Martin Luther, Über Universitätsreformen und die Heilige Schrift (aus: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, 1520): „Viele Bücher machen nicht gelehrt, vieles Lesen auch nicht, sondern gute Dinge und oft lesen, wie wenig es auch ist, das macht gelehrt in der Hei­ligen Schrift und fromm dazu.“

Über Universitätsreformen und die Heilige Schrift (aus: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, 1520)

Von Martin Luther

Zum fünfundzwanzigsten. Die Universitäten bedürften gewiß auch einer guten kräf­tigen Reformation. Ich muß es sagen, es verdrieße, wen es wolle. Ist doch alles, was das Papsttum eingesetzt und be­stimmt hat, nur darauf ausgerichtet, Sünde und Irrtum zu ver­mehren. Was sind die Universitäten, wenn sie nicht anders als bisher geordnet werden, anderes als – wie das Buch der Makkabäer sagt (2. Makk. 4,9.15) – ,,Übungsstätten der von des christlichen Standes Besserung jungen Leute“ und „der griechischen Auszeichnungen“, in denen ein freies Leben geführt, wenig von der Heiligen Schrift und dem christlichen Glauben gelehrt wird und allein der blinde heidnische Meister Aristoteles – auch mehr als Christus – regiert? Hier ist nun mein Rat, die Bücher des Aristoteles – „Physik“, „Metaphysik“, „Über die Seele“, „Die nikomachische Ethik“ – , die bisher für die besten gehalten wurden, ganz ab­zuschaffen mit allen anderen, die sich von natürlichen Dingen rühmen, aus denen doch weder von weltlichen noch von geist­lichen Dingen etwas gelehrt werden kann. Außerdem hat bisher niemand seine Meinung [458] verstanden, und sind mit un­nützem Mühen, Studieren und Unkosten soviel edle Zeit und Seelen umsonst beladen gewesen. Ich wage zu sagen, daß ein Töpfer von den natürlichen Dingen mehr Wissen hat, als in diesen Büchern geschrieben steht. Es tut mir in meinem Herzen wehe, daß dieser verdammte, hochmütige, arglistige Heide mit seinen falschen Worten so viele der besten Christen verführt und zu Narren gemacht hat. Gott hat uns mit ihm ge­plagt um unsrer Sünden willen.

Lehrt doch der elende Mensch in seinem besten Buch, in „Über die Seele“, daß die Seele sterblich sei mit dem Leib, ob­gleich viele mit vergeblichen Worten ihn haben retten wollen, als hätten wir nicht die Heilige Schrift, in der wir überreich über alle Dinge belehrt werden, von denen Aristoteles nicht den kleinsten Hauch je gespürt hat. Dennoch hat der tote Heide ge­siegt und des lebendigen Gottes Bücher behindert und ganz unterdrückt, so daß ich, wenn ich diesen Jammer bedenke, nichts anderes annehmen kann, als daß der böse Geist das Studieren eingeführt hat. Desselbengleichen ist das Buch „Die nikomachische Ethik“ ärger als jedes andere Buch direkt der Gnade Gottes und den christlichen Tugenden entgegen, das doch auch als eines der besten angesehen wird. O nur weit weg mit solchen Büchern von allen Christen! Niemand braucht mir den Vorwurf zu machen, ich rede zuviel oder verwerfe, was ich nicht kenne. Lieber Freund, ich weiß wohl, was ich rede. Aristo­teles ist mir so gut bekannt wie dir und deinesgleichen. Ich habe ihn auch gelesen und Vorlesungen darüber gehört mit mehr Verständnis als der heilige Thomas oder Duns Scotus[1], dessen ich mich ohne Hoffart rühmen und was ich, wenn es notwendig ist, gewiß beweisen kann. Ich beachte nicht, daß so viele hundert Jahre lang soviel hoher Verstand sich damit abgemüht hat. Solche Einwürfe fechten mich nicht mehr an, wie sie wohl bisweilen getan haben, weil es am Tag ist, daß gewiß noch weitere Irrtümer langer als hundert Jahre in der Welt und in den Universitäten geblieben sind.

Das will ich gerne dulden, daß des Aristoteles Bücher über die Logik, die Rhetorik und die Poetik beibehalten oder, in andere, kurze Form gebracht, mit Nutzen gelesen werden, um junge Leute zu üben, gut zu reden und zu predigen, ihre Kommentare aber und die Schulmeinungen dazu müßten ab­geschafft werden. Und es müßten die logischen Werke des Aristoteles – wie die rhetorischen Werke des Cicero[2] ohne Kommentare und Schulmeinungen – ebenso einhellig und ohne diese großen Kommentare gelesen werden. Aber jetzt lernt man daraus weder reden noch predigen, und es ist daraus vollständig eine Disputation und Quälerei geworden. Daneben habe man nun die Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch, die mathematischen Disziplinen, Geschichte, was ich Ver­ständigeren anbefehle und was sich wohl von allein ergeben würde, wenn man mit Ernst nach einer Reform trachtete. Und es ist wirklich viel daran gelegen, denn hier soll die christliche Jugend und unser edelstes Volk, in dem die Christenheit er­halten bleibt, gelehrt und zugerüstet werden. Darum meine ich, daß kein päpstlicheres und kaiserlicheres Werk geschehen könnte als eine gute Reformation der Universitäten, umgekehrt kein teuflischeres, ärgeres Wesen als unreformierte Univer­sitäten. [459]

Die Ärzte lasse ich ihre Fakultät reformieren. Die Juristen und Theologen nehme ich mir vor und sage zum ersten, daß es gut wäre, daß das geistliche Recht von dem ersten Buchstaben an bis zu dem letzten ganz und gar ausgetilgt würde, besonders die Dekretalen[3]. Es ist uns übergenug in der Bibel geschrie­ben, wie wir uns in allen Dingen verhalten sollen. So hindert dieses Studium nur die Heilige Schrift. Außerdem schmeckt der größte Teil nur nach Habgier und Hoffart. Und wenn schon viel Gutes darin wäre, sollte es doch gerechterweise untergehen, weil der Papst das ganze geistliche Recht in seines Herzens Schrein gefangen hat, so daß hinfort nur unnützes Studieren und Betrug darin ist. Heute ist geistliches Recht nicht das, was in den Büchern, sondern was in des Papstes und seiner Schmeichler Willkür steht. Hast du eine im geistlichen Recht auf das allerbeste begründete Sache, so hat der Papst seinen Schrein des Herzens[4] darüber. Danach muß sich alles Recht und die ganze Welt richten. Nun regiert diesen Schrein oft ein Schurke und der Teufel selbst und läßt sich preisen, der Heilige Geist regiere ihn. So geht man mit dem armen Volk Christi um, gibt ihm viel Rechte und halt keins, zwingt andere, es zu halten oder durch Geld abzulösen.

Weil denn der Papst und die Seinen selbst das ganze geistliche Recht aufgehoben haben, es nicht beachten und sich nur nach ihrem eigenen Mutwillen richten über alle Welt, sollen wir ihnen folgen und die Bücher auch verwerfen. Warum sollten wir ver­geblich darin studieren? So könnten wir auch nimmermehr des Papstes Mutwillen, der nun geistliches Recht geworden ist, aus­lernen. Ei, so falle in Gottes Namen ganz dahin, was sich in des Teufels Namen erhoben hat. Und es sei kein Doktor der Dekrete mehr auf Erden, sondern allein Doktoren des päpstlichen Schreins, das sind des Papstes Heuchler. Man sagt, daß es kein besseres weltliches Regiment irgendwo gibt als bei dem Türken, der doch weder geistliches noch weltliches Recht hat, sondern allein seinen Koran. Ebenso müssen wir bekennen, daß es kein schändlicheres Regiment gibt als bei uns durch geistliches und weltliches Recht, so daß kein Stand mehr der natürlichen Ver­nunft, geschweige denn der Heiligen Schrift gemäß lebt.

Das weltliche Recht, helfe Gott, was ist das auch für eine Wild­nis geworden! Obgleich es viel besser, gelehrter und redlicher ist als das geistliche, an welchem außer dem Namen nichts Gutes ist, ist es doch auch viel zuviel geworden. Fürwahr, vernünftige Regenten neben der Heiligen Schrift wären mehr Recht als ge­nug, wie der heilige Paulus 1. Korinther 6,5f. sagt: „Ist niemand unter euch, der da kann seines Nächsten Sache richten, daß ihr vor heidnischen Gerichten streiten müßt?“ Es dünkt mir recht und billig, daß Landrecht und Landessitten den kaiserlichen, all­gemeinen Rechten vorgezogen und die kaiserlichen nur zur Not gebraucht werden. Und wollte Gott, daß, wie ein jedes Land seine eigene Art und Gaben hat, so auch mit eigenen, kurzgefaß­ten Rechten regiert würde, wie sie regiert [460] worden sind, ehe solche Rechte erfunden wurden, und wie noch ohne sie viele Länder regiert werden. Die weitläufigen und weit hergeholten Rechte sind nur eine Beschwerung der Leute und mehr eine Be­hinderung als eine Förderung der Rechtsfälle. Doch ich hoffe, daß diese Sache schon von anderen besser bedacht und be­trachtet worden ist, als ich es vorbringen kann.

Meine lieben Theologen haben sich der Mühe und Arbeit ent­hoben. Sie lassen die Bibel wohl ruhen und lesen die Senten­zen. Ich meinte, die Sentenzen sollten für die jungen Theo­logen den Anfang bilden und die Bibel den Doktoren bleiben. Aber es ist umgekehrt. Die Bibel ist das erste, die geht mit dem Bakkalaureat dahin, und die Sentenzen sind das letzte, die bleiben mit dem Doktorat ewiglich, dazu mit solcher heiligen Pflicht, daß über die Bibel wohl lesen kann, der nicht Priester ist, aber über die Sentenzen ein Priester lesen muß. Und es könnte wohl ein Ehemann Doktor in der Bibel sein, soweit ich das sehe, aber gar nicht in den Sentenzen. Was für Glück kann uns wider­fahren, wenn wir so verkehrt handeln und die Bibel, das heilige Wort Gottes, so hintenansetzen? Dazu gebietet der Papst mit vielen strengen Worten, seine Gesetze in den Hochschulen und Gerichten zu lesen und zu gebrauchen. Aber des Evangeliums wird wenig gedacht. Entsprechend verhält man sich auch, so daß das Evangelium in den Hochschulen und Gerichten ganz untätig unter der Bank im Staub liegt, damit die schädlichen Gesetze des Papstes ganz allein regieren können.

Da wir den Namen und Titel haben, daß wir Lehrer der Hei­ligen Schrift heißen, sollten wir wahrlich gezwungen sein, ent­sprechend unserm Titel die Heilige Schrift und keine andere zu lehren; obgleich auch der hochmütige und aufgeblasene Titel zuviel ist, daß ein Mensch soll sich als ein Lehrer der Heiligen Schrift rühmen und krönen lassen. Doch es wäre zu dulden, wenn die Tätigkeit den Namen bestätigte. Nun aber, da die Sentenzen allein herrschen, findet man mehr heidnische und menschliche Dünkel als heilige, gewisse Lehre der Heiligen Schrift unter den Theologen. Wie wollen wir dem nun abhelfen? Ich weiß hier keinen anderen Rat als ein demütiges Gebet zu Gott, damit er uns Doktoren der Theologie gebe. Doktoren der Sieben Freien Künste, der Medizin, der Rechte und der Senten­zen können der Papst, Kaiser und die Universitäten machen. Aber sei nur gewiß, einen Doktor der Heiligen Schrift wird niemand machen als allein der Heilige Geist vom Himmel, wie Christus sagt Johannes 6,45: „Sie müssen alle von Gott selbst ge­lehrt sein.“ Nun fragt der Heilige Geist nicht nach roten und braunen Baretten oder was dergleichen Prunk ist, auch nicht, ob einer jung oder alt ist, Laie oder Priester, Mönch oder welt­lich, ehelos oder verheiratet. Ja, er redete vorzeiten durch eine Eselin wider den Propheten, der auf ihr ritt (4. Mose 22,28-30). Wollte Gott, wir wären seiner würdig, damit uns solche Dok­toren gegeben würden, sie wären jeweils Laien oder Priester, verheiratet oder ehelos, obgleich man nun den Heiligen Geist in den Papst, die Bischöfe und Doktoren zwingen will, ohne daß es ein Zeichen oder Anschein gibt, daß er bei ihnen ist. [461]

Die Zahl der theologischen Bücher müßte man auch ver­ringern und die besten herauslesen. Denn viele Bücher machen nicht gelehrt, vieles Lesen auch nicht, sondern gute Dinge und oft lesen, wie wenig es auch ist, das macht gelehrt in der Hei­ligen Schrift und fromm dazu. Ja, es sollten aller heiligen Kirchenväter Schriften nur eine Zeitlang gelesen werden, um dadurch in die Heilige Schrift zu kommen. Dagegen lesen wir sie nur so, daß wir in ihnen bleiben und nimmer in die Heilige Schrift kommen. Damit sind wir denen gleich, die die Weg­weiser ansehen und dennoch nimmer den Weg wandeln. Die lieben Kirchenväter haben uns mit ihrem Schreiben in die Hei­lige Schrift führen wollen, wir dagegen führen uns damit heraus, obwohl doch allein die Heilige Schrift unser Weingarten ist, in dem wir uns alle betätigen und abmühen sollten.

Vor allen Dingen sollte in den hohen und niederen Schulen die vornehmste und verbreitetste Lektion die Heilige Schrift sein, und für die jungen Knaben das Evangelium. Und wollte Gott, eine jede Stadt hätte auch eine Mädchenschule, in der die Mädchen täglich eine Stunde das Evangelium hörten, es wäre auf deutsch oder lateinisch. Fürwahr, die Schulen, die Männer – und Frauenklöster sind vorzeiten dafür aus ganz löblicher, christlicher Absicht eingerichtet worden, wie wir von der hei­ligen Agnes und weiteren Heiligen lesen. Da wuchsen heilige Jungfrauen und Märtyrer heran, und es stand sehr gut in der Christenheit.

Aber nun ist nichts weiter als Beten und Singen daraus ge­worden. Sollte nicht gerechterweise ein jeder Christ mit neun oder zehn Jahren das ganze heilige Evangelium kennen, in dem sein Name und Leben steht? Lehrt doch eine Spinnerin und Näherin ihre Tochter das Handwerk in jungen Jahren. Aber jetzt kennen auch die großen Gelehrten, die Prälaten und Bischöfe selbst das Evangelium nicht.

O wie ganz anders verfahren wir mit den armen jungen Men­schen, die uns anvertraut sind, sie zu leiten und zu unterweisen! Und wir müssen schwere Rechenschaft dafür geben, daß wir ihnen das Wort Gottes nicht vorlegen. Es geschieht ihnen, wie Jeremias Klagelieder 2,11 f. sagt: „Meine Augen sind vom Weinen müde geworden, meine Eingeweide sind erschrocken, meine Leber ist ausgeschüttet auf die Erde um des Verderbens willen der Tochter meines Volkes. Als die Jungen und Kindlein auf allen Gassen der ganzen Stadt verdarben, sprachen sie zu ihren Müttern: ‚Wo sind Brot und Wein.‘ Und sie verschmachteten wie die Verwundeten auf den Straßen der Stadt und gaben den Geist auf im Schoße ihrer Mutter.“ Diesen elenden Jammer sehen wir nicht, wie jetzt auch das junge Volk mitten in der Christenheit verschmachtet und erbärmlich verdirbt aus Mangel am Evangelium, das man mit ihnen immer lehren und einüben sollte.

Wir sollten auch, wenn die hohen Schulen in der Heiligen Schrift fleißig wären, nicht jedermann dahin schicken – wie es jetzt geschieht, wo man nur nach der Menge fragt und ein jeder einen Doktor haben will sondern nur die Allergeschicktesten, die vorher in den kleinen Schulen gut erzogen worden sind. Darauf sollte der Fürst oder [462] der Rat einer Stadt acht­geben und nicht zulassen, andere als gut Geeignete zu senden. Wo aber die Heilige Schrift nicht herrscht, dorthin rate ich für – wahr niemandem, sein Kind zu tun. Es muß alles verderben, was sich nicht um Gottes Wort ohne Unterlaß bemüht. Darum sehen wir auch, was für ein Volk in den hohen Schulen heran­wächst und ist. Das ist niemandes Schuld als des Papstes, der Bischöfe und Prälaten, denen solcher Nutzen des jungen Volkes anvertraut ist. Denn die hohen Schulen sollten lauter in der Heiligen Schrift hochverständige Leute erziehen, die Bischöfe und Pfarrer werden sowie an der Spitze wider die Ketzer und Teufel und alle Welt stehen können. Aber wo findet man das? Ich habe große Sorge, die hohen Schulen sind große Pforten der Hölle, wenn sie nicht fleißig die Heilige Schrift lehren und voranbringen in das junge Volk.

WA 6, 457-462.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, Bd. 2: Glaube und Kirchenreform, bearbeitet von Helmar Junghans, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1983, 106-112.


[1] Thomas von Aquino (1225-1274) und Johannes Duns Scotus (um 1270 bis 1308) begründeten die scholastischen Schulen der Thomisten und Scotisten.

[2] Die Werke des Römers Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) wurden von den Humanisten als Vorbild für eine gute lateinische Rede studiert.

[3] Grundsätzlich päpstliche Schreiben mit bindenden Entscheidungen, besonders aber Rechtsentscheidungen und Rechtsfestsetzungen des 12. bis 14. Jh.

[4] Nach einer Äußerung des Papstes Bonifatius VIII. (1294-1303) von 1301 hat der Papst das gesamte Recht im Schrein des Herzens.

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