um dies Leben zu erhalten. Oder, daß du keine Güter verwaltest oder dich darum zu kümmern hast. So liegen die Verhältnisse bei den kleinen Kindern, den Knaben, den Kranken, den Schwachsinnigen und ähnlichen Leuten, die unter der Gewalt und der Hand eines anderen sich befinden. Oder, daß du nichts zueigen besitzest, aber gemeinsames Gut verwaltest. Diese beiden letzten Formen der Armut müssen die Mönche geloben, wenn sie Ar­mut geloben, besonders die letzte Form. Im übrigen ist aber doch leib­liche Armut recht eigentlich Mangel an Nahrung und Kleidung, daß man fremder Hilfe bedarf und nicht mit eigenen Mitteln sich helfen kann.

Siehe nun dies Narrenspiel des Satans an. Lukas lobt in der Apostel­geschichte die Handlung der Apostel, daß sie alles gemeinsam besaßen und dadurch alle Überfluß hatten (Apg. 2,44; 4,32); nicht redet er hier von Armut oder Armen, vielmehr sagt er: »Es war keiner da, der Not litt« (Apg.4,34). Darum gibt es keine Armut und soll auch nicht Armut genannt werden, wo einige Genossen ihre Habe zusammenle­gen und von dem gemeinsamen Gut leben; es soll dies vielmehr großer Überfluß an allem heißen. Denn dies war nach dem Bericht des Lukas (Apg. 2,45) der Ruhm der ersten Kirche, daß, während sie an geistli­cher und evangelischer Armut alle reich waren, sie doch an zeitlichen Gütern Überfluß hatten, nach eines jeden Notdurft. Als aber später das Vermögen aufgezehrt war und der Hunger überhandnahm, da fin­gen sie an, auch an zeitlichem Gut Mangel zu haben, da wurden sie auch leiblich arm, so daß Paulus und Barnabas überall für sie bei den Gläubigen Kollekten sammelten. Doch diese Armut haben die Apo­stel nicht eingesetzt, da sie ja alle Güter gemeinsam hatten, sondern sie hatten sie geduldet, als der gemeinsame Besitz dahinschwand. Daher geloben unsere Mönche weder geistliche noch körperliche Armut, sondern jenen gemeinsamen Überfluß, mit dem man ihnen reichlich Handreichung tut, den du, wie gesagt, ohne Zagen die Armut der Kin­der und Schwachsinnigen nennen kannst, da er nichts weniger ist als Armut. Denn nicht, um Not zu leiden, sondern um Überfluß zu haben, treten sie in die Orden ein, dadurch angelockt, daß sie von vollen Vor­ratskammern in den Klöstern wissen, die von Geschlecht zu Ge­schlecht ihren Vorrat abgeben (Ps. 144,13). Denn sobald in den Klö­stern Armut herrscht, treten sie entweder nicht in die Klöster ein, oder es gereut sie, eingetreten zu sein.

Ist dies also nicht eine auffallende Verspottung Gottes und der Men­schen, das Gelübde der Armut vorzugeben und dennoch eben dadurch eine ruhige und faule Fülle und Sättigung zu suchen, die von fremden Händen erworben und besorgt ist, wo nichts weniger ist als Not leiden oder arm sein? Oder wollen sie, daß wir nicht kennen sollen, was Ar­mut sei und bedeute? Oder wollen sie auch den Worten ihre Bedeu­tung rauben? Nach aller Menschen Verständnis, nach aller Menschen Brauch, nach aller Menschen Rede bezeichnet leibliche Armut Man­gel und Bedarf an Nahrung und Kleidung. Wer hat jemals gehört, daß Armut genannt werde: nichts zueigen zu besitzen und an gemeinsa­mem Besitz Überfluß zu haben? O ihr Spötter und Betrüger, die ihr durch Geiz mit erdichteten Worten Gewinn eintreibt an den Völkern, wie Petrus zuvor gesagt (2. Petr. 2,3). Darum lügen sie auch in Bezie­hung auf die leibliche Armut, wenn sie Möncherei geloben, so daß sie gottlos sind im Hinblick auf die geistliche Armut und Lügner im Hin­blick auf die leibliche Armut. Und du möchtest glauben, daß solch er­dichtetes und lügenhaftes Gelübde Gott angenehm sei? Fürwahr, die Heiligen müssen in diesem Gelübde etwas anderes gesehen haben. Die Natur des Gelübdes ist, wie wir gesagt haben, lügnerisch, gottlos, ruchlos und gotteslästerlich.

Doch weiter! Stelle dir einmal vor, diese gottlosen Gelübde seien fromm und angenehm, und das werde Armut genannt, was sorglose­ster Überfluß ist. Was wollen sie von denjenigen sagen, die aus den Klöstern genommen sind zu Päpsten, zu Kardinälen, zu Bischofsäm­tern und anderen Ämtern, wo sie doch ganz gewiß ihres Gelübdes ent­ledigt und in eigenen Besitz gesetzt sind? Hier kannst du nicht sagen, wenn du nicht wiederum mit erdichteten Worten spielen willst, daß der Papst, die Bischöfe, die Kardinäle und ähnliche nicht eigenen Besitz haben, da sie ihn doch nach freiem Belieben gebrauchen. Doch sei es so, die Vorsteher der Mönche mögen nicht eigenen Besitz verwalten; aber jene wenigstens verwalten eigenen Besitz, obwohl sie ihn von der Kirche erhalten haben. Darum bedeutet es nichts, wenn du sagst, daß dieser Besitz nicht ihnen, sondern der Kirche gehöre, was auch gerade mit erdichteten Worten (2.Petr.2,3) gesagt wird. Denn es gibt ihnen der Papst diese Güter, als wäre er der Herr derselben, ja, der Papst macht sich sogar zum Herrn beider Dinge, und hierher sind auch bis­weilen heilige Männer versetzt, wie Anastasius,[27] der Schüler Bern­hards. Wo bleibt hier das Gelübde der mönchischen Armut? Du mußt entweder den Stand der Bischöfe, Kardinäle und Päpste vollständig verdammen, oder leugnen, daß ein Mönch in diesen Stand eintreten könne. Hier sagen sie nun, man beweise in dieser Form den Gehorsam und trete ein in den Stand der Vollkommenheit. Das ist eine schöne Lüge wider dein Haupt: Warum sagtest du vorher, die Möncherei sei der Stand der Vollkommenheit? Ich frage dich nun, wie viele Stände der Vollkommenheit hast du denn? Wenn der Bischof seine Infula[28] ablegt und ins Kloster geht – wie bisweilen geschehen ist – tritt er aus dem Stand der Unvollkommenheit in den Stand der Vollkommenheit. Wiederum, wenn der Mönch sein Kloster verläßt und Bischof wird, tritt er in den Stand der Vollkommenheit ein. Hier siehst du, wie die Stände sich gegenseitig vollkommen und unvollkommen machen, d. h. wie die Lügen wider sich selbst stürmen und sich gegenseitig fressen und aufzehren. Was meinst du, werden diese frechen und tollen Leute schließlich sagen? Sie würden vielleicht auch einen Stand der Voll­kommenheit daraus machen, wenn man vom ehelichen Leben in ein Bordell einträte. Ach Herr Christus! Es sind in dieser ruchlosen Art des Lebens nichts als ganz verwirrte Lügen.

Ferner, wenn um des Gehorsams und des Standes der Vollkom­menheit willen das Gelübde der Armut gebrochen wird, warum nicht auch das Gelübde der Keuschheit? Wo sind nun jene unbeweglichen Gelübde? Ist die Armut jetzt ein bewegliches Gelübde? So müssen durch den Wind ihrer Lügen hin- und hergetrieben und umhergewor­fen werden diejenigen, die den festen Fels verlassen haben und sich ei­gene neue Wege, eigene Führung und ein besonderes Paradies zu schaffen sich unterstanden haben. »Ich habe sie gelassen«, spricht er »in ihres Herzens Wünschen, daß sie wandeln nach ihrem Rat« (Ps. 81,13). Und Petrus sagt: »Es werden in den letzten Tagen Spötter kommen, um zu betrügen, die nach ihren eigenen Lüsten wandeln« (2.Petr. 3,3). Was aber wollen sie dazu sagen? Ist nicht das Gelübde ein göttliches Gebot? Besonders dann, wenn es, wie ihr sagt, ein un­bewegliches Gelübde ist? Doch den Bereich des göttlichen Gebots darf man nicht verlassen, nicht einmal auf Grund der Autorität der Engel, geschweige denn derjenigen des Papstes oder sonst irgendeines Menschen. Denn der Spruch steht fest: »Man muß Gott mehr gehor­chen als den Menschen« (Apg. 5,29). Sonst möchte es in derselben Weise auf Grund menschlicher Autorität und menschlichen Gehor­sams erlaubt sein, zu stehlen, töten, ehebrechen, den Eltern ungehor­sam zu sein, kurz, Gott mit seinen Geboten zu verleugnen. Wenn man ein Gebot übertreten darf, wird man alle übertreten dürfen. Daraus ergibt sich, daß es entweder unmöglich ist, daß ein solches Gelübde ein göttliches Gebot sei, oder daß notwendig wider das Gelübde schuldig und verdammt sind alle, die aus Mönchen Bischöfe geworden sind Hier soll man nicht schwatzen und läppische Reden führen dahin lau­tend, daß sie in der Armut bleiben. Wir haben es hier mit einer ernsten Sache zu tun; wenn Gewissenssachen zur Erörterung stehen, muß man fest und gründlich lehren. Wir wissen, daß der Mönch und der Papst in keiner Beziehung sich vergleichen lassen, was das Gelübde der Armut betrifft. Jener gelobt, im Kloster arm leben zu wollen; dies wird er auf­gefordert, zu erfüllen sein ganzes Leben lang, weil das Gelübde ein Gebot Gottes ist. Und es nützt nichts, daß sie mit dem Gerede von dem Stande der Vollkommenheit angelaufen kommen, nicht nur wegen der oben besprochenen Lüge, kraft der sie sich selbst widersprechen, son­dern auch wegen der anderen Lüge, daß der Stand der Vollkommen­heit nicht außer und gegen das Gebot Gottes sein könne, sondern es is1 vielmehr ein verdammenswerter Stand. Denn es streitet kein Gebot Gottes wider die Vollkommenheit, vielmehr besteht die Vollkom­menheit allein in den Geboten Gottes. Denn der ist vollkommen, der alle Gebote Gottes hält. Was ist das also für eine unverschämte Frech­heit, zu behaupten, das Gelübde sei ein Gebot Gottes und ein Stand der Vollkommenheit? Wiederum zu behaupten, man müsse es bre­chen und den Stand der Vollkommenheit verlassen um des Standes der Vollkommenheit willen? Du siehst, lieber Leser, wie ich von der Größe und Menge ihrer Lügen überschüttet werde, so daß ich ihnen mit Worten nicht folgen kann. Ein Wald, ein Meer, eine Sandwüste von Lügen ist diese ihre berühmte Möncherei. Eine wie feine Lüge ist, bitte, auch dies, daß sie den Pontifikat den Stand der Vollkommenheit nennen, was allein dem Glauben und der Liebe zukommt, während er doch vielmehr der Stand des Gepränges, Aufwandes, Reichtums oder, wenn alles in ihm aufs Beste geht, der Stand des Aberglaubens und der Heuchelei ist. Und um dieser Lüge willen lehren sie, man müsse das Gelübde brechen, das sie als göttliches Gebot angesehen wissen wollen.

Es ist uns also entschwunden die elende und nur schlecht die Probe bestehende Unbeweglichkeit dieses Gelübdes der mönchischen Ar­mut, das sie ein unbewegliches Gelübde nennen. Es stellte sich heraus, daß man die Armut nicht Armut nennen dürfe, sodann, daß auch von ihnen selbst dies Gelübde nicht als ein unbewegliches Gelübde und Gebot Gottes erachtet werde, wiewohl sie lehren, daß es ein unbeweg­liches Gelübde und Gebot sei. Warum hat also jene klägliche Keusch­heit im Vergleich mit der Armut eine so starre Unbeweglichkeit, so­bald sie gelobt wird? Müßt ihr nicht einräumen, daß entweder die Keuschheit beweglich sei, oder daß ihr im Gelübde der Armut ganz über die Maßen unsinnig seid und verloren geht, sowohl im Hinblick auf das Lehren wie auf das Halten? Ich will also den Schluß ziehen:

Wenn in gleicher Weise Mönch und Laie Bischof werden können, so bedeutet entweder das Ordensgelübde nichts, oder der Mönch ist ver­dammt, wenn er Bischof wird. Denn er gelangt dorthin, wohin auch derjenige, der durch keine Gelübde gebunden ist, gelangt; das wäre aber unmöglich, wenn die Gelübde den Mönch vom Weltchristen un­terschieden. Denn der Bischof gelobt nicht die Gelübde des Ordens, noch wird er gehalten, sie zu geloben; es würde aber auch kein Bischof sie geloben wollen, da sie zu hart und vollkommen wären. Und auf daß ich es kurz und gut sage: Das Gelübde der Armut scheint vom Satan dazu erdichtet zu sein, daß die Mönche unter dem Vorwand des Ge­lübdes davon befreit werden, anderen in ihrer Armut Beistand zu lei­sten und die Werke der Barmherzigkeit aus Liebe zu verrichten, was wir auch oben bereits berührt haben. Denn er hält sie zunächst in ih­rem Kloster verschlossen, daß sie niemand dienen; sodann läßt er sie faul bleiben, daß sie der Hände Arbeit sich entziehen und nur von an­deren sich dienen lassen, und eben dadurch erreicht er es, den großen Haufen davon abzuhalten, den wirklich Armen zu helfen, den Eheleu­ten, Witwen, Waisen und Fremdlingen, und dazu zu verleiten, Hab und Gut an diese erdichteten Armen zu vergeuden, die in Wahrheit reiche, feiste, faule und um nichts sich kümmernde Heuchler sind.

Laßt uns nun sehen, ob die Unbeweglichkeit des Gehorsams besser besteht als die der Armut. Wir haben oben gesagt, daß auch der Ge­horsam zweierlei Art sei: einmal ist es der evangelische Gehorsam, kraft dessen wir alle uns einander unterordnen, den wir in der Taufe geloben, und der nicht von Neuem gelobt werden kann, es sei denn, daß man heuchle und Spott treibe. Sodann ist es der leibliche Gehor­sam; wenn dieser nicht wider den ersten sich wendet, so weiß ich nicht, was für ein Gehorsam es sein soll. Doch mag man leiblichen Gehorsam denjenigen nennen, den Ehefrauen, Kinder, Knechte, Gefangene und alle, die zufolge irgendeines Zwanges einem anderen unterworfen sind, leisten. Denn der evangelische Gehorsam ist frei und willig gegen den, der durch kein Recht uns übergeordnet ist, willig allein deswegen, weil Gott es so gewollt hat, daß wir uns denen unterordnen, denen kein Recht uns verpflichtet. Es sündigen auch hier die Mönche ebenso un­sinnig, wie gegen die Armut. Zunächst, weil sie den Gehorsam zu ei­nem Rat machen; sodann nehmen sie ihn für sich allein in Anspruch; während sie ihn also geloben, verleugnen sie gottlos das Gebot Gottes und verdammen ruchlos ihr Taufgelübde, indem sie vorgeben, daß sie etwas anderes und Größeres geloben, als sie in der Taufe gelobt hat­ten. Wenn aber einige frommen Herzens ihr Gelübde ablegen, so ge­loben sie sicherlich nur den leiblichen Gehorsam. Doch wenn nicht der Geist in ihnen ist und schließlich auch den anderen sie unterordnet, so geloben sie nur etwas, das wider den evangelischen Gehorsam ist, wie wir auch oben gesagt haben. Wer das Bekenntnis des Gehorsams ab­legt, der gelobt den Gehorsam einem einzigen, und zwar dem Vorge­setzten, und er gelobt ihn nicht schlechthin allgemein, sondern nach der vorgeschriebenen Regel; da­durch bewirkt er, daß er nicht im evangelischen Sinn gehorsam sein kann. Denn er wird ja verhindert, den Gleichgestellten sowohl wie den Geringeren, den übrigen Vorge­setzten sowohl wie allen anderen gehorsam zu sein, nachgiebig und wohlwollend sich zu beweisen. Denn der evangelische Gehorsam ge­bietet auch dem Widersacher wohlwollend zu sein und in allen Stücken und immer ihm nachgiebig zu sein.

Aber gesetzt auch, daß die Absicht des evangelischen Gehorsams in ihnen bleibe, was ich nicht leugne, gleichwie auch die Absicht der evangelischen Armut bleiben kann, wie es wider allen Zweifel bei den Heiligen der Fall gewesen ist, so liegt doch die Einrichtung selbst, das Wesen der Profeß selbst, in Streit mit dem Evangelium. Denn ich dis­putiere nicht, wie schon früher gesagt, über das Beispiel und den Geist der Heiligen, den auch die Gatten haben müssen, ich disputiere viel­mehr über das Gesetz und das Wesen des Gelübdes, das man nicht auf­stellen, nicht lehren und nicht geloben darf, da es dem Evangelium wi­derspricht. Denn das Gelübde läßt nicht zu, daß du dich allen Men­schen unterwirfst; dies beides widerspricht einander aufs äußerste, mag auch noch so sehr der evangelische Geist in einigen bleiben, die unter den dem Evangelium widersprechenden Gelübden leben.

Viel heiliger und vollkommener ist der Gehorsam der Frau, der Kinder, der Knechte, der Gefangenen und dergleichen, als der Gehor­sam der Mönche, obwohl auch sie nicht allen den körperlichen Gehor­sam dem äußeren Vermögen nach leisten können, da sie gebunden sind und dem Recht eines anderen unterworfen. Und wir haben oben gesagt, daß die evangelische Freiheit eine solche sei, die keinem sein Recht und seinen Anspruch nimmt, jedoch über den Willen hinaus, der bereit ist, allen zu dienen und zu gehorchen, sind sie ihren Oberen in allem gehorsam einfältiglich und ohne die vorgeschriebene Regel. Die Mönche aber gehorchen nur ihren Oberen, und zwar nicht schlechthin, sondern nach dem bestimmten Maß der vorgeschriebenen Regel, wie auch Bernhard lehrt; darin weichen sie auch von jenen al­ten Mönchen und Einsiedlern weit und breit ab. Sodann kommen sie zu diesem engen und zerstückten Gehorsam nicht aus Zufall oder Zwang – wie es bei den Gatten, Kindern, Knechten, Gefangenen und ähnlichen der Fall ist – sondern freiwillig, so daß es also unter dem Himmel überhaupt keinen schnöderen und kargeren Gehorsam gibt, keinen, der auch dem Evangelium mehr widerspricht, als den Gehor­sam der Mönche.

Dazu eignet auch eine andere Seligkeit dem kindlichen, ehelichen, knechtischen und bürgerlichen Gehorsam, weil er von Gottlosigkeit und Gotteslästerung weit entfernt ist. Denn man meint nicht mit die­sem Gehorsam Gott einen besonderen Dienst vor allen anderen und über das Evangelium hinaus zu erweisen. Niemand nennt ihn einen Rat. Aber wenn der mönchische Gehorsam nicht mit dieser gottlosen und ruchlosen Meinung behaftet wäre, könnte er weder gelehrt, noch gelobt, noch gehalten werden. Denn die Mönche wollen durch ihren Gehorsam über das Evangelium hinaus vor allen anderen etwas Be­sonderes sein und wollen allein die Bräute und Ehefrauen der göttli­chen Majestät sein, aus ihr einen Baal machend, d. h. einen Gatten, der ihnen besonders zueigen ist und dem sie besonders zueigen sind, ein Fleisch, ein Geist mit ihm; die übrigen aber achten sie Knechten, Miet­lingen und Nebenweibern im Hause gleich. Doch ist es gewiß, daß diese Meinung die Heiligen nicht verpestet hat. Denn mit dem Geist der Demut erfüllt, haben sie sich niemandem vorgezogen. So siehst du, daß der mönchische Gehorsam nicht weniger als die mönchische Ar­mut aus neuen und erdichteten Worten besteht, die eine Bedeutung erhalten haben, die den Gebrauch aller Sprachen ganz und gar verläßt. Dieser Erdichtung fügen sie Gottlosigkeit und Gotteslästerung hinzu. Denn sie nennen das Gehorsam, was richtiger, sowohl geistlich wie leiblich, im Vergleich mit dem Evangelium Ungehorsam ist, wie sie das Armut nennen, was richtiger Reichtum ist. Sodann geloben sie diesen erdichteten Gehorsam in gottloser Meinung, kraft welcher sie ihn für vollkommen und größer achten, als den wahren und evangelischen Gehorsam; damit schänden sie ruchlos den Gehorsam der Taufe und des Evangeliums. Daher ist der Gehorsam des Kindes, des Ehege­mahls, des Knechts, des Gefangenen besser und vollkommener als der Gehorsam des Mönchs, auch dann, wenn er am besten ist, d. h. ohne Gottlosigkeit und Gotteslästerung, wie er es bei den Heiligen gewesen ist; wo er aber gottlos und frevelhaft ist, da darf man ihn mit Hurerei und Mord nicht vergleichen, geschweige denn mit einem guten Gehor­sam.

Darum möchte ich es wagen, zuversichtlich und offen dies zu be­haupten: Wenn der Mönchsgehorsam nicht auf eine bestimmte Zeit gelobt und gehalten wird, gleichsam als erster Unterricht im christli­chen und evangelischen Gehorsam, damit die jungen Leute in ihm ge­übt werden und so es lernen, allen in allen Dingen nachgiebig zu sein, gleichwie sie durch das Gelübde ihrem Oberen im Kloster in manchen Stücken nachgiebig sind, wie es auch in den Lebensbeschreibungen der Väter einige Beispiele beweisen, wenn sage ich, der Mönchsgehor­sam nicht so verstanden wird, ist er durch und durch gottlos und bald fahren zu lassen. So verhält es sich auch mit der Armut der Knaben; sie sollen nicht Hab und Gut verwalten, damit diejenigen wirtschaftlich zu sein lernen, die wegen ihres Alters verschwenderisch und leichtsinnig würden, wenn man sofort Geld und Gut ihnen in die Hände gäbe. Denn was ist es doch für ein Wahn, den allgemeinen Gehorsam, der allgemein geleistet werden muß, zu verachten, um einen besonderen Gehorsam, der besonders geleistet werden soll, zu preisen? Oder will der Mönchsgehorsam uns lehren, es sei besser, wenigen wenig Gutes zu tun, als vielen viel Gutes? Wenn man daher vom Unvollkommenen zum Vollkommenen fortschreiten muß, so muß man vom Mönchsge­horsam zum Gehorsam gegen die Eltern, Herren, Gatten, Gebieter, Gegner und alle Menschen fortschreiten. Und wie sie selbst das Ge­lübde des Gehorsams fast zum größten und höchsten in ihren Orden machen, so sehen wir im Gegenteil, daß es das geringste und kleinste ist, auch dann, wenn es fromm und recht gewesen ist, d. h. wenn man es gelobt, um den echten Unterricht im evangelischen Gehorsam zu ha­ben. Denn wo man es zum Zweck der Vollkommenheit gelobt, ist es weder das geringste noch das kleinste Gelübde, sondern Verkehrtheit und Frevel gegen Gott. So geschieht es, daß, wie wir von der Armut ge­sagt haben, nirgends sei weniger Armut vorhanden, als dort, wo man sich ihrer rühmt, ebenso nirgends weniger Gehorsam herrscht, als dort, wo man sich seiner rühmt. Und es wird hier das Wort des Paulus erfüllt: »Sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber ihre Kraft ver­leugnen sie« (2.Tim.3,5). Darum muß man den Mönchsgehorsam entweder als einen zeitweiligen ersten Unterricht ansehen, oder bald verlassen und zurückkehren entweder zum gesetzlichen Gehorsam gegen Eltern und Herrn, oder zum evangelischen Gehorsam gegen alle, und nicht zögern, auch wenn man ihn durch tausend Gelübde be­kräftigt hätte. Denn dies Gelübde ist wider das Evangelium und kann von Gott nicht gebilligt und gefordert werden.

So viel mag vom Gehorsam der Wahrheit gemäß gesagt sein, jetzt aber lasset uns vom Gehorsam sprechen in Anlehnung an die Lügen der Mönche, auf daß wir sehen, wie keine Lüge allein und nur für sich besteht. Sie sagen, das Gelübde des Gehorsams sei unbeweglich und bereits ein göttliches Gebot. Hier wiederhole ich das, was ich bei dem Gelübde der Armut vorgebracht habe. Was wollen sie sagen von den Bischöfen, die aus den Klöstern genommen sind? Wo bleibt ihr unbewegliches Gelübde? Sie werden auch hier sagen, daß sie in den Stand der Vollkommenheit übergehen und der Gehorsamspflicht nach­kommen. Ich bringe auch hier wieder vor, was ich oben entgegenge­halten habe, nämlich daß ein Bischof nicht Mönch werden darf und nicht in diesen Stand der Vollkommenheit eintreten darf und daß auch hier die Stände der Vollkommenheit einander widersprechen, sich ge­genseitig abwechselnd Vollkommenheit und Unvollkommenheit zu­weisen und nehmen. So messen diese gar feinen und anziehenden Leute die Stände der Vollkommenheit nicht am Glauben und der Lie­be, nicht auch am Ende an der äußeren Heuchelei ihrer Werke, son­dern an dem Belieben, von dem einen Stand in den anderen überzuge­hen. Denn wenn der Bischof Mönch wird, ist er in den Stand der Voll­kommenheit gegangen, weil es so gefallen hat, dies den Stand der Vollkommenheit zu nennen. Umgekehrt wird der Mönch Bischof und gelangt nun in den Stand der Vollkommenheit. Wohin du auch gehst, du bist, vorausgesetzt nur da du im Besitz ihrer Rechenkünste bist, immer in den Stand der Vollkommenheit gegangen. Und schon ist der Weltliche – das ist ihre Bezeichnung – vollkommener ohne die Ge­lübde als der Mönch, da der Weltliche Bischof werden kann ohne die Gelübde, wohin kein Mönch kommen kann, es sei denn, daß er seine Gelübde dahinten läßt und zum Stand der Vollkommenheit aufsteigt; darum sind die Mönche mit ihrem Stande entweder den Weltlichen gleich oder geringer als sie. Das ist töricht und kindisch, und doch zwingt der Beweis der Tatsachen selbst, dies als ihre Meinung zu ver­stehen.

Das ist ein ernstes Ding: Wenn das Gelübde ein Gebot ist, darf kein Mönch Bischof werden unter dem Vorwand irgendeines Gehorsams, denn er darf das Gebot Gottes auf keine Autorität hin brechen und nicht mit Rücksicht auf irgendein noch so großes Gut ändern. Denn Gott will, daß man seiner Stimme gehorche. Darüber hinaus ist beim Gelübde des Gehorsams noch dies etwas Besonderes: wer den Mönchsgehorsam verläßt, der tritt über zu dem Gehorsam, der allen gemeinsam ist. Denn wie der Bischof dem Papst, so ist jeder Christ, wie sie selbst lehren, ihm zu gehorchen verpflichtet, während er doch den Mönchsgehorsam deswegen gelobte, um einen größeren und voll­kommeneren Gehorsam als diesen allen gemeinsamen zu leisten. Wenn er also dem geringeren Gehorsam nachgibt und den vollkommneren verläßt, wird er einem jeden, der ganz im allgemeinen Sinn ge­horcht, gleich, und er hatte doch zuvor den vollkommenen Gehorsam gelobt, der über den allgemeinen hinausgeht. Ist er nun nicht ein Über­treter des Gelübdes? Ist er nicht in die Welt zurückgekehrt und hat er nicht das Joch des Gehorsams abgeschüttelt? Was werden sie hier sa­gen? Sie werden sicherlich entweder das Gelübde des Gehorsams einen zeitweiligen ersten Unterricht sein lassen, oder als schuldig gegen das Gelübde alle verdammen, die aus den Klöstern heraus Bischöfe werden, und doch halten sie etliche dieser Art für Heilige, wie Bona­ventura usw.

Eine wie große Lüge und Ruchlosigkeit ist es aber, zu sagen, das heiße in den Stand der Vollkommenheit eingehen, wenn man ein un­bewegliches Gelübde und Gebot Gottes breche und aufgebe? Gleich als wenn Gottes Gebot wider die Vollkommenheit streite, oder außer­halb des Gebotes Gottes irgendein Heilsanfang, geschweige denn Vollkommenheit sein könne. Wenn also der Mönch wird vollkommen sein wollen, wird er bei seinem Gelübde bleiben und das Gebot Gottes halten, obgleich, wie gesagt, alles erdichtet ist. Denn der Stand der Bischöfe hat das Amt, das Wort Gottes zu predigen; das ist nicht der Stand, zu dem die Mönche aufsteigen, da niemand besser das Wort Gottes lehren kann als die Mönche, wie es St. Bernhard und ihm ähnli­che getan haben. Wenn darum der Mönch ein Bischofsamt über­nimmt, wie jetzt seit mehr als vierhundert Jahren die Bischofsämter geartet sind, so begibt er sich vielmehr von dem wahren Stand der Bi­schöfe in den Stand bischöflicher Götzen und Fratzen.

Und um ein Ende zu machen mit diesen Lügen und Erdichtungen: Unter allen Mönchsgelübden ist keines weniger unbeweglich als das Gelübde des Gehorsams, und keines überzeugt unwiderleglicher da­von, daß das Mönchsinstitut eine bloße Anleitung des christlichen jun­gen Volks sei, das man nach der alten Weise der Väter zeitweilig be­rücksichtigen soll, auf daß man den Glauben und die evangelische Zucht lerne. Ich beweise dies folgendermaßen: Es ist unmöglich, daß Klöster nicht sollten ihre Vorsteher haben, die da vorstehen, leiten und weiden die Mönche. Ist dies nicht wahr? Denn welche Verwirrung würde eine Herde ergreifen, die keinen Hirten hat? Es mag also dies wahr sein. Es ist auch unmöglich, daß eine solche Obrigkeit Gott nicht sollte gefallen, da die geordnete Gewalt von Gott ist Röm. 13 (13,1). Doch Vorsteher sein und gleichzeitig gehorchen oder untertan sein, ist ganz unmöglich. Ich spreche aber von leiblichem Gehorsam und Un­tertänigkeit, die auch allein gelobt wird, wie wir gesagt haben; aber auch die Regel sagt: »Man muß dem Vorgesetzten gehorchen, und die Zucht ruht in seiner Hand.« Auch des Apostels Wort führen sie hier an: »Gehorchet euren Vorstehern und seid ihnen untertan« (Hebr. 13,17). Denn es kann der Vorsteher nicht der Versammlung oder einem Untergebenen leiblich untertan sein. Es folgt also, daß je­der Vorsteher vor Gott von dem Gelübde des Gehorsams los und ledig ist, solange er Vorsteher ist. Er kann es aber immer sein, er selbst so­wohl wie jeder andere; also ist entweder niemand durch ein ewiges und notwendiges Gelübde des Gehorsams auch vor Gott gebunden, oder es kann niemand in den Klöstern Vorsteher sein. Denn der Vorsteher gehorcht nicht, sondern man gehorcht ihm, und daß man gehorchen müsse, gebietet die Regel sowie die eigentliche Absicht der Profeß oder des Gelübdes.

Hier werden mir ganz und gar nichts diejenigen zu schaffen machen, welche sagen, der Vorsteher sei auch seinen Vorgesetzten untergeben und erteile seine Anweisungen nach der Regel. Das weiß ich wohl, aber was hat dies mit dem Gelübde des Gehorsams zu tun, das du be­reits als göttliches Gebot erklärt hast, und das man nicht ändern darf? Man darf ein Gebot Gottes nicht fahren lassen um eines anderen Ge­botes Gottes willen, noch viel weniger um eines Menschen willen. Es ist ein ander Ding, Vorgesetzter zu sein, und ein ander Ding, anderen Oberen zu gehorchen. Denn dieser Gehorsam wird endlich auf den Papst übergehen, der niemandem gehorcht. Niemand gelobt, Vorste­her zu werden oder dem Papst und den Vorgesetzten des Vorstehers zu gehorchen, sondern er gelobt nur dem Vorsteher im Kloster Gehor­sam; er gelobt, sage ich, Gehorsam und zwar leibliche Unterwerfung, die nicht dasselbe sein kann wie Vorsteherschaft. Spiele nicht mit Worten. Was wäre es aber denn für ein Unglück, wenn ein bloßer Laie der Regel entsprechend zu gebieten hätte, ohne jedoch selbst irgendeinem gehorsam zu sein und Gehorsam zu geloben? Wie doch unterscheidet sich von ihm ein Vorsteher, der das Gelübde abgelegt hat? Daher gilt die Schlußfolgerung, daß der Mönchsgehorsam ein noch unvollkommener und unreifer Gehorsam ist, der gegeben ist, um nur der Jugend den ersten Unterricht zu erteilen und auch bei Gott nicht anders angesehen wird, der auch nicht anders gelobt werden kann, es sei denn, daß man ihn gottlos und frevlerisch machen will. Da also die evangelische Form zu leben die vollkommenere Form ist, muß man schließlich doch zu ihr zurückkehren und den Klostergehorsam aufge­ben, gleich als käme man vom Teil zum Ganzen. Denn wenn das Voll­kommene kommen wird, soll das Stückwerk aufhören, und wenn die Zeit da ist. daß wir sollen Männer sein, muß abgetan werden, was kin­disch ist (1 Kor. 13,10.11).

Alle Gelübde also gelten nur auf eine bestimmte Zeit und sind ver­änderlich. Es bleibt einzig und allein die Keuschheit übrig. Wer kann nun den Grund dafür angeben, warum die Keuschheit nicht zeitlich beschränkt ist, da sie doch vor allen anderen Gelübden am ehesten zeitlich beschränkt sein müßte? Sie ist leider nicht erdichtet, sondern wahr, wenn sie auch hier ihrer Natur nach gottlos und lästerlich sein muß. Denn ihr Gelübde hat es nicht mit einer erdich­teten Keuschheit zu tun, wie es einen mit neuen Worten erdichteten Gehorsam und Ar­mut vor sich hat, sondern es befaßt sich gerade mit der wahren Keuschheit, wie sie in allen Sprachen ihren Ausdruck gefunden hat. Obwohl im Hinblick auf das Halten dieses Gelübdes nichts gefunden werden kann, das in gleicher Weise erdichtet wäre, und nirgends weni­ger Keuschheit vorhanden ist als bei denen, die Keuschheit gelobt ha­ben; fast alles ist befleckt durch unreine Flüsse oder fortwährende Brunst und die unruhige Flamme der Lust. Und es wäre wünschens­wert, daß, wenn doch in den Klöstern etwas Erdichtetes gelobt werden mußte, eine erdichtete Keuschheit gelobt würde. Denn das wäre eine heilsame Erdichtung. Und wer mag es geben, daß noch das Gelübde der erdichteten Armut und des erdichteten Gehorsams mit der erdich­teten Keuschheit vertauscht werde, auf daß, wie man eben unter der Armut den Reichtum wahrt, unter dem Gehorsam den Ungehorsam, so nun umgekehrt unter der Keuschheit das Ehebett wahren möchte und zur wahren Armut und zum wahren Gehorsam genötigt würde? Eine solche Erdichtung wäre zu ertragen und würde eine glückliche Vertauschung sein. Doch im Gelübde der Keuschheit fehlte dem Satan der täuschende Schein, da der Unterschied von Keuschheit und Ehe allzu offenkundig ist; deswegen machte er dies nicht zum Arbeitsfeld seines Irrtums. Doch die Armut wurde fein geheuchelt dadurch, daß man keinen eigenen Besitz hatte, der Gehorsam blendete durch den äußeren Schein, als wäre er wirklich Gehorsam. Denn nichts ist dem evangelischen und allgemeinen Gehorsam ähnlicher, als der mönchi­sche und besondere Gehorsam. Denn das Fleisch des Fingers ist dem Fleische des ganzen Körpers ähnlich. Hier also war ein weiter Raum offen für die Betätigung der Anschläge des Teufels, so daß er lehrte, anstatt der Armut in Reichtum, anstatt des Gehorsams in Ungehorsam zu leben, während er anstatt der Keuschheit nicht Ehe oder Hurerei lehren konnte.

Doch es war auch dies der Betätigung seines Irrtums nützlich. Denn ob es auch daran fehlte, lustvolle Begierde zu lehren, so trug dies doch erst recht dazu bei, Begierde zu wirken. Denn weil die Keuschheit sel­ten und unmöglich ist, wenn eine große Menge sie gelobt, so wurden die Absichten des Satans verwirklicht. Es wäre eine allzu ehrenwerte Erdichtung, wenn die Mönche unter dem Gelübde der Keuschheit ehelich wären, und es hätte ein solches Halten des Gelübdes die Seelen nicht dem Verderben zugeführt. Darum lenkt er auf eine andere echt satanische Erfindung den Sinn und ist nicht zufrieden damit, durch Hurerei, Unzucht und Ehebruch das Gelübde der Keuschheit zu be­flecken, sondern hat mönchische, nonnenhafte einsiedlerische, d. h. die einsamen, stummen Lüste erfunden. Das war der Anschlag des Sa­tans; ob er ihn durchgeführt hat, mögen andere zusehen; ich habe nur die Absicht, seine Pläne zu enthüllen, mit denen er gegen das christli­che Volk alles noch so Schlechte und Scheußliche immer in Bewegung gesetzt hat. Hüte dich darum, zu glauben, daß sie keusch leben, die vielmehr, wie allgemein bekannt, gottlos leben, durch anderer Leute Mittel gemästet, in Faulheit, Überfluß und Reichtum sorglos und träge ihre Tage hinbringen. »Denn das ist die Missetat deiner Schwester So­dom«, sagt Hesekiel 16. »Hochmut, Überfluß an Essen und Reichtum und Muße, den sie selbst und ihre Töchter hatten, und ihre Hand ha­ben sie dem Armen nicht hilfreich angeboten; und sie waren stolz und taten Greuel vor mir; darum ich sie auch weggetan habe, wie du gese­hen hast« (Hes. 16,49.50). Keuschheit kann kaum mit viel Anstren­gung, Not und Kreuz gehalten werden, auch bei denjenigen, die die Frömmsten sind, d. h. die mit dem Geist des Glaubens ihre Nieren gür­ten, wie Jesaja 5 sagt: »Und Gerechtigkeit wird der Gürtel seiner Len­den sein, und der Glaube der Gurt seiner Nieren« (Jes. 11,5). Und Sacharja 9: »Das Korn der Auserwählten und der Wein, der Jungfrauen zeuget« (Sach. 9,17), ist das Gute und Feine des christlichen Volkes, so daß Paulus von der Witwe, die in Wollust lebt, zu sagen wagt: »Le­bend ist sie tot« (1.Tim. 5,6). Wie also wollen diese fest bleiben, die das mühselige Leben der Menschen nicht kennen (Ps.73,5), und wir sogar sehen, daß alles, was Hesekiel von Sodom sagt, Hochmut, Träg­heit, Völlerei, Überfluß unter ihnen herrscht? Und ist niemand da, der um die Armen sich weniger kümmert, den Glauben aber und den Geist verfolgen sie noch dazu, geschweige denn, daß sie ihn besitzen. Sie trö­sten jedoch indessen sich selbst, wenn wechselweise der eine am ande­ren die Keuschheit zu finden erwartet, die er selbst nicht hält, wie er weiß. Und trotz dieser Erwartung ist nichtsdestoweniger der Orden heilig. Was sind das für Zeiten, welch ein Regiment ist das. O welche Taten, und wie gehört doch alles dem Satan!

Was soll ich darum vom Gelübde der Keuschheit weiter sagen, da es nicht meine Absicht ist, von dem Halten des Gelübdes zu reden, und von dem Nichthalten ich ausgiebig genug gesprochen habe? Denn ich habe deutlich bewiesen, daß die ganze Einrichtung des Gelübdes in ih­ren ersten und wichtigsten Stücken erdichtet ist, im Gehorsam nämlich und in der Armut, auch wenn sie von den Heiligsten und Frömmsten gelobt und gehalten wird; lügnerisch aber, gottlos, ruchlos und gottes­lästerlich ist sie ihrer Natur nach für diejenigen, die nicht heilig und fromm sind. Was willst du noch mehr? Sodann habe ich bewiesen, daß das, was die Gelobenden besonders suchen, weit abscheulicher und greuelhafter ist, nämlich der Gottesdienst selbst, der seiner Natur nach nichts anderes ist als eine Fratze, die Gott verhöhnt, mit seiner Platte, seinem Salben, seinen Kleidern, seinem Lärm, Murmeln, Stehen, Sit­zen, Verneigen, Kniebeugen, Räuchern, Sprengen.

Das Hauptstück aber dieses Gottesdienstes, nämlich die Messe, übertrifft alle Gottlosigkeit und allen Greuel, weil sie sie als Opfer und gutes Werk gebrauchen, so daß, wenn kein Grund vorhanden wäre, die Kappe abzulegen, das Kloster zu verlassen, das Gelübde zu ver­wünschen, allein der Greuel der Messen genug und übergenug dazu verpflichten dürfte, das Gewissen nicht an der Gemeinschaft mit den verderbten Menschen teilnehmen zu lassen, besonders, wenn man im Gelübde und im Kloster sich nicht aufhalten kann, ohne bei ihren Mes­sen zugegen zu sein und tätig mitzuwirken. Ja es gibt niemand unter denjenigen, welche Gelübde ablegen, der nicht zuerst und zuhöchst in seinen Gedanken auf die Messen und den Gottesdienst hinschaut.

Denn deswegen werden sie Mönche, um Gott dienen zu können. Nie­mand wird Mönch um der Keuschheit willen; denn er weiß, daß sie auch ohne die Kappe nicht weniger trefflich als mit der Kappe gehalten werden kann. Aber der greuelhafte Gottesdienst verlockt uns zufolge des gleißenden Scheins des Satans und zieht uns vermittelst ganz fei­nen Betruges in die unauflösbare Schlinge der Keuschheit oder viel­mehr der lustvollen Begierde. Um so hohen Preis verkauft er den fal­schen Aufputz dieses Greuels, so daß er dich zu diesen seinen Schlüpf­rigkeiten nicht zuläßt, wenn du nicht auf immer dich in die Gefahr der verruchten Lust begibst.

Da also der Grund des Gelobens seiner Natur nach abscheulich ist, die Bedingung gotteslästerlich, die Absicht Betrug ist, auch die ersten Stücke des Gelübdes erdichtet und falsch sind, was zweifelst du da noch, daß ein solches Gelübde in keinem seiner Teile gelte? Denn nicht die Philosophie, sondern die Natur, das Recht und der gemeine Menschenverstand lehrt, der Vertrag sei nichtig, dessen Bedingung böse, dessen Ursache gotteslästerlich, dessen Absicht falsch sei, wenn auch ein Einfältiger einen solchen Vertrag hält. Doch dies siehst du im Mönchsgelübde in übertriebenem Maße die Herrschaft haben. Die Ursache ist jener fratzenhafte Gottesdienst und der Greuel der Mes­sen. Die Bedingung besteht darin, daß Gehorsam und Armut evange­lische Räte seien und daß leiblicher Gehorsam und Armut unbewegli­che Gelübde sind. Die Absicht ist, dies alles anders anzunehmen als es ist. Es bindet also das Gelübde seiner Natur nach nicht, vielmehr muß man es brechen, mögen auch die Heiligen durch ein Wunder des Gei­stes mitten in diesen Greueln gerettet sein und solches Gelübde über und wider seine Natur gehalten haben. Stelle dir vor, du hättest ver­sprochen, deinen Vater zu töten und deine Mutter zu schänden, und dies Versprechen nur zu erfüllen unter Hinzufügung von Fasten, etlichen Gebeten oder anderen Werken, solltest du deswegen etwa dem Gelübde der Gebete und guten Werke verpflichtet sein, weil sie gut sind, wenn du siehst, daß die Hauptsache, der Grund und die Ab­sicht des Gelobens, vollständig fluchwürdig sind? Du mußt vielmehr das Gute mit dem Bösen unterlassen und etwas anderes versprechen ohne das Böse, oder nichts geloben, ganz nach deinem Belieben. So siehst du, verhält es sich auch mit dem Mönchsgelübde bei allen, die nicht durch den Geist ihre Gelübde verachtet und für nichts gehalten haben.

Es hat aber auch die Keuschheit, gleichwie auch die übrigen Stücke der Gelübde, ihre Gottlosigkeit darin, daß sie höher als der allgemeine Glaube gerühmt wird, zur Beleidigung Christi, wovon wir schon oben etwas gesprochen haben. Denn nicht wer Jungfrau oder keusch ist, wird gerettet werden, sondern nur der Christ. In Christus aber gilt we­der Mann noch Weib (Gal. 3,28), so auch weder Jungfrau noch Ehe­weib und dergleichen, wohl aber ein Glaube, eine Taufe, ein Herr (Eph. 4,5). Und wo der Geist nicht zugegen ist, ist es unmöglich, daß die Keuschheit nicht gottlos gelobt und gehalten ist. Denn wer ein sol­ches Gelübde ablegt, der glaubt, durch dies Werk der Keuschheit Gott zu gefallen, während doch geschrieben steht: »Es ist unmöglich, ohne Glauben Gott zu gefallen« (Hebr. 11,6). Wer darum in dieser Meinung das Gelübde der Keuschheit ablegt, gelobt überhaupt nichts, und es steht ihm frei, das Gelübde nicht zu erfüllen. Wer aber die sind, die in dieser Meinung ihr Gelübde abgelegt haben, das kann mit Worten nicht bestimmt angegeben werden, sondern bleibt dem Gewissen eines jeden einzelnen überlassen. Daß es aber nicht bestimmt angegeben werden kann, das verschulden die Gefahren unserer Zeiten, die Paulus vorhergesagt hat (2.Tim. 3,1). Es liegen gleich vorn auf jedem Wege die Anstöße und Gefahren der gepriesenen Jungfräulichkeit, des ge­rühmten Gelübdes der Enthaltsamkeit, die Beispiele der Heiligen, auf die der einfältige Haufe leicht stürzt, und während sie vom Evange­lium und dem Glauben schweigen, eignet er sich das an, das gepriesen und vorgehalten wird, und verläßt sich so auf die Werke und geht zu Grunde. Wiederum kann es geschehen, daß einige eben dies sich an­eignen ohne Ärgernis und es gesegnet erfüllen, wie wir es von den Hei­ligen glauben. Und da wir diese nicht verdammen dürfen und jene nicht loben dürfen, geschieht es, daß alles voller Gefahr ist und nichts bestimmt angegeben werden kann. Wenn aber das Evangelium allein herrschte und die Netze der Gelübde nicht da wären, so würde es keine Gefahr geben und jene klare, bestimmte Angabe wäre nicht nötig, da alle wüßten, daß nicht auf Grund eines Gelübdes, sondern in freier Weise die Keuschheit zu halten sei, und man nicht auf die Werke, son­dern auf Christus seine Hoffnung setzen müsse. Wer aber jetzt Erwar­tungen hegt, der mag sie hegen, und wer keine hegt, der mag sie nicht hegen, was können wir weiter sagen, bis die Anstöße und Gefahren wiederum aus dem Reiche Christi fortgeschafft werden?

Doch sie werden mir vielleicht jenes Wort Jesaja 56 entgegenhalten, wo der Herr den Verschnittenen eine besondere Stärke und einen bes­seren Namen in seinem Hause verheißt als den Söhnen und Töchtern (Jes. 56,4.5). Es scheint also der Jungfräulichkeit und der Keuschheit ein besseres Verdienst zugeteilt zu werden als den übrigen Gläubigen und nicht dem Glauben allein das Verdienst zuzufallen. Darauf ant­worte ich: dieser Spruch will dasselbe, wie Paulus 1.Kor.7, der hier selbst sagt: es sei gut, wenn ein Mensch also sei, und es sei besser, wenn die Jungfrau nicht verheiratet würde, als wenn sie verheiratet würde (1.Kor. 7,26.38). Denn auch wir wissen, daß in des Vaters Haus viele Wohnungen sind (Joh. 14,2), und daß ein Stern an Klarheit von dem anderen sich unterscheide (1.Kor. 15,41) und daß ein jeder seinen Lohn empfangen werde seiner Arbeit entsprechend (vgl. 2.Kor.5,10). Ja auch Paulus läßt die Ältesten, die um das Wort sich bemühen, doppelter Ehre wert sein (1.Tim. 5,17). Und daß wir auf das Wort des Jesaja kommen, so tröstet hier der Herr die evangelisch Verschnittenen, damit sie nicht glauben, sie seien nichts, wenn sie nicht Kinder zeugten; denn es war ja im Gesetz die Keuschheit verflucht, er hebt darum diesen Fluch auf und sagt: »Und nicht soll sagen der Verschnittene: Siehe da, ich bin dürres Holz« usw. (Jes. 56,3-5). Darauf lobt er nicht die bloße Keuschheit, hebt sie auch nicht über al­les andere empor, wie unsere Leute es tun, sondern er sagt: »Denn so spricht der Herr zu den Verschnittenen, die meine Sabbate halten und erwählen, was mir wohlgefällt, und meinen Bund fest halten: Ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern einen Ort geben und einen besseren Namen, denn den Söhnen und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.« Du siehst, daß die Keuschheit hier so gepriesen wird, daß ihr noch weit vorgezogen wird das Halten der Sabbate Gottes, die Wahl seines Willens und die Beobachtung des Bundes des Herrn; dies aber ist allen gemeinsam; daraus folgt, daß ohne dies die Keuschheit nichts ist. Deswegen kann die Bezeichnung »diese Stätte« und »dieser Name«, der besser sei, denn der den Söhnen und Töchtern gegebene, nicht anders verstanden werden, als daß die Gaben verschieden seien und unter sich die einen größer seien als die anderen im Hause Gottes, gleichwie auch Paulus mehr als die anderen gearbeitet hat (1.Kor. 15,10); so sind auch Jung­fräulichkeit und Keuschheit größere Werke und Gaben als die Ehe. Und in der Tat sind die Namen und Stätten unter den Söhnen und Töchtern und untereinander im Hause besser und größer, aber zwi­schen Gott selbst und den Verschnittenen gibt es keinen Namen als nur den einen und allen gemeinsamen, welches ist der Name Christi. Denn dieser hält den Sabbat, geht auf den Willen Gottes ein und wahrt den Bund des Herrn, der Name aber des Verschnittenen tut nichts dergleichen, sondern wird erst auf Grund dessen möglich und wirklich. In diesem Sinne sind all die Sprüche zu verstehen, die die Werke und den Unterschied der Werke zu rühmen scheinen. Denn auch Paulus beschreibt 1.Kor. 12 den Unterschied der Gnaden, Gaben und Wir­kungen (1.Kor. 12,4-6), aber immer fügt er hinzu, daß ein Gott, ein Herr und ein Geist sei. Und Petrus redet von den mancherlei Gnaden, mit denen man aber einander dienen solle (1.Petr. 4,10). Und Röm. 12 und 1.Kor. 12 spricht der Apostel von dem einen Leib, aber den vielen Handlungen der verschiedenen Glieder in ein und dersel­ben Gesundheit des Glaubens (Röm. 12,4ff.; 1.Kor. 12,12).

Aber wir wollen nun von der frommen und in rechter Weise gelob­ten Keuschheit zur größeren Sicherheit der Gewissen sprechen: ob­wohl dieselbe entweder keine ist, oder keinem unmöglich ist, weil der Geist, der sie begonnen hat, treu ist, und die angefangene zu Ende füh­ren wird, auch wenn er es zuläßt, daß kräftig gestoßen und versucht werde, so wollen wir doch nichtsdestoweniger zum Überfluß von ihr reden. Paulus bekennt Röm. 7, daß die Sünde in seinem Fleisch so stark sei, daß er von ihr in diesem Leben nicht frei werden könne (Röm. 7,18ff.). Diese Sünde ist zweifellos wider das Gesetz Gottes, aber um des Glaubens willen, der im Geiste widersteht, wird sie ver­ziehen und nicht angerechnet, obgleich das Gesetz fordert, daß keine Sünde in uns sei. Das Gesetz aber des Geistes des Lebens in Christus kommt uns zur Hilfe, daß diese Unmöglichkeit, das Gesetz zu erfüllen, keineswegs Verdammnis wirkt, wenn wir nur nach dem Geiste und nicht nach dem Fleische wandeln. Daraus nun leite ich wie vom Grö­ßeren meine Schlußfolgerung ab. Wenn Gott in seinem Gesetz, daß er selbst gegeben hat, Nachsicht übt und die Unmöglichkeit des Gesetzes vergibt, die in uns übrig geblieben ist und hier keine Gefahr mehr droht, mag auch wahrhaftig Sünde da sein, um wieviel zuversichtlicher muß man sein Vertrauen setzen auf die Güte Gottes, daß er das Ge­lübde der Keuschheit nicht anrechnen werde – das er selbst nicht geboten hat, noch geraten oder gebilligt hat, das vielmehr durch hinterhäl­tige Unbesonnenheit und Unwissenheit dazwischen gekommen ist –, falls es uns unmöglich ist und die Gefahr der lustvollen Begierde droht, wenn wir nur innerhalb der Schranken der tiefer stehenden Keusch­heit der Ehe bleiben und nicht nach dem Fleische wandeln. Sollte er etwa strenger auf der Erfüllung des Gelübdes bestehen, das durch un­sere Torheit erfunden ist, als auf der Erfüllung seines Gesetzes, das seine eigene Weisheit gegeben hat?

Der Apostel Paulus hat Apg. 15 aus den Werken Gottes die evange­lische Freiheit bewiesen (Apg. 15,12), weil der Geist den Heiden ohne die Beschneidung und das Gesetz des Mose gegeben wurde, mochte auch fast die ganze erste Kirche irrenden Gewissens das Gegenteil meinen; allein aber Petrus, Paulus und Barnabas haben auf Grund der Autorität der göttlichen Werke ihr Urteil für die Freiheit abgegeben und wider alle gefestigt. Daraus sollen wir lernen, daß wir dort, wo nicht Zeugnisse der Schrift uns beistehen, auf die gewissen Werke Gottes uns stützen und anstatt der Zeugnisse ihnen folgen müssen. So haben wir auch in diesem Fall zu tun; da wir sehen, daß seine Güte nachsichtig ist in seinem heiligsten Gesetz um dessen Unmöglichkeit willen, so dürfen wir sie auch als nachsichtig erwarten im Hinblick auf die Unmöglichkeit unseres Gelübdes. Denn es ist nicht glaubwürdig, daß der so streng sei in der Forderung dessen, was unserer Torheit ent­stammt, der so gütig ist in seiner Gerechtigkeit. Und ich glaube, wenn jemand, der unfähig ist, die gelobte Keuschheit zu halten, in dieser Zuversicht heiratet und gerade diese Zuversicht der Beweggrund ist, so würde er einen nachsichtigen und wohlwollenden Vater finden, da er es ja täte, um nicht schwerer gegen das Gesetz Gottes zu sündigen.

Derartig ist auch jenes Werk, daß er die eheliche Pflicht, die doch nach dem Zeugnis des Psalms 50 Sünde ist (Ps. 51,7) und ganz unsin­nig, in nichts sich unterscheidend von Ehebruch und Hurerei, soweit die Brunst und böse Lust betrachtet wird, den Ehegatten überhaupt nicht anrechnet, aus keinem anderen Grund als aus seiner Barmher­zigkeit, weil es unmöglich von uns gemieden werden kann, während wir doch gehalten sind, darauf zu verzichten. Warum sollte man darum auch nicht hoffen, daß Gott einem Ehelosen, der das Gelübde der Keuschheit nicht halten kann und sonst sündigen würde, dies unmögli­che Gelübde auflöst und nach Vernichtung des Gelübdes die Ehe er­laubt, oder wenn es mit Sünde gegen das Gelübde geschähe, gütig Nachsicht übt, gleich als wäre es die eheliche Pflicht? Wenn du nun er­wägst, ein wie großes Ding das Gesetz Gottes ist, und alles sorgfältig vergleichst, die Unmöglichkeit, es zu erfüllen, und die Sünde, die ver­geben wird, und die Größe der verzeihenden Güte, sodann die Torheit und den Unverstand unseres Gelübdes, die bloße Überlieferung und Erfindung der Menschen, so wird der eben genannte Grund dich si­cherlich dahin drängen, daß du es für etwas Geringfügiges hält, wenn dem schwachen und strauchelnden Ehelosen die Ehe vergeben wird, für etwas Geringfügiges im Vergleich mit der Vergebung der Sünde wider das gesamte Gesetz Gottes, weil es von allen Menschen nicht er­füllt werden kann. Also dürfen wir aus diesem Werke Gottes ganz zu­versichtlich folgern, daß ein unmögliches Gelübde nicht binde, wenig­stens auf Grund der Güte Gottes, wie es auch immer auf Grund seiner Natur binden sollte.

Und dies möchte ich gesagt haben, nicht um das Zugeständnis ge­macht zu haben, daß irgendein solches Gelübde geschehen könnte gemäß dem Mönchsinstitut, oder um es für nötig zu halten für diejeni­gen, die in frommer Weise auch unter dem Mönchsinstitut ihre Ge­lübde abgelegt haben. Denn wie diese der Geist, wie schon gesagt, an­treibt, so wird er auch ferner sie bewegen, daß sie unter dem Mönchs­institut ohne das Mönchsinstitut geloben und leben. Denn nicht gelo­ben sie oder halten sie, weil die Form und das Gesetz des Klosterlebens es so gebietet und fordert, sondern weil es ihnen kraft des Geistes der Freiheit ohne Entgelt Freude macht, das an sich zu tun, was das Klo­sterwesen vorschreibt; sonst würden sie das Werk des Gesetzes und die Gerechtigkeit der Taten verrichten, was vollständig dem Evange­lium widerspricht. Weil jene aber nach der Form des Klosterlebens und um desselben willen geloben und leben, sind sie Juden und gelo­ben und leben in gottloser Weise wider das Evangelium. Darum kann ihr Gelübde auch nicht so geartet sein, daß es dieses Rates bedürfte, sondern es ist von Grund aus zu widerrufen und preiszugeben; denn im Neuen Testament welches das Testament der Freiheit ist, in dem der

Dienst des Geistes und nicht des Buchstabens herrscht (2.Kor. 3,6), ist es nicht erlaubt, den Buchstaben aufzurichten und zu lehren. Wenn er aber zur Versuchung aufgerichtet und gelehrt ist, darf man ihn nicht annehmen, sondern muß ihn meiden und fliehen. Denn es sagt Paulus Röm. 16: »Ich ermahne euch aber, lieben Brüder, daß ihr aufsehet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weicht von denselben. Denn solche dienen nicht dem Herrn Jesus Christus, sondern ihrem Bauch, und durch süße Worte und prächtige Rede verführen sie die Herzen der Unschuldi­gen« (Röm. 16,17.18). Diese Worte können nur auf diejenigen bezo­gen werden, die neben dem christlichen Weg gleichsam etwas Besseres lehren. Denn er sagt nicht, daß sie unsere Lehre leugnen, sondern daß sie neben dieser noch eine andere lehren, was so recht eigentlich die Mönchseinrichtun­gen tun; aber auch Parteiungen und Spaltungen, ja auch Knechtschaft des Bauches, besonders aber süße Worte und Prah­lereien, Lobeserhebungen, Privilegien und andere Empfehlungen und Lobpreisungen der Orden und Werke sehen wir nirgends als nur bei den Mönchen, wo auch die Verführung der unschuldigen Herzen herrscht. Da er also gebietet, man solle auf sie Obacht geben und von ihnen sich zurückziehen, so ist es zweifellos, daß dieser Art Gelübde nichtig sind und niemals irgendetwas gegolten haben. Darum muß man auch von ihnen sich zurückziehen, entweder dem Geiste nach, wie es die Heiligen getan haben, oder gleichzeitig dem Geist und Buchstaben nach, gleich als von der sichersten, durch den Apostel hier defi­nierten und verdammten Verführung. Dasselbe will er auch, wo er in beiden Briefen Timo­theus anhält, zu bleiben in dem, das er gelernt hatte, und nicht duldet, daß etwas hinzugetan werde (2.Tim. 3,14). »Wo du solches tust«, sagt er, »wirst du dich selber selig machen und die, die dich hören« (1.Tim. 4,16). Es leidet keinen Zweifel, daß er sich selbst und die, die ihn hören, verderben wird, wenn er nicht darin­nen bleibt. Darum nennt sie auch Petrus 2.Petr. 2 Sekten des Verder­bens (2.Petr. 2,1), und schreckt uns also durch ein entsetzliches und furchtbares Wort von den Sekten und Meinungen ab, die außer Chri­stus sind. Und auch dort, wo er 1.Petr. 4 geboten hatte, es solle nichts gelehrt werden als das Wort Gottes, und nichts angeordnet werden, als das Werk Gottes, daß allein Gott in uns gepriesen würde in allen Stücken durch Jesus Christus (1.Petr. 4,10-13), hat er hinzugefügt, wir möchten nicht umherirren in der Hitze der Versuchung. Doch laßt uns die heilsamen Worte des Apostels selbst hören: »Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haus­halter der mancherlei Gnade Gottes. So jemand redet, daß er es rede als Gottes Wort; so jemand dient, daß er es tue als aus dem Vermögen, das Gott darreicht, auf daß in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus, welchen sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ihr Lieben, werdet nicht Fremdlinge in der Hitze, die in euch ist – die euch widerfährt, daß ihr versuchet werdet – als widerführe euch etwa Seltsames, sondern nehmt teil an den Leiden Christi.«

Zunächst will er, daß man mit nichts einander diene als mit der emp­fangenen Gabe, daß man nichts lehre als das Wort Gottes, nichts tue, als was Gott in uns wirkt; denn wir sind nicht unseres eigenen Vermögens, sondern der mancherlei Gnade Gottes Haushalter, so daß in uns nichts Menschliches, sondern nur Göttliches geredet und getan wer­den soll. Das soll darum geschehen, damit Gott durch Jesus Christus gepriesen werde, welchem Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeil gehört. Denn da wir sein Reich sind, und es ihm gebührt, in uns zu re­gieren und zu herrschen, ist kein Wort oder Werk zu erlauben, das ei selbst nicht in uns redet oder wirkt. Wenn wir es aber erlauben, ver­werfen wir ihn bereits mit den Juden, daß er nicht über uns herrsche (Luk. 19,14), und mitten im Reiche Gottes lassen wir einen Fremden herrschen, und so wird das Reich Gottes verwüstet und es sitzt der Greuel an der heiligen Stätte (Mt. 24,15). Denn deswegen ist die Kir­che das Reich Gottes und wird sie so genannt, weil allein Gott in ihm herrscht, befiehlt, redet, wirkt und gepriesen wird. Wenn daher ein Mensch in uns etwas lehrt und wirkt, was Gott nicht lehrt und wirkt, so wird Gott nicht mehr in uns durch Jesus Christus gepriesen. Denn der wird gepriesen, dem das Wort und Werk gehört, Gott aber wird durch ein fremdes Wort und Werk nicht gepriesen. So muß also notwendig Gott seine Ehre und sein Reich in uns verlieren, wenn ein fremdes Wort und Werk in uns herrscht; denn dessen wird Ehre und Reich sein dessen das Wort und das Werk ist. Was kann daher Kräftigeres wider Papsttum, Bistum, Mönchtum, Priestertum, wie sie jetzt sind, gesagt werden? Ist jemand so ungelehrt oder kühn, daß er behaupten möchte, die Lehren und Werke des Papstes und der Mönche seien diejenigen Gottes, durch Jesus Christus überliefert? Denn wo hat Jesus Christus sie übermittelt? Doch was nicht durch Jesus Christus zu uns gesagt und getan wird, das kann nicht wiederum durch denselben von uns zur Ehre des Vaters wiedergegeben werden. Wessen also ist der Ruhm und das Reich bei den Mönchen? Schlechterdings nur des Satans, durch St. Benedikt und andere Menschen, die durch gottlose Heuche­lei und verderbte Nacheiferung der Werke gepriesen und gefeiert sind. Wie also Christus die Mönchsgelübde nicht lehrt, so wirkt er sie auch nicht, mag er auch in den Heiligen, die unter dem Institut der Gelübde gefangen waren, in wunderbarer Weise ohne Gelübde gewirkt und ge­redet haben.

Sodann, wenn er sie freundlich anredet und sagt: »Ihr Lieben, wer­det nicht Fremdlinge in der Hitze, die in euch ist« usw., ist er besorgt um uns, wär möchten etwa diese Regel, die von ihm vorgeschrieben ist, durch irgendwelche Versuchung gefangen, verlassen. Er braucht das Wort peregrinari, welches im Griechischen lautet: mḕ xenízesthe, d. h. ziehet nicht in der Fremde umher, werdet nicht Fremdlinge; und er hat es mit diesem Worte auf mehr als eine Figur des Alten Testamentes abgesehen. Denn er will das, was Paulus Epheser 4 sagt, daß wir nicht umherschweifen und uns umhertreiben lassen von allerlei Wind der Lehre (Eph. 4,14), daß wir uns nicht einladen lassen zu den Götzen­opfern der Moabiter und nicht Fremdlinge werden unter allen Völ­kern, die um uns herum wohnen, sondern in der eigenen und einheimi­schen Lehre verharren. Unter der »Hitze, die in euch ist,« versteht er den eigenen Geist, der abgebildet ist in dem Wort conflare, (d. i. zu­sammenschmelzen). Daher heißt es im Alten Testament, daß die Göt­zenbilder geschmolzen und gegossen werden, d. h. daß ruchlose Leh­ren über die Werke gebildet werden. Daß dieser Geist in uns und unter uns nicht fehlen werde, sagt er vorher; aber er warnt auch davor, durch denselben als Fremdlinge umherzuirren in Versuchung und Ärgernis. Denn die solches an uns versuchen, waren noch für die Zukunft auf­bewahrt, und sie sind gewesen und werden sein. Aber, so sagt er, weicht nicht ab von eurer einheimischen Regel, als träfe euch etwas Seltsames, d. h. seid gewiß, daß nichts Neues von Gott gelehrt werden wird; das Wort, das ihr gehört habt, ist ewig und bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wenn nun etwas Neues und Seltsames euch widerfährt, so wisset, daß es von anderswoher als von Gott kommt, um euch vom rechten Wege abzubringen und zu Fremdlingen zu machen. Mit die­sem Wort ist er der noch ganz in der Zukunft liegenden Lüge der Papi­sten zuvorgekommen, kraft welcher sie sagen, es sei nicht alles von Christus und den Aposteln gesagt und angeordnet, sondern der Kirche sei noch sehr viel zu sagen und anzuordnen überlassen worden. Das ist das Seltsame und Neue, von dem Petrus nicht will, daß es uns begeg­nen dürfe oder könne. Alles demnach, das nicht in Worten und Wer­ken Gottes besteht, verdammt Petrus hier, d. h. er löst die Mönchsgelübde auf.

Unter allen aber redet Christus am deutlichsten gegen die Mönchsgelübde, Mt. 24: »So alsdann jemand zu euch wird sagen: Siehe, hier ist Christus, oder da; so sollt ihr es nicht glauben. Denn es werden fal­sche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, daß verführet werden in den Irrtum, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten. Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt. Darum, wenn sie zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste; so gehet nicht hinaus. Siehe, er ist in der Kammer; so glaubet es nicht« (Mt. 24,23-26). Diese Worte können auf keine Ketzer gedeutet wer­den, denn nur auf diejenigen, die da lehren Wege und Weisen – wie sie es nennen – zu leben, die zur Gerechtigkeit und Seligkeit führen; sol­che sind keine gewesen, denn nur die Papisten und Mönche. Denn sie sind es, die die Einsiedler rühmen, d. h. sie rufen die Leute in die Wü­ste und in die Kammern, d. h. in die Klausen oder Klöster. Daß hier Christus gefunden werde, d. h. Gerechtigkeit und Heil, lehren sie so unverschämt, daß sie die übrigen Lebensordnungen weltlich nennen als ob allein bei ihnen das Heil wäre. Aber eben deswegen sind sie fal­sche Christusse und verführen vom gemeinsamen Glauben zu den Werken und ziehen die Menschen von Christus ab, daß sie ihnen nach­folgen. Man liest in den Lebensbeschreibungen der Väter, St. Sylvanus habe eine Vision gehabt, und es sei ihm gezeigt worden, daß die Hölle mit Mönchen angefüllt sei; hernach wollte er während seines ganzen Lebens nicht mehr sich trösten lassen, nachdem er gesehen hatte, da diese Sorte Menschen, die als Heilige angesehen wurden, haufenweise zugrunde gingen. Diese Geschichte und Vision stimmt fürwahr mit diesem Evangelium überein, und es scheint Gott sie deswegen offen­bart zu haben, um die damals anhebende Wirkung des Irrtums zu zei­gen und zu verhindern, was er auch durch viele andere Zeichen wollte, so an St. Antonius, Paphnutius und anderen geschehen sind. Denn es sind in diesem Buch viele sehr gefährliche Beispiele, die wider die Lehre des Glaubens mit Werken toben. Wenn aber zu jener Zeit das mönchische Leben die Wirkung des Irrtums war und die Mönche dem Verderben überlieferte, wie meinst du denn, steht es heute, da schon längst der Glaube und das Evangelium ausgetilgt ist?

Es fällt hier zusammen das Argument der Pariser Esel und der Schweine der papistischen Sekte, mit dem sie von der Menge und Hei­ligkeit her argumentieren. Christus entwertet das Argument, das auf die Menge sich beruft, wenn er sagt: »Und sie werden viele verführen, so daß die Auserwählten in den Irrtum eingeführt werden können.« Das von der Heiligkeit hergenommene Argument aber löst er durch eben dieselben Worte auf, wenn er vorhersagt, daß die Heiligen ver­führt werden sollen. Nichts also schaffen die dummen Esel, wenn sie sagen, die Kirche sei nicht eine so lange Zeit verlassen gewesen und habe auch wohl gewußt, was jetzt Luther zu wissen versichert. Sie selbst nennen ihre Sekten die Kirche, aber sie sind nicht mit mehr Recht die Kirche als die Propheten, Priester, Ältesten, Könige, Für­sten, Pharisäer, Sadduzäer die Synagoge waren, die alle auch zu den Zeiten des Elias geirrt und in Unkenntnis gelebt haben (1. Kön. 19,18), so daß nur 7000 überblieben, die aber so sehr verbor­gen waren, so sehr nicht als Synagoge angesehen wurden, daß auch Elias keinen von ihnen kannte. O, welch ein schreckliches Beispiel! Du siehst also hier auf Grund der Autorität Christi, daß es erlaubt, ja vielmehr gefordert ist zurückzukehren, wenn du in ihre Wüste hinaus­gegangen oder in ihre Kammern eingetreten bist. Was ist dies anderes, denn daß du dein Gelübde, das auf eine andere Lehre denn diejenige Christi getan ist, widerrufen und ungültig machen sollst, da es irrig und gottlos ist? Denn ich habe gesagt, daß St. Bernhard deswegen gerettet sei, weil er über die Gelübde und sein ganzes Leben von Herzen diesen Spruch gesprochen hat: »Ich habe verdammlich gelebt.« Macht er nicht mit diesem Wort und Bekenntnis seine Gelübde zunichte und kehrt zu Christus zurück? In derselben Weise sind auch die anderen Heiligen unter den Gelübden ohne die Gelübde erhalten worden, nur daß sie in dem Irrtum der Auserwählten unter den Gelübden gelebt haben, zu einer Schlinge und einer Wirkung des Irrtums für diejeni­gen, die verloren gehen und dem Evangelium nicht glauben. Da also diese Worte Christi so passend auf die Möncherei bezogen werden, zugleich auch ihre Argumente auflösen, muß man zuversichtlich sich auf sie stützen und die Gelübde ansehen, als wären sie keine Gelübde; als von denen du genau weißt, daß sie nicht auf die Worte und Werke Gottes, sondern der Menschen geschehen und darauf sich stützen, was verboten ist, und die ihrer Natur nach wider den Ruhm und das Reich Gottes sündigen.

Aus dem allen ergibt sich auch die Torheit des Gelübdes, zumal der Keuschheit, so daß, falls alles übrige es nicht hinfällig machte, doch schon die Torheit selbst die Gültigkeit des Gelübdes aufhöbe. Denn was gelobt der Ehelose, wenn er Keuschheit gelobt, anderes als etwas, das überhaupt weder in seiner Gewalt ist noch sein kann, weil es eben allein Gottes Gabe ist, die der Mensch empfangen, aber nicht darbie­ten kann? Er verspottet also Gott, wenn er gelobt, und zwar genau so, wie wenn er geloben wollte, ein Bischof, Apostel, Fürst oder König zu werden, während er doch weiß, daß nichts davon in seiner, des Gelo­benden, Macht steht, sondern in eines anderen Willen und Gewalt, dessen, der dazu beruft. Stelle dir einmal einen Wahnsinnigen vor, der Gott in dieser Form geloben wollte: »Ich gelobe dir, Herr, neue Sterne zu schaffen oder Berge zu versetzen«. Wie wirst du über dies Gelübde urteilen? Doch von diesem Gelübde unterscheidet sich in keiner Weise das Gelübde der Keuschheit, da es nicht weniger ein wunderba­res Werk Gottes ist, als Sterne schaffen und Berge versetzen. Da also der Herr befiehlt, daß, wer gelobt oder darbietet, von seiner eigenen Habe und den Gaben, die ihm Gottes Segen verliehen hat, darbieten soll, entsprechend dem Wortlaut aller Worte des mosaischen Gesetzes über das Gelübde, so ist es deutlich, daß das Gelübde der Keuschheit Gott nicht gefallen, auch nicht von ihm verlangt werden kann, da es im Hinblick auf eine Sache stattfindet, die noch gar nicht verliehen ist und in unserer Macht überhaupt nicht sich befindet. Denn wenn ein einzi­ges Gelübde gültig ist, das im Hinblick auf Dinge geschieht, die uns nicht gehören, sondern in der Hand Gottes liegen, werden wir auch mit Fug und Recht alles geloben können, was Gott hat und tun kann. Wenn dies alles aber nicht gilt, wird auch jenes eine Gelübde der Keuschheit nicht gültig sein. Du magst also geloben, du werdest ganz gewiß selig werden, Petrus gleich sein, die Reiche der Türken verwü­sten, so lange leben wie Methusalem und alles, was Gott an den Men­schen tut oder tun kann. Wenn es jedoch nicht gestattet ist, dies zu ge­loben, weil es nicht dein ist, warum gelobst du denn die Keuschheit, die nicht dein ist? Warum gelobst du nur in einem, das Gottes allein und nicht dein ist, und nicht in allem? Wenn nicht in allem, warum in ei­nem? Du wirst sagen: »Die Keuschheit kann ich durch Gebete erlan­gen.« Das höre ich wohl. Und was kannst du nicht durch Gebet erlan­gen? Hat Christus nicht verheißen: »Alles, was ihr bitten werdet in meinem Namen, glaubt nur, so soll es euch werden?« (Mt. 21,22; Mk. 11,24). Warum also gelobst du nicht auch alles andere und er­langst es?

Doch du wirst vielleicht einwenden: »Besteht diese Meinung zu Recht, so dürfte man auch in der Taufe nicht Gott geloben, da auch den Glauben und die Gebote Gottes zu erfüllen nicht in unserer, son­dern allein in Gottes Gewalt steht«. Ich antworte darauf: Das wäre recht fein und schön, als ob die Gelübde der Taufe mit deinen Gelüb­den irgendwie zusammen stimmten. In der Taufe ist es die Verheißung Gottes, die anbietet, und unser Geloben ist nichts anderes, als Chri­stus annehmen, der uns angeboten wird. Ein wirklich seliges Gelüb­de, welches nicht verspricht, etwas zu geben, sondern nur die Güter anzunehmen und den angenommenen anzuhangen! Hier geloben wir überhaupt nichts von unserem, noch von demjenigen, das in Gottes Gewalt ist; vielmehr, wenn man es recht überlegt, gelobt Gott uns, und das Gelübde ist auf Seiten Gottes, der zugleich verheißt und verleiht die Gnade und das, was seine Gebote fordern. Wir wiederum geloben, das Gelübde und seine Verheißung gern und mit Freuden anzuneh­men und zu halten. Doch wenn du Jungfräulichkeit oder Keuschheit gelobst, ist dann etwa Gott zugegen und gelobt sie dir, verheißt und bietet sie an? Wann denn hat er zugesagt, sie dir zu geben? Woher bist du dessen gewiß, daß er sie schenken wird? Trittst du nicht allein und ohne die Sache, die du versprichst, heran? Bist nicht du allein es, der verspricht, so daß keiner da ist, der dir antworte und das Versprechen empfange? Und warum sollte er es annehmen, da du ein leeres und tö­richtes Versprechen abgibst? Denn du versprichst, was du nicht hast. Du siehst also, daß die Gelübde der Taufe und der Enthaltsamkeit durchaus entgegengesetzter Natur sind: dies bietet an, was es nicht hat; jenes empfängt, was es nicht hat. Hier verspricht der Mensch mit leeren Händen etwas Fremdes, dort verheißt der reiche Gott sein Ei­genes. So lange, als du demnach die Verheißung des gebenden Gottes im Gelübde der Enthaltsamkeit nicht beweisen kannst, wirst du die Torheit und Nichtigkeit eines solchen Gelübdes nicht entschuldigen können. Etwas Törichtes und Nichtiges aber kann Gott nicht anneh­men und fordern, das Gelübde aber der Taufe ist wahr und vollkom­men, denn es stützt sich auf den verheißenden und gebenden Gott. Doch wie, wenn etliche es nicht annehmen? Es ist nichtsdestoweniger wahrhaftig der, der es anbietet.

Dieser Torheit fügen sie noch eine andere hinzu. Denn um die uner­bittliche Strenge des Gelübdes recht auszustaffieren, gewähren diese staunenswert barmherzigen und gütigen Menschen dem, der die Ge­lübde ablegen will, ein ganzes Probejahr, wie sie es nennen. Und daß ich doch auch an ihnen etwas lobe, so könnte man ihnen beipflichten, wenn sie dies Probejahr dazu benutzten, daß der bei ihnen Eintretende ihre Gewohnheiten, Nahrung, Kleidung und anderes, was auf den Leib sich bezieht, sich ansehen könnte. Doch jetzt ist es deswegen ein Pro­bejahr, daß derjenige, der bereit ist, das Gelübde abzulegen, in diesem Jahr erprobe, ob er auch keusch zu leben vermag. Um Himmels willen, kann es eine Torheit geben, die dieser gleich ist, wenn man das Klo­sterleben an und für sich ins Auge faßt? Denn die Heiligen mit ihren wunderbaren Rettungen nehme ich immer aus. Die Erprobung der Keuschheit wird nicht bemessen nach dem Vermögen des Geistes, sondern nach der Zahl der Tage, und wer ein Jahr keusch gelebt hat, den hält man für geeignet, sein ganzes Leben hindurch keusch zu le­ben. Wenn man also an äußeren Dingen die Keuschheit erproben soll, warum macht man denn nicht auch Stätten und Personen zum Maß­stab? So daß also der geeignet wäre, der an vielen Orten vorüber ge­kommen ist und viele Menschen gesehen hat; auf diese Weise möchten wir Eilboten und Kaufleute zu Mönchen machen. Oder wenn innerli­che Dinge bloß durch die Zeit erprobt werden können, warum wird dann nicht auch der geeignet zu Geduld, Milde, Glauben, Liebe, der ein Jahr sich darin versucht hat, so daß die Gnade Gottes dazu nicht nötig wäre? Denn es würde genügen, daß die Zeit an ihm vorüberge­gangen sei, und alsbald ist er geeignet, ein neuer Mensch zu werden; oder wenn dies bei diesen Tugenden nicht ausreicht, warum ist es bei der Keuschheit allein ausreichend? Ich sage dies, damit du siehst, daß in der ganzen Möncherei nichts ist, das nicht ganz hervorragend töricht und gottlos ist, ganz nur des Reiches der Papisten würdig.

Aber weiter; da Petrus will (1.Petr. 4,11), daß in der Kirche nur das geschehe, von dem es gewiß ist, daß es aus dem Vermögen geschieht, das Gott verleiht, wer will sie dann dessen vergewissern, daß dieses Jahr der Prüfung vor Gott genüge? Wer hat gesagt, daß bei Gott diese Prüfung gebilligt werde? Ja, Petrus sagt sogar, daß sie bei Gott nicht gebilligt werde, da sie aus menschlicher Kraft festgesetzt ist; nach gött­licher Kraft und Absicht gibt es aber kein Probejahr, sondern das ganze Leben ist ein einziges Probejahr. Denn es kann geschehen, daß du nicht ein, sondern zwei und drei Jahre keusch lebst, hernach aber, wenn das Fleisch brennt und die Adern heiß werden, dazu der Satan mit seinem feurigen Atem dich anbläst, und so die Kohlen glühend macht, wie es im Buche Hiob heißt (Hiob 41,12), schlechterdings nicht mehr enthaltsam sein kannst. Die Erprobung der Keuschheit kann aber nicht stattfinden, wenn die Begierde schlummert, sondern nur, wenn sie wütet. In keines Menschen Macht aber ist es zu wissen, wann die Brunst in rasender Erregung da ist, d. h. also, die Zeit der Er­probung zu wissen. Warum zählt ihr also Zeit für Zeit, und nennt Er­probung, was keine Erprobung ist? Ich selbst habe an mir und vielen anderen erfahren, wie sanft und ruhig der Satan im ersten Jahr des Priester- und Mönchsiebens sich zu verhalten pflegt, so daß nichts an­genehmer als die Keuschheit zu sein scheint; aber dies tut der durch und durch hinterlistige Feind, um uns in Versuchung und Fallstricke zu führen; ihm stehen dann zur Seite die unsinnigen Mönche und bemes­sen das Probejahr nicht nur nicht nach dem Geist, aber auch nicht nach der Sache selbst, sondern nach dem Kalender und der Zahl der Tage, um zu beweisen, daß nichts Gesundes bei ihnen ist und sie aus nichts sich ein Gewissen machen, da sie auf diese geistlichen und äußerst ge­fährlichen Sachen losgehen, wie die unvernünftigen Tiere, wie Petrus sagt, von Natur dazu geboren, daß sie geschlachtet werden (2.Petr. 2,12). Da also dies Probejahr allein von törichten Menschen, die töricht allein die Tage zählen, abhängt, und es ungewiß ist, ob es Gott gefällt, vielmehr gewiß ist, daß es ihm mißfällt, dazu aus der Na­tur der Sache selbst und der Autorität Gottes keine bestimmte Probe­zeit gezeigt oder bestimmt werden kann, sondern das ganze Leben notwendig ein Probejahr ist, so siehst du, daß auch das Gelübde der Keuschheit nichts ist, das auf dieses Probejahr sich stützt. Denn da sie selbst urteilen, das Gelübde müsse zunächst mit einer Probe versucht werden, und da diese Probe niemals sicher ist, so wird auch das Ge­lübde niemals sicher sein können; ihr Probejahr aber, das ja von Men­schen selbst erwählt und willkürlich gesetzt ist, macht, daß auch die Er­füllung des Gelübdes willkürlich sein muß, so daß, wenn sie das Jahr abtun und beseitigen, auf das sich das Gelübde stützt, auch das Ge­lübde abgetan und beseitigt werden muß.

Aber das Törichtste von allem ist dies, daß sie angefangen haben, die Jahre der Profeß abzugrenzen, indem die einen das vierzehnte, die anderen das achtzehnte Lebensjahr angeben.

Aber wer hat denn doch den Menschen dies Recht der Abgrenzung gegeben? Hier allerdings gefallen mir einmal etliche von ihnen in dem einen Punkt, daß sie den Mönchen, die vor dem achtzehnten Jahr ihre Profeß abgelegt haben, die Gelegenheit geben, aus dem Kloster auszu­treten. Das ist das einzige Stück, das ich in der Möncherei lobenswert und evangelisch gesehen habe, obwohl ich es nicht bei allen überall ge­sehen habe. Und das schmerzt mich, daß sie nicht auch dasselbe tun mit allen, die vor dem sechzigsten Lebensjahr ihre Profeß abgelegt ha­ben, auf daß sie Paulus doch teilweise nachahmten, der Witwen, die jünger sind als sechzig Jahre (1. Tim. 5,9), zurückweist, damit sie nicht angenommen und aus dem Besitz der Kirchen ernährt werden. Denn Männer, die einen kräftigeren und rüstigeren Körper haben und später absterben als die Frauen, soll man erst im siebzigsten oder achtzigsten Jahr aufnehmen. Und hier verstricke ich fest und vollständig die Mön­che mit ihrer eigenen Erklärung. Wenn sie einen Jüngling, der vor sei­nem achtzehnten Jahr die Profeß abgelegt hat, freigeben, und keine andere Ursache, gerade dies Jahr als Endpunkt zu bestimmen, vor­handen ist, als die reine menschliche Willkür, der folgend sie auch das dreißigste, vierzigste, fünfzigste und sechzigste Jahr hätten festsetzen können, so müssen sie aus demselben Grunde jeden, der in einem be­liebigen Lebensjahr das Bekenntnis abgelegt hat, freigeben. Denn sie schauen nicht auf das Gebot Gottes oder das Gelübde, sondern auf die Schwachheit des Gelobenden, und ihr passen sie dann in gesunder und frommer Müdigkeit das Mönchsgelübde an. Nun kann es schon ge­schehen, und es ist in keines Menschen Macht, dies zu verhindern, daß der jüngere oder ältere Mann bis zum sechzigsten Jahr ebenso schwach oder auch schwächer ist, enthaltsam zu sein und heftiger unter der Glut der Begierde zu leiden hat, als ein Jüngling. Wenn also die Begierde und Schwachheit den Maßstab dafür abgibt, das Gelübde auszulegen, und das Gebot zu lindern, wie es denn wahr ist, und immer so von jeher gewesen ist, so müssen überhaupt alle Gelübde frei und zeitlich be­schränkt sein. Wenn sie nicht demgemäß handeln, so sind sie die grau­samsten und blutigsten Seelenmörder. Wenn sie aber meinen werden, ihnen sei dies nicht erlaubt, so werden sie auch nicht vor dem acht­zehnten Jahr freigeben dürfen, und hätte auch ein Knabe oder ein Kind das Gelübde getan. Denn der junge Mann ist so ungewiß und unwissend darüber, was es heiße, keusch zu leben, oder ob er keusch leben werde, wie ein Knabe oder Kind. Denn wer weiß, was er in Zu­kunft kann? In der Taufe und den Sakramenten Gottes sind wir immer dessen gewiß, was wir empfangen oder leiden werden, nämlich göttli­che Dinge; deswegen sind die Gelübde Gottes gegen uns fest und zu­verlässig. Aber das geloben, das nicht unser ist, ist ein und dieselbe Torheit und bedeutet ein und denselben Grund zur Verwerfung beim Kind, beim Knaben, Mann, Greis und allen Menschen.

Wir wollen noch dem, das wir erledigt haben, eine Zugabe anfügen, nämlich jenen Spruch Mk.3, wo Christus eine zuverlässige Richt­schnur zu einem nachsichtigen Umgang mit allen Gesetzen gibt, indem er sagt: »Habt ihr nicht gelesen, was David tat, da er Not litt und ihn hungerte samt denen, die mit ihm waren? Wie er in das Haus Gottes ging zur Zeit Abjathars, des Hohenpriesters, und die Schaubrote aß, die niemand essen durfte als die Priester allein, und sie auch denen gab, die bei ihm waren. Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats wil­len. So ist des Menschen Sohn ein Herr auch des Sabbats« (Mk. 2,25-28). Soweit jener. Laßt uns um Himmels willen nicht an diesen Worten der Majestät vorbeigehen, die voller Trost und geistli­cher Erquickung sind, laßt uns sie nicht schläfrig anhören oder kalt be­handeln. Erstlich ist gewiß, daß der Sabbat von Gott geboten gewesen ist, nicht erdichtet, sondern aufs allerernsteste. Mit nicht geringerem Ernst war den Laien das Schaubrot und das gesamte Gesetz verboten, und doch brach es David ruhigen Gewissens aus Not. Als darum der Priester Abimelech zitterte und sagte: »Ich habe nur heilige Brote« (1.Sam. 21,4.5) – denn er fürchtete das Gesetz – da legt David zuver­sichtlich das Gesetz aus und spricht: »Dieser Weg ist befleckt, aber er wird geheiligt werden in den Gefäßen,« d. h. nach Paulus: »Den Rei­nen ist alles rein, den Unreinen ist nichts rein« (Tit. 1,15).

Christus aber macht dies Beispiel zu einer allgemeinen Richtschnur, indem er vom Ähnlichen aus argumentiert und sagt: »David brach das Gesetz, welches die heiligen Brote zu essen verbot, also wird man auch den Sabbat und alle anderen Gesetze brechen dürfen. Denn wenn diese allgemeine Folgerung nicht gelten darf, so beweist Christus tö­richt, daß das Gesetz des Sabbats zu brechen sei durch das Beispiel des anderen Gesetzes, daß man nicht das heilige Brot essen dürfe. Deswe­gen ist hier deutlich, daß auch die göttlichen Gebote ihre in der Not, nicht nur der Seelen, sondern auch der Leiber und Sachen begründe­ten Ausnahmefälle haben. Denn aus demselben Grunde, aus dem ein Gesetz aufgelöst werden kann, kann ein jedes Gesetz aufgelöst, d. h. gedeutet und mit gesundem Sinn verstanden werden, inwiefern es bin­det oder nicht bindet. Denn fürwahr, es kann die Schrift nicht aufgelöst werden, Joh. 10 (Joh. 10,35). Und »es soll kein Jota und kein Titelchen vom Gesetz vergehen, bis daß es alles geschehe« (Mt.5,18). Wenn wir also von dem Auflösen und Brechen des Gesetzes sprechen, so muß man uns dahin verstehen, daß dessen falsches Verständnis preiszugeben und das wahre festzuhalten sei. So fügt Christus Mt. 12 hinzu, daß der Sabbat von den Priestern im Tempel verletzt werde, ohne daß sie schuldig seien (Mt. 12,5). Sodann kann er auch um dessentwillen gebrochen werden, daß man einen Ochsen aus der Grube ziehen oder ihn tränken muß, d. h. er kann nicht nur um der Not der Seelen und Leiber willen, sondern auch um der Habe willen gebrochen werden. Das heißt nichts anders, als zu sagen: Gott hat seine Gebote nicht gegeben, daß der Leib, die Habe oder die Seele umkomme, son­dern daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig nicht vergessest, daß Gott den Leib geschaffen habe, die Seele und das Gut, und daß er will, du sollst dich darum bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Gefahr kommt, du nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.

Doch laßt uns jetzt auf unseren Gegenstand kommen. Das Gelübde der Keuschheit ist ein rein leibliches Gesetz über ein ganz leibliches Ding. Darum soll es getrost gebrochen werden, ja es hat niemals ge­bunden und hat niemals binden können, wo Gefahr für Seele oder Leib auftauchte. Denn das Gelübde fordert nicht, daß du Seele und Leib verlierst. Und es muß, indem man Christus selbst zum Ausleger nimmt, das Gelübde diesen Sinn haben: »Ich gelobe Keuschheit, so­weit sie möglich ist, ohne Gefahr für Leib und Seele.« Wenn du darum nachher merkst, daß du Brunst leidest, hat das Gelübde nichts mehr zu bedeuten, und ruhig magst du jenem Wort des Paulus folgen: »Wenn sie sich nicht enthalten, mögen sie freien« (1.Kor. 7,9). Und wieder­um: »Es ist besser ehelich werden, denn Brunst leiden.« Oder hatten nicht die Juden so unerschütterlich das Gesetz des Sabbats und des heiligen Brotes gelobt, wie du die Keuschheit? Hier ist überhaupt kein Unterschied, ruhig magst du mit diesem Argument Chri­sti argumen­tieren: Jene haben das Gesetz des Sabbats und des heiligen Brotes ge­brochen, indem die Not eine Ausnahme machte und die Deutung gab; so will auch ich das Gesetz der gelobten Keuschheit brechen, und zwar auf Grund größerer Not und Gefahr für die Seele. Fürchte dich nicht, Christus wird dich nicht betrügen, denn du brichst nicht wirklich das Gelübde, sondern eignest dir das gesunde Verständnis des Gelübdes an.

Hier wird etwa ein verdrehter Mensch sagen: »Aus demselben Grunde möchte es erlaubt sein, zu ehebrechen, wenn die Not es ver­langt, ebenfalls zu morden und zu stehlen, und alle Gebote Gottes zu brechen.« Darauf antworte ich: Eine solche Not kann nicht kommen. Es gibt Weiber, es gibt Männer; heirate! Nimm dir eine Frau! Es ist auch keine Gefahr für den Leib oder das Gut, wenn du sanftmütig bist und deinen Zorn beherrschst. Aber zu stehlen kann man wenigstens in die Lage kommen? Ich antworte: Wenn Not da ist, ist es erlaubt. Denn dann gilt das Sprichwort: »In der Not sind alle Güter gemeinsam.« So töricht also und gottlos es wäre, wenn du aus Furcht vor dem Gesetz durch Hunger dich töten würdest, sobald du von dem Reichtum eines anderen dir Nahrung stehlen könntest, dein Leben zu erhalten, ebenso töricht bist du, wenn du dir keine Frau nimmst, sobald du Brunst lei­dest und nur mit Gefahr für die Seele enthaltsam sein kannst. Wie du aber das Gesetz über den Diebstahl auslegst, daß es im Fall des Hun­gers kein Verbot sei, so mußt du auch das Gesetz des Gelübdes ausle­gen, daß es im Fall der brennenden Lust keine Forderung stelle. Es scheint aber dies auch Salomo Spr. 6 erklärt zu haben, wo er auf hebräisch so spricht: »Sie sollen den Dieb nicht verachten, wenn er stiehlt, auf daß er satt werde, weil ihn gehungert hat. Und wird er ertappt, soll er es siebenfältig wiedergeben, und alles Gut seines Hauses soll er da­hingeben. Ein Ehebrecher aber ist schlecht geworden am Herzen und wird seine Seele vernichten« (Spr. 6,30-32). Das will heißen: ein Dieb wird nicht verdammt werden, auch wenn er ertappt dem Gesetze ge­mäß bestraft wird von dem, der grausam sein möchte; nur muß er ge­stohlen haben aus Not, auf daß er satt würde.

Was sollen wir nun dazu sagen, daß wir Richter 21 lesen, daß die Kinder Benjamin auf Geheiß des ganzen Israel die Töchter der Siloniten als Weiber für sich geraubt haben (Richt. 21,23)? Es mag einmal sein, daß die Kinder Israel gesündigt haben, indem sie gelobten oder das Gelübde hielten, ihre Töchter nicht zu verehelichen; die Kinder Benjamin jedoch, die die Töchter raubten, haben nicht gesündigt, da keine anderen Frauen da waren, die sie heiraten konnten, indem beide die Israeliten wie Siloniten, ihre Töchter versagten. Doch wie viel leichter wiegt ein Diebstahl an Sachen, denn an Töchtern? Schändung und Raub war diese Tat, wenn man das Gesetz starr, durch den Buch­staben gefangen, d. h. töricht und abergläubisch auslegt. Darum spie­len auch die Kinder Israel fein auf dies geistlich gesunde Verständnis an, wenn sie zu den Siloniten sagen: »Auf eurer Seite ist die Sünde, denn ihr habt denen nicht eure Töchter gegeben, die sie forderten« (Ri. 21,22).

Ja ich möchte sogar im Vertrauen auf diese Autorität Christi zu be­haupten wagen: wenn Söhne oder Töchter, die Keuschheit gelobt ha­ben, sich selbst oder die Eltern ungünstigen Falles auf keine andere Weise ernähren können, als daß sie einen Reichen heiraten, der sie er­nähren kann, so sollen sie in diesem Falle das Gelübde und ihren Sab­bat brechen. Hier darf das Geschwätz derer keinen Eindruck machen, die den Schatz der Keuschheit für unvergleichlich erklären. Ist auch nicht der Gehorsam gegen das Gesetz Gottes über den Sabbat und das heilige Brot unvergleichlich? Denn was ist kostbarer als Gehorsam? Und doch fordert Gott ihn so, daß er den Leib, den er geschaffen hat, durch dich nicht zugrundegerichtet, oder alle Dinge vernichtet sehen will, sondern daß er in Gehorsam geübt werde. Denn warum hat er uns sonst nicht vielmehr geboten, uns selbst zu töten, mit Krankheiten und Hunger uns zu peinigen? Denn welcher Unterschied ist dort zu finden, wenn man uns gebietet, uns selbst Krankheit und Untergang zu berei­ten, und wenn man ein Gesetz fordert, das nur erfüllt werden kann, wenn wir uns selbst Krankheit und Untergang zufügen? Es sei unseren Gedanken eine solche Meinung von Gott fern. Um wie viel mehr hat es bei Gefahr der Seele nichts zu bedeuten, daß ein Gebot oder Gelübde als gefordert erkannt wird?

Summa: in diesem nachsichtigen Umgang mit den Gesetzen und de­ren gesundem Verständnis gibt es nichts, das sicher ist, außer der Liebe als Richterin. Denn was gegen die Liebe ist, davon kann kein Fall dis­pensieren und dazu Auslegungen geben, da es unmöglich ist, daß ein Fall der Not gegen die Liebe sich wende. Wiederum, was nicht gegen die Liebe ist, das ist frei, erlaubt, davon darf man dispensieren, beson­ders im Fall der Not. Denn es steht des Paulus Wort fest: »Seid nie­mand nichts schuldig, als daß ihr euch untereinander liebet« (Röm. 13,8). Wer kann neben und überdies Gesetz des Paulus ein an­deres notwendiges Gesetz verordnen? Und wenn es verordnet, gelobt, gefordert wird, wie kann oder darf es notwendig erfüllt werden, da man nichts schuldig ist, als die Liebe? Darum können wir das Gelübde halten, müssen es aber nicht, da wir nichts als lieben müssen. Auch Christus sagt Mt.7: »Dies ist das Gesetz und die Propheten« (Mt. 7,12); und Mt. 22: »In diesen beiden Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten« (Mt. 22,40). Nichts also bindet oder kann binden gegen die Liebe und über die Liebe hinaus. Es ist nun leicht zu sehen, warum es nicht erlaubt ist, beim Ehebruch, Mord, nicht not­wendigen Diebstahl u. dgl. zu dispensieren. Wiederum, warum beim Gelübde der Keuschheit und allen Gelübden dispensiert werden kann und muß, weil nämlich in jenen die Liebe verletzt wird, in diesen aber sie nicht verletzt, vielmehr gewahrt wird. Denn es schadet niemandem, wenn du heiratest; vielmehr wie du möchtest, daß es dir erlaubt sei, zu heiraten, wenn du Brunst leidest, so mußt du auch wollen, daß es ei­nem anderen erlaubt sei, ja nicht nur wollen, sondern auch mitwirken, daß es geschehe.

Dies bekräftigt Christus Mt. 12, wenn er die Barmherzigkeit allen Gesetzen vorzieht, zu jenen Pharisäern, die auf die Sabbate acht ge­ben, sagend: »Wenn ihr aber wüßtet, was das ist: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer, so hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt« (Mt. 12,7). Denn dies sagt er deswegen, daß, wo Leib oder Gut in Not kommt, man sich erbarme und das Gesetz nicht so verstehe, daß es ei­ner solchen Not entgegen sei. So schützt er auch die Apostel, die Äh­ren rauften, damit, daß sie Hunger gehabt hätten, d. h. Barmherzigkeit bedurft hätten in dieser Not. Um wieviel mehr muß darum das Ge­lübde der Keuschheit der Barmherzigkeit weichen, wenn die bren­nende Begierde die Heirat notwendig macht. Denn er will lieber Barmherzigkeit als dies unfreie Opfer der Keuschheit. Es mag also auch hier unser David die verbotenen Brote zuversichtlich essen und sprechen: »Das Gelübde der Keuschheit ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Gelübdes der Keuschheit willen. Darum ist des Menschen Sohn ein Herr auch des Gelübdes und der Keuschheit.« Nicht aber verhält es sich so in der Sache des Glaubens gegen Gott; denn Gott ist nicht um des Menschen willen, sondern der Mensch ist um Gottes willen da; von diesem geistlichen Gesetz wollen wir zu anderer Zeit und an anderem Orte reden.

Darum möge der Dank sagen, der diese Wahrheit und diese gar lieb­liche Freiheit der Gläubigen Christi begreift, und er trete ruhig und zuversichtlich in die Ehe, wenn er nicht enthaltsam sein kann, und er ver­achte die tollen Puppen mit ihren ruchlosen und gottlosen Gesetzen und Drohungen, die in ihrer bekannten gotteslästerlichen Dekretale über das Leben und die Tugend der Geistlichen Gott zu lästern wagen, wenn sie behaupten, man könne Gott nicht in der Ehe dienen. Denn was ist dies anders, denn die Ehe des Unglaubens, der Gottlosigkeit und jeglichen Abfalls zu beschuldigen? Natürlich meinst du Papst, du Satansdiener, daß Abraham und alle Patriarchen, Zacharias und Eli­sabeth Gott nicht gedient haben. Doch was habe ich mit diesen Unge­heuern, die sich selbst noch an Ungeheuerlichkeit übertreffen, zu tun? Es ist bereits entschieden worden, daß man sie wegen ihrer allzugroßen Wut, Gott zu lästern, meiden und vertreiben müsse.

Wenn nun ferner viele die Beschwerde der Ehe vorschützen und deswegen raten, enthaltsam zu sein, so sind sie zwar menschlich klug, aber doch überaus töricht. Denn wie kannst du die Beschwerde der Ehe meiden lehren, und zur Marter des Gewissens einladen? Wir leh­ren nicht die Ehe, weil sie nicht beschwerlich sei, verheißen auch nicht solches, sondern wir wollen sie erlaubt und frei sehen, daß sich enthal­ten möge, wer es kann und so lange er will. Das Gewissen, nicht die Ehe, befreien wir von der Beschwerde. Um wie viel besser aber ist es, eine doppelt beschwerliche Ehe zu erdulden, als fortdauernd vom Sta­chel des Gewissens gepeinigt zu werden? Diese Beschwerde hat Gott auferlegt, und alle heiligen Patriarchen haben sie getragen. Paulus sagt dieselbe Beschwerde den Heiratenden vorher, aber er rät nicht ab und verdammt nicht. »Es werden solche«, sagt er, »leibliche Trübsal ha­ben« (1.Kor. 7,28). Aber er sagt nicht: »Unterzieht euch nicht dieser leiblichen Trübsal«, auch sagt er nicht: »Sie ist böse und verdammlich«; vielmehr ist sie ein Gewinn, wenn man sie recht und fromm trägt. Es ist Beschwerde, im Kerker für Christus gebunden zu liegen, aber wirst du deswegen etwa abraten? Wirst du nicht vielmehr ver­mahnen, daß man es standhaft ertrage? Wir schreiben hier nicht für diejenigen, die um des Müßiggangs und des Vergnügens willen heira­ten, denen mit Recht Beschwerde statt Vergnügen wird, sondern wir schreiben für diejenigen, die die Gefährdung des Heils, die Notwen­digkeit zu sündigen, die Unmöglichkeit, enthaltsam zu sein mitsamt der ganzen Hölle ihres Gewissens zu vertauschen wünschen mit jeder sonstigen Beschwerde und Mühseligkeit; die nicht im Vergnügen, sondern gut leben wollen. Mögen jene in Wohlleben ihre Tage hin­bringen, wir sprechen zu unseren Eheleuten: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen« (1.Mos. 3,19). Aber glaube nur nie, daß die glücklich sich enthalten, die, um die Beschwerde zu ver­meiden, von der Ehe fern bleiben. Denn die Erfahrung lehrt, wie diese ausgezeichneten Verächter der Ehe und Lobredner der Keuschheit sich enthalten, da nur jene enthaltsam sind, nicht, die die Beschwerden liehen, sondern denen es verliehen ist, daß sie um des Himmelreiches willen enthaltsam sind.

Aber was geht es schließlich uns an, was die Bullen urteilen? Laßt uns tun, was gut ist, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte 2.Kor. 6.8). Der Herr richtet die Völker und den Erdkreis in Gerechtigkeit (Ps. 96,13). Alle Menschen sind Lügner. Gott allein aber ist wahrhaftig (Röm. 3,4). Amen.

Über die Witwen bei Paulus 1.Timotheus 5

Es ist noch ein Spruch übrig, den irgendjemand noch für die Gelübde möchte meinen geltend machen zu können. Das ist das Wort des Paulus in 1.Tim. 5, wo er von den abgefallenen Witwen folgendermaßen redet: »Wenn sie im Widerspruch gegen Christus wollüstig geworden sind, so wollen sie heiraten; und fallen unter das Urteil, daß sie den er­sten Glauben gebrochen haben« (1.Tim. 5,11.12). Es ist nicht ver­borgen, daß aus dieser Stelle jenes gefeierte Wort Augustins herstammt, in dem er erklärt, es sei den Nonnen nicht bloß zu heiraten, sondern auch heiraten zu wollen verdammlich. Aber laßt uns zunächst Paulus betrachten; denn wenn er nicht zu dieser Auffassung nötigt, so wird auch Augustin uns nicht nötigen. Erstlich ist dies gewiß, daß Paulus überhaupt nichts von dem Institut des Gelobens sagt, denn auch die erste Kirche hat diese Art des Gelübdes nie gekannt, sondern er spricht von den Witwen, die von den Gütern der Kirche sich Unterhalt geben und durch den Dienst der Diakonen sich warten ließen, wie wir im vierten Kapitel der Apostelgeschichte ein Beispiel dessen haben (Apg. 6,1). Dort handelt nichts von Mönchen, nichts von Nonnen, sondern nur von armen Witwen, für die zu sorgen das Gesetz Moses aufs dringlichste empfiehlt. Denn in demselben Kapitel bestimmt Pau­lus, daß die Witwen, die von anderen unterhalten werden können, nicht aus dem Vermögen der Kirche unterhalten werden dürfen (1.Tim. 5,16). Denn er sagt: »So ein Gläubiger Witwen hat, der ver­sorge dieselben, und lasse die Gemeinde nicht beschweret werden, auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben«. Wiederum sondert er billig die Witwen, die Eltern oder Kinder haben, ab, wenn er sagt: »Wenn eine Witwe Kinder oder Neffen hat, solche laß zuvor lernen, ihr eigenes Haus regieren und den Eltern Gleiches vergelten; denn das ist angenehm vor Gott« (1.Tim. 5,4). Zu einer rechten Witwe aber macht er die, die weder Eltern, noch Kinder, noch sonst jemand hat. der für sie sorgt. Denn er sagt also: » Das ist aber eine rechte Witwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellt und bleibet am Gebet und Flehen Tag und Nacht« (1.Tim. 5,5).

Unter ihnen also findet er zwei Arten, die er verwirft, die eine, die in Wollust lebt, also zu denjenigen gehört, denen Mittel belassen sind, so daß sie reich sind, daher für sich selbst sorgen; von ihnen heißt es: » Die in Wollüsten lebt, die ist lebendig tot« (1.Tim. 5,6). Die andere Art ist die, die von der Kirche um ihrer Armut willen angenommen war. Da diese aber zu jung waren, wurden sie wollüstig, fett durch fremdes Vermögen. Und die in ihrer eigenen Armut von niemand begehrt ge­wesen wären, begehren jetzt, durch anderer Leute Arbeit fett gewor­den, aus freien Stücken zu heiraten. Aber Paulus verdammt auch dies nicht an ihnen, daß sie heiraten wollen, sondern daß sie den ersten Glauben gebrochen haben. Denn also sagt er: »Und sie fallen unter das Urteil, daß sie den ersten Glauben gebrochen haben« (1.Tim. 5,12). Sonst würde er auch sich selbst widersprechen, da es im folgenden lautet: »Ich will, daß die jungen Witwen heiraten, Kinder gebären« (l.Tim. 5,14). Der Glaube kann aber an dieser Stelle nicht das Gelübde bezeichnen, denn sie hatten nicht Witwenstand gelobt, und in der ganzen Schrift bezeichnet der Glaube nicht das Gelübde, sondern der Glaube an Christus ist der, den sie, um sorgloser heiraten zu können, verleugneten und zum Judentum und Heidentum zurück­kehrten, was auch der Zusammenhang und das Folgende beweist Denn es folgen die Worte: »Denn es sind schon einige umgewendet nach dem Satan« (1. Tim. 5,15). Und wiederum: »Zugleich lernen sie zu reden, was nichtsnutzig ist« (1.Tim. 5,13). Dies wird gewißlich ge­sagt vom Abfall vom Glauben und der Lehre, wie es bekannt genug ist In diesem Sinn schreibt er auch im zweiten Brief an Timotheus: »Demas hat mich verlassen und liebt diese Welt« (2.Tim. 4,10). Und wie­derum: »Du weißt, daß sich von mir abgewandt haben alle, die in Asien sind« (2.Tim. 1,15). Denn wenn sie nicht wider den Glauben gesündigt hätten, würde er über sie nicht derartig sprechen, sondern befehlen, daß man sich gegen sie verhalte, wie gegen den Blutschänden bei den Korinthern (1.Kor. 5,1ff.). Darum schließen wir, daß der »er­ste Glaube« der christliche Glaube sei, von dem viele in der ersten Kir­che abfielen, da er noch neu war. Und diesen Abfall strafen die Apo­stel sehr, gegen den auch der Verfasser des Hebräerbriefes vorgeht, wenn er behauptet, es sei eine Erneuerung der Rettung für diejenigen unmöglich, die einmal abgefallen sind (Hebr. 6,4-6), weil natürlich diejenigen, die abfielen, auch durch einen anderen Glauben, nämlich den eigenen oder jüdischen Glauben, meinten selig zu werden. Es be­ucht sich also dieser Spruch gar nicht auf die Gelübde, noch viel weni­ger auf die Gelübde der Mönchsorden; aber auch dies ist ein starker Beweis dafür, daß Paulus vom Glauben an Christus spricht, wenn er sagt: »Da sie im Widerspruch gegen Christus wollüstig geworden sind«. Im Widerspruch gegen Christus wollüstig werden, heißt nicht, ius Fleischeslust allein unsinnig sein, sondern gegen den Glauben an ihn aus Wollust etwas zu unternehmen und nach Verleugnung des Glaubens an ihn anderswohin zu schauen.

Aber stelle dir vor, der Apostel rede von den Gelübden und nicht von den Witwen; es tritt nun vollends dieser Spruch am kräftigsten unter allen für uns ein. Und keine Stelle der Schrift verdammt so kräftig md deutlich die Mönchsorden, so daß es durchaus zu wünschen wäre, daß sie von den Gelübden rede oder verstanden werde. Denn wenn sie die Gelübde im Auge hat, so ist es offenkundig, daß die Gelübde korrigiert und verdammt werden in alle Zukunft, wie auch immer jene Witwen in den früheren Gelübden gesündigt haben mögen. Denn er sagt: »Die jüngeren Witwen sollst du meiden«. Und wiederum: »Ich will, daß die jüngeren Witwen heiraten« (1.Tim. 5,11.14). Deswegen ist es nach dieser Bestimmung des Apostels überhaupt keinem mehr erlaubt, zu geloben, er sei denn sechzig Jahre alt geworden. Wähle also aus, was von beidem du willst: entweder spricht der Apostel von den Gelübden, oder er spricht nicht von den Gelübden. Wenn er nicht von den Gelübden spricht, so nötigt dieser Spruch zu nichts; wenn er von den Gelübden spricht, so ist von ihm selbst jedes Leben in Gelübden vor dem sechzigsten Jahr korrigiert und verdammt, und diese ganz zu­verlässige Autorität wird unserem Urteil Schutz verleihen, so daß das Gewissen ganz ruhig ist, wenn es seine Gelübde aufgehoben hat.

Summa: Da übergenug gesagt ist, daß diese Art des Lebens mit dem Evangelium streitet, da es Speisen, Kleider, Getränke, Stätten, Personen, Werke, Gebärden zur Sünde macht, die Christus zu keiner Sünde macht, sondern hat frei sein lassen, und da diese Möncherei nicht be­stehen kann, ohne eine derartige Sünde zu begehen und die Gewissen m verstricken, wie es am allerdeutlichsten ist – denn sofort würde sie verschwinden, wenn sie dies für frei hielten, und die Gewissen nicht gefangen hielten – so ist zugleich ganz deutlich, daß solche Gelübde nichtig, unerlaubt, gottlos sind und mit dem Evangelium streiten.

Darum soll man nicht darüber disputieren, ob man in frommer oder unfrommer Meinung gelobt hat, da es gewiß ist, daß man unfromme Dinge gelobt hat. Man muß demnach dem Evangelium vertrauen und diese Gelübde, unter welchen Umständen, mit welcher Absicht, zu welcher Zeit auch immer sie gegeben sind, ganz zuversichtlich fahren lassen und zur Freiheit des christlichen Glaubens zurückkehren. Das ist mein festes und zweifelsfreies Urteil, um des willen ich preise und Dank sage dem gütigsten Erlöser, unserem Herrn Jesus Christus, wel­cher ist gebenedeiet in Ewigkeit, Amen.

Dies habe ich zur Zeit über die Möncherei sagen wollen; ich werde mehr sagen, wenn jemand dies angreift, obwohl ich der Meinung bin, daß alles mit klarer Schrift und Vernunftgründen so verschanzt ist, daß es nicht allein den Mund der Widersacher stopfen kann – worauf ich es wenig abgesehen habe – sondern auch die Gewissen zuversichtlich gegen Gott aufrichten und getrost machen kann, worauf ich es hauptsächlich abgesehen habe. Denn es ist sicher sehr schwierig, diejenigen, die in tägliche Gesetze, Bräuche, eigene Ängste und Skrupel verstrickt sind, sodann in die Autorität der Heiligkeit, die Menge und Größe des Menschen, besonders aber in die göttlichen Schriften, die sie mit irrigem Verständnis ganz tief eingesaugt haben, zu heilen und von der so fröhlichen Freiheit diejenigen zu überzeugen, die so verzweifelt sind und schon längst in der Hölle verloren. Denn daß dies wider den Papst und seine Synagogen, jene unbegrenzte Schar der hohen Schulen, Klöster und Stifte streitet und triumphiert, darüber freue ich mich nicht sehr. Denn was geht es mich an, welche Weisheit dies verderbte Reich des Papstes und der bösen Türken vorbringt, das ich schon längst verachtet habe? Unsere Sorge ist die, daß wir die Gewissen wider den Satan in der Stunde des Todes kräftigen und furchtlos werden lassen vor dem Menschensohn. Die Menschen mögen rasen, wie sie wollen, in Tode wenigstens werden sie uns fahren lassen, sei es als Besiegte, sei es als Sieger. Aber wer wird vor dem Satan und dem Richterstuhl Gottes bestehen, wenn er nicht durch die gewissesten und deutlichsten Worte Gottes geschützt auf dem Fels und auf seiner Wacht steht, bereit zu hören, was ihm an Widerspruch entgegengebracht wird, der ohne Zaudern und Zittern des Herzens seinem Gott sagen kann: »Dies hast du gesagt, der du nicht lügen kannst.«

Darum bitte auch ich um Christi willen alle, die diesen meinen Rat benutzen, das Kloster verlassen und wieder in die Freiheit eintreten wollen, daß sie vor allem ihr Gewissen prüfen, damit sie nicht etwa darauf sich einlassen, verlockt durch die Neuheit der Sache, oder allein aus Verachtung oder Haß der Menschen. Denn dieselben werden im Tode, wenn das Gewissen durch den Satan erweckt und gepeinigt wird, daß man abgefallen sei, das Gelübde gebrochen habe usw., nicht bestehen, sondern auf die gotteslästerliche Buße den Blick richten; und es wird das Letzte ärger werden, als das Erste. Denn man muß hier auf die lauteren Worte Gottes allein kräftig sich stützen und nicht ein­mal vor dem Gericht Gottes zurückweichen, da wir wissen, daß er wahr ist und sich selbst nicht verleugnen kann (2.Tim. 2,13). Die Worte aber, die hier kräftig sein sollen, sind dieselben, die wir oben angegeben haben, in denen Christus allein uns als Licht und Führer vorgesetzt, und was von Menschen erfunden ist, verurteilt wird. Er selbst also, unser freundlicher Führer und unser Licht, Jesus Christus, erleuchte und stärke unser Herz in seiner eigenen Kraft und seinem heilsamen Wort zum ewigen Leben. Ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Petrus:
Als die Freien, und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als die Knechte Gottes (1.Petr. 2,16).

Paulus:
Ihr seid zur Freiheit berufen. Allein sehet zu, daß ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebet (Gal. 5,13).

WA 8, 573, 1-669, 23

Quelle: Martin Luther, Freiheit und Lebensgestaltung. Ausgewählte Texte, hrsg. v. Karl-Heinz zur Mühlen, KVR 1493, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1983, S. 75-217.


[1] In: Luthers Werke. Hg. von G. A. Buchwald, G. Kawerau u. a. Erg. Bd. 1. Hg. von O. Scheel, Berlin 1905, 199-376: Martin Luthers Urteil über die Mönchsgelübde. An einigen Stellen haben wir Scheels Übersetzung unserem heutigen Sprachgebrauch angeglichen.

[2] Die Dekretalien sind Entscheidungen der Päpste, die entweder als Antwort auf Anfragen gegeben wurden, oder von den Päpsten selbst im Blick auf kirchendisziplinarisch strittige Punkte erlassen wurden. Schon seit dem 5. Jh. kommt ihnen kirchenrechtliche Autorität zu.

[3] Evangelische Räte sind nach der Auffassung der mittelalterlichen Kirche bestimmte im Evangelium empfohlene Gebote, die geeignet sind, zur christlichen Vollkommenheit zu führen. Sie müssen nicht von allen Christen gehalten werden, sondern nur von denen, die den besonderen Weg christlicher Vollkommenheit gehen wollen, wie z. B. die Mönche.

[4] Luther spielt hier an auf das Urteil, das die theologische Fakultät der Universität Paris über seine Schriften 1521 abgab.

[5] Die Profeß bedeutet die Ablegung der mönchischen Gelübde.

[6] Luther meint den Vulgatatext.

[7] Luther meint damit das Psalterium Romanum, eine von Hieronymus (gest. 420) vorgenommene Revision des lateinischen Psalters.

[8] Luther bezieht sich hier auf das Psalterium Hebraicum, eine aus dem hebräischen Urtext hergestellte lateinische Übersetzung der Psalmen durch Hieronymus.

[9] Die Obervanten sind eine Abzweigung der Franziskaner, die 1373 von Papst Gregor XL bestätigt wurde und auf eine strenge Befolgung der ursprünglichen Forderungen des Franziskus aus war.

[10] Vgl. Anm. 4.

[11] Vgl. o. S. 21 Anm. 2.

[12] Daß der Eintritt in den Mönchsstand eine zweite Taufe sei, lehrte schon Hieronymus (MSL 22, 1115) und nach ihm auch der Hl. Bernhard.

[13] Die Tatianer werden mehrfach von Luther erwähnt als solche, die di Ehe verbieten. Tatian lebte um die Mitte des 2. Jh. und übte strenge Askese im Zusammenhang gnostisch dualistischer Gedanken.

[14] Eine von dem Perser Mani im 3. Jh. gegründete Sekte, die ebenfalls asketisch und dualistisch dachte.

[15] Luther bezieht sich hier auf die christologischen Streitigkeiten in der Alten Kirche (Sabellius um 215 in Rom; Arianer genannt nach dem alexandrinischen Presbyter Arius, 3. Jh.).

[16] Luther meint den Gnostiker Kerinthos um 100 in Ephesus, der nach der Legende mit Johannes in einem Bade zusammentraf (Iren. III,3,4).

[17] Luther spielt hier auf den mittelalterlichen Brauch an, nach dem bestimmte Mönchsorden Briefe verkauften, die dem Käufer, der nicht in der Lag war, selbst Mönch zu werden, die Teilnahme an den Gnadengaben des di Briefe ausstellenden Ordens sicherten.

[18] Die HI. Agnes, nach der Legende eine zur Zeit Diokletians lebende römische Christin, wurde, da sie die Ehe mit dem römischen Stadtpräfekten ab lehnte, in ein Bordell gebracht, ohne jedoch Schaden zu erleiden.

[19] Feierliche und besonders wichtige Papsterlasse.

[20] Jovinian lebte um 400. Obwohl Mönch, wurde er ein Gegner der Verdienstlichkeit der Virginität und des Fastens. Unter seinem Einfluß verließe Mönche das Kloster, und geweihte Jungfrauen traten in die Ehe. Deshalb schrieb Hieronymus 392 gegen ihn.

[21] Eine Vertraute des Hieronymus, die in Bethlehem ein Nonnenkloster gründete.

[22] Die vitae patrum, auch unter dem Namen historia monachorum, Geschichte der Mönche, bekannt, enthalten eine Reihe von Lebensbeschreibungen von Asketen und Stiftern des antiken Mönchtums.

[23] Gemeint ist Santiago de Compostela in Spanien, wo das Grab des Apostels Jakobus gezeigt wurde.

[24] Luther bezieht sich hier auf seine Schrift: Rationis Latomianae confutatio von 1521 (vgl. besonders WA 8,120).

[25] Hugo von St. Viktor ist ein Zeitgenosse des Hl. Bernhard. Er starb 1141. Die von Luther hier behandelte Frage erörtert Hugo von St. Viktor in seinem Werk De sacramentis christianae fidei (lib. II, p. 12 c. 6).

[26] Agathe war nach der Legende die Tochter vornehmer Eltern in Sizilien, die als Christin eine Ehe mit dem Statthalter Quintinianus zurückwies, und, in ein Bordell gebracht, ihre Jungfräulichkeit bewahrte und nach schweren Martern am 5. Febr. 251 im Kerker gestorben sein soll.

[27] Papst Anastasius IV (1153-1154).

[28] Die von der bischöflichen Mitra auf den Rücken herabhängenden Bänder.

Hier der Text als pdf.

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