Albrecht Goes, Verborgene Herrlichkeit (zu Jesu hohenpriesterliches Gebet nach Johannes 17): „Die Kraft der Mittlerschaft ist da, die Zugbrücke ist niedergelassen, die Gotteswelt ist nahe; der Stellvertreter ist da, der, dessen Rücken frei ist, fremde Last zu tragen, der Stellvertreter, der es nicht, wie sonst ein Stellvertreter, nur eben notdürftig macht, der vielmehr es gut macht für alle und in allem.“

Verborgene Herrlichkeit

Von Albrecht Goes

Zweimal im Jahr geschieht es, daß weltliches und geistliches Jahr einander deutlich entgegen sind: wenn die Welt Abschied nimmt von Farbe und Sonnenlicht, dann feiert die Kirche Advent: Ankunft und Neubeginn; und wenn die Welt in den Frühling schaut, dann sieht das Auge der Gemeinde auf die Passion Christi. So vom Sichtbar-Vor­handenen weg auf das Unsichtbare gewiesen, buchstabiert Christen­heit das Geheimnis von der «Verborgenen Herrlichkeit», von der das große Gebet des abschiednehmenden Herrn – Johannes im Siebzehn­ten auf gezeichnet – erfüllt ist.

Schon vom Zwiegespräch unter Menschen gilt, daß nur der kleinste Teil für einen Dritten wirklich verständlich sein kann; alles Wesentliche bleibt im Verborgenen; erst recht gilt dies für das Gebet, die Zwiesprache des Menschen mit dem ewigen Gott, und wie ganz gilt es für das Gespräch des Sohnes mit dem Vater. Dieses Wort ist wie ein großer Teppich vor dem Allerheiligsten: was uns zugewandt ist, kann nur die Rückseite sein, die rätselhafte Fülle der Nähte und der Verknüpfungen; die aber ist uns zugewandt, und wie die Jünger das Wort des heimkehrenden Sohnes gehört haben – «Ich habe dei­nen Namen offenbart den Menschen», «Ich habe vollendet das Werk», «Die du mir gegeben hast: ich habe sie bewahrt», «Sie haben dein Wort behalten», «Sie sind dein» –, so hören wir auf diese Worte und erfahren durch sie, was in der Welt sein wird, solange Welt Welt ist: verborgene Herrlichkeit wird sein.

Und das ist: der Widerspruch wird bleiben, das immerwährende «Aber», das, je nachdem man den Aussagesatz beginnt, ein Aber der Trauer oder des Vertrauens heißt.

Bleiben wird: der rätselhafte Gott. «Alles, was da ist, das ist ferne und sehr tief; wer wirdʼs finden?» steht im alten Buch des Predigers, und das heißt: niemand wird am Menschen auslernen. Niemand wird erfahren, was alles in ihm möglich ist, gleichzeitig: das Böseste und das Beste, Taten der Liebe und Werke der Zerstörung. Und: niemand wird Gottes erbarmungsvolle und furchtbare Gegenwart enträtseln: die Güte seines Gewährens, die Gewalt seiner Zulassungen, sein ver­nehmliches Reden, sein unbegreifliches Schweigen. Aus der Wüsten­nacht der Welt, in der wunderbare Bewahrung und täglich-neue Ge­fährdung wechseln – nach welchem Sinn, welchem Plan? –, ruft die menschliche Seele, die nach Eindeutigkeit verlangende, immer mit Moses Stimme ruft sie: «Laß mich deine Herrlichkeit sehen!» Wird ihr Antwort zuteil? Ja. Diese Antwort: «Siehe, es ist ein Raum bei mir; da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn denn nun meine Herr­lichkeit vorübergeht, will ich dich in der Felskluft lassen stehen und meine Hand ob dir halten, bis ich vorübergehe. Und wenn ich meine Hand von dir tue, wirst du mir hinten nach sehen: aber mein An­gesicht kann man nicht sehen.» So wird geantwortet, und weiter als bis zu diesem «Nachsehen» gelangen wir nicht.

Und doch: «Ich habe deinen Namen offenbart.» Das Väterliche, die lebenzeugende, ordnende, bewahrende Macht des Väterlichen, sie ist eingestiftet in diese Welt. Psalter und Prophetie haben begonnen, sie zu sehen, Jesus hat sie mit neuer Stimme bezeugt, und wir wagen, auf sein Zeugnis hin, zu glauben, daß «dennoch und trotzdem ein gütiger Vater / So gewaltig als gütig, so groß als grausig / Diese kleine wankende Erde regiere: / Daß wir Staub sind von Ihm / Und doch seinesgleichen / Doch ein Teil von Ihm / Seines Geistes ein Hauch–». Eine Erinnerung an die Kindheit wird lebendig: wie die wunderbare alte Frau, sonst so scheu und sparsam mit allem geistlichen Wort, am Bett des Knaben mit einer innigen Festigkeit Lavaters Abendstrophe sprach: «Vater! dieser Namʼ erweitert / Jede Brust voll Angst und Schmerz / Wie der Mond die Nacht erheitert / Bringst Du Ruh in jedes Herz –»: die Welt, immer im Dunkeln liegend, war auch da­mals Kriegs weit, und das Kind konnte nicht an ihr vorbei leben. Aber aus der Nachtstunde – und viel mehr aus dem Leben der Beterin, die mit diesen Strophen zu leben und zu altern vermochte, kam eine große Klarheit, das Licht eines Kinderglaubens, der Zukünftiges er­hellt: «wie der Mond die Nacht erheitert …»

Und bleiben wird: das Rätsel der Passion Christi. Nicht nur dies: daß die Stunde des Kaiphas, des Pilatus, die Stunde der Kriegs­knechte, des Verrats und der Verleugnung in der Welt war, auch nicht nur dies: daß sie in der Welt ist als die Stunde unsrer Leidens­scheu, unsres Widerstands, unsrer Gleichgültigkeit, unsrer Flucht, unsrer Grausamkeit gegen das leidende Leben, als der Triumph des Teuflischen unter uns. Die Passionsbilder des Malers Georges Rouault, die mitten in unsrer Zeit gemalten, warum gehen sie uns so bedrohlich an? Weil sie immer aufs neue dies eine zu sagen scheinen: daß es in der Welt ist, als wäre jener erste Tod unfruchtbar gewesen, als hätte er uns alle nicht in die Scham gewiesen, in das Erschrecken und Zögern hinein. Nicht nur dies; sondern mehr noch das Rätsel, das uns anfällt wie ein Feind: muß es denn so sein, daß «ein Mensch sterbe für das Volk»? Ist das ins Grundgefüge so eingemauert als die Wahrheit vom Opfer, was einer, die Ohnmacht des Gekreuzigten ver­höh­nend, aussprach: «Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen …» Kann er am Ende wirklich nicht?

Aber: «Ich habe vollendet das Werk.» Das ist das Wort der Voll­macht und des Sieges. Und heißt: das Werk ist in der Welt, wie der Wirkstoff im Teig, es ist nicht mehr aus ihr hinaus zu denken. Das Werk der großen Verwandlung: daß die Sicheren unsicher werden, weil dieser Eine sie stört, die Erschrockenen aber getrost, weil dieser Eine sie kennt, die Unruhigen ruhig, weil dieses «Kommet her» ge­sagt ist, und die Schuldigen getrost, weil «die Liebe der Sünden Menge deckt». Die Kraft der Mittlerschaft ist da, die Zugbrücke ist niedergelassen, die Gotteswelt ist nahe; der Stellvertreter ist da, der, dessen Rücken frei ist, fremde Last zu tragen, der Stellvertreter, der es nicht, wie sonst ein Stellvertreter, nur eben notdürftig macht, der vielmehr es gut macht für alle und in allem.

Für alle. Für wen? Für die kleine Schar, die der Abschiednehmende bei sich hatte, und für die große Schar, die im Gang der Ge­schichte heranwuchs. Wer sind sie? Wie sind sie? Wir kennen sie; wir kennen uns ein wenig. Einfältige Weisheit sollte unser Teil sein: wie ist so viel absichtsvolle Klugheit daraus geworden? Feuer war ent­zündet – und wie sind wir in den Fanatismus geraten? Die Wohnung der Liebe war gemeint, nicht die starre Mauer des Rechts. Kann man von Herrlichkeit reden, wenn man von den Christen spricht?

Und doch: «Sie haben behalten.» Sie können bewahren. Sie kön­nen das Anvertraute festhalten, wie Kinder den Taler, den man ihnen in die Hand gibt, festhalten, so daß von ihrem Dasein in der Welt eine Ahnung von Helligkeit und Heiterkeit und Freiheit ausgeht, noch immer ausgeht. Sie bewahren; sie sind bewahrt. Sie haben – um des Vaters willen – das Kinderrecht der Spiele und des Vertrauens, auch der klarbegrenzten Aufgabe, wie Väter sie den Kindern zumuten, den Kindern, die sie kennen; sie haben, da einer, Christus, ihr Meister ist, als die Gesellen das Recht, nur eben ein Bruchstück zuwege zu bringen, und die Freude, lernen zu dürfen. Und sie sind, da der Eine sich nicht schämt, sie Brüder zu heißen, mit dem Zeichen einer Zusammengehörigkeit gesegnet, von der sie wissen: daß sie nicht bei ihnen begann – und nicht mit ihnen zu Ende geht.

Wie lesen wir, Jesaja im Zweiunddreißigsten: «Daß mein Volk in Häusern des Friedens wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe.» Ist das unser Teil: die offene Herrlichkeit? Dies noch nicht. Aber dann lesen wir weiter: «Der Gott der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einerlei gesinnt seid untereinander»: das ist der siebenfarbige Bogen des Friedens über den Wetterwänden aller Welt. Die ihn aufgerichtet sehen, die vertrauen: nicht auf den Triumph vor aller Welt. Doch: daß sie bewahrt sind, wo sie bewah­ren. Und noch wo sie nicht bewahren, nicht sich und nicht das an­vertraute Gut –: daß sie, um der verborgenen Herrlichkeit, der stellvertretenden Liebe willen, in alle Ewigkeit doch nicht gar zerbrochen werden.

Quell: Albrecht Goes, Worte zum Fest, Furche-Bücherei Nr. 173, Hamburg 1959.

Hier der Text als pdf.

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