Hans Walter Wolffs Predigt über Amos 5,1-5 von 1967: „Ich weiß es nicht zu hindern, wenn einer heute auf Grund bestimm­ter eigener Erfahrung mit der Volkskirche, die man in Deutschland an vielen Orten leicht sammeln kann, Amos so übersetzt: Tretet aus der Kirche aus! / Geht nicht mehr in den Gottesdienst! / Die Kirche gehört auf den Kehrricht, / der Gottesdienst ist Mottendienst.“

Predigt über Amos 5,1-5

Von Hans Walter Wolff

Höret, ihr vom Hause Israel, dies Wort;
denn ich muß diese Totenklage über euch anstimmen:
Gefallen ist, nicht steht mehr auf,
die Jungfrau Israel,
liegt hingestreckt auf eigenem Boden,
und keiner hilft ihr wieder auf.
Denn so hat Gott der Herr gesprochen:
Die Stadt, die als Tausendschaft ausrückt,
hundert bekommt sie zurück.
Und die als Hundertschaft ausrückt,
zehn bekommt sie zurück.
Denn so hat der Herr zum Hause Israel gesprochen:
Suchet mich, dann lebt ihr!
Suchet nicht Bethel!
Nach Gilgal kommt nicht!
Denn Gilgal geht zum Galgen,
das Gotteshaus geht zum Teufel.

Liebe Gemeinde,

keinen Totensonntag, keinen Ewigkeitssonntag kannte das alte Israel. Aber heitere Feste, besonders in Amos Tagen. Niederlagen sind in Siege verwandelt. Wirtschaftsflauten sind überwunden. Man hat Zeit und Geld für Kosmetik, für Spirituosen, für schöneres Wohnen. Die religiösen Feste sind willkommene Gelegenheiten, dieses glanzvolle Leben zu krönen.

Da tritt dieser Viehzüchter auf, dieser Laie, ganz sicher ohne Talar, und verwandelt höchst unprogrammgemäß das festliche Treiben in einen Totensonntag. „Jungfrau Israel“, — jawohl! Strotzt dieses Volk nicht noch in jugendlicher Blüte von Kraft und Schönheit? Aber nein: „Gefallen ist, nicht mehr steht auf die Jungfrau Israel.“ Ihr eigener satter Boden wird ihr Leichenbett. Wie kommt Amos zu diesem provozierenden Leichenlied angesichts einer blühenden Ge­stalt? Schaut er den Assyrer schon, der in zwei, drei Jahrzehnten das Land überschwemmen wird? Nein, nur ein Wort hat sich ihm ins Ohr gebohrt. Er muß es herausschreien. So hat der Herr gespro­chen:

„Die Stadt, die als Tausendschaft ausrückt,
hundert bekommt sie zurück.
Und die als Hundertschaft ausrückt,
zehn bekommt sie zurück.“

Der Heerbann Israels wird dezimiert, hoffnungslos geschlagen. Das Gottesvolk wird seinen Staat, seine Heimat, seine Menschen verlie­ren; „… hingestreckt auf eigenem Boden und keiner hilft ihm wie­der auf“.

So geschah es denn auch, allerdings erst nach einigen Jahrzehnten.

Das ist ein anderer Totensonntag, als er sich bei uns eingebürgert hat, liebe Gemeinde. Keine Totenklage für einen lieben Nächsten, kein „Denk ans Sterben“ für die Einzelseele, oder doch nur, soweit die einzelnen diesem Israel zugehören. Jesus konnte noch um ganz Jerusalem weinen. Luther erregte es, daß blühende christliche Kir­chen in Kleinasien und Afrika gestorben waren, und er warnte die Christenheit in Deutschland vor Selbstsicherheit angesichts des fah­renden Platzregens des Wortes Gottes. Und nun ist die Volkskirche in Deutschland umzingelt vom Tod, viel dichter als 1919, ungleich gefährlicher als 1934 und 1939. Dafür will Amos an diesem Toten­sonntag die Augen aufreißen. Mögen unsere Landeskirchen in ihrer jetzigen Verfassung noch so jungfräulich oder altjungfernhaft her­ausgeputzt sein, noch so finanzstark und öffentlich einflußreich, mag ihr Siechtum noch zehn, zwanzig, dreißig Jahre dauern. Jetzt gilt unserer Volkskirche: „Gefallen ist, nicht steht mehr auf die Jung­frau Israel.“ Sie ist ja längst ein solch auseinandergesprengter Haufe, daß für die allermeisten allein das Begräbnis die wirklich begehrte Amtshandlung ist. Nicht einmal die zehn Prozent des Amos sind aus der verlorenen Schlacht mit der Aufklärung zurückgekehrt. Als im Jahre 1386 unsere Universität mit einer Messe drüben in der damaligen Kapelle zum Heiligen Geist eröffnet wurde, als Ottheinrich mit Melanchthon diese Universität reformierte, da wird kaum einer von den Professoren und Studenten gefehlt haben. Und wieviele von 12 000 Studenten, 700 wissenschaftlichen Assistenten und 200 Professoren sind heute hier? Die Humanistische Union, der Spiegel und viele andere Gruppen, die immer weniger mit Sprech­chören zurückhalten werden, sorgen Zug um Zug dafür, daß kein noch so kräftiges Glockengeläut darüber hinwegtäuschen kann, wie klein und schwach die christliche Gemeinde in Wahrheit ist. Auch wenn wir heute hier in dichten Reihen versammelt sind, sollen wir uns nicht täuschen darüber, was weit und breit in deutschen Landes­kirchen die Regel ist. Unaufschiebbar werden die Fragen um die Praxis der Kirchensteuererhebung und um die Praxis der Kinder­taufe. Ihr eigener satter Boden wird ihr Leichenbett.

Darin muß der sehende Glaube mit dem Unglauben übereinstimmen im Blick auf die Volkskirche, — ja, er müßte dem Unglauben zu­vorkommen in seinem Urteil, ihn übertreffen in der Klarheit und Schärfe der Sicht:

„Gefallen ist, nicht steht mehr auf,
die Jungfrau Israel.“

Es ist hohe Zeit, dieses Todes zu gedenken, der unser aller Leben und Sterben mit einschließt. Die überlieferte christliche Gesell­schaftsform zerfällt vor unseren Augen. Jeder wache Christ, jeder werdende Theologe, jeder Kirchenmanager muß sehen, welche Stunde geschlagen hat. Die Wahrheit wird uns freimachen. Dieses Schiff sinkt. Wir sollen nicht mehr — nach Bert Brecht — Malern gleichen, die „die Wände untergehender Schiffe mit Still­leben bedecken“. Wieviel tausend Predigten tun das landauf, landab? Rettungsboote und Schwimmwesten sind klarzumachen. Mehr noch: mit Petrus ist zu lernen, wie man übers Wasser gehen kann, ohne abzusaufen. Die Frage gilt: was ist mit unsrem Glauben auch noch dreißig Jahre, nachdem die letzten Kirchenglocken ausgeläutet ha­ben? Nur auf diese Frage brauchen wir Antwort.

Amos gibt sie in der Fortsetzung:

„Suchet mich, dann werdet ihr leben!“

Dann werdet ihr leben! Das sollen wir zunächst hören. Dar­auf fällt der Ton nach der Leichenklage. Einzelne haben nach dem Wort des Amos gegriffen. Sie haben es über den Tod Israels hin­übergerettet. Als schon die Ruhmes-Annalen der Weltherrscher Assurs in den Schutt sanken, da blieb dies Wort mit anderen Prophe­tenworten lebendig und weckte neues Leben. Auch das Reich Juda wurde zerstört. Das Wort sammelte die Versprengten und lehrte hoffen. Das Leben erschien, das kein Tod binden konnte. Weltreiche kamen und gingen. Der Gekreuzigte ging mit dem Wort seiner Bo­ten als Lebensretter durch sie hindurch in die Zukunft. Er erwies sich als einziger Befreier, als auch die aufgeklärte Vernunft reihen­weise der Übermacht des Bösen erlag, am kräftigsten vielleicht, wo die großen Kirchen im dritten Reich schon verödeten und innerlich zerbrachen, wo sich in Fabriksälen auf harten Gartenstühlen Ge­meinden sammelten, wo über den Appellplatz eines Konzentrations­lagers die Stimme eines Sterbenden aus dem Keller rief: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“

Liebe Gemeinde, die Zusage des Lebens hat sich als kräftig erwie­sen und bleibt in Kraft. Wo uns heute der totale Zusammen­bruch unserer kirchlichen Tradition schonungslos klar werden muß, da erreicht uns zugleich der Zuspruch des Lebens. Ja, nur da kön­nen wir ihn als Zuruf des einzig freien Herrn in seiner ganzen Tragkraft hören. Der Herr Israels stirbt nicht mit Israel wie die Götter mit ihren Völkern und deren Geschichtsphasen. Der Herr der Christenheit als Schöpfer und Meister allen Lebens, aller Wand­lungen, aller Zukunft lebt nicht von unseren Traditionen. Jetzt gilt uns die Frage, ob wir an unseren sterbenden Traditionen hän­gen. Ich sehe manche unter uns Älteren lebensmüde, ja lebensüber­drüssig werden. Es wird ihnen zu hart, unbegreifliche Attacken auf­flammen zu sehen. Wer von den Jungen wird Lust behalten, aus dem Riesendampfer ins unsichere, kleine Boot umzusteigen? Über uns Resignierten und über uns Bangen steht das Versprechen: „dann werdet ihr leben!“ Dieses ganz unabhängige Lebensange­bot will von uns zuerst ergriffen sein.

Für alle Menschen sollen wir es ergreifen. Heiteres, zufriedenes, voll­endetes Leben ist gemeint. Es ist noch nicht da, wo heute der „Zwang zum Frieden“ mit Recht vernünftig gedacht und gepredigt wird. Friedenswille und Hoffnung bleiben noch längst nicht deshalb da, weil wir ohne dem als Menschen heute nicht mehr leben könn­ten. Wer schützt uns dagegen, daß Menschen doch wieder am Men­schen verzweifeln, und daß dann die Einsicht in den Zwang zum Frieden in Pessimismus, in Zynismus, in Mord- und Selbstmord­psychose umschlägt. Zufriedenes Leben, Wille und Hoffnung zum Frieden können nur da Bestand haben, wo die Unzuverlässigkeit des Menschen nüchtern einkalkuliert wird. Über der Unzuverlässig­keit des Menschen aber steht leuchtend das Angebot des Herm aller: ihr sollt leben, ihr Labilen! Dieses Angebot ist dem Tod konfron­tiert. Im Sterben darf es Israel, mit ihm die Kirche, die Völkerwelt, jedes Glied der Menschheit als Geschenk der Vollendung annehmen. Wie empfangen wir es für die Umwelt und für uns? Wie empfan­gen wir es im Sterben der Volkskirche, im Untergang christlicher Traditionen — diese Befriedung, diese Vollendung, diese Heiter­keit des Lebens, nicht der Passagiere erster Klasse des sinkenden Schiffes, sondern der Geretteten im kleinen Boot, der Wanderer auf den Wogen. Amos sagt es genau:

„Suchet mich, dann werdet ihr leben!“

Wer ruft da: Mich suchet!

Amos gibt im Zusammenhang drei Antworten. Zuerst: Er ist der Herr des Gerichtes. Fragt nach dem, der dieses Sterben verfügt hat! Amos wird ganz deutlich:

„Suchet nicht Bethel,
nach Gilgal kommt nicht!
Gilgal geht zum Galgen,
das Gotteshaus geht zum Teufel.“

Ich weiß es nicht zu hindern, wenn einer heute auf Grund bestimm­ter eigener Erfahrung mit der Volkskirche, die man in Deutschland an vielen Orten leicht sammeln kann, Amos so übersetzt:

Tretet aus der Kirche aus!
Geht nicht mehr in den Gottesdienst!
Die Kirche gehört auf den Kehrricht,
der Gottesdienst ist Mottendienst.

Liebe Gemeinde, ich warne dringend vor jedem Pharisäismus gegen­über einer solchen Stimme. Sie könnte dem Propheten näher stehen als mancher brave Kirchenchrist.

Es ist wahr: Bethel und Gilgal haben einmal viel bedeutet in der Geschichte des Gottesvolkes. Ich möchte es ganz stark sagen: Auch unsere Landeskirchen, unsere Volkskirchen haben großes, ja aller­größtes für mich, für viele unter uns und für unsre Väter bedeutet. Das Beste haben wir in ihnen gewonnen. In Bethel stand Jakob der Himmel offen und die große Verheißung seines Gottes erreichte ihn. Gilgal war der Brückenkopf der Landgabe, Denkmal der Rettung aus Sklaverei und aus den Chaosmächten des Meeres und der Jor­danfluten. Aber in Bethel steht nun das goldene Kalb und in Gilgal feiert man die eigene Leistung. Darum sagt Amos: Gott will unter­schieden sein von den ehrwürdigen Stätten seiner großen Taten. Der Gott des Glaubens wandert und ändert. Wie er Silo verließ, so wird er Jerusalem verlassen, sagt später Jeremia. Er wird draußen vor den Toren Jerusalems, ganz abseits vom Heiligtum, ganz iden­tisch sein mit dem einen Hingerichteten. Er kann sich abwenden von Lehrstühlen und orthodoxen Kanzeln. Wir selbst sehen zu kurz, wenn wir die Angriffe auf unsere gegenwärtigen kirchlichen Insti­tutionen auf menschliche Kurzsichtigkeit und Dummheit zurück­führen.

Darum heißt die erste Antwort: Sucht den, der sein unbestechliches Urteil über eure Traditionen spricht. Lernt unterscheiden: Eure Traditionen und seinen lebendigen Willen. Suchet mich selbst, den Richter, dann werdet ihr leben, spricht der Herr.

Wie aber sollen wir ihn und den Zeitgeist unterscheiden? Amos gibt anderwärts zu verstehen: Suchet mich als den Herrn der Anfänge. Orientiert euch ganz an dem, was er begonnen hat, und nicht an dem, was Menschen daraus gemacht haben.

„Habt ihr mir in der Wüste geopfert die vierzig Jahre lang?“ heißt es später in unserem Kapitel. Ich habe mich für euch Schwache eingesetzt, „habe die Amoriter vor euch her vertrieben, die groß wie die Zedern, stark wie die Eichen waren“. Ich stand immer auf der Seite der Schwachen, der Geringen. „Ich habe euch ersehen aus allen Sippen der Erde.“ So erinnert Amos an die Anfänge.

Wenn eines mit muß aus dem Schiff in die Boote, dann das Wort von den Anfängen, das Wort der Propheten und Apostel, die Bot­schaft von Jesus Christus, der sich nicht nur auf die Seite der Schwa­chen und Bedrängten, sondern sogar auf die Seite der Schuldigen stellte, ja, an ihre Stelle tritt. Denn hier kommt das unerreichte Ziel der Zukunft in Sicht. Suchet mich, d. h. für uns also: forscht mit ganz neuem Eifer und in großer Stille in der Schrift! Ihr braucht es als Steuermänner zur Richtungsorientierung, als Ruderer zur Kräftigung. Zum täglichen, aufmerksamen Lesen der Heiligen Schrift müssen wir ganz neu zurückkehren. Diese urchristliche Parole, be­ständig in der Apostellehre zu bleiben, hat sich in den Manövern der dreißiger und vierziger Jahre bewährt: kein Tag ohne Gottes Wort.

Dazu brauchen wir die beharrlich fragenden Bibelkreise. Sie werden brotnötig, überall in den Bootsmannschaften, in den Studenten­gruppen, in den Hauskreisen. Dazu kann noch manche Arbeit der Volkskirche helfen, solange Zeit ist. Es ist die Vorbereitung zum Ausbooten. Wer sich selbst kennt, weiß, wie nötig solche intensive, betende Sammlung um das biblische Wort für jeden ist. Wer unsere Umwelt heute kennt, weiß, daß wir ihnen vor allem jenen neuen Geist schulden, der aus solcher regelmäßigen Besinnung auf uns zukommt.

Wie der Steuermann auf Kompaß und Karte schaut, so dürfen wir Orientierung im Studium des prophetischen und apostolischen Wor­tes gewinnen. Wie die Ruderer notwendig rückwärts blicken, so müssen wir auf den bezeugten Herrn der Anfänge schauen, um in Wahrheit vorwärts und zum rechten Ziel zu kommen. Denn der Herr der Anfänge ist der gegenwärtige Richter und Herr der Zu­kunft. Suchet mich, d. h. also zweitens, suchet in der Schrift, aber suchet mich in der Schrift, — dann werdet ihr leben!

Noch einen letzten Schritt müssen wir weitergehen. Ich sage aus­drücklich, daß er gewagt ist, aber er ist unvermeidbar. Amos selbst weiß sich fraglos als einen Bezwungenen seines Gottes. Wer sein scharfes Urteil abweist, weist seinen Gott ab. Der Prophet ruft weder aus Rausch noch wegen eines Vorteils noch aus Berufsroutine. Er muß rufen: „So hat der Herr gesprochen.“ Denn für seine Tage ist der Gott der Anfänge der in dem jetzt ausgerufenen Propheten­wort gegenwärtige Richter.

Suchet mich, d. h. heute also drittens: Fragt nach den Bezwungenen! Solche vom Wort des Herrn Bezwungenen sind uns wunderbarer­weise auch heute geschenkt. Sie weisen uns schon ein in die Boote, die an jenen Ufern anlegen können, die keine Landebrücken mehr für das Riesenschiff haben: in der Ökumene gibt es einige solcher lebendigen Zeugen wie unter uns. Sie werden wie einst Amos und auch Jesus allzu leicht als Außenseiter angesehen. Aber es sind die Geschenke Gottes an die Welt. Ich nenne jetzt nur den Präsidenten des ökumenischen Rates, Blake. Er nennt die grauenhafte Gewalt­anwendung seiner Regierung in Vietnam „die größte Gefahr für die gesamte Menschheit und ihre Zukunft“; eine böse Schändung des christlichen Namens in der Welt. Unsre Volkskirchen im ganzen schweigen dazu, wie sie zu den Judenmorden im ganzen geschwiegen haben, obwohl heute das Geschick aller Völker untrennbar ver­knüpft ist. Amos hat in seiner Zeit nicht dazu geschwiegen, daß Moabiter schändlich mit der Leiche eines Edomiterkönigs umgin­gen. Es war ihm als Judäer nicht gleichgültig, daß Aramäer in Gi­lead einen grausamen Krieg führten. Dürfen wir davon schweigen, daß allein in der letzten Woche 1400 Vietnamesen von amerikani­schen Bomben zerfetzt wurden, bei jenen furchtbaren Kämpfen um die Höhe 875, 1400 junge Menschen, weit mehr, als heut in dieser Kirche versammelt sind, dazu ungezählte Frauen und Kinder, die verelenden und sterben müssen. Sage keiner, das ginge uns Chri­sten in Deutschland nichts an, wenn andere Christen solch grauen­haftes und massenhaftes Sterben in andere Völker hinein tragen. Wir sind gefragt, ob wir nicht endlich im 20. Jahrhundert den Weg des Gekreuzigten, der das Schwert in die Scheide zu stecken gebot, als Heilsweg für die ganze Menschheit verstehen und bezeugen wol­len. Unsere Kirchen ziehen im ganzen nicht die überfällige Konse­quenz für uns: alle ihre Glieder im Namen des Gekreuzigten zu einem entschlossenen Friedensdienst zu rufen und zur Abwendung von aller Einübung von Gewaltakten. Die Volkskirche ist nicht nur unter den Kanzeln weithin eine Wüste, sondern auch auf den Kan­zeln. Wir alle leben weithin als stumme Hemde, statt Wächter auf den Mauern zu sein, wo schon längst die Steine schrei­en. Suchet mich, d. h. darum jetzt auch: suchet, wo in der Wüste Wasser aus dem Felsen springt, wo nicht faules, stinkendes Manna von ge­stern gespeichert und verteilt wird, sondern das frische Manna für heute fällt. Wir müssen suchen nach den rechten Gottesdiensten. Zu viele haben das Suchen schon resigniert aufgegeben und bleiben den Predigten fern. Alle Verantwortlichen müssen beraten; auch für die Gottesdienste der Peterskirche hier, die solch eine großartige Gelegenheit sind. Wir müssen darum ringen, das lebendige Wort des lebendigen Herrn zu hören und weiterzutragen. Noch sind die Boote und die Schwimmwesten, die alle brauchen, auf dem Schiff. Es gilt, die Stunde zu nutzen. Sucht die vom Versöhnungsdienst be­zwungenen Boten, aber sucht mich bei ihnen, spricht der Herr. Sucht in der Schrift den Herrn der Anfänge als den Kommenden, sucht mich selbst in der Schrift, spricht der Herr. Unterscheidet eure frommen Traditionen und meinen gegenwärtigen Willen, sucht mich selbst, spricht der Herr.

Ich könnte diese Predigt jetzt beschließen, indem ich vor euren Augen mein Beffchen ab­binde, meinen Talar aufknöpfe, ihn hier auf der Kanzel ausziehe und in zwölf Stücke zerreiße, wie einst Ahia von Silo zum Zeichen, daß dem Hause Salomo nur ein Stamm bleiben soll, daß also der Anhang Jerusalems dezimiert wird; ich könnte die Fetzen vor eure Füße flattern lassen. Wohl sollten wir allmählich auch in dieser Hinsicht Amos und Jesus näherrücken als ihren gegnerischen Priestern. So habe ich beim Kirchentag im bi­schöflichen Hannover darauf bestanden, im Niedersachsenstadion ohne Talar zu predigen. Aber — das haben wir von der Reforma­tion gelernt — wirkliche Erneuerung fing noch nie mit den Zere­monien an. Was wäre damit schon erreicht? Wir wären im Zeitalter der Demonstrationen um eine kleine Schau bereichert.

Gehindert aber wäre das eine Notwendige, mit dem wir uns heute um den Tisch Jesu scharen und mit dem wir bis zum nächsten Sonn­tag auseinander gehen wollen: der persönliche Vorsatz unter den Augen unsres Herrn, daß jeder unter dem exklusiven Satz durch die Woche geht: „Suchet mich, dann werdet ihr leben!“ spricht der Herr. Jeder hat seine abgöttisch geliebten Traditionen und Ge­wohnheiten zu zerreißen. Jeder darf in seinem Straßenanzug im Wort der Propheten und Apostel nach dem Willen des kommenden Herrn fragen. Jeder soll suchen und einladen zur Predigt der be­zwungenen Boten. Denn alles, was die Welt braucht, ist seit Jesus mitten unter uns: heiteres, befriedigtes, vollendetes Leben.

Der Friede Gottes, der eine Schutzmacht ist für alles Denken, der will eure Gedanken und Entschlüsse bewahren in Christus Jesus.

Lasset uns beten:

Herr unser Gott,
du bietest uns freies, neues Leben an.
Wir danken dir für die Übermacht deiner Vergebung.
Unser Denken und unsre Hände sind faul.
Hilf uns, daß wir deine Gaben mit frischem Eifer suchen,
täglich im Wort deiner Boten,
sonntäglich in deiner Gemeinde,
und daß dabei dein Geist die Herrschaft in uns antritt.
Wir bitten dich für alle Gemeinden, besonders für die Studentenge­meinden, daß sie deine bedingungslose Liebe nicht schmälern und keinem vorenthalten.
Wir rufen dich an für die unsagbare Not des vietnamesischen Vol­kes; gib Frieden, früher als wir zu hoffen wagen.
Stärke den Willen aller Christen, jeder Gewaltanwendung entschlos­sen abzusagen.
Wir bitten dich für unsere Universität und alle deutschen Hoch­schulen,
daß hilfreiche Reformen gefördert werden,
daß das Vertrauen zwischen Studenten und Dozenten wächst,
daß auch verärgerte Professoren und extreme Studentengruppen in sachlicher Arbeit zusammenfinden,
daß alle im Frieden schaffen können zum Besten der Mensch­heit,
daß bei den Prozessen in Berlin alle nur nach Recht und Ge­rechtigkeit trachten und ihre Gegner achten.
Uns allen aber gib Kraft, daß wir Zeugen und Helfer befriedeten Lebens sind. Amen.

Gehalten am letzten Sonntag des Kirchenjahres, 26. November 1967, im Universitätsgottesdienst der Peterskirche in Heidelberg.

Quelle: Evangelische Theologie 28 (1968), S. 1-8.

Hier die Predigt als pdf.

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