Karl Rahner, Ostern – oder: Was Hoffnung vermag: „Der Ungläubige müßte sich eigentlich freuen, daß sein glaubender Bruder hofft zu glauben, selbst wenn er solchen Glauben als die wunder­barste Illusion meint interpretieren zu müssen, aber dabei hoffentlich sich nicht einbildet, sein Unglaube sei das Gewisseste und Verläßlichste.“

Ostern – oder: Was Hoffnung vermag

Von Karl Rahner

Die Hoffnung kann sich durch nichts endgültig begrenzen lassen, wenn sie ihr eigentliches Wesen nicht verleugnen will. Dort aber, wo sie ist und das eine Ganze des Menschen trägt, von sich weg trägt auf das Geheimnis hin, das wir Gott nennen, da kann sie, da müßte sie – auch an die Auferstehung Jesu glauben, wenn sie ihn kennt und wenn sie sich nicht unter Auferstehung etwas vorstellt, was gar nicht wahrhaft zum Inhalt des christlichen Osterglaubens an die Auferstehung Jesu gehört.

In der Liturgie der orthodoxen Kirche (vorausgesetzt, daß nicht auch sie in einem spießig gewordenen Ritualismus verdorben ist, den wir nur zu oft bei uns kennen, durch die je eigene Schuld freilich) umarmen sich die Gläubigen in der Osternacht unter Tränen und Jubel zugleich: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden. Man kann es nicht organisieren und liturgisieren: aber in der Osternacht sollten die Glaubenden (d.h. die, die zu glauben meinen und hoffen, es aber von sich auch nicht so genau wissen) und die «Ungläubigen» (d.h. die, die meinen, solchen Osterglauben nicht zu haben) sich gegenseitig umar­men als die trotz allem und gegen alle Hoffnung gemeinsam Hoffenden. Der Ungläubige müßte sich eigentlich freuen, daß sein glaubender Bruder hofft zu glauben, selbst wenn er solchen Glauben als die wunder­barste Illusion meint interpretieren zu müssen, aber dabei hoffentlich sich nicht einbildet, sein Unglaube sei das Gewisseste und Verläßlichste. Und der Glaubende müßte seinem ungläubigen Bruder doch zu sagen den Mut haben (indem er betet: ich glaube, Herr, hilf meinem Unglau­ben): Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden. Und er dürfte hoffen, er müßte dabei hoffen, daß dieser ungläubige Bruder eben doch ein Glaubender ist in der Hoffnung schlechthin, die in Freiheit unbedingt angenommen ist. Der christlich Glaubende darf gewiß die Forderung, auch ausdrücklich zu glauben, die allen gilt, nicht unter­schlagen. Aber in der Osternacht sollte er sich vor allem einmal darüber freuen, daß Jesus auch schon in der innersten Mitte vieler auferstanden ist, die hoffen, ohne sich sagen zu können, was damit – nämlich eigentlich alles – schon gesagt ist.

Quelle: Karl Rahner, Wagnis des Christen. Geistliche Texte, Freiburg: Herder, 1974.

Hier der Text als pdf.

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