Martin Luther, An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung (vollständiger Text): „Ich hoffe, daß der Jüngste Tag vor der Tür steht. Es kann und mag doch nicht ärger wer­den, als es der Römische Stuhl treibt. Gottes Gebot unterdrückt er, sein Gebot erhebt er darüber. Wenn das nicht der Antichrist ist, so sage ein anderer, wer er sein könne.“

An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung

Von Martin Luther

Diese Schrift richtete Luther an Kaiser Karl V. und den deut­schen Adel, zu dem sowohl die Fürsten als auch Grafen und Freie Herren gehörten. Praktisch wandte sich Luther an alle Vertreter weltlicher Gewalt, die sich auf den Reichstagen ver­sammelten oder vertreten ließen. Luther stellte sich damit in die Bewegung der Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts, die zunächst unter der Leitung des Kaisers Sigismund von 1414 bis 1417 die Spaltung der Kirche überwunden, dann aber unter der Leitung der Päpste eine Reform der Kirche nicht erreicht hatte.

Luther erhielt zu dieser Schrift sowohl positive als auch negative Anstöße. Manche Anregungen gaben ihm deutsche Humanisten. Außerdem kam eine Schrift des italienischen Humanisten Laurentius Valla in seine Hände. Darin war nach­gewiesen, daß es sich bei der „Konstantinischen Schenkung“ – eine Urkunde, von der das Papsttum wesentliche Ansprüche ableitete – um eine Fälschung handelte. Luther schrieb darüber am 24. Februar 1520, er habe beinah keinen Zweifel mehr, daß der Papst der Antichrist sei. Vom Januar bis Juni er­hielt Luther Briefe von Seiten der Ritterschaft, so daß er auf ihre teilweise Unterstützung rechnen konnte. Im Mai forderte ihn der Leipziger Franziskaner Augustinus von Alveld durch eine Streitschrift heraus. Den letzten Ausschlag gab eine Veröffent­lichung des mit der Inquisition beauftragten theologischen Ratgebers von Papst Leo X., Sylvester Prierias. Dazu schrieb Luther um den 7. Juni 1520: „Ich glaube, sie sind zu Rom alle toll, töricht, wütend, unsinnig. Narren, Stock. Stein, Hölle und Teufel geworden.“ Zugleich teilte er Georg Spalatin, dem Sekretär des Kurfürsten, seine Absicht mit, einen offenen Brief an den Kaiser und den deutschen Adel zu richten, der sich unter seiner Feder zur vorliegenden Schrift ausweitete.

Luther mußte nicht erst Nachforschungen anstellen oder alles neu durchdenken. Die Beschwerden, die er vorbrachte, und die Reformvorschläge, die er unterbreitete, waren meist schon vor ihm ausgesprochen worden. Er nahm Forderungen nach Reformen aus dem 15. Jahrhundert auf, erhielt Anstöße und Informationen von Seiten national gesinnter Humanisten and kannte die ,,Grava mina der deutschen Nation“, die auf den Reichstagen gegen Rom vorgebrachten Beschwerden. Luther zeigte sich gut unterrichtet über päpstliche Verlaut­barun­gen, Konzilsbeschlüsse, Äußerungen mittelalterlicher Theologen und das Kirchenrecht sowie die Geschichte. Er ver­fügte über konkrete Kenntnisse einzelner Vorgänge in Rom. wie bei der Überprüfung seiner Vorwürfe zu erkennen ist. Georg Spalatin, der als Sekretär des Kurfürsten Friedrich des Weisen Umsicht in politische Vorgänge hatte, Melanchthon und von Ämsdorf unterstützten ihn. Das entscheidende aber war, daß Luther von seiner reformatorischen Theologie her (vor allem der Einsicht, daß Gott alle seine Gaben aus Barmherzigkeit schenkt und es keiner über dem Pfarramt stehenden Hierarchie bedarf) die römischen Argumente gegen eine Reform entkräften, die Berechtigung der Beschwerden aufweisen und die Reformvorschläge begründen konnte. Erst dadurch erhielt diese Schrift ihre Durchschlagskraft und wurde zum Reformationsprogramm.

Schon am 23. Juni 1520 verfaßte Luther für diese Schrift (WA 6, 404-469; Cl 1, 363-421; StA 2, 96-167) die Widmungsvorrede an seinen Freund Nikolaus von Amsdorf. Damit war das Manuskript für dieses Büchlein „gegen den Rapst über die zu reformierende Kirche“ – so Luther am 20. Juli – abgeschlossen. Es ist aber nicht eindeutig, wieweit dieses Manuskript reichte, denn der vorliegende Druck Scheint nicht in jeder Beziehung eine geschlossene Gedankenführung zu bieten. Im ersten Teil (47-58) greift Luther die drei Mauern an, hinter denen sich bis dahin die ,,Romanisten“, die Verteidiger her Machtansprüche des Papsttums in Rom, gegen jede Reform verschanzten. In einem zweiten Teil (58-71) benennt Luther die wichtigsten Verhandlungsgegenstände für ein Konzil. Im dritten Teil (71-120) unterbreitet Luther 26 Reformvorschläge, in die er in der bereits im Herbst 1520 erscheinenden 2. Auflage einen weiteren (vor den letzten als nunmehr 26) einschob. Dieser Aufbau führte zu Wiederholungen, die Zweifel an einer ursprünglichen Gesamtkonzeption wecken. Anfang Juli 1520 erhielt Luther Kenntnis von den Schreiben des Kardinals Rafael Riario und des Mainzer Geschäftsträgers in Rom, Valentin von Tetleben, an Friedrich den Weisen. Daraus erkannte Luther mit großem Schmerz ihre Abgestumpft­heit gegenüber den Mißständen in der Kirche und ihre Gott­losigkeit, so daß er von den Romanisten nur noch seine Ver­dammung erwartete. Das könnte Luther dazu bewegt haben, noch diesen dritten Teil anzuhängen, um seinen Angriff gegen Rom zu verschärfen. Denn erst hier setzt er den Papst mit dem Antichristen gleich (Punkt 23). Auch scheint sich seine Hoff­nung von einer Reform durch ein Konzil auf das selbständige Vorgehen des deutschen Adels verlagert zu haben. Trotz inten­siver Forschung konnte jedoch die Entstehungsgeschichte dieser Schrift nicht aufgehellt werden.

Bereits am 18. August 1520 teilte Luther seinem Freund Johann Lang in Erfurt – der diese Schrift zu wild und trotzig ge­funden hatte – mit, daß die 4000 Exemplare der ersten Auflage verkauft seien. Für die damalige Zeit war das eine hohe Auf­lagenziffer. Rasch folgten noch 1520 elf Nachdrucke in Wittenberg, Leipzig, Augsburg, Basel und Straßburg, zwei weitere 1521 in Augsburg und Basel. Ein Münchner Nach­druck von 1520 kam nicht zur Auslieferung, da die bereits ge­druckten Bogen vernichtet wurden. Außerdem erschien 1520 eine niederdeutsche Ausgabe in Halberstadt, 1533 eine italienische in Straßburg. Von allen diesen Ausgaben sind noch 86 Exemplare bekannt.

Jesus

Dem geehrten und edlen Herrn, Herrn Nikolaus von Amsdorf[1], der Heiligen Schrift Lizentiat und Domherr zu Wittenberg, meinem besonders gewogenen Freund Doktor Martinus Luther

Gottes Gnade und Friede zuvor, geehrter, edler, lieber Herr und Freund!

Die Zeit des Schweigens ist vergangen, und die Zeit zu reden ist gekommen, wie der Prediger Salomo sagt (Pred. 3,7). Ich habe entsprechend unserem Vorhaben einige Dinge zu­sammengetragen, die des christlichen Standes Besserung be­treffen, um sie dem christlichen Adel deutscher Nation vor­zulegen, für den Fall, daß Gott doch durch den Laienstand seiner Kirche helfen will; zumal der geistliche Stand, dem dies angemessener gebührt, ganz abtrünnig geworden ist. Ich sende das alles Euer Ehren, es zu beurteilen und, sofern es not­wendig ist, zu verbessern. Ich bedenke wohl, daß es mir nicht ohne Vorhaltungen bleiben wird, als ob ich mir zuviel anmaße, daß ich geringgeachteter Mensch, der die Welt aufgegeben hat und ins Kloster gegangen ist, es wage, solche hohen und großen Stande in so bedeutsamen großen Sachen anzureden, als wäre sonst niemand in der Welt als Doktor Luther, der sich des christlichen Standes annehmen und so hochverständigen Leuten Rat geben könnte. Ich verzichte auf meine Entschul­digung; mache mir Vorwürfe, wer da will. Ich bin vielleicht meinem Gott und der Welt noch eine Torheit schuldig, die habe ich mir jetzt vorgenommen, nämlich – so gut es mir gelingt – ordentlich zu berichten und auch einmal Hofnarr zu werden. Ge­lingt es mir nicht, so habe ich doch den Vorteil, daß mir niemand eine Kappe zu kaufen noch den Kamm zu scheren braucht.[2] Es kommt aber darauf an, wer dem andern die Narrenschellen umhängt! Ich muß das Sprichwort erfüllen: „Was immer die Welt zu schaffen hat, es muß ein Mönch dabei­sein, und müßte man ihn dazu malen.“ Es hat gewiß mehrmals ein Narr weise geredet, und vielmals sind weise Leute in hohem Maße zu Narren geworden, wie Paulus sagt (1. Kor. 3,18): „Wer da will weise sein, der muß ein Narr werden.“ Auch weil ich nicht nur ein Narr, [405] sondern auch ein vereidigter Doktor der Heiligen Schrift bin, freue ich mich, daß sich mir die Ge­legenheit bietet, meinem Eid auf eben diese Narrenweise Ge­nüge zu tun. Ich bitte, Ihr wollt mich bei den besonnenen Verständigen entschuldigen, denn der Überhochverständigen Gunst und Gnade weiß ich mir nicht zu verdienen, die ich so oft mit großer Mühe gesucht habe und nun fortan auch nicht mehr haben noch beachten will. Gott helfe uns, daß wir nicht unsere, sondern allein seine Ehre suchen. Amen.

Zu Wittenberg im Augustinerkloster, am Tag[3] vor dem des Täufers Johannes 1520.

Der allerdurchlauchtesten, großmächtigsten kaiserlichen Ma­jestät und dem christlichen Adel deutscher Nation

Doktor Martinus Luther

Gnade und Stärke von Gott zuvor, Allerdurchlauchtester! Gnädigste liebe Herren!

Es ist nicht aus reinem Vorwitz noch Übermut geschehen, daß ich, irgendein armer Mensch, mich unterstanden habe, vor Euch hohen Würdenträgern zu reden. Die Not und die Last, die alle Stände der Christenheit – vor allem die deutschen Lande – bedrücken, haben nicht nur mich, sondern jedermann bewegt, oft zu schreien und Hilfe zu begehren. Sie haben mich auch jetzt gezwungen zu schreien und zu rufen, für den Fall, daß Gott jemandem den Geist geben will, seine Hand der armen Nation zu reichen. Es ist oft durch Konzilien etwas vorgebracht, aber durch einiger Menschen List schlau verhindert und immer ärger geworden Deren hinterlistige Absicht und Bosheit gedenke ich jetzt – Gott helfe mir-zu durchleuchten, damit sie, erkannt, hin­fort nicht mehr so behindernd und schädlich sein können. Gott hat uns ein junges edles Blut[4] zum Haupt gegeben und dadurch viele Herzen zu großer, guter Hoffnung erweckt. Daneben wird es dienlich sein, das Unsere dazu zu tun und die Zeit und Gnade nutzbringend zu gebrauchen.

Das erste, was in dieser Sache vorzugsweise zu tun ist, ist, daß wir uns immer mit großem Ernst vorsehen und nicht etwas im Vertrauen auf große Macht und Vernunft anfangen, wenn auch aller Welt Gewalt unser wäre. Denn Gott kann und will es nicht leiden, daß ein gutes Werk im Vertrauen auf eigene Macht und Vernunft angefangen wird. Er zerstampft es ganz und gar, dagegen hilft nichts, wie im 33. Psalm steht (Ps. 33,16): „Es wird kein König bestehen durch seine große Macht und kein Herr durch die Größe seiner Stärke.“ Und aus diesem Grund fürchte ich, ist es vorzeiten dazu gekommen, daß die teuren Fürsten Kaiser Friedrich I. und der II.[5] und viele andere deutsche Kaiser, vor denen sich doch die Welt fürchtete, so jämmerlich von den Päpsten mit Füßen getreten und unter­drückt worden sind. Sie haben [406] sich vielleicht mehr auf ihre Macht als auf Gott verlassen, darum haben sie fallen müssen. Und was hat zu unseren Zeiten den Blutsäufer Julius II.[6] so hoch erhoben, wenn nicht – fürchte ich –, daß Frankreich, die Deutschen und Venedig auf sich selbst gebaut haben. Es schlugen die Kinder Benjamin 42000[7] Israeliten, weil diese sich auf ihre Starke verließen, Richt. 20,21.

Damit es uns mit diesem edlen Blut Karl nicht auch so er­geht, müssen wir gewiß sein, daß wir in dieser Sache nicht mit Menschen, sondern mit den Fürsten der Hölle umgehen, die wohl die Welt mit Krieg und Blutvergießen erfüllen können, aber sich damit nicht überwinden lassen. Man muß hier ohne Zu­versicht auf leibliche Gewalt im demütigen Vertrauen auf Gott die Sache anpacken und mit ernstem Gebet Hilfe bei Gott suchen und nichts anderes sich vor Augen führen als der armen Christenheit Jammer und Not, unangesehen dessen, was böse Leute verdient haben. Wenn das nicht der Fall ist, so laßt sich die Sache wohl mit großem Augenschein anfangen, aber wenn man hineinkommt, werden die bösen Geister einen solchen Streit anrichten, daß die ganze Welt im Blut schwimmen muß und damit dennoch nichts ausgerichtet wird. Darum laßt uns hier mit Gottesfurcht weise vorgehen. Je größer die Gewalt, um so größer das Unglück, wenn nicht in Gottesfurcht und Demut gehandelt wird. Haben die Papste und Römer bisher durch des Teufels Hilfe die Könige untereinander in Zwietracht bringen können, können sie es sicher auch jetzt noch tun, wenn wir ohne Gottes Hilfe mit unserer Macht und Geschicklichkeit handeln.

Die drei Mauern der Romanisten

Die Romanisten haben drei Mauern mit großer Schlauheit um sich gezogen. Damit haben sie sich bisher geschützt, so daß sie niemand hat reformieren können. Dadurch ist die ganze Christenheit grauenerregend gefallen. Zum ersten: Wenn man ihnen mit weltlicher Gewalt zugesetzt hat, haben sie behauptet und gesagt, die weltliche Gewalt habe kein Recht über sie, sondern umgekehrt, die geistliche Gewalt sei über der welt­lichen. Zum zweiten: Hat man sie mit der Heiligen Schrift tadeln wollen, setzen sie dagegen, es gebühre niemandem, die Schrift auszulegen, außer dem Papst. Zum dritten: Droht man ihnen mit einem Konzil, so erdichten sie, es könne niemand ein Konzil einberufen außerdem Papst.

So haben sie uns die drei Ruten heimlich gestohlen, damit sie ungestraft bleiben können. Und sie haben sich in die sichere Befestigung dieser drei Mauern gesetzt, um alle Schurkerei und Bosheit zu treiben, die wir denn jetzt sehen. Und wenn sie schon ein Konzil halten mußten, haben sie doch dasselbe zuvor dadurch mattgesetzt, daß sie die Fürsten zuvor mit Eiden ver­pflichteten, sie bleiben zu lassen, wie sie sind, und dazu dem Papst die volle Gewalt über alle Beschlüsse des Konzils zu geben, so daß es auf dasselbe hinauskommt, ob viele Konzilien sind oder keine, abgesehen davon, daß sie uns nur mit Larven und Spiegelfechten betrügen. So stark fürchten sie um ihre Haut [407] vor einem rechten, freien Konzil. Und sie haben damit Könige und Fürsten eingeschüchtert, so daß diese glau­ben, es wäre wider Gott, wenn man jenen in allen solchen bösen listigen Betrügereien nicht gehorcht.

Nun helfe uns Gott und gebe uns eine der Posaunen, mit denen die Mauern Jerichos umgeworfen wurden (Jos. 6,20), damit wir diese strohernen und papiernen Mauern auch um­blasen und die christlichen Ruten befreien, um Sünde zu strafen und des Teufels List und Trug an den Tag zu bringen, damit wir uns infolge Strafe bessern und seine Huld wieder­erlangen.

Wir wollen die erste Mauer zuerst angreifen.

Man hat erfunden, daß Papst, Bischöfe, Priester und Kloster­volk der geistliche Stand, Fürsten, Herren, Handwerker und Ackersleute der weltliche Stand genannt werden, was eine gar feine Erdichtung und Heuchelei ist. Doch soll sich niemand dadurch einschüchtern lassen, und das deshalb, weil alle Christen wahrhaft geistlichen Standes sind und es unter ihnen keinen Unterschied gibt außer um des Amtes willen, wie Paulus 1Kor. 12,12 sagt, daß wir allesamt ein Leib sind, doch ein jedes Glied sein eigenes Amt hat, womit es den anderen dient. Das kommt alles daher, daß wir eine Taufe, ein Evangelium, einen Glauben haben (Eph. 4,5) und gleiche Christen sind, denn die Taufe, das Evangelium und der Glaube machen allein geistlich und Christenvolk. Daß aber der Papst oder der Bischof salbt, die Tonsur erteilt, ordiniert, weiht, sich anders als Laien kleidet, das mag einen Heuchler und Ölgötzen[8] machen, macht aber nimmermehr einen Christen oder geistlichen Menschen. Demnach werden wir also allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht, wie der heilige Petrus 1. Petr. 2,9 sagt: „Ihr seid ein königliches Priestertum und ein priesterliches Königreich“. und Offb. (1,5 f.; 5,10): „Du hast uns durch dein Blut zu Priestern und Königen gemacht.“ Denn wenn nicht eine höhere Weihe in uns wäre, als der Papst oder der Bischof gibt, so würde nimmermehr durch-des Papstes oder Bischofs Weihe ein Priester gemacht, könnte auch weder Messe halten noch predigen, noch in der Beichte freisprechen.

Darum ist des Bischofs Weihe nichts anderes, als wenn er anstatt und im Namen der ganzen Versammlung einen aus der Menge nimmt, die alle dieselbe Vollmacht haben, und ihm be­fiehlt, diese Vollmacht für die anderen auszuüben; gleich als wenn zehn Brüder, Königskinder und gleichberechtigte Erben einen erwählten, das Erbe für sie zu regieren. Sie wären ja alle Könige und hätten die gleiche Macht, und doch wird einem das Regieren anvertraut. Und damit ich es noch deutlicher sage: Wenn ein Häuflein frommer Laienchristen gefangen und in eine Wüste versetzt würde, die keinen von einem Bischof ge­weihten Priester bei sich hätten, und dort über die Sache einig würden, erwählten einen unter sich – er wäre von ehelicher Geburt oder nicht – und vertrauten ihm das Amt zu taufen, Messe zu halten, von Schuld freizusprechen und zu predigen an, der wäre wahrhaftig ein Priester, wie wenn ihn alle Bischöfe und Päpste [408] geweiht hätten. Daher kommt es, daß in einem Notfall ein jeder taufen und freisprechen kann. Das wäre nicht möglich, wenn wir nicht alle Priester wären. Diese große Gnade und Vollmacht aus der Taufe und dem Christenstand haben sie uns durch das geistliche Recht ganz zerstört und un­bekannt gemacht. Auf diese Weise erwählten vorzeiten die Christen aus der Menge ihre Bischöfe und Priester, die danach von anderen Bischöfen bestätigt wurden, ohne jeden Prunk, der jetzt herrscht. So wurden der heilige Augustin[9], Ambrosius[10] und Cyprian[11] Bischöfe.

Weil denn nun die weltliche Obrigkeit ebenso wie wir getauft ist und denselben Glauben und dasselbe Evangelium hat, müssen wir sie Priester und Bischof sein lassen und ihr Amt an­sehen als ein Amt, das der christlichen Gemeinde gehört und ihr nützlich ist. Denn was aus derTaufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, daß es schon zum Priester, Bischof und Papst ge­weiht ist, obwohl es nicht einem jeden gebührt, solch ein Amt auszuüben. Denn weil wir alle auf gleiche Weise Priester sind, darf sich niemand selbst hervortun und sich unterstehen, ohne unsere Einwilligung und Erwählung das zu tun, wozu wir alle dieselbe Vollmacht haben. Denn was der Gemeinde gehört, kann niemand ohne den Willen und den Auftrag der Gemeinde an sich ziehen. Und wenn es geschieht, daß jemand zu solch einem Amt erwählt und aufgrund seines Mißbrauches ab­gesetzt wird, so ist er gleich wie vorher. Darum sollte eines Priesters Stand in der Christenheit nichts anderes sein als der eines Amtmannes. Solange er im Amt ist, geht er voran, sobald er abgesetzt ist, ist er ein Bauer oder Bürger wie die anderen. Ebenso ist ein Priester in Wahrheit kein Priester mehr, sobald er abgesetzt ist. Aber nun haben sie die Characteres indelebiles[12] erfunden und schwätzen, daß ein abgesetzter Priester dennoch etwas anderes sei als ein schlichter Laie. Ja, sie träumen: Es kann ein Priester niemals etwas anderes als ein Priester, also kein Laie werden. Das sind alles von Menschen erfundene Reden und Gesetze.

So folgt daraus, daß zwischen Laien und Priestern, Fürsten und Bischöfen und – wie sie sagen – Geistlichen und Welt­lichen im Grunde wahrlich kein anderer Unterschied besteht als des Amtes oder der Tätigkeit, aber nicht des Standes halber. Denn sie sind alle geistlichen Standes, wahrhaftig Priester, Bischöfe und Päpste, aber haben nicht dieselbe einerlei Tätig­keit: ebenso wie auch unter den Priestern und Mönchen nicht ein jeder dieselbe Tätigkeit hat. Und das sagt der heilige Paulus Röm. 12,4 und 1. Kor. 12,12-31 und Petrus 1. Petr. 2,9, wie ich oben gesagt habe, daß wir alle ein Leib des Hauptes Jesus Christus sind, ein jeder des anderen Glied. Christus hat weder zwei noch zweierlei Art Leib, einen weltlichen und einen zweiten geistlichen. Es ist ein Haupt, und er hat einen Leib. [409]

Wie nun diejenigen, die man jetzt Geistliche oder Priester, Bischöfe oder Päpste heißt, von den anderen Christen durch weiter nichts und keine größere Würde geschieden sind, als daß sie das Wort Gottes und die Sakramente handhaben sollen, das ist ihre Tätigkeit und ihr Amt, ebenso hat die welt­liche Obrigkeit das Schwert und die Rute in der Hand, die Bösen damit zu strafen und die Guten zu schützen. Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer, ein jeder hat seines Handwerks Amt und Tätigkeit, und doch sind alle in gleicher Weise geweihte Priester und Bischöfe. Und jeder soll mit seinem Amt oder seiner Tätig­keit den anderen nützlich und dienstbar sein, damit so vielerlei Tätigkeiten alle in einer Gemeinde darauf ausgerichtet sind, Leib und Seele zu fördern, ebenso wie die Glieder des Leibes alle jedes dem anderen dient.

Nun sieh, wie christlich das behauptet und gesagt ist, die weltliche Obrigkeit sei nicht über die Geistlichkeit, dürfe sie auch nicht strafen. Das ist ebensoviel gesagt wie: Die Hand darf nichts dazu tun, wenn auch das Auge große Not leidet. Ist das nicht unnatürlich, geschweige unchristlich, daß ein Glied dem andern nicht helfen, seinem Verderben nicht wehren darf? Ja, je edler das Glied ist, um so mehr müssen die andern ihm helfen. Darum sage ich: Weil die weltliche Gewalt von Gott ein­gesetzt ist, die Bösen zu strafen (1. Petr. 2,14) und die Guten zu schützen, muß man ihr Amt ungehindert durch den ganzen Leib der Christenheit frei gehen lassen, ohne Ansehen der Person, sie treffe Papst, Bischöfe, Priester, Mönche, Nonnen oder was es ist. Wenn es ausreichte, die weltliche Gewalt zu behindern, weil sie geringer unter den christlichen Ämtern ist als der Prediger und Beichtvater Amt oder der geistliche Stand, so müßte man auch die Schneider, Schuster, Steinmetzen, Zimmerleute, Köche, Kellermeister, Bauern und alle weltlichen Handwerker daran hindern, daß sie dem Papst, Bischöfen, Priestern, Mönchen Schuhe, Kleidung, Hauser, Essen und Trinken machen oder Abgaben leisten. Laßt man aber diesen Laien ihre Tätigkeit ungehindert, was machen dann die römischen Schreiber mit ihren Gesetzen anderes, als daß sie sich dem Wirken weltlicher christlicher Gewalt entziehen, damit sie nur ungehindert böse sein können und erfüllen, was der heilige Petrus gesagt hat (2. Petr. 2,1): „Es werden falsche Meister unter euch aufstehen und mit falschen, erdichteten Worten mit euch umgehen“, euch im Sack zu verkaufen.

Darum muß die weltliche christliche Gewalt ihr Amt ganz un­gehindert ausüben, unangesehen, ob es Papst, Bischof oder Priester ist, den sie trifft. Wer schuldig ist, der leide. Was das geistliche Recht dagegen gesagt hat, ist reine erdichtete römische Unverschämtheit. Denn so sagt der heilige Paulus allen Christen (Röm. 13,1.4): „Eine jede Seele“ – ich meine die des Papstes auch – „soll untertan sein der Obrigkeit; denn sie trägt nicht umsonst das Schwert. Sie dient damit Gott zur Be­strafung der Bösen“ und „zum Lob der Guten“ (1. Petr. 2,14). Auch der heilige Petrus (1. Petr. 2,13): „Seid untertan allen menschlichen Ordnungen um Gottes willen“, der es so haben will. Er hat es auch vorhergesagt, daß [410] solche Menschen kommen werden, die die weltliche Obrigkeit verachten (2. Petr. 2,10), wie dann durch das geistliche Recht geschehen ist.

Folglich meine ich, diese erste Papiermauer liegt darnieder, zumal die weltliche Herrschaft ein Mitglied des christlichen Leibes geworden ist und – wiewohl sie eine weltliche Tätigkeit hat – doch geistlichen Standes ist. Darum soll sich ihre Tätig­keit ganz ungehindert über alle Glieder des ganzes Leibes er­strecken: strafen und überführen, wenn es die Schuld verdient oder die Notwendigkeit erfordert, unangesehen Papst, Bischof, Priester. Sie mögen drohen oder bannen, wie sie wollen. Daher kommt es, daß die schuldigen Priester, wenn man sie dem weltlichen Recht überantwortet, zuvor ihrer priesterlichen Würde entsetzt werden, was doch nicht recht wäre, wenn nicht zuvor das weltliche Schwert aus göttlicher Ordnung über dieselben Gewalt hätte. Es ist auch zuviel, daß man der Geist­lichen Vorrechte, Leib und Güter im geistlichen Recht so erhöht, gerade als wären die Laien nicht auch so geistliche, gute Christen wie sie oder als gehörten sie nicht zur Kirche. Warum ist dein Leib, Leben, Gut und Ehre so frei und nicht das meine, so wir doch gleiche Christen sind, gleiche Taufe, gleichen Glau­ben, Geist und alle Dinge haben? Wird ein Priester erschlagen, so wird über das Land das Interdikt[13] verhängt. Warum nicht auch, wenn ein Bauer erschlagen wird? Woher kommt ein solcher großer Unterschied unter den gleichen Christen? Allein aus der Menschen Gesetze und Erfindungen.

Es kann auch kein guter Geist sein, der solche Ausnahme er­funden und die Sünde ganz unstrafbar gemacht hat. Denn wenn wir schuldig sind, wider den bösen Geist, seine Tätigkeit und Worte zu streiten und ihn zu vertreiben, sosehr wir können, wie uns Christus und seine Apostel gebieten, wie kämen wir denn dazu, daß wir sollten stillhalten und schweigen, wenn der Papst oder die Seinen teuflische Worte oder Werke vor­nehmen? Sollten wir um der Menschen willen göttliche Gebote und Wahrheit zugrunde gehen lassen, denen wir in der Taufe geschworen haben, mit Leib und Leben beizustehen? Fürwahr, wir wären an allen Seelen schuldig, die dadurch im Stich ge­lassen und verführt würden. Darum muß das der Hauptteufel selbst gesagt haben, was im geistlichen Recht steht: Wenn­gleich der Papst so gefährlich böse wäre, daß er die Seelen gleichsam haufenweise zum Teufel führe, könnte man ihn den­noch nicht absetzen. Auf diesem verfluchten, teuflischen Grund bauen sie zu Rom und meinen, man müsse eher alle Welt zum Teufel fahren lassen, als ihrer Schurkerei widerstehen. Wenn es damit genug wäre, daß einer nicht bestraft werden darf, weil er über den anderen steht, dürfte kein Christ den anderen strafen, da Christus gebietet, ein jeder soll sich für den Untersten und Geringsten halten (Matth. 18,4; Luk. 9,48). [411]

Wo Sünde ist, da gibt es schon keine Ausflucht mehr wider die Strafe, wie auch der heilige Gregor schreibt, daß wir wohl alle gleich sind, aber die Schuld einen dem anderen untertan macht.[14] Nun sehen wir, wie sie [die Romanisten] mit der Christenheit umgehen. Obgleich Gott und die Apostel sie dem weltlichen Schwert unterworfen haben, nehmen sie sich aus eigenem Übermut die Freiheit ohne jeden Beweis aus der Hei­ligen Schrift, so daß zu befürchten ist, es sei des Antichristen Spiel oder sein unmittelbarer Vorläufer.

Die zweite Mauer ist noch haltloser und untauglicher, daß sie allein Meister der Heiligen Schrift sein wollen, obgleich sie ihr Leben lang nichts darinnen lernen. Sie maßen sich allein die Macht über sie an und faseln uns mit unverschämten Worten vor: der Papst könne in Glaubensdingen nicht irren, er sei böse oder gut. Dafür können sie nicht einen Buchstaben beibringen. Daher kommt es, daß so viele ketzerische und unchristliche, ja dem Naturrecht widersprechende Gesetze im geistlichen Recht stehen. Darüber ist jetzt nicht notwendig zu reden. Denn weil sie meinen, der Heilige Geist verlasse sie nicht, sie mögen so ungelehrt und böse sein, wie sie können, werden sie kühn zu behaupten, was sie nur wollen. Und wenn das zuträfe, wozu wäre die Heilige Schrift notwendig oder nütze? Lasset sie uns verbrennen und uns genügen an den ungelehrten Herren in Rom, die der Heilige Geist innehat, der doch nichts als fromme Herzen innehaben kann. Wenn ich es nicht gelesen hätte, wäre es mir unglaublich gewesen, daß der Teufel sollte zu Rom solche ungereimten Dinge vorbringen und Anhang finden.

Doch damit wir nicht mit Worten wider sie fechten, wollen wir die Heilige Schrift anführen. Der heilige Paulus sagt 1. Kor. 14,30: „Wenn jemandem etwas Besseres offenbart wird, ob­schon er sitzt und dem anderen im Gotteswort zuhört, soll der erste, der da redet, schweigen und weichen.“ Wozu wäre dieses Gebot nützlich, wenn allein dem zu glauben wäre, der da redet oder obenan sitzt? Auch Christus sagt Joh. 6,45, daß alle Christen von Gott belehrt werden sollen. So kann es immer ge­schehen, daß der Papst und die Seinen böse und keine rechten Christen sind noch ein von Gott belehrtes Verständnis haben, umgekehrt ein geringer Mensch das rechte Verständnis hat. Warum sollte man ihm dann nicht folgen? Hat nicht der Papst vielmals geirrt? Wer wollte der Christenheit helfen, falls der Papst irrt, wenn nicht einem anderen mehr als ihm geglaubt wird, der die Heilige Schrift für sich hat?

Darum ist es eine gottlose, erdichtete Fabel, und sie können auch keinen Buchstaben vorbringen, um zu beweisen, daß es allein Sache des Papstes sei, die Heilige Schrift auszulegen oder ihre Auslegung zu bestätigen. Sie haben sich diese Gewalt selbst genommen. Und wenn sie geltend machen, es sei dem heiligen Petrus diese Gewalt gegeben, da ihm die Schlüssel ge­geben sind, ist es offenbar genug, daß die Schlüssel nicht allein [412] dem heiligen Petrus, sondern der ganzen Gemeinde gegeben sind (Matth. 16,19; 18,18). Außerdem sind die Schlüssel nicht für die Lehre und das Regiment verliehen, sondern nur, um die Sünde zu behalten oder von ihr frei­zusprechen. Und es ist eine rein erdichtete Sache, was sie anderes und darüber hinaus von den Schlüsseln sich zuschrei­ben. Daß aber Christus zu Petrus sagt (Luk. 22,32): „Ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre“, kann sich nicht auf den Papst erstrecken, da der größere Teil der Päpste ohne Glauben gewesen ist, wie sie selbst bekennen müssen. Es hat Christus auch nicht allein für Petrus gebeten, sondern auch für alle Apostel und Christen, wie er Joh. 17,9.20 sagt: „Vater, ich bitte dich für die, die du mir gegeben hast, und nicht allein für sie, sondern für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.“ Ist das nicht klar genug geredet?

Denke doch bei dir selbst: Sie müssen bekennen, daß rechte Christen unter uns sind, die den rechten Glauben, Geist, Ver­ständnis, Wort und Meinung Christi haben. Ja, warum sollte man denn derselben Wort und Verständnis verwerfen und dem Papst folgen, der weder Glauben noch den Geist hat? Das be­deutete doch, den ganzen Glauben und die christliche Kirche verleugnen. Ebenso, es muß ja nicht der Papst recht haben, wenn dieser Artikel richtig ist: „Ich glaube eine heilige christ­liche Kirche.“ Oder wir müssen so beten: „Ich glaube an den Papst zu Rom“, und auf diese Weise die christliche Kirche ganz auf einen Menschen beziehen, was nichts anderes als teuflischer und höllischer Irrtum wäre.

Außerdem sind wir ja alle Priester, wie oben gesagt ist, die alle einen Glauben, ein Evangelium und einerlei Sakrament haben. Wie sollten wir denn nicht auch Macht haben, zu kosten und zu urteilen, was da recht oder unrecht im Glauben ist? Wo bleibt das Wort des Paulus 1. Kor. 2,15: „Ein geistlicher Mensch richtet alle Dinge und wird von niemandem gerichtet“, und 2. Kor. 4,13: „Wir haben alle einen Geist des Glaubens“?Wie sollten wir denn nicht so gut wie ein ungläubiger Papst wahrnehmen, was dem Glauben gemäß oder ungemäß ist? Aufgrund aller dieser und vieler anderer Sprüche sollten wir mutig und frei werden und den Geist der Freiheit – wie ihn Paulus nennt (2. Kor. 3,17) – nicht mit erdichteten Worten der Päpste abschrecken lassen, sondern frisch hindurch alles, was sie tun oder lassen, nach unserem gläubigen Verständnis der Heiligen Schrift richten und sie zwingen, dem besseren und nicht ihrem eigenen Verständnis zu folgen. Mußte doch vor­zeiten Abraham seiner Sarah gehorchen (1. Mose 21,12), die ihm doch härter unterworfen war als wir jemandem auf Erden. So war die Eselin Bileams auch klüger als der Prophet selbst (4. Mose 22,28-33). Hat Gott da durch eine Eselin gegen einen Propheten geredet, warum sollte er nicht noch durch einen frommen Menschen gegen den Papst reden können? Ebenso tadelt der heilige Paulus den heiligen Petrus als einen, der irrt, Gal. 2,11-14. Darum gebührt einem jeden Christen, daß er sich des Glaubens annehme, um ihn zu verstehen und zu verteidigen und jeden Irrtum zu verdammen. [413]

Die dritte Mauer fällt von selbst, wenn diese ersten zwei fallen. Denn wenn der Papst wider die Heilige Schrift handelt, sind wir schuldig, der Schrift beizustehen, ihn zu tadeln und zu zwingen, nach dem Wort Matth. 18,15-17: „Sündigt dein Bruder wider dich, so gehe hin und sage es ihm zwischen dir und ihm allein. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei mit dir. Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er nicht auf die Gemeinde, so halte ihn für einen Heiden.“ Hier wird einem jeden Glied befohlen, für das andere zu sorgen. Wie­viel mehr sollten wir uns darum kümmern, wenn ein öffentlich regierendes Glied übel handelt, das durch seine Handlung den anderen viel Schaden zufügt und Anstoß erregt. Soll ich ihn vor der Gemeinde verklagen, muß ich sie ja zusammenbringen.

Sie haben auch keine Begründung aus der Heiligen Schrift, daß es allein dem Papst gebühre, ein Konzil einzuberufen oder zu bestätigen, sondern allein ihre eigenen Gesetze, die nur gelten, insofern sie der Christenheit und Gottes Gesetzen nicht schädlich sind. Sobald der Papst strafwürdig ist, hören solche Gesetze sogleich auf, weil es für die Christenheit schädlich ist, ihn nicht durch ein Konzil zu tadeln.

So lesen wir Apg. 15,6, daß das Apostelkonzil nicht der hei­lige Petrus einberufen hat, sondern alle Apostel und die Ältesten. Wenn dies nun dem heiligen Petrus allein gebührt hätte, wäre das nicht ein christliches Konzil, sondern eine ketzerische Versammlung[15] gewesen. Auch das berühmteste der Konzilien, das zu Nicäa, hat der Bischof von Rom weder ein­berufen noch bestätigt, sondern der Kaiser Konstantin[16]. Und nach ihm haben viele Kaiser dasselbe getan, die doch die allerchristlichsten Konzile gewesen sind. Aber wenn der Papst allein die Macht dazu hätte, müßten sie alle ketzerisch gewesen sein. Auch wenn ich die Konzilien ansehe, die der Papst ab­gehalten hat, finde ich nichts Besonderes, was in ihnen ausgerichtet worden ist.

Darum, wenn es die Not erfordert und der Papst ein Ärgernis für die Christenheit ist, soll sich darum kümmern, wer es zuerst kann als ein treues Glied des ganzen Leibes, daß ein rechtes freies Konzil werde. Das vermag niemand so gut wie das welt­liche Schwert, besonders da sie nun auch Mitchristen sind, Mitpriester, mitgeistlich und mitmächtig in allen Dingen. Und sie sollen ihr Amt und ihre Tätigkeit, die sie von Gott über jeder­mann haben, frei gehen lassen, wenn es notwendig und nütz­lich ist zu gehen. Wäre das nicht ein unnatürliches Vornehmen, wenn ein Feuer in einer Stadt ausbräche und jedermann müßte stillstehen, immer weiter brennen lassen, was da brennen mag, allein deshalb, weil sie nicht die Macht des Bürgermeisters haben oder das Feuer vielleicht an des Bürgermeisters Haus anhebt? Ist hier nicht ein jeder Bürger verpflichtet, die anderen zu veranlassen und zusammenzurufen? Wieviel mehr muß das in der geistlichen Stadt Christi geschehen, wenn sich ein Feuer des Ärgernisses erhebt, es sei an des Papstes Regiment oder wo auch immer. Dasselbe geschieht auch, wenn die Feinde eine Stadt überfallen. Da [414] verdient derjenige Ehre und Dank, der die anderen zuerst auf die Beine bringt. Warum sollte denn der nicht Ehre verdienen, der die höllischen Feinde an­kündigt und die Christen aufweckt und zusammenruft?

Daß sie aber ihre Gewalt rühmen, daß es sich nicht gebühre, gegen sie zu kämpfen, bedeutet gar nichts. Es hat niemand in der Christenheit Gewalt, Schaden zuzufügen oder zu verbieten, Schaden zu wehren. Es gibt keine Gewalt in der Kirche als nur zur Besserung. Wenn daher ein Papst sich der Gewalt bedienen wollte, zu wehren, daß ein freies Konzil abgehalten wird, um dadurch die Besserung der Kirche zu verhindern, dürfen wir ihn und seine Gewalt nicht gelten lassen. Und wenn er bannte und donnerte, müßte man das verachten wie eines tollen Men¬schen Vornehmen und ihn in Zuversicht auf Gott wiederum bannen und überführen, sosehr man kann. Denn diese seine angemaßte Gewalt ist nichts, er hat sie auch nicht und wird schnell mit einem Wort der Heiligen Schrift besiegt. Denn Paulus sagt zu den Korinthern (2. Kor. 10,8): „Gott hat uns Vollmacht gegeben, nicht zu verderben, sondern zu erbauen die Christenheit.“ Wer will sich über diesen Spruch hinwegsetzen? Des Teufels und des Antichristen Gewalt ist es, die da hindert, was der Christenheit zur Besserung dient. Darum ist ihr gar nicht zu gehorchen, sondern mit Leib, Gut und allem, was wir vermögen, zu widerstehen.

Und wenngleich ein Wunderzeichen für den Papst gegen die weltliche Gewalt geschehe oder jemandem eine Plage wider­führe – wie sie rühmen, daß es einigemal geschehen sei –, soll man dasselbe nicht anders ansehen als durch den Teufel ge­schehen um unsres Mangels an Glauben zu Gott willen, wie Christus selbst Matth. 24,24 vorhergesagt hat: „Es werden in meinem Namen falsche Christusse und falsche Propheten kommen. Zeichen und Wunder tun, so daß sie auch die Aus­erwählten verführen könnten.“ Und der heilige Paulus sagt den Thessalonichern, daß der Antichrist durch den Satan durch falsche Wunderzeichen mächtig sein wird (2 Thess. 2,9 f.).

Darum laßt uns das festhalten: Christliche Vollmacht vermag nichts wider Christus; wie der heilige Paulus sagt (2. Kor. 13,8): „Wir vermögen nichts gegen Christus, sondern für Christus zu tun.“ Tut sie aber etwas wider Christus, so ist sie des Anti­christen und Teufels Gewalt, und ließe sie Wunder und Plagen regnen und hageln. Wunder und Plagen beweisen nichts, be­sonders in dieser letzten, ärgsten Zeit, für die falsche Wunder in der ganzen Heiligen Schrift vorhergesagt sind. Darum müssen wir uns an die Worte Gottes halten mit festem Glauben, dann wird der Teufel seine Wunder wohl lassen.

Hiermit, hoffe ich, dürfte das falsche, lügenhafte Er­schrecken, womit die Römer nun lange Zeit verängstete und verzagte Gewissen gemacht haben, zerstört [415] und er­wiesen sein, daß sie mit uns allen gleicherweise dem Schwert unterworfen sind, keine Macht haben, die Heilige Schrift aus reiner Gewalt ohne Kenntnis auszulegen, und keine Gewalt haben, ein Konzil zu verhindern oder nach ihrem Mutwillen ein­zuschränken, zu verpflichten und seine Freiheit zu nehmen, und daß sie, wenn sie das tun, wahrhaft des Antichristen und Teufels Gemeinschaft sind und von Christus nichts außer dem Namen haben.

Die Konzilsthemen

Nun wollen wir die Themen betrachten, die man von Rechts wegen auf den Konzilien behandeln sollte und womit Päpste, Kardinale und Bischöfe und alle Gelehrten Tag und Nacht an­gemessenerweise umgehen sollten, wenn sie Christus und seine Kirche liebten. Wenn sie das aber nicht tun, sollten die All­gemeinheit und das weltliche Schwert sich darum kümmern, unangesehen ihres Bannens und Drohens. Denn ein unrechter Bann ist besser als zehn rechte Freisprechungen von Schuld und eine unrechte Freisprechung ärger als zehn rechte Bann­sprüche. Darum laßt uns aufwachen, liebe Deutsche, und Gott mehr als die Menschen fürchten (Apg. 5,29), damit wir nicht an all den armen Seelen mitschuldig werden, die so kläglich durch das abscheuliche, teuflische Regiment der Römer verloren­gehen, und damit nicht der Teufel täglich mehr und mehr an Macht zunimmt, wenn es überhaupt möglich ist, daß dies höllische Regiment noch ärger werden kann, was ich doch nicht begreifen noch glauben kann.

Zum ersten ist es grauenerregend und erschreckend an­zusehen, daß der Oberste in der Christenheit, der sich Stell­vertreter Christi und Nachfolger des heiligen Petrus zu sein rühmt, so weltlich und prunkvoll benimmt, daß ihn darin kein König und kein Kaiser erreichen und ihm gleich werden kann, und daß in dem, der sich „allerheiligst“ und „geistlichst“ nennen läßt, mehr weltliches Wesen ist, als die Welt selbst ist. Er trägt eine dreifache Krone[17], obgleich die höchsten Könige nur eine Krone tragen. Wenn das mit dem armen Christus und dem heiligen Petrus gleich ist, so ist das ein neues Gleichsein. Man schreit, es sei ketzerisch, wenn man dagegenredet. Man will aber nicht hören, wie unchristlich und gottlos solches Wesen ist. Ich meine aber, wenn er mit Tranen beten sollte vor Gott, müßte er jedenfalls diese Krone ablegen, weil unser Gott keine Hoffart dulden mag. Nun sollte sein Amt nichts anderes sein, als täglich für die Christenheit zu weinen und zu beten und ein Beispiel aller Demut vorzuführen.

Es sei, wie es wolle, auf jeden Fall ist dieser Prunk anstoß­erregend. Und der Papst ist bei seiner Seelen Seligkeit schuldig, ihn abzulegen, weil der heilige Paulus sagt (1. Thess. 5,22): „Enthaltet euch aller-Handlungen, die da Anstoß er­regen!“ und Röm. 12,17, wir sollen [416] Gutes nicht nur vor Gottes Augen, sondern auch vor allen Menschen erzeigen. Es wäre für den Papst eine gewöhnliche Bischofskrone genug. Er sollte durch Gelehrsamkeit und Heiligkeit vor den anderen größer sein und die Krone der Hoffart dem Antichristen lassen, wie es seine Vorgänger vor einigen hundert Jahren getan haben. Sie sagen, er sei ein Herr der Welt. Das ist erlogen, denn Christus, dessen Statthalter und Amtmann zu sein er sich rühmt, sprach vor Pilatus (Joh. 18,36): „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Es kann ja kein Statthalter über mehr regieren als sein Herr. Er ist auch nicht ein Statthalter des er­höhten, sondern des gekreuzigten Christus, wie Paulus sagt (1. Kor. 2,2): „Ich habe unter euch nichts wissen wollen außer Christus, und denselben nur als gekreuzigten“, und Phil. 2,5-7: „Ihr sollt ebenso gesinnt sein, wie ihr an Christus seht, der sich entäußert und die Gestaltung eines Knechtes angenom­men hat“, ebenso 1 Kor. 1,23: „Wir predigen Christus den ge­kreuzigten.“ Nun machen sie den Papst zu einem Statthalter des erhöhten Christus im Himmel. Und einige haben den Teufel so stark in sich regieren lassen, daß sie meinten, der Papst sei über die Engel im Himmel gesetzt und habe ihnen zu gebieten, was eigentlich die rechten Werke des rechten Anti­christen sind.

Zum zweiten, wozu ist das Volk in der Christenheit nützlich, das Kardinale heißt? Das will ich dir sagen. Italien und Deutschland haben viele reiche Klöster, Stifte, Lehen und Pfarreien. Die hat man nicht besser nach Rom zu bringen gewußt, als daß man Kardinale machte und denselben die Bistümer, Klöster und Prälaturen zu eigen gab und den Gottes­dienst so ganz und gar zerstörte. Darum sieht man jetzt, daß Italien ganz wüst ist, die Klöster zerstört, die Bistümer verzehrt und der Prälaturen und Kirchen Einnahmen nach Rom gezogen, die Städte verfallen, Land und Leute verdorben sind, weil kein Gottesdienst und keine Predigt gehalten werden. Warum? Die Kardinale müssen die Güter haben. Kein Türke hätte Italien so verder­ben und den Gottesdienst so zerstören können.

Nachdem Italien ausgesogen ist, kommen sie ins deutsche Land und fangen schön vorsichtig an. Aber wenn wir zusehen, wird Deutschland bald gleich Italien werden. Wir haben schon einige Kardinale. Was die Römer dabei suchen, sollen die trunkenen Deutschen nicht verstehen, bis sie kein Bistum, kein Kloster, keine Pfarrei, kein Lehen, keinen Heller oder Pfennig mehr haben. Der Antichrist muß die Schätze der Erde haben, wie es vorhergesagt ist (Dan. 11,8.43). Es geht so her: Man schöpft von den Bistümern, Klöstern und Lehen den Rahm ab. Und weil sie noch nicht alles zuschanden zu machen wagen, wie sie es den Italienern getan haben, gebrauchen sie in­zwischen diese heilige Schlauheit, daß sie zehn oder zwanzig Prälaturen zusammenkoppeln und von jeder jährlich ein Stück reißen, damit doch eine ansehnliche Summe [417] daraus wird. Die Propstei zu Würzburg gibt tausend Gulden, die zu Bamberg auch etwas, Mainz, Trier und weitere. So könnte man eintausend oder zehntausend Gulden zusammenbringen, da­mit ein Kardinal sich einem reichen König gleich in Rom auf­führen kann.

Wenn wir uns daran gewöhnen, so wollen wir dreißig oder vierzig Kardinale an einem Tag machen und dem einen den Mönchberg zu Bamberg[18] und das Bistum zu Würzburg dazu geben, angehängt einige reiche Pfarrstellen, bis die Kirchen und Städte wüst sind, und danach sagen: „Wir sind Stellvertreter Christi und Hirten der Schafe Christi, die tollen, trunksüchtigen Deutschen müssen es wohl dulden.“

Ich rate aber, daß man die Zahl der Kardinale verringere oder den Papst sie von seinen Gütern ernähren lasse. Es wären ihrer übergenug an zwölf, und ein jeder hätte jährlich tausend Gulden Einkommen. Wie kommen wir Deutschen dazu, daß wir solche Beraubung und Aussaugung unserer Güter von Seiten des Papstes erdulden müssen? Hat das Königreich Frankreich sich dessen erwehrt, warum lassen wir Deutschen uns so zum Narren halten und äffen? Es wäre alles erträglicher, wenn sie uns allein das Gut stehlen würden. Aber sie verwüsten damit die Kirchen und berauben die Schafe Christi ihrer rechten Hirten und zerstören den Gottesdienst und das Wort Gottes. Undwenn es schon keine Kardinale gäbe, würde die Kirche dennoch nicht untergehen, denn sie tun nichts, was der Christenheit dient. Sie betreiben nur Geld- und Streitsachen um die Bistümer und Prälaturen, was wohl auch jeder Räuber tun könnte.

Zum dritten, wenn man von des Papstes Hof ließ den hundert­sten Teil bleiben und schaffte neunundneunzig Teile ab, wäre er dennoch groß genug, um in den Glaubensdingen Antwort zu geben. Nun ist aber ein solches Gewürm und Gewimmel in Rom, und alles rühmt sich, päpstlich zu sein, daß zu Babylon nicht solch ein Wesen gewesen ist. Es gibt allein mehr als drei­tausend päpstliche Schreiber. Wer will die anderen Angestell­ten zählen, wenn es so viele Ämter gibt, daß man sie kaum zählen kann? Sie alle lauern den Stiften und Lehen in Deutsch­land auf wie die Wölfe den Schafen. Ich achte, daß Deutsch­land jetzt viel mehr nach Rom zum Papst gibt als vorzeiten den Kaisern. Ja, es meinen einige, daß jährlich mehr als dreimal hunderttausend Gulden aus Deutschland nach Rom gelangen, völlig vergebens und umsonst, wofür wir nichts als Spott [418] und Hohn erlangen. Und wir verwundern uns noch, daß Fürsten, Adel, Städte, Stifte, Land und Leute arm werden. Wir sollten uns verwundern, daß wir noch zu essen haben!

Weil wir denn hier auf den rechten Punkt gelangt sind, wollen wir ein wenig anhalten und uns beweisen, daß die Deutschen nicht so ganz dumme Narren sind, daß sie die römischen Prak­tiken gar nicht kennen oder verstehen. Ich klage hier nicht darüber, daß zu Rom Gottes Gebot und christliches Recht ver­achtet werden. Denn so gut steht es jetzt nicht in der Christen­heit – besonders zu Rom –, daß wir über solche hohen Dinge klagen könnten. Ich klage auch nicht darüber, daß natürliches oder weltliches Recht und die Vernunft nichts gelten. Es liegt alles noch tiefer darnieder. Ich klage darüber, daß sie ihr eigenes, erdichtetes geistliches Recht nicht halten, das doch schon selbst mehr eine reine Tyrannei, Habgier und zeitliche Pracht als ein Recht ist. Das wollen wir sehen.

Es haben vorzeiten deutsche Kaiser und Fürsten dem Papst bewilligt, die Annaten von allen Lehen deutscher Nation ein­zunehmen, das ist die Hälfte der Abgaben des ersten Jahres von jedem Lehen. Die Bewilligung ist aber so geschehen, daß der Papst mittels soviel Geld einen Schatz sammeln sollte, um wider die Türken und Ungläubigen zu streiten und die Christen­heit zu schützen; damit es dem Adel nicht zu schwer würde, allein zu streiten, sondern die Priesterschaft auch etwas dazu­täte. Diesen guten, aufrichtigen Vorsatz der deutschen Nation haben die Päpste dazu benutzt, daß sie bisher mehr als hundert Jahre solches Geld eingenommen und nun eine schuldige, pflichtgemäße Abgabe und Auflage daraus gemacht haben. Und sie haben nicht nur nichts gesammelt, sondern darauf viele Stände und Ämter zu Rom errichtet, um sie daraus jährlich wie aus einer Erbabgabe zu besolden. Wenn man nun vorgibt, wider die Türken zu streiten, senden sie Botschafter aus, Geld einzusammeln. Oftmals haben sie auch Ablaß aus-[419]geschickt mit gerade demselben Vorwand, wider die Türken zu streiten, in der Meinung, die tollen Deutschen sollen endlose Erznarren bleiben, nur immer Geld geben und ihre un­aussprechliche Habgier befriedigen, obgleich wir offenkundig sehen, daß weder Annaten noch Ablaßgeld noch alles andere, nicht ein Heller, wider die Türken verwendet wird, sondern alles zusammen in den Sack, der keinen Boden hat, kommt. Sie lügen und betrügen, sie setzen ein Bündnis auf und schließen es mit uns, von dem sie nicht ein Haarbreit zu halten gedenken. Das muß danach der heilige Name Christi und des heiligen Petrus alles getan haben.

Hier sollte nun die deutsche Nation, Bischöfe und Fürsten, sich auch für Christen halten und das Volk, das ihnen anvertraut ist, in leiblichen und geistlichen Gütern zu regieren und zu schützen, vor solchen reißenden Wölfen beschirmen, die sich unter Schafskleidern als Hirten und Regenten ausgeben (Matth 7,15). Und weil die Annaten so schändlich mißbraucht werden und auch nicht gehalten wird, was vereinbart ist, sollten sie ihr Land und ihre Leute nicht so jämmerlich, ohne jedes Recht, aussaugen und verderben lassen, sondern durch ein kaiserliches oder der gesamten Nation Gesetz die Annaten be­halten oder wieder abschaffen. Denn weil sie nicht halten, was vereinbart ist, haben sie auch kein Recht auf die Annaten, vielmehr sind die Bischöfe und Fürsten verpflichtet, solche Dieberei und Räuberei zu bestrafen oder ihnen wenigstens zu wehren, wie das Recht fordert. Sie sollten darin dem Papst bei­stehen und ihn stärken, der vielleicht gegenüber solchem Un­recht zu schwach ist, oder, wenn er es schützen und verteidigen wollte, als einem Wolf und Tyrannen wehren und widerstehen. Denn er hat keine Gewalt, Böses zu tun oder zu verteidigen. Auch wenn man wieder gegen die Türken wollte einen solchen Schatz sammeln, sollten wir zu Recht dermaleinst klug werden und erkennen, daß die deutsche Nation denselben besser be­wahren könnte als der Papst, zumal die deutsche Nation selbst genug Volk zum Kampf hat, wenn Geld vorhanden ist. Es ist mit den Annaten, wie es mit manchen anderen römischen Vor­haben gewesen ist.

Ebenso ist danach das Jahr zwischen dem Papst und den regierenden Bischöfen und Stiften geteilt worden, so daß der Papst sechs Monate – einen um den anderen – im Jahr hat, um die Lehen, die in seinem Monat frei werden, zu verleihen. Damit werden fast alle Lehen nach Rom gezogen, besonders die allerbesten Pfründen und Würden[19]. Und die einmal auf diese Weise an Rom fallen, die kommen danach nimmer wieder heraus, auch wenn sie hinfort nimmer in des Papstes Monat frei werden. Damit kommen die Stifte viel zu kurz weg. Und es ist eine rechte Räuberei, die sich vorgenommen hat, nichts außerhalb von Rom zu lassen. Darum [420] ist sie überreif, und es ist hohe Zeit, daß man die Papstmonate ganz abschaffe und alles, was dadurch nach Rom gekommen ist, wieder heraus­reiße. Denn die Fürsten und der Adel sollen darauf achten, daß das gestohlene Gut zurückgegeben wird, die Diebe bestraft und diejenigen, die ihre Erlaubnis mißbrauchen, ihrer Erlaubnis be­raubt werden. Hat es Bestand und gilt es, wenn der Papst am Tag nach seiner Erwählung Regeln und Gesetze in seiner Kanz­lei macht, wodurch unsere Stifte und Pfründe beraubt werden, wozu er kein Recht hat, so muß es viel mehr gelten, wenn der Kaiser Karl am Tag nach seiner Krönung[20] Regeln und Gesetze gibt, aus ganz Deutschland kein Lehen und keine Pfründe mehr durch Papstmonate nach Rom kommen zu lassen und daß das, was hineingekommen ist, wieder frei und von den römischen Räubern befreit werde, wozu er aufgrund des Amtes seines Schwertes ein Recht hat.

Nun hat der römische Gier- und Raubstuhl nicht die Zeit er­warten können, daß durch die Papstmonate alle Lehen nach Rom hineinkämen, eines nach dem anderen, sondern ereilt, ge­trieben von seinem unersättlichen Wanst, daß er sie alle aufs kürzeste hineinreiße. Und er hat über die Annaten und Monate hinaus einen solchen Kniff erdacht, daß die Lehen und Pfründe auf noch dreierlei Weise zurückbehalten werden.

Zum ersten, wenn einer, der eine Pfründe hat, zu Rom oder auf dem Weg nach oder von Rom stirbt, dieselbe muß ewig eigen bleiben dem Römischen, räuberischen Stuhl, sollte ich sagen. Und sie wollen dennoch nicht Räuber heißen, obgleich niemand je solche Räuberei gehört noch gelesen hat.

Zum zweiten, wenn der ein Lehen hat oder erhält, der des Papstes oder eines Kardinals Dienstmann ist, oder, wenn er zuvor ein Lehen hat und danach des Papstes oder eines Kar­dinals Dienstmann wird, muß es ewig dem Römischen Stuhl eigen bleiben. Nun, wer kann des Papstes und der Kardinale Gefolge zählen, da der Papst, wenn er nur spazieren reitet, ungefähr drei- oder viertausend Maultierreiter um sich hat, eine Herausforderung allen Kaisern und Königen? Denn Chri­stus und der heilige Petrus gingen zu Fuß, damit ihre Statt­halter desto mehr zu prunken und zu prangen hätten. Nun hat die Habgier sich noch mehr ausgeklügelt und bringt es fertig, daß auch außerhalb von Rom viele den Namen des päpst­lichen Gefolges haben wie zu Rom, damit nur an allen Orten das bloße listige Wörtlein „päpstliches Gefolge“ alle Lehen an den Römischen Stuhl bringt und ewiglich an ihn heftet. Sind das [421] nicht Verdruß bringende, teuflische Kniffe? Sehen wir zu, so werden Mainz, Magdeburg und Halberstadt gar fein an Rom kommen, und das Kardinalat wird teuer genug bezahlt werden.[21] Danach wollen wir alle deutschen Bischöfe zu Kardinalen machen, damit nichts hier draußen bleibe.

Zum dritten, wenn um ein Lehen ein Streit in Rom sich erhebt – was ich fast für die allgemeinste und größte Straße halte, die Pfründen nach Rom zu bringen. Denn wenn hier kein Streit ist, so findet man unzählige Schurken zu Rom, die Streit aus der Erde graben und Pfründen angreifen, wenn sie nur wollen. Da muß mancher redliche Priester seine Pfründe verlieren oder mit einer Geldsumme für eine Zeitlang den Streit abkaufen. Solches Lehen, mit Streit zu Recht oder zu Unrecht festgehalten, muß auch dem Römischen Stuhl ewig zu eigen sein. Es wäre kein Wunder, wenn Gott vom Himmel Schwefel und höllisches Feuer regnen ließ und Rom in den Abgrund versenkte, wie er vorzeiten Sodom und Gomorra tat (1. Mose 19,24 f.). Was soll ein Papst in der Christenheit, wenn man seine Gewalt nicht anders gebraucht, denn zu solcher Hauptbosheit, und er dieselbe schützt und verteidigt? O edle Fürsten und Herren, wie lange wollt ihr euer Land und eure Leute solchen reißenden Wölfen offen und frei überlassen?

Da nun solche Praktik nicht genug war und der Habgier die Zeit zu lange wurde, alle Bistümer nach Rom hineinzureißen, hat meine liebe Habgier doch soviel erfunden, daß die Bistümer dem Namen nach draußen und mit Grund und Boden in Rom sind und daß also kein Bischof kann bestätigt werden, er kaufe denn mit großer Geldsumme das Pallium[22] und verpflichte sich mit Ab­scheu erregenden Eiden dem Papst zu einem leibeigenen Knecht. Daher kommt es, daß kein Bischof wider den Papst zu handeln wagt. Das haben die Römer mit dem Eid auch erstrebt. Und so sind die allerreichsten Bistümer in Schulden und ins Ver­derben gekommen. Mainz, höre ich, gibt 20000 Gulden. Das sind mir für alle Zeit Römer, wie mich [422] dünkt. Sie haben vor­zeiten wohl im geistlichen Recht festgesetzt, das Pallium um­sonst zu geben, des Papstes Gefolge zu vermindern, die Streitig­keiten zu verringern, den Stiften und Bischöfen ihre Freiheit zu lassen. Aber das wollte kein Geld bringen, darum wurde das Blatt umgewendet, und es ist den Bischöfen und Stiften alle Macht genommen. Sie sitzen wie die Nullen da, haben weder Amt noch Macht noch Wirksamkeit, sondern alle Dinge regieren die Hauptschurken zu Rom, auch bald des Küsters und Glöckners Amt in allen Kirchen. Alle Streitigkeiten werden nach Rom ge­zogen. Jeder tut durch des Papstes Gewalt, was er will.

Was ist geschehen in diesem Jahr? Der Bischof von Straß­burg wollte sein Stift ordentlich regieren und reformieren im Gottesdienst. Er stellte einige göttliche und christliche Artikel auf, die dazu dienlich waren. Aber mein lieber Papst und der Heilige Römische Stuhl zerstampfen ganz und gar und ver­dammen solche heilige geistliche Ordnung insgesamt auf­grund des Ersuchens der Priesterschaft. Das heißt die Schafe Christi geweidet! So soll man Priester wider ihren eigenen Bischof stärken und ihren Ungehorsam mit göttlichen Gesetzen schützen. Solche offenbare Schmähung Gottes wird der Anti­christ, hoffe ich, nicht vornehmen. Da habt ihr den Papst, wie ihr ihn gewollt habt! Warum das? Ei, wenn eine Kirche reformiert würde, [423] wäre dieses Beginnen gefährlich, weil Rom viel­leicht auch daran müßte. Darüber sollte man eher keinen Priester mit dem anderen eins bleiben lassen, und-wie sie bis­her gewohnt sind, Fürsten und Könige uneins zu machen – die Welt mit Christenblut erfüllen, damit ja nicht der Christen Einig­keit dem Heiligen Römischen Stuhl durch Reformieren zu schaffen mache.

Bisher haben wir verstanden, wie sie mit den Pfründen handeln, die anfallen und frei werden. Nun wird der zarten Hab­gier zuwenig frei. Darum hat sie ihre Voraussicht auch den Lehen erzeigt, die ihre Verweser innehaben, damit dieselben auch frei werden müssen, ob sie schon nicht frei sind, und das auf mancherlei Weise.

Zum ersten liegt sie auf der Lauer, wo fette Pfründen oder Bistümer ein Alter oder Kranker oder auch ein mit einer er­dichteten Untüchtigkeit Behafteter innehat. Demselben gibt der Heilige Stuhl einen Koadjutor- das ist ein Mithelfer- gegen seinen Willen zum Nutzen des Koadjutors, weil dieser des Papstes Dienstmann ist oder Geld dafür gibt oder es sonst mit einem römischen Frondienst verdient hat. Da muß dann ver­gehen die freie Wahl des Kapitels oder das Recht dessen, der die Pfründe zu verleihen hat, und alles nur nach Rom fallen.

Zum zweiten heißt ein Wörtlein „Kommende“[23], das ist, wenn der Papst einem Kardinal oder sonst einem der Seinen ein reiches fettes Kloster oder eine Kirche befiehlt zu behalten, gerade so, als wenn ich dir hundert Gulden zu behalten über­gäbe. Das heißt, das Klosterwedergeben noch verleihen, auch nicht zerstören noch den Gottesdienst einstellen, sondern es allein zum Behalten übergeben. Nicht daß er es bewahren oder ausbauen soll, sondern die Person vertreiben, die Güter und Ab­gaben einnehmen und irgendeinen abgefallenen, aus dem Kloster entlaufenen Mönch hineinsetzen, der fünf oder sechs Gulden des Jahres nimmt und des Tages in der Kirche sitzt und den Pilgern Abzeichen und Bildlein verkauft, so daß weder Singen noch Lesen daselbst geschieht. Denn wenn das Klöster zerstören und Gottesdienst einstellen hieße, müßte man den Papst einen Zerstörer der Christenheit und Abschaffer des Gottesdienstes nennen. Denn ertreibt es fürwahr mächtig. Das wäre eine harte Sprache zu Rom. Darum muß man es eine Kommende nennen oder Befehl, das Kloster zu behalten. Von diesen Klöstern kann der Papst vier oder mehr in einem Jahr zu Kommenden machen, von denen eins mehr als sechstausend Gulden Einkommen hat. Auf diese Weise mehren sie zu Rom den Gottesdienst und erhalten die Klöster. Das lernet sich in deutschen Landen auch.

Zum dritten gibt es einige Lehen, die sie „incompatibilia“ nennen, die nach der Ordnung des geistlichen Rechts nicht zu­sammen besessen werden können; z. B. zwei Pfarreien, zwei Bistümer und dergleichen. Hier windet sich der Heilige [424] Römische Stuhl mit seiner Habgier so aus dem geistlichen Recht, daß er sich deutende Begriffe macht, die „unio“ [Ver­einigung] und „incorporatio“ [Einverleibung] heißen, das ist, daß er viele incompatibilia ineinanderfügt, so daß eins des andern Glied ist und sie so wie nur eine Pfründe angesehen werden. So sind sie nicht mehr „incompatibilia“. Und es ist dem heiligen geistlichen Recht geholfen, daß es nicht mehr bindet außer bei denen, die solche Deutungen dem Papst und seinem Datarius[24] nicht abkaufen. Die unio – das ist Ver­einigung – ist auch von der Art, daß er solcher Lehen viele zu­sammenkoppelt wie ein Bund Holz, die um dieses Koppelns willen für ein Lehen angesehen werden. So findet man wohl einen Höfling zu Rom, der für sich allein 22 Pfarreien, sieben Propsteien und 44 Pfründen dazu hat. Das alles bringt solche meisterliche Deutung und behauptet, daß nichts wider das Recht sei. Was nun Kardinale und andere Prälaten haben, be­denke ein jeder selbst. So will man den Deutschen den Beutel ausraumen und den Übermut vertreiben.

Der deutenden Begriffe einer ist auch „administratio“ [Ver­waltung], das heißt, daß einer neben seinem Bistum eine Abtei oder das Gebiet eines Prälaten hat und alles Gut besitzt, nur daß er den dazugehörigen Titel nicht hat, sondern bloß Admini­strator heißt. Denn es ist zu Rom genug, daß die Wörtlein sich wandeln und nicht die Tat, ebenso als wenn ich lehrte, die Hurenwirtin sollte Bürgermeisterin heißen und doch so gut bleiben, wie sie ist. Solches römisches Regiment hat der heilige Petrus vorausgesagt, als er sagte 2. Petr. 2,1.3: „Es werden falsche Lehrer kommen, die aus Habsucht mit erdichteten Worten mit euch umgehen und ihren Vorteil suchen werden.

Es hat auch die liebe römische Habsucht den Brauch er­dacht, daß man die Pfründen und Lehen verkauft und verleiht auf solchen Vorteil, daß der Verkäufer oder Händler den An­spruch auf heimfallende Lehen und den Anspruch, daß, wenn der Besitzer stirbt, das Lehen frei wieder dem anheimfällt, der es zuvor verkauft, verliehen oder überlassen hat. Damit haben sie aus den Pfründen Erbgüter gemacht, so daß niemand mehr dazu kommen kann außer demjenigen, dem es der Verkäufer verkaufen will oder dem er sein Recht daran testamentarisch zuweist. Daneben gibt es viele, die ein Lehen einem anderen nur dem Titel nach übergeben, von dem er keinen Heller empfängt. Es ist nun auch Gewohnheit geworden, daß einer dem anderen ein Lehen übergibt mit dem Vorbehalt einiger jährlicher Zinsbeträge, was vorzeiten Simonie[25] war, und der Stücklein viel mehr, die nicht zu zählen sind. Und sie gehen also viel schändlicher mit den Pfründen um als die Heiden unter dem Kreuz mit den Kleidern Christi (Matth. 27,35). [425]

Aber alles, was bisher gesagt wurde, ist zu Rom sehr alt und gewohnt geworden. Noch eins hat die Habgier erdacht, von dem ich hoffe, es wird das letzte sein, daran sie erstickt.

Der Papst hat einen edlen Kniff, der heißt „pectoralis reservatio“ – das ist, seines Willens Vorbehalt – und „proprius motus“ – das ist, freie Willkür der Entscheidung. Das geht so zu: Wenn einer zu Rom ein Lehen erlangt, das ihm gesiegelt und ordnungsgemäß zugeschrieben wird, wie da der Brauch ist, so kommt dann einer, der Geld bringt oder sonst Verdienste hat – wovon nicht zu reden ist-, und begehrt dasselbige Lehen vom Papst, so gibt dieser es ihm und nimmt es dem anderen. Spricht man dann, er sei im Unrecht, so muß der allerheiligste Vater sich entschuldigen, damit er nicht getadelt werde, so offensichtlich mit Gewalt wider das Recht zu handeln, und spricht: Er habe in seinem Herzen und Willen dasselbe Lehen sich selbst und seiner vollen Gewalt vorbehalten, obwohl er doch sein Lebtag zuvor nie daran gedacht noch davon gehört hat. Und er hat nun also einen deutenden Begriff erfunden, damit er in eigner Person lügen, betrügen und jedermann äffen und narren kann, und das alles unverschämt und öffentlich, und er will dennoch das Haupt der Christenheit sein, läßt sich mit offenkundigen Lügen von dem bösen Geist regieren.

Diese Willkür und dieser lügenhafte Vorbehalt des Papstes macht nun zu Rom ein solches Wesen, daß niemand davon reden kann. Das ist ein Kaufen, Verkaufen, Wechseln, Tau­schen, Rauschen, Lügen, Betrügen, Rauben, Stehlen, Prunken, Hurerei, Schurkerei, auf jede Weise Gottesverachtung, daß es dem Antichristen nicht möglich, lasterhafter zu regieren. Es ist Venedig, Antwerpen, Kairo nichts gegen diesen Jahrmarkt und Kaufhandel zu Rom, abgesehen davon, daß dort doch Vernunft und Recht bewahrt werden; hier geht es, wie der Teufel selbst will. Und aus diesem Meer fließt nun in alle Welt die gleiche Gewohnheit. Sollten sich solche Leute nicht zu Recht vor der Reformation und einem freien Konzil fürchten und eher alle Könige und Fürsten gegeneinandertreiben, damit ja nicht durch ihre Einigkeit ein Konzil werde? Wer mag dulden, daß solche Schurkerei an den Tag kommt?

Zuletzt hat der Papst für alle diese edlen Geschäfte ein eigenes Kaufhaus errichtet, das ist das Haus des Datarius zu Rom. Dahin müssen alle diejenigen kommen, die auf diese Weise um Lehen und Pfründen handeln. Demselben muß man solche deutenden Begriffe und Handlungen abkaufen und die Macht erlangen, solche Hauptschurkerei zu betreiben. Es war vorzeiten noch gnädig zu Rom, da man das Recht kaufen oder mit Geld unterdrücken mußte. Aber jetzt ist Rom so anspruchs­voll geworden, daß es niemanden Schurkerei treiben läßt; es muß vorher mit [426] Summen erkauft werden. Ist das nicht ein Hurenhaus über alle Hurenhäuser, die jemand zu erdenken ver­möchte, so weiß ich nicht, was Hurenhäuser sind.

Hast du nun Geld in diesem Haus, so kannst du zu allen den genannten Stücken kommen, und nicht nur zu denselben, sondern jede Art von Wucher wird hier für Geld ordentlich ge­macht, ebenso gestohlenes und geraubtes Gut gerechtfertigt. Hier werden die Gelübde aufgehoben, hier den Mönchen die Freiheit gegeben, aus den Orden auszutreten. Hier ist der Ehe­stand den Geistlichen feil. Hier können Hurenkinder ehelich werden, alle Unehre und Schande hier zu Würden kommen. Aller böse Tadel und Makel wird hier zum Ritter geschlagen und adlig. Hier muß sich der Ehestand fügen, der in einem ver­botenen Verwandtschaftsgrad[26] besteht oder sonst einen Mangel hat. O welch ein Ausplündern und Aussaugen regiert da, so daß es den Anschein hat, daß alle geistlichen Gesetze nur darum aufgestellt worden sind, damit möglichst viele Geld­stricke werden, aus denen sich befreien muß, wer ein Christ sein will. Ja, hier wird der Teufel ein Heiliger und ein Gott dazu. Was Himmel und Erde nicht vermögen, das vermag dieses Haus. Es heißen compositiones [Zahlungen] freilich compositiones, ja confusiones [Verwirrungen].[27] O was für eine ein­fache Steuer ist der Zoll am Rhein gegen dieses heilige Haus.

Niemand soll denken, daß ich zuviel sage. Es ist alles offen­kundig, daß sie selbst zu Rom bekennen müssen, es sei grauenhafter und mehr, als jemand sagen kann. Ich habe noch nicht und will auch noch nicht den rechten höllischen Bodensatz von den persönlichen Lastern aufrühren. Ich rede nur von den allgemein geläufigen Sachen und kann sie dennoch mit Worten nicht ausschöpfen. Es sollten die Bischöfe, Priester­schaft und zuvor die Doktoren der Universitäten, die dafür be­soldet werden, entsprechend ihrer Pflicht übereinstimmend da­gegen geschrieben und geschrien haben. Ja, kehre die Sache ins Gegenteil, so findest du es.

Es ist noch der Abschiedsgruß übrig, den muß ich auch geben. Da nun die unermeßliche Habgier noch nicht genug hatte an allen diesen Ausplünderungen, mit denen sich drei mächtige Könige billigerweise genügen ließen, hebt sie nun an, diese ihre Geschäfte dem Fugger[28] in Augsburg zu ver­setzen und zu verkaufen, so daß nun Bistümer und Lehen zu verleihen, zu tauschen,, zu kaufen und die lieben Geschäfte mit geistlichen Gütern zu treiben eben an den rechten Ort ge­kommen und nun aus geistlichen und weltlichen Gütern ein Handel geworden ist. Nun möchte ich gerne eine so [427] hohe Vernunft hören, die ausdenken könnte, was nun hinfort durch die römische Habgier noch geschehen könnte, was noch nicht geschehen ist, es sei denn, daß der Fugger seine beiden und nun vereinigten Handelsgeschäfte auch jemandem ver­setzt oder verkauft. Ich meine, es sei ans Ende gelangt.

Was sie mit Ablaß, Bullen, Butterbriefen und anderen Beicht­briefen[29] in allen Landen gestohlen haben und noch stehlen und aussaugen, achte ich für Flickwerk und soviel, als wenn man einen Teufel in die Hölle wirft. Nicht, weil sie wenig ein­bringen, denn es könnte sich gut ein mächtiger König davon er­halten, sondern weil es gegen die obengenannten Geldströme keinem Vergleich standhält. Ich verschweige auch noch zur Zeit, wohin dieses Ablaßgeld gekommen ist. Ein andermal will ich danach fragen, denn der römische Marktplatz und das Belvedere im Vatikan und einige Orte mehr wissen wohl etwas darüber.

Weil denn dieses teuflische Regiment nicht nur eine offen­kundige Räuberei, Betrügerei und Tyrannei der höllischen Macht ist, sondern auch die Christenheit an Leib und Seele ver­dirbt, sind wir hier schuldig, allen Fleiß aufzuwenden, um solchen Jammer und solcher Zerstörung der Christenheit zu wehren. Wollen wir gegen den Türken kämpfen, so laßt uns hier anfangen, wo sie am allerärgsten sind. Hängen wir mit Recht die Diebe und köpfen die Räuber, warum sollten wir die römische Habgier frei ausgehen lassen, die der größte Dieb und Räuber ist, der auf Erden gekommen ist oder kommen kann. Und das alles in Christi oder des heiligen Petrus heiligen Namen. Wer kann es doch zuletzt dulden oder verschweigen? Es ist ja fast alles gestohlen und geraubt, was diese Habgier hat. Das ist ja nichts anderes, als was aus allen Historien bewiesen wird. Es hat ja der Papst solche großen Güter nicht gekauft, daß er von seinen Kirchenämtern bei zehnmal hunderttausend Dukaten erheben kann, ohne die obengenannten Schatzgruben und sein Land. Ebenso hat es ihm weder Christus noch der heilige Petrus ver­erbt, ebenso hat es ihm auch niemand gegeben noch geliehen, ebenso ist es auch nicht ersessen oder durch Verjährung er­worben. Sag du mir, woher mageres haben? Daraus merke, was sie suchen und meinen, wenn sie Legaten aussenden, Geld wider die Türken zu sammeln.

Die Reformvorschläge

Wiewohl ich nun zu gering bin, um Vorschläge zu unter­breiten, die für die Besserung solcher grauenerregender Ver­hältnisse dienlich sind, will ich doch das Narrenspiel hinaus­singen und sagen, soviel mein Verstand vermag, was wohl ge­schehen könnte und müßte von seifen der weltlichen Gewalt odereinem allgemeinen Konzil:

1. Jeder Fürst, jeder Adlige, jede Stadt sollten ihren Unter­tanen frisch drauflos verbieten, die Annaten nach Rom zu geben, und sie ganz abschaffen, denn [428] der Papst hat den Vertrag gebrochen und eine Räuberei aus den Annaten ge­macht zum Schaden und zur Schande der gesamten deutschen Nation. Er gibt sie seinen Freunden, verkauft sie für viel Geld und errichtet Ämter darauf. Darum hat er das Recht darauf ver­loren und Strafe verdient. So ist die weltliche Gewalt schuldig, die Unschuldigen zu schützen und dem Unrecht zu wehren, wie der heilige Paulus Röm. 13,3 f. und der heilige Petrus 1. Petr. 2,14 lehren, ja auch das geistliche Recht im Kanon ,,Filiis vel nepotibus“[30]. Daher ist es gekommen, daß man zum Papst und den Seinen sagt: „Tu ora“ – „Du sollst beten!“, zum Kaiser und den Seinen: „Tu protege!“ – „Du sollst schützen!“‘, zum gemeinen Mann: „Tu labora!“ – „Du sollst arbeiten!“ Nicht so, daß nicht ein jeder beten, beschützen und arbeiten sollte, denn es ist alles gebetet, beschützt und gearbeitet, wenn jemand seine Tätigkeit ausübt, sondern damit einem jeden seine Tätig­keit zugeeignet werde.

2. Der Papst reißt mit seinen römischen Praktiken, Kommen­den, Bestellungen eines Koadjutors, Reservationen, Zusagen auf noch nicht freie Pfründen, Papstmonaten, Inkorporationen, Unionen, Pensionen, Pallien, Kanzleiregeln und dergleichen Schurkereien alle deutschen Stifte ohne Befugnis und Recht an sich und gibt und verkauft dieselben zu Rom Fremden, die nichts in deutschen Landen dafür tun. Dadurch beraubt er die Diözesanbischöfe ihres Rechtes und macht aus den Bischöfen nur Nullen und Ölgötzen und handelt so wider sein eigenes geistliches Recht, Natur und Vernunft. Infolgedessen ist es zu­letzt dahin gekommen, daß die Pfründen und Lehen aus reiner Habgier nur dummen, ungelehrten Eseln und Schurken zu Rom verkauft werden, wogegen redliche, gelehrte Leute aus ihren Verdiensten und ihrem Können keinen Nutzen ziehen. Dadurch muß das arme Volk deutscher Nation an guten, gelehrten Prälaten Mangel haben und verderben. Deshalb soll sich hier der christliche Adel gegen ihn auflehnen wie gegen einen all­gemeinen Feind und Zerstörer der Christenheit um der armen Seelen Heil willen, die durch solche Tyrannei verderben müssen, und bestimmen, gebieten und verordnen, daß hinfort kein Lehen mehr nach Rom gezogen und keins mehr dort auf irgendeine Weise erlangt werde, sondern wieder von der tyran­nischen Herrschaft herausgerückt, außerhalb von Rom be­halten und den Diözesanbischöfen ihr Recht und ihr Amt zu­rückerstattet werde, um diese Lehen in der deutschen Nation zu vergeben, so gut sie können. Und wenn ein Höfling aus Rom käme, sollte demselben ein [429] ernster Befehl erteilt werden, zu verzichten oder in den Rhein bzw. das nächste Wasser zu springen und den römischen Bann mit Brief und Siegel zum kalten Bade zu führen. Dann würden sie zu Rom merken, daß die Deutschen nicht immer toll und voll sind, sondern auch ein­mal Christen geworden sind, die die Verspottung und die Schmähung des heiligen Namens Christi, unter dem solche Schurkerei und solches Seelenverderben geschieht, nicht mehr zu dulden gedenken, Gott und Gottes Ehre mehr achten als der Menschen Macht.

3. Ein kaiserliches Gesetz sollte ausgehen, keinen Bischofs­mantel, auch keine Bestätigung irgendeiner kirchlichen Würde fortan aus Rom zu holen. Vielmehr sollte man die Ordnung des allerheiligsten und berühmtesten Nizänischen Konzils wieder aufrichten, in dem bestimmt ist, daß ein Bischof von den andern zwei nächsten oder von einem Erzbischof bestätigt wer­den soll. Wenn der Papst solche und aller Konzilien Statut zer­reißen will, was nützt es dann, daß man ein Konzil hat? Oder wer hat ihm die Macht gegeben, Konzilien zu verachten und zu zerreißen? Wenn es so weitergeht, beseitigen wir alle Bischöfe, Erzbischöfe, Primasse[31] und machen einfache Pfarrer daraus, so daß der Papst allein über ihnen steht. So ist er doch jetzt und laßt den Bischöfen, Erzbischöfen und Primassen keine ordent­liche Macht noch Amt, reißt alles an sich und laßt ihnen nur den Namen und den leeren Titel, so weit auch, daß durch seine Exemption[32] auch die Klöster, Äbte und Prälaten der ordent­lichen Macht der Bischöfe entzogen werden und dadurch keine Ordnung in der Christenheit bleibt. Daraus muß dann folgen, was erfolgt ist: Erlaß der Strafen und Freiheit, Böses zu tun in aller Welt, so daß ich fürwahr Sorge habe, man könne den Papst ,,Mensch der Sünde“ (2.Thess. 2,3) nennen. Wem kann man die Schuld geben, daß keine Zucht, keine Strafe, kein Regiment, keine Ordnung in der Christenheit ist, als dem Papst, der durch diese seine sich selbst angemaßte Macht allen Prälaten die Hand zuschließt, die Rute nimmt und allen Untertanen die Hand auftut und Freiheit gibt oder verkauft?

Doch sollte, damit er nicht Klage erhebe, er werde seiner Herrschaft beraubt, bestimmt werden, daß, wenn die Primasse oder Erzbischöfe eine Sache nicht zuwege bringen können oder sich unter ihnen ein Streit erhebt, alsdann diese Dinge dem Papst vorgebracht werden, und nicht eine jede kleine Sache – so wie es vorzeiten geschah und das hochberühmte Nizanische Konzil bestimmt hat. Was aber ohne den Papst zuwege ge­bracht werden kann, mit solchen geringen Sachen sollte Seine Heiligkeit nicht beschwert werden,- sondern ihrem Beten und Studieren und Sorgen für die ganze Christenheit – wie er sich rühmt – nachgehen können, wie die Apostel Apg. 6,2.4 taten und sagten: „Es ist nicht recht, daß wir das Wort Gottes versäumen und bei Tisch dienen. Wir wollen anhalten am Predigen und am Gebet und für diese Tätigkeit andere be­stimmen.“ Aber nun ist Rom nichts anderes als Verachtung des [430] Evangeliums und des Gebets sowie Dienst bei Tisch, das heißt für das zeitliche Gut. Und es reimt sich der Apostel und des Papstes Regiment zusammen wie Christus und Luzifer, Himmel und Hölle, Nacht und Tag, und heißt doch Stellvertreter Christi und der Apostel Nachfolger.

4. Es sollte verordnet werden, daß keine weltlichen Sachen nach Rom gezogen werden, sondern dieselben alle der welt­lichen Macht überlassen werden, wie sie selbst in ihren geist­lichen Rechten bestimmen und doch nicht halten. Denn des Papstes Amt soll sein, daß er als der Allergelehrteste in der Hei­ligen Schrift und – wahrhaftig, nicht nur dem Namen nach – Allerheiligste die Sachen regiere, die den Glauben und das heilige Leben der Christen betreffen, die Primasse und Erz­bischöfe dazu anhalte und mit ihnen darin verhandle und Sorge trage; wie der heilige Paulus 1. Kor. 6,7 lehrt und hart tadelt, daß sie mit weltlichen Sachen umgingen. Denn es bringt allen Landen unerträglichen Schaden, daß solche Sachen zu Rom verhandelt werden, wo große Unkosten entstehen. Dazu kennen dieselben Richter nicht die Sitten, Rechte und Gewohn­heiten der Länder, so daß sie oftmals die Sachen nach ihren Rechten und Meinungen zwingen und ziehen, wodurch den Parteien Unrecht geschehen muß.

Dabei müßte man auch in allen Stiften die grauenerregende Bedrückung von selten bischöf­licher Beamten verbieten, damit sie sich nurderGlaubensdinge und der guten Sitten annehmen und das, was Geld, Gut und Leib oder Ehre betrifft, den welt­lichen Richtern überlassen. Darum soll die weltliche Macht das Bannen und ihr Treiben nicht gestatten, wenn es nicht den Glauben oder gutes Leben betrifft. Geistliche Macht soll [431] geistliches Gut regieren, wie das die Vernunft lehrt. Geistliches Gut ist aber weder Geld noch ein leibliches Ding, sondern Glaube und gute Werke.

Doch könnte man zulassen, daß Streitsachen, die da Lehen oder Pfründen betreffen, vor Bischöfen, Erzbischöfen und Primassen verhandelt werden. Um nun, wenn es möglich ist, die Streitigkeiten und Kriege beizulegen, sollte der Primas in Germanien ein allgemeines Konsistorium unterhalten mit Untersuchungsrichtern und Kanzlern, das – wie zu Rom die Be­hörden in Gnaden- und Justizsachen – regiert und vor dem durch Appellation die Sachen in deutschen Ländern ordentlich vorgebracht und betrieben würden. Diese dürfte man nicht wie zu Rom mit gelegentlichen Gaben und Geschenken be­solden, wodurch sie sich daran gewöhnten. Recht und Unrecht zu verkaufen, wie sie es jetzt zu Rom tun müssen, weil ihnen der Papst keinen Sold gibt. Er läßt sich selbst mit Geschenken mästen. Denn es liegt zu Rom ja niemandem etwas daran, was Recht oder Unrecht, sondern was Geld oder nicht Geld ist. Viel­mehr könnte man das von den Annaten nehmen oder sonst einen Weg finden, was gewiß diejenigen können, die hoch- verständiger und in den Sachen besser erfahren sind, als ich bin. Ich will nur angeregt und Anstoß zum Bedenken ge­geben haben denen, die da fähig und geneigt sind, der deut­schen Nation zu helfen, wieder Christen und frei zu werden nach dem elenden, heidnischen und unchristlichen Regiment des Papstes.

5. Es sollten keine Reservationen [Vorbehalte] mehr gelten und kein Lehen mehr zu Rom festgehalten werden, es sterbe der Besitzer, es sei Streit darüber oder es gehöre einem Dienst­mann eines Kardinals oder des Papstes. Man sollte auch streng verbieten und verhindern, daß ein Höfling um irgendein Lehen Streit anfange, um die redlichen Priester vorzuladen, in Prozesse zu verwickeln und zum Bezahlen zu treiben. Und wenn darum aus Rom ein Bann oder geistlicher Zwang käme, sollte man den verachten, als wenn ein Dieb jemanden dafür in den Bann täte, weil man ihn wollte nicht stehlen lassen. Ja, man sollte sie hart tadeln, weil sie den Bann und den göttlichen Namen so lästerlich mißbrauchen, um ihre Räuberei zu be­stärken, und weil sie mit falschen, erdichteten Drohungen uns dahin treiben wollen, daß wir solche Lästerung des göttlichen Namens und solchen Mißbrauch christlicher Macht dulden und loben sollen und ihrer Bosheit vor Gott teilhaftig werden, ob­wohl wir dieser zu wehren vor Gott schuldig sind, wie der heilige Paulus Röm. 1,32 diese tadelt, sie seien des Todes würdig, da sie nicht nur solches tun, sondern auch zustimmen und ge­statten, solches zu tun. Vor allem aber ist die lügenhafte reservatio pectoralis[33] nicht zu dulden, durch die die Christenheit so lästerlich und öffentlich geschmäht und verspottet wird, weil ihr Oberster mit offenkundigen Lügen umgeht und wegen des ver­fluchten Gutes jedermann unverschämt betrügt und narrt.

6. Es sollten auch die Reservatsfälle abgeschafft werden, die vorbehaltenen Fälle, mit denen nicht nur viel Geld aus den Leuten gepreßt wird, sondern [432] auch viele arme Gewissen von den wütenden Tyrannen gefesselt und verwirrt werden zu unerträglichem Schaden ihres Glaubens an Gott – besonders die lächerlichen, kindischen Fälle, die sie mit der Bulle „In coena domini“[34] aufblasen, die nicht wert sind, daß man sie tägliche Sünden nennt, geschweige denn so große Fälle, die der Papst mit keinem Ablaß nachläßt, als da sind: Wenn jemand eine Pilgerschaft nach Rom verhindert oder den Türken Waffen liefert oder Urkunden des Papstes fälscht. Sie narren uns mit so dummen, tollen, ungeschickten Stücken. Sodom und Gomorra und alle Sünden, die wider Gottes Gebote ge­schehen und geschehen können, sind keine Reservatsfälle. Aber was Gott nie geboten hat und sie selbst erdacht haben, das müssen Reservatsfälle sein, nur damit man niemanden hindere, Geld nach Rom zu bringen, daß sie vor dem Türken sicher in Wollust leben und mit ihren nichtswürdigen, unnützen Bullen und Urkunden die Welt in ihrer Tyrannei erhalten.

Es sollte nun billig ein solches Wissen bei allen Priestern oder eine öffentliche Ordnung sein, daß keine heimliche, un­angeklagte Sünde ein vorbehaltener Fall ist und ein jeder Priester Vollmacht hat, von jeder Art von Sünden frei­zusprechen, wie immer sie genannt werden, sofern sie heimlich sind, und daß weder Abt, Bischof noch Papst Macht haben, sich eine davon vorzubehalten. Und wenn sie das tun, so be­deutet und gilt es nichts. Sie sind sogar dafür zu tadeln als die­jenigen, die ohne Befehl in Gottes Gericht fallen und ohne Grund die armen, unverständigen Gewissen fesseln und be­schweren. Wenn es aber öffentliche, große Sünden sind, be­sonders wider Gottes Gebot, da gibt es wohl einen Grund, Reservatsfälle zu haben, doch auch nicht zuviel, auch nicht aus eigner Macht oder Veranlassung. Denn Christus hat nicht Tyrannen, sondern Hirten in seine Kirche gesetzt, wie der hei­lige Petrus 1. Petr. 5,3 sagt.

7. Der Römische Stuhl sollte die Kirchenämter abschaffen, das Gewürm und Gewimmel zu Rom vermindern, damit des Papstes Gefolge von des Papstes eigenem Gut ernährt werden kann. Und er lasse seinen Hof nicht aller Könige Hof mit Prunk und Aufwand überbieten, in Anbetracht dessen, daß solches Wesen nicht nur nie zur Sache des christlichen Glaubens ge­dient hat, sondern sie auch dadurch am Studieren und Gebet gehindert werden, so daß sie selbst fast nichts mehr vom Glau­ben zu sagen wissen. Das haben sie ganz deutlich auf dem letzten römischen Konzil[35] bewiesen, auf dem sie unter vielen kindischen, leichtfertigen Artikeln auch diesen festgesetzt haben, daß des Menschen Seele unsterblich ist und ein Priester [433] mindestens einmal im Monat sein Gebet zu sprechen schuldig ist, wenn er sein Lehen nicht verlieren will. Was sollen die Leute über Dinge der Christenheit und des Glau­bens richten, die – von großer Habgier, Gut und weltlicher Pracht verstockt und verblendet – nun allererst behaupten, die Seele sei unsterblich, was eine nicht geringe Schmach für die gesamte Christenheit ist, so schimpflich zu Rom mit dem Glau­ben umzugehen. Hatten sie nun weniger Gut und Prunk, so könnten sie besser studieren und beten, so daß sie würdig und tüchtig würden, mit den Glaubensdingen umzugehen, wie sie vorzeiten waren, als sie Bischöfe und nicht König aller Könige zu sein sich vermaßen.

8. Die schweren, grauenerregenden Eide sollten aufgehoben werden, welche die Bischöfe ohne jedes Recht dem Papst zu leisten gezwungen werden, womit sie gleich den Knechten gefangen werden, wie das untüchtige, ungelehrte Kapitel „Significasti“[36] aus eigener Macht und großem Unverstand be­stimmt. Ist es nicht genug, daß sie uns Gut, Leib und Seele be­schweren mit ihren vielen tollen Gesetzen, durch die sie den Glauben geschwächt, die Christenheit verdorben haben? Sie nehmen auch noch die Person, ihr Amt und ihre Tätigkeit ge­fangen, dazu auch die Investitur[37], die vorzeiten den deutschen Kaisern gehörte und in Frankreich und einigen Königreichen noch den Königen gehört. Darüber haben sie mit den Kaisern große Kriege und Streitigkeiten so lange gehabt, bis sie sie mit frecher Gewalt genommen und bisher behalten haben; gerade als müßten die Deutschen vor allen Christen auf Erden des Papstes und des Römischen Stuhles Gaukelnarren sein, tun und dulden, was sonst niemand dulden noch tun will. Weil denn dieses Stück reine Gewalt und Räuberei ist zur Behinderung bischöflicher, ordentlicher Macht und zum Schaden der armen Seelen, ist der Kaiser mit seinem Adel schuldig, solcher Tyrannei zu wehren und sie zu tadeln.

9. Der Papst sollte über den Kaiser keine Gewalt haben, außer daß er ihn auf dem Altar salbt und krönt, wie ein Bischof einen König krönt. Und es sollte ja nicht mehr die teuflische Hoffart zugelassen werden, daß der Kaiser des Papstes Füße küßt oder zu seinen Füßen sitzt oder- wie man sagt – ihm den Steigbügel hält und den Zaum seines Maultieres, wenn er auf­sitzt, um zu reiten; noch viel weniger, daß er dem Papst Gehor­sam und treue Untertänigkeit schwört, wie die Päpste un­verschämt vornehmen zu fordern, als hätten sie ein Recht dazu. Es ist das Kapitel „Solite“[38], in dem die päpstliche Gewalt über die kaiserliche erhoben wird, nicht einen Heller wert, und ebenso alle, die sich darauf gründen oder sich davor fürchten, weil es nichts anderes tut, als die heiligen Gottesworte [434] von ihrem rechten Verständnis zu ihren eigenen Träumen zwingt und dringt, wie ich das angezeigt habe in Latein.[39]

Solches überschwengliche, überhochmütige, überfrevent­liche Vornehmen des Papstes hat der Teufel erdacht, um dadurch mit der Zeit den Antichristen einzuführen und den Papst über Gott zu erheben, wie denn schon viele tun und getan haben. Es gebührt dem Papst nicht, sich über die weltliche Macht zu erheben, außer allein in geistlichen Ämtern, als da sind Predigen und von Sünden Freisprechen. In anderen Dingen soll er untergeordnet sein, wie Paulus Röm. 13,1 und 1. Petr. 2,13 f. lehrt, wie ich oben gesagt habe.[40] Er ist nicht ein Statthalter Christi im Himmel, sondern allein des auf Erden wandelnden Christus. Denn Christus im Himmel – in der herr­schenden Gestalt – bedarf keines Statthalters, sondern sitzt, sieht, tut, weiß und vermag alle Dinge. Aber er bedarf seiner in der dienenden Gestalt, wie er auf Erden ging, mit Abmühen, Predigen, Leiden und Sterben. Sie aber kehren es um, nehmen Christus die himmlische, herrschende Gestalt und geben sie dem Papst und lassen die dienende Gestalt ganz untergehen. Er sollte bald der Widerchrist sein, den die Heilige Schrift „Anti­christ“ nennt. Geht doch sein ganzes Wesen, seine Tätigkeit und sein Vornehmen wider Christus, nur Christi Wesen und Werk zu vertilgen und zu zerstören.

Es ist auch lächerlich und kindisch, daß sich der Papst aus solchem verblendeten, verkehrten Grund in seiner Dekretale „Pastoralis“[41] rühmt, er sei des Kaisertums ordentlicher Erbe, wenn es unbesetzt ist. Wer hat es ihm gegeben? Hat es Christus getan, als er sagte: „Die Fürsten der Heiden sind Herren. Ihr aber sollt nicht so sein“ (Luk. 22,25f.)? Hat es ihm der heilige Petrus vererbt? Mich verdrießt es, daß wir solche un­verschämten, dummen, tollen Lügen im geistlichen Recht lesen und lernen, außerdem für christliche Lehre halten müssen, so es doch teuflische Lügen sind. Von dieser Art ist auch die unerhörte Lüge „De donatione Constantini“[42]. Es muß eine besondere Plage von Gott gewesen sein, daß sich so viele verständige Leute haben überreden lassen, solche Lügen auf­zunehmen, obgleich sie doch ganz dumm und ungeschickt sind, daß mich dünkt, es sollte ein betrunkener Bauer behender und geschickter lügen können. Wie sollte neben dem Regieren eines Kaisertums Predigen, Beten, Studieren und die Armen versorgen bestehen? Diese Ämter stehen dem Papst aufs allereigentlichste zu und sind von Christus mit so großem Ernst auferlegt, daß er ihnen sogar verbot, Kleidung oder Geld mit sich zu tragen (Matth. 10,9 f.), weil kaum der diese Ämter ver­sehen kann, der nur ein einziges Haus regieren muß.

Und der Papst will das Kaisertum regieren und dazu Papst bleiben! Das haben die Schurken erdacht, die unter des Papstes Namen gerne [435] Herren über die Welt wären und das zerstörte Römische Reich durch den Papst und den Namen Christi wieder aufrichten möchten, wie es zuvor war.

10. Der Papst sollte sich enthalten, die Hand aus der Suppe ziehen und sich keiner Anwartschaft auf das Königreich zu Neapel und Sizilien anmaßen. Er hat ebensoviel Recht daran wie ich, will dennoch Lehnsherr darüber sein. Es ist Raub und Gewalt, wie fast alle seine anderen Güter sind. Darum sollte ihm der Kaiser solches Lehen nicht gestatten und, wenn es ge­schehen wäre, nicht mehr bewilligen, sondern ihm die Bibel und das Betbuch dafür vorzeigen, damit er weltliche Herren lasse Land und Leute regieren, insbesondere die, die ihm niemand gegeben hat. Und er predige und bete.

Solche Meinung sollte auch festgehalten werden über Bologna, Imola, Faenza, Ravenna und alles, was der Papst in der Mark Ancona, der Romagna und in anderen italienischen Gebieten mit Gewalt eingenommen hat und zu Unrecht besitzt, außerdem wider alle Gebote Christi und des heiligen Paulus sich einmischt. Denn so sagt der heilige Paulus (2. Tim. 2,4): „Niemand verstrickt sich in die weltlichen Geschäfte, der gött­liche Ritterschaft ausüben soll.“ Nun soll der Papst das Haupt und der Erste in dieser Ritterschaft sein und mischt sich mehr in weltliche Geschäfte als irgendein Kaiser und König. Ja, da müßte man ihm heraushelfen und seine Ritterschaft aus­üben lassen. Auch Christus – dessen Statthalter zu sein er sich rühmt – wollte doch nie mit weltlichem Regiment zu schaffen haben, so sehr, daß er zu einem, der ein Urteil von ihm über seinen Bruder begehrte, sprach (Luk. 12,14): „Wer hat mich dir zu einem Richter gemacht?“ Der Papst aber fährt unberufen dazwischen, maßt sich aller Dinge an wie ein Gott, bis er selbst nicht mehr weiß, wer Christus ist, zu dessen Statthalter er sich aufwirft.

11. Das Fußküssen des Papstes sollte auch nicht mehr ge­schehen. Es ist ein unchristliches, ja antichristliches Beispiel, daß ein armer, sündiger Mensch sich läßt seine Füße küssen, von dem, der hundertmal besser ist als er. Geschieht es zu Ehren der Macht, warum tut es dann der Papst nicht auch den anderen zu Ehren der Heiligkeit? Halte sie gegeneinander, Christus und den Papst: Christus wusch seinen Jüngern die Füße und trocknete sie, und die Jünger wuschen sie ihm noch nie (Joh. 13,4-14). Der Papst, gleichsam höher als Christus, kehrt das um und läßt es eine große Gnade sein, ihm seine Füße zu küssen, der doch angemessenerweise, wenn es jemand von ihm begehrte, dem mit allen Kräften wehren sollte, wie der heilige Paulus und Barnabas, die sich von denen zu Lystra nicht als Gott verehren lassen wollten, [436] sondern sprachen (Apg. 14,15): „Wir sind auch Menschen wie ihr.“ Aber unsere Schmeichler haben es so weit gebracht und uns einen Abgott gemacht, daß niemand sich so vor Gott fürchtet, niemand ihn mit solchen Gesten ehrt wie den Papst. Das können sie gut ertragen, aber gar nicht, wenn des Papstes Prunken ein Haarbreit abgebrochen würde. Wenn sie nun Christen wären und Gottes Ehre lieber hätten als ihre eigene, würde der Papst nimmer froh werden, wenn er gewahr würde, daß Gottes Ehre verachtet und seine eigene erhoben wird. Er würde auch niemanden ihn ehren lassen, bis er bemerkt, daß Gottes Ehre wieder erhoben und größer als seine Ehre ist.

Zu derselben großen anstößigen Hoffart gehört auch das eine häßliche Stück, daß der Papst sich nicht begnügen läßt, daß er reiten oder fahren kann, sondern – obwohl er stark und gesund ist – sich von Menschen wie ein Abgott mit unerhörter Pracht tragen läßt. Lieber, wie reimt sich doch solche luzifersche Hoffart mit Christus, der zu Fuß gegangen ist, und alle seine Apostel? Wo ist ein weltlicher König gewesen, der je so weltlich und prächtig gefahren ist, wie er fährt, der ein Haupt sein will aller derer, die weltliche Pracht verschmähen und fliehen sollen, das ist der Christen. Nicht daß uns das an sich selber sehr bewegen soll, sondern daß wir billig Gottes Zorn fürchten sollen, wenn wir solcher Hoffart schmeicheln und unseren Verdruß nicht merken lassen. Es ist genug, daß der Papst so tobt und narrt. Es ist aber zuviel, wenn wir das billigen und gutheißen.

Denn welches Christen Herz kann oder soll das mit Lust an­sehen, daß der Papst, wenn er sich will kommunizieren lassen, still sitzt wie ein gnädiger Junker und sich das Sakrament von einem knienden, gebeugten Kardinal mit einem goldenen Rohr reichen läßt, gerade als wäre das heilige Sakrament nicht würdig, daß ein Papst, ein armer stinkender Sünder, aufstände, seinem Gott die Ehre täte, so doch alle anderen Christen, die viel heiliger sind als der allerheiligste Vater, der Papst, mit aller Ehrerbietung dasselbe empfangen. Was wäre es wunder, daß Gott uns allesamt plagt, weil wir solche Unehre Gottes dulden und loben in unseren Prälaten und uns solcher seiner ver­dammten Hoffart teilhaftig machen durch unser Schweigen und Schmeicheln.

Ebenso geht es zu, wenn er das Sakrament in der Prozession umherträgt. Ihn muß man tragen, aber das Sakrament steht vor ihm wie eine Kanne Wein auf dem Tisch. Kurzum, Christus gilt nichts in Rom. Der Papst gilt alles. Und sie wollen uns dennoch bedrängen und bedrohen, wir sollen solche antichristliche Ver­unglimpfung billigen, preisen und ehren wider Gott und alle christliche Lehre. Helfe nun Gott einem freien Konzil, daß es den Papst lehre, daß er auch ein Mensch ist und nicht mehr als Gott, wie er sich untersteht zu sein. [437]

12. Die Wallfahrten nach Rom sollte man beseitigen oder niemanden aus eigener Leidenschaft oder Eifer laufen lassen, es würde denn zuvor von seinem Pfarrer, Stadt oder Oberherrn anerkannt, daß er eine ausreichende und redliche Ursache habe. Das sage ich nicht darum, weil Wallfahrten etwas Böses sind, sondern weil sie zu dieser Zeit übel geraten. Denn sie sehen zu Rom kein gutes Beispiel, sondern nur Ärgernis. Und wie sie selbst ein Sprichwort gemacht haben – „Je näher Rom, um so ärgere Christen“ –, bringen sie Verachtung Gottes und der Gebote Gottes mit sich. Man sagt: „Werdas erste Mal nach Rom geht, der sucht einen bösen Menschen, beim zweiten Mal findet er ihn, beim dritten Mal bringt er ihn mit heraus.“ Aber sie sind nun so geschickt geworden, daß sie die drei Reisen auf einmal ausrichten. Und sie haben uns fürwahr solche Stücklein aus Rom gebracht, daß es besser wäre, Rom nie gesehen noch kennengelernt zu haben.

Und wenn schon diese Sache nicht wäre, so ist doch noch eine vortreffliche da, nämlich die, daß die einfältigen Menschen dadurch zu einem falschen Wahn und zum Mißverständnis göttlicher Gebote verführt werden. Denn sie meinen, daß solches Wallfahren ein kostbares gutes Werk sei, was doch nicht wahr ist. Es ist ein geringes gutes Werk, oftmals ein böses, verführerisches Werk, denn Gott hat es nicht geboten. Er hat aber geboten, daß man sich um seine Frau und Kinder und das, was dem Ehestand gebührt, sorge, dabei seinem Näch­sten diene und helfe. Nun geschieht es, daß einer nach Rom wallfahrt, fünfzig, hundert, mehr oder weniger Gulden verzehrt, was ihm niemand befohlen hat, und läßt seine Frau und Kinder oder jedenfalls seinen Nächsten daheim Not leiden. Und es meint doch der törichte Mensch, er wolle solchen Ungehorsam und solche Verachtung göttlicher Gebote mit seinem eigen­willigen Wallfahren schmücken, obgleich es doch nur reiner Vorwitz oder Verführung des Teufels ist. Dazu haben nun die Päpste mit ihrem falschen, erdichteten, närrischen goldenen Jahr[43] geholfen, damit das Volk erregt, von Gottes Geboten ge­rissen und zu ihrem eigenen, verführerischen Vornehmen ge­zogen und eben dasselbe angerichtet, was sie sollten verboten haben. Aber es hat Geld gebracht und falsche Macht gestärkt. Darum hat es müssen weitergehen, es sei wider Gott oder der Seelen Heil.

Um solchen falschen, verführerischen Glauben der ein­fältigen Christen auszurotten und wieder ein rechtes Verständ­nis der guten Werke aufzurichten, sollten alle Wallfahrten unter­drückt werden. Denn es ist darin nichts Gutes, kein Gebot, kein Gehorsam, sondern unzählig oft Ursache zur Sünde und zur Verachtung von Gottes Geboten. Daher kommen so viele Bett­ler, die mit solchem Wallfahren unzählige Schurkereien treiben, die lernen, ohne Not zu betteln und sich daran gewöhnen.

Daher kommen freies Leben und weiterer Jammer, den ich jetzt nicht aufzählen will. Wer nun die Absicht hat, zu wallfahren oder Wallfahren zu geloben, sollte zuvor seinem Pfarrer oder [438] Oberherrn die Ursache anzeigen. Findet es sich, daß er es um eines guten Werkes willen tut, sollte dasselbe Gelübde und Werk durch den Pfarrer oder Oberherrn nur frisch als ein teuflisches Blendwerk mit Füßen getreten und ihm angezeigt werden, das Geld und die Mühe, die zur Wallfahrt gehören, an Gottes Gebot und tausendmal besserem Werk anzulegen, das heißt bei den Seinen oder seinen nächsten Armen. Wenn er es aber aus Neugier tut, Land und Leute zu besehen, mag man ihm seinen Willen lassen. Hat er es aber in einer Krankheit ge­lobt, sollte man dieselben Gelübde verbieten, verwerfen und die Gebote Gottes dagegen emporheben, damit er sich hinfort an dem Gelübde genügen lasse, das in der Taufe geschehen ist, Gottes Gebote zu halten. Doch mag man ihn für diesmal, um sein Gewissen zu beruhigen, sein närrisches Gelübde aus­führen lassen. Niemand will die richtige, gewöhnliche Straße göttlicher Gebote wandeln. Jedermann macht sich selbst neue Wege und Gelübde, als hätte er Gottes Gebote alle vollbracht.

13. Danach kommen wir zu dem großen Haufen, der viel ge­lobt und wenig hält. Zürnet nicht, liebe Herren, ich meine es wahrlich gut. Es ist die bittere und süße Wahrheit und heißt, daß man ja nicht mehr Bettelklöster bauen lasse. Hilf Gott, ihrer gibt es schon viel zuviel. Ja, wollte Gott, sie wären alle weg oder wenigstens in zwei oder drei Orden zusammengefaßt. Es hat nicht gut getan, tut auch nimmermehr gut: ihr Betteln auf dem Land. Darum ist mein Rat: Man schlage zehn – oder wieviel ihrer nötig sind – zusammen und mache eins daraus, das ge­nügend versorgt ist und nicht zu betteln braucht. O es ist hier viel mehr zu beschließen, was dem allgemeinen Haufen zur Seligkeit not ist, als was der heilige Franziskus, Dominikus, Augustinus[44] oder je ein Mensch festgesetzt hat, besonders weil es sich nicht gemäß ihrer Absicht entwickelt hat.

Und man sollte sie des Predigens und Beichthörens ent­heben, es sei denn, daß sie von Bischöfen, Pfarrern, Gemeinde oder Obrigkeit dazu berufen oder begehrt würden. Ist doch aus solchem Predigen und Beichtehören nichts weiter als nur Haß und Neid zwischen Pfarrern und Mönchen, großes Ärgernis und Behinderung des gemeinen Volkes erwachsen, so daß es wert ist und gewiß verdient aufzuhören, weil es gut entbehrt werden kann. Es hat geradezu den Anschein, als ob der Heilige Römische Stuhl dieses Heer nicht umsonst vermehrt hätte, damit nicht die Priesterschaft und die Bistümer – seiner Tyrannei überdrüssig – ihm einmal zu stark würden und eine Reformation anfingen, die Seiner Heiligkeit nicht zuträglich wäre.

Dabei sollten auch so mancherlei Sekten und Unterschei­dungen innerhalb eines Ordens aufgehoben werden, die zu­weilen aus ganz geringen Ursachen hervorgegangen sind [439] und sich wegen noch viel geringerer erhalten, mit unsagbarem Haß und Neid gegeneinander streitend. Dabei geht doch nichtsdestoweniger der christliche Glaube, der ohne alle solche Unterscheidungen gut besteht, auf beiden Seiten unter. Und ein gutes christliches Leben wird nur entsprechend den äußer­lichen Gesetzen, Werken und Gewohnheiten geschätzt und ge­sucht, woraus nichts weiter als Heuchelei und Seelenverderben folgen und gefunden werden, wie das jedermann vor Augen sieht.

Es müßte auch dem Papst verboten werden, noch mehr solche Orden zu errichten oder zu bestätigen, ja, es müßte be­fohlen werden, einige aufzuheben und in eine geringere Zahl zu zwingen, weil der Glaube an Christus, der allein das Hauptgut ist und ohne irgendeinen Orden besteht, nicht wenig Gefahr läuft, daß die Menschen durch so viele und verschiedenartige Werke und Gewohnheiten leicht verführt werden, mehr im Ver­trauen auf solche Werke und Gewohnheiten zu leben, als auf den Glauben zu achten. Und wenn nicht kluge Prälaten in den Klöstern sind, die mehr den Glauben als die Ordensgesetze predigen und lehren, ist es nicht möglich, daß der Orden nicht für einfältige Seelen, die allein auf die Werke achten, schädlich und verführerisch sein sollte.

Nun sind aber zu unsern Zeiten fast an allen Orten die Prälaten gefallen, die den Glauben gehabt und die Orden ein­gerichtet haben, gleichsam wie vorzeiten bei den Kindern von Israel, als die Väter gestorben waren, die Gottes Werk und Wunder erkannt hatten, ihre Kinder aus Unverständnis gött­licher Werke und des Glaubens bald anfingen, Abgötterei und eigene menschliche Werke aufzurichten (5. Mose 32,19-21). Ebenso sind jetzt leider auch diese Orden in bezug auf göttliche Werke und den Glauben unverständig geworden, so daß sie sich nur in ihren eigenen Regeln, Gesetzen und Gewohnheiten jämmerlich martern, mühen und abplagen und doch nimmer zum rechten Verständnis eines geistlichen guten Lebens kommen, wie der Apostel Paulus 2. Tim. 3,5.7 angekündigt und gesagt hat: „Sie haben den Schein eines geistlichen Lebens. Und es ist doch nichts dahinter. Sie lernen immer und immer und kommen doch nicht dahin, daß sie wissen, was wahrhaftig geistliches Leben ist.“ Darum wäre es besser, daß es keine Klöster gäbe, wenn nicht ein geistlicher, im christlichen Glau­ben verständiger Prälat regiert. Denn derselbe kann nicht ohne Schaden und Verderben regieren, und das desto mehr, je mehr er in seinen äußerlichen Werken den Anschein eines Heiligen und eines guten Lebens hat.

Es ist meines Erachtens eine Ordnung nötig – besonders in unseren gefährlichen Zeiten -, daß die Stifte und Klöster wieder auf die Weise geordnet werden, wie sie am Anfang bei den Aposteln und eine lange Zeit danach waren, als sie alle offen­standen für jedermann, um darinnen zu bleiben, solange es ihm gefällt. Denn was sind Stifte und Klöster anderes gewesen als christliche Schulen, in denen man die Heilige Schrift und Er­ziehung auf christliche Weise lehrte und Leute aufzog, zu regieren und zu predigen. So lesen wir, daß die heilige [440] Agnes in die Schule ging, und sehen es noch in einigen Frauen­klöstern, wie zu Quedlinburg und dergleichen. Fürwahr, es soll­ten alle Stifte und Klöster auch so offen sein, damit sie Gott aus freiem Willen und nicht mit gezwungenen Diensten dienten. Aber danach hat man es mit Gelübden verfaßt und ein ewiges Gefängnis daraus gemacht, so daß diese noch höher als die Taufgelübde angesehen werden. Was aber für Frucht daraus erwachsen ist, sehen, hören, lesen und erfahren wir täglich mehr und mehr.

Ich erachte wohl, daß dieser mein Rat als ganz töricht an­gesehen wird. Danach frage ich jetzt nicht. Ich rate, was mir gut dünkt. Verwerfe, wer es will. Ich sehe wohl, wie die Gelübde ge­halten werden, insbesondere das der Keuschheit, die durch solche Klöster so allgemeinverbindlich wird und doch von Christus nicht geboten ist, sondern nur ganz wenigen gegeben wird, wie er selbst und der heilige Paulus sagen (Matth. 19,10-12; 1. Kor. 7,6 f.). Ich wollte gerne, daß jedermann ge­holfen wird und daß christliche Seelen sich nicht durch menschliche, selbsterfundene Gewohnheiten und Gesetze fangen lassen.

14. Wir sehen auch, wie die Priesterschaft gefallen und mancher arme Pfarrer mit Frau und Kind beladen sein Ge­wissen beschwert, weil doch niemand etwas dafür tut, ihnen zu

helfen, obgleich ihnen sehr wohl zu helfen wäre. Papst und Bischöfe lassen hier gehen, was da geht, und verderben, was da verdirbt. So will ich mein Gewissen erretten und den Mund frei auftun (vgl. Hes. 3,17 f.), es verdrieße den Papst, Bischöfe oder wen es will. Und ich sage folgendes:

Nach Christi und der Apostel Einsetzung soll eine jede Stadt einen Pfarrer oder Bischof haben, wie Paulus klar schreibt Tit. 1,5, und derselbe Pfarrer soll nicht gezwungen werden, ohne eine Ehefrau zu leben, sondern kann eine haben, wie der heilige Paulus schreibt 1. Tim. 3,2 und Tit. 1,6 f. und spricht: „Es soll ein Bischof ein Mann sein, der unsträflich ist und nur einer Ehefrau Gemahl, dessen Kinder gehorsam und höflich sind usw.“ Denn ein Bischof und ein Pfarrer ist ein Ding bei dem heiligen Paulus, wie das auch der heilige Hieronymus[45]beweist-Von den Bischöfen aber, die es jetzt gibt, weiß die Hei­lige Schrift nichts, sondern sie sind durch Ordnung der Ge­meinde eingesetzt, damit einer über viele Pfarrer regiere.

Also lernen wir von dem Apostel klar, daß es in der Christen­heit so zugehen soll, daß eine jede Stadt aus der Gemeinde einen gelehrten, redlichen Bürger erwählt, demselben das Pfarramt anvertraut und ihn aus der Gemeinde ernährt, es seinem freien Ermessen überläßt, verehelicht zu sein oder nicht; der neben sich mehrere Priester oder Diakone hat – auch verehelicht, wie sie wollen -, die helfen, die Gemeinde mit Predigten und Sakramenten zu leiten, wie es denn in der griechischen Kirche noch geblieben ist. Da sind nun nachmals, als so viele Verfolgungen und Streitigkeiten wider die Ketzer waren, viele heilige Väter [441] gewesen, die freiwillig auf den Ehestand verzichtet haben, damit sie desto besser studieren konnten und zu jeder Stunde zum Tod und zum Streit bereit waren.

Da hat sich nun der Römische Stuhl aus eigenem Mutwillen eingemischt und hat ein allgemeines Gebot daraus gemacht und dem Priesterstand verboten, verehelicht zu sein. Das hat ihn der Teufel geheißen, wie der heilige Paulus 1. Tim. 4,1.3 voraussagt: „Es werden Lehrer kommen, die Teufelslehre bringen und verbieten, ehelich zu werden usw.“ Dadurch ist leider soviel Jammer entstanden, daß es nicht zu erzählen ist. Und es ist dadurch der griechischen Kirche Ursache gegeben worden, sich abzusondern, und unendliche Zwietracht, Sünde, Schande und Ärgernis vermehrt worden, wie denn alles tut, was der Teufel anfängt und treibt. Was wollen wir nun hier tun?

Ich rate, man gebe es wieder frei und lasse einem jeden seine freie Entscheidung, sich zu verehelichen oder nicht. Aber da müßte ein sehr viel anderes Regiment und Ordnung der Güter vorgenommen und das ganze geistliche Recht vernichtet werden, und es dürften nicht viel Lehen nach Rom kommen. Ich befürchte, die Habgier ist die Ursache der elenden un­keuschen Keuschheit gewesen. Daraus folgte dann, daß jeder­mann hat wollen Priester werden und jedermann sein Kind darauf studieren lassen, nicht mit der Absicht, keusch zu leben – was wohl ohne Priesterstand geschehen könnte -, sondern um sich mit zeitlicher Nahrung ohne Arbeit und Mühe zu er­nähren wider Gottes Gebot 1 Mose 3,19: „Du sollst dein Brot essen im Schweiße deines Angesichts.“ Sie haben sich den Anschein gegeben, als sollte ihre Arbeit Beten und Messe­halten sein.

Ich lasse hier Papst, Bischöfe, Stiftspriester und Mönche an­stehen, die Gott nicht eingesetzt hat. Haben sie sich selbst Bürden auferlegt, sollen sie diese auch tragen. Ich will von dem Pfarrerstand reden, den Gott eingesetzt hat, der eine Gemeinde mit Predigten und Sakrament leiten, bei ihnen wohnen und weltlich haushalten muß. Demselben sollte durch ein christ­liches Konzil die Freiheit gegeben werden, sich zu verehelichen, um Gefahren und Sünde zu vermeiden. Denn weil sie Gott nicht selbst zur Ehelosigkeit verpflichtet hat, soll und kann sie niemand dazu verpflichten, wenn er gleich ein Engel vom Himmel wäre (Gal. 1,8), geschweige denn ein Papst. Und was dagegen im geistlichen Recht bestimmt ist, sind nur Fabeln und Geschwätz.

Weiter rate ich: Wer sich hinfort zum Pfarrer oder auch sonst weihen läßt, soll dem Bischof auf keinen Fall geloben, Keusch­heit zu halten. Und er halte ihm entgegen, daß er gar keine Macht hat, ein solches Gelübde zu fordern. Und es ist eine teuf­lische Tyrannei, es zu fordern. Muß man aber oder will man sagen, wie einige tun: „Soweit es die menschliche Schwach­heit zuläßt“, so deute ein jeder dieselben Worte ohne Scheu negativ: „Ich verspreche keine Keuschheit, denn die mensch­liche Schwachheit [442] erlaubt kein keusches Leben, sondern allein eine engelhafte Tapferkeit und himmlische Kraft“, damit er ein freies Gewissen ohne jedes Gelübde behalte.

Ich will nicht raten und auch nicht wehren, daß diejenigen, die noch keine Frauen haben, sich verehelichen oder ohne Frau bleiben. Ich stelle das auf eine allgemeine christliche Ordnung und eines jeden besseres Verständnis. Aber der armen Menge will ich meinen treuen Rat nicht verbergen und ihnen den Trost nicht vorenthalten, die jetzt mit Frau und Kind beladen, in Schande und mit beschwertem Gewissen sitzen, weil man sie eine Pfaffenhure, die Kinder Pfaffenkinder schilt. Und ich sage das aufgrund meiner Narrenfreiheit frei heraus.

Man findet manchen redlichen Pfarrer, dem sonst niemand einen Vorwurf machen kann, als daß er mit einer Schwachheit behaftet und mit einer Frau zuschanden geworden ist, welche doch beide so in ihres Herzens Grund gesinnt sind, daß sie gerne immer beieinander bleiben wollten in rechter ehelicher Treue, wenn sie das nur mit gutem Gewissen tun könnten, ob sie auch gleich die Schande öffentlich tragen müßten. Diese zwei sind vor Gott gewiß verehelicht. Und hier sage ich, wenn sie so gesinnt sind und so zu einem gemeinsamen Leben kommen, sollen sie nur ihr Gewissen frisch erretten: Er nehme sie zur Ehefrau, behalte sie und lebe sonst redlich mit ihr wie ein Ehemann, unangesehen ob das der Papst will oder nicht will, es sei wider geistliches oder fleischliches Gesetz. Es liegt mehr an deiner Seelen Seligkeit, als an den tyrannischen, eigenwilligen, mutwilligen Gesetzen, die für die Seligkeit nicht erforderlich noch von Gott geboten sind. Und du sollst genauso handeln wie die Kinder Israel, die ihren verdienten Lohn den Ägyptern stahlen (2. Mose 11,2; 12,35 f.), oder wie ein Knecht seinem böswilligen Herrn seinen verdienten Lohn stehlen würde, ebenso stiehl auch dem Papst deine Ehefrau und deine Kinder.

Wer den Glauben hat, dies zu wagen, der folge mir nur frisch! Ich will ihn nicht verführen. Habe ich nicht Macht als ein Papst, habe ich doch Macht als ein Christ, meinem Nächsten zu helfen und zu raten von seinen Sünden und Gefahren. Und das nicht ohne Grund und Ursache:

Zum ersten: Es kann ja nicht ein jeder Pfarrer einer Frau ent­behren, nicht nur wegen der Schwachheit, sondern viel mehr des Haushaltens halber. Soll er denn eine Frau halten, was ihm der Papst zuläßt, doch nicht zur Ehe haben. Was ist das anderes getan, als einen Mann und eine Frau allein beieinander zu lassen und doch zu gebieten, sie sollten nicht fallen, ebenso wie Stroh und Feuer Zusammenlegen und gebieten, es soll weder rauchen noch brennen?

Zum zweiten: Weil der Papst keine Macht hat, solches zu ge­bieten, sowenig er Macht hat, Essen, Trinken und den natür­lichen Ausgang oder feist werden zu verbieten, ist niemand schuldig, es zu halten. Und der Papst ist schuld an allen Sünden, die dawider geschehen, an allen Seelen, die dadurch verlorengehen, an allen Gewissen, die dadurch verwirrt oder ge­martert werden, so daß er wohl längst verdient hätte, daß ihn jemand aus [443] der Welt vertrieben hätte, so viele elende Seelen hat er mit diesem teuflischen Strick erwürgt. Gleich­wohl hoffe ich, daß Gott vielen an ihrem Ende gnädiger ge­wesen ist als der Papst in ihrem Leben. Es ist noch nie Gutes aus dem Papsttum und seinen Gesetzen gekommen und wird nimmermehr kommen.

Zum dritten: Obschon des Papstes Gesetz dawider ist, ist sein Gesetz schon aus und gilt nicht mehr, wenn ein Ehestand auch wider des Papstes Gesetz angefangen wird. Denn Gottes Gebot, das da gebietet, daß Mann und Frau niemand scheiden soll (Matth. 19,6), geht weit über des Papstes Gesetz. Und es darf nicht Gottes Gebot um des päpstlichen Gebotes willen zer­rissen werden und zurückstehen; obwohl viele tolle Juristen mit dem Papst Ehehindernisse erfunden und dadurch den Ehe­stand verhindert, zerteilt und verwirrt haben, so daß Gottes Gebot darüber ganz untergegangen ist. Was soll ich viel sagen? Sind doch in dem ganzen geistlichen Papstgesetz nicht zwei Zeilen, die einen frommen Christen unterweisen könnten, und leider so viele irrige und gefährliche Gesetze, daß nichts besser wäre, als ein Feuer daraus zu machen.

Sprichst du aber: „Es ist Ärgernis erregend, und der Papst muß zuvor darin Dispens erteilen“, sage ich: „Was darin Ärger­nis erregt, das ist des Römischen Stuhles Schuld, der,solche Gesetze ohne Recht und wider Gott festgesetzt hat. Vor Gott und der Heiligen Schrift ist es kein Ärgernis. Außerdem, wie der Papst um des Geldes willen von seinen geldsüchtigen, tyran­nischen Gesetzen Dispens erteilen kann, so kann auch ein jeder Christ um Gottes und der Seelen Seligkeit willen eben diesen Dispens erteilen Denn Christus hat uns frei gemacht von allen Menschengesetzen, vor allem, wenn sie wider Gott und der Seelen Seligkeit sind, wie Gal. 5,1 und 1. Kor. 9,4-7 der heilige Paulus lehrt.

15. Damit ich auch die armen Klöster nicht vergesse! Es hat der böse Geist, der nun alle Stände durch Menschengesetze verwirrt und unerträglich gemacht hat, auch einige Äbte, Äbtissinnen und Prälaten besessen, daß sie ihren Brüdern und Schwestern so vorstehen, daß sie nur bald zur Hölle fahren und ein elendes Leben auch hier führen, wie denn alle Märtyrer des Teufels tun. Sie haben sich nämlich in der Beichte alle oder mindestens einige Todsünden vorbehalten, die geheim sind, so daß kein Bruder einen anderen davon freisprechen soll, bei Bann und Gehorsam. Nun findet man an allen Orten nicht allezeit Engel, sondern auch Fleisch und Blut, die eher jeden Bann und jedes Drohen erdulden, als daß sie den Prälaten und bestimmten Beichtvätern ihre geheimen Sünden beichten wollen. Sie gehen darauf zum Sakrament mit solchem Ge­wissen, wodurch sie dann irreguläres[46] [444] werden und des Jammers viel mehr. O blinde Hirten, o tolle Prälaten, o reißende Wölfe!

Hier sage ich: Wenn die Sünde offenbar oder bekannt ist, so ist es gerecht, daß der Prälat allein sie strafe. Und diese allein und keine anderen kann er sich vorbehalten und ausnehmen. Über die geheimen Sünden hat er keine Macht, wenn es gleich die ärgsten Sünden wären, die man findet oder finden kann. Und wenn der Prälat sich diese vorbehält, ist er ein Tyrann, hat dazu kein Recht, greift in Gottes Gericht. So rate ich diesen Beichtkindern, Brüdern und Schwestern: Wollen die Obersten keine Erlaubnis geben, die geheimen Sünden zu beichten, wem du willst, so nimm sie selber und klage sie deinem Bruder oder deiner Schwester, wem oder wo du willst. Laß dich freisprechen und trösten, gehe und tue darauf, was du willst und sollst. Glaube nur fest, daß du freigesprochen bist, so hat es keine Not. Und den Bann, Irregularität oder was sie weiter androhen, das laß dich nicht betrüben noch irremachen. Sie gelten nicht weiter, als über die öffentlichen oder bekannten Sünden, wenn die jemand nicht bekennen will, das betrifft dich nicht. Was nimmst du dir vor, du blinder Prälat, durch dein Drohen ge­heimen Sünden zu wehren? Laß fahren, was du nicht öffentlich erhalten kannst, damit Gottes Gericht und Gnade auch mit den deinen zu schaffen hat. Er hat sie dir nicht so ganz in deine Hand befohlen, daß er sie ganz aus seiner gelassen hat. Ja, du hast den geringeren Teil unter dir, laß deine Statuten Statuten sein und hebe sie nicht in den Himmel, in Gottes Gericht.

16. Es wäre auch notwendig, daß die Jahrestage, Begäng­nisse, Seelenmessen ganz abgeschafft oder wenigstens ver­ringert würden, weil wir offen vor Augen haben, daß weiter nichts als ein Gespött daraus geworden ist, womit Gott aufs höchste erzürnt wird, und daß sie nur auf Geld, Fressen und Saufen ausgerichtet sind. Was sollte Gott für ein Gefallen daran haben, wenn die elenden Vigilien und Messen so jäm­merlich geschlappert und weder gelesen noch gebetet wer­den, und wenn sie schon gebetet würden, doch nicht um Gottes willen aus freier Liebe, sondern um des Geldes und geschuldeter Verpflichtungen willen vollbracht werden. Nun ist es doch nicht möglich, daß Gott ein Werk gefällt oder etwas bei ihm erlangt, das nicht in freier Liebe geschieht. So ist es eher christlich, daß wir alles abschaffen oder wenig­stens verringern, was wir in Mißbrauch kommen sehen und Gott mehr erzürnt als versöhnt. Es wäre mir lieber, ja Gott angenehmer und viel besser, daß ein Stift, eine Kirche oder ein Kloster alle ihre jährlichen Messen und Vigilien zu­sammennähmen und an einem Tag eine rechte Vigilie und Messe mit herzlichem Emst, Andacht und [445] Glauben für alle ihre Wohltäter feierten, als daß sie ihrer Tausende und aber Tausende jedes Jahr, einem jeglichen eine besondere, feierten ohne solche Andacht und solchen Glauben. O liebe Christen, es liegt Gott nicht an vielem, sondern am rechten Beten. Ja, er verdammt die langen und vielen Gebete Matth. 6,7 und sagt (Matth. 23,14): „Sie werden nur mehr Strafe damit verdienen.“ Aber die Habgier, die Gott nicht vertrauen kann, richtet solche Gewohnheiten ein, hat Sorge, sie müßte Hungers sterben.

17. Man müßte auch einige Strafen des geistlichen Rechts abschaffen, insbesondere das Interdikt[47], das ohne Zweifel der böse Geist erdacht hat. Ist das nicht ein teuflisches Werk, daß man eine Sünde bessern will durch viele und größere Sünden? Es ist gewiß eine größere Sünde, daß man Gottes Wort und Dienst zum Schweigen bringt oder unterdrückt, als wenn einer zwanzig Päpste auf einmal – geschweige denn einen Priester – erwürgt oder geistliches Gut behalten hätte. Das ist auch eine der „zarten Tugenden“, die im geistlichen Recht gelehrt wer­den, denn das geistliche Recht heißt auch darum geistlich, weil es von dem Geist kommt, nicht von dem Heiligen Geist, sondern von dem bösen Geist.

Den Bann dürfte man nicht eher anwenden, als wenn die Hei­lige Schrift gebietet, ihn zu gebrauchen, das heißt nur gegen diejenigen, die nicht recht glauben oder in offenkundigen Sün­den leben; nicht wegen des zeitlichen Gutes. Aber nun ist es umgekehrt. Es glaubt und lebt jedermann, wie er will, gerade die am meisten, die andere Leute aussaugen und schmähen mit Bannen. Und jeder Bann ist jetzt nur um des zeitlichen Gutes willen geläufig, was wir auch niemandem als dem heiligen geistlichen Unrecht zu verdanken haben. Davon habe ich vorher im „Sermon von dem Bann“[48] mehrgesagt.

Die anderen Strafen: zeitweilige Amtsenthebung, Irregulari­tät, Bannandrohung, Exkommunikation, Absetzung, Blitzen, Donnern, Verfluchen, Verdammen und was der Erfindungen mehr sind, sollte man zehn Ellen tief in die Erde vergraben, so daß auch ihr Name und Gedächtnis nicht mehr auf der Erde wäre. Der böse Geist, der durch das geistliche Recht frei ge­worden ist, hat solche grauenerregenden Plagen und Jammer in das himmlische Reich der heiligen Christenheit gebracht und dadurch nichts weiter als Verderben und Behindern der Seelen angerichtet. Daher mag wohl von ihnen verstanden werden das Wort Christi Matth. 23,13: „Wehe euch Schriftgelehrten, ihr habt euch die Macht genommen zu lehren und schließt zu das Himmelreich vor den Menschen. Ihr geht nicht hinein und wehrt denen, die hineingehen.

18. Man sollte alle Feste abschaffen und allein den Sonntag behalten. Wollte man aber wenigstens der Maria und der großen Heiligen Feste behalten, sollten sie alle auf den Sonn­tag verlegt oder nur morgens zur Messe gehalten werden, danach sollte man den ganzen Tag einen Werktag sein lassen. Der Grund ist: Da nun der Mißbrauch mit Saufen, Spielen, Müßiggang und jeder Art [446] von Sünde umgeht, erzürnen wir Gott an den Heiligentagen mehr als an den anderen. Und die Tage sind ganz verkehrt, so daß Heiligentage nicht heilig, Werktage aber heilig sind. Mit den vielen Heiligentagen ge­schieht weder Gott noch seinen Heiligen nicht nur kein Dienst, sondern große Unehre, obwohl einige tolle Prälaten meinen, wenn sie der heiligen Ottilie[49] oder Barbara[50] und ein jeder nach seinem blinden Eifer ein Fest machen, hatten sie ein gar gutes Werk getan, obwohl sie ein viel besseres täten, wenn sie einem Heiligen zu Ehren aus einem Heiligentag einen Werktag machten.

Außerdem nimmt der gemeine Mann zweifach leiblichen Schaden über diesen geistlichen Schaden hinaus, weil er an seiner Arbeit gehindert wird und dazu mehr verzehrt als sonst, ja, auch seinen Leib schwächt und ungeschickt macht, wie wir das täglich sehen; und doch gedenkt niemand, es zu bessern. Und hier sollte man nicht darauf achten, ob der Papst diese Feste eingesetzt hat oder man einen Dispens oder eine Erlaub­nis haben muß. Was wider Gott ist und den Menschen schäd­lich an Leib und Seele, hat nicht nur eine jede Gemeinde, Rat oder Obrigkeit Macht, abzuschaffen und zu verhindern ohne Wissen und Willen des Papstes oder Bischofs, sondern sie ist auch bei ihrer Seelen Seligkeit verpflichtet, dasselbe ab­zuwehren, auch wenn es der Papst und die Bischöfe nicht wollen, die doch die ersten sein sollten, solches zu hindern.

Und zuvor sollte man die Kirchweihen ganz vertilgen, weil sie nichts anderes als richtige Kneipen und Jahrmärkte und Spiel­höllen geworden sind, nur zur Vermehrung von Gottes Unehre und der Seelen Unseligkeit. Es hilft nichts, daß man hervor­heben will, es habe einen guten Ursprung und sei ein gutes Werk. Hob Gott doch sein eigenes Gesetz auf, das er vom Himmel herab gegeben hatte, als es in einen Mißbrauch ver­kehrt wurde. Und er kehrt noch täglich um, was er gesetzt, zer­bricht, was er gemacht hat, um desselben verkehrten Miß­brauchs willen, wie im Psalm 18,27 von ihm geschrieben steht: „Und gegen die Verkehrten bist du verkehrt.

19. Die Grade oder Glieder sollten geändert werden, in denen der Ehestand verboten wird, als da sind Patenschaft, der vierte und dritte Grad. Wenn der Papst zu Rom darin um des Geldes willen Dispens erteilen kann und ihn schändlich verkauft, kann auch ein jeder Pfarrer umsonst und um der Seelen Seligkeit willen Dispens erteilen. Ja, wollte Gott, daß alles, was man zu Rom kaufen muß, um den Geldstrick, das geistliche Gesetz, zu lösen, ein jeder Pfarrer ohne Geld tun und erlassen könnte, als da sind Ablaß, Ablaßbriefe, Butterbriefe, Meßbriefe und was der Beichtbriefe oder Schurkereien mehr sind zu Rom, womit das arme Volk betrogen und ums Geld gebracht wird. Denn wenn der Papst Macht hat, seine Geldstricke und geistlichen Netze [447] (Gesetze sollte ich sagen) um des Geldes willen zu ver­kaufen, dann hat gewiß ein Pfarrer viel mehr Macht, dieselben zu zerreißen und um Gottes willen mit Füßen zu treten. Hat er aber dazu keine Macht, so hat auch der Papst keine Macht, diese durch seinen schändlichen Jahrmarkt zu verkaufen.

Dahin gehört auch: Die Fasten sollten einem jeden frei ge­lassen werden und jede Art von Speisen freigestellt werden, wie das Evangelium gewährt (Matth. 15,11). Denn sie selbst in Rom spotten über die Fasten, lassen uns draußen Öl fressen, mit dem sie nicht ihre Schuhe schmieren ließen, verkaufen uns danach die Freiheit, Butter und allerlei zu essen, obgleich der heilige Apostel sagt, daß wir aufgrund des Evangeliums ohne­hin zu allem diesem Freiheit haben (1. Kor. 10,23). Aber sie haben uns mit ihrem geistlichen Recht gefangen und be­stohlen, damit wir es mit Geld wieder kaufen müssen. Sie haben dadurch so verzagte, schüchterne Gewissen gemacht, daß nicht mehr gut von dieser Freiheit zu predigen ist, weil das allgemeine Volk so sehr daran Anstoß nimmt und Butter zu essen für eine größere Sünde hält als zu lügen, zu schwören oder auch Unkeuschheit zu treiben. Es ist doch Menschenwerk, was Menschen festgesetzt haben. Man lege es, wohin man will, und es entsteht nimmer etwas Gutes daraus.

20. Die unberechtigten Kapellen und Feldkirchen sollten dem Boden gleichgemacht werden, als da sind, wohin die neuen Wallfahrten gehen: Wilsnack[51], Sternberg[52], Trier[53], Grimmenthal[54] und jetzt Regensburg[55], und derer viel mehr. O wie schwierige, schlimme Rechenschaft werden die Bischöfe geben müssen, die ein solches Teufelsblendwerk zulassen und Nutzen davon empfangen! Sie sollten die ersten sein, dem­selben zu wehren. Sie meinen dagegen, es sei eine göttliche heilige Sache, und sehen nicht, daß der Teufel dies betreibt, um die Habgier zu bestärken, falschen, erdichteten Glauben auf­zurichten, Pfarrkirchen herabzusetzen, Schenken und Hurerei zu mehren – wodurch sie nutzlos Geld und Arbeit verlieren – und nur das arme Volk an der Nase herumführen. Hatten sie die Heilige Schrift so gut gelesen wie das verdammte geistliche Gesetz, wüßten sie diesen Sachen sicher abzuhelfen.

Es hilft auch nichts, daß dort Wunderzeichen geschehen; denn der böse Geist kann durchaus Wunder tun, wie uns Christus Matth. 24,24 mitgeteilt hat. Wenn sie dazu ent­schlossen wären und solches Wesen verböten, würden die Wunder bald aufhören oder-wäre es von Gott – es würde sich durch ihr Verbieten nicht verhindern lassen. [448] Und wenn es kein anderes Zeichen gäbe, daß dies nicht von Gott ist, wäre das genug, daß die Menschen tobend, ohne Vernunft, haufenweise wie das Vieh laufen, was unmöglich aus Gott sein kann. Weil Gott nichts darüber geboten hat, ist auch kein Gehorsam, kein Verdienst da. Darum sollte man frisch eingreifen und dem Volk wehren. Denn was nicht geboten ist und sich mehr als Gottes Gebot vordrängt, das ist gewiß der Teufel selbst. Auch erwächst den Pfarrkirchen daraus Nachteil, daß sie weniger geehrt werden. Kurzum, es sind Zeichen eines großen Unglaubens im Volk. Denn wenn sie recht glaubten, hätten sie alle Dinge in ihren eigenen Kirchen, wohin zu gehen ihnen geboten ist.

Aber was soll ich sagen? Ein jeder denkt nur daran, wie er eine solche Wallfahrt in seinem Kreis aufrichten und erhalten kann, ohne sich darum zu sorgen, wie das Volk recht glaubt und lebt. Die Regenten sind wie das Volk: ein Blinder führt den anderen (vgl. Matth. 1 5,14). Ja, wenn die Wallfahrten nicht an­fangen wollen, beginnt man die Heiligen zu erheben,[56] nicht um die Heiligen zu ehren, die wohl ohne ihre Heiligsprechung ge­nug geehrt würden, sondern um das Herbeilaufen und Geld­bringen einzurichten. Dazu helfen nun der Papst und die Bischöfe. Hier regnet es Ablässe, dafür hat man genug Geld. Aber was Gott geboten hat, darum ist niemand besorgt, danach läuft niemand, dafür hat niemand Geld. Ach, daß wir so blind sind und dem Teufel in seinen Verlockungen nicht nur seinen Mutwillen lassen, sondern auch bestärken und vermehren! Ich wollte, man ließe die lieben Heiligen in Frieden und das arme Volk unverführt. Welcher Geist hat dem Papst die Macht gegeben, die Heiligen heiligzusprechen? Wer sagt es ihm, ob sie heilig oder nicht heilig sind? Sind sonst nicht genug Sünden auf Erden? Muß man Gott auch versuchen, in sein Urteil fallen und die lieben Heiligen als Lockvögel einsetzen?

Darum rate ich, man lasse die Heiligen sich selbst erheben. Ja, Gott sollte sie allein heiligsprechen. Und jeder bleibe in seiner Pfarrkirche, wo er mehr findet, als in allen Wallfahrtskirchen, wenn sie gleich alle eine Wallfahrtskirche waren. Hier findet man die Taufe, das Abendmahl, die Predigt und seinen Nächsten, die größere Dinge sind als alle Heiligen im Himmel. Denn sie alle sind durch das Wort Gottes und Sakrament geheiligt worden. Weil wir denn solche großen Dinge verachten, ist Gott in seinem zornigen Urteil gerecht, daß er dem Teufel zuläßt, daß er uns hin und her führt, Wallfahrten aufrichtet, Kapellen und Kirchen grün­det, Heiligsprechungen anstiftet und der Narrenwerke mehr, wo­durch wir aus dem rechten Glauben in neuen Aberglauben fah­ren. So tat er vorzeiten dem Volk Israel, das er von dem Tempel zu Jerusalem an unzählige Orte führte, doch in Gottes Namen und gutem Schein der Heiligkeit, wogegen alle Propheten predigten und wofür sie gemartert worden sind. Aber jetzt predigt niemand dagegen, es würden ihn vielleicht Bischöfe, Papst, Priester und Mönche auch [449] martern. Auf diese Weise müssen jetzt auch Antoninus von Florenz[57] und einige Heilige mehr heiliggespro­chen werden, damit ihre Heiligkeit zum Ruhm und Gelderwerb dienen kann, die sonst allein zu Gottes Ehre und als gutes Vorbild gedient hätte.

Und obschon das Heiligsprechen vorzeiten gut gewesen wäre, so ist es doch jetzt nicht mehr gut, ebenso wie viele andere Dinge vorzeiten gut gewesen sind und nun doch an­stößig und schädlich sind: z. B. Feiertage, Kirchenschatz und‘ schmuckvolle Ausstattung. Denn es ist offenbar, daß durch die Heiligsprechung nicht Gottes Ehre noch der Christen Nutzen, sondern Geld und Ruhm gesucht werden, weil eine Kirche etwas Besonderes vor der anderen sein und haben will und es ihr leid wäre, wenn eine andere das gleiche hätte und ihr Vor­teil allgemein wäre. So ganz hat man geistliche Güter zum Miß­brauch und zum Gewinn zeitlicher Güter bestimmt in dieser ärgsten, letzten Zeit, daß alles, was Gott gehört, der Habgier dienen muß. Außerdem dient solcher Vorteil nurzu Entzweiung, Sekten und Hoffart, weil die Kirchen, eine der anderen ungleich, sich untereinander verachten und sich rühmen, obgleich doch alle göttlichen Güter, allen gemeinsam und gleich, nur zur Einig­keit dienen sollen. Daran hat der Papst auch Wohlgefallen, dem es leid wäre, wenn alle Christen gleich und eins wären.

Hierher gehört, daß man abschaffen oder verachten oder wenigstens allgemein machen sollte aller Kirchen Privilegien, Bullen und was der Papst zu Rom auf seinem Schindanger ver­kauft. Denn wenn er Wittenberg, Halle, Venedig und zuvor seinem Rom Gnadenerweise, Privilegien, Ablässe, Gnaden, Vorteile, Vollmachten verkauft oder gibt, warum gibt er es nicht allen Kirchen insgemein? Ist er nicht verpflichtet, allen Christen umsonst und um Gottes willen alles zu tun, was er vermag, ja auch sein Blut für sie zu vergießen? So sage mir, warum gibt oder verkauft er dieser Kirche und der anderen nicht? Oder muß das verfluchte Geld in seiner Heiligkeit Augen so einen großen Unterschied machen unter den Christen, die alle dieselbe Taufe, dasselbe Wort, denselben Glauben, denselben Christus, Gott und alle Dinge haben? Will man uns denn mit sehenden Augen ganz blind und mit reiner Vernunft ganz töricht machen, daß wir solche Habgier, Schurkerei und Spiegelfechten an­beten sollen? Er ist ein Hirte, ja, wenn du Geld hast, und nichts weiter! Und sie schämen sich dennoch nicht solcher Schur­kerei, mit ihren Bullen uns hin und herzu führen. Es ist ihnen nur um das verfluchte Geld zu tun und um sonst nichts weiter. [450]

So rate ich, wenn solches Narrenwerk nicht abgeschafft wird, soll jeder rechte Christ seine Augen auftun und sich durch die römischen Bullen, Siegel und Heuchelei nicht in die Irre führen lassen. Er bleibe daheim in seiner Kirche und lasse sich seine Taufe, Evangelium, Glauben, Christus und Gott, der an allen Orten gleich ist, das Beste sein und den Papst einen blinden Führer der Blinden bleiben (Matth. 15,14). Es kann dir weder Engel noch Papst so viel geben, wie dir Gott in deiner Pfarr­kirche gibt. Ja, er verführt dich von den göttlichen Gaben, die du umsonst hast, zu seinen Gaben, die du kaufen mußt, und gibt dir Blei für Gold, Fell für Fleisch, Schnur für den Beutel, Wachs für den Honig, Worte für das Gut, Buchstaben für den Geist,[58] wie du vor Augen hast und es dennoch nicht merken willst. Mußt du auf seinem Pergament und Wachs zum Himmel fah­ren, so wird dir der Wagen gar bald zerbrechen, und du wirst in die Hölle fallen, nicht in Gottes Namen. Laß es dir nur eine ge­wisse Regel sein: Was du vom Papst kaufen mußt, das ist nicht gut noch von Gott. Denn was aus Gott ist, das wird nicht nur umsonst gegeben, sondern alle Welt wird dafür getadelt und verdammt, daß sie es hat nicht umsonst aufnehmen wollen, nämlich das Evangelium und das göttliche Werk. Solche Verführerei haben wir um Gottes willen verdient, weil wir sein hei­liges Wort von der Gnade der Taufe verachtet haben, wie der heilige Paulus sagt (2. Thess. 2,10 f.): „Gott wird eine kräftige Irrung allen denen senden, die die Wahrheit nicht zu ihrer Seligkeit aufgenommen haben, damit sie der Lüge glauben und folgen und der Schurkerei, wie sie würdig sind.

21. Es ist gewiß eine der größten Notwendigkeiten, daß jede Bettelei abgeschafft wird in der ganzen Christenheit. Es sollte niemals jemand unter den Christen betteln gehen. Es wäre auch leicht eine Ordnung darüber zu machen, wenn wir den Willen und den Ernst dazu aufbrächten; nämlich, daß eine jede Stadt ihre armen Leute versorgte und keinen fremden Bettler zuließe, sie hießen, wie sie wollten, es wären Wall­fahrer oder Bettelorden. Es könnte jeweils eine jede Stadt die Ihren ernähren. Und wenn sie zu klein wäre, sollte man auf den umliegenden Dörfern auch das Volk ermahnen, dazu zu geben. Müssen sie doch sonst so viele Landstreicher und Gauner unter des Bettelns Namen ernähren. Auf diese Weise könnte man wissen, welche wahrhaftig arm sind und welche nicht.

Es müßte ein Verweser oder Vormund dasein, der alle Armen kennt und dem Rat oder Pfarrer ansagt, was sie nötig haben oder wie das auf das beste geordnet werden könnte. Es ge­schieht meines Erachtens in keiner Angelegenheit soviel Schur­kerei und Betrügerei wie beim Bettel, die alle leicht zu be­seitigen wären. Auch geschieht so dem allgemeinen Volk wehe durch so freies, allgemeines Betteln. Ich habe es überlegt: Die fünf oder sechs Bettelorden kommen jährlich an einen Ort, ein jeder mehr als sechs- oder siebenmal, dazu [451] die gewöhn­lichen Bettler, Botschafter[59] und Wallfahrer. So hat die Rech­nung ergeben, daß von einer Stadt etwa sechzigmal im Jahr Abgaben gefordert werden, abgesehen von dem, was der welt­lichen Obrigkeit an Gebühren, Steuern und Abgaben gegeben wird und was der Römische Stuhl durch seine Ware raubt und was sie unverschämt verzehren, so daß es mir der größten Wunder Gottes eines ist, wie wir dennoch bestehen und ernährt werden können.

Daß aber einige meinen, es würden auf diese Weise die Armen nicht gut versorgt und nicht so große Steinhäuser und Klöster gebaut – auch nicht so reichlich das glaube ich sehr wohl. Das ist doch auch nicht nötig. Wer arm sein will, der soll nicht reich sein. Will er aber reich sein, so lege er die Hand an den Pflug und hole es sich selbst aus der Erde. Es ist genug, daß die Armen ausreichend versorgt sind, so daß sie nicht Hungers sterben noch erfrieren. Es schickt sich nicht, daß einer auf Kosten der Arbeit anderer müßiggeht, reich ist und gut lebt, während ein anderer übel lebt, wie jetzt der verkehrte Miß­brauch herrscht. Denn der heilige Paulus sagt (2. Thess. 3,10): „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Es ist niemand von Gott dazu bestimmt, von der anderen Güter zu leben, denn allein die predigenden und leitenden Priester, wie der heilige Paulus 1. Kor. 9,14 sagt, um ihrer geistlichen Arbeit willen, wie auch Christus zu den Aposteln sagt (Luk. 10,7): „Ein jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert.

22. Es ist auch zu befürchten, daß die vielen Messen, die für Stifte und Klöster gestiftet sind, nicht nur wenig nützen, sondern einen großen Zorn Gottes erwecken. Derhalben wäre es nützlich, derselben keine mehr zu stiften, sondern von den gestifteten viele abzuschaffen, zumal man sieht, daß sie nur als Opfer und gute Werke gehalten werden, obgleich sie doch Sakrament sind ebenso wie die Taufe und die Buße, die nicht anderen, sondern nur dem, der sie empfängt, nützlich sind. Aber nun ist es eingerissen, daß Messen für Lebende und Tote gehalten und alle Dinge darauf gegründet werden. Darum wer­den ihrer auch so viele gestiftet und ist ein solches Wesen daraus geworden, wie wir sehen. Doch dies ist vielleicht ein noch zu neues und unerhörtes Ding, besonders bei denen, die befürchten, durch das Aufhören solcher Messen werden ihnen ihre Betätigung und Nahrung vernichtet. Ich muß mich zurück­halten, weiter davon zu reden, bis wieder das rechte Verständ­nis aufkommt, [452] was und wozu die Messe gut ist. Es ist nun leider seit vielen Jahren ein Handwerk für die zeitliche Nahrung daraus geworden, so daß ich hinfort raten möchte, lieber ein Hirte oder sonst ein Handwerker als ein Priester oder Mönch zu werden, er wisse denn zuvor gut, was Messehalten ist.

Ich rede aber hiermit nicht von den alten Stiften und Dom­stiften, die ohne Zweifel dafür gestiftet worden sind, damit – weil nicht ein jedes Kind vom Adel Erbbesitzer und Regent sein soll nach Gewohnheit der deutschen Nation – sie in diesen Stiften Gott frei dienen, studieren, gelehrte Leute werden und dort versorgt werden könnten. Ich rede von den neuen Stiften, die nur für Gebet und Messehalten gestiftet sind, durch deren Beispiel auch die alten mit dem gleichen Gebet und Messen beschwert werden, so daß dieselben keinen Nutzen bringen oder nur sehr wenig. Wiewohl es auch von Gottes Gnade kommt, daß sie zuletzt, wie sie würdig sind, zu einem trüben Ende gelangen, das heißt zum Lärm der Choralsänger und Orgel sowie faulen, kalten Messen, womit nur die zeitlichen, ge­stifteten Zinsen‘ erlangt und verzehrt werden. Ach, solche Dinge sollten Papst, Bischöfe und Doktoren genau betrachten und be­schreiben! Sie aber sind diejenigen, die es am meisten be­treiben und immer geschehen lassen, was nur Geld bringt. Es führt immer ein Blinderden anderen (Matth. 15,14). Das be­wirken die Habgier und das geistliche Recht.

Es dürfte aber auch nicht mehr sein, daß eine Person mehr als eine Domherrenstelle und Pfründe hat, und er müßte sich eines maßvollen Standes genügen lassen, so daß neben ihm auch ein anderer etwas haben könnte, damit die Entschul­digung derer grundlos würde, die sagen, sie müßten zum standesgemäßen Auftreten mehr als eine haben. Man könnte das standesgemäße Auftreten so groß bemessen, daß ein ganzes Land für seine Erhaltung nicht genug wäre. Es laufen die Habgier und das heimliche Mißtrauen gegenüber Gott ganz sicher daneben her, so daß oft das für notwendig zu einem standesgemäßen Auftreten angeführt wird, was reine Habgier und Mißtrauen ist.

23. Die Bruderschaften, ebenso der Ablaß, Ablaßbriefe, Butterbriefe, Meßbriefe, Dispense und was dergleichen ist, nur alles ersäuft und umgebracht! Da ist nichts Gutes! Kann der Papst dir einen Dispens erteilen in bezug auf das Butteressen, Messehören usw., so soll er es dem Pfarrer auch können lassen, dem zu nehmen er keine Macht hat. Ich rede auch von den Bruderschaften, in denen man Ablässe, Messe und gute Werke austeilt. Lieber, du hast in der Taufe eine Bruderschaft mit Christus, allen Engeln, Heiligen und Christen auf Erden an­gefangen. Halte diese und tue ihr Genüge, so hast du genug Bruderschaft. Laß die anderen trügerisch glänzen, wie sie wollen, sie sind wie das Spielgeld gegenüber dem Gulden. Wenn es aber eine solche Bruderschaft gäbe, die Geld sammelte, um arme Leute zu speisen oder sonst jemandem zu helfen, die wäre gut [453] und hätte ihren Ablaß und Verdienst im Himmel. Aber jetzt sind Freßgelage und Saufereien daraus geworden.

Vor allem sollte man aus den deutschen Landen die päpst­lichen Botschafter mit ihren Vollmachten[60] verjagen, die sie uns für viel Geld verkaufen, was doch reine Schurkerei ist, als da sind: Sie nehmen Geld und machen aus unrechtem Gut rech­tes. Sie lösen die Eide, Gelübde und Bündnisse auf und zer­reißen damit und lehren zu zerreißen untereinander zugesagte Treue und Glauben, indem sie sagen, der Papst habe die Macht dazu. Das lehrt sie der böse Geist reden. Und sie verkaufen uns so teuflische Lehre, nehmen dafür Geld, damit sie uns Sünden lehren und zur Hölle führen.

Wenn kein anderer böser Streich wäre, der bewiese, daß der Papst der rechte Antichrist ist, so wäre dieses Stück genug, das zu beweisen. Hörst du es, Papst, nicht der Allerheiligste, sondern der Allersündigste, Gott sollte deinen Stuhl vom Himmel baldigst zerstören und in den Abgrund der Hölle ver­senken. Wer hat dir Macht gegeben, dich über deinen Gott zu erheben, das zu zerbrechen und zu lösen, was er geboten hat, und die Christen, besonders der deutschen Nation, die als von edler Natur, beständig und treu in allen Geschichten gelobt werden, zu lehren, unbeständig, meineidig, Verräter, Böse­wichte und treulos zu sein? Gott-hat geboten, man soll den Eid und die Treue halten auch den Feinden. Und du unterstehst dich, solche Gebote aufzulösen. Du behauptest in deinen ketzerischen, antichristlichen Dekretalen, du hättest seine Macht – und es lügt durch deinen Hals und deine Federn der böse Satan, wie er noch nie gelogen hat-, zwingst und drängst die Heilige Schrift nach deinem Mutwillen. Ach Christus, mein Herr, sieh herab, laß anbrechen deinen Jüngsten Tag, und zer­störe des Teufels Nest zu Rom! Hier sitzt der Mensch, von dem Paulus gesagt hat, er wird sich über dich erheben und in deiner Kirche sitzen und sich wie ein Gott darstellen, der Mensch der Sünden und der Sohn der Verdammnis (2. Thess. 2,3 f). Was ist päpstliche Gewalt anderes, als nur Sünde und Bosheit zu lehren und zu vermehren, nur Seelen zur Verdammnis zu führen, unter deinem Namen und Anschein?

Die Kinder Israel mußten vorzeiten den Eid halten, den sie den Gibeoniten – ihren Feinden – unbewußt und betrogen geleistet hatten (Jos. 9,19 f). Und der König Zedekia mußte jämmerlich mit dem ganzen Volk zugrunde gehen, weil er dem König von Babylon seinen Eid brach (2. Kön. 24,20; 25,4-7). Und bei uns wurde vor hundert Jahren der ausgezeichnete König Wladislaus von Polen und Ungarn leider mit soviel [454] ausgezeichnetem Kriegsvolk von den Türken erschlagen, weil er sich von dem päpstlichen Gesandten und Kardinal verführen ließ und den mit den Türken abgeschlossenen glücklichen und nützlichen Vertrag und Eid zerriß. Der gerechte Kaiser Sigis­mund hatte kein Glück mehr nach dem Konstanzer Konzil, auf dem er die Schurken das Geleit, das Johann Huß und Hiero­nymus von Prag gegeben worden war, brechen ließ.[61] Und es ist aller Jammerzwischen den Böhmen und uns daraus gefolgt. Und zu unseren Zeiten, hilf Gott, wieviel christliches Blut ist über den Eid und Bund vergossen worden, den der Papst Julius zwischen dem Kaiser Maximilian und dem König Ludwig von Frankreich gemacht und wieder zerrissen hat.[62] Wie vermöchte ich alles zu erzählen, was die Päpste an Jammer angerichtet haben mit dieser teuflischen Anmaßung, Eid und Gelübde zwischen großen Herren zu zerreißen, woraus sie einen Scherz machen und Geld dafür nehmen. Ich hoffe, daß der Jüngste Tag vor der Tür steht. Es kann und mag doch nicht ärger wer­den, als es der Römische Stuhl treibt. Gottes Gebot unterdrückt er, sein Gebot erhebt er darüber. Wenn das nicht der Antichrist ist, so sage ein anderer, wer er sein könne. Doch davon ein andermal mehr und besser.

24. Es ist hohe Zeit, daß wir uns auch einmal ernstlich und mit Wahrhaftigkeit die Sache der Böhmen vornehmen, damit sie mit uns und wir mit ihnen Übereinkommen, damit einmal die greulichen Lästerungen, Haß und Neid auf beiden Seiten auf­hören. Ich will entsprechend meiner Torheit als erster meine Meinung vorbringen mit dem Vorbehalt jedes besseren Ver­ständnisses.

Zum ersten müssen wir wahrlich die Wahrheit bekennen, es unterlassen, uns zu rechtfertigen, und den Böhmen etwas ein­räumen, nämlich daß Johannes Huß und Hieronymus von Prag zu Konstanz wider päpstliches, christliches und kaiserliches Geleit und Eid verbrannt worden sind. Dadurch ist wider Gottes Gebot gehandelt worden, und darum sind die Böhmen sehr zur Verbitterung verursacht worden. Und obgleich sie hatten voll­kommen sein und dieses schwere Unrecht und den Ungehor­sam gegen Gott von den Unseren erdulden sollen, sind sie doch nicht verpflichtet gewesen, das zu billigen und als recht getan anzuerkennen. Ja, sie sollten noch heutigentags dafür Leib und Leben lassen, ehe sie bekennen dürften, daß es recht sei, kaiserliches, päpstliches, christliches Geleit zu brechen und treulos dawider zu handeln. Darum, obwohl es die Böhmen am Erdulden haben fehlen lassen, sind doch mehr der Papst und die Seinen schuld an all dem Jammer, all dem Irrtum und dem Verderben der Seelen, die seit diesem Konzil erfolgt sind.

Ich will hier des Johannes Huß Artikel nicht beurteilen noch seinen Irrtum verteidigen, obwohl mein Verstand noch nichts Irriges bei ihm gefunden hat und ich es getrost glauben kann, daß die nichts Gutes angerichtet noch ordentlich verdammt haben, die durch ihr treuloses Handeln christliches Geleit und [455] Gottes Gebot übertreten haben und unzweifelhaft mehr vom bösen Geist als vom Heiligen Geist besessen gewesen sind. Es wird niemand daran zweifeln, daß der Heilige Geist nicht wider Gottes Gebot handelt. Es ist auch niemand so un­wissend, daß Geleit und Treue brechen wider Gottes Gebot ist, ob sie gleich dem Teufel selbst, geschweige einem Ketzer, zu­gesagt wären. So ist auch offenbar, daß Johannes Huß und den Böhmen ein solches Geleit zugesagt und nicht gehalten, sondern er darüber hinaus verbrannt worden ist. Ich will auch aus Johannes Huß keinen Heiligen noch Märtyrer machen, wie einige Böhmen tun, obgleich ich bekenne, daß ihm Unrecht ge­schehen und sein Buch und seine Lehre zu Unrecht verdammt worden sind. Denn Gottes Gerichte sind verborgen und er­schreckend, die niemand als er selbst allein offenbar machen und aussprechen soll. Ich will nur das sagen: Er sei ein Ketzer, wie böse er immer sein könnte, trotzdem hat man ihn zu Un­recht und wider Gott verbrannt. Und man soll die Böhmen nicht drängen, das zu billigen, oder wir kommen sonst nimmermehr zur Einigkeit. Es muß uns die offenkundige Wahrheit eins machen und nicht die Eigensinnigkeit. Es hilft nichts, daß sie zu der Zeit vorgebracht haben, daß einem Ketzer das Geleit nicht gehalten werden müsse. Das ist ebensoviel gesagt, wie: Man soll Gottes Gebot nicht halten, damit man Gottes Gebot halte. Es hat sie der Teufel toll und töricht gemacht, so daß sie nicht gesehen haben, was sie geredet und getan haben. Geleit zu halten, hat Gott geboten. Das muß man halten, auch wenn die Welt untergeht, geschweige denn ein Ketzer frei wird. Daher muß man die Ketzer mit Schriften, nicht mit Feuer überwinden, wie es die alten Väter getan haben. Wenn es eine Wissenschaft wäre, Ketzer mit Feuer zu überwinden, wären die Henker die ge­lehrtesten Doktoren auf Erden. Wir brauchten auch nicht mehr zu studieren, sondern wer den andern mit Gewalt überwände, könnte ihn verbrennen.

Zum zweiten sollten Kaiser und Fürsten einige rechte, ver­ständige Bischöfe und Gelehrte zu ihnen schicken, beileibe keinen Kardinal noch päpstlichen Gesandten noch Ketzer­meister. Denn dieses Volk ist mehr als zuviel ungelehrt in christ­lichen Dingen und sucht auch nicht der Seelen Heil, sondern – wie des Papstes Heuchler alle tun – seine eigene Herrschaft, Nutzen und Ehre. Sie sind auch die Hauptanstifter dieses Jammers zu Konstanz gewesen. Diese Gesandten sollten bei den Böhmen erkunden, wie es um ihren Glauben steht und ob es möglich ist, alle ihre Sekten in eine zu bringen. Hier sollte sich der Papst um der Seelen willen eine Zeitlang seiner Herr­schaft entäußern und nach dem Statut des allerchristlichsten Konzils zu Nizäa den Böhmen gewähren, einen Erzbischof zu Prag aus ihren eigenen Reihen zu wählen, den der Bischof zu Olmütz in Mähren oder der Bischof zu Gran in Ungarn oder der Bischof von Gnesen in Polen oder der Bischof zu Magdeburg in Deutschland bestätigt. Es ist genug, wenn er von einem oder zweien von diesen bestätigt wird, wie es zu Zeiten des heiligen Cyprian[63] geschah. Und der Papst hat daran nichts zu ver­wehren. Verwehrt er [456] es aber, so handelt er als Wolf und Tyrann, und es soll ihm niemand folgen, sondern seinen Bann mit einem Gegenbann zurückweisen.

Doch wenn man zu Ehren des heiligen Peters Stuhl dies mit Wissen des Papstes tun will, laß ich es geschehen, sofern die Böhmen dafür nicht einen Heller geben und sie der Papst nicht ein Haarbreit verpflichtet und sie mit Eiden und Verpflichtungen seiner Tyrannei unterwirft, wie er allen anderen Bischöfen wider Gott und Recht tut. Will er sich nicht an der Ehre genügen lassen, daß sein Gewissen darum gefragt wird, so kümmere man sich nicht um seine Eide, Rechte, Gesetze und Tyranneien und lasse es an der Wahl genug sein und das Blut aller Seelen, die in Gefahr bleiben, über seinen Hals schreien. Denn niemand soll Unrecht bewilligen, und es ist der Tyrannei genügend Ehre erwiesen. Wenn es einmal nicht anders sein kann, kann recht gut des gemeinen Volkes Wahl und Bewilligung einer tyran­nischen Bestätigung gleich gelten. Doch ich hoffe, es sollte nicht notwendig sein. Es werden ja zuletzt einige Römer oder rechte Bischöfe und Gelehrte die päpstliche Tyrannei erkennen und ihr wehren.

Ich will auch nicht raten, daß man sie zwinge, das Austeilen beider Elemente des Abendmahls abzuschaffen, weil das weder unchristlich noch ketzerisch ist, sondern sie in derselben Weise verbleiben lassen, wenn sie es wollen. Jedoch soll der neue Bischof darauf achten, daß sich um diese Weise keine Uneinigkeit erhebt, sondern sie gütlich unterweisen, daß keines von beiden‘ ein Irrtum ist, ebenso wie es keine Zwietracht machen soll, daß die Priester sich anders kleiden und ge­bärden als die Laien. Desgleichen soll man sie, wenn sie römische geistliche Gesetze nicht übernehmen wollen, auch nicht zwingen, sondern zum ersten wahrnehmen, daß sie im Glauben und nach göttlicher Schrift recht wandeln. Denn christ­licher Glaube und Stand können gut ohne des Papstes un­erträgliche Gesetze bestehen. Ja, er kann nicht gut bestehen, es sei denn, daß es der römischen Gesetze weniger oder keine gibt. Wir sind in der Taufe frei geworden und allein göttlichen Worten untertan. Warum soll uns ein Mensch mit seinen Worten gefangennehmen? Wie der heilige Paulus sagt (1. Kor. 7,23; Gal. 5,1): „Ihr seid frei geworden, werdet ja nicht Knechte der Menschen“, das heißt derjenigen, die mit Menschen­gesetzen regieren.

Wenn ich wüßte, daß die Hussiten keinen anderen Irrtum im Altarsakrament hätten, als daß sie glaubten, es sei wahrhaftig Brot und Wein natürlich da, doch darunter wahrhaftig Leib und Blut Christi, wollte ich sie nicht verwerfen, sondern unter den Bischof von Prag kommen lassen. Denn es ist kein Glaubens­artikel, daß Brot und Wein nicht wesenhaft und natürlich im Sakrament sind, was eine Vorstellung des heiligen Thomas und des Papstes ist. Vielmehr ist das ein Glaubensartikel, daß in dem natürlichen Brot und Wein wahrhaft der natürliche Leib und das Blut Christi sind. Daher sollte man beider [457] Seiten Vorstellung dulden, bis sie sich einigten, weil keine Gefahr darin liegt, du glaubst, daß Brot da ist oder nicht. Denn wir müssen vielerlei Gewohnheiten und Ordnungen dulden, die ohne Schaden für den Glauben sind. Wenn sie aber anders glaubten, wollte ich sie lieber draußen wissen, doch sie die Wahrheit lehren.

Was mehren Irrtum, und Zwiespalt in Böhmen gefunden würde, sollte man dulden, bis der Erzbischof wieder eingesetzt ist und mit der Zeit die Menge wieder in einträchtiger Lehre zu­sammengebracht hat. Es will fürwahr nicht mit Gewalt noch mit Drohen, noch mit Eilen wieder versammelt werden. Es muß hier Zeit und Sanftmut sein. Mußte doch Christus so lange mit seinen Jüngern umgehen und ihren Unglauben ertragen, bis sie an seine Auferstehung glaubten. Wäre nur wieder ein ordentlicher Bischof und ordentliches Regiment in Böhmen ohne römische Tyrannei, ich hoffte, es sollte bald besser werden.

Die zeitlichen Güter, die der Kirche gehört haben, sollten nicht aufs strengste zurückgefordert werden; sondern weil wir Christen sind und ein jeder verpflichtet ist, dem andern zu helfen, haben wir wohl die Macht, um der Einigkeit willen ihnen dieselben zu geben und zu lassen vor Gott und der Welt. Denn Christus sagt (Matth. 18,20): „Wo zwei miteinander eins sind auf Erden, da bin ich in ihrer Mitte.“ Wollte Gott, wir täten auf beiden Seiten dazu und reichten mit brüderlicher Demut einer dem andern die Hand und machten uns nicht aufgrund unsrer Gewalt oder unseres Rechtes stark. Die Liebe ist mehr und nötiger als das Papsttum zu Rom, das ohne Liebe – und die Liebe ohne das Papsttum – sein kann. Ich will hiermit das Meine dazu beigetragen haben. Hindern es der Papst oder die Seinen, werden sie dafür Rechenschaft ablegen, daß sie wider die Liebe Gottes mehr das Ihre als das ihres Nächsten gesucht haben. Es sollte der Papst sein Papsttum, alle seine Güter und seine Ehre hingeben, wenn er dadurch eine Seele retten könnte. Nun ließe er eher die Welt untergehen, ehe er ein Haarbreit seiner angemaßten Gewalt Abbruch tun ließe, und er will den­noch der Heiligste sein. Hiermit bin ich entschuldigt.

25. Die Universitäten bedürften gewiß auch einer guten kräf­tigen Reformation. Ich muß es sagen, es verdrieße, wen es wolle. Ist doch alles, was das Papsttum eingesetzt und be­stimmt hat, nur darauf ausgerichtet, Sünde und Irrtum zu ver­mehren. Was sind die Universitäten, wenn sie nicht anders als bisher geordnet werden, anderes als – wie das Buch der Makkabäer sagt (2. Makk. 4,9.15) – „Übungsstätten der jungen Leute“ und „der griechischen Auszeichnungen“, in denen ein freies Leben geführt, wenig von der Heiligen Schrift und dem christlichen Glauben gelehrt wird und allein der blinde heidnische Meister Aristoteles – auch mehr als Christus – regiert? Hier ist nun mein Rat, die Bücher des Aristoteles – „Physik“, „Metaphysik“, „Über die Seele“, „Die nikomachische Ethik“ –, die bisher für die besten gehalten wurden, ganz ab­zuschaffen mit allen anderen, die sich von natürlichen Dingen rühmen, aus denen doch weder von weltlichen noch von geist­lichen Dingen etwas gelehrt werden kann. Außerdem hat bisher niemand seine Meinung [458] verstanden, und sind mit un­nützem Mühen, Studieren und Unkosten soviel edle Zeit und Seelen umsonst beladen gewesen. Ich wage zu sagen, daß ein Töpfer von den natürlichen Dingen mehr Wissen hat, als in diesen Büchern geschrieben steht. Es tut mir in meinem Herzen wehe, daß dieser verdammte, hochmütige, arglistige Heide mit seinen falschen Worten so viele der besten Christen verführt und zu Narren gemacht hat. Gott hat uns mit ihm ge­plagt um unsrer Sünden willen.

Lehrt doch der elende Mensch in seinem besten Buch, in „Über die Seele“, daß die Seele sterblich sei mit dem Leib, ob­gleich viele mit vergeblichen Worten ihn haben retten wollen, als hätten wir nicht die Heilige Schrift, in der wir überreich über alle Dinge belehrt werden, von denen Aristoteles nicht den kleinsten Hauch je gespürt hat. Dennoch hat der tote Heide ge­siegt und des lebendigen Gottes Bücher behindert und ganz unterdrückt, so daß ich, wenn ich diesen Jammer bedenke, nichts anderes annehmen kann, als daß der böse Geist das Studieren eingeführt hat. Desselbengleichen ist das Buch „Die nikomachische Ethik“ ärger als jedes andere Buch direkt der Gnade Gottes und den christlichen Tugenden entgegen, das doch auch als eines der besten angesehen wird. O nur weit weg mit solchen Büchern von allen Christen! Niemand braucht mir den Vorwurf zu machen, ich rede zuviel oder verwerfe, was ich nicht kenne. Lieber Freund, ich weiß wohl, was ich rede. Aristo­teles ist mir so gut bekannt wie dir und deinesgleichen. Ich habe ihn auch gelesen und Vorlesungen darüber gehört mit mehr Verständnis als der heilige Thomas oder Duns Scotus[64], dessen ich mich ohne Hoffart rühmen und was ich, wenn es notwendig ist, gewiß beweisen kann. Ich beachte nicht, daß so viele hundert Jahre lang soviel hoher Verstand sich damit abgemüht hat. Solche Einwürfe fechten mich nicht mehr an, wie sie wohl bisweilen getan haben, weil es am Tag ist, daß gewiß noch weitere Irrtümer langer als hundert Jahre in der Welt und in den Universitäten geblieben sind.

Das will ich gerne dulden, daß des Aristoteles Bücher über die Logik, die Rhetorik und die Poetik beibehalten oder, in andere, kurze Form gebracht, mit Nutzen gelesen werden, um junge Leute zu üben, gut zu reden und zu predigen. Ihre Kommentare aber und die Schulmeinungen dazu müßten ab­geschafft werden. Und es müßten die logischen Werke des Aristoteles – wie die rhetorischen Werke des Cicero[65] ohne Kommentare und Schulmeinungen – ebenso einhellig und ohne diese großen Kommentare gelesen werden. Aber jetzt lernt man daraus weder reden noch predigen, und es ist daraus vollständig eine Disputation und Quälerei geworden. Daneben habe man nun die Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch, die mathematischen Disziplinen, Geschichte, was ich Ver­ständigeren anbefehle und was sich wohl von allein ergeben würde, wenn man mit Ernst nach einer Reform trachtete. Und es ist wirklich viel daran gelegen, denn hier soll die christliche Jugend und unser edelstes Volk, in dem die Christenheit er­halten bleibt, gelehrt und zugerüstet werden. Darum meine ich, daß kein päpstlicheres und kaiserlicheres Werk geschehen könnte als eine gute Reformation der Universitäten, umgekehrt kein teuflischeres, ärgeres Wesen als unreformierte Univer­sitäten. [459]

Die Ärzte lasse ich ihre Fakultät reformieren. Die Juristen und Theologen nehme ich mir vor und sage zum ersten, daß es gut wäre, daß das geistliche Recht von dem ersten Buchstaben an bis zu dem letzten ganz und gar ausgetilgt würde, besonders die Dekretalen[66]. Es ist uns übergenug in der Bibel geschrie­ben. wie wir uns in allen Dingen verhalten sollen. So hindert dieses Studium nur die Heilige Schrift. Außerdem schmeckt der größte Teil nur nach Habgier und Hoffart. Und wenn schon viel Gutes darin wäre, sollte es doch gerechterweise untergehen, weil der Papst das ganze geistliche Recht in seines Herzens Schrein gefangen hat, so daß hinfort nur unnützes Studieren und Betrug darin ist. Heute ist geistliches Recht nicht das, was in den Büchern, sondern was in des Papstes und seiner Schmeichler Willkür steht. Hast du eine im geistlichen Recht auf das allerbeste begründete Sache, so hat der Papst seinen Schrein des Herzens[67] darüber. Danach muß sich alles Recht und die ganze Welt richten. Nun regiert diesen Schrein oft ein Schurke und der Teufel selbst und läßt sich preisen, der Heilige Geist regiere ihn. So geht man mit dem armen Volk Christi um, gibt ihm viel Rechte und halt keins, zwingt andere, es zu halten oderdurch Geld abzulösen.

Weil denn der Papst und die Seinen selbst das ganze geistliche Recht aufgehoben haben, es nicht beachten und sich nur nach ihrem eigenen Mutwillen richten über alle Welt, sollen wir ihnen folgen und die Bücher auch verwerfen. Warum sollten wir ver­geblich darin studieren? So könnten wir auch nimmermehr des Papstes Mutwillen, der nun geistliches Recht geworden ist, aus­lernen. Ei, so falle in Gottes Namen ganz dahin, was sich in des Teufels Namen erhoben hat. Und es sei kein Doktor der Dekrete mehr auf Erden, sondern allein Doktoren des päpstlichen Schreins, das sind des Papstes Heuchler. Man sagt, daß es kein besseres weltliches Regiment irgendwo gibt als bei dem Türken, der doch weder geistliches noch weltliches Recht hat, sondern allein seinen Koran. Ebenso müssen wir bekennen, daß es kein schändlicheres Regiment gibt als bei uns durch geistliches und weltliches Recht, so daß kein Stand mehr der natürlichen Ver­nunft, geschweige denn der Heiligen Schrift gemäß lebt.

Das weltliche Recht, helfe Gott, was ist das auch für eine Wild­nis geworden! Obgleich es viel besser, gelehrter und redlicher ist als das geistliche, an welchem außerdem Namen nichts Gutes ist, ist es doch auch viel zuviel geworden. Fürwahr, vernünftige Regenten neben der Heiligen Schrift wären mehr Recht als ge­nug, wie der heilige Paulus 1. Kor. 6,5 f. sagt: „Ist niemand unter euch, der da kann seines Nächsten Sache richten, daß ihr vor heidnischen Gerichten streiten müßt?“ Es dünkt mir recht und billig, daß Landrecht und Landessitten den kaiserlichen, all­gemeinen Rechten vorgezogen und die kaiserlichen nur zur Not gebraucht werden. Und wollte Gott, daß, wie ein jedes Land seine eigene Art und Gaben hat, so auch mit eigenen, kurzgefaßten Rechten regiert würde, wie sie regiert [460] worden sind, ehe solche Rechte erfunden wurden, und wie noch ohne sie viele Länder regiert werden. Die weitläufigen und weit hergeholten Rechte sind nur eine Beschwerung der Leute und mehr eine Be­hinderung als eine Förderung der Rechtsfälle. Doch ich hoffe, daß diese Sache schon von anderen besser bedacht und be­trachtet worden ist, als ich es vorbringen kann.

Meine lieben Theologen haben sich der Mühe und Arbeit ent­hoben. Sie lassen die Bibel wohl ruhen und lesen die Senten­zen[68]. Ich meinte, die Sentenzen sollten für die jungen Theo­logen den Anfang bilden und die Bibel den Doktoren bleiben. Aber es ist umgekehrt. Die Bibel ist das erste, die geht mit dem Bakkalaureat dahin, und die Sentenzen sind das letzte, die bleiben mit dem Doktorat ewiglich, dazu mit solcher heiligen Pflicht, daß über die Bibel wohl lesen kann, der nicht Priester ist, aber über die Sentenzen ein Priester lesen muß. Und es könnte wohl ein Ehemann Doktor in der Bibel sein, soweit ich das sehe, aber gar nicht in den Sentenzen. Was für Glück kann uns wider­fahren, wenn wir so verkehrt handeln und die Bibel, das heilige Wort Gottes, so hintenansetzen? Dazu gebietet der Papst mit vielen strengen Worten, seine Gesetze in den Hochschulen und Gerichten zu lesen und zu gebrauchen. Aber des Evangeliums wird wenig gedacht. Entsprechend verhält man sich auch, so daß das Evangelium in den Hochschulen und Gerichten ganz untätig unter der Bank im Staub liegt, damit die schädlichen Gesetze des Papstes ganz allein regieren können.

Da wir den Namen und Titel haben, daß wir Lehrer der Hei­ligen Schrift heißen, sollten wir wahrlich gezwungen sein, ent­sprechend unserm Titel die Heilige Schrift und keine andere zu lehren; obgleich auch der hochmütige und aufgeblasene Titel zuviel ist, daß ein Mensch soll sich als ein Lehrer der Heiligen Schrift rühmen und krönen lassen. Doch es wäre zu dulden, wenn die Tätigkeit den Namen bestätigte. Nun aber, da die Sentenzen allein herrschen, findet man mehr heidnische und menschliche Dünkel als heilige, gewisse Lehre der Heiligen Schrift unter den Theologen. Wie wollen wir dem nun abhelfen? Ich weiß hier keinen anderen Rat als ein demütiges Gebet zu Gott, damit er uns Doktoren der Theologie gebe. Doktoren der Sieben Freien Künste, der Medizin, der Rechte und der Senten­zen können der Papst, Kaiser und die Universitäten machen. Aber sei nur gewiß, einen Doktor der Heiligen Schrift wird niemand machen als allein der Heilige Geist vom Himmel, wie Christus sagt Joh. 6,45: „Sie müssen alle von Gott selbst ge­lehrt sein.“ Nun fragt der Heilige Geist nicht nach roten und braunen Baretten oder was dergleichen Prunk ist, auch nicht, ob einer jung oder alt ist, Laie oder Priester, Mönch oder welt­lich, ehelos oder verheiratet. Ja, er redete vorzeiten durch eine Eselin wider den Propheten, der auf ihr ritt (4. Mose 22,28-30). Wollte Gott, wir wären seiner würdig, damit uns solche Dok­toren gegeben würden, sie wären jeweils Laien oder Priester, verheiratet oder ehelos, obgleich man nun den Heiligen Geist in den Papst, die Bischöfe und Doktoren zwingen will, ohne daß es ein Zeichen oder Anschein gibt, daß er bei ihnen ist. [461]

Die Zahl der theologischen Bücher müßte man auch ver­ringern und die besten herauslesen. Denn viele Bücher machen nicht gelehrt, vieles Lesen auch nicht, sondern gute Dinge und oft lesen, wie wenig es auch ist, das macht gelehrt in der Hei­ligen Schrift und fromm dazu. Ja, es sollten aller heiligen Kirchenväter Schriften nur eine Zeitlang gelesen werden, um dadurch in die Heilige Schrift zu kommen. Dagegen lesen wir sie nur so, daß wir in ihnen bleiben und nimmer in die Heilige Schrift kommen. Damit sind wir denen gleich, die die Weg­weiser ansehen und dennoch nimmer den Weg wandeln. Die lieben Kirchenväter haben uns mit ihrem Schreiben in die Hei­lige Schrift führen wollen, wir dagegen führen uns damit heraus, obwohl doch allein die Heilige Schrift unser Weingarten ist, in dem wir uns alle betätigen und abmühen sollten.

Vor allen Dingen sollte in den hohen und niederen Schulen die vornehmste und verbreitetste Lektion die Heilige Schrift sein, und für die jungen Knaben das Evangelium. Und wollte Gott, eine jede Stadt hätte auch eine Mädchenschule, in der die Mädchen täglich eine Stunde das Evangelium hörten, es wäre auf deutsch oder lateinisch. Fürwahr, die Schulen, die Männer- und Frauenklöster sind vorzeiten dafür aus ganz löblicher, christlicher Absicht eingerichtet worden, wie wir von der hei­ligen Agnes und weiteren Heiligen lesen. Da wuchsen heilige Jungfrauen und Märtyrer heran, und es stand sehr gut in der Christenheit.

Aber nun ist nichts weiter als Beten und Singen daraus ge­worden. Sollte nicht gerechterweise ein jeder Christ mit neun oder zehn Jahren das ganze heilige Evangelium kennen, in dem sein Name und Leben steht? Lehrt doch eine Spinnerin und Näherin ihre Tochter das Handwerk in jungen Jahren. Aber jetzt kennen auch die großen Gelehrten, die Prälaten und Bischöfe selbst das Evangelium nicht.

O wie ganz anders verfahren wir mit den armen jungen Men­schen, die uns anvertraut sind, sie zu leiten und zu unterweisen! Und wir müssen schwere Rechenschaft dafür geben, daß wir ihnen das Wort Gottes nicht vorlegen. Es geschieht ihnen, wie Jeremias Klagel. 2,11 f. sagt: „Meine Augen sind vom Weinen müde geworden, meine Eingeweide sind erschrocken, meine Leber ist ausgeschüttet auf die Erde um des Verderbens willen der Tochter meines Volkes. Als die Jungen und Kindlein auf allen Gassen der ganzen Stadt verdarben, sprachen sie zu ihren Müttern: ‚Wo sind Brot und Wein.‘ Und sie verschmachteten wie die Verwundeten auf den Straßen der Stadt und gaben den Geist auf im Schoße ihrer Mutter.“ Diesen elenden Jammer sehen wir nicht, wie jetzt auch das junge Volk mitten in der Christenheit verschmachtet und erbärmlich verdirbt aus Mangel am Evangelium, das man mit ihnen immer lehren und einüben sollte.

Wir sollten auch, wenn die hohen Schulen in der Heiligen Schrift fleißig wären, nicht jedermann dahin schicken – wie es jetzt geschieht, wo man nur nach der Menge fragt und ein jeder einen Doktor haben will sondern nur die Allergeschicktesten, die vorher in den kleinen Schulen gut erzogen worden sind. Darauf sollte der Fürst oder [462] der Rat einer Stadt acht­geben und nicht zulassen, andere als gut Geeignete zu senden. Wo aber die Heilige Schrift nicht herrscht, dorthin rate ich für- wahr niemandem, sein Kind zu tun. Es muß alles verderben, was sich nicht um Gottes Wort ohne Unterlaß bemüht. Darum sehen wir auch, was für ein Volk in den hohen Schulen heran­wächst und ist. Das ist niemandes Schuld als des Papstes, der Bischöfe und Prälaten, denen solcher Nutzen des jungen Volkes anvertraut ist. Denn die hohen Schulen sollten lauter in der Heiligen Schrift hochverständige Leute erziehen, die Bischöfe und Pfarrer werden sowie an der Spitze wider die Ketzer und Teufel und alle Welt stehen können. Aber wo findet man das? Ich habe große Sorge, die hohen Schulen sind große Pforten der Hölle, wenn sie nicht fleißig die Heilige Schrift lehren und voranbringen in das junge Volk.

26. Ich weiß wohl, daß der römische Haufen vorbringen und sich hoch aufblasen wird, daß der Papst das Heilige Römische Reich von dem griechischen Kaiser genommen und an die Deutschen gebracht habe und für diese Ehre und Wohltat ge­rechterweise Untertänigkeit, Dank und alles Gut an den Deut­schen verdient und erlangt haben soll. Deshalb werden sie viel­leicht wagen, jede Art von Vorhaben, sie zu reformieren, in den Wind zu schlagen, und außer dieser Übertragung des Römischen Reiches nichts berücksichtigen lassen. Aus diesem Grund haben sie bisher manchen teuren Kaiser so mutwillig und übermütig verfolgt und unterdrückt, daß es ein Jammer ist, es zu sagen. Und mit derselben Geschicklichkeit haben sie sich selber zu Oberherren aller weltlichen Gewalt und Obrigkeit ge­macht wider das heilige Evangelium. Deshalb muß ich auch davon reden.

Es ist außer Zweifel, daß das rechte Römische Reich, von dem die Schriften der Propheten 4. Mose 24,17-19 und Daniel (Dan. 2,44) geredet haben, langst zerstört ist und ein Ende hat, wie Bileam 4. Mose 24,24 klar vorhergesagt hat, als er sprach: „Es werden die Römer kommen und die Juden vernichten, und danach werden sie auch untergehen.“ Und das ist auch ge­schehen durch die Goten, insbesondere aber dadurch, daß des Türken Reich vor etwa tausend Jahren angefangen hat. Und es ist so mit der Zeit Asien und Afrika abgefallen, danach Frank­reich, Spanien und zuletzt Venedig emporgestiegen und von der früheren Gewalt nichts mehr zu Rom geblieben.

Als nun der Papst die Griechen und den Kaiser zu Konstan­tinopel – der erblicher römischer Kaiser war – nicht nach seinem Gutdünken zwingen konnte, hat er einen solchen Kniff erdacht, sie desselben Reiches und Namens zu berauben und diese den Deutschen zuzuwenden, die zu der Zeit streitbar und reich an gutem Ruf waren, damit sie die Macht des Römischen Reiches unter sich brachten und von [463] ihren Händen als Lehen austeilten. Und es ist auch so geschehen. Dem Kaiser zu Konstantinopel ist es genommen und uns Deutschen der Name und Titel desselben zugeschrieben worden. Wir sind damit des Papstes Knechte geworden. Und es ist nun ein anderes Römisches Reich, das der Papst auf die Deutschen ge­baut hat, denn jenes, das erste, ist längst, wie gesagt, unter­gegangen.

So hat nun der Römische Stuhl seinen Willen. Er hat Rom ein­genommen, den deutschen Kaiser herausgetrieben und mit Eiden verpflichtet, nicht in Rom zu wohnen. Dieser soll römischer Kaiser sein und dennoch Rom nicht innehaben, außerdem zu jeder Zeit dem Mutwillen des Papstes und der Seinen anhängen und folgen, so daß wir den Namen haben und sie das Land und die Städte. Denn sie haben zu jeder Zeit unsere Einfalt für ihren Übermut und ihre Tyrannei mißbraucht und nennen uns tolle Deutsche, die sich äffen und narren lassen, wie sie es wollen.

Nun wohlan, Gott dem Herrn ist es ein kleines Ding, Reiche und Fürstentümer hin und her zu werfen. Er ist so freigebig mit ihnen, daß er zuweilen einem bösen Schurken ein Königreich gibt und nimmt es einem Guten, zuweilen durch Verräterei böser, untreuer Menschen, zuweilen durch Erben, wie wir das lesen über das Königreich Persien und das der Griechen und fast über alle Reiche. Und Daniel 2,21 und 4,14 sagt: „Er wohnt im Himmel, der über alle Dinge herrscht, und er allein ist es, der Königreiche vergibt, hin und her wirft und macht.“ Darum, wie niemand das für groß achten kann, daß ihm ein Reich zuteil wird – insbesondere wenn er ein Christ ist –, so können wir Deut­schen auch nicht hoffärtig sein, daß uns ein neues Römisches Reich zugewendet worden ist. Denn es ist vor Gottes Augen eine schlichte Gabe, die er oftmals den Alleruntüchtigsten gibt, wie Daniel 4,32 sagt: „Alle, die auf Erden wohnen, sind vor seinen Augen für nichts anzusehen. Und er hat Gewalt in allen Reichen der Menschen, sie zu geben, wem er will.

Wiewohl nun der Papst mit Gewalt und Unrecht das Römische Reich oder des Römischen Reiches Namen dem rechten Kaiser geraubt und uns Deutschen zugewendet hat,[69]ist es doch gewiß, daß Gott darin des Papstes Bosheit ge­braucht hat, der deutschen Nation ein solches Reich zu geben und nach dem Fall des ersten Römischen Reiches ein zweites, das jetzt besteht, aufzurichten. Und obwohl wir dafür der Papste Bosheit nicht die Ursache gegeben noch ihr falsches Streben und ihre falsche Absicht verstanden haben, haben wir doch infolge päpstlicher Tücke und Schurkerei mit unermeßlichem Blutvergießen, mit Unterdrückung unserer Freiheit, mit Hinzusetzen und Raub aller unserer Güter, insbesondere der Kirchen und Pfründen, mit Erdulden unsagbarer Betrügerei und Schmähung dieses Reiches leider allzu teuer bezahlt. Wir haben des Reiches Namen, aber der Papst hat unser Gut, Ehre, Leib, Leben, Seele und alles, was wir haben. So will man die Deutschen täuschen und mit Tauschen täuschen. Das haben die Päpste angestrebt, weil sie gerne Kaiser gewesen wären. Und als sie das nicht haben ins Werk setzen können, haben sie sich doch über die Kaiser gesetzt. [464]

Weil denn durch Gottes Anordnung und böser Menschen Streben ohne unser Verdienst uns das Reich gegeben ist, will ich nicht raten, dasselbe fahrenzulassen, sondern es in Gottes­furcht, solange es ihm gefällt, redlich zu regieren. Denn, wie gesagt, es liegt ihm nichts daran, woher ein Reich kommt, er will es dennoch regiert haben. Haben es die Päpste anderen un­redlich genommen, so haben wir es doch nicht unredlich ge­wonnen. Es ist uns durch böswillige Menschen aus Gottes Willen gegeben, welchen wir mehr ansehen als der Päpste falsche Absicht, die sie dabei gehabt haben, selbst Kaiser und mehr als Kaiser zu sein und uns nur mit dem Namen zu äffen und zu verspotten. Der König von Babylon hatte sein Reich auch mit Rauben und Gewalt genommen, dennoch wollte Gott das­selbe regiert haben durch die heiligen Fürsten Daniel, Hananja, Asarja, Mischael (Dan. 1,6). Vielmehr will er von den Christen, den deutschen Fürsten, dieses Reich regiert haben, der Papst habe es gestohlen oder geraubt oder ein neues angefangen. Es ist alles Gottes Ordnung, die eher geschehen ist, als wir davon gewußt haben.

Deshalb können sich der Papst und die Seinen nicht rühmen, daß sie der deutschen Nation mit dem Verleihen dieses Römischen Reiches eine große Wohltat erwiesen haben.

Erstens, weil sie uns damit nichts Gutes gegönnt, sondern unsere Einfalt damit mißbraucht haben, ihren Übermut wider den rechten römischen Kaiser zu Konstantinopel zu stärken, dem es der Papst wider Gott und Recht genommen hat, wozu er keine Gewalt hatte.

Zweitens, weil der Papst dadurch angestrebt hat, nicht uns, sondern sich selbst das Kaisertum zuzueignen, sich alle unsere Gewalt, Freiheit, Gut, Leib und Seele zu unterwerfen und durch uns – wenn es Gott nicht gehindert hätte – alle Welt; wie er das klar in seinen Dekretalen selbst erzählt und mit manchen bösen Tücken an vielen deutschen Kaisern versucht hat. So sind wir Deutschen hübsch deutsch gelehrt. Als wir meinten, Herren zu werden, sind wir der allerlistigsten Tyrannen Knecht geworden, haben den Namen, Titel und Wappen des Kaisertums, aber den Schatz, die Macht, das Recht und die Freiheit desselben hat der Papst. So frißt der Papst den Kern, und wir spielen mit den leeren Schalen.

So helfe uns Gott, der dieses Reich – wie gesagt – uns durch listige Tyrannen zugeworfen und zu regieren befohlen hat, daß wir auch dem Namen, Titel und Wappen Folge leisten und unsere Freiheit erretten und die Römer einmal sehen lassen, was wir durch sie von Gott empfangen haben. Rühmen sie sich, sie hätten uns ein Kaisertum zugewendet, wohlan, so sei es also, laß es gelten: So gebe der Papst Rom her und alles, was er vom Kaisertum hat. Er lasse unser Land frei von seinen un­erträglichen Plünderungen und Aussaugen, gebe uns zurück unsere Freiheit, Macht, Gut, Ehre, Leib und Seele und lasse ein Kaisertum sein, wie es einem Kaisertum gebührt, damit seinen Worten und Vorgeben Genüge geschehe.

Will er das aber nicht, was führt er dann für eine Spiegel­fechterei auf mit seinen falschen, erdichteten Worten und Trug­bildern? Ist es für ihn nicht genug gewesen, so viele [465] hun­dert Jahre hindurch diese edle Nation so unverschämt an der Nase herumzuführen ohne jedes Aufhören? Es folgt daraus nicht, daß der Papst über den Kaiser sein soll, weil er ihn krönt oder macht. Denn der Prophet, der heilige Samuel, salbte und krönte den König Saul und David auf göttlichen Befehl und war ihnen doch untertan. Und der Prophet Nathan salbte den König Salomon. Er war deshalb nicht über ihn gesetzt.[70] Ebenso ließ der heilige Elisa einen seiner Knechte den König Jehu von Israel salben (2. Kön. 9,1-6), dennoch blieben sie unter ihm gehor­sam. Und es ist noch nie in aller Welt geschehen, daß der über dem König wäre, der ihn weiht oder krönt, denn allein durch den einzigartigen Papst.

Nun läßt er sich selbst von drei Kardinalen zum Papst krönen, die unter ihm sind, und er steht doch nichtsdestoweniger über ihnen. Warum sollte er denn wider sein eigenes Beispiel und aller Welt und Schrift Gewohnheit und Lehre sich über weltliche Gewalt oder das Kaisertum erheben, allein darum, daß er ihn krönt oder weiht? Es ist genug, daß er in göttlichen Dingen über ihm steht, das heißt im Predigen, Lehren und Sakramentreichen, worin auch ein jeder Bischof und Pfarrer über jeder­mann steht, so wie der heilige Ambrosius in dem Bischofsstuhl über dem Kaiser Theodosius und der Prophet Nathan über David und Samuel über Saul. Darum laßt den deutschen Kaiser recht und frei Kaiser sein und weder seine Macht noch sein Schwert unterdrücken durch solches erdichtete Vorgeben päpstlicher Heuchler, als sollten sie bevorzugt über das Schwert herrschen in allen Dingen.

27. Damit sei genug gesagt von den geistlichen Mängeln. Man wird und kann ihrer mehr finden, wenn diese richtig betrach­tet werden. Wir wollen auch einen Teil der weltlichen anzeigen.

Zum ersten wäre ein allgemeines Gebot und eine Ein­willigung der deutschen Nation wider den überschwenglichen Überfluß und die Unkosten für die Kleidung sehr nötig, wodurch soviel Adel und reiches Volk verarmt. Hat uns doch Gott – wie anderen Landern – genug Wolle, Haar, Flachs und alles, was einer geziemenden, ehrlichen Kleidung für jeden Stand redlich dient, gegeben, so daß wir nicht einen so grauenhaft großen Schatz für Seide, Samt, Goldstickerei und was es an aus­ländischer Ware gibt, so verschwenderisch zu vergeuden brau­chen. Ich glaube, wenn schon der Papst mit seinem unerträg­lichen Aussaugen uns Deutsche nicht beraubte, hätten wir den­noch mehr als zuviel von diesen heimlichen Räubern, den Seiden- und Samtkrämern. So sehen wir, daß dadurch ein jeder dem andern gleich sein will und damit Hoffart und Neid unter uns – wie wir verdienen – erregt und vermehrt wird. [466] Das alles und viel weiterer Jammer unterbliebe gewiß, wenn die Ge­nußsucht uns an den von Gott gegebenen Gütern dankbar ge­nug sein ließe.

Desselbengleichen wäre auch notwendig, die Spezereien[71] zu verringern, was auch eines der großen Schiffe ist, in denen das Geld aus deutschen Landen geführt wird. Es wächst uns ja von Gottes Gnaden mehr Essen und Trinken und ebenso köst­liches und gutes wie in irgendeinem Land. Ich werde hier viel­leicht närrische und unmögliche Dinge anbringen, als wollte ich das größte Gewerbe, den Handel, unterdrücken. Aber ich tue das Meine. Wird es nicht im allgemeinen gebessert, so bessere sich selbst, wer es tun will. Ich sehe nicht viel gute Sitten, die durch den Handel in ein Land gekommen sind; und Gott ließ vorzeiten sein Volk Israel darum fern vom Meer wohnen und nicht viel Handel treiben.

Aber das größte Unglück deutscher Nation ist gewiß das Kreditwesen. Wenn das nicht wäre, müßte mancher seine Seide, Samt, Goldstickerei, Spezerei und Prunk jeder Art wohl ungekauft lassen. Es besteht noch nicht viel über hundert Jahre und hat schon fast alle Fürsten, Stifte, Städte, Adel und Erben in Armut, Jammer und Verderben gebracht. Sollte es noch hun­dert Jahre bestehen, so wäre es nicht möglich, daß Deutsch­land einen Pfennig behielte. Wir müßten uns gewißlich unter­einander auffressen. Der Teufel hat es erdacht, und der Papst hat mit seiner Bestätigung aller Welt Leid zugefügt. Darum bitte ich und rufe hier: Sehe ein jeder sein eigenes, seiner Kinderund Erben Verderben an, das ihm nicht vor der Tür, sondern schon im Hause rumort. Kaiser, Fürsten, Herren und Städte sollen sich darum kümmern, daß das Kreditwesen nur baldigst ver­dammt und hinfort verhindert wird, unangesehen, ob der Papst und alle seine Rechte und Unrechte dawider sind, es seien Lehen oder Stifte darauf gegründet. Es ist besser, ein Lehen an einem Ort mit redlichen Erbgütern oder Abgaben gestiftet, als hundert auf Kredit. Ja, ein Lehen auf Kredit ist ärger und schwerer als zwanzig auf Erbgütern. Fürwahr, es muß das Kreditwesen ein Gleichnis und ein Anzeichen dafür sein, daß die Welt mit schweren Sünden dem Teufel verkauft ist, so daß uns zugleich zeitliches und geistliches Gut mangeln muß. Und doch merken wir nichts.

Hier müßte man wahrlich auch den Fuggern[72] und der­gleichen Gesellschaften einen Zaum ins Maul legen. Wie ist es möglich, daß es sollte mit Gott und Recht zugehen, daß wäh­rend eines Menschenlebens so große, königliche Güter zu­sammengebracht werden können? Ich kenne die Rechnung nicht. Aber das verstehe ich nicht, wie man mit hundert Gulden in einem Jahr zwanzig erwerben kann, ja, ein Gulden einen zweiten erwirbt, und das alles nicht aus der Erde oder aus dem Vieh, wo das Gut nicht in menschlicher Klugheit, sondern in Gottes Segen steht. Ich überlasse das den Weltverständigen. Ich als Theologe habe nicht mehr daran zu tadeln als den bösen, Anstoß erregenden Anschein, von dem der heilige Paulus sagt (1 Thess. 5,22): „Hütet euch vor allem bösen An­sehen und Schein!“ Das weiß ich sicher, daß es viel [467] gott­gefälliger wäre, Feldarbeit zu vermehren und Handel zu ver­ringern, und daß die viel besser tun, die nach der Heiligen Schrift die Erde bearbeiten und ihre Nahrung damit suchen, wie zu uns und allen in Adam gesagt ist (1. Mose 3,17-19): „Ver­flucht sei die Erde, während du sie bearbeitest. Sie soll dir Disteln und Dornen tragen. Und in dem Schweiße deines An­gesichtes sollst du dein Brot essen.“ Es gibt noch viel Land, das noch nicht umgebrochen und gepflügt ist.

Es folgt der Mißbrauch des Essens und Saufens, wovon wir Deutschen, als einem besonderen Laster, in fremden Ländern keinen guten Ruf genießen. Dem ist mit Predigen hinfort nicht mehr abzuhelfen, so sehr ist es eingerissen und hat überhand­genommen. Es wäre der Schaden am Gut das Geringste, wenn die Laster Mord, Ehebruch, Stehlen, Gottes Unehre und alle Untugenden nicht folgten. Es kann das weltliche Schwert hier etwas verhindern, ansonsten wird es gehen, wie Christus sagt, daß der Jüngste Tag wie ein heimlicher Dieb kommen wird, wenn sie trinken und essen, freien und buhlen, bauen und pflan­zen, kaufen und verkaufen werden (Luk. 21,34 f.); wie es denn jetzt geht, so stark, daß ich fürwahr fürchte, der Jüngste Tag sei vor der Tür, obgleich man es am wenigsten erwartet.

Zuletzt, ist das nicht ein jämmerliches Ding, daß wir Christen unter uns freie, allgemeine Frauenhäuser halten, die wir alle zur Keuschheit getauft sind? Ich weiß wohl, was einige dazu sagen, und daß es nicht nur eines Volkes Gewohnheit ge­worden und auch schwerlich abzuschaffen ist, dazu lieber ein solches Haus, als verehelichte und jungfräuliche Personen oder noch ehrbarere schänden. Sollten aber hier nicht weltliches und christliches Regiment bedenken, wie man das ohne diese heid­nische Weise verhindern könnte? Hat das Volk Israel ohne solche Schande bestehen können, wie sollte das Christenvolk nicht auch soviel tun können? Ja, wie halten sich viele Städte, Märkte, Flecken und Dörfer ohne solche Häuser? Warum soll­ten große Städte sich nicht auch halten?

Ich will aber mit diesem und anderen oben angezeigten Stücken angesagt haben, wie viele gute Werke die weltliche Obrigkeit tun könnte und was aller Obrigkeit Amt sein sollte, damit ein jeder lerne, wie schrecklich es ist, zu regieren und obenan zu sitzen. Was hilft es einem Oberherrn, so heilig wie der heilige Petrus für sich selbst zu sein, wenn er nicht gedenkt, den Untertanen in diesen Stücken fleißig zu helfen. Wird ihn doch sein obrigkeitliches Amt verdammen, denn die Obrigkeit ist verpflichtet, der Untertanen Bestes zu suchen. Wenn aber die Obrigkeit darauf bedacht wäre, wie man das junge Volk ehe­lich zusammenbrächte, würde einem jeden die Hoffnung auf den Ehestand sehr gut helfen, Anfechtungen zu ertragen und abzuwehren. Aber [468] jetzt läuft es so, daß jedermann zur Pfafferei und Möncherei erzogen wird, unter denen – befürchte ich – nicht der Hundertste einen anderen Grund hat, als die Nahrungssuche und den Zweifel, sich im Ehestand zu erhalten. Darum sind sie vorher wild genug und wollen – wie man sagt – sich „ausbuben“, obwohl sie sich vielmehr „hineinbuben“[73], wie die Erfahrung zeigt. Ich finde das Sprichwort wahr: „Ver­zweifeln macht den größten Teil der Mönche und Pfarrer.“ Darum geht und steht es auch, wie wir sehen.

Ich will aber treulich raten, um viele Sünden, die stark ein­reißen, zu vermeiden, daß weder Knaben noch Mädchen sich zur sexuellen Enthaltsamkeit oder zum geistlichen Leben vor ihrem dreißigsten Lebensjahr verpflichten. Es ist auch eine be­sondere Gnade, wie der heilige Paulus sagt (1. Kor. 7,7). Darum, wen Gott nicht besonders dazu drängt, der lasse sein Geistlichwerden und Geloben anstehen. Ja, weiter sage ich: Wenn du Gott nicht einmal zutraust, daß du dich im Ehestand ernähren könntest, und allein aus diesem Mißtrauen heraus geistlich werden willst, so bitte ich dich selbst für deine eigene Seele, du wollest ja nicht geistlich werden, sondern werde lieber ein Bauer oder was du magst. Denn wenn einfältiges Ver­trauen zu Gott sein muß, um zeitliche Nahrung zu erlangen, dann muß freilich zehnfältiges Vertrauen sein, um im geist­lichen Stand zu bleiben. Vertraust du nicht, daß dich Gott zeit­lich ernähren kann, wie willst du ihm vertrauen, daß er dich geistlich erhält? Ach, der Unglaube und das Mißtrauen ver­derben alle Dinge, führen uns in allen Jammer, wie wir in allen Ständen sehen. Es wäre wohl viel von dem elenden Leben zu sagen. Die Jugend hat niemanden, der für sie sorgt. Es geht alles dahin, wie es geht. Und es sind die Obrigkeiten ihnen ebensoviel nützlich, als wären sie nichts, obwohl doch das die vornehmste Sorge des Papstes, der Bischöfe, Herrschaften und Konzilien sein sollte. Sie wollen fern und weit regieren und doch keinem nützlich sein. O ein wie seltenes Wildbret wird um dieser Sachen willen ein Herr und Oberer im Himmel sein, wenngleich er Gott selber hundert Kirchen baute und alle Toten aufweckte!

Das sei für diesmal genug. Ich glaube auch durchaus, daß ich hoch gesungen, viele Dinge vorgebracht, die als unmöglich angesehen werden, viele Stücke zu scharf angegriffen habe. Was soll ich aber machen? Ich bin verpflichtet, es zu sagen. Könnte ich, so wollte ich auch entsprechend handeln. Es ist mir lieber, die Welt zürnt mit mir als Gott. Man wird mir ja nicht mehr als das Leben nehmen können. Ich habe bisher meinen Widersachern oftmals Frieden angeboten. Aber wie ich sehe, hat Gott mich durch sie gezwungen, den Mund immer weiter aufzutun und ihnen, weil sie nicht müßig [469] sind, genug zu reden, bellen, schreien und schreiben gegeben. Wohlan, ich weiß noch ein Liedlein von Rom und ihnen. Juckt sie das Ohr, will ich es ihnen auch singen und die Noten aufs höchste stimmen. Verstehst mich wohl, liebes Rom, was ich meine![74]

Auch habe ich mein Schreiben oftmals zur Beurteilung und zum Verhör angeboten, was alles nichts geholfen hat, obwohl auch ich weiß, daß meine Sache, wenn sie recht ist, auf Erden verdammt und allein von Christus im Himmel gerechtfertigt werden muß. Denn das ist der Inhalt der ganzen Heiligen Schrift, daß der Christen und Christenheit Sache allein von Gott gerichtet werden muß. Es ist auch noch nie eine Sache von Menschen auf Erden gerechtfertigt worden, sondern allezeit ist der Gegner zu groß und zu stark gewesen. Es ist auch meine allergrößte Sorge und Furcht, daß meine Sache unverdammt bleiben könnte. Daran würde ich gewiß erkennen, daß sie Gott noch nicht gefallt. Darum laß sie nur frisch herankommen, es sei Papst, Bischof, Pfarrer, Mönch oder Gelehrter. Sie sind das rechte Volk, die da die Wahrheit verfolgen sollen, wie sie es allezeit getan haben.

Gott gebe uns allen ein christliches Verständnis und ins­besondere dem christlichen Adel deutscher Nation einen rech­ten, geistlichen Mut, für die arme Kirche das Beste zu tun. Amen.

WA 6, 404-469.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, Bd. 2: Glaube und Kirchenreform, bearbeitet von Helmar Junghans, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1983, 41-121.


[1] Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) war seit 1511 in Wittenberg Professor, be­freundete sich mit Luther, wurde 1524 Superintendent in Magdeburg, 1541 Bischof von Naumburg. Nachdem er dieses Amt infolge des Schmalkaldischen Krieges 1547 verloren hatte, wirkte er von Weimar. Magdeburg und seit 1552 von Eisenach aus für ein entschiedenes Luthertum.

[2] Kappe und roter Hahnenkamm galten als Narrenzeichen. Luthertrug als Mönch aber schon eine Kappe = Kutte und einen geschorenen Kamm = Tonsur.

[3] 23. Juni.

[4] Kaiser Karl V wurde 1500 geboren, 1519 zum Kaiser gewählt.

[5] Die Hohenstaufen Friedrich I. Barbarossa (um 1122, 1152-1190) und sein Enkel Friedrich H. (1194, 1212-1250). die von Päpsten gebannt wurden.

[6] Julius II. war von 1503 bis 1513 Papst und betrieb die Befreiung Italiens von Frankreich, wobei er sich nicht scheute, in eigener Person Kriegszüge an­zuführen.

[7] Richt. 20,21 werden 22000 genannt.

[8] Mit Öl gesalbte Priester.

[9] Augustin (354-430) wurde 396Bischof von Hippo Regius in Nordafrika.

[10] Ambrosius (339-397) wurde 374 zum Bischof von Mailand gewählt.

[11] Cyprian (200/210-258) wurde 248/249 Bischof von Karthago in Nordafrika und 258 Märtyrer während der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Valerianus.

[12] Nach dieser Vorstellung erhält der Priester mit der Weihe eine unzerstörbare Eigenschaft (character indelebilis), durch die er sich seiner geistlichen Qualität nach von einem Laien unterscheidet.

[13] Das Verbot, in einem bestimmten Gebiet kirchliche Handlungen auszuüben, außer Taufe. Firmung. Beichte und Abendmahl für Kranke und Sterbende.

[14] Papst Gregor der Große (590-604): Regula pastoralis 2,6 (PL 77,34).

[15] Lateinisches Wortspiel mit „concilium“ (Konzil) und „conciliabulum“ (eigentlich Gerichts-, Versammlungsort, aber auch Lasterhöhle).

[16] Konstantin der Große war römischer Kaiser von 306 bis 337, er stellte 313 durch die Mailänder Konstitution das Christentum den anderen Kulten gleich, so daß es nicht mehr verfolgt wurde, und berief 325 das erste ökumenische Konzil der Alten Kirche nach Nicäa in Bithynien in Kleinasien.

[17] Die Tiara mit drei Kronreifen, von Papst Paul VI. (1963-1978) symbolisch ab­gelegt.

[18] Der Michaelisberg in Bamberg mit dem 1015 gegründeten Benediktinerkloster.

[19] Würden = Dignitäten, das heißt das Amt des Propstes und Dechanten eines Domkapitels und die damit verbundenen Einkünfte.

[20] Die Krönung Karls V. zum deutschen Kaiser fand am 23 Oktober 1520 im Aachener Dom statt.

[21] Der Markgraf Albrecht von Brandenburg (1490-1545) wurde 1513 Erzbischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt. 1514 Erzbischof und Kurfürst von Mainz. 1518 Kardinal.

[22] Das Pallium war ein schmaler, langer, weißwollener Tuchstreifen, der mit schwarzen Kreuzen besetzt war und den der Papst den Erzbischöfen verlieh.

[23] Ein Lehen oder eine Pfründe ohne die Verpflichtung, das damit verbundene Amt auszuüben.

[24] Leiter der Datarie, die die meisten schriftlichen Entscheidungen des Papstes vorzubereiten hatte.

[25] Der Verkauf geistlicher Ämter, benannt nach dem Magier Simon, der von den Aposteln Petrus und Johannes die Gabe des Heiligen Geistes kaufen wollte (Apg. 8,18-24).

[26] 1522 beschränkte Luther mit „Welche Personen verboten sind zu ehelichen in der Heiligen Schrift“ (WA 10 II, 265 f.; Cl 2. 335 f.) die verbotenen Ehegrade auf die biblischen Verbote und stellte ausdrücklich gegen das geltende Kir­chenrecht fest, daß die Kinder von Geschwistern untereinander und Ver­witwete die Schwester bzw. den Bruder ihres verstorbenen Ehepartners heira­ten dürfen.

[27] Lateinisches Wortspiel, wobei zusammensetzen (compono) und zusammen¬gießen (confundo) mitklingen.

[28] Dieses einflußreiche Bankhaus finanzierte Unternehmungen des Papstes und des Kaisers, wodurch es großen Einfluß auf Kaiser- und Bischofswahlen sowie auf das Ablaßgeschäft gewann.

[29] Mit Butterbriefen gestattete der Papst den Genuß von Butter, Käse und Milch während der Fastenzeit. Mit Beichtbriefen gewährte er Privilegien im Zu­sammenhang mit der Beichte: vollkommenen Ablaß, freie Wahl des Beicht­vaters, Erteilung der Freisprechung von den Sünden auch in den den Bischöfen oder sogar dem Papst vorbehaltenen Fällen.

[30] Eine Entscheidung des Konzils von Toledo im Jahre 655. die als Canon 31 der quaestio 7 in der causa 16 des zweiten Teiles des Decretum Gratiani in das „Corpus iuris canonici“ aufgenommen wurde (Friedberg 1, 809).

[31] Der Primas ist ein Erzbischof, der über andere Erzbischöfe eine Vorrang­stellung einnimmt.

[32] Mittels der Exemption nahm der Papst Bistümer. Klöster oder auch Personen aus der gewöhnlichen Kirchenorganisation heraus und unterstellte sie sich direkt.

[33] Vorbehalt im Herzen, mit dessen Hilfe die Päpste rechtsgültige Wahlen zu­nichte machen und jemand anderes einsetzen konnten.

[34] Seit dem 12. Jh. wurde in der Form einer jeweils veränderten Bulle „In coena domini“ am Gründonnerstag eine allgemeine Verdammung von Ketzern verlesen, in die am 28. März 1521 auch Luther aufgenommen wurde.

[35] Das 5. Laterankonzil von 1512 bis 1517.

[36]  Die Bulle „Significasti“ des Papstes Paschalis II. (1099-1118) von 1102 fand Aufnahme in die Dekretalen Gregors IX. (liber 1 titulus 6 capitulus 4) und damit in das “Corpus iuris canonici” (Friedberg2, 49 f).

[37] Das Recht, Bischöfe und Äbte in ihr Amt einzuführen, was auch eine politische Seite hatte, da diese oft nicht nur ein geistliches Amt erhielten, sondern damit zugleich über ein bestimmtes Gebiet auch weltliche Herrschaftsrechte.

[38] Die Bulle „Solite“ des Papstes Innozenz III. (1198-1216) von 1199 fand Aufnahme in die Dekretalen Gregors IX. (liber 1 titulus 33 capitulus 6) und damit in das „Corpus iuris canonici“ (Friedberg 2, 196-198).

[39] In der „Resolutio Lutheriana super propositione sua decima tertia depotestate papae“ von 1519 (WA 2, 183-240).

[40] Siehe oben Seite 51.

[41] Die Dekretale „Pastoralis““ des Papstes Clemens V. (1305-1314) fand Aufnahme in die „Clementinae“ (liber 2 titulus 11 capitulus 2) und damit in das „Corpus iuris canonici“ (Friedberg 2, 1151-1153).

[42] Zur „Konstantinischen Schenkung“ siehe oben Seite 41.

[43] Das Jubeljahr, auch „Heiliges Jahr“, wurde 1300 von Bonifatius VIII. (1294 bis 1303) eingeführt. Es sollte alle hundert Jahre gefeiert werden. Diese Zeit wurde 1343 auf 50, 1389 auf 33 (Lebensalter Jesu) und 1470 auf 25 Jahre verkürzt. Es gewährte allen Rompilgern vollen Ablaß und brachte viel Geld nach Rom.

[44] Luther zählt die Verfasser der Ordensregeln für die großen Bettelorden auf: Franz von Assisi (1182-1226) für die Franziskaner, Dominikus (1170-1221) für die Dominikaner und Augustin (siehe oben Anm. 9) für die 1256 bestätig­ten Augustinereremiten.

[45] Hieronymus (um 345-420) zählte neben Ambrosius. Augustin und Gregor dem Großen zu den vier lateinischen Kirchenlehrern und genoß besonders durch seine Übersetzung der Bibel in das Lateinische (die Vulgata) und seine Kommentare zu biblischen Büchern hohes Ansehen. Die Gleichheit von Priester und Bischof stellte er z. B. in Commentarii in IV epistolas Paulinas, ad Titum 1,5 (PL 26. 562 f.) fest.

[46] Ordensgeistliche, die durch einen Verstoß gegen die Ordensregel von der Ordenszucht abgewichen sind.

[47] Siehe oben Anm. 13.

[48] „Ein Sermon von dem Bann“ erschien 1519 (WA 6, 63-75).

[49] Ottilia (um 660-720) war Äbtissin, nach der Legende blind geboren und durch die Taufe sehend geworden. Sie wurde mit einem Buch abgebildet, auf dem zwei Augen Hegen, und gilt als Helferin bei Augen-, Ohren- und Kopfschmer­zen. Der Ottiliatag ist der 13. Dezember.

80 Nach der Legende wurde Barbara von ihrem heidnischen Vater in einen Turm gesperrt (daher mit Turm dargestellt) und 306 als Christin hingerichtet. Sie zählt zu den vierzehn Nothelfern und gilt als Patronin der Bergleute, Artil­leristen, Architekten, Glöckner, Gießer und Köche sowie als Beschützerin vor Gewitter, Feuersnot, Fieber und Pest. Der Barbaratag ist der 4. Dezember.

61 Bad Wilsnack (Kreis Perleberg), seit 1384 stark besuchter Wallfahrtsort, da dort nach einem Kirchenbrand drei angeblich unversehrte und blutende Hostien gefunden und seitdem verehrt wurden.

[52] Sternberg (Kreisstadt im Bezirk Schwerin) wurde seit 1492 wegen angeblich blutender Hostien als Wallfahrtsort aufgesucht.

[53] In Trier wird ein Gewand aufbewahrt, das als der Leibrock Christi (Joh. 19,23 f.) gilt. Seit 1196 blieb er im Altar des Ostchores im Dom geborgen. Er wurde 1512 erstmals ausgestellt und sollte entsprechend einer Bulle Leos X. von 1515 alle sieben Jahre wieder ausgestellt werden.

[54] Auf der Flur von Obermaßfeld bei Meiningen stand ein wundertätiges Marien­bild. Nachdem sich der Würzburger Feldhauptmann Heinz Teufel von ihm aus Todesnot errettet fühlte, wurde 1498 für dieses Bild eine Kapelle errichtet, von 1499 bis 1507 eine große Kirche, deren Innenausstattung sich bis 1520 hin­zog. 1503 sollen 44000 Pilger Grimmenthal aufgesucht haben. Von dem ge­spendeten Geld wurde die Kirche gebaut, Priester unterhalten, Brücken errich­tet und Darlehen gegeben.

[55] Im Jahre 1519 wurden die Juden aus Regensburg vertrieben. Ihre Synagoge wurde abgerissen, an ihrer Stelle eine Marienkapelle errichtet, die rasch zum Wallfahrtsort aufstieg.

[56] Die Erhebung eines Heiligen fand statt, wenn seine Gebeine ausgegraben, in kostbare Behälter getan und so ausgestellt verehrt wurden. Eine solche Er­hebung erfolgte z. B. im Meißner Dom am 16. Juni 1524 mit den Gebeinen des Meißner Bischofs Benno (1066-1106). Wenn auch so eine Erhebung im engeren Sinn mitgedacht wird, ist mit „erheben“ hier zugleich der gesamte Prozeß der Heiligsprechung gemeint.

[57] Antoninus von Florenz (1389-1459) führte Reformen im Dominikanerorden durch. Er wurde am 31. Mai 1523 heiliggesprochen.

[58] Um den schlechten Tausch zu veranschaulichen, auf den jemand eingeht, der sich päpstliche Privilegien erwirbt, zählt Luther die Teile der Urkunden auf: Blei (manche Bullen hatten Bleisiegel an Seidenfäden), Fell (Pergament, auf dem geschrieben wurde), Schnur (Hanfschnur, an der Siegel hingen), Wachs (Wachssiegel), Worte und Buchstaben (der geschriebene Text).

[59] Umherziehende Ordensleute, die Ablaß anboten.

[60] Vollmachten für Beichtväter, päpstliche Legaten und Nuntien zum Verkauf von Gnaden. Titeln, Dispensen und Sonderrechten.

[61] Das Konstanzer Konzil entschied am 23. September 1415, daß ein einem Ketzer zugesichertes Geleit nicht gehalten werden müßte. Johann Huß wurde am 6. Juli 1415 verbrannt. Hieronymus von Prag bekannte sich zu Huß und wurde am 30. Mai 1416 verbrannt. Gegen die zu Luthers Zeit verbreitete An­sicht war er ohne Zusage eines sicheren Geleites nach Konstanz gekommen.

[62] Am 10. Dezember 1508 schlossen Papst Julius II., Kaiser Maximilian und der König von Frankreich, Ludwig XII., in Cambrai eine Liga gegen Venedig. Julius H. wandte sich aber bereits 1510 wieder gegen Frankreich.

[63] Siehe oben Anm. 11.

[64] Thomas von Aquino (1225-1274) und Johannes Duns Scotus (um 1270 bis 1308) begründeten die scholastischen Schulen der Thomisten und Scotisten.

[65] Die Werke des Römers Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) wurden von den Humanisten als Vorbild für eine gute lateinische Rede studiert.

[66] Grundsätzlich päpstliche Schreiben mitbindenden Entscheidungen, besonders aber Rechtsentscheidungen und Rechtsfestsetzungen des 12. bis 14. Jh.

[67] Nach einer Äußerung des Papstes Bonifatius VIII. (1294-1303) von 1301 hat der Papst das gesamte Becht im Schrein des Herzens: vgl. oben Seite 68 die pectoralis reservatio.

[68] Siehe oben Seite 36, Anm. 7.

[69] Durch Papst Leo III. (795-816). der Kaiser Karl den Großen (742, 768-814) am 25. Dezember 800 in Rom krönte.

[70] 1. Kön. 1,38 f., der salbende war allerdings der Priester Zadok, Nathan aber an dem Vorgang beteiligt.

[71] Gewürze. Konfekt oder auch allgemein Luxusartikel.

[72] Siehe oben Anm. 28.

[73] Ein Wortspiel, dessen Sinn ist „sich austoben, obwohl sie sich vielmehr hineinreiten“.

[74] Luther kündigt damit seine Schrift ,,De captivitate Babyionica ecclesiae praeludium“ an (WA 6, 497-573: Cl 1, 426-512; StA 2, 172-259), in der er die Sakramentenlehre der römischen Kirche angriff.

Hier der Text als pdf.

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