Leonhard Ragazs Predigt zu Markus 10,35-45 (1906): „Ein Pfarrer soll alle seine Kraft, all sein Denken und Fühlen in den Dienst der Ge­meinde stellen, aber ihr dienen nicht bloß wie sie will, sondern wie sein Gewissen will. Er dient ihr vor allem mit der Wahrheit. Er dient ihr oft am besten auf eine Weise, die ihr unbequem ist. Wir sind nicht Menschendiener, sondern Diener Gottes – gerade als Pfarrer.“

Predigt zu Markus 10,35-45

Von Leonhard Ragaz

Ich habe in meiner letzten Predigt, wie vielleicht einige von euch wissen, mit allem Nachdruck betont, daß wir, wenn Gottes und der Menschen Sache vorwärts gehen solle, vor allem wieder starke Seelen nötig hätten, Menschen mit tiefen Wurzeln. Herzenskraft, Innigkeit und Treue des Erlebens, die, in sich zusammengeschlossen zum Diamant der sittlichen Persönlichkeit und gegründet in Gott, dem Hort der Seele, der Welt einen Damm entgegensetzen könnten, woran ihre Fluten sich brechen müßten, und so Gottes Sache zum Siege tragen. »Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?« Wir hatten uns damit gegen unsere Zeit gewendet mit ihrem Massengeist, ihrer Unstetigkeit des Gefühls, ihrer Überfülle der Eindrücke und der aus alledem folgenden Wurzel­schwäche ihres Seelenlebens, hatten aber gerade damit doch wieder in unserer Art einen echt modernen Ton angeschlagen, einen Ton, der manchem wohl nur halb evangelisch klang. Und es war auch nur ein erstes Wort, dem das zweite, ergänzende folgen sollte. Heute nun geht unser Weg weiter. Nach welcher Richtung? Der Punkt, auf dem wir angelangt sind, ist also, wir wiederholen es. das Recht und die Macht der einzelnen, der in sich selbst zusammengeschlossenen Seele, gegenüber der Welt. Es ist eine einsame Höhe, auf der wir stehen. Von hier führen nun zwei Wege weiter. Der einzelne kann sich dauernd auf sich selbst zurückziehen, sich in stolzer Selbstgenügsamkeit gegen die Masse abschließen und den Genuß seines überlegenen Selbst durch Ver­achtung der Vielzuvielen würzen. Das ist der Weg des Ich. Ihn gehen nicht nur die wirklichen oder vermeintlichen Jünger Nietzsches, sondern auch die Vertreter eines gewissen Christentums, das Frömmigkeit und aristokratischen Dünkel vereinigen zu können glaubt. Dieser Weg soll nach der Meinung derer, die ihn gehen, noch weiter aufwärts führen. Ich fürchte aber, er führe nur in die Nebel hinein; was sie für höhere Gipfel halten, seien Wolken, die aus dem Dunst der Erde gebildet sind, und auf Wolken ist nicht gut wandeln. Der andere Weg aber führt wieder ab­wärts und erscheint so von vornherein als der bescheidenere; aber es ist Gottes Weg. Er führt zu den Brüdern und bringt so den einzelnen zur Gemeinschaft zurück. Er ist in der Isolation auf Gott und die Seele nun erst recht fähig geworden, den Menschen etwas zu sein; seine Kraft tritt nun in ihren Dienst. Damit haben wir die Ergänzung gefunden, die wir suchten; wir haben den anderen Pol des Evangeliums erreicht. Denn wenn der eine Gotteskindschaft heißt, also unendlicher Wert der ein­zelnen Seele, königliche Freiheit und Hoheit, so heißt der andere Bruderschaft, also Gemeinschaft, Liebe, Hilfe. Nun sind wir wirklich im Herzen des Evangeliums. Und nun stoßen wir auf ein seltsames Wort: »Wer unter euch groß sein will, der sei aller Diener, und wer unter euch der erste sein will, der sei aller Knecht.« Und gerade dieses Wort vom Dienen ist nun der konzentrierteste Ausdruck aller Forderungen Jesu; es ist die zarte, herrliche und zugleich so seltsame Blüte des Evangeliums. So steht in seinem Mittelpunkt ein Rätsel, eine göttliche Paradoxie, etwas, worauf die Welt nie und nimmer gekommen wäre. Das Christen­tum, das die Menschen zu Söhnen und Töchtern Gottes erhebt, wird mit plötzlichem Umschlag die Religion des Dienens. Sofort erhebt sich denn auch um dieses zentrale Wort des Evangeliums ein ganzer Wirbel von streitenden Ansichten. Lassen wir sie zu Worte kommen.

Wir hören zunächst viele Stimmen des Beifalls. »Es freut uns«, rufen sie uns zu, »daß wieder einmal vom Dienen geredet werden soll. Das haben die heutigen Menschen nötig. Denn niemand will mehr dienen. Einst galt es den Menschen als Ehre und Freude, einen Herrn zu haben, dem man dienen könne; jetzt ist es ihr höchster Stolz, keinen Herrn zu haben. Sie tragen ja Standarten umher mit der Aufschrift: Keinen Herrn und keinen Gott! Darum ist in der Welt überall soviel Auflehnung gegen die Obrigkeit und die Arbeitsherren, soviel Widersetzlichkeit, an­spruchsvolles Wesen, wie sie sich am deutlichsten in den beständigen Streiken der Arbeiter und in der Dienstbotennot offenbaren.«

So die beifälligen Stimmen. Es tut mir leid, ihnen eine Enttäuschung bereiten zu müssen. Ich muß ihnen sagen: Das Dienen, das ihr meinet, hat mit dem des Evangeliums nichts zu tun. Dieses hat einen viel allgemeineren Sinn; es bedeutet nur, daß wir mit dem, was wir sind und haben, uns nicht selbstisch abschließen, sondern damit den Brüdern an Leib und Seele helfen sollen. Von Herrin und Magd oder Unternehmer und Arbeiter ist hier nicht von ferne die Rede. Nicht um ein Lohnver­hältnis oder eine andere durch Vertrag und Recht geregelte soziale Beziehung handelt es sich, sondern um eine freie Gabe der Person. Es wird auch keineswegs gesagt, daß ein bestimmter Stand dienen und ein anderer herrschen solle, also die unteren Klassen dienen und die oberen herrschen. Das ist Aristokratismus, patrizische oder meinetwegen patriarchalische Weltauffassung, aber nicht Evangelium. Das Dienen des Evangeliums ist ein gegenseitiges; mit Herrschen und Gehorchen hat es nichts zu schaffen, da alles eine Sache der Freiheit ist. Es ist Zusam­menwirken, Einstehen füreinander, wechselseitiges Helfen und Tragen, es ist der tiefste und paradoxeste Ausdruck dessen, was man heutzutage Solidarität nennt, was im neuen Testamente aber viel schöner Bruder­schaft heißt. Wenn aber doch von den einen mehr verlangt wird, als von den anderen, so geschieht es gerade umgekehrt wie bei den patriar­chalischen Befürwortern des Dienens. Nicht die Schwachen sollen den Starken, nicht die Geringen den Mächtigen dienen, sondern umgekehrt, die Starken den Schwachen, die Mächtigen den Geringen. »Ihr wisset, daß die Herrscher die Völker tyrannisieren und ihre Großen sie vergewaltigen (das ist die genaue Übersetzung), aber so soll es unter euch nicht sein«, sagt Jesus. Das ist so sehr der offenbare Sinn des Evangeliums, daß ich davon gar nicht weiter zu reden brauche. Es heißt nicht: »Eure Diener sollen ihre Ehre finden im Gehorsam gegen ihren Herrn«, sondern: »Wer unter euch groß sein will, der sei aller Diener.« Das Evan­gelium ist in diesem Sinne durch und durch demokratisch. Jesus hat diesen Sinn des Dienens nach der bekannten Erzählung des Johannesevangeliums selbst dadurch erläutert, daß er seinen Jüngern die Füße wusch – merket es wohl, ihr aristokratisch-patriarchalischen Christen, nicht hat er sich von den Jüngern die Füße waschen lassen, auf daß sie recht dienen lernten, sondern hat sie selbst ihnen gewaschen, weil er der Große war und sie die Kleinen.

Es kann sich also niemand für die Erhaltung patriarchalischer Verhältnisse auf Jesus berufen. Im Gegenteil wird gerade ihre Auf­lösung einen Fortschritt des Geistes Jesu in der Menschheit bezeichnen. Ich bitte euch aber, mich nicht falsch verstehen zu wollen: Gewiß bin ich damit einverstanden, daß auch jenes äußerliche Dienen als Knecht und Magd durchaus schön und ehrenvoll war und ist. Eine treue Magd, die ein halbes oder ganzes Leben lang in der gleichen Familie diente, ihre Kinder und Kindeskinder auf den Armen trug und unter ihrem Dache entschlief; ein Angestellter, der Jahrzehnte im gleichen Geschäfte tätig war, beide mehr Freunde und Familienglieder geworden als Untergebene – das ist und bleibt ein rühmliches und rührendes Bild. Es gehören dazu ja auch entsprechende Herren und Arbeitgeber. Aber das sind nur noch Rückstände einer vergehenden Zeit. Es fehlen dazu immer mehr die notwendigen Vorbedingungen. Die Menschen waren früher viel mehr als Menschen miteinander verbunden. Man arbeitete zusam­men, freute sich und litt miteinander, fühlte sich füreinander verantwort­lich. Die Unterschiede der Lebenshaltung waren nicht so groß. Man war verbunden durch die Arbeit und verbunden in Geistesgemeinschaft, vor allem im Gottesglauben. Das Dienen konnte leichter als Gottesdienst aufgefaßt werden. Aber wie steht es heute? An Stelle der Beziehung des Menschen zum Menschen ist überall ein fachliches Verhältnis getreten, der Vertrag, der Lohn, sagen wir es kürzer: das Geld; an Stelle Gottes das Kapital. Der Arbeitgeber kennt sehr oft seinen Arbeiter nicht persönlich, fühlt sich für ihn nicht verantwortlich, sorgt in seinen alten Tagen nicht für ihn, sondern entläßt ihn, wenn seine Arbeitskraft abnimmt. Viele ehrenvolle Ausnahmen gibt es – ich kenne selbst solche – aber das Wesen der modernen Verhältnisse ist anders geworden. Und darum ist es mit dem alten Dienen dahin. Es spricht nicht gegen die Menschen, daß sie nicht mehr in der alten Weise dienen wollen. Man kann wohl in Demut und Treue Gott dienen und in Gott den Menschen, aber dem Gelde und seinen Ansprü­chen? Es hat das Schöne und Traute der alten Zustände zersetzt, es klaget an. Und nun ist eben ein neuer Geist über die Menschen gekommen. Allgewaltig hat er in Höhen und Tiefen die Herzen ergriffen. Es ist der Geist der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit des Evangeliums. Die Menschen wollen selbst etwas sein und darnach behandelt werden. Sie wollen als Menschen mit den Menschen verkehren und zwar als gleichberechtigte Persönlichkeiten. An Stelle der alten patriarchalischen Abhängigkeit bloß des einen vom anderen, soll ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit in Freiheit treten. Dieser Zug kommt von Gott. Wer ihn nicht begreift, tut den Menschen Unrecht und mißversteht Gottes Walten. Gewiß bringt er, wie alles Neue, viel Gefahr und Mißbrauch mit sich, aber er wird doch die Beziehung von Mensch zu Mensch auf eine höhere Stufe führen. An Stelle der Abhängigkeit der einen Klasse von der andern wird eine Gemeinschaft Gleichberechtigter und Gleichwertiger treten.

In diesem Sinne werden sich unsere entsetzlich entarteten sozialen Verhältnisse umgestalten, ja, wir sind schon mitten in dieser Umgestal­tung drin. Jener Gebieterstandpunkt der Arbeitgeber, der da spricht: »Ich will Herr, d. h. unbeschränkter Herr, in meinem Hause sein«, ist weder christlich, noch den Verhältnissen angemessen. Denn was ist er, was kann er ohne die Arbeiter? Ist Arbeit nicht ein noch wichtigerer Faktor als Kapital? Es ist gut, daß der Arbeiter Rechte bekommen hat und immer mehr bekommt. Aber über das Recht und den Kampf ums Recht, der unsere Zeit durchtobt und die Gemüter so schrecklich verbittert, sollten wir allmählich auf eine höhere Stufe gelangen zu einem neuen, nun aber gegenseitigen Dienen. Arbeiter und Vorgesetzter sollten allmählich wieder freie, gleichwertige Glieder einer Gemeinschaft werden, die nicht nur eine Gemeinschaft der Arbeit, sondern auch des Geistes wäre. Ein leuchtendes Beispiel dafür hat jener Professor Abbe in Jena gegeben, der als genialer Gründer und Leiter eines weltberühm­ten Geschäftes auf den Alleinbesitz desselben verzichtete, sich nur die Leitung und ein Gehalt vorbehielt, das Geschäft aber der Arbeiter­gemeinschaft abtrat, die als eine Republik an der Leitung mitwirkt und am Gewinn teilnimmt, überhaupt in jeder Beziehung eine erfreuliche und gesicherte Existenz besitzt. Zugleich fließt ein Teil des Gewinnes der Öffentlichkeit für Zwecke der Bildung und Volkswohlfährt zu und hat schon Herrliches geschaffen. Sehet, dieser Mann, der den Christen­namen ablehnte, hat Jesus besser gehorcht, als sehr viele fromme Kirchenleute. Sein Werk beruhte auf Voraussetzungen, die nur selten vorhanden sind, es ist aber doch eine Verheißung kommender Entwick­lungen. So können wieder Bande der Liebe und Treue, der Pietät und Dankbarkeit, der Frömmigkeit und Menschlichkeit zwischen Mensch und Mensch entstehen.

So muß das alte patriarchalische Dienen vergehen, aber nur, um auf der Stufe evangelischer Solidarität herrlicher wiederzuerstehen. Dieses Dienen wird die ganze Welt umgestalten, Ehre Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen schaffen. Zu ihm lasset uns emporstreben. Alle Auflösung, aller bittere und wüste Kampf der Gegenwart bedeutet nur den schweren Durchgang zu dieser höheren Menschengemeinschaft, wo nicht mehr jeder für sich steht, oder einer gegen den anderen, sondern einer für den anderen, wo man sich nicht mehr knechtet und ausbeutet und sich auch nicht mehr auflehnt und empört, sondern Schulter an Schulter, in Freiheit und gegenseitiger Achtung den Kampf gegen die Nöte der Erde führt, für den Sieg des Guten und die Erlösung und Beglückung aller Brüder und Schwestern.

Nun ist es aber hohe Zeit geworden, auch dem Widerspruch das Wort zu geben. Wenn das Wort vom Dienen die einen sofort sympathisch berührt, so hat es für andere etwas Abstoßendes. Ich denke dabei nicht an die Übermenschen. Sie werden natürlich damit ihren Spott haben. »Dienen, dienen, ja das ist das rechte Christentum; es zeigt deutlich, daß dieses eine Sklavenreligion ist. Unser Ziel aber sind nicht Sklaven, sondern Herrenmenschen. Möget ihr also euren Rücken beugen, soviel euch beliebt, wir freuen uns an Stolz und Freiheit eines endlich aller entmannenden Rücksichtelei entronnenen Ich. Die Welt, das bin ich.« Aber auch Menschen, die Jünger Jesu sein möchten, können sich mit dem Wort vom Dienen nicht recht befreunden. Es liegt ihnen etwas Knechtisches, Unterwürfiges drin, das ihnen in der Seele zuwider ist. Sie hoffen aber, als Jünger Jesu aufrechte und ehrliche Menschen sein zu können; sonst müßten sie von ihm gehen, so weh es ihnen täte. Die Art, wie dieses Dienen im landläufigen Christentum verstanden wird, hat ja wirklich etwas Knechtisches. Man versichert unaufhörlich, daß man nur dienen wolle und ja nicht herrschen, man setzt eine Miene der Sanftmut und ewig lächelnden Freundlichkeit auf, und treibt doch eitel Heuchelei. Denn man will unter der Maske des Dienens doch herrschen. Das ist pfäffische Art. Bei dieser Art von Demut fällt einem allerdings die spöttische Verdrehung eines Jesuswortes ein: »Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden.« (Nietzsche) Aber wie denn, steht nicht das Wort vom Dienen doch deutlich da?

Gewiß steht es da, antworten wir, aber diese widerliche Auslegung verhält sich zu seinem echten Sinn, wie Talmi zu wirklichem Gold. Man verstehe doch, daß dieses Wort vom Dienen eine jener Paradoxien ist, die Jesus liebt, um so recht grell den Widerspruch zwischen seiner Auffassung der Dinge und der gewöhnlichen zu zeigen. Es ist plump und töricht, sie wörtlich zu fassen. Dieses Wort vom Dienen ist gerichtet gegen selbstisches Machtgelüste, das in der Beherrschung und Ver­gewaltigung anderer seine Größe sucht, daher seine zugespitzte Form, aber mit kriecherischer Unterwürfigkeit und Talmidemut hat es nichts zu tun. Es tastet die königlichen Rechte der Gotteskindschaft nicht an. Das beweist uns Jesus selbst, der doch immer der beste Ausleger seiner Worte ist. Wo zeigt sich an ihm je Unterwürfigkeit, ängstliches Entgegenkommen gegen die Wünsche der Menschen? Seine Haltung ist königlich, ja manchmal schroff, herrisch, abweisend. All sein Tun steht ja im Dienste der Menschen, ist auf ihre Erlösung, auf Hilfe und Heil für sie gerichtet, aber es ist eine freie Gabe von Gott, die er ihnen bringt; er geht seinen eigenen Weg und dient ihnen vor allem mit dem, was die Menschen am meisten bedürfen und am wenigsten leiden mögen, mit der Wahrheit. Darum wollen wir allen Staub des Knechti­schen vom Evangelium wegfegen. Es bleibt auch hierin eine freie, männliche, königliche Sache. Wir lehnen alle falschen Zumutungen ab. Besonders an uns Pfarrer tre­ten solche oft genug heran. Wir heißen ja ausdrücklich Diener des Evangeliums, ministri verbi divini. Das verstehen nun wirklich viele so, als ob wir nun die gehorsamen Diener der Leute sein sollten, immer bereit, den an uns gestellten Anforderun­gen zu entsprechen, auch wenn sie gegen unsere Überzeugung und gegen den Geist Jesu gehen, immer sanft und nachgiebig, ja nie schroff; daß wir sorgfältig auf den Wegen gehen, die man uns anweist und das leisten, was die Gemeinde wünscht. Denn wir sind Diener. Leider Gottes hat diese Auffassung des Dienens das Pfarramt nur zu sehr verdorben. Der Konkurrenzkampf der Parteien, verbunden mit den besonderen Verhältnissen der großstädtischen Gemeinden, hat dem Pfarrertum nur zu sehr den Rücken gebeugt. Aber Jünger Jesu sind wir darin nicht. Und das soll wieder einmal gesagt werden: Ein Pfarrer soll alle seine Kraft, all sein Denken und Fühlen in den Dienst der Ge­meinde stellen, aber ihr dienen nicht bloß wie sie will, sondern wie sein Gewissen will. Er dient ihr vor allem mit der Wahrheit. Er dient ihr oft am besten auf eine Weise, die ihr unbequem ist. Wir sind nicht Menschendiener, sondern Diener Gottes – gerade als Pfarrer.

Aber wenn wir auf diese Weise auch alles Knechtische aus dem Dienen Jesu entfernt haben, bleibt uns doch noch eine letzte ernste Auseinandersetzung übrig. Es bleibt doch bestehen, daß auch dieses Dienen den natürlichen Neigungen des Menschenherzens keineswegs entspricht. Diese kommen vielmehr zum Ausdruck in der naiven Bitte, die in der Geschichte, die wir vernommen haben, Johannes und Jakobus an den Herrn richten: daß sie zur Rechten und zur Linken sitzen dürften in seinem kommenden Reiche. Das Menschenherz mag lieber herrschen als dienen. Das Ich setzt sich gern auf einen Thron. Wir sind von Natur selbstisch. Die Konzentration aller selbstischen Neigungen in uns ist der Drang nach Macht. Dieser Naturdrang des menschlichen Willens findet seinen vollendetsten Ausdruck in den Worten des Verkündigers der Herrenmoral: »Was ist gut? – Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht. Was ist schlecht? – Alles, was aus Schwäche stammt. Was ist Glück? – Das Gefühl daran, daß die Macht wächst.« Wer von uns hätte nicht erfahren, wie süß es ist, herrschen, sich durchsetzen zu können, wie bitter, sich zu überwinden? – Das ist jener Weg, der nach oben zu führen scheint, zu stolzeren Höhen.

Aber er führt nur in die Wolken und damit zur Enttäuschung und Bankrott. Auf diesem Wege gelangst Du doch nicht zur wahren Menschengröße. Du wirst nicht wirklich frei, sondern erst recht gebunden. Denn wer Macht und Herrschaft will, braucht dazu die Menschen, er ist abhängig von ihrer Anerkennung, ihrem guten Willen, ihren Anforderungen. Er ist abhängig vom eigenen Ich, und das ist ein schlimmer Herr. Und daß es auf diesem Wege für die Menschenseele kein echtes Glück gebe, haben alle großen Seelen bezeugt, die ihn gegangen sind. Es muß eine Grundordnung Gottes sein, daß der Mensch in selbstischer Abgeschlossenheit nicht zum Frieden kommen kann, daß er diesen vielmehr erst findet, wenn er sich in ihre Gemeinschaft einordnet und damit einer Sache dient, die größer ist als er. Und auch darin stimmen alle überein, die das Menschenherz erkannt haben, daß Freiheit und damit wahre Macht uns nicht aus der Stillung unserer Wünsche kommt, sondern aus ihrer Überwindung. Denn diese macht frei von uns selbst, und das ist allein Freiheit. Es ist auch Macht, und im Grund ist der Drang nach Macht nichts anderes, als die Sehnsucht nach dieser inneren Macht, nach Selbstmächtigkeit. Darum ist das Dienen doch das Größte und Köstlichste. Das hat eigentlich auch der Verkündi­ger des höheren Menschentums anerkannt, indem er von seinen Jüngern die schenkende Tugend verlangt. Denn was ist Dienen anderes als ein Schenken des eigenen Selbst? Schenken ist doch vornehmer als Geizen. Wer sein Ich so sorgfältig zusammenhalten muß, daß er nichts für die Brüder hat, daß es ihn nicht zu schenken treibt, muß ein recht arm­seliges Ich haben. Darum sind jene angemaßten Herrenmenschen die Kleinen, Armen, Schwa­chen, aber die Schenkenden und Dienenden die wahrhaft Großen, Reichen, Mächtigen. Ihr Tun ist ein wahrhaft freies. Nun frägt man nicht mehr bloß nach dem Eindruck auf die Menschen, dem Erfolg und zu gewinnendem Einfluß, sondern tut aus innerem Antrieb der Seele, was man tun will und muß. Das ist wahrhaft vornehme Art; denn vornehm sein, heißt doch, seinen Wert nicht außer sich suchen. Für diesen wahren Adel haben wir eigentlich alle ein unmittelbares Verständnis. So lange wir an einem Menschen noch Eitelkeit und Herrschsucht als mitbestimmende Beweggründe seines Handelns bemerken, können wir ihm noch nicht die volle Huldigung der Seele entgegenbringen. Aber wo uns an einem Menschen wortlose aufopferungsvolle Arbeit für die Mitmenschen begegnet, etwa an einer treuen Mutter, einer Krankenschwester, einem Lehrer oder Arzt, da beugen wir uns in Ehrfurcht; da erscheint das wahr­haft Ehrwürdige und Heilige. Darum ist größer als alle Helden des Schwertes und Geistes im Lorbeerschmuck er, der auf Golgatha aus Liebe starb. Ihm huldigen doch alle Herzen im stillen als dem König.

Dienen ist schenken und darum königlicher Art, ein Schenken des Herzens und des Gemütes. Aber um schenken zu können muß man selbst besitzen. Damit sind wir am Schlusse zur Quelle des Dienens gelangt. Wir können sie nur andeuten. Das Schenken des Gotteskindes, das wir Dienen nennen, ist Folge seines Empfangens von Gott. Unser eigen Herz ist dafür von Natur viel zu arm und selbstisch, und die Menschen machen es uns wahrlich nicht immer leicht, ihnen zu dienen. Darum muß das Gemüt aus tiefen Gründen gespeist werden, damit es vom Drang des Schenkens ergriffen werde. Die Erfahrung Gottes bricht das Eis der Selbstsucht; sein Gericht und seine Gnade machen demütig und gütig. Aus seinem unendlichen Leben wird das Gemüt mit jenem Überfluß gefüllt, der als Dienen abströmen muß. Gott verbindet uns so mit den Brüdern, daß wir ihm nicht recht dienen können, ohne zugleich ihnen zu dienen. Und wenn wir ihm recht nahe kommen, dann würdigt er uns der höchsten Ehre, die es in seinem Reiche gibt: uns ganz ihm und den Brüdern zu schenken, indem wir den Kelch Jesu trinken und mit seiner Taufe – dem Leiden – getauft werden.

Darum werden wir wieder ein freudiges Dienen erleben, wenn Gottes Glanz und Freude den Seelen wieder heller aufgehen. Dann werden jene adeligen, königlichen Menschen zahlreicher, die aus dem Überfluß, den sie empfangen, gerne schenken. Und so schließt denn der Gedanken­gang unserer letzten zwei Betrachtungen sich ab: In Gott stark gewor­dene Menschen gehen zu den Brüdern und helfen ihnen. So verbindet sich im Evangelium Gott und Mensch, Aristokratie und Demokratie, Stolz und Demut, Freiheit und Gebundensein, Persönlichkeitsrecht und Gemeinschaft – und das alles, und noch viel, viel mehr als wir heute sagen können, liegt beschlossen in seinem höchsten Wort, der göttlichen Paradoxie des Dienens! Amen.

Gehalten 1906 im Basler Münster.

Quelle: Leonhard Ragaz, Dein Reich komme. Predigten, Basel: Helbing & Lichtenhahn, 1909, S. 255-265.

Hier die Predigt als pdf.

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